zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

Die neuesten Kommentare


Zur vorherigen / nächsten Nachricht

Zu den Kommentaren zu dieser Nachricht | einen Kommentar dazu schreiben


07.03.2006
 

Spiegel online
Springer kehrt zur reformierten Rechtschreibung zurück

»Der Axel-Springer-Verlag will die vor zwei Jahren aus Protest gegen die Reform eingeführte alte Rechtschreibung wieder aufgeben.

Nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz am vergangenen Donnerstag will sich das Medienhaus einer einheitlichen Orthographie nicht verschließen.
[...] Das Unternehmen äußerte aber zugleich sein Bedauern, dass die Rechtschreibreform alles andere als ein überzeugendes Ergebnis vorzuweisen habe. Eine Einheitlichkeit existiert mit reformierter Rechtschreibung nicht mehr. Der Verlag werde nach Umstellung auf reformkonforme Schreibung bei Schreibweisen mit mehreren Optionen weitestgehend die klassische Rechtschreibung anwenden.«

Lesen Sie die vollständige Meldung hier.



Diesen Beitrag drucken.


Kommentare zu »Springer kehrt zur reformierten Rechtschreibung zurück«
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von Augias, verfaßt am 08.06.2006 um 10.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#4193

Rudis Frau Gretchen Klotz schrieb:

»Rudi wollte die Unterwürfigkeit als Persönlichkeitsmerkmal einer deutschen Identität abschaffen. […] Er kämpfte für ein antiautoritäres, demokratisches, vereintes Deutschland in einer antiautoritären, demokratischen und sozialistischen Welt.«

Nun haben wir aber bereits die Unterwürfigkeit als Persönlichkeitsmerkmal einer deutschen Identität als fruchtbares Bodensubstrat der Rechtschreibreform ausgemacht. Dutschke wollte dieses Substrat abschaffen. Gegen Dutschke hat Bild solange gehetzt, bis es knallte.

Heute verrät Bild all jene, die das Aufblühen der Rechtschreibreform auf dem Humus der Unterwürfigkeit als Persönlichkeitsmerkmal einer deutschen Identität zu vereiteln suchen.

Hier keinen Zusammenhang zu sehen, ist schon ein großes Kunststück gewollten Blindseins.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.06.2006 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#4192

Das Attentat auf Rudi Dutschke ist das schlagende (eigentlich schießende) Gegenbeispiel, daß BILD die Deutschen dann sehr zornig machen kann, wenn es gegen Leute geht, die gegen die übermächtige Staatsmacht protestieren. Der "normale" Deutsche scheint die Freiheit als ein Übel zu fürchten.


Kommentar von Augias, verfaßt am 08.06.2006 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#4190

Bild konnte die Deutschen einst so zornig machen, daß daraufhin jemand (und zwar der Hilfsarbeiter Josef Bachmann) den Rudi Dutschke abgeknallt hat.

Die Bild-Zeitung hatte Tage zuvor zum „Ergreifen“ der „Rädelsführer“ aufgerufen.

Soviel nur zum Thema "Bild macht die Deutschen nicht mehr zornig", und bitte lassen Sie diesen Beitrag stehen.


Kommentar von H. J., verfaßt am 07.06.2006 um 23.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#4189

„Die Deutschen haben uns bei dem Thema allein gelassen... Wir waren nicht in der Lage, die Deutschen so zornig zu machen, dass etwas passiert wäre." (Dieckmann) Ist das nicht das Geheimnis des Erfolgs der Rechtschreibreform? Wenn die Zeitungen jetzt klein beigeben, haben die Reformbetreiber ihr Schäfchen im trockenen. Es sei denn, es geschieht ein Wunder, z. B. ein unbefristeter Streik aller Hochschulgermanisten. Wird es aber Eindruck machen, wenn sie den Tollpatsch mit zwei "ll", das Känguru (ohne h) und andere Gräuel symbolisch zu Grabe tragen?


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 07.06.2006 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#4188

Ich weiß nicht, was Diekmann wirklich gemeint hat, aber wenn die Bildzeitung die Deutschen nicht zornig hätte machen können, wäre das ja nicht so unerfreulich. Leider ist es aber nicht so. Im Stich gelassen wurde Döpfner von Aust, Rutz und Kilz. (Chefredakteure, die den Mund spitzten, aber nicht pfiffen.)


Kommentar von Süddeutsche Zeitung Online, 07.06.2006, verfaßt am 07.06.2006 um 20.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#4187

(...) Zum Ende meldete sich eine ältere Dame: Sie sei „sehr zornig auf den Springer-Konzern“, da der beim Kampf gegen die Rechtschreibreform eingeknickt sei. Dabei habe sie sich so gefreut, als in Bild gegen die „Schlechtschreibreform“ polemisiert wurde und der Redaktion geschrieben. Diekmann stockte kurz. Dann sagte er: „Die Deutschen haben uns bei dem Thema allein gelassen.“

Und, weil das womöglich nach Leserbeschimpfung klingt: „Wir waren nicht in der Lage, die Deutschen so zornig zu machen, dass etwas passiert wäre.“

(www.sueddeutsche.de)


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 19.04.2006 um 11.20 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3950

Bürger schreiben an Dr. Döpfner und erhalten eine Antwort:

Axel Springer AG • Information und Öffentlichkeitsarbert • 10888 Berlin

12. April 2006


Sehr geehrte Frau Djalili,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 25. März 2006, das wir gerne beantworten möchten.

Die Axel Springer AG hat am 7. März dieses Jahres angekündigt, eine reformkonforme Rechtschreibung in ihren Publikationen spätestens zum 1. August 2006 umzusetzen.

Dieser Entscheidung des Unternehmens ging eine intensive Debatte öffentlicher und institutioneller Meinungs- und Entscheidungsträger voraus, die die Axel Springer AG begleitet und mitgestaltet hat. Denn als Verlagshaus kann uns die Schreib- und Lesefähigkeit und damit die Sprachfähigkeit in unserem Land nicht gleichgültig sein. Immer wieder haben wir an die Vernunft der Politik und der Reformer appelliert, eine Korrektur der durch kultusbürokratische Überregulierung verursachten Fehlentwicklung vorzunehmen. Mit der Arbeit des Rats für deutsche Rechtschreibung wurde nun mindestens der gröbste Reform-Unfug beseitigt.

Entscheidend ist jedoch, daß trotz allen Protestes eines nicht erreicht werden konnte, ein Bekenntnis der Politik zur Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung auf der Grundlage der bewährten klassischen Rechtschreibung. Die mit Wirkung zum 1. August dieses Jahres von den Kultusministern beschlossene Verbindlichkeit der reformierten Rechtschreibung ist nach Aussagen der Politik der Staatsräson geschuldet. Damit steht die staatlich verordnete Reform unumkehrbar fest und die Axel Springer AG hat keine an dere Möglichkeit, als dieser Reform zu folgen: Wir können langfristig nicht anders schreiben, als es Kinder in der Schule lernen.

Die Axel Springer AG hat stets betont, daß sie sich Reformansätzen gegenüber nicht grundsätzlich verschließe, da eine am Sprachgebrauch orientierte Festlegung der Schreibweise auch in der Vergangenheit zu teilweise sehr grundlegenden Änderungen der Schreibung geführt hat. Bei der Gestaltung seiner zukünftig reformkonformen Schreibweise wird die Axel Springer AG nun berücksichtigen, welche Reformschreibungen sich aufgrund langjähriger Einwirkung der Reform bereits durchgesetzt haben. Wir werden uns dabei eng mit Institutionen abstimmen, die prägend für die Dokumentation und Verbreitung der geschriebenen deutschen Sprache sind.

Wie in der Vergangenheit werden alle unsere weiteren Schritte in Bezug auf die Rechtschreibung von der Einsicht gelenkt sein, daß es nur in einem von der Vernunft geprägten Konsens möglich ist, die Einheitlichkeit des Schriftgebrauchs der deutschen Sprache - auch mit der Reform - wiederherzustellen.

Mit freundlichen Grüßen Axel Springer AG

Edda Fels
Leiterin Unternehmenskommunikation




Kommentar von Holger Jürgenliemk, verfaßt am 10.04.2006 um 23.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3914

Als professioneller Gestalter, der noch dazu tagtäglich mit der „Schwarzen Kunst" zu tun hat, empfinde ich es als Unding, daß es ein „demokratischer" Staat wagt, in den Themenkreis Schrift und Sprache einzugreifen. Wo liegt seine Legitimation, dies zu tun? Wer hat ihn beauftragt in diesem Bereich unsere Steuergelder zu verschwenden? Gehören Rechtschreibmanipulationen zum Staatsauftrag? Ist die Schrift und Sprache nicht unantastbares Eigentum des deutschen Volkes – sich selbst immer wieder neu findend und reibend?

Die Politiker in diesem Lande wissen, daß sie den längeren Atem gegenüber den Menschen hierzulande haben, die 1995/96 von den „Reformern" aufgeschreckt wurden. Wir alle müssen rasch zu unserem Broterwerb, zu den Familien zurück, haben im hektischen Alltag wenig Zeit für scheinbare „Nebenkriegsschauplätzen". Wer schon länger diesen Planeten genießen darf, merkt immer stärker, wie einem die Staatsgewalt mehr und mehr den Atem des freien Lebens abschnürt. Mich erinnert das Vorgehen in Sachen Rechtschreibung ein ganz klein wenig an Georg Orwells berühmten Roman. Auch dort wird den Menschen die Sprache im Sinne einer manipulierenden Staatsmacht diktiert.

Das Volk, so wissen die Politiker waren gegen die neue Schlechtschreibung. Doch als geborene „Sesselpfurzer" (ein Wort aus der Druckersprache, nichts ungebührliches), die Volkes Zorn aussitzen und warten, und warten, bis alles müde und mürbe jeden Widerstand aufgibt, ist ihnen bekannt, daß man dem deutschen Michel sogar die Zähne einschlagen kann, ohne daß dieser sich rührt.

Ich werden mein Leben lang die bewährte Rechtschreibung beibehalten. Ebenso wie ich m ich nicht davon abhalten lasse, sprichwörtlich und tatsächlich „Fraktur zu schreiben".

Apropos Fraktur: Ein weiterer unsäglicher Punkt in der Kulturgeschichte der BRD!


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2006 um 09.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3799

Einheit im Schlechten ist sicher nicht erstrebenswert.
Im übrigen sind die Eigenmächtigkeiten einzelner Schriftsteller, die oft (wie Reiner Kunze sehr schön erklärt hat) ihren guten Sinn haben, natürlich kein Einwand. Für die Normierung kommt ohnehin nur die ganz normale Sachprosa in Frage. In diesem Bereich war die deutsche Orthographie sehr einheitlich (im Rahmen des sinnvollerweise Erwartbaren). Und sie war auch zugleich richtig und gut, also grammatisch korrekt und leserfreundlich.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 03.04.2006 um 22.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3798

Lassen wir Springer. Döpfner hat eine persönliche Niederlage erlitten. Doch ist er bisher derjenige, der am meisten persönliches Prestige für eine ordentliche Rechtschreibung eingebracht hat. Seine Mitstreiter Aust, Kilz und Rutz haben ihn jedenfalls schmählich hängengelassen.

Gibt es Neues von der FAZ?


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 03.04.2006 um 22.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3797

Kein "Rückkehrer", kein Mitmacher hat je die reformierte Schreibung als die bessere bezeichnet - wenn, dann nur aus Unkenntnis. Das braucht man nicht zu beweisen, ein Blick auf die vielen Reparaturversuche genügt. Zuletzt wurde als Gewinn die angeblich wiedergewonnene Einheitlichkeit ins Feld geführt. Auch das war irreführend. Einheitlich ist allenfalls demnächst wieder die an den Schulen unterrichtete Rechtschreibung (falls die Lehrer klarkommen). Die praktizierte Orthographie aber ist uneinheitlicher denn je in den letzten 100 Jahren. Das liegt nicht an den verschiedenen Generationen, die da schreiben. Es liegt an der miserablen Qualität der Neuregelung. Lesen Sie nach, Herr Kunze-Obsieger, wie Springer seine Rückkehr begründet! (Wir wollen schreiben wie die Schüler).


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 03.04.2006 um 21.58 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3796

Wenn die neue Rechtschreibung eine tatsächlich einheitliche wäre und erfolgreich praktiziert werden könnte und würde, dann wäre die Entscheidung des Springer Verlags, diese ebenfalls zu pflegen, sicherlich vernünftig.
Aber so ist das ja gar nicht! Der Springer Verlag hätte sich Zeit lassen sollen. Er hätte weiterhin Druck ausüben sollen auf die staatlichen Stellen, die ja immerhin bereit waren, Reformfehler korrigieren zu lassen, und darauf dringen, daß nicht nur der »gröbste Reformunfug« beseitigt würde, sondern jeglicher Unfug. Was dann von der Reformschreibung übriggeblieben wäre, mag dahingestellt bleiben.
Jetzt jedenfalls haben wir eine Rechtschreibung, von denen selbst die Politiker, die es mit dem Ethos ihrer Verantwortung seltsamerweise in Einklang bringen, sie für den Unterricht an den Schulen und die Praxis in der Öffentlichkeit für »verbindlich« zu erklären, eine denkbar schlechte Meinung haben, von der der Vorsitzende des Rats selbst sagt, sie sei »für die Sprache vielleicht nicht das Beste«, mit der Ministerpräsident Rüttgers nur »halbwegs zufrieden« (also nicht zufrieden) ist, und die Ministerpräsident Wulff so kommentiert, es sei »viel Chaos«, ja »ein einziges Fiasko« angerichtet worden. Und mit der kein Politiker jemals mehr etwas zu tun haben möchte, so peinlich ist ihnen das verkorkste Thema inzwischen allen. Die Sanktionierung einer solchen Orthographie soll die Vernunftlösung sein?
Mag die »herkömmliche« Rechtschreibung tatsächlich so »bewährt« gar nicht gewesen sein: ein so miserables Zeugnis wurde ihr auch von ihren Kritikern niemals ausgestellt. Ihre jetzt so gerne in die Diskussion gebrachten Schwächen jedenfalls (auf die ohne Herrn Ickler mein Vorredner wohl niemals gekommen wäre) wurden in über hundert Jahren allenfalls von wenigen Spezialisten bemerkt. Von der Bürokraft bis zum Schriftsteller konnte jeder für den jeweiligen Bedarf damit sehr gut zurechtkommen, und öffentliche Debatten über das Thema Rechtschreibung haben wir erst, seit sie reformiert werden sollte, und zwar seit nunmehr über zehn Jahren! Eine »einheitliche« Rechtschreibung werden wir für unabsehbare Zeit nicht mehr haben, da helfen auch Zugeständnisse von Springer oder anderen gar nichts.
Vielmehr scheinen jetzt die Geier aus ihren Löchern zu kriechen oder von ihren Telephonleitungen herunterzuflattern. Die weiterhin unvermeidlichen Reparaturarbeiten rufen plötzlich Spezialisten auf den Plan, die der Zerstörung bisher tatenlos zugeschaut oder sie sogar noch mit Bravorufen gefördert haben. So etwas kennt man an unfallträchtigen Autobahnstrecken. Da blüht das Geschäft der Abschleppdienste und »Unfallinstandsetzungen«. Versuche der Unfallverhinderung, etwa durch ein Tempolimit, wären da ja geradezu blödsinnig.


Kommentar von Benno Kunze-Obsieger, verfaßt am 03.04.2006 um 21.08 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3795

Endlich kehrt der Springer-Verlag wieder zu der reformierten Schreibung zurück. Das ist keine Frage des fehlenden Rückgrates,wie manche meinen, sondern eine Frage der Vernunft. Es ist nämlich vernünftig, alles zu tun, damit in Deutschland wieder eine einheitliche Rechtschreibung praktiziert wird, damit wir beim Gebrauch von Katalogen, Wörterbüchern und Lexika nicht lange suchen müssen und beim Lesen von Büchern den Text leichter verstehen. Wer glaubt, sein Heil in der alten Rechtschreibung vor 1996 finden zu können, der sollte nicht nur die Kritik von Prof. Ickler an der alten Duden-Rechtschreibung in seinem Buch "Richtig oder falsch" lesen, sondern auch daran denken, dass vor 1996 eine Reihe von Schriftstellern durchaus nicht mit der damaligen Rechtschreibung zufrieden waren, sondern deren Regeln bewusst verletzt haben. Die damalige Rechtschreibung "klassisch" oder "bewährt" zu nennen, ist deshalb ein Griff in die Klamottenkiste der Propaganda und Volksverdummung.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 17.03.2006 um 23.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3573

Döpfner: „Der Ansatz war völlig richtig. Wir haben aber die politische Wirkung unterschätzt. Das war naiv. Denn sofort begannen die Angriffe, ein Kartell habe sich Rechte angemaßt, was allein dem Parlament und dem Gesetzgeber zustehe.“

Anscheinend haben die Intellektuellen, auf die es jetzt ankommt (bzw. angekommen wäre), von dem, worauf es ankommt, nicht genügend (bis gar keine) Ahnung (siehe auch die Äußerungen des „Zeit“-Chefredakteurs, di Lorenzo: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=428#2752).


Kommentar von Jens Stock, verfaßt am 09.03.2006 um 19.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3456

Nun ja, die meisten Leute nehmen halt, was kommt (leider) ...


Kommentar von Bardioc, verfaßt am 09.03.2006 um 12.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3443

Wenn die Leute Zeitungen, Bücher, etc. trotz Reformschriebs kaufen, dann sind sie ja selbst Schuld daran, daß Ihre Kundenwünsche mißachtet werden.


Kommentar von jms, verfaßt am 09.03.2006 um 11.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3442

Hört, hört. Die Nachrichtenagenturen wollen ihre Entscheidung von einer Kundenbefragung, also der Zeitugsverlage, abhängig machen, schreibt die Berliner Umschau. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Daß die Zeitungen wiederum ihre Kunden, nämlich die Leser, niemals gefragt hatten, bevor sie den ganzen Unsinn mitgemacht haben, und auch jetzt nicht daran denken, ist dagegen typisch. Die "Rechtschreibreform" ist auch ein Beispiel für die Mißachtung von Kundenwünschen in diesem Land.


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 09.03.2006 um 10.35 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3438

Den "Reform"-Politikern sei die "Freude an der Reform abhanden gekommen", liest man häufig, es handele sich um "Rückzugsgefechte" etc. In solchen Äußerungen schimmert die Hoffnung durch, die Rechtschreibung werde bald wieder freigegeben, auf daß das Volk sie sich wieder aneignen könne. Ich will einmal etwas zum Selbstverständnis der Politik äußern:

Wer schon einmal politisch involviert war – und sei es in den Niederungen der Kommunalpolitik –, der weiß, wie dort gedacht und gehandelt wird: Das oberste Gebot, wie es sich dem Beobachter vielfach darstellt, ist: Dem Gegner keine "Schnitte", seine Anträge sind von vornherein schlecht und abzulehnen, vor allem, wenn er in der Opposition und Minderheit ist. Nehmen wir einen Stadtrat oder eine Bezirksvertretung – in einer Fraktion kann man hier grundsätzlich zwei Gruppen ausmachen:
a) die Mehrheit jener, die vor allem aus Prestigegründen ein Mandat angestrebt und angenommen haben und ihre Hand immer dann heben, wenn der Fraktionsvorsitzende das Signal dazu gibt. Nicht daß diese Menschen übermäßig viel von den Anträgen der Opposition oder eigenen Fraktion verstünden – der (verbale) Kampf gegen den politischen Gegner ist "Ehrensache" und stärkt das Gemeinschaftsgefühl.
b) die Gruppe derer, die ein ernsthaftes wirtschaftliches, politisches etc. Interesse haben: Architekten und andere Unternehmer, Verbandsvertreter, politische Karrieristen etc.; auch der Fraktionsführer gehört in der Regel dieser Gruppe an. Anträgen des politischen Gegners stimmt sie nur im Notfall zu: Nicht daß sie seine Ziele grundsätzlich ablehnte – es geht darum, ihn (wenn möglich) seine Ohnmacht spüren zu lassen und/oder seine eigene Macht in der Öffentlichkeit und vor sich selbst zu behaupten. Die unredigierte Übernahme eines gegnerischen Antrages wird schnell als Schwäche interpretiert und ist daher zu vermeiden; man muß zumindest seine Duftnote hinterlassen, ihm am besten aber einen eigenen Antrag entgegenstellen.

Kommen wir zur „Rechtschreibreform“ und zu den Kultusministern und Ministerpräsidenten, den Kultusbürokraten, Abgeordneten und (weiteren) Mitläufern: Auch hier gibt es wieder zwei Gruppen:
a) die Mehrheit jeder, die die deutsche Sprache zwar für schützenswert halten, aber auch viele Themen kennen, die unter „Wichtigeres“ fallen; man hat sich schließlich nicht wegen der Rechtschreibung in den Landtag, Bundestag etc. wählen lassen. Nicht daß diese Menschen übermäßig viel Ahnung von Sprache und Rechtschreibung hätten, aber das wird auch gar nicht als Mangel empfunden; die einen halten die Reform für eine soziale Errungenschaft für die Unterklasse, die anderen für eine kulturpolitische Schande, aber im Streitfalle übt man halt Partei- und Fraktionsdisziplin bzw. vermeidet es, sich zu weit „aus dem Fenster zu lehnen“.
b) die Gruppe der Politiker, die ein kulturpolitisches Anliegen haben und in „Verantwortung“ stehen: Nicht daß diese Menschen die Diskussion um die deutsche Rechtschreibung nicht verfolgt und keine Ahnung von den schweren Mängeln der „Reform“ hätten – viele wären tatsächlich froh, wenn es die Reform nie gegeben bzw. wenn sie frühzeitig aufgegeben oder von einem Gericht kassiert worden wäre, aber es geht um etwas anderes: um Macht. Teilweise geht es um persönliche Macht: um das eigene Standing in der jeweiligen Peer-Group (etwa KMK) und die weitere Karriere; meist geht es um die Behauptung der Macht der Partei und Fraktion und, noch allgemeiner und wohl noch wichtiger, die Macht schlechthin, die Macht des Staates über den Menschen – also auch über seine Sprache.

Natürlich möchten solche Politiker den Rechtschreibstreit am liebsten los sein und ihre Ruhe haben, aber sicherlich nicht um den Preis des Machtverlustes: Es geht um unbeschwerte Machtausübung, man verordnet den „Rechtschreibfrieden“, auf daß die Untertanen endlich Ruhe geben. Wenn die Macht sicher ist, dürfen gerne die unteren Ränge das weitere Schicksal der Sprache lenken – solange sie die Macht nicht angreifen. Der Primat der Macht ist in einer hierarchischen Gesellschaft im übrigen auch in privaten bzw. privatwirtschaftlichen Kreisen zu studieren – siehe Springer.

Die Qualität und Reichweite des sprachnormierenden staatlichen Eingriffs spielen in diesem Zusammenhang keine Rolle, was erklärt, warum sprachwissenschaftliche Erkenntnisse und Argumente so wenig Einfluß haben: Politik und Bürokratie würden exakt genauso handeln, wenn die Reform bestimmte, daß statt „ss“ immer nur „ß“ zu schreiben sei ...


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 09.03.2006 um 10.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3437

Bedingter Reflex

Ist Ihnen schon aufgefallen, daß Sie nie das Wort "Rechtschreibreform" gebrauchen können, ohne auf dem Gesicht Ihres Gegenübers ein Grinsen zu erzeugen?


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 09.03.2006 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3436

Als Gegner weiß ich nicht, was ich mir im Augenblick mehr wünschen soll: Eine Selbstauflösung des für die KMK nun wertlosen Rates, die seine ganze erbärmliche Rolle in diesem Possenspiel noch einmal so recht deutlich machen würde; oder einen Rat in neuer Zusammensetzung, der noch etwas zum Guten bewirken könnte. (Kleines Dessin am Rande: ich hatte eben gerade "wehrlosen" geschrieben...)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.03.2006 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3435

Zum Stichwort "Konsens", das der Axel Springer Verlag zur Rechtfertigung seines Nachgebens heranzieht: Der Konsens besteht einerseits darin, daß der eigens zu diesem Zweck eingerichtete und entsprechend besetzte Rat sich hundertprozentig einig ist, die revidierte Reform durchzusetzen, anderseits darin, daß über 90 Prozent der Bevölkerung (unter Gebildeten noch mehr) sich darin einig sind, die Reform abzulehnen. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen. "Die Presse in diesem Land ist eine Katastrophe." (Rafik Schami)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.03.2006 um 09.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3434

Die Diagnose von der Entmachtung des Rates ist richtig, bedarf aber der Ergänzung. Der Rat hatte nie Macht, er war auch nur als Marionettentheater erfunden worden (u. a. von Karin Wolff, die daraus ja auch kein Hehl machte). Als der Rat anfing, sich ein wenig selbständig zu machen (ich zählte damals dreizehn Mitglieder, die einer vernünftigen Argumentation zugänglich schienen; deshalb trat ich selbst dann ein), geriet die KMK in Panik und errichtete die bekannte Mauer. Ob Zehetmair es nun ehrlich gemeint hatte (wie ich immer noch glaube, wobei ich ihm gerade seine freilich sträfliche Unwissenheit zugute halte) oder ob das Ganze auch seinerseits nur ein Theater war - mit seiner tatkräftigen Hilfe beim Einknicken wurde dann die Terminplanung der KMK übernommen, und damit war es, kurz nach der gerade noch mühsam gelungenen Einsetzung einer nur halb arbeitsfähigen AG GKS, erst einmal wieder aus. Die jüngste Entwicklung (nicht vom Rat verfaßter Bericht mit Handreichung, nicht vom Rat verfaßtes oder gebilligtes Wörterverzeichnis) entmachtet den Rat also nicht eigentlich, sondern macht ihm klar, was für eine lächerliche Veranstaltung das Ganze von Anfang an war. Erstaunlich ist, daß kein einziges Ratsmitglied nach dieser Demütigung die Konsequenz zieht und sich für die Septembersitzung und alle weiteren Zumutungen abmeldet. Vielleicht tut sich ja noch etwas, wenn die kritischeren Mitglieder erst einmal wahrgenommen haben, was ihnen da serviert worden ist.


Kommentar von Berliner Umschau, verfaßt am 08.03.2006 um 22.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3432

Springer schreibt wieder falsch
Verlag kündigt Übernahme der neuen neuen "Rechtschreibung" an

Von Martin Müller-Mertens

Nun kehrt der Axel-Springer-Verlag also zur neuen "Rechtschreibung" zurück. Besser gesagt: er übernimmt ab Sommer deren aktuelle Variante, will jedoch bei optionalen Schreibweisen an den bewährten Varianten festhalten. Der "Spiegel" hat bereits umgesetzt, was die Kultusminister für Schule und Amt festgelegt haben, die "Frankfurter Allgemeine" bleibt bei ihrer Linie.

So wirklich hatten viele das Springer-Engagement von 2004 ohnehin nicht abgenommen. Es wirkte wie eine Mischung aus Prestige-Widerstand und PR-Aktion. Vielleicht war es mehr, auf jeden Fall scheint es demnächst vorbei zu sein. Man bedaure, "daß die Rechtschreibreform alles andere als ein überzeugendes Ergebnis vorzuweisen hat", eine Einheitlichkeit der Schriftsprache nun nicht mehr existiere, wolle sich aber dem Konsens nicht in den Weg stellen.

Angedeutet wurde diese Entwicklung bereits bei der Übergabe der Empfehlungen durch den Rechtschreibrat vor gut zwei Wochen. Seinerzeit erklärte der Ratsvorsitzende Hans Zehetmeier, man sei mit den wichtigsten deutschen Medien, die die Reformen bislang nicht umgesetzt haben, im Gespräch und dabei recht zuversichtlich. Es mag sein, daß Springer sein Einknicken bereits angedeutet, gleichzeitig jedoch gebeten hatte, es zu einem selbst gewählten Termin zu veröffentlichen.

Richtiger wird die neue "Rechtschreibung" mit dem Beschluß des Verlages nicht, jedoch zweifelsohne mächtiger. Ihre Befürworter, die inzwischen offen auf einen langfristigen Gewöhnungseffekt bei zwischenzeitlicher Preisgabe der Schrifteinheit setzen, werden sich bestätigt fühlen. Ob sie sich durchsetzen, daran kann gegenwärtig gezweifelt werden. Nicht so sehr, weil die Mehrheit diszipliniert an den richtigen Regeln festhält. Eher wird sich der Hang zur Privatorthographie weiter verstärken.

Die FAZ hat ihrerseits angekündigt, bei den bewährten Regeln zu bleiben. Viele andere Medien sowieso. Die Agenturen wollen ihre Entscheidung von einer Kundenbefragung abhängig machen. Etwas anderes, als die Übernahme der Kultusminister-Vorschläge dürfte aber kaum dabei herauskommen. Immerhin war es die Umstellung der Agenturtexte, die die Mehrzahl der deutschen Zeitungen ihrerseits zur Übernahme der "Rechtschreibung" veranlaßt hatte.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.03.2006 um 12.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3407

Mit der Zulassung von Wörterlisten, die vom Dudenverlag und Frau Güthert vom IDS ohne irgendeine nachfolgende Genehmigung des Rats für Rechtschreibung erstellt worden sind, hat die KMK den "Rat" entmachtet und die zukünftige Vorgehensweise offengelegt. Eigentlich ist das Dudenmonopol wiederhergestellt worden. Das Geschäft besteht darin, alle paar Jahre neue Wörterlisten in den Duden zu schreiben.


Kommentar von David Weiers, verfaßt am 08.03.2006 um 11.54 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3406

Also dagegen, daß es sich biologisch erledigt, kann man was tun! Namentlich die normale Rechtschreibung muß nicht aussterben, das ist doch unnötiger Pessimismus. Sie wird sich im Gegenteil besser halten können, weil sie eben einheitlich ist. Zumindest um einiges einheitlicher als jede Reformschreibung. Und das deutlich zu machen, gerade Kindern, gerade Schülern – gut, das kommt jetzt auf einen als Aufgabe zu, aber die Erkenntnis wird auch so oder so vor den aufgeweckteren Zeitgenossen nicht haltmachen. Es sei denn, der Staat schreibt auch noch das Denken vor. Aber solange George Orwell nocht nicht verboten ist, bleiben da genügend Möglichkeiten zum Ansatz für die Einsicht.

Außerdem kann das alles nicht mehr nichtöffentlich bleiben, dafür sind viel zu viele Wellen gemacht worden. Ich glaube, daß viele in der kommenden Zeit erst begreifen werden, was das alles für ein hanebüchender Unsinn ist und wie sehr sie an der Nase herumgeführt werden. Denn letztlich schadet die Reformiererei denjenigen, denen sie Nutzen bringen sollte: den Schülern. Und die sehen das mittlerweile auch zum Teil selber so. Denn es bringt niemandem etwas, nicht richtig schreiben zu können, wenn gerade König Wirtschaft sich keine Analphabeten leisten kann und will.

Man muß nur den längeren Atem haben, Herr Kreuter und Herr Gerdes, dann kann man so einiges reißen. Und ich für meinen Teil kann sehr tief Luft holen.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 08.03.2006 um 11.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3403

Martin Gerdes hat vermutlich recht. Die Reformer werden ihre Taktik ändern, nachdem die entscheidende Bresche geschlagen ist.


Kommentar von Karl-Erich Kreuter, verfaßt am 08.03.2006 um 11.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3402

Martin Gerdes: Ich rechne damit, daß nach den Schlussstrichausgaben der Wörterbücher diesen Sommer der übliche Turnus von etwa vier Jahren wieder aufgenommen werden wird. Ohne jeden Zweifel ist der nächste Reformschub mit der nächsten Auflage zu erwarten, ohne jegliche öffentliche Kontrolle, ohne jegliche öffentliche Diskussion. In der nächsten Auflage der Wörterbücher werden die Doppelformen deutlich gemindert sein, wenn nicht gleich all "noch zulässigen" Formen gestrichen sein werden, also alle "-graphen" weg zugunsten der "-grafen", "selbständig" weg, "Delphin" weg usw.

Wir stehen erst am Anfang der Reform.


Genau so sehe ich das auch. Die Reform von 1996, die einzuführen an einem Stück gescheitert ist, wird uns nun häppchenweise serviert werden. Und niemand wird sich mehr aufregen. Der verbliebene Rest an Widerstand erledigt sich biologisch.


Kommentar von David Weiers, verfaßt am 08.03.2006 um 11.23 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3400

Wir stehen erst am Anfang der Reform.

Glaube ich nicht. Es sei denn, das Wörtchen "Reform" wird mal ernst genommen. Denn meiner Ansicht nach wird es langsam immer weiter wieder zurückgehen. Und die SS, pardon: das ss wird über kurz oder lang auch wieder verschwinden. Spätestens dann, wenn die ersten Eltern per Gerichtsbeschluß darüber verfügt haben, daß ihr Kind in der Schule nicht in puncto Rechtschreibung unterrichtet werden darf. (Also ich würde so etwas spätestens jetzt versuchen.)
Außerdem sind noch längst nicht alle Register gezogen. Ich weiß zwar nicht, was besonders die Schriftsteller da noch alles in petto haben, aber ich könnte mir denken, daß es in der nächsten Zeit so deutliche Worte geben wird, daß es sich jedwede staatliche Stelle einfach nicht mehr erlauben kann, den Kampf gegen Kultur und Wahlvolk weiterzuführen.

Außerdem ist die Reform doch nun wirklich tot. Das eigentliche Ziel ist längstens verfehlt. Und daß man darüber hinaus dem Kapitalismus auch auf dem Sektor der Sprache nunmehr zum Erfolg verhilft, muß den Urreformern ja geradezu weh tun.

Und das tröstet doch ein wenig, nicht wahr? Jaja, die Schadenfreude...


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 08.03.2006 um 11.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3399

Das IDS ist ein Institut der Blauen Liste. Aus der Blauen Liste kann man auch rausfliegen, bei negativer Evaluation.


Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 08.03.2006 um 11.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3396


| Was die Sache noch schlimmer macht, ist das Bündnis
| von Staat und Medien in diesem Fall.

In der Tat.

| Wenn künftig Duden oder Bertelsmann Verkaufsrückgänge
| bei ihren Wörterbüchern und verwandten Produkten zu
| beklagen haben, müssen sie, im Verband mit dem IDS,
| nur laut genug nach einer neuen Reform schreien, um
| den Verkauf wieder anzukurbeln.

Das glaube ich nicht. Ein Teil der vielschichtigen Geschichte der Rechtschreibreformen ist der rein wirtschaftliche: Bertelsmann gönnte dem Duden sein Privileg nicht und wollte auch auf dem Sektor Marktführer werden. Das ist mißlungen. Zwar hat man hinter den Kulissen massiv Lobbyarbeit für die Reform getrieben und damit sicherlich auch tatkräftig mitgeholfen, sie durchzusetzen, aber die Leute trauen dem Duden nach wie vor mehr als Wörterbüchern von Bertelsmann. Zwar hat sich die Redaktion des Dudens in schlimmer Weise prostituieren müssen, aber untergegangen ist der Verlag nicht, obwohl es zeitweise danach aussah. Nach wie vor steht der Duden in Schulen und Sekretariaten, und das wird wohl auf längere Zeit auch so bleiben.

Ob die Dudenredaktion wieder ins bisher übliche wissenschaftliche Fahrwasser zurückfindet, vermag ich nicht einzuschätzen.

| Letztlich gerät durch die jetzige Konstellation die von
| der dahingeschiedenen Kommission in ihrem letzten
| Bericht intendierte Ermächtigung zur permanenten Reform
| in den Bereich des Möglichen.

Für mich ist klar, daß die zukünftige Rechtschreibung im Kaffeekränzchen ausgekungelt wird. Um den Tisch sitzen werden die Redaktionen von Wahrig und Duden und das IDS in Form der Reformerin Güthert. Von letzterer Seite her dürfte weiter eine starke Tendenz zur Reformierung zu erwarten sein.

Ich rechne damit, daß nach den Schlussstrichausgaben der Wörterbücher diesen Sommer der übliche Turnus von etwa vier Jahren wieder aufgenommen werden wird. Ohne jeden Zweifel ist der nächste Reformschub mit der nächsten Auflage zu erwarten, ohne jegliche öffentliche Kontrolle, ohne jegliche öffentliche Diskussion. In der nächsten Auflage der Wörterbücher werden die Doppelformen deutlich gemindert sein, wenn nicht gleich alle "noch zulässigen" Formen gestrichen sein werden, also alle "-graphen" weg zugunsten der "-grafen", "selbständig" weg, "Delphin" weg usw.

Wir stehen erst am Anfang der Reform.


Kommentar von Fungizid, verfaßt am 08.03.2006 um 09.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3387

Es muß nochmal gefragt werden:

Kann es nicht sein, daß man nun alle ins Kompromißboot zerrt, um einerseits Einheitlichkeit zu erreichen und andererseits später klammheimlich zur vorreformierten Orthographie zurückzukehren?

Damit behielte der Staat seine Regelungsgewalt und Autorität und versicherte sich zudem einer loyalen, geradezu Hugenbergschen Presselandschaft. Die Kritiker müßten sich nur eben mal selbst an der Garderobe abgeben und könnten später ihren Usus wieder selbst bestimmen. Und nach und nach zöge in die Schulklassen und Wörterbücher wieder das ein, was dem Schreibgebrauch entspricht; die Reform wäre dann ein Aktenstück aus längst vergangener Zeit.

Das schmeckt uns jetzt nicht, aber wenn es so sein sollte, wäre es vielleicht der umterm Strich vernünftigste Ausstieg aus diesem Schmierenstück.


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 08.03.2006 um 01.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3380

Was die Sache noch schlimmer macht, ist das Bündnis von Staat und Medien in diesem Fall. Wenn künftig Duden oder Bertelsmann Verkaufsrückgänge bei ihren Wörterbüchern und verwandten Produkten zu beklagen haben, müssen sie, im Verband mit dem IDS, nur laut genug nach einer neuen Reform schreien, um den Verkauf wieder anzukurbeln.

Angesichts dieser unheiligen Allianz sind die Vorwürfe, die gegen den SPIEGEL, die F.A.Z. und Springer angesichts ihres Widerstandes erhoben wurden ("Machtmißbrauch"), geradezu lächerlich.

Letztlich gerät durch die jetzige Konstellation die von der dahingeschiedenen Kommission in ihrem letzten Bericht intendierte Ermächtigung zur permanenten Reform in den Bereich des Möglichen.


Kommentar von R. M., verfaßt am 08.03.2006 um 01.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3378

Exakt. Es wird – der Blick in die germanischen Nachbarländern zeigt es – in regelmäßigen Abständen eine Rechtschreibreform geben, im Namen der Weiterentwicklung der deutschen Sprache.


Kommentar von Karl-Erich Kreuter, verfaßt am 08.03.2006 um 00.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3377

Schön wär’s, kratzbaum! Ich teile Professor Icklers Einschätzung: Wohin die Printmedien in Wirklichkeit zurückkehren, ist die grundsätzliche Anerkennung der Staatsmacht über die Sprache. Und das zeigt, worum es bei dem Unternehmen „Rat für deutsche Rechtschreibung“ eigentlich ging: Der berechtigten Kritik an der Reform sollte durch marginale Änderungen soweit die Spitze genommen werden, daß sie hingenommen wird – und damit dem Staat die angemaßte Zuständigkeit für diesen Gegenstand erhalten bleibt. Ein Scheitern der Reform hätte nämlich den Verlust der Regelungsgewalt zur Folge, und genau das sollte verhindert werden.

Jetzt sehen wir, wessen Interessen der Fuchs Zehetmair wirklich gedient hat.

Eine Nachlaßverwaltung der Schreibreform durch die Printmedien in Form einer allmählichen Abwicklung wird es mit Sicherheit nicht geben. Im Gegenteil. Nach der grundsätzlichen Anerkennung der staatlichen Regelungsgewalt wird künftig nicht mehr von der Sprachgemeinschaft entschieden, wie geschrieben wird, sondern vom Vollzugsorgan der KMK, dem Institut für deutsche Sprache in Mannheim. Was das für die Zukunft bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 07.03.2006 um 22.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3376

Ich halte es mit Herrn Lachenmann: Den Betreibern ist die Freude an der Reform abhanden gekommen. Sie möchten sie los sein. Also überlassen sie sie gleichsam den Medien. Und die werden, wenn nicht gleich, so doch im Laufe der Zeit, die letzten Trümmer still und "unaufgeregt" wegräumen. Die Gewichte haben sich längst verschoben. Was vordergründig nach Unterwerfung aussieht, wird zur Nachlaßverwaltung. Seid munter und wachet!


Kommentar von jms, verfaßt am 07.03.2006 um 22.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3375

Heyse in der FAZ ist wie Kaugummi im Sterne-Restaurant. Ebenso sind Augenkrankheiten wie "Schifffahrt", "Brennnessel" oder "Eisschnelllauf" eine Belästigung, die man klugen Köpfen nicht vorsetzen kann. Solche stecken ja laut Eigenwerbung hinter der FAZ.


Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 07.03.2006 um 22.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3374

Nun, eine »Prüfung« der Zehetmairschen Orthographie, welche nicht minder mangelhaft als die Reform von 1996 ist, kann den betreffenden Zeitungen doch bisher nicht wirklich möglich gewesen sein.

Die Redaktionen werden in den wenigen Tagen seit dem Erscheinen wohl kaum das gesamte Regelwerk und vor allem das neue Wörterverzeichnis durchgearbeitet haben. Zudem ist bisher nicht bekannt, wie sich die Revision auf nicht im Verzeichnis befindliche Wörter auswirkt. In unzähligen Fällen sind die Interpretationsspielräume so groß, daß man wohl oder übel auf die 24. Auflage des Dudens warten muß, um überhaupt erkennen zu können, wie es »gemeint gewesen sein soll«. Diese wird jedoch erst am 22. Juli erscheinen. Eigentlich könnte eine gründliche Prüfung erst dann beginnen. Nichtsdestotrotz soll am 1. August umgestellt werden.

Allerdings ist bereits jetzt klar, daß die Verantwortlichen die schon jetzt sichtbaren Konsequenzen der Revsion nicht gekannt haben können, denn sonst wären sie sich der nur allzu offensichtlichen Unzulänglichkeiten der Zehetmair-Orthographie bewußt und würden eine Umstellung ihrer Erzeugnisse auf diese kaum (und vor allem keinesfalls so schnell) in Erwägung ziehen.


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 07.03.2006 um 22.11 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3373

Mir scheint, daß der Staat an seiner »Macht« über die Sprache inzwischen keine Freude mehr hat. Das Manöver mit dem »Rat« dürfte sein wohl letztes Gefecht in Sachen Rechtschreibung und Sprache gewesen sein, ein reines Rückzugsgefecht.

Jetzt sieht das Schlachtfeld aus, wie es aussieht, eben wie ein Schlachtfeld. (Mir gefällt in diesem Zusammenhang der schöne, typische SZ-Lapsus vom »Phyrrus-Sieg«. Merkt wahrscheinlich kaum noch einer, wie falsch das ist, aber es paßt so schön zum verkorksten Rechtschreibsieg derjenigen, die vorläufig das letzte Wort zu behalten scheinen.) Das wird so nicht bleiben können, und da der Staat sich künftig nicht mehr einmischen wird, werden sich andere Ordnungskräfte einstellen, um das Schlachtfeld wieder zu einer begehbaren Landschaft zu gestalten: die Natur und gescheite Menschen.

Hierauf Einfluß zu nehmen, sollte jetzt zu den konstruktiven Aufgaben gehören. Wie – das ist jetzt noch nicht abzusehen. Aber das wird sich finden.


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 07.03.2006 um 21.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3372

Nein, Heyse ist KEIN Teilerfolg.


Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 07.03.2006 um 21.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3370

Herr Ickler, wie gut sind denn Ihre Kontakte zur Redaktion der "letzten verbliebenen" Zeitung? Könnte Sie dort jemand als Experte für die anstehende Prüfung der Zehetmair-Eisenberg-Fassung verpflichten wollen? Frau Schmoll? Wenn Sie durch Darlegung der einzelnen Unstimmigkeiten der revidierten Neuregelung retten könnten, daß dort höchstenfalls Heyse umgesetzt wird, wäre das ein Teilerfolg.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2006 um 20.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3369

Die Überschriften, die da behaupten, Springer usw. kehrten zur reformierten Rechtschreibung zurück, sind irreführend. Die Reformschreibung hat sich gegenüber 1996 bis zur Unkenntlichkeit verändert. Das rechnet sich vor allem Eisenberg als Verdienst an; gönnen wir es ihm, obwohl eigentlich die ununterbrochene Kritik es war, die selbstverständlich stückweise zur "alten" Rechtschreibung zurückführte – wohin denn sonst?

Wohin Springer und die anderen zurückkehren, das ist in Wirklichkeit die grundsätzliche Anerkennung der Staatsmacht über die Sprache. Daß irgend jemand wirklich glaubt, es gehe um das Wohl der Schüler, ist ja nicht anzunehmen. Die Presse ist korrumpierbar, das lernen wir aus der ganzen Affäre.

Diese Reform braucht bemerkenswerterweise schon lange keinerlei Begründung mehr – außer der allerschäbigsten: Sie wird durchgezogen, weil es sie gibt. D. h., weil die Politiker uns einbleuen wollen: Wenn die Suppe auf dem Tisch steht, wird sie auch gegessen, mag sie noch so versalzen sein!

Nach der Unterwerfung der Presse ist nun die Literatur dran. Wir werden es erleben. Welcher Schriftsteller könnte sich dem Argument entziehen, um der Schüler willen möge er doch bitte der Konvertierung seiner Texte zustimmen, zumal doch durch den segensreichen Rat laut Zehetmair "80 bis 90 Prozent" der alten Rechtschreibung gerettet werden konnten (das hat er den widerspenstigen Zeitungen erzählt, als er sie persönlich aufsuchte).

Ich überlege noch, ob ich die verbliebene Zeitung allein wegen ss kündigen soll oder erst, wenn ich "behände" und "Diät leben" lesen muß.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2006 um 20.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3368

Auf der Bahnfahrt nach Frankfurt und zurück habe ich den ganzen "Spiegel" gelesen. Wie zu erwarten war, werden die Spielräume der revidierten Regeln bis zum äußersten konservativ ausgenutzt. Man findet außer dem ss seitenlang nichts Reformiertes. Ich hatte ja schon die neugierige Frage gestellt, ob mit der dennoch totalen Unterwerfung auch das kecke "rauh" wieder zurückgenommen wird. Das ist tatsächlich der Fall, es heißt wieder "rau"! Sonst findet man ein paarmal "platzieren".

Der "Spiegel" kam sich voriges Jahr wirklich mutig vor, daß er "recht haben" und "rauh" auf die Titelseiten brachte, obwohl die Ahnen, Wolff, Erdsiek usw. es nicht erlaubt hatten ... Das war lächerlich. Aber jetzt diese geduckte Art, sich vollkommen zu unterwerfen und es dennoch vor den Lesern gleichsam zu verbergen, das ist noch viel lächerlicher. Was ist denn von der Glaubwürdigkeit solcher Blätter auf anderen Gebieten zu halten? Leider muß man annehmen, daß auch bei anderen Zeitungen der Sinn für aufrechten Gang und ein Minimum an Würde nicht sehr entwickelt ist. Sie werden wohl in Kürze allesamt die Zehetmairsche Schmierenkomödie mitspielen. Dann wird die RSR als "akzeptiert" gelten – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Ablehnung in der Bevölkerung ihre größte Breite und Tiefe erreicht hat.


Kommentar von Klaus Malorny, verfaßt am 07.03.2006 um 20.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3366

Wollen wir mal hoffen, daß die wenigstens FAZ vernünftig genug ist, jetzt nicht auch noch auf diesen Unsinn einzulenken. Nebenbei, wie sieht es eigentlich mit der Zeitung "die Zeit" und ihrer Reformextrapolation à la E. Zimmer aus? Schreibt sie immer noch Foton statt Photon und wird sie es auch weiterhin tun?


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 07.03.2006 um 20.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3365

Außerordentlich geschickt? Mag sein, daß das in einem anderen Koordinatensystem so ist. Ich habe beschlossen, die Süddeutsche Zeitung jetzt abzubestellen. Aber nach den windelweichen Äußerungen aus Richtung FAZ wird das wohl ersatzlos bleiben. Ich warte auch ab.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 07.03.2006 um 20.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3364

Das ist doch außerordentlich geschickt, wie die FAZ sich verhält. Sie schaltet nicht auf Totalkonfrontation, hält sich trotzdem alle Optionen offen, spricht konstant von der "bewährten" Rechtschreibung, an der sie offenbar festhalten will. Bei den anderen sieht sie eine weitgehende Rückkehr. Wenn da nicht mal eine heimliche konzertierte Aktion im Gange ist.


Kommentar von Fungizid, verfaßt am 07.03.2006 um 19.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3363

Kann es sein, daß die das machen, um dann klammheimlich "alt" zu schreiben?

Damit würden doch alle ihr Gesicht wahren...


Kommentar von F.A.Z., 8. 3. 2006, S. 1, verfaßt am 07.03.2006 um 19.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3362

Zeitungsverlage zur Rechtschreibreform

F.A.Z. FRANKFURT, 7. März. Seitdem die Reform der Rechtschreibreform durch die Wiederzulassung zahlreicher Varianten die weitgehende Verwendung der bewährten Rechtschreibung möglich macht, ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung grundsätzlich zu einem Kompromiß bereit. Zur Zeit werden die Details der Vorschläge des Rechtschreibrates geprüft. Die endgültige Entscheidung wird erst nach der Ministerpräsidentenkonferenz am 30. März gefällt werden. Unterdessen hat der Verlag Axel Springer die Einführung einer "reformkonformen Rechtschreibung" bis zum 1. August in seinen Publikationen angekündigt. Der Verlag reagiert damit auf die Kultusministerkonferenz vom 2. März, auf der die Reformvorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung gebilligt worden waren. Der Verlag will sich nach eigenen Angaben der Chance auf einen Konsens im Streit um die Orthographie nicht entgegenstellen, "bedauert aber, daß die Rechtschreibreform alles andere als ein überzeugendes Ergebnis vorzuweisen hat". Ähnlich hat sich der "Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe geäußert. Die "neue, weitgehend alte Rechtschreibung" soll dort ebenfalls vom 1. August an gelten.


Kommentar von Tagesschau.de, verfaßt am 07.03.2006 um 18.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3361

Springer-Verlag lenkt ein
"Bild" kehrt zurück zur "Schlechtschreibung"

[Bildunterschrift: Für all diese Zeitungen gelten bald wieder die neuen Rechtschreibregeln]
Während des Sommerlochs im Jahr 2004 kannten die Medien nur ein Thema: Der Verlag Axel Springer und der Spiegel beschlossen damals, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Heute nun entschied der Springer-Verlag, seine Entscheidung zu revidieren. Damit folgt das Unternehmen dem Beschluss der Kultusminister vom 2. März zur Rechtschreibreform.

Weitere Meldungen: Chronologie

Der lange Kampf um die Rechtschreibung [mehr]
Wie der Konzern mitteilte, wird in den Zeitungen und Zeitschriften des Verlags sowie in den Online-Angeboten spätestens ab 1. August 2006 nach den neuen Regeln geschrieben. Die Axel Springer AG erklärte, sie wolle sich der Chance auf einen Konsens nicht entgegenstellen, "bedauert aber, ebenso wie große Teile der Öffentlichkeit, dass die Rechtschreibreform alles andere als ein überzeugendes Ergebnis vorzuweisen hat". Eine Einheitlichkeit existiere mit reformierter Rechtschreibung nicht mehr.

"Spiegel" änderte Meinung schon zum JahreswechselWeitere Meldungen: Dokumentation
Die Vorschläge des Rechtschreibrats [mehr]
"Der Spiegel" hatte bereits zum Jahreswechsel die Empfehlungen des Rates für Rechtschreibung umgesetzt. Die von der Kultusministerkonferenz abgesegneten Änderungen an der deutschen Rechtschreibung sollen frühestens am 30. März offiziell beschlossen werden. An diesem Tag tagt die Ministerpräsidentenkonferenz, die sich voraussichtlich mit dem Thema befassen wird.

www.tagesschau.de


Kommentar von R. M., verfaßt am 07.03.2006 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3360

Danke für den Hinweis, aber Klaus Schübel liest hier bekanntlich mit und hat sicher schon ein paar hundert Stimmen für die Reform abgegeben.


Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 07.03.2006 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3359

Trotz der Tatsache, hier kein Boxverein zu sein, reiche ich noch den direkten Link zur Umfrage der Tagesschau nach. Denn die Frage ist, wie so oft, suggestiv als

"Sollten künftig alle Zeitungen und Zeitschriften nach den neuen Regeln schreiben?"

formuliert. Einheitlichkeit ist ja etwas Erstrebenswertes.

Hier geht's zur Abstimmung


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 07.03.2006 um 17.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3358

Eine laufende Umfrage hier:

http://www.tagesschau.de/


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 07.03.2006 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3357

Gemach, gemach

Ich habe es kürzlich schon einmal gesagt: Entscheidend ist nicht, was einzelne Verlage expressis verbis ankündigen, sondern wie sie nachher wirklich schreiben. Auch bei den Springer-Blättern könnten wir da noch Überraschungen erleben.


Kommentar von Markus Fischer, verfaßt am 07.03.2006 um 16.18 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3356

Ein Anruf bei der Welt-Leser-Abteilung ("es täte mir leid, mein Abonnement kündigen zu müssen") eben gerade brachte die Auskunft des Chefs nach ausdrücklicher Nachfrage und Rückruf: nein, wir bleiben bei der herkömmlichen Rechtschreibung.
Eine Ente, ein Versuchsballon, wie bei der Meldung vorletzte Woche, die FAZ schlösse sich der Reform an?


Kommentar von WL, verfaßt am 07.03.2006 um 15.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3354

Aus gegebenem Anlaß soll daran erinnert werden, daß wir keine Kampfsport- sondern eine Forschungsgruppe sind.


Kommentar von Karl-Erich Kreuter, verfaßt am 07.03.2006 um 14.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3352

Mit dieser Entscheidung Springers hatte ich gerechnet. Hätte der Verlag bei der bewährten Rechtschreibung bleiben wollen, hätte es genügt, die Arbeit des Rats zu kommentieren. Die gleichzeitig gemachte Ankündigung aber, im März entscheiden zu wollen, ob man die Rats-Orthographie übernehmen werde, deutete schon an, daß man sich unterwerfen würde.
Nun bin ich mal gespannt, was die F.A.Z. macht. Nach den von AP zitierten Ausführungen Hubert Spiegels hält man sich dort wohl alle Optionen offen. Lassen wir uns also überraschen.


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 07.03.2006 um 14.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3351

Ich habe folgendes Leserbriefchen an die Welt gesandt:

Mehrere Kultusminister haben sich in dem Sinne geäußert, der sogenannten Rechtschreibreform seien durch die Zehetmair-Kommission die "eklatantesten Mißstände", der "gröbste Unsinn" und die "schlimmsten Fehler" ausgetrieben worden. Das mag man so sehen. Es erscheint unglaublich, daß man eine so zu bewertende Reform schon vorher jahrelang den Schülern zuzumuten gewagt hat. Es ist aber auch schwer verständlich, daß ein großes Verlagshaus wie das Ihre dem Vernehmen nach zukünftig wieder eine Rechtschreibung für adäquat halten kann, die immer noch eklatante, grobe und schlimme Unstimmigkeiten enthält. Ein Verlag veröffentlicht doch für die Leser, so dachte ich – und nicht für die Kultusministerkonferenz!


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 07.03.2006 um 14.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3349

"Bockssprünge des Zeitgeistes"

Die Kapriolen gewisser Presseorgane müssen uns nicht übermäßig betrüben. Die Sprache selbst ist viel mächtiger als alle, die sich an ihr vergreifen. Sie dient nur dem, der sich ihr in Liebe dienend nähert. In Zeiten des allgemeinen Orientierungverlustes ist es einfach etwas schwerer, auszuharren und die Treue zu halten. Aber jener kolumbianische Liebhaber mußte sogar über 50 Jahre warten...


Kommentar von AP, verfaßt am 07.03.2006 um 14.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3348

FAZ: Keine neue Lage

Der "Spiegel" verwies auf Anfrage auf die Hausmitteilung in seiner jüngsten Ausgabe, wonach das Magazin bereits seit geraumer Zeit Empfehlungen des Rats für Rechtschreibung übernommen habe und die noch ausstehenden Korrekturen ab sofort berücksichtigen werde.

Der Ressortleiter Literatur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Hubert Spiegel, erklärte, für seine Zeitung habe sich mit der Entscheidung Springers keine neue Lage ergeben. Danach bleibt das Blatt vorerst weiter bei der alten Rechtschreibung, will aber die von den Kultusministern abgesegneten Korrekturen der Rechtschreibreform sorgfältig prüfen. Unter anderem soll abgewartet werden, wie die für den Frühsommer angekündigten neuen Ausgaben von Duden und Wahrigs Wörterbuch aussehen.


Kommentar von jms, verfaßt am 07.03.2006 um 13.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3347

Dahinter stecken als Strippenzieherinnen womöglich Annette Schavan und Kanzlerin Merkel, die ja einen guten Draht zu Friede Springer haben soll. Gegen soviel weibliche Macht kann auch Herr Döpfner nichts ausrichten. Eigentlich müßte man ja den Bundespräsidenten in der Sache einschalten, doch das ist zwecklos, da auch er Merkel seinen Job zu verdanken hat. Man sollte nochmals das Bundesverfassungsgericht anrufen. Das hat letztens den Abschuß von entführten Flugzeugen kassiert. Vielleicht rettet es diesmal die von Politik und Medien entführte Orthographie.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 07.03.2006 um 13.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3346

Heute erschien in der SZ ein Artikel über Herrn Döpfner, der sich wie ein Nachruf liest; er endet mit: "Wird ein schweres Match."

Wer schreibt, der bleibt
Springer-Chef Mathias Döpfner trifft bald Günter Grass - und hat einen journalistischen Traum / Von Michael Jürgs

Noch eine Niederlage gibt er zu. Spiegel-Chef Stefan Aust, den er als Tatmenschen bewundert, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, den er als Intellektuellen bewundert und er, der von beiden etwas hat und diese Mischung als Gesamtkunstwerk bewundern lässt, saßen beim Abendessen. Beim Wein beschlossen sie, zum Wohl des Volkes und dem ihrer Kinder, die Rechtschreibreform zu kippen. "Der Ansatz war völlig richtig. Wir haben aber die politische Wirkung unterschätzt. Das war naiv. Denn sofort begannen die Angriffe, ein Kartell habe sich Rechte angemaßt, was allein dem Parlament und dem Gesetzgeber zustehe. Warum haben Politiker eigentlich mehr Rechte als die, die von Sprache leben: Schriftsteller, Journalisten, Verleger?" Das jüngst gefundene Ergebnis wiederum könne sich drucken lassen.


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 07.03.2006 um 12.59 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=430#3345

Döpfner: „Der Ansatz war völlig richtig. Wir haben aber die politische Wirkung unterschätzt. Das war naiv. Denn sofort begannen die Angriffe, ein Kartell habe sich Rechte angemaßt, was allein dem Parlament und dem Gesetzgeber zustehe.“
Wir wollen doch festhalten, daß nur ein einziges Mal ein Parlament gesetzgeberisch, oder besser, gesetzvernichtend tätig geworden ist, nämlich 1999 bei der Aufhebung des Gesetzes des Volkes zur Beibehaltung der herkömmlichen Rechtschreibung.



nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail: (Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz:   Hier bitte die Zahl einhundertvierundfünfzig (in Ziffern) eintragen.
 


Zurück zur vorherigen Seite | zur Startseite


© 2004–2017: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM