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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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04.03.2006
 

Hubert Spiegel
Richtig und falsch

Als die F.A.Z. vor sechs Jahren von der reformierten zur bewährten Rechtschreibung zurückkehrte, zog sie die Konsequenz aus der Erfahrung, die jeder machte, der eine Zeitlang die neuen Regeln befolgte.

Die Reform hatte die deutsche Sprache beschädigt und den Reichtum und die Genauigkeit ihrer Ausdrucksmittel erheblich beeinträchtigt. Schriftsteller, Journalisten und viele andere, die sich gegen die Reform zur Wehr setzten, taten dies, um ihr Handwerkszeug zu verteidigen.

Damals warfen Politiker dieser Zeitung vor, sie entfessele eine "Pseudodebatte". Die neue Rechtschreibung, behaupteten die Kultusminister damals, sei wesentlich einfacher als die alte, eine Reform der Reform sei unnötig.

Jetzt hat Brandenburgs Kultusministerin Wanka eingestanden, daß "die Rechtschreibreform falsch war". Reformmängel, deren Existenz jahrelang geleugnet wurde, sollen nun als behoben gelten. All dies wird in einer Mischung aus Erleichterung und Überdruß gesagt. Man muß sich einmal ansehen, welche Formulierungen dabei gebraucht wurden. Die "eklatantesten Mißstände" seien beseitigt, der "gröbste Unsinn" und die "schlimmsten Fehler" würden nun rückgängig gemacht. Das ist richtig und erfreulich. Wir sollen Spaghetti nicht länger ohne h schreiben, wir dürfen Kommata wieder so setzen, daß sie das Lesen erleichtern, und im wichtigen Bereich der Zusammenschreibung werden viele klassische Schreibweisen wieder in ihr altes Recht gesetzt. Das ist ein Erfolg der Reformgegner, über den sich jetzt auch die Reformer selbst zu freuen scheinen.

Und doch geben die Erfolgsmeldungen zu denken. Der "gröbste Unsinn" wurde revidiert. Aber wie steht es mit jenen Reformteilen, die nicht gröbster Unsinn, sondern nur grober oder feinkörniger Unsinn sind? Sie bleiben vorerst bestehen. Reichte die Zeit nicht? Oder will der Rat für Rechtschreibung es bei diesem Reformtorso belassen?

Der Zeitdruck war groß, denn die Reform sollte unbedingt zum Sommer in Kraft treten. Am 1. August werden genau acht Jahre vergangen sein, seitdem die neue Rechtschreibung an den Schulen eingeführt wurde. Für Schüler und Lehrer war dies eine Zeit des Leidens. Ein Schüler, der in diesem Sommer sein Abitur macht, wurde 1993 eingeschult und lernte in der Grundschule, daß man das Wort "kennenlernen" zusammenschreibt. Als er aufs Gymnasium wechselte, wechselte auch die Rechtschreibung. Nun sollte "kennenlernen" aus zwei Wörtern bestehen. In den folgenden Jahren schrieb unser Gymnasiast das Wort auseinander, mußte aber feststellen, daß die meisten Menschen in seiner Umgebung und alle deutschen Schriftsteller "kennenlernen" weiterhin zusammenschrieben. Wenn der Gymnasiast das Wort demnächst in der Abiturprüfung zusammenschreibt, ist das ein Rechtschreibfehler, der aber wenige Wochen später, nämlich nach dem 1. August, keiner mehr sein wird. Dann werden beide Schreibweisen erlaubt sein. Der Schüler muß seinem Lehrer seit Jahren Leid tun. Nach dem 1. August darf er ihm auch wieder leid tun.

Der Rat für Rechtschreibung will zahllose klassische Varianten wieder zulassen und verspricht, daß es dadurch jedem wieder freigestellt ist, weitgehend der bewährten Rechtschreibung zu folgen. Das wird zu prüfen sein. Bewährte und neue Rechtschreibung sollen sich nicht länger ausschließen, sondern gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Ist das eine salomonische Entscheidung? Nein, es ist nur die dürre Weisheit derjenigen, die nicht mehr wissen wollen, was falsch und was richtig ist. Die meisten Menschen lassen ihr Sprachgefühl über ihre Rechtschreibung entscheiden; sie mußten ohnmächtig erleben, wie dieses Sprachgefühl im ewigen Hin und Her der vergangenen Jahre verunsichert und beschädigt wurde. Diesen Schaden kann auch die Reform der Reform nicht beheben.

F.A.Z., 4. März 2006



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Kommentare zu »Richtig und falsch«
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Kommentar von jms, verfaßt am 18.04.2006 um 09.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3948

Sehr richtig, der Begriff "normal" taugt nicht mehr zur Kennzeichnung der deutschen Rechtschreibung. Tatsächlich ist ja das Chaos der Reformreform-Schreibung und das Falsche heute "normal".

Insofern trägt Herrn Icklers verdientsvolles Rechtschreibwörterbuch den falschen Titel. Es solte besser ganz schlicht "Die deutsche Rechtschreibung" ohne irgendeine adjektivische Bestimmung heißen.

Zur Abgrenzung gegenüber der reformierten bzw. verschlimmbesserten Rechtschreibung kann man natürlich auch von "bewährter" und "klassischer" Rechtschreibung sprechen, da der Gegensatz "alt" und "neu" nun wirklich nicht mehr aufrecht zu erhalten ist.


Kommentar von GL, verfaßt am 18.04.2006 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3947

Was der Bevölkerung fehlt, ist eine bewährte Rechtschreibung. Jenseits von Gut und Böse empfinde ich die Forderung von Wolf, von richtiger und normaler Schreibweise zu schreiben. Was mag er wohl unter "richtig und normal" verstehen? Das heutige Fiasko in dieser Sache ist schliesslich nichts anderes als normal!


Kommentar von Wolf, verfaßt am 17.04.2006 um 03.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3946

"Der Staat, der die reformierte Schreibung an den Schulen eingeführt hat, muß sie dort auch wieder abschaffen. Die "Politik" muß also doch noch einmal tätig weden. Erst dann wird die Reform nur noch Geschichte sein." (kratzbaum, 4.3., 17:42)

Die Politik könnte aber auch an anderer Stelle tätig werden. Der Staat schafft die "junge Welt" ab (wahlweise wg. Stasi, Doping, Antizionismus), nachdem die FAZ ihre Rechtschreibung zuvor selbst abgeführt hat, und es herrscht wieder Pressevereinigung im Lande; "Titanic" bleibt erlaubt (wg. witziger Schreibweisen).

Der Staat muß gerichtlich gezwungen werden, Schreibweisen in den Schulen nicht als "falsch" zu bewerten, die außerschulisch als richtige und normale Schreibweisen praktiziert werden. Mit anderen Worten: Wir müssen die reformierte Schreibung abschaffen, indem wir sie nicht praktizieren.


Kommentar von Mika Sander, verfaßt am 07.03.2006 um 21.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3371

Das Letzte
»Das Geheimprotokoll zur Rechtschreibreform«
von Peter Ehrlich

Jetzt also ist es heraus: "Bild", "Welt" und "Spiegel" führen die neue neue Rechtschreibung ein, nachdem sie zuvor von der alten neuen Rechtschreibung zur ganz alten Rechtschreibung zurückgekehrt waren.

Das finden die Verlags- und Redaktionsleiter zwar irgendwie blöd, andererseits aber wollen sie auch nicht mit schuld daran sein, dass mithilfe (früher mit Hilfe) ihrer Texte die Pisa-Ergebnisse noch schlechter werden als sowieso schon. Nur Frank Schirrmacher von der FAZ hält am Methusalem-Komplott fest und bleibt noch beim Althochdeutschen.
Die zahlreichen investigativen Reporter aller genannten Organe haben aber leider übersehen, dass zusammen mit der Rechtschreibreform neu auch ein geheimes Zusatzprotokoll der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen wurde, das von zwei BND-Agenten vergangene Woche in der US-Botschaft übergeben wurde und uns über den Faxverteiler der CIA erreicht hat.

In diesem Zusatzprotokoll wird die verbindliche Neuschreibung von Eigennamen festgelegt: Die neue Schreibweise von Axel Springer lautet demnach "Alex Läufer", die von Frank Schirrmacher "Franz Scharfmacher" und die von Stefan Aust "Stefan Markwort". Markworts Blatt wird künftig im Duden nicht mehr unter "Spiegel, Der", sondern als "Merkels Amtsblatt" geführt. Auch im politischen Wortschatz tut sich bei den Eigennamen einiges: Lafontaine etwa soll künftig "Springbrunnen" heißen, die WASG Linkspartei und Deutscher Bundestag heißt "Schweinebande". Und das, bitte schön (früher bittschön), wird ja wohl auch Herr Scharfmacher von der FAZ mittragen können.

Aus der FTD vom 08.03.2006


Auch diese Meldung ist offenbar bereits überholt: Frank Schirrmacher wurde soeben zu "Franz Steigbügelhalter" umbenannt, seit die F.A.Z. ihre Kompromißbereitschaft vermeldet.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 07.03.2006 um 09.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3342

Was Herr Bumann schreibt, steht in einer langen Reihe von Pflichtpensen vieler anderer Journalisten, die sich mit der Materie und ihrer Problematik nicht näher befassen wollen oder können. Zuerst kommen ein paar beliebig gewählte Beispiele, leicht ironisch dargeboten. Damit wäre die Sachkenntnis bewiesen. Dann geht es so weiter: Endlich Ruhe – damit läßt sich leben – Kompromiß – Puristen haben nicht gesiegt – Goethe – Reform war gar nicht so schlecht, aber … – es gibt größere Sorgen – noch eine Volksweisheit … und fertig ist das Gebräu.


Kommentar von General-Anzeiger Bonn, verfaßt am 06.03.2006 um 11.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3326

Was ist schon spitze
Von Ulrich Bumann

Manche Regeln der reformierten Rechtschreibreform muss man sich wahrscheinlich nicht so schnell merken. Wer kommt schon in die Verlegenheit, schreiben zu müssen: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist klasse (nicht mehr Klasse) oder: Jürgen Klinsmann ist als Trainer spitze (nicht mehr Spitze). Und wenn uns spätestens im Juli mangels eines deutschen Shootingstars (der sich als mehrgliedriger Anglizismus so schreibt) das Interesse am Gekicke abhandengekommen (Achtung: einheitlicher Wortakzent) ist, wird es sowieso ernst: Mit dem 1. August hält das reformierte Schreiben Einzug - zumindest in Schulen und Ämtern.

Was einen dabei zuvörderst beschleicht, ist ein Gefühl der Erleichterung. Nicht nur, weil es jetzt heißt: Deutschland einig Rechtschreibland, nachdem auch die Bastionen Bayern und Nordrhein-Westfalen gefallen sind. Sondern vor allem, weil jedermann in diesem Lande, vorzugsweise aber Lehrer und Schüler, wahrscheinlich das Jahre währende Gezerre und Getue, die Bedenkenträgerei und Rechthaberei um die schriftliche Form der Sprache gründlichst leid ist. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz hat vom Rechtschreibfrieden gesprochen: ein großes Wort für eine Sache, bei der man sich auf jeder Seite ein wenig mehr Gelassenheit gewünscht

Herausgekommen bei der ganzen Geschichte ist ein Kompromisse mit dem man leben kann, je nach Grundposition mehr oder weniger gut. Es war halt die Stunde der Pragmatiker. Natürlich werden die Puristen nicht sofort verstummen, die am liebsten alles beim Alten gelassen hätten (obwohl Goethe heute auch nicht mehr so gedruckt wird, wie er geschrieben hat); und auch die Radikalreformer, die sich die komplette Kleinschreibung auf ihre Fahnen geschrieben hatten, dürften noch ein paar Nachzugsgefechte liefern. Am Ende freilich bleibt nur die Hoffnung, dass sich Bücher, Zeitungen, Schulen auf jenem jetzt vorgeschriebenen Mittelweg treffen, der natürlich nicht ohne Stolpersteine ist. Ein bisschen Nebeneinander von verschiedenen Formen wird es mit Sicherheit in der nächsten Zeit noch geben; so viel Irritation muss ausgehalten werden.

Der Reformprozess um die deutsche Rechtschreibung war in den letzten Jahren eine Geschichte voller Irrungen und Wirrungen, unter denkbar unglücklichster Mitwirkung der Politik, die mit Blick auf Wählerstimmen das Chaos perfekt gemacht hat. Das Ganze freilich ist ein erneutes Musterbeispiel dafür, warum in diesem Lande Reformen nur schleppend, wenn überhaupt gelingen. Eine Idee gerät so lange in die Mühlen der Ideologien und in die Fänge von Interessengruppen, bis aus ihren Resten mühsam irgendetwas Neues gezimmert wird.

Sobald man schreiben kann, sagt der Japaner, fangen die Sorgen an - und hatte dabei gewiss nicht die deutsche Rechtschreibung im Sinn. Es gibt gewiss größere Sorgen in diesem Land als die um Tunfisch, Rote Karte und Schifffahrt mit drei F. Also mag sich jeder einen Ruck geben und das neue Regelwerk einigermaßen verinnerlichen. Man muss es ja nicht gleich lieben.


Kommentar von Fred Frön, verfaßt am 06.03.2006 um 09.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3313

Noch ein Zwischenruf von Prof. Eisenberg - am 21. 2. 2004 im Deutschlandfunk:

Selbstverständlich läßt sich die Rechtschreibung reformieren, wenn man diesen Reformierungsprozeß als die Anpassung der jeweils geltenden Norm an das versteht, was in einer Sprachgemeinschaft sich an Schreibungen entwickelt.

Die Neuregelung würde ich nicht - in ihren schlechtesten Teilen - als Ausdruck von Sprachverfall, sondern eben von bewußter Sprachzerstörung ansehen. Das heißt: Etwas, was nicht zum Deutschen gehört, was es einfach nicht gibt und noch nie gegeben hat, wird den Schreibern durch die Neuregelung aufgezwungen. Sie sollen etwas schreiben, was sie eigentlich gar nicht schreiben wollen, was ihrem Sprachgefühl auch nicht entspricht. Ja, die bekannten Beispiele dafür sind ja Wortzerstörungen, Sie kennen die berühmten Beispiele von "so genannt" und "Rat suchend". Das sind Hunderte von Wörtern, die es nicht mehr geben soll. Ein Teil dieser Wörter wird nun, nachdem man die deutsche Sprach- und Schreibgemeinschaft sieben Jahre damit gequält hat, endlich wieder zugelassen, aber eben nur ein Teil von ihnen, ein Teil bleibt noch nach wie vor verboten, und man fragt sich natürlich, warum man diese fehlerhaften Schreibungen, die ja gleich erkannt worden sind, sechs Jahre in Kraft gelassen hat.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 05.03.2006 um 23.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3306

"Allmählich wächst mein Eindruck, daß nicht nur Obrigkeitshörigkeit, sondern auch Schmiergeld oder ähnliches im Spiel ist. "
Erst allmählich, lieber Germanist? Die Frage "cui bono" stellt sich doch schon seit langem, ganz deutlich, seit aus den "deutschen Kultusministerien" tönte, "das neue Regelwerk halte aller Kritik stand". Von da ab ging's jedem Mitdenkenden klar nicht mehr um die Sache, sondern um handfeste Eigeninteressen.


Kommentar von Fred Frön, verfaßt am 05.03.2006 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3303

In der gegenwärtigen Diskussion wird übersehen, daß die gerade von den Kultusministern beschlossene Reform der Reform mit achtjähriger Verspätung nachholt, was die Zwischenstaatliche Kommission Ende Dezember 1997 vorschlug. Am 11. 2. 1998 sagte Prof. Eisenberg im Fernsehen:

Ich arbeite in der Zwischenstaatlichen Kommission mit, um zu erreichen, daß die gröbsten Fehler der Regelung von 1996 beseitigt werden, und zwar so beseitigt werden, daß bis zum Datum der Einführung am 1. 8. 1998 eine verbesserte Version in die Schulen und in die Öffentlichkeit kommt … Wenn man sich die Probleme, die die 96er Regelung hervorgerufen hat, als einen riesigen Berg von ungeklärten Fragen vorstellt, dann haben wir den Gipfel abgetragen. Wir haben damit einige hundert Wörter ins Lexikon des Deutschen zurückgeholt, und wir haben damit gleichzeitig vermieden, daß die Reform als Ganzes gekippt wird.

Just an diesem Tage erklärten die Amtschefs der deutschen Kultusminsterien, das neue Regelwerk halte aller Kritik stand, woraufhin Prof. Eisenberg aus der ZwK austrat.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.03.2006 um 12.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3295

Zeitungen und Buchverlage haben keine Verpflichtung, das Volk zur staatlichen Schulrechtschreibung zu erziehen, sondern das Recht, "dem Volk aufs Maul zu schauen", genau wie Luther es meinte. Allmählich wächst mein Eindruck, daß nicht nur Obrigkeitshörigkeit, sondern auch Schmiergeld oder ähnliches im Spiel ist.


Kommentar von R. M., verfaßt am 05.03.2006 um 01.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3294

Hier noch einmal zum Vergleich mit den etwas umwegigen Ausführungen in der WamS die Erklärung der Jungen Welt vom Freitag: »Ungeachtet der erneuten Reform bleibt die junge Welt bei der alten Rechtschreibung.« Basta.


Kommentar von Welt am Sonntag, 5. 3. 2006, verfaßt am 05.03.2006 um 01.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3293

Reform der Rechtschreibreform
Editorial

von Christoph Keese, Chefredakteur

Am Donnerstag hat die Kultusministerkonferenz ihren Beschluß zur Reform der Rechtschreibreform gefaßt. Einge grobe Mängel der Altreform wurden beseitigt; manche Schreibweisen, die dem Sprachempfinden entgegenstanden, sind jetzt wenigstens nicht mehr unverrückbar, sondern werden künftig wahlweise neben der alten Regel angeboten. Dennoch versäumten die Minister, viele andere Schnitzer ihrer Arbeit zu beseitigen. Herausgekommen ist also ein ziemlich fader Kompromiß.

Auch wir bei der "Welt am Sonntag" haben eine Rolle in der Auseinandersetzung gespielt. Gemeinsam mit anderen Redaktionen hatten wir uns entschlossen, der Altreform nicht zu folgen. Dahinter steckten weder Sturheit noch Modernisierungsfeindlichkeit. Uns war wohl bewußt, daß wir unseren Leserinnen und Lesern einiges zumuteten, wenn wir von dem abwichen, was ihre Kinder an den Schulen beigebracht bekamen. Trotzdem hielten wir es für geboten, dem inhaltlich mißlungenen Eingriff des Staates in die Sprache von hundert Millionen Menschen entgegenzutreten.

Ohne die Hartnäckigkeit der Medien wäre an der Altreform nicht gerüttelt worden. Ihr zum Teil blühender Unsinn wäre auf immer Gesetz geblieben. Und unsere Sprache wäre von einem Regelwerk eingezwängt worden, das nur schwer zu begreifen ist und damit beim Schreiben kaum fehlerfrei anzuwenden war.

Wie geht es weiter? Wir werden die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz genau prüfen und sie mit unserer Hausschreibweise vergleichen. Vom Ergebnis hängt es ab, ob wir uns dem neuen Regelwerk anschließen, denn auch wir halten eine einheitliche Rechtschreibung im Prinzip für vernünftig. Selbstverständlich werden wir Sie so schnell wie möglich über unsere Pläne informieren. Doch selbst wenn es wieder zu einer einheitlichen Rechtschreibung käme, muß klar bleiben, daß künftig nur die Gemeinschaft der Schreibenden die Sprache weiterentwickelt und nicht der Staat sie per Dekret zu ändern versucht. Entwickelt wurde Deutsch immer durch die Phantasie seiner Sprechenden und Autoren. Aufgabe eines Regelwerks kann es nicht sein, Verwandlung zu verhindern, sondern es muß die Sprache beschreiben und Neuerungen aufgreifen. Die anerkannten Wörterbuch-Redaktionen haben das immer mustergültig geschafft. Für einen Eingriff des Staats gibt es keinen Bedarf. […]


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.03.2006 um 22.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3291

Froh zu sein bedarf es wenig

Die Präsidentin der KMK ist "erleichtert und fröhlich " über den Kompromiß und seine Annahme durch ihre Kollegen. Was die Reformer nicht geschafft haben, das gelingt also den Abwicklern. Da müßte doch noch mehr Fröhlichkeitserzeugungs"potenzial" zu aktivieren sein.


Kommentar von ub, verfaßt am 04.03.2006 um 20.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3289

Nachtrag: Mein Eintrag um 19.37 Uhr bezieht sich nicht auf kratzbaums Eintrag um 19.35 Uhr, sondern den von 17.42 Uhr. Obwohl er dort natürlich ebenso recht hat wie um 19.48 Uhr, wobei ich "Fehler" hier als politischen Fehler verstehe.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.03.2006 um 19.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3288

Der größte Fehler der KMK war gar nicht die Befassung mit einer neuen Rechtschreibung. Ihr größter Fehler war, sich auf Korrekturen einzulassen. Seither ist das Gebäude ins Rutschen geraten, es geht nur noch abwärts, mal schneller, mal langsamer. So ist das eben mit Kartenhäusern.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 04.03.2006 um 19.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3287

Herr Kratzbaum, genau das ist es. Die "Politik" müßte über ihren eigenen Schatten springen. Statt dessen vollführt sie nur Bocksprünge und hofft, damit möglichst bald aufhören zu dürfen – in der sehr richtigen Erkenntnis, mit dieser Nummer keinen besonders erquicklichen Anblick zu bieten. Insofern kann man das Eingeständnis von Wanka und anderen, einen Fehler begangen zu haben, auch als Hilferuf deuten. Im Klartext aber lautet dieser ungefähr: "Bitte, bitte, gebt doch endlich nach!" Gerade deshalb wäre ein Nachgeben derzeit ein Fehler.

Die politischen Verfechter der Reform haben zwei Möglichkeiten. Entweder sie interpretieren den Widerstand als politisch und bieten einen echten Kompromiß an, etwa indem sie davon absehen, die Verwendung der herkömmlichen Orthographie in der Schule als Fehler sanktionieren zu lassen, und damit aufhören, Verlage zu drangsalieren, die an der leserfreundlicheren Rechtschreibung festhalten wollen. Oder aber sie interpretieren den Widerstand als unpolitisch und akzeptieren, daß er der vor- bzw. außerpolitischen Natur der Sache entspringt. In diesem Fall liegt die Lösung für sie in der Wiederherstellung des, eventuell den Umständen entsprechend modifizierten, status quo ante.

Doch die Kultuspolitiker wollen den Kuchen gleichzeitig aufessen und ihn behalten. In dieser inkohärenten Haltung erweist sich ein weiteres Mal die Stümperei der Protagonisten. Diese Leute sind nicht einmal als Politiker ihr Salz wert. Das Spiel ist deshalb auch lange noch nicht zu Ende. Es ist nur etwas ernster geworden für diejenigen, die sich darauf eingelassen haben. Die neue Lage bietet immerhin den Vorteil, daß die beiden Elemente des doppelten Skandals – der staatliche Übergriff auf die Sprache und sein miserables Ergebnis – deutlicher als bisher auseinandertreten.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.03.2006 um 19.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3286

In der Schweiz werden sich die Skeptiker und Gegner nicht so einfach abfertigen lassen wie in Deutschland. Die Kantonalen Erziehungsdirektoren treffen bei weitem auf keine so ausgeprägte Unterwerfungsbereitschaft, wie sie dem Kalkül der KMK zugrunde lag. Auch sieht man dort das abenteuerliche Treiben der deutschen MK wohl zunehmend mit Kopfschütteln und Widerwillen. — Interessant ist die Äußerung des Präsidenten über die "Rekursfähigkeit" sprich den Bestand der Regelung im Falle gerichtlicher Nachprüfung einer Benotung. Ich kann mich nicht erinnern, daß unsere Oberen daran je einen Gedanken verschwendet hätten. Von daher kann ihnen noch einiges Ungemach drohen.


Kommentar von NZZ, 4. 3. 2006, verfaßt am 04.03.2006 um 19.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3285

Änderungen abgesegnet
Die Kultusministerkonferenz folgt dem Rechtschreib-Rat

Die deutsche Kultusministerkonferenz hat am Donnerstag einvernehmlich beschlossen, den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung zu folgen und das Reformwerk nach seinen Vorgaben zu ändern. Damit erfährt die bereits mehrfach modifizierte «Wiener Erklärung» von 1996 eine weitere Dekonstruktion; ob es ihre letzte ist, bleibt abzuwarten. Die mit der Reform aufgewachsenen Schüler müssen umlernen; dass sie dies begrüssen, darf man bezweifeln. Auch ist an eine vollständige Beilegung des Rechtschreibestreits nicht zu denken. Immerhin konzedieren selbst Verfechter einer konsequenten Rückkehr zum alten Usus, dass der nun vorliegende Kompromiss zahlreiche grobe Verstösse gegen die Sprachlogik tilgt. Dass stehende Begriffe wie «Schwarzes Brett» oder das vertrauliche «Du» in Briefen wieder gross geschrieben werden, dass bei der Silbentrennung keine einsamen Einzelbuchstaben mehr am Zeilenende stehen dürfen und dass man Wörter, zumal zwecks Kennzeichnung einer übertragenen Bedeutung, wieder wie einst zusammenschreiben darf, könnte manches erzürnte Gemüt beruhigen.

Vorbehaltlich der Zustimmung der Ministerpräsidenten der Bundesländer soll die neue Regelung am kommenden 1. August in allen deutschen Schulen verbindlich werden. Für dadurch überholte Schreibweisen gelte eine Übergangsfrist von einem Jahr, in welcher sie nicht als Fehler zu werten seien. Bei Zweifelsfällen habe man sich - Bertelsmann und Duden-Verlag werden es mit Freude vernehmen - an aktualisierte Wörterbücher zu halten. Von Schulbüchern heisst es, sie könnten weiter benutzt werden und würden «im üblichen Erneuerungsturnus ausgetauscht». Noch fraglich ist, inwieweit jene Zeitungen, die vor Jahren enttäuscht zur alten Rechtschreibung zurückkehrt sind, den jetzt propagierten Regeln folgen werden, um das oft düster vermerkte «Rechtschreib-Schisma» zu beenden. Einige verhalten positive Signale legen eine solche Wende nahe.

In der Schweiz haben sich zuletzt vor allem der Lehrerdachverband (LCH) und der Sprachkreis Deutsch in Opposition zum Rechtschreib-Rat und seiner Arbeit begeben. Den Pädagogen sind die zahlreichen alternativen Schreibungen ein Dorn im Auge. Die Varianten-Freiheit, welche der Rat gewähre, mache die Regelung der Orthographie komplizierter und höhle ihre «Zuverlässigkeit und Autorität» aus. Hans Ulrich Stöckling, Präsident der schweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz, widerspricht dem Verlangen des LCH, besser die gesamte Reform noch einmal gründlich aufzurollen, statt an ihr herumzudoktern. Bei aller Toleranz gegenüber der Freiheit des Bürgers in Sachen Rechtschreibung jedoch meint auch er: «Für die Schule muss man rekurssicher sein.» Anders als der LCH hält Stöckling die Empfehlungen des Rates für akzeptabel. Er stelle sich vor, sagte er gegenüber der NZZ, die Schreibungen als Alternativen zuzulassen und am Ende einer Übergangsfrist über ihre Verbindlichkeit zu entscheiden. Allerdings sollte ein solcher Beschluss «nicht ohne ordentliche Vernehmlassung» gefasst werden. Eine Marschroute, wie die Schweiz mit dem Entscheid der deutschen Kultusminister verfahren will, werden die kantonalen Erziehungsdirektoren bei ihrer turnusgemässen Zusammenkunft am kommenden Donnerstag beraten.

Joachim Güntner


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2006 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3282

Darauf wird es hinauslaufen, nachdem die Kultusminister am Donnerstag nicht die Kraft zu einem Befreiungsschlag gehabt haben. Er hätte darin bestanden, das Experiment der Reform auslaufen zu lassen - wegen Nichtakzeptanz. Das wäre keine Schande gewesen, denn es hätte dem Volk sein Recht belassen. Nun wird die Verwirrung immer größer, und die Verantwortlichen werden überhaupt nicht mehr aus ihrer Schuld herauskommen.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.03.2006 um 17.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3279

Herr Bärlein, ich sagte es schon einmal: Der Staat, der die reformierte Schreibung an den Schulen eingeführt hat, muß sie dort auch wieder abschaffen. Die "Politik" muß also doch noch einmal tätig weden. Erst dann wird die Reform nur noch Geschichte sein. Diese letzte "Niederlage" wird man den Verantwortlichen nicht ersparen können, obwohl alle am liebsten nicht mehr an ihr Jahrhundert-Fiasko erinnert werden möchten.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.03.2006 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3278

Jetzt fehlt noch das Schlagwort "Erfüllungspolitiker" gegen die Ministerpräsidenten der Länder, die GEW, den Bundeselternrat usw. (Schimpfwort gegen die "Weimarer Koalition" nach 1920, welche die Verpflichtungen aus dem "Versailler Diktat" erfüllen wollten)


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 04.03.2006 um 16.23 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3277

Vor- und Nachteile sowie überraschende Probleme des Unsinns

Einige der Unsinnigkeiten der Reform sind nun beseitigt. Sagte eine Kultusministerin anläßlich des Durchwinkens der neuesten Revision. Was soll jetzt der Normalverbraucher machen? Ein gültiges Wörterbuch auf aktuellem Stand gibt es noch nicht, nur ein Wörterverzeichnis mit den jetzt geltenden Schreibweisen von etwa 14.000 Wörtern: http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/doku/regeln2006.pdf Dieses müßte man sich zu seinem alten Duden stellen, dann wäre man voll im Grünen Bereich. Noch nicht abgeschafft wurden "dass" und "muss", obwohl dies eine recht vorteilsarme Angewohnheit ist: sie führt zu mehr Fehlern und wurde deshalb nach einem Feldversuch schon 1901 wieder aufgegeben. Über diesen Unsinn war genug Gras gewachsen ...

Wie auch immer, man will nicht alt aussehen und schreibt unverdrossen "dass" und "muss", aber jetzt halt wieder "kennenlernen" und "Spaghetti". Und was ist das Problem? Das Problem ist, daß "dass" und "muss" die Markenzeichen der Reform sind. Aber welcher Reform denn jetzt? Die neue, weniger unsinnige, HAT kein schnell erkennbares Markenzeichen! Wie gibt man unübersehbar zu verstehen, daß man kein Altreformierter ist, der beliebig viel Unsinn mitmacht, sondern ein Neureformer, der selbstbewußt einige Unsinnigkeiten weniger mitmacht? Hmm, man könnte versuchen, immer gleich im ersten Absatz etwas jetzt wieder erlaubtes wie "vielversprechend" oder "leidtun", "aufwendig" oder "selbständig", oder eine sinnvolle Worttrennung am Zeile- nende einzustreuen. Aber so behände wie ein "dass" und "muss" sticht sowas nicht ins Auge, das ist leider wahr.

Nein, auf der sicheren Seite ist man nur, wenn man jetzt wieder frechweg (nicht mehr "frech weg") "daß" und "muß" und natürlich auch "müßte" schreibt. Damit tut man zweifelsfrei kund, daß man GAR keinen Unsinn mitmacht, außer solchem, den auch schon Thomas Mann, Heinrich Böll, Günter Grass und fast alle mitgemacht haben, die im 20. Jh. irgendwas geschrieben haben. Sich in solcher illustren Kumpanei als altmodisch abstempeln zu lassen - ist es nicht ein kleineres Übel im Vergleich zu der Alternative, jetzt fehleingeschätzt zu werden als williger Befehlsempfänger und Vollzieher unsinniger Anordnungen einer (noch dazu unbefugten) Obrigkeit?

Die ganze Sache ist heikel und nicht ohne Tragik. Der größte Vorteil der Reform ließ sich zusammenfassen in dem Satz "Ist es auch Unsinn, so hat es doch Methode". Nun wurde also ausgerechnet dieser Vorteil demontiert - welche bleiben übrig? Jeder Hinweis ist willkommen. Denn nach dem kritiklosen Mitmachen von Unsinn ist das nächstschlechteste das Mitmachen von etwas, das, bis auf mancherlei Nachteile, keine Vorteile hat.

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Nachwort
Achso, das "Du" in Briefen, das ist doch ein neues Markenzeichen! Nur leider unbrauchbar im unpersönlichen Schriftverkehr und in Veröffentlichungen, also da, wo man sich outen will als Neureformierter. Daß sich die Kultusminister erdreisteten, die Großschreibung nun wieder zu erlauben, in persönlichen Briefen!!!, ist ansonsten sowieso der Gipfel. Nein - noch schlimmer ist, daß dies weithin genau so berichtet und ernstgenommen wurde! Daß der Souverän sie nicht umgehend in die Schranken gewiesen hat! Niemand, absolut niemand, hat auf diesem Gefilde irgend etwas zu erlauben oder vorzuschreiben. Nicht in diesem Gemeinwesen. Irgendwo war dieser Tage zu lesen: "Wenn man etwas am Lack kratzt, findet sich bei manchem Deutschen verblüffend viel wilhelminischer Untertanengeist. Und die meisten merken es noch nicht einmal." Vielleicht merken sie leichter, daß die s-Regel ein Schmarrn ist?


Kommentar von WL, verfaßt am 04.03.2006 um 16.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3276

»Die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer hat gestern wohl vielen aus dem Herzen gesprochen. Die Rechtschreibung werde durch die jetzt von der KMK abgesegneten Änderungen zwar nicht leichter und eindeutiger, aber die Schulen hätten viel wichtigere Probleme, sagte die GEW-Vizechefin am Freitag.«

Aus dem Herzen gesprochen oder nicht: Demmer geht's nemmer, möchte man dazu sagen. Frau Demmer, die jahrelang zu den eifrigsten Befürwortern der Rechtschreibreform gehört hat, erkennt nun, wo diese eben doch unkorrigierbar mißlungen ist, daß die Schulen „viel wichtigere Probleme“ haben, und hält es sogar für überhaupt unwichtig, ob die Rechtschreibung leichter oder eindeutiger ist. Diesen Gedanken hätte sie besser vor 1996 vertreten und sich um die „wichtigeren“ Dinge gekümmert. Es ist erstaunlich, wie wenig Ehrgeiz solche Leute haben, von der Öffentlichkeit ernstgenommen zu werden. Es nimmt sie ja auch niemand ernst.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 04.03.2006 um 15.39 Uhr  
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Nach Clausewitz ist es nicht der Angreifer, sondern der Verteidiger, der den Krieg will. Der Angreifer, heißt es in "Vom Kriege", zöge nur zu gerne friedlich in unser Land ein. Ironie gehörte nicht zu den Stärken des Theoretikers; der Satz ist ernst gemeint und in mehr als einer Hinsicht wahr. In den derzeitigen Versuchen, die Reformgegner als Unruhestifter hinzustellen, von den "Krawallmachern" bis hin zum Kriegstreiber ("Dolchstoßlegende"), zeigt sich das ungebrochene Selbstbewußtsein der Reformkräfte (oder auch das schwindende mancher ihrer Kritiker).

Demgegenüber kommt es jetzt darauf an, das Sachfremde der ganzen Terminologie von "Kompromiß", "Verhandeln" und "Rechtschreibfrieden" zu entlarven. Es handelt sich um Begriffe aus der politischen Sphäre im weiteren Sinne, und nur dort sind sie angemessen.

Von einem sich abzeichnenden Frieden, der etwas anderes bedeutet als bloß Ruhe, kann allenfalls insoweit die Rede sein, als es dem einen oder anderen Kultusminister ernst ist mit dem Eingeständnis, einen Fehler begangen zu haben, und ernst mit dem Versprechen, künftig die Finger von der Sprache zu lassen. Das ist ein echter Fortschritt.

Zugleich aber beharren dieselben Leute darauf, die Bedingungen, unter denen sie zu einer Entpolitisierung der Agenda bereit sind, selbst festzulegen. Das Wort "Diktatfrieden" trifft den Sachverhalt sehr genau. Unterm Strich (dem "Schlussstrich") werden die Probleme bestenfalls nur verschoben: Jetzt soll sich die Gesellschaft alleine mit ihnen herumschlagen, ohne den Staat, der sie verursacht hat, weiter verantwortlich machen zu können.


Kommentar von Neues Deutschland, 4. 3. 2006, verfaßt am 04.03.2006 um 13.22 Uhr  
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»Da werden alle verrückt«
Reform der Reform der Rechtschreibung löst unterschiedliche Reaktionen aus

Von Jürgen Amendt

Die am Donnerstag von der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossenen Korrekturen an der Rechtschreibreform sind auf ein unterschiedliches Echo gestoßen. Politiker und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßten die Änderungen. Kritik kam dagegen von Reformgegnern.

Die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer hat gestern wohl vielen aus dem Herzen gesprochen. Die Rechtschreibung werde durch die jetzt von der KMK abgesegneten Änderungen zwar nicht leichter und eindeutiger, aber die Schulen hätten viel wichtigere Probleme, sagte die GEW-Vizechefin am Freitag. Sie sprach sich dagegen aus, zur neuen Schreibweise auch die alte Rechtschreibung zu erlauben. »Für die Schule ist das keine Lösung«, sagte sie. Es dürfe kein Nebeneinander von zwei oder drei Schreibweisen geben: »Da werden alle verrückt.« Für die Weiterentwicklung der Rechtschreibung erwartet Demmer »erhebliche Einflüsse durch die neuen Medien«. Schon heute sei zu beobachten, dass im E-mail-Verkehr eigene Regeln gelten. Zum Beispiel werde vielfach bereits »eine gemäßigte Kleinschreibung« praktiziert.

Als mehr als überfällig bezeichnete Bundestagspräsident Norbert Lammert die Korrekturen. Die KMK habe sich dafür allerdings viel zu lange Zeit gelassen, meinte der CDU-Politiker. »Schon vor Beginn dieser jahrelangen quälenden Debatte habe man wissen können, dass die Sprache eines Volkes, eines Landes und folgerichtig auch deren Schreibung sich schlechterdings politischen Kommandos entzieht«, sagte Lammert in einem Interview mit dem TV-Sender 3sat.

Die Rechtschreibreform-Gegner der Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) kritisierten dagegen den Kultusminister-Beschluss. Die Auseinandersetzung um die »fehlgeschlagene Rechtschreibreform« könne nicht durch einen »Diktatfrieden abgeschlossen werden«. So beweise die weitere Vermehrung von Schreibvarianten, dass sich der Rat für deutsche Rechtschreibung »an der Aufgabe verhoben habe, die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung wiederherzustellen«. Dem Kreis gehören Schriftsteller wie Walter Kempowski und Reiner Kunze und Sprachwissenschaftler wie Horst Haider Munske und Theodor Ickler an. Letzterer hatte kurz vor Übergabe der Korrekturempfehlungen des Rechtschreibrats an die KMK seinen Austritt aus dem Gremium erklärt. Der Erlanger Germanist begründete dies u. a. damit, dass der Rechtschreibrat dem Druck der Buchverlage nachgegeben habe, die »am Durchziehen der Reform« interessiert gewesen seien, damit ihnen »kein wirtschaftlicher Schaden entsteht«.

Wie erwartet nahmen die Schulbuchverlage die Nachricht von der KMK-Einigung positiv auf. Der Programm-Geschäftsführer des Diesterweg-Verlages in Braunschweig kündigte an, dass sein Verlag rasch mit den Korrekturen in den Deutsch-Büchern beginnen werde. Bis zum 1. September sollen die Deutsch-Bücher in der neuesten Form vorliegen – rechtzeitig zu Beginn des neuen Schuljahres also.

Damit könnten die neuen Regeln erstmals an allen Schulen in Deutschland gelehrt werden. 1996 – zwei Jahre vor dem eigentlichen Start der Reform – hatten zwar zehn Bundesländer bereits freiwillig auf die neuen Regeln umgestellt, doch Bayern und Nordrhein-Westfalen hatten vor einem Jahr die weitere Umsetzung der Reform zurückgestellt und ihren Schülern weiter erlaubt, nach den alten und neuen Regeln zu schreiben. Dies hatte zur Gründung des Rechtschreibrats und zur Überarbeitung der Reform geführt.

Reformblüten
»Mit der Entscheidung der Kultusminister, die Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung anzunehmen, werde die von ihr seit Jahren geforderte Sicherheit in Fragen der Ortografie wiederhergestellt ...«
(dpa am 2. März, 18:19 Uhr, über die Reaktion der Dudenredaktion zum KMK-Beschluss)

»Mit der Entscheidung der Kultusminister, die Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung anzunehmen, werde die von ihr seit Jahren geforderte Sicherheit in Fragen der Orthografie wiederhergestellt ...«
(dpa-Berichtigung am gleichen Tag, 18:43 Uhr)

(www.nd-online.de)


Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 04.03.2006 um 12.55 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3273

„Geschichtliche Parolen und Parallelen“

Zur „Dolchstoßlegende“ unmittelbar nach dem Kriege gehörte auch die These, die Soldaten seien „im Felde unbesiegt“ zurückgekehrt. Mit diesem Vokabular wurde die Schuld am Entstehen und Ausgang des Weltkrieges ideologisch verdeckt.
Ab 1928 zählte das Schlagwort zum propagandistischen Instrumentarium der Nationalsozialisten; sie ersetzten es allerdings später durch das Wort „Novemberverbrecher“.

Es gibt Parallelen zwischen den Ereignissen von einst und jetzt:
Die Reformschreibung wird nach wie vor als überlegene Schreibweise dargestellt; die Motive für die Umstellung und deren Folgen wurden und werden zu keinem Zeitpunkt hinterfragt.

Unterschiede gibt es aber auch:
Die scheinbaren Kriegsgewinnler feiern ihren Jahrestag jeweils zum ersten August des Jahres. (Damals stellte ein Großteil der freien Presse auf „Zwangsschreibung“ um.) Und im übrigen haben sich die "Wehrbeauftragten für gutes Deutsch" in diesem Rechtschreibscharmützel tatsächlich blutige Nasen eingehandelt. Das weiß nun wirklich jeder!


Kommentar von R. M., verfaßt am 04.03.2006 um 12.34 Uhr  
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Wenn Unterstöger im – wie üblich eiertänzerischen – Leitartikel der SZ auf den von uns geprägten Begriff Diktatfrieden Bezug nimmt und so tut, als habe er den darin liegenden Witz nicht verstanden, ist das schon reichlich peinlich für einen gestandenen Streiflicht-Verfasser.


Kommentar von Süddeutsche Zeitung, 4. 3. 2006, verfaßt am 04.03.2006 um 11.30 Uhr  
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Die Baustelle bleibt offen
Von Hermann Unterstöger

„Ich hab es getragen sieben Jahr, und ich kann es nicht tragen mehr“, sagt Archibald Douglas in Fontanes Ballade, und bei der bayerischen Dichterin Emerenz Meier bricht es aus dem Bauernburschen, den sein Mädl hat sitzen lassen: „Schlag, Herrgott, ein und mach an End!“ Das eben gebrauchte sitzen lassen wird man, wie es seinem metaphorischen Sinn entspricht, nun bald wieder zusammenschreiben dürfen, und das ist verdammt gut so, denn lang hätte die deutsche Sprachgemeinschaft „es“ nicht mehr getragen, nämlich das Gezappel und Gezerre um die Rechtschreibreform. Dass der Herrgott nicht einschlagen und ein Ende machen musste, ist wohl ein Verdienst der Kultusministerkonferenz, die sich jetzt doch dazu aufgerafft hat, die Mängel- und Reparaturliste des Rechtschreibrates zu ihrer eigenen Sache zu machen und die Orthografie auf dieser Basis vom 1. August 2006 an für verbindlich zu erklären.

Vom großen Zapfenstreich sollte man dennoch fürs Erste Abstand nehmen. Dafür riecht es allenthalben zu stark nach Pyrrhussieg und Waffenstillstand, nach einem Frieden um des Friedens willen. Die kollektive Willensäußerung der sechzehn Kultusminister stand so überdeutlich unter der Devise „Nun muss aber endlich Ruhe einkehren“, dass man sich nicht anstrengen musste, um das resignierte „ . . . weil wir anders auch nicht mehr weiterkommen“ wie ein Echo mitschwingen zu hören. Anders gesagt: Da die Waffen schartig geschlagen sind, können wir die Rauferei ruhig einstellen und die Visiere hochklappen.

Das Einzige, was vorderhand als Reingewinn gebucht werden kann, ist der Vorsatz, den der sachsen-anhaltinische Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz stellvertretend für viele formulierte: Dass der Staat von so einem Gegenstand künftig die Finger lassen solle. Amen, möchte man sagen, und schreib dir’s ein für allemal hinter deine riesigen Ohren, Staat! Leider ist die Geschichte der Rechtschreibreform unter anderem davon geprägt, dass sich der Staat gar nicht genug tun konnte mit Sich-Einmischen und An-sich-Ziehen, dass er seine Finger ständig und bis an die Handwurzeln in der Sache hatte. Wenn man ihm auch nicht unterstellen sollte, es seien ihm die Untiefen von vornherein bekannt gewesen, so muss er sich doch dafür rügen lassen, dass er, als das Schiff auf Sand zu laufen begann, die Augen davor verschloss und sich auf einen ebenso besserwisserischen wie hochfahrenden Justamentsstandpunkt zurückzog.

Frust auf beiden Seiten

Der Rechtschreibfriede - oder wie immer man den gegenwärtigen Status nennen mag - hat zu viel von einem Kompromiss an sich, als dass man sich über das Unbefriedigende der Lage hinwegmogeln könnte. Der Rückbau der Reform beschert der Nation eine Rechtschreibung, die nun zwischen der alten und der neuen approximativ die Mitte hält, nur dass da eben nicht holdes Bescheiden liegt, wie der Dichter sagt, sondern der Hase im Pfeffer, sprich: der Frust beider Fraktionen über das Ergebnis. Die Reformer haben zwar einen Teil ihres Werks retten können, sind aber trotzdem empfindlich beschnitten worden und müssen zudem mit dem öffentlichen Verdacht leben, sie hätten das alles, ohne über die fachliche Weitsicht zu verfügen, aus Wichtigtuerei vom Zaun gebrochen.

Ihre Gegner dürfen sich, als Bürger wie als Wissenschaftler, dessen rühmen, dass sie gegen das Unding, das die Reform in ihren Augen immer war und ist, aufgestanden sind und manches Hagelwetter dafür haben hinnehmen müssen. Ihnen steckt freilich der Stachel im Herzen, dass der Rechtschreibrat mit seiner Gegenreform auf halber Strecke verdurstete und dass deswegen ihr Ziel, die Una Sancta der orthodoxen Orthografie, im Grunde so weit entfernt ist wie die ganzen letzten Jahre über. Die diesem Lager zugehörige Forschungsgruppe Deutsche Sprache hat bereits den Terminus „Diktatfrieden“ ausgegeben, von dem aus es nicht mehr weit ist zum „Schandfrieden“ unseligen Angedenkens. Unmut hin oder her, beim Griff in die Kiste historischer Parallelen sollte man an sich halten, sonst fuchtelt man am Ende noch mit der „Dolchstoßlegende“ herum.

Gelassen dahintrudeln

Es lässt sich an dieser Stelle nicht vermeiden, die recht verstandene Streitkultur und demokratische Reife der Beteiligten aufzurufen. Das hört sich schon bei größeren Themen pompös an, umso mehr bei Regelungen wie etwa der, dass man den runden Tisch künftig großschreiben darf, wenn man nicht seine vom Schreiner gewollte Form im Auge hat, sondern seine idiomatisierte Gesamtbedeutung - die gute alte „übertragene Bedeutung“. Nichtsdestoweniger wird es beider Tugenden bedürfen, erstens, weil nun alle Fraktionen vor der Frage stehen, ob sie denn um der Eintracht willen mit etwas leben wollen, mit dem sie aus grundsätzlichen Erwägungen eigentlich nicht leben können, und zweitens, weil die Baustelle entgegen dem Augenschein weiterhin offen bleibt.

Eben kündigt ein großer Schulbuchverlag an, dass er sich sofort an die Überarbeitung seiner Deutschbücher macht. Hut ab! Dennoch wird das Land nicht in Anarchie versinken, wenn es auch orthografisch noch ein paar Jährchen so dahintrudelt, wie es das auch in anderen Disziplinen tut. Gibt man den Schulen die Freiheit, während einer Übergangszeit (und möglichst auch danach) die Kirche im Dorf zu lassen und der Sekundärtugend Rechtschreiben nicht mehr Gewicht beizumessen als der Hauptsache Deutsch, wird das kein Schaden sein. Ist diese Gelassenheit erst erreicht, werden auch die letzten Unterrichtsmaterialien nachkorrigiert sein.

Man kann aus der jetzt verabschiedeten Gegenreform die Tendenz herauslesen, dass die alte Orthografie weiteres Terrain zurückerobern wird, dass es speziell bei der Getrennt- und Zusammenschreibung zu einer Art Wiedereinsetzung in den vorigen Stand kommen könnte. Hier eröffnet sich für einen gerecht besetzten, klug operierenden und von staatlicher Gängelung möglichst freien Rechtschreibrat ein weites Arbeitsfeld. Sollte es ihn weiterhin geben, wird es sein Geschäft sein, dem orthografischen Verhalten einer momentan zwar verwirrten, aber deswegen nicht auf ewig konfusen Sprach- und Schreibgemeinschaft hart auf der Spur zu bleiben und im ständigen Austausch mit dieser das zu registrieren, was dann in Gottes Namen als Wille der Sprache gelten kann.

Den Hardlinern beider Feldlager wird das nicht gefallen, weil sie das Prinzipielle im Sinn haben und insofern dazu neigen, hinter jeder Verhandlung den Verrat zu wittern. Die Übrigen aber sind inzwischen dermaßen weich gekocht respektive weichgekocht, dass sie den Streit um des Kaisers Bart, als welcher ihnen der bald zwanzigjährige Krieg um die Rechtschreibung vorkommt, lieber heute als morgen beendet sähen - mag auch der Bart dabei zerrupft zurückbleiben.

Im Film sieht man oft Hochzeiten, bei denen der Pfarrer sagt, wer Hinderliches wisse, sage es gleich oder schweige für immer. So ein Ritual wünschte man sich auch für die Rechtschreibreform.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.03.2006 um 08.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3264

Selbstverständlich sind die Wörterbuchverlage wie keine andere Institution sonst zur Erfassung des Schreibgerauchs und damit zur Vermittlung von Regeln prädestiniert. Sobald sie zur Seriosität zurückgefunden haben, wird ihnen diese Aufgabe ganz von selbst wieder zufallen. Einen Rechtschreibrat braucht es dann nicht mehr, zumal dieser - in Deutschland - gar nicht staatsfern zu denken wäre, wenn er mit der nötigen Autorität daherkommen sollte. Das aber wollen wir auf keinen Fall noch einmal erleben. Auch ich sehe bei den Kultusministern eine Absetzbewegung, nicht nur von der Reform selbst, sondern überhaupt aus einem Gebiet, auf dem sie nur verlieren konnten. (Wie schnell wurde das Ergebnis des Rates durchgewinkt. Die vorher von einigen erzeugte Spannung, ob sie denn nun wirklich....alles nur Getue.) Das wäre dann doch ein kleiner Gewinn aus dem so folgenreichen, überflüssigen Fehltritt.


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 04.03.2006 um 02.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3263

@ kratzbaum

Es wäre meines Erachtens gar nicht schlecht, wenn man die Erfassung der Schriftsprache wieder den Wörterbuchverlagen überließe. In den angelsächsischen Ländern funktioniert das schließlich auch wunderbar. Nur müßte dann zur Akzeptanz in den Schulen sichergestellt sein, daß die Verlage sich nicht mehr zu willigen Erfüllungsgehilfen der Politik machen lassen, wie es 1996 ff. geschehen ist, und sie sich außerdem der Sprachwirklichkeit stellen und diese nicht, wie zuletzt geschehen, zu beeinflussen versuchen, um ständig neue Auflagen ihrer Wörterbücher und ihrer Software unters Volk zu bringen, etwa nach dem Motto: früher warben wir mit der Anzahl neu aufgenommener Wörter, heute mit ständig neuen "Regeln". In dieser Hinsicht ist seit 1996 einiges aus den Fugen geraten; es wird Zeit brauchen, bis sich das wieder eingerenkt hat.

@ Reinhard Markner

Sie haben völlig recht. Diese Alibiveranstaltung auch nur ansatzweise mit der Académie Française in Verbindung zu bringen, ist eine Beleidigung sowohl der deutschsprachigen Nationen wie auch Frankreichs. Vielleicht besteht ja, wenn die Föderalismusreform unter Dach und Fach ist, eine reelle Chance auf einen Rat, der diese Rolle auch verdient. Meines Erachtens hat nämlich die Hektik beim Durchwinken der Reformreform ähnlich sprachferne Hintergründe wie seinerzeit die Brachialgewalt bei der Durchsetzung. Vor zehn Jahren war es der Euro, heute die Föderalismusdebatte, bei der die KMK unter die Räder zu geraten drohte.
Dem "Rat" sollten dann zwar Reformbefürworter, aber nicht mehr die Reformer selbst (die "Altlasten") angehören, und er müßte repräsentativ besetzt sein. Dieser Rat könnte dann zusammen mit den Wörterbuchverlagen Empfehlungen aussprechen. Das wäre immerhin ein Anfang zur Wiederherstellung einer deutschen Einheitsorthographie, und die Chancen stehen vielleicht gar nicht so schlecht, denn die Eingeständnisse wenigstens einiger Kultusminister in den letzten Tagen lassen doch darauf schließen, daß sich dort eine gewisse Erschöpfung, vielleicht sogar Reue eingestellt hat.

Man möchte ja nicht ganz und gar pessimistisch sein ...


Kommentar von R. M., verfaßt am 04.03.2006 um 00.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3259

Fritz Tangermann glaubt allen Ernstes, der Rat werde die Stelle einnehmen, die in Frankreich die Académie innehat.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 03.03.2006 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3256

Der Erfolg hat bekanntlich immer viele Väter. So schreibt der bayerische Ministerpräsident sich und seinem Kollegen in NRW das entscheidende Verdienst an der Korrektur der Reform zu. Das sei ihm gegönnt. Von den Kultusministern will es ja nun keiner gewesen sein, sie wollten immer nur das Beste, was denn sonst. Ich denke, vom Rechtschreibrat wird nicht mehr viel kommen. Eher dürfte der übriggebliebene Reformtorso weiter erodiert werden, z.B. durch eigenmächtige Interpretationen und Korrekturen der Wörterbuchverlage. Die Politik hat die Lust an der Reform längst verloren und wird die, die es wirklich können, weitgehend gewähren lassen. Wir erleben ja gerade, wie der Rat schon gar nicht mehr gefragt wird. Manche, auch der Vorsitzende, tun so, als kämen noch große Aufgaben auf ihn zu im Sinne allgemeiner Sprachpflege und "Reinhaltung" der Sprache, was immer das sein mag. Als Verein kann er dann weiterbestehen, einen amtlichen Auftrag wird er ganz sicher nicht mehr erhalten.


Kommentar von Münchner Merkur, 4. 3. 2006, verfaßt am 03.03.2006 um 19.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3251

Gelassen bis ärgerlich
Rechtschreibreform erhitzt Schülergemüter

Düsseldorf - Sehen Schüler in Deutschland bald völlig "rot" oder "Rot"? Wird ihnen "Angst und Bange" oder "angst und bange"? Nach dem einstimmigen Beschluss der Kultusminister, die umstrittene Rechtschreibreform von 1996 in mehreren Punkten zu korrigieren, geht das Hickhack um die richtige Schreibweise an deutschen Schulen in eine neue Runde. "Ich bin völlig verwirrt", sagt Bodo Schadrack.

Dem 19 Jahre alten Schüler der Jahrgangsstufe 13 am Städtischen Görres-Gymnasium in Düsseldorf geht es nicht allein so. Auch sein Mitschüler Philipp Klein (20) findet die wiederholten Änderungen der Rechtschreibregeln "verrückt". Dass bislang nicht in jedem Bundesland dieselbe Orthografie gültig war, bringt ihn richtig auf die Palme.

Der 18 Jahre alten Natascha Bell fehlt nach mehreren Etappen auf dem Weg zu den bundesweit gültigen Rechtschreibregeln inzwischen die Motivation, sie sich anzueignen. "Die spielen damit rum, wie sie wollen", ärgert sie sich über die Kultusminister. "Wer weiß, was die sich noch einfallen lassen", sagt die 18-Jährige. Karen Schwabe sieht die erneuten Änderungen ziemlich gelassen. "Für uns in der 13 sind die nicht mehr so wichtig, weil wir keine Diktate mehr schreiben", sagt die 18-Jährige.

Die neuen Rechtschreibregeln entsprechen manchmal wieder alten Schreibweisen. Denn die Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung, die die Kultusministerkonferenz am Donnerstag übernahm, bedeuten teilweise eine Rückkehr zur alten Orthografie.

"Die wahren Probleme der deutschen Orthografie liegen außerhalb der Reform", sagt Lehrerin Berthe-Odile Simon-Schaefer. "Es wäre von Anfang an besser gewesen, man hätte Deutschlehrer und Literaten in den Rat geholt", sagt die Lehrerin für Deutsch und Französisch. "Für mich ist die ganze Reform eine Farce, ein Schildbürgerstreich ohnegleichen auf dem Kultursektor", sagt Simon-Schaefer. "Wichtiger wäre es, sich endlich der Pflege der Sprache zuzuwenden."

Befürworter der Rechtschreibreform gibt es am Görres-Gymnasium unter den Schülern aber auch. "Wenn ich "Rad fahren" jetzt groß und auseinander schreibe statt klein und zusammen wie früher, dann ist das sehr, sehr logisch", sagt Leonard Pleschberger. Außerdem: "Reformen in der Orthografie hat es ganz früher auch schon gegeben", betont der 18-Jährige. Der Aufruhr um die Reform sei etwas übertrieben.

Auch Franziska Knauer sieht die Reformregeln positiv. "Dass man statt "ß" nun "ss" schreibt, finde ich sehr sinnvoll", sagt die 17 Jahre alte Schülerin. Nur mit der eingedeutschten Schreibung von Fremdwörtern könne sie sich nicht recht anfreunden. Das große Problem der Reform seien nicht allein ihre Inhalte, sondern die häppchenweise Portionierung, sagt Franziska. "Die Konferenz hätte sich besser vorher ein für alle Mal einigen sollen, bevor sie die Änderungen in Kraft setzte", sagt die 17-Jährige. Maria Panagiotidou, dpa


Kommentar von F.A.Z., 4. 3. 2006, verfaßt am 03.03.2006 um 19.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=427#3250

Stoiber: Reform jetzt viel vernünftiger

löw. BERLIN, 3. März. Der bayerische Ministerpräsident Stoiber (CSU) hält die Reform der Rechtschreibreform, wie sie von den Kultusministern am Donnerstag beschlossen wurde, für "viel vernünftiger" als die im vergangenen Jahr vorgesehenen Regeln. "Ich freue mich, daß frühere Unzulänglichkeiten verhindert wurden", sagte Stoiber dieser Zeitung. Stoiber hielt dieses Ergebnis dem Vorgehen Bayerns und Nordrhein-Westfalens zugute, die im vergangenen Jahr die damalige Reform "nicht umgesetzt" hätten. Das sei "die einzige Möglichkeit" gewesen, daß der Rat für deutsche Rechtschreibung die Chance bekommen habe, Verbesserungen herbeizuführen. Die beiden Länder hatten zwar wie alle anderen die Reform an den Schulen eingeführt, hatten aber im vergangenen Jahr den Schritt aufgeschoben, "Fehler" notenrelevant werden zu lassen, die durch die Anwendung der klassischen Schreibweise erzeugt werden. Bundestagspräsident Lammert (CDU) bezeichnete die Reform der Reform als "ein famoses Beispiel dafür, wie mühsam die Politik gelegentlich Lösungen für Probleme sucht, die sie selbst ohne Not geschaffen hat".



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