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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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28.02.2006
 

Andreas Kilb
Kuhhandel. Nicht empfehlenswert: Der Rat für deutsche Rechtschreibung

Die Straße, in der die Berliner Vertretung des Bundeslandes Schleswig-Holstein liegt, heißt „In den Ministergärten“.
Nicht etwa, weil es dort, am südlichen Ende des Holocaust-Denkmals, so viele Gärten gäbe, von Denkmälern und sprudelnden Brunnen zu schweigen. Aber Minister und Ministerinnen sieht man reichlich in den „Ministergärten“, schon deshalb, weil auch die Landesvertretungen all der anderen Bundesländer hier liegen, an einer Art Hitzepunkt des deutschen Föderalismus. Die feierliche Übergabe der Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung an die Kultusministerkonferenz mußte aber unbedingt in der Vertretung Schleswig-Holsteins stattfinden, da die Kieler Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave zur Zeit gerade den Vorsitz der KMK innehat. Oder schreibt man "inne hat"? Dies zu klären und damit jene "Rechtschreibreform" zu korrigieren, die man kaum noch ohne Anführungszeichen schreiben kann, war die Aufgabe des Rates und seines Vorsitzenden Hans Zehetmair gewesen. Nach der Übergabe seiner Vorschläge zur Reform der Reform wird man sagen müssen, daß er sie - zumindest nach Zehetmairs Maßstäben - halbwegs erfüllt hat, auch wenn damit längst nicht alles klar ist, was zu klären war.

Rein formal war der Übergabeakt ein Erfolg. Die Fotografen bekamen ihr Bild vom freundlichen Händedruck des ehemaligen bayerischen Kultusministers und seiner schleswig-holsteinischen Kollegin, die Mappe mit den Empfehlungen des Rates sah imponierend aus, und Frau Erdsiek-Rave verkündete, als beendete sie einen dreißigjährigen mitteleuropäischen Wörterkrieg, den "Rechtschreibfrieden" in Stadt und Land, das "friedliche Nebeneinander" verschiedener Schreibungen deutscher Wörter. Es komme nun darauf an, "daß das Thema Rechtschreibung nicht einen so großen Raum einnimmt" und die Schüler wieder für andere Dinge Zeit hätten, etwa Grammatik und Lesen, so Erdsiek-Rave, der es nicht schnell genug gehen konnte mit der orthographischen Pax Zehetmairana. Die Kultusministerkonferenz werde "voraussehbar" am Donnerstag den Empfehlungen zustimmen, Unterrichtsmaterialien könnten "leicht angepaßt" werden, auch Schulbücher müßten nicht sofort, sondern nur im üblichen Turnus neu gedruckt werden. Wäre die Rechtschreibreformtragödie ein Film, dann hätte Frau Erdsiek-Rave vermutlich auf dem Schlußtitel bestanden: "The End".

Aber das Ende der Reform kommt erst noch. Es ist nicht dick, eher dünn und kläglich, und es ist ersichtlich eine Übergangslösung, dem "lebendigen Sprachgebrauch" unterworfen, wie sich Zehetmair und der neben ihm auf dem Podium der Pressekonferenz sitzende Direktor des Instuts für deutsche Sprache, Ludwig Eichinger, zu versichern beeilten. Es werde "eine Generation" (Eichinger) dauern, bis die neuen Regeln in der Bevölkerung angekommen seien. Der Rat für Rechtschreibung aber, für weitere fünf Jahre berufen, will jetzt "in ruhige Gewässer kommen" (Zehetmair) und "peu à peu" die Rechtschreibung den Schreibgewohnheiten anpassen. Er persönlich, sagte Zehetmair mit der ihm eigenen Bonhomie, sei überzeugt, daß sich das "Restaurant" gegen das "Restorant" durchsetzen werde.

Was steht nun in den Empfehlungen des Rechtschreibrats? Zum Beispiel, daß Wortverbindungen wie "kennenlernen" und "kleinschneiden" auch "kennen lernen" und "klein schneiden" geschrieben werden können. Daß es "querlesen", aber "quer liegen" heißen muß. Daß "Freestyle" und "Hightech" zusammen, aber "Round Table" auseinander geschrieben wird. Daß "Leid tun" gestrichen wird, aber "Rad fahren" bleibt. So will es angeblich der "existierende Gebrauch", das "Akzentmuster", die Sprachpraxis. Wer aber definiert diese Praxis? Das waren, wie Zehetmair einräumte, die Mitglieder des Rates für Rechtschreibung: achtzehn Deutsche, je neun Österreicher und Schweizer, je ein Vertreter aus Südtirol und Liechtenstein. In strittigen Fragen wurde mit Zweidrittelmehrheit entschieden. Beim "Round Table" etwa gaben die Schweizer Stimmen den Ausschlag, und auch "kennen lernen" geht auf Schweizer Wünsche zurück.

Es gab, mit anderen Worten, einen Kuhhandel um die deutsche Rechtschreibung, einen Interessenausgleich, wie er auch in anderen Kommissionen üblich ist. Damit hat der Rat den Geburtsfehler der Rechtschreibreform fortgeschrieben. Nicht die Sprachgemeinschaft, sondern ein supranationales Gremium hat festgelegt, wie die deutsche Sprache zu handhaben sei. Dessen Empfehlungen mögen von Fall zu Fall vernünftig sein, als Ganzes sind sie ein Unding, ein Octroi. Der lebendige Sprachgebrauch mag vielen Einflüssen unterworfen sein, aber er ist kein Gewächs, das sich im Garten züchten läßt. Auch in den Ministergärten nicht. F.A.Z., 28. 2. 2006



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Kommentare zu »Kuhhandel. Nicht empfehlenswert: Der Rat für deutsche Rechtschreibung«
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Kommentar von Süddeutsche Zeitung, 27. 2. 2006, verfaßt am 04.03.2006 um 18.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3283

Weiterhin des Öfteren
Der deutsche Rechtschreibrat übergibt seine Empfehlungen Als wahrhaft unbelehrbar erweist sich die Politik. Kaum hat der Rat für deutsche Rechtschreibung, von der Kultusministerkonferenz unter massiven Zeitdruck gesetzt, seine Reparaturen an der Reform vorläufig abgeschlossen, da meldet sich der saarländische Bildungsminister Jürgen Schreier (CDU) und will die Zeitungen in die Pflicht nehmen. Sie hätten zwar "großen Anteil" an der Revision der missratenen Neuregelung der Rechtschreibung. "Nun müssen sie aber Verantwortung übernehmen und den Empfehlungen des Rechtschreibrats zur neuen Rechtschreibung folgen." Müssen sie? Nein, sie müssen nicht.

Am heutigen Montag wird der Rat für Rechtschreibung seine Empfehlungen den Kultusministern überreichen. Deren Konferenz wird am Donnerstag oder Freitag dieser Woche entscheiden, ob sie sich den Empfehlungen anschließen wird - und alles deutet darauf hin, dass es so kommen und der nun schon zehn Jahre währende Streit um die Reform vielleicht ein vorläufiges Ende finden wird. Folgen die Kultusminister den Empfehlungen, wird künftig wieder mehr zusammengeschrieben werden, wird es keine Abtrennung von Einzelbuchstaben mehr geben ("A-bend"), die "Große Koalition" soll wieder groß und "pleitegehen" klein geschrieben werden können (SZ 4./5. Februar). Auch das "Du" wird wieder mit einem großen Buchstaben beginnen. Und wenn das alles so sein wird, dann wird die neueste Rechtschreibung - tatsächlich: die dritte Reform der deutschen Rechtschreibung seit 1996 - am 1. August dieses Jahres in Schulen und Ämtern verbindlich werden.

Aber ist das alles? Nein. Ein großer Teil der reformierten Reform ist dem Zugriff des Rates entzogen. Er wird sich in einer Wörterliste finden, die außerhalb des Instituts für deutsche Sprache und bis auf die Gesandten dreier Wörterbuchverlage keiner kennt. Ob es "heute abend" oder "heute Abend" heißen soll, ist offenbar noch nicht entschieden. Die neue Schreibung "leidtun" (klein und zusammen) hat es noch in keiner deutschen Rechtschreibung gegeben. Auch wird es weiter "des Öfteren" heißen dürfen, und man weiß nicht, ob diese Schreibung nun obligatorisch oder fakultativ gelten soll. Auch diese Reform ist Flickwerk, in aller Hast und unter denkbar schlechten Voraussetzungen zustandegekommen.

Genauso willkürlich, wie die Politik damit begonnen hat, die Rechtschreibung zu verändern, so willkürlich bricht sie ihr Herumbasteln an der deutschen Sprache jetzt wieder ab - und jedesmal kommt sie daher, breitbeinig und mit aufgeblasenen Backen, und verlangt den Respekt der Bevölkerung oder der Zeitungen. Sie war nicht gezwungen, in die Orthographie einzugreifen. Dass sie es trotzdem tat, war eine Anmaßung, ein Übergriff ins Unmögliche, und der Schaden, der sprachliche wie der volkswirtschaftliche, den die Politik durch diesen Übergriff verursachte, war und ist immens. Ein wenig Zurückhaltung wäre das Mindeste, was ihr jetzt angemessen wäre. Das gilt auch für saarländische Bildungsminister. tost


Kommentar von taz, 28. 2. 2006, verfaßt am 03.03.2006 um 02.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3192

Die Reformreform

VON RUDOLF WALTHER

Die Chancen zur Beendigung des Streits um die deutsche Rechtschreibreform stehen nicht schlecht. Gestern hat der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Korrekturvorschläge der Reform an die Kultusministerkonferenz (KMK) übergeben. Am Freitag dieser Woche wird die KMK darüber entscheiden. Nach allen Vor- und Rückwärtssprüngen, die diesen seltsam verschlungenen Reformprozess auszeichnen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die KMK der Mehrheit der 39 Ratsmitglieder folgen wird.

Im April 2004 war der Rat unter Leitung des ehemaligen bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair eingesetzt worden, weil die Kritik an dem Reformprojekt nicht abriss. Er sollte Änderungen an der Reform vorschlagen, wozu allerdings eine Zweidrittelmehrheit nötig war. Nach den nun bekannt gewordenen Empfehlungen sollen sich Groß- und Kleinschreibung sowie Zusammen- und Getrenntschreibung nun stärker nach der Betonung und der Gesamtbedeutung des Begriffs richten: So soll der "Blaue Brief", das "Schwarze Brett" und der "Runde Tisch" (in der Politik) geschrieben werden.

Als Beispiele für die Zusammenschreibung nannte der Rat "schwerfallen", "müßiggehen" und sich "näherkommen" sowie "pleitegehen". Bei Verbindungen, bei denen das Adjektiv eine Eigenschaft des Objekts bezeichnet, soll Zusammen- und Getrenntschreibung möglich sein. Zum Beispiel: eine Wand "blau streichen" oder "blaustreichen"; Zwiebeln "klein schneiden" oder "kleinschneiden".

Kompromissvorschläge, die einen Streit beenden sollen, der inzwischen fast zehn Jahre währt. Die Reform der deutschen Rechtschreibung begann am 1. Juli 1996 mit einer "Gemeinsamen Absichtserklärung" der Kultusminister aus der BRD, Österreich und der Schweiz für eine "Neuregelung der deutschen Rechtschreibung" nach den Vorschlägen einer Expertenkommission. Die neuen Schreibweisen sollten nach einer Übergangsfrist zum 1. August 1998 flächendeckend eingeführt werden. Zehn Bundesländer gingen jedoch sofort zur neuen Rechtschreibung über - ein Verstoß gegen das, was die Reformgegner mit viel Pathos "Rechtschreibfrieden" nennen.

Ende August 1996 legte der Duden eine neue Auflage vor. Helles Entsetzen erschütterte das Land, denn der neue Band enthielt einige Ungereimtheiten. Die KMK bekam kalte Füße und berief im März 1997 eine "Zwischenstaatliche Kommission", die anstelle von Duden, der sein Monopol verlor, den Korrekturbedarf ermitteln und "die Diskussion versachlichen" sollte.

Daraufhin lehnte es die KMK zunächst ab, am Reformwerk herumzuflicken, und entschied, dass die Reform für alle Schulen und Ämter zum 1. Juli 2005 verbindlich werden sollte. Im Juni 2005 billigte die KMK dann aber doch moderate Änderungsvorschläge der "Zwischenstaatlichen Kommission".

Damit aber noch nicht genug: Im Juni 2004 war der Rat für Rechtschreibung an die Stelle der Zwischenstaatlichen Kommission getreten - nötig geworden war er, weil sich die Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen weigerten, die Regelungen in Kraft zu setzen. Wenn die KMK nun auch die Vorschläge des Rats billigt, wäre der Reformprozess zumindest offiziell an ein Ende gekommen - freilich unter Aufgabe vieler ehrgeiziger Reformziele auf radikale Vereinfachung der deutschen Schriftsprache. Vom Schaltjahr 2006/2007 an soll sie dann endgültig an den Schulen gelten.

Inoffiziell wird der Streit aber wohl weitergehen. Theodor Ickler, Erlanger Linguist und Vordenker der Reformgegner, hat am Samstag in einem langen Artikel in der FAZ seinen Austritt aus dem Rat angekündigt. Das bedeutet, dass zumindest die verbissenen Reformgegner auch die Beschlüsse der KMK von dieser Woche nicht als letztes Wort nehmen werden.


Kommentar von meinberlin.de, 28. 2. 2006, verfaßt am 02.03.2006 um 01.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3136

»Rechtschreibung
Kommt jetzt der Duden-Super-Gau?


Scheußlich aber wahr: In Berlin entscheiden diese Woche schon wieder irgendwelche Beamte über die deutsche Sprache. Dass sie von der Materie keine Ahnung haben, haben die „Duden-Faschisten” schon bei der letzten Rechtschreibreform gezeigt. Mit Wehmut erinnert man sich heute daran, dass damals eigentlich alles viel einfacher werden sollte. Wird im Deutschunterricht bald nur noch Duden gepaukt und Goethe vergessen?

Noch sind für den von den Kultusministern nach jahrelangen Querelen herbeigesehnten „deutschen Rechtschreibfrieden” nicht alle Probleme vom Tisch. Doch mit der Entgegennahme der Korrektur-Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung wurde am Montag zumindest eine weitere Hürde genommen. Der für Donnerstag geplante offizielle Änderungsbeschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) gilt nunmehr als sicher. Ziel ist die Wiederherherstellung einer einheitlichen Rechtschreibung in allen deutschen Schulen zum Herbst dieses Jahres.

Bayern und NRW streikten

Denn mit Blick auf die erwarteten Änderungen der bereits 1996 von Deutschland und den anderen deutschsprachigen Staaten beschlossenen Rechtschreibreform waren überraschend vor einem Jahr Bayern und Nordrhein-Westfalen ausgeschert. Die beiden bevölkerungsreichsten Bundesländer ließen den vereinbarten offiziellen Starttermin zum 1. August 2005 verstreichen.

Folge: Nur in den Schulen von 14 der 16 Bundesländern sind heute bereits die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform verbindlich. Während in NRW und Bayern noch immer „Stengel” statt „Stängel” geschrieben werden darf, gilt das in den anderen Bundesländern heute als Fehler.

Die KMK-Präsidentin Ute Erdsiek Rave (SPD/Schleswig-Holstein) gab sich zuversichtlich, dass mit den Änderungsempfehlungen nun eine gute Grundlage zur Rückkehr zu einer einheitlichen Rechtschreibung in den Schulen gefunden worden sei. Angesichts des jahrelangen Streits erinnerte Erdsiek-Rave mit ein wenig Wehmut an die eigentlichen Reformziele: Die Rechtschreibung sollte einfacher werden und in den Schulen schneller zu erlernen sein - damit die Schüler im Unterricht mehr Zeit für Grammatik und Literatur haben.

"Wohl übers Ziel hinausgeschossen"

Der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, der jetzt als „Architekt der Reform der Reform” gilt, war als früherer bayerischer Kultusminister selbst an dem umstrittenen Reformbeschluss von 1996 beteiligt. Freimütig räumt Zehetmair heute ein, das die Kultusminister damals „wohl übers Ziel hinaus geschossen” sind. In dem mit Gegnern wie Reformbefürwortern bestückten Rat sei Zehetmair - so räumen auch Kritiker ein - beinahe so etwas wie die „Quadratur des Kreises” gelungen. Viele der im Rat mit Zwei-Drittel-Mehrheit verabschiedeten Änderungsvorschläge tragen seine pragmatische Handschrift.

Zehetmair sah sich dabei von zwei Lagern konfrontiert. Auf der einen Seite „die Puristen”, die alles wieder wie vor der Reform von 1996 schreiben wollten, auf der anderen Seite „die Puristen”, die an jeder Neureglung unbedingt festhalten, beschrieb er am Montag bei der Übergabe der Empfehlungen seine Arbeit. „Extrempositionen sind aber in einer Demokratie nicht mehrheitsfähig”, gibt der 69-Jährige zu bedenken.

In den Empfehlungen zur Korrektur der Rechtschreibreform, die der Rat jetzt in einjähriger Arbeit erstellte, sieht Zehetmair nur einen ersten Teil seiner neuen Aufgabe. Der Rat ist zunächst für sechs Jahre eingesetzt und soll als eine Art „Sprachwächter” die weitere Entwicklung der Rechtschreibung beobachten - wie einst der „Duden”- Verlag. Dabei will er sehen, ob sich im Volksgebrauch tatsächlich auf Dauer der „Stängel” (neu) gegenüber dem „Stengel” (alt) durchsetzt - oder das „Quäntchen” gegenüber dem „Quentchen”. (Quelle: mb/dpa)«


(meinberlin.de, 28. 2. 2006)


Kommentar von Neue Westfälische, 28. 2. 2006, verfaßt am 01.03.2006 um 01.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3117

Neue Frist für neue Regeln. Rechtschreibung zum 1. August geändert

[...] -befürwortern die "Quadratur des Kreises" gelungen sei, sagte Reinhard Markner, Vorsitzender der Forschungsgruppe Deutsche Sprache: "Das ganze Verfahren ist außerordentlich fragwürdig." Die "im Schweinsgalopp" verabschiedeten Revisionen richteten zwar keinen Schaden an, doch "insgesamt bleibt dieses Paket klar hinter dem zurück, was notwendig [...]
[...] Markner befürchtet weitere Änderungen: "Es wird keinen erzwungenen Rechtschreibfrieden in dieser Form geben." Zudem habe der Rechtschreibrat seine Arbeit "nicht ordnungsgemäß abgeschlossen", kritisierte Markner. So sei das 125.000 Wörter zählende neue Rechtschreibverzeichnis im Rat nicht einmal im Detail besprochen worden. [...]


Kommentar von Rheinische Post, 1. 3. 2006, verfaßt am 01.03.2006 um 01.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3116

Schreib-Notbremse

Schön, dass wir Deutschen in unserer Schriftsprache bald wieder vielversprechende (= talentierte) von viel versprechenden (=populistischen) Politikern unterscheiden können. Der Rechtschreib-Rat hat bei seinen Korrekturen der Rechtschreib-Reform die Notbremse gezogen und mit dem gröbsten Unfug aufgeräumt: mit Regeln über Getrenntschreibungen, die zu Sinnverfälschungen führten.
Man darf künftig wieder Begriffspaare zusammenschreiben, wenn sie einen neuen Sinn ergeben. Das ist die gute Nachricht. Die Schlechte ist: Es bleibt bei dem chaotischen Gesamtbild, das die Rechtschreibreform hinterlässt. Unsere Schüler werden auf Jahre hinaus viele Schreibweisen vor Augen haben – in ihren Schulbüchern (die verschiedene Reformstufen widerspiegeln) und erst recht, wenn sie zu Hause zum Buch greifen. Faktisch ist die Reform, die angetreten ist, das rechte Schreiben transparenter zu machen, gescheitert.

Und nun? Die Welt wird davon nicht untergehen, gute Romane bleiben gute Romane – egal ob in alter, in neuer oder in allerneuester Schreibweise. Schließen wir die elende Rechtschreibreformendlosdebatte endlich ab. Richten wir unsere Energie lieber auf die Frage, wie wir die Leselust bei Schülern fördern. Lesen ist Denken ist Erfolg – das vor allem zählt. Jens Voss


Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.03.2006 um 00.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3114

Das Kriterium der Wortbetonung ersetzt jetzt bei Resultativverben das Kriterium der Steigerbarkeit des Adjektivs. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt der Reform-Reform, denn 1996 war es genau umgekehrt: 1996 war es ein Reformgrundsatz, die Wortbetonung nicht zu beachten und die Getrenntschreibung von der Steigerbarkeit des Adjektivs oder seiner Endung auf -ig, -isch oder -lich abhängig zu machen. Die Reformgegner haben das von Anfang an als Blödsinn angeprangert.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.02.2006 um 20.04 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3112

"Also schreibt jeder, wie er will", sagt Martin Müller Mertens in der Berliner Umschau. In der Tat, schreibt er doch: "Erdsiek-Rave zu Folge ..."


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 28.02.2006 um 18.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3111

Ein schlechter Karnevals-Scherz ...
Schon mal darüber nachgedacht, daß der Zeitpunkt für die KMK-Aktion geschickt gewählt ist? Während sich das Volk entweder beim Bonbonhaschen das Schultergelenk ausrenkt und sich beim Dauertrinken Gerstensaft hinter die überdimensionalen Fliegen gießt, kann man die sogenannte Rechtschreibreform durchwinken. Danach heißt es wieder einmal: Das Volk hat es gelassen hingenommen. Alles ist gut unter Dach und Fach!


Kommentar von Bardioc, verfaßt am 28.02.2006 um 18.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3110

''Rechtschreibkorrekturprogramme gibt es nur für die neue Rechtschreibung. Vielleicht gibt es eins, mit dem anschließend die neue in die alte umgewandelt werden kann. Dann werden alle ss zu ß. Es fehlt ein Korrekturprogramm für die normale Rechtschreibung, damit man gleich in dieser schreiben kann. Nur die Korrektur für die neue auszuschalten, hilft unsicheren Schreibern nicht.''

Gab es nicht auch vor 1996 schon Rechtschreibkorrekturprogramme. In www.rechtschreibreform.com gab es den ''Normalfiler'', der möglicherweise Ihren Vorstellungen relativ nahekommen dürfte. Meiner Ansicht nach sind Textverarbeitungsprogramme mit Rechtschreibprüfung schlechte Programme, eine solche Korrekturmöglichkeit niemals in allen Fällen korrekte Schreibungen wird vorschlagen können, schließlich kennt sie nicht die beabsichtigte Aussage des Textes. Unsichere Schreiber können dadurch auch nicht sicherer werden, sondern werden höchstens noch mehr verunsichert, wenn die Rechtschreibkorrektur widersinnige Korrekturvorgaben macht. Man darf nicht die Lösung für jedes ''Problem'' beim Computer suchen.



Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 28.02.2006 um 18.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3109

"Germanist", das stimmt nicht. Rechtschreibkorrektur erfolgt auch für die gute Rechtschreibung, wenn man das Häkchen bei "neu" im Word-Programm entfernt. Das ist ganz einfach und kann von jedem gemacht werden. Auch mein Profi-Programm QuarkXPress enthält in der neuesten Version die Varianten "alt"/"neu" zur Wahl.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 28.02.2006 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3108

Rechtschreibkorrekturprogramme gibt es nur für die neue Rechtschreibung. Vielleicht gibt es eins, mit dem anschließend die neue in die alte umgewandelt werden kann. Dann werden alle ss zu ß. Es fehlt ein Korrekturprogramm für die normale Rechtschreibung, damit man gleich in dieser schreiben kann. Nur die Korrektur für die neue auszuschalten, hilft unsicheren Schreibern nicht.


Kommentar von Jens Stock, verfaßt am 28.02.2006 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3106

Zur Berliner Umschau:

Nach eigenen Angaben hält sich die Berliner Umschau an die traditionelle Rechtschreibung. Dies ist natürlich zunächst einmal sehr löblich! Allerdings scheint die Adelungsche s-Laut-Schreibung doch gewisse Schwierigkeiten zu bereiten. So lese ich auf den Seiten der Berliner Umschau beispielsweise: zuläßig, unzuläßig, Anpaßung usw.

Sind das einfach nur Fehler, oder steckt was Besonderes dahinter? Weiß das jemand?


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 28.02.2006 um 12.27 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3104

Interviews mit Erdsiek-Rave unter:
http://rechtschreibung.com/Forum/neueste_Eintraege.php
Falls sie hier gewünscht werden, müßte jemand sie hier einsetzen.


Kommentar von Berliner Umschau, verfaßt am 28.02.2006 um 11.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3103

Ein Kommentar von Martin Müller-Mertens.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 28.02.2006 um 09.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3101

An dieser "Kleinigkeit" läßt sich beispielhaft erkennen, wes Geistes, besser Ungeistes die Reformer und vor allem ihre staatlichen Vollstrecker sind. Es geht um Gesellschaftsveränderung per Machtausübung. Herrsche über die Sprache als das konstituierende Moment eines Menschen, so beherrschst du ihn schon sehr weitgehend. Ähnliches gilt eigentich sonst nur noch in der sexuellen Sphäre. Unterwirft er sich dort, so ist er zu allen möglichen Unterwerfungen bereit.


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 28.02.2006 um 08.06 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3100

Nach wie vor nicht erkannt haben die meisten anderen Zeitungen, um was für eine Anmaßung es sich bei der Reform immer noch handelt.
Typisch, was im "Spiegel online" steht:

"- die "Höflichkeits"-Großschreibung beim Pronomen Du und den dazugehörigen Fällen in Briefen wird wieder erlaubt."

Da steht wirklich "erlaubt"! Die Entgleisung, die Arroganz der Macht, so etwas erlauben oder untersagen zu wollen, wird überhaupt nicht erkannt. Und das im SPIEGEL. Ebenso in der Braunschweiger Zeitung von heute, die ansonsten im Kommentar halbwegs in der Sache kritische Töne findet (nicht jedoch hinsichtlich des Verfahrens).



Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 28.02.2006 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3099

Unheilbar

A. Kilb bringt es auf den Punkt: Im einzelnen "vernünftige" Verbesserungen ändern nichts am Geburtsfehler der Reform. Sie stellt einen schweren Eingriff in ein nur unvollkommen verstandenes System dar, das sich über einen langen Zeitraum quasi-evolutionär herausgebildet hat und sich ständig weiterentwicklelt. - wie die Sprache überhaupt. Diese Weiterentwicklung geschieht allein durch die Praxis und ist nie ganz vorhersagbar. Es gibt allerdings erkennbare Tendenzen. - Man könnte auch vom "Ökosystem" Orthographie sprechen. Vergleichen wir die staatlichen Eingriffe in ein gewachsenes System mit Genmanipulationen, so besteht die Analogie darin, daß auch dabei niemand die Folgen für das Gesamtgefüge abschätzen und vohersagen kann. Ein Wirtschaftswissenschaftler hat einmal angesichts moderner Mangementmethoden gesagt, diese ersetzten den Zufall durch den Irrtum. Die Geschichte der Rechtschreibreform ist bisher eine Geschichte der Irrtümer. Ausnahmslos jeder Änderungsschritt war eine Rückkehr zur überkommenen Schreibung. Das sollte wenigsten dem einen oder anderen der Verantwortlichen zu denken geben. Es belegt eine immanente Zweckmäßigkeit, ja "Weisheit" der traditionellen Schreibungen. Ob Sprachwissenschaftler, Politiker, Gewerkschaftler, Schulbuchverleger oder wer sonst an der Rechtschreibung herummanipulieren, ist ganz unerheblich. Man muß sie einfach nur sich selbst, d.h. der Sprachgemeinschaft überlassen - aber gerade das Unvermögen hierzu steht am Anfang eines Irrweges, dessen Route einfach falsch gewählt war.


Kommentar von GL, verfaßt am 28.02.2006 um 06.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3098

In den Ministergärten des Rates hofft man, nach diesem Round Table endlich peu à peu in ruhige Gewässer zu kommen. Hoffentlich wird ihnen dieser Krüppel im "Restorant" noch im Hals stecken bleiben!


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 28.02.2006 um 01.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3097

In dem „Akzentmuster“-Artikel findet man:

»Groß- und Kleinschreibung
Die Änderungsvorschläge in diesem Bereich werden auf das systematisch Nötige beschränkt.«

Was für eine gekonnt euphemistische Ausrede!


Kommentar von R. M., verfaßt am 27.02.2006 um 23.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=419#3094

Ein neues Schlagwort: das Akzentmuster (klingt nach Eisenberg).



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