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27.02.2006
 

Christian Meier
Von wegen Staatsräson! Der Eiertanz der Kultusminister

Wie die Dinge mittlerweile stehen, sollte, wer sich nicht auf das Abfassen absurder Theaterstücke versteht, über die Rechtschreibreform eigentlich besser schweigen.

Überall sieht man die potentiellen Leser abwinken. Genug, genug! Man gähnt! Ist nicht alles schon x-mal gesagt? In der Tat, es ist. Und inzwischen bezeugt die letzte Vorsitzende der KMK, Johanna Wanka, ja auch: "Die Kultusminister wissen längst, daß die Rechtschreibreform falsch war." Willkommen im Club, könnten jene 61 Prozent der Deutschen sagen, die sich im Juli 2005 gegen das neue Regelwerk aussprachen (während es acht Prozent befürworteten). Somit läßt sich - die Ideologen der Reform mögen es verzeihen - wohl mit bestem Gewissen feststellen: Es war alles für die Katz.

Was also hindert, den ganzen Zauber dahin zu expedieren, wo er hingehört, in den Orkus nämlich? Die Staatsräson. Nochmals Wanka, dem "Spiegel" gegenüber: "Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden." Gähnen hin, gähnen her, dazu muß denn doch etwas gesagt werden.

Staatsräson ist doch wohl der Grundsatz, daß oberste Richtschnur für das staatliche Handeln die Verwirklichung des Staatswohls ist, gegebenenfalls ohne Rücksicht auf Recht und Sitte. Dieses Staatswohl kann kaum daran hängen, daß man statt Flußschiffahrt Flussschifffahrt schreibt. Es muß also etwas anderes gemeint sein. Wahrscheinlich liegt man nicht falsch mit der Vermutung, die Kultusminister glaubten, das Staatswohl verlange, daß keine Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkämen. Sie fürchten die Blamage, wenn sie die ganze Aktion abblasen, und sei es, indem sie eine wirklich gründliche Reform der Reform zuließen.

Ganz im Sinne Machiavellis, der von der ragione di stato zwar noch nicht spricht, auf den sie aber der Sache nach mit gutem Grund zurückgeführt wird, versucht man es deshalb mit Täuschungen, die indes allzu fadenscheinig sind. Man setzt einen unabhängigen Rat für Rechtschreibung ein, dem auch Kritiker angehören sollen. Sieht gut aus, auch wenn er sich weit überwiegend aus Reformanhängern rekrutiert. Da doppelt genäht besser hält, verfügt man, daß er Beschlüsse nur mit Zweidrittelmehrheit fassen darf. Ein Aufwand wie bei verfassungsändernden Gesetzen. Und man führt den Rat eng am Gängelband der Termine. Immerhin lassen sich so einige der gröbsten Mängel der Reform beseitigen. Der nächste Akt folgt am 2./3. März. Da wird die KMK die Beschlüsse vermutlich absegnen. Und wird so tun, als ob damit alles gut wäre. Vielleicht glauben's die Leute ja.

Hier aber muß die längst gelangweilte Mehrheit gewarnt werden: Der Rat hat zwar Verbesserungen beschlossen, aber keineswegs eine passable Lösung parat, die Aussicht hätte, daß sich dadurch eine halbwegs einheitliche Schreibung im Land wiederherstellen ließe. Oder soll man sich mit all den Halbheiten und Versäumnissen des Rates abfinden? Daß zwar nicht mehr A-bort getrennt werden soll, aber all die unsinnigen Trennungen vom Typ Beg-riffe, Frust-ration bleiben? Daß die grammatisch höchst fragwürdigen Schreibungen vom Typ seit Langem, im Allgemeinen genausowenig nicht geändert werden sollen? Oder daß offenbar gar nicht daran gedacht ist, die skandalöse, schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von Jacob Grimm kritisierte Drei-Konsonantenschreibung wieder abzuschaffen, diese Ausgeburt deutscher Pedanterie (Kammmacher, Krepppapier. Schreibungen mit Trennungsstrich wie Brenn-Nessel oder Miss-Stand können doch wohl nicht die Lösung sein). Um von den belemmerten - pardon! belämmerten - unsinnigen Volksetymologien zu schweigen. Da möchte man Tolpatsch ja fast amtlich schreiben, um die Tollpatsche zu charakterisieren, die da am Werk waren.

Wir haben inzwischen eine Demokratie. Wohl hat auch sie ihre Staatsräson. Aber die kann nicht darin bestehen, daß sechzehn Kultusminister - amtlich also noch immer: eine Hand voll - sich mit dem Staat verwechseln. Sie fordert keineswegs, daß sie die Mehrheit des Volkes für dumm verkaufen. Übrigens auch nicht, daß die Ministerpräsidenten, wie vorauszusehen, nichts Besseres wissen, als ihnen hinterherzulaufen. Die Staatsräson scheint mir im Gegenteil zu gebieten, daß die Kultusminister das praktizieren, was unser Staat so dringend nötig hat, nämlich Ehrlichkeit und Bereitschaft zu Reformen, vermutlich auch etwas Schneid. Es ist ja wohl auch ein akutes Problem, das verlorengegangene Vertrauen in die Politik zu restabilisieren.

Im Sommer ist es zehn Jahre her, seit die Reform beschlossen, seit die Einheit unserer Schreibung mutwillig aufs Spiel gesetzt worden ist und seit sich die Minister ins Schlepptau einiger Ideologen, unter anderen in ihren Ministerien, begeben haben. Die "Reform" hat sich längst nicht nur als falsch, sondern auch als erfolglos erwiesen. Die Beseitigung einiger grober Mängel wird daran nichts ändern. Die allgemeine Schreibvernunft ist stärker. Sie läßt sich auch nicht beirren. Daher sollte sich die KMK endlich dazu bequemen, das Steuer herumzuwerfen und ernsthaft, das heißt mit den geeigneten Ratgebern, auf Wege zu sinnen, die aus dem Schlamassel herausführen.

Der Althistoriker Christian Meier war von 1996 bis 2002 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

(F.A.Z., 27. 2. 2006, S. 39)



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