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24.02.2006
 

„Unausgegorenes Machwerk“
Ickler verläßt Rechtschreibrat

dpa berichtet über den »Germanisten« und »Reform-Gegner«. Wir dokumentieren den Wortlaut der Meldung, wie sie bei faz.net erschienen ist.

Der Germanist und Rechtschreibreform-Gegner Theodor Ickler steigt aus dem Rat für deutsche Rechtschreibung aus. „Ich bin der Überzeugung, daß sich dort nichts mehr bewegen läßt”, sagte Ickler, der bisher für den Schriftstellerverband PEN im Rechtschreibrat saß, am Freitag.

Die Vorschläge zur Korrektur der Rechtschreibreform, die der Rat am Montag der Kultusministerkonferenz (KMK) übergeben werde, seien völlig unzureichend. „Große Teile der Reform sind überhaupt nicht mehr behandelt worden”, kritisierte Ickler. So seien die Regeln zur Laut-Buchstaben-Zuordnung (Gräuel/Greuel) und zur Schreibung von Fremdwörtern überhaupt nicht mehr zur Sprache gekommen.

„Enorme Verwirrung”

„Die Groß- und Kleinschreibung ist nur etwa zur Hälfte bearbeitet worden”, bemängelte der Erlanger Hochschulprofessor. Die vorgesehene Anhörung zu diesem Thema habe gar nicht stattgefunden. „Es ist unvermeidlich, daß jetzt eine enorme Verwirrung ausbricht, weil dieses Machwerk völlig unausgegoren ist”, sagte der Wissenschaftler. Viele der beibehaltenen Regeln aus dem Reformwerk seien irreführend und fehlerträchtig. „Zehetmair soll nicht sagen können: Die Schriftsteller haben das mitgetragen und sind dabei”, sagte Ickler mit Blick auf den Ratsvorsitzenden, den früheren bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair (CSU). Das PEN-Zentrum werde allerdings weiter im Rat mitarbeiten und möglicherweise einen neuen Vertreter entsenden.

„Es war einfach der Wunsch der KMK, zum März ein Ergebnis zu haben”, sagte Ickler. Dahinter stünden nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen: „Der Druck der Schulbuch- und Wörterbuchlobby ist enorm.” Besonders die großen Wörterbuchverlage hätten im Rat „eine Funktion übernommen, die ihnen gar nicht zusteht”. So hätten sie die Liste der Einzelfallregelungen allein mit der Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert, ausgehandelt. „Der Rat hat dieses Wörterverzeichnis nicht mehr gesehen.”

„Verachtung der Schüler”

Besonders verärgert zeigte sich Ickler über die Beibehaltung der umstrittenen Reformen bei der Trennung von Fremdwörtern wie „Di-/agnose” oder „Bi-/otop”. Diese mißachte völlig die Herkunft der Wörter. „Das halte ich für eine unglaubliche Verfehlung und auch für eine Geringschätzung und Verachtung der Schüler, denen man das als gleichwertig vorsetzt.” Unzureichend nannte Ickler außerdem die Änderungsvorschläge zur Zeichensetzung. Entscheidend könnte nach Ansicht Icklers nun die Reaktion reformkritischer Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Blätter des Springer-Verlags sein. „Am besten wäre es, wenn sich jetzt die Medien zusammenfänden und sagten, wir bleiben einfach bei der alten Rechtschreibung.” Möglicherweise werde sich auch trotz einer offiziellen Billigung der Vorschläge „in der Praxis eine konservative Schreibung” durchsetzen. „Das halte ich auch für wahrscheinlich”, sagte Ickler.

Der Schriftstellerverband PEN will auch nach dem Rückzug Icklers im Rat für deutsche Rechtschreibung mitarbeiten. Ebenso wie Ickler äußerte sich PEN-Präsident Johano Strasser jedoch enttäuscht über die Änderungsvorschläge des Gremiums zur umstrittenen Rechtschreibreform. „Wir sind der Meinung, daß das Wenige, was jetzt rückgängig gemacht wird, nicht ausreicht”, sagte Strasser am Freitag. „Was jetzt erklärt werden wird, ist im Grundsatz nicht akzeptabel.” Der Rat will am Montag seine Änderungsvorschläge der Kultusministerkonferenz übergeben. Diese entscheidet voraussichtlich auf ihrer Sitzung am 2./3. März in Berlin darüber.

„Zwischen dem Pen und Ickler gibt es keinerlei Differenzen”, betonte Strasser. „Wir haben aber beschlossen, daß wir als Pen weiter im Rat bleiben werden.” Dennoch könnten die Schriftsteller „in den verordneten Jubel über die Reform nicht einstimmen”. „Das Schlimmste ist, daß Sachargumente - gute linguistische Argumente - hier unter den Tisch gekehrt wurden”, sagte Strasser über die Arbeit des Rates. Der „überhastete Abbruch” der Beratungen hänge nach seiner Einschätzung mit wirtschaftlichen Interessen der Verlage zusammen.

Zehetmair: konsequent

Der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, hat das Ausscheiden des Germanisten und Reformgegners Theodor Ickler als konsequent bezeichnet. Ickler habe zwar gute Ideen in den Rat eingebracht. In dem Gremium müsse man jedoch auch zum Dialog bereit sein, sagte der frühere bayerische Kultusminister am Freitag. „Ob man als Wissenschaftler am Schreibtisch etwas entwickelt oder ob man in einem Gremium um Mehrheiten ringen muß - das ist jeweils etwas anderes.”

Ickler sei für viele Mitglieder im Rat „eine Reizfigur” gewesen. Zur Demokratie gehörten aber Mehrheitsentscheidungen und damit auch Kompromisse. Eine „Alles oder Nichts-Position” sei dabei nicht durchsetzbar. Er werde jetzt mit dem Pen-Zentrum, für das Ickler im Rat saß, über die Entsendung eines neuen Vertreters sprechen, sagte Zehetmair weiter.



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Kommentare zu »„Unausgegorenes Machwerk“«
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Kommentar von Jürgen Langhans, verfaßt am 27.02.2006 um 10.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3072

Zum letzten Absatz: Hier geht es nicht um Demokratie, sondern um Verunft, und die wird wieder mal mit den Füßen getreten. Demokratie funktioniert nur dann, wenn sich alle an die Regeln halten und nicht über Dinge abstimmen, von denen sie nichts verstehen oder verstehen wollen, nur weil sie anderweitige egoistische Interessen vertreten und sich einen Dreck um Wahrheitsfindung scheren.

Ich habe höchsten Respekt vor der Leistung von Prof. Ickler, der auf der Basis wissenschaftlicher und logischer Zusammenhänge eine ungleiche Gegnerschaft geradlinig und sachlich von einer allen dienlichen, guten Sache überzeugen wollte. Wenn aber die Ergebisse sowieso von der Politik vorab festgeschrieben werden - was der Wissenschaft aus der Natur der Sache stets abträglich ist - hat ein einzelner kluger Kopf keine Chance.

Ich sehe ja, wie ich hier in meinem kleinen Arbeitsumfeld gegen Windmülen, die in sachen RSR aus Gleichgültigkeit, schulischem Unwissen und opportunem Mitläufertum bestehen, anlaufen muß. Das Schlimme daran ist naturgemäß, daß die hier Aufgezählten sofort wieder die herkömmliche Rechtschreibung predigen würden, käme es "offiziell" doch wieder "anders" ...


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 26.02.2006 um 18.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3060

Wäre ich die FAZ oder die WELT, so würde ich wie folgt verfahren: Ich erkläre den MK gegenüber, daß ich die Änderungen, die der Rat beschlossen hat, übernehmen werde. Fertig.


Kommentar von jms, verfaßt am 26.02.2006 um 16.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3059

Gleichgeschaltet

Man wähnt sich in dem Glauben, hierzulande Meinungs- und Pressefreiheit zu genießen und rümpft zum Beispiel die Nase über Putins "gelenkte Demokratie". Was aber hat es zu bedeuten, daß das Gros der Medien die Vorgänge im Rechtschreibrat und in der KMK stillschweigend übergeht? Was hat es zu bedeuten, daß seriöse Kritiker der Rechtschreibreform jetzt schon als Krawallmacher und Verfassungsfeinde diffamiert werden? Wer lenkt eigentlich Deutschlands Medien, wer lenkt Deutschlands Demokratie? Wohin man sieht, wimmelt es von Geister- und Trittbrettfahrern.


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 26.02.2006 um 15.29 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3058

Hilfreich wäre ein Urteil, das schlicht für jedermann (nebenbei also auch für Schüler) das Recht feststellt, in jeder Situation nach dem in 100 Jahren herausgebildeten Schreibbrauch zu schreiben und dafür in keiner Situation benachteiligt werden zu dürfen.
Im Anschluß an das bekannte Ahrens-Urteil müßte solches doch erreichbar sein? Schüler, wollt ihr weniger Rechte als der Rest des Volkes? Momentan ist es so...


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 26.02.2006 um 13.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3057


Mißbrauch der demokratischen Idee

Was „demokratisch“ ist, und was als „Dialog“ bezeichnet wird, bestimmen die Machthabenden nach ihren eigenen, nur noch dem Wortlaut nach so bezeichneten „demokratischen“ Gesetzen. So einfach ist das. Die ursprüngliche Idee der Demokratie wird bei diesem Vorgang durch Besetzung von Begriffen bei gleichzeitiger Neudefinition der Inhalte für ganz banale Machtzwecke mißbraucht und in ihr Gegenteil verkehrt. Damit das reibungslos funktioniert, muß die Presse gleichgeschaltet werden. Wir kennen das ja aus autoritären Systemen.
Auch die Demokratie kann autoritär entarten. Wir erleben im Trauerspiel um staatliche Sprachplanung gerade, wie das funktioniert. Das in der Person Hans Zehetmair vorgeführte Politikverständnis läßt erkennen, wie „Demokratie“ sich gespenstisch in ein Werkzeug zur Durchsetzung totalitärer Gesinnung verwandelt. Das ist bequem für jene, die ihre Macht nicht zu teilen bereit sind, die weder einen echten Dialog wollen noch mit Rücksicht auf die Meinung des Volkes abstimmen möchten. Sie teilen die Beute untereinander auf und nennen das „demokratisch“ – siehe oben.
Das Perfide daran ist, daß in einer „Demokratie“ der Gegner nicht sichtbar wird, weil er viele Gesichter hat und sich hinter diversen Institutionen und Einrichtungen geschickt versteckt – die Staatsmacht scheint „demokratisch“ auf verschiedenen Schultern zu ruhen. Wer nicht genau hinschaut, wird keine Beunruhigung verspüren, bis es zu spät ist. Die totalitäre Demokratie ist deshalb vielleicht noch gefährlicher als eine Diktatur. Sprachlenkung ist eins ihrer Mittel.
Wir sollten den Anfängen wehren: noch ist es nicht zu spät.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 25.02.2006 um 07.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3050

Beneidenswert, wer frei davon

Die plumpe Taktik des Vorsitzenden, sich als Hüter des einfachen Volkes und der "Praktiker" darzustellen, der die versponnenen, rechthaberischen Professoren auf den Boden des Alltags und des Möglichen zurückgeholt hat, wird nicht lange verfangen. Schon der bloße Gedanke, auf diese Art und Weise gültige Urteile und Entscheidungen über die deutsche Orthographie fällen zu können, ist absurd. Es scheint fast, als habe Herr Z. bewußt darauf verzichtet, sich wenigstens halbwegs mit der Materie vertraut zu machen. Insofern ist er sich selber treu geblieben. Wie bei der Einführung der Refom in den Schulen so wäre auch diesmal eine tiefere Sachkenntnis nur hinderlich gewesen. - Was die "Spöldeel" unter ihrem "Baas" da zustande gebracht hat, ist so schwach, daß der Ausdruck Schmierentheater noch eine Schmeichelei wäre. Das Gerede von demokratischen Beschlüssen und Kompromissen wird bald verpuffen, und das ganze Elend der verkrüppelten deutschen Rechtschreibung wird sich abermals offenbaren. Denn die Sprache lebt und schafft sich täglich neu.


Kommentar von Presseschau, verfaßt am 25.02.2006 um 01.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3049

Die Eßlinger Zeitung bringt eine Minimalfassung der dpa-Meldung. Die Märkische Allgemeine legt heute mit ca. 2/3 der ursprünglichen Meldung nach.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 24.02.2006 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3047

Es ist bezeichnend, daß in unserer vor 60 Jahren von außen "auferlegten" Demokratie der ehrwürdige Begriff geradezu als Totschlagargument mißbraucht werden kann. So auch vom Vorsitzenden des Rates für deutsche Rechtschreibung. Gegen wohlbegründete, unwiderlegliche Einwände unabhängiger Sprachwissenschaftler bleibt ihm nur die Flucht in "Mehrheitsbeschlüsse" und "Kompromisse". Besonders bedenklich und traurig stimmt, daß ein immerhin akademisch gebildeter Altphilologe solch ein jämmerliches Schauspiel bietet. Als Vorsitzender war er allerdings die Idealbesetzung. Die KMK wird es ihm zu danken wissen. Aber vielleicht erleben wir noch eine Überraschung, und Herr Z. legt sein Amt nieder.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 24.02.2006 um 23.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3045

Prof. Ickler kann sich jedenfalls mit dem Ehrentitel "Reizfigur" schmücken, verliehen vom Großen Vorsitzenden. Was werden die anderen froh sein, daß sie jetzt ganz unter sich sind. Allerdings...das bißchen Legitimation ist auch zum Teufel, verwies doch so mancher beruhigend darauf, auch einen prominenten Kritiker im Rat zu haben. Aber da der Rat sowieso nicht mehr gebraucht wird, ist das auch egal.


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 24.02.2006 um 21.35 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3042

Zehetmair: "Zur Demokratie gehörten aber Mehrheitsentscheidungen und damit auch Kompromisse. Eine 'Alles oder Nichts-Position' sei dabei nicht durchsetzbar."
Zwei Dinge fallen mir dazu ein:

1. Zur Demokratie gehören in der Tat Mehrheitsentscheidungen. Die repräsentativen Umfragen seriöser Meinungsforschungsinstitute haben sie geliefert. Zehetmair kennt sie, dennoch faselt er von demokratischen Entscheidungen eines Gremiums, das ganz vorsätzlich nicht repräsentativ für die Bevölkerung ausgelegt war.
2. Zur Linguistik bzw. Wissenschaft allgemein gehören Mehrheitsentscheidungen gerade nicht. Was als Vorwurf an Prof. Ickler gedacht war, gereicht ihm zur Ehre: "Mehrheitsfähige" Wissenschaft ist solche, die sich selbst verleugnet. Wer über wissenschaftliche Erkenntnisse abstimmen läßt, mag staatstragend sein (wie jene "Linguisten", die im staatlichen Auftrag "beweisen" wollten, daß gewisse Ortsnamen germanisch, romanisch, slawisch etc. seien, um Gebietsansprüche zu legitimieren), ein Wissenschaftler ist er bzw. sie nicht.
Die Reformer sind, wenn man einmal eine andere Wissenschaft, die Evolutionsbiologie, zum Vergleich heranzieht, in etwa die "Kreationisten" unter Linguisten: Nicht das, was ist, ist richtig, sondern das , was sein sollte. Zum Glück hat sich diese Richtung in der Schöpfungslehre noch nicht "demokratisch" durchgesetzt, selbst in den USA nicht. In der Sprachpolitik ist es anders.
Um beide Aspekte zusammenzuführen: Ich bin der Überzeugung, daß die Abwesenheit von Sprachpolitik eine Voraussetzung für Demokratie ist. Eine staatlich unkontrollierte Sprachentwicklung ist Demokratie von unten.


Kommentar von borella, verfaßt am 24.02.2006 um 21.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3041

"Zur Demokratie gehörten aber Mehrheitsentscheidungen und damit auch Kompromisse."

Ganz genau! Sich mit dieser Haltung nicht anfreunden zu können, das wird ausgerechnet Hrn. Ickler vorgeworfen?

Er war es doch, der mit seiner "Normalen deutschen Rechtschreibung" genau das erstmals umgesetzt hat.

Was Zehetmair offenbar meint, das wäre etwa ein Kompromiß der Art: Der Satz von Pythagoras gilt ab 1. 9. 2006 nurmehr für ungerade Zahlen, eine demokratische Mehrheit (inkompetenter Fachleute) hat darüber nämlich so abgestimmt ...



Kommentar von Der Tagesspiegel, 25. 2. 2006, verfaßt am 24.02.2006 um 20.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3039

Im Artikel von Amory Burchard: Icklers Austritt, Zehetmairs Gelassenheit – und die Reaktion der Axel Springer AG.



Kommentar von Jens Stock, verfaßt am 24.02.2006 um 19.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3038

An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen, Ihnen, Herr Professor Ickler, dafür zu danken, daß Sie sich als Mitglied des Rechtschreibrats unermüdlich für die Sprachrichtigkeit und für das Wohl des lesenden und schreibenden Volkes eingesetzt haben.

Wenn ich es richtig verstehe, empfanden Sie Ihre Tätigkeit im Rat als einen Kampf gegen Windmühlen. Dennoch war sie nicht umsonst. Sie haben in der Zeit Ihrer Mitgliedschaft zahlreichen Menschen die Augen geöffnet. Allein die Tatsache, daß der überwiegend mit Reformern der ersten Stunde besetzte Rat zur Veränderung des eigenen Werks zu bewegen war, belegt, daß die Anstrengung nicht nutzlos war.

Besonders geschätzt habe ich stets, daß Sie uns, die interessierten Leserinnen und Leser Ihres Rechtschreibtagebuchs, jederzeit aufrichtig und umfassend über den Stand der Dinge informiert haben.

Ich hoffe sehr, daß Sie Ihr Rechtschreibtagebuch weiterführen. An interessierten Teilnehmern und Lesern wird es bestimmt nicht mangeln. Außerdem wissen wir alle: Die Rechtschreibdiskussion wird auch nach der in Kürze stattfindenden KMK-Sitzung kein Ende haben, selbst wenn die Politiker das nicht wahrhaben wollen. Zwar wird in den Schulen das ganz große Chaos ausbleiben (weil es die meisten Lehrer und Schüler mit der Rechtschreibung ohnehin nicht mehr so genau nehmen), doch die allgemeine Unzufriedenheit mit dem Reformwerk, das nunmehr in den unterschiedlichsten Ausprägungen (1996, 2000, 2004, bald 2006 und außerdem stets überinterpretiert) in den Schulen kursiert, wird weiter zunehmen.

Mögen die Medien, die die bewährte Rechtschreibung praktizieren, jetzt standhaft bleiben!



Kommentar von Berliner Zeitung, 25. 2. 2006, verfaßt am 24.02.2006 um 19.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3036

Es berichtet Torsten Harmsen.



Kommentar von F.A.Z., 25. 2. 2006, verfaßt am 24.02.2006 um 18.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3035

»Glosse Politik
Täuschungsmanöver

24. Februar 2006 oll. Nach dem Austritt des einzigen wirklichen Reformgegners aus dem Rat für deutsche Rechtschreibung besteht der Rat wieder nahezu ausschließlich aus Reformbefürwortern. Das von den Kultusministern angezettelte Täuschungsmanöver mit dem beschönigenden Auftrag, "den Sprachwandel zu beobachten", kann also seinen Lauf nehmen. Mit Zweidrittelmehrheit wurden Eingriffe in Sprache und Lesbarkeit von Texten beschlossen und ganz nach Wunsch der Kultusminister nichts zurückgenommen, sondern allenfalls eine Variante mehr zugelassen. Schüler und Lehrer stehen vor einem Durcheinander vielfältiger Schreibweisen, deren Ausmaß sie erst erkennen werden, wenn sie in Nachschlagewerken suchen und korrigieren. Bezeichnend für die Arbeitsweise des Rates ist der Umgang mit sprachwissenschaftlichen Argumenten und grammatischen Erwägungen, die nur mit Hohn bedacht wurden. Aber es geht den Verantwortlichen auch nicht um Sprache, sondern um die blinde Durchsetzung einer verfehlten Reform. Deshalb werden alle, die sich dagegen wehren, als Krawallmacher oder als verfassungsfeindlich (Kultusministerin Wolff) bezeichnet.«


(F.A.Z., 25.02.2006, Nr. 48 / Seite 10)


Kommentar von Presseschau, verfaßt am 24.02.2006 um 18.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3033

Unter jeweils anderen Überschriften ist die gleiche Meldung, aber ohne die letzten vier Absätze heute auch bei folgenden Zeitungen online erschienen:

Der Standard:

Rechtschreibrat minus 1
Germanist und Reform-Gegner Theodor Ickler steigt aus und prophezeit "enorme Verwirrung"



Kölner Stadt-Anzeiger:

Zoff im Rechtschreibrat



Mitteldeutsche Zeitung:

«Unausgegorenes Machwerk»
Germanist Ickler verlässt Rechtschreibrat
Reform-Gegner: Ich bin der Überzeugung, dass sich dort nichts mehr bewegen lässt



Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 24.02.2006 um 18.37 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3032

Herzlichen Glückwunsch zu dieser Entscheidung!



Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 24.02.2006 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3031

To whom it may concern


Du mußt die Leute in die Fresse knacken.
Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind,-
Vielleicht nach einer Eisenstange packen,-
Mußt du zu ihnen wie zu einem Kind
Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden
Von Dingen, die du eben noch nicht wußtest.
Und bittst sie um Verzeihung - einzeln jeden -
Daß du sie in die Fresse schlagen mußtest.
Und wenn du siegst, so sollst du traurig gehen,
Mit einem Witz. Und sie nicht wiedersehen.

(J. Ringelnatz, Vier Treppen hoch bei Dämmerung)



Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 24.02.2006 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3030

Steinbrück: Jetzt Witze reißen, nachdem er jahrelang die Reform mit durchgesetzt hat - das ist, als ob man jemanden die Treppe hinabstößt und ihm hinterherruft, warum er denn so schnell laufe.

Wörterliste in der Kopfzeile: Sehr sinnvoll, sollte lange an prominenter Stelle stehen bleiben.

Icklers Demission: Die FAZ konnte ihn immer als Ratsmitglied zitieren. Und er konnte aus dem Rat berichten. Die wenigen vorgenommenen Reparaturen lassen, denke ich, seinen Einfluß erkennen. Mit ihm im Rat heißt es an Schulen zwar zukünftig auch nicht wieder "leid tun" - das hätte einen Gesichtsverlust der Reformfraktion bedeutet -, aber ohne ihn hätte dort möglicherweise weiterhin "Leid tun" geschrieben werden müssen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2006 um 18.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3029

Zehetmair bedient, wie immer, das Klischee. Da ist der weltfremde Wissenschaftler, der "am Schreibtisch" etwas ersinnt und dann ärgerlich wird, wenn die Welt sich nicht nach seinen Ideen richten will. In Wirklichkeit habe ich am Schreibtisch die üblichen Schreibweisen der deutschen Sprache erfaßt, und die Reformer haben an ihren Schreibtischen Systeme ersonnen, die nun nicht funktionieren.
Undemokratisch bin ich auch, weil ich keine Kompromisse schließen will. Daß die Reform gegen den erklärten Willen der Bevölkerungsmehrheit durchgesetzt werden soll, ist undemokratisch. Vielleicht weil die Reformer selbst sich mehrheitlich darauf geeinigt hatten, wie immer wieder betont wird. Neulich hat sich der Rat mehrheitlich darauf geeinigt, keine Anhörung mehr durchzuführen, nach dem Motto: Wenn wir uns einig sind, was bedarf es da noch einer Anhörung?
Anfangs waren Zehetmair und ich (und auch noch andere im Rat) uns einig, daß Sprachrichtigkeit und Sprachüblichkeit die obersten Maßstäbe der Revision sein müssen. Von Mehrheiten in einem handverlesenen Rat war nicht die Rede. Die meisten hatten aber wohl doch anderes im Sinn, daher ja als erste Tat des Rates gleich die Beantragung von Zweidrittelmehrheiten, damit nichts passiert, was weh tut.



Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 24.02.2006 um 15.54 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3028

Ob es klug war? Es war einfach richtig und außerdem allerhöchste Zeit!

In der SZ von gestern war folgender Scherzartikel zu lesen:

Der Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagt:

»Nach der neuen Rechtschreibreform sind das die drei F's: Verkehr, Forschung, Verteidigung.«

Eigentlich will er damit sagen:
So ein Witz kommt immer gut an. Hätte ich bei der Vorstellung des Haushalts 2006 nur erklärt: „Bei den Ministerien Verkehr, Forschung und Verteidigung kann derzeit nicht gekürzt werden“ - da hätten doch alle nur gelangweilt geguckt, nicht? Aber Ferkehr! Ferteidigung! Mit F! Lustig. Weni, widi, wicki. Ceterum censeo CDUdinem esse delendam. Hihi. Mehrwertsteuer - Fegefeuer. Entschuldigung. Das passt hier nicht rein. Und ich möchte ja wirklich keine platten Witze reißen.
Martin Zips.

Selbst unsere Regierungsverantwortlichen machen sich inzwischen über die Reform lustig. Sie hat bereits in das deutsche Volksgut Einzug gehalten als Inbegriff von obrigkeitlicher Ignoranz und Sturheit, als Schildbürgerstreich in bester deutscher Tradition. Die Herrschaften in den Rechtschreibräten und -institutionen genießen längst das geringe Ansehen in der Öffentlichkeit, das sie verdienen, und es schwindet mit jeder neuen amtlichen Verlautbarung zu diesem Thema weiter. Auch deshalb die nervöse Eile, es endlich vom Tisch zu kriegen.
Wer sich in einem solchen Narrenschiff aufhält, und sei es mit der Bemühung, dort für Vernunft zu sorgen, läuft Gefahr, selbst für einen Narren gehalten zu werden. Aber daß in der Öffentlichkeit immer deutlicher wird, daß es sich um ein ziemlich tolles Narrenschiff handelt, das haben wir dem Flüchtigen immerhin zu verdanken. Willkommen an Land!


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 24.02.2006 um 15.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3027

Der Rückzug Prof. Icklers ist genauso weise wie es sein Entschluß war, wenigstens eine Weile im Rat mitzuarbeiten. Beides geschah aus Verantwortung gegenüber der Sprache und der Sprachgemeinschaft, denen allein Prof. Ickler sich verpflichtet fühlt. Er hat während seiner Teilnahme einiges Gute bewirkt und manches Schlimme verhütet. Nicht zuletzt konnte er tiefe Einblicke in die Entscheidungsfindung des Rates gewinnen und wird so noch klarsichtiger und schärfer als zuvor seine Kritik anbringen können.


Kommentar von Jens Stock, verfaßt am 24.02.2006 um 15.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3026

Dass weiss schon Heute Keiner mehr.


Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 24.02.2006 um 15.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3025

Ob das klug war? Derjenige, der zieht, spürt eben die Trägheit derer, die lieber sitzen bleiben wollen. Aber wenn keiner mehr zieht? Dann basteln letztere alleine weiter, und Morgen Früh weiß Keiner mehr, wie man das Alles im Einzelnen am Besten schreibt.



Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 24.02.2006 um 13.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3024

Da Sachargumente im Rat nichts zählten, ist dieses aus meiner Sicht die einzig mögliche Entscheidung.


Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 24.02.2006 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=412#3023

Das war eine weise Entscheidung...



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