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03.08.2004
 

Walter Lachenmann
Sägen am eigenen Ast

OREOS-Verleger Walter Lachenmann äußert sich zu den Stellungnahmen des VdS-Bildungsmedien und der Verlags an der Ruhr.

Sägen am eigenen Ast

Die Diskussion um die Rechtschreibreform hat etwas Gespenstisches; man müßte sich einmal die Augen reiben, sich in den Arm zwicken, den Kopf in kaltes Wasser stecken, denn das kann doch alles nicht wahr sein, was seit einigen Jahren und jetzt wieder verstärkt unsere Gemüter umtreibt. Höchst skurrile Schreibweisen, über die sich noch vor wenigen Jahren jeder gebildete Deutsche kaputtgelacht hätte, werden von ansonsten verständigen Kollegen wie kulturelle Errungenschaften von höchstem Wert verteidigt. Wobei sich doch alle Beteiligten über das Grundsätzliche einig sind:

Die neue Rechtschreibung ist nicht nur überflüssig wie ein Kropf, sondern sie hat ein nie dagewesenes Schreibchaos herbeigeführt und erfüllt in keiner Weise ihren Zweck. Sie ist weder erlern- noch praktizierbar. Das beweisen die tägliche Zeitungslektüre ebenso wie die auf neue Rechtschreibung umgestellten Bücher.

Manchen mag dies gleichgültig oder willkommen sein, aber niemand bestreitet heute noch ernsthaft diese Tatsache. Auch diejenigen, die jetzt die Abschaffung der neuen Rechtschreibung verhindern wollen, finden schon lange kein gutes Wort mehr für sie. So seufzte Ulrich Störiko-Blume im Börsenblatt vom 12. Februar 2004: »Aber sie ist da, sie ist aufwändig und lästig.« Auch die Kollegen vom VdS Bildungsmedien verteidigen die neue Rechtschreibung keineswegs etwaiger Qualitäten oder Vorteile wegen. Es geht ihnen um die Kosten, die sie bei einer Abschaffung befürchten. Und nun, anders als bei Einführung der Reformschreibung, wo die Problematik doch viel drastischer war als jetzt, scheint es ihnen überdies auch um die Schulkinder zu gehen, die verwirrt werden könnten. Dabei geht es doch nur darum, deren gewiß noch wenig differenzierten Rechtschreibkenntnisse von der bedauerlicherweise erlernten mißlungenen neuen Orthographie nachzubessern und der weit überwiegenden Schreibwirklichkeit anzupassen. Als ob unsere vielgepriesenen »Kids« in ihrem Computeralltag nicht ständig mit Updates konfrontiert würden und sie auch in anderen Lebensbereichen nicht immer wieder Gelerntes revidieren müßten.

Jeder verantwortlich Handelnde würde in ähnlichen Fällen sich von einer Technologie, einer Software, einem Unternehmenskonzept, auf das man sich im guten Glauben eingelassen hat, seinen Zweck aber nicht erfüllt, wieder trennen, auch unter Hinnahme der damit verbundenen Kosten und Verluste. Und, um weitere Verluste zu vermeiden, sich auf das besinnen, das sich bewährt hat, anstatt an von Grund auf verfehlten Konzeptionen herumzulaborieren. Dies verlangen Professionalität und unternehmerische Intelligenz.

Was aber einige unserer Verlegerkollegen hierunter verstehen, ist alarmierend: Sie erlauben sich eine hochgefährliche Entwertung ihrer eigenen unternehmerischen Substanz, indem sie ihrer auf rechnerische Betrachtungen verengten, eigennützigen und kurzsichtigen Perspektive wegen das Expertenwissen und die ernsten Sorgen derjenigen in den Wind schlagen, von denen sie existentiell abhängig sind, weil sie von ihnen qualitativ hochwertige Manuskripte brauchen: den Schriftstellern. Sie leisten sich den Luxus, die Kritiker, von den namhaftesten deutschen Autoren bis hin zu den deutschen Akademien und Sprachwissenschaftlern als quasi-religiöse Hitzköpfe zu diskreditieren, und merken offenbar nicht, daß dieser Vorwurf knallhart auf sie zurückfällt. Wie wollen sie hochwertige Literatur, auch in Schul- und Kinderbüchern, produzieren, wenn ihnen ihre Autoren bescheinigen, daß dies mit dieser Orthographie nur eingeschränkt möglich ist? Wissen es die Herren Störiko-Blume, Baer, v. Bernuth oder Stascheit ebenso wie die damit befaßten Politiker besser als Günter Grass, Sten Nadolny, Adolf Muschg, Hans Magnus Enzensberger oder Peter Handke und die vielen anderen Schriftsteller, die uns sonst in riesigen Werbeetats ihrer ungewöhnlichen sprachlichen Leistungen wegen gerühmt werden, und die sich nicht aus emotionaler Abneigung sondern mit guten Begründungen weigern, in neuer Rechtschreibung zu schreiben? Welche Ignoranz und Anmaßung einer Berufsgruppe, die der Vermittlung kultureller Werte insbesondere an Jugendliche verpflichtet sein sollte!

Die Diskussionen der letzten Wochen haben gezeigt, daß der sogenannten neuen Rechtschreibung keine Zukunft beschert sein kann, sie ist nicht lebensfähig. Dies sollten diejenigen, die bei den in der Regel sehr konkret argumentierenden Reformkritikern immerzu »Pragmatik« und »Realitätssinn« angemahnt haben, realistischerweise erkennen, wenn schon die eigene Urteilskraft in der Sache oder die kulturelle Verantwortung für unsere Sprache nicht für die bessere Erkenntnis ausreichen.


Quelle: Buchmarkt-online
Link: http://www.buchmarkt.de


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