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03.02.2006
 

Der Rechtschreibrat leistet nur Stückwerk
Kritik vom Vorsitzenden der FDS

Der Rat für deutsche Rechtschreibung tritt heute zu einer seiner wichtigsten Sitzungen zusammen.

Seine Empfehlungen sollen Anfang März von den Kultusministern der Länder abgesegnet werden und dann zum nächsten Schuljahr verbindlich gelten. Derzeit gilt in Bayern noch eine Übergangsfrist. Reinhard Markner, Vorsitzender der Forschungsgruppe Deutsche Sprache, übt scharfe Kritik an dem Gremium.

Der Rat hat viel Lob für seine Korrekturvorschläge bekommen. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Reinhard Markner: Die Arbeit des Rates ist Stückwerk. Die Schriftsprache gleicht derzeit einer Wanderbaustelle. Immer wieder werden einzelne Schlaglöcher ausgebessert, ohne die deutsche Sprache als Ganzes zu betrachten. Der Rat ist angetreten, um möglichst viel von der Reform zu retten. Das Gremium hat daher nur die Paragraphen im Visier, die besonders missraten sind.

Ein Beispiel?

Markner: Der Rat wird heute wohl beschließen, dass das "Du" in Briefen wieder groß geschrieben werden darf. Die Entscheidung ist eigentlich unsinnig, weil es einen rein privaten Bereich betrifft, der den Staat nichts angeht. Umgekehrt kümmert sich der Rat nicht um die Frage, ob das "Du" zum Beispiel als Anrede in der Werbung groß- oder kleingeschrieben wird. Und bei der Getrennt- und Zusammenschreibung hat der Rat viele Fehler nicht ausgemerzt, sondern sie als Option weiterhin zugelassen.

Sie meinen zum Beispiel "kennen lernen", das sowohl zusammen als auch getrennt korrekt ist . . .

Markner: Die Empfehlungen des Rates sind oft völlig inkonsequent und gehen sogar noch über die ursprünglichen Reformvorschläge hinaus. So sollen die Schreibweisen "freischaffend" und "frei schaffend" als richtig gelten. Selbst die Reformer hatten hier keine Getrenntschreibung vorgesehen.

Die Reform sollte Schülern die Rechtschreibung erleichtern . . .

Markner: Dies ist nicht gelungen, weil viele neue Fehlerquellen eröffnet wurden. Ein Beispiel: Reformiert schreibt man "Tipp" mit zwei "p". Viele Schüler schreiben daher fälschlicherweise auch "Slipp" und "hipp". Der Ansatz der Reformer war grundsätzlich falsch: Die Rechtschreibung wird nicht einfacher, weil die Regeln einfacher werden. Sie wird dann leichter, wenn wir überhaupt nicht an die Regeln denken müssen, weil wir intuitiv richtig schreiben.

Wie groß sind die Chancen auf eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung?

Markner: Die letzten zehn Jahre waren ein einziger Irrweg. 95 Prozent der Reform sind Unfug. Wir Reformkritiker werden daher weiter dafür kämpfen, dass diese Regeln so nicht umgesetzt werden. Was die Chancen betrifft, bin ich optimistisch. Die Reform-Befürworter werden immer weniger. Wir Kritiker sind dagegen quicklebendig.

Interview: Steffen Habit

(Merkur online, 2. Februar 2006)



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Kommentare zu »Der Rechtschreibrat leistet nur Stückwerk«
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Kommentar von Merkur online / Leserbriefe, 10.02.2006, verfaßt am 08.01.2007 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#5612

Schnellverfahren

"Rat für Rechtschreibung ist gescheitert"; Seite 1 und "Rechtschreibrat leistet nur Stückwerk"; Seite 4, beides vom 3. Februar und Folgeberichte und Kommentar zum selben Thema am 4. Februar

"Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Dieser Erkenntnis scheint sich zumindest ein Teil auch des Rechtschreibrats sowie die Urheber der Reform nicht verschließen zu können. Sonst würden sie jetzt nicht in ,Torschlusspanik’ an der teilweisen Wiederbelebung des verunglückten Kindes, sprich: der Fehlerbehebung herumbasteln.
Ob für die ins Auge gefassten Kritikpunkte eine einleuchtende Lösung gefunden werden kann, bleibt abzuwarten, wie die bisherige Erfahrung zeigt. Lt. Herrn Markner, sind 95 Prozent der Reform Unfug. Da stimme ich ihm voll und ganz zu und füge ,hanebüchen’ hinzu. Auch von fehlender Logik in dem Reformwerk ist die Rede.
Wenn schon Logik angemahnt wird, ist u. a. dringend anzuraten, das Wort ,Gespinst’ künftig mit ,nn’ (von spinnen) zu schreiben, wie es logischerweise bei ,Gerinnsel’ (von gerinnen) der Fall ist. Statt durch nichts zu rechtfertigende neue Schreibweisen bestimmter Wörter zu erfinden, deren Herkunft einwandfrei erwiesen ist (zum Beispiel Tolpatsch, herkunftsmäßig logischerweise mit einem ,l’(!) jetzt mit Doppel ,l’(!) von ,toll’ abgeleitet, oder ,einbleuen’ mit plötzlich mit ,äu’ von ,blau’ abzuleiten, ist ebenso Unfug wie ,Tip’ (englischen Ursprungs!) mit Doppel-,p’. Auch die Neu-Schreibung von ,As’ mit Doppel-,ss’ und verschiedene andere Wörter gehören zu den nicht nachvollziehbaren Gedankengängen der Reformer. Oder ist die akribische und fundierte Arbeit der vielen Etymologen in den Augen der Ratsmitglieder etwa Makulatur?
Apropos Logik. Warum wird das Fragewort ,wie viel(e)’ getrennt geschrieben, wo alle anderen ,zusammengesetzten’ Fragewörter wie weshalb, wieso, wofür, wozu, woher, woran, wohin, wodurch, wobei, womit usw. als ein Wort gelten?
Wie viele (Fragewort nach Anzahl, m. E. fälschlich getrennt) unterscheidet sich nicht von ,wie viel’ als Vergleichsvokabel.
Beispiele aus diesen Gründen: ,Wieviele (fragt nach Anzahl) Abiturienten werden heuer wohl keinen Studienplatz bekommen?’ ,Ganz schön viele, wie viele (getrennt, da Vergleich!) andere in den anderen Bundesländern auch.’ ,Wieviel (ein Wort, fragt nach Menge) Brot ist noch da?’ aber: ,Wieviele (Anzahl) Scheiben Brot sollen wir mitnehmen?’
Dabei geht es ganz schlicht um Fragewörter nach zählbaren und unzählbaren Sustantiven. Die Reform der Reform dürfte noch lange nicht beendet sein. Die praktische Umsetzung der neu geschaffenen Regeln wird künftig immer wieder Fragen aufwerfen (Stichwort Logik), die dann erneut im Schnellverfahren beantwortet werden (müssen)."
Fred Hufnagel
82229 Seefeld

(Link)



Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 14.02.2006 um 17.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2932

Hinweis: Um den Presseschau-Charakter der hiesigen Einträge zu bewahren, habe ich meinen Diskussionsbeitrag zu Meidingers Äußerungen andernorts eingestellt.



Kommentar von Bildungsklick, verfaßt am 07.02.2006 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2840

»Philologenverband unterstützt Vorschläge des Rechtschreibrats

Appell an Kultusministerkonferenz und Medien, Kompromissvorschläge zu übernehmen


Berlin, 07.02.2006, 13:01.
Als insgesamt sehr vernünftig hat der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die Vorschläge des Rechtschreibrates unter Leitung von Staatsminister a.D. Hans Zehetmair bezeichnet. „Dies ist ein großer Schritt hin zur Wiederherstellung des Rechtschreibfriedens im deutschsprachigen Raum!“, betonte er.

Den Forderungen des Deutschen Philologenverbands nach deutlichen Nachbesserungen im Bereich der Zusammen- und Getrenntschreibung und der Kommasetzung sei weitgehend Rechnung getragen worden. Der DPhV-Vorsitzende nannte es erfreulich, dass sich auch überzeugte Gegner der neuen Rechtschreibung konstruktiv an der Erarbeitung der Änderungsvorschläge beteiligt hätten. Dabei müsse man damit leben, dass auch das geänderte Regelwerk nicht widerspruchsfrei sei. Wahrscheinlich sei es aber auch eine Illusion gewesen, eine völlig widerspruchsfreie, komplett regelkonforme vereinfachte Rechtschreibung konstruieren zu können, sagte der Philologenverbandschef.

Befürchtungen, dass dadurch die Schüler wieder grundlegend umlernen müssten, teilt Meidinger nicht: „Zum einen betreffen die Änderungen quantitativ nur einen geringen Teil des gesamten Rechtschreib-Regelwerks, zum anderen verhindert die alternative Neuzulassung früherer Schreibungen, dass die Lehrbücher wiederum ausgetauscht werden müssen.“

Der Vorsitzende des Philologenverbandes appellierte an die Kultusministerkonferenz, die Vorschläge des Rechtschreibrats auf ihrer Sitzung Anfang März zu übernehmen und für die Schulen nach einer kurzen, maximal einjährigen Übergangsfrist für verbindlich zu erklären. Ebenso forderte er auch diejenigen Medien auf, die sich der Neuregelung bislang verweigerten, im Sinne der notwendigen Wiederherstellung einer einheitlichen Rechtschreibung ebenfalls die verbesserten Regelungen zu übernehmen.

„Jetzt müssen beide Seiten, Kultusminister und Rechtschreibreformgegner, über ihren Schatten springen und den Vorschlägen des Rechtschreibrats zustimmen. Es geht nicht um Sieger und Besiegte, sondern es geht um eine zukunftsfähige, sachlich fundierte Lösung. Die haben wir!“, bekräftigte Meidinger.«


(bildungsklick.de, 7. Februar 2006)



Kommentar von Börsenblatt, verfaßt am 07.02.2006 um 11.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2832

In seiner Online-Ausgabe berichtet das Börsenblatt über die Kritik der FDS an den Arbeitsergebnissen des Rats für deutsche Rechtschreibung.



Kommentar von A. B., verfaßt am 04.02.2006 um 20.26 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2810

Die Straßenverkehrsordnung – ein hervorragender Vergleich!

Hätten wir dort derartig widersprüchliche Regeln und Varianten wie jetzt im Regelungsversuch zur Rechtschreibung, infolgedessen beim Fahren derartig viele Unsicherheiten, Fehlinterpretationen und Unfälle wie jetzt beim Schreiben, ja dann herrschte dort das Chaos und jeder schriee nach einer brauchbaren Regelung, aber nicht nach Schluß der Debatte.



Kommentar von Stuttgarter Nachrichten, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 19.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2809

»Stuttgart (ots) - Die Kultusministerkonferenz hat die neuen Überlegungen der Experten noch nicht gebilligt, da melden sich die Kritiker bereits lauthals zu Wort und sprechen von eklatanten Mängeln bei der Reform der Reform. Das ist zwar ihr gutes Recht, bringt aber außer neuer Verwirrung nichts. Irgendwann muss Schluss sein mit der zum Teil ideologisch geführten Debatte. Alle Argumente sind ausgetauscht, gewogen und für gut oder schlecht befunden worden. Auch die Straßenverkehrsordnung hat sicher einige Schwachpunkte und Regeln, mit denen nicht jeder Verkehrsteilnehmer einverstanden ist. Aber ohne diese Vorschriften herrschte Chaos auf Deutschlands Straßen.«

(Presseportal.de, 3. Februar 2006)



Kommentar von Freie Presse, 4. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2808

»Neue Kritik
Forschungsgruppe hält Rechtschreibkorrekturen für unzureichend

Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache lehnt die vom Rat für deutsche Rechtschreibung erarbeiteten Änderungen der Rechtschreibreform bei der Groß- und Kleinschreibung ab. Die vom Rat vorgenommene Überarbeitung der amtlichen Orthographie sei unzureichend, erklärte die Gruppe am Samstag in Berlin. Das von Hans Zehetmair geführte Gremium habe sich lediglich bemüht, in «unsystematischer Weise einige besonders eklatante Mängel der Rechtschreibreform zu beheben». Nicht einmal das sei aber gelungen, beklagten die Sprachwächter.

Darmstadt (ddp). Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache lehnt die vom Rat für deutsche Rechtschreibung erarbeiteten Änderungen der Rechtschreibreform bei der Groß- und Kleinschreibung ab. Die vom Rat vorgenommene Überarbeitung der amtlichen Orthographie sei unzureichend, erklärte die Gruppe am Samstag in Berlin. Das von Hans Zehetmair geführte Gremium habe sich lediglich bemüht, in «unsystematischer Weise einige besonders eklatante Mängel der Rechtschreibreform zu beheben». Nicht einmal das sei aber gelungen, beklagten die Sprachwächter.

Deshalb betrachtet die Forschungsgruppe die Vorschläge des Rechtschreibrats «allenfalls als ein Zwischenergebnis auf dem Wege zur Wiederherstellung einer vernünftigen Rechtschreibung».

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hatte am Freitag neue Empfehlungen für eine Korrektur der Reform «in begrenztem Umfang» vorgelegt. Danach sollen unter anderem feststehende Begriffe wie «Große Koalition», «Gelbe Karte» oder «Schwarzer Kontinent» künftig wieder groß geschrieben werden, «bankrott gehen» und «angst und bange machen» hingegen klein.

Dem Beirat der Forschungsgruppe Deutsche Sprache gehören unter anderem die Schriftsteller Walter Kempowski, Sten Nadolny, Herbert Rosendorfer und Adolf Muschg an.

(ddp)«


(Freie Presse Chemnitz, 4. Februar 2006)



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2006 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2807

Die Süddeutsche Zeitung hat eine ganze Seite über die Rechtschreibreform. Eisenberg stellt ausführlich seine Doppelstrategie dar. Wie wir alle wissen, ist nach Ansicht der Akademie für die Deutschen die zweitbeste Lösung gut genug ("angesichts der Machtverhältnisse"), und Eisenberg will es gewesen sein, der uns den Rechtschreibfrieden gebracht hat.
Steinfeld sagt kurz und treffend das Nötige (mit einem verzeihlichen Lapsus, der bloß die gegenwärtige Verwirrung um rau/rauh widerspiegelt), und außerdem hat er noch die wunderbare Markner-Liste abgedruckt. Studiert sie, Ihr armen Lehrer!

Auf der Titelseite der SZ lautet der erste Satz der entsprechenden Meldung:
"Der Rat für deutsche Rechtschreibung, den die Kultusminister mit der Überprüfung der umstrittenen Reform beauftragt hatten, hat den größten Teil seiner Arbeit abgeschlossen."
Die Kultusminister haben den Rat nicht mit der Überprüfung der Reform beauftragt.
Der Rat hat die Arbneit nicht "abgeschlossen", sondern auf Wunsch der KMK abgebrochen, nachdem er von den sechs Teilen der Reform dreieinhalb bearbeitet hat.
Ob die Zeitungsleute das je begreifen werden? Es wäre der erste Schritt zu einem besseren Verständnis.



Kommentar von FTD online, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2806

»Sprachrat beschließt letzte Änderungen der Rechtschreibreform

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat Änderungen für die Groß- und Kleinschreibung beschlossen. Danach sind einige alte Schreibweisen nun doch wieder salonfähig. Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache kritisierte die Änderungsvorschläge als unzureichend.

Damit beendete das Gremium seine Arbeit an dem Regelwerk zunächst. Der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair geht davon aus, dass die Kultusministerkonferenz die Vorschläge nun bei ihrer Sitzung Anfang März akzeptieren wird. "Ich rechne mit keinen großen Widerständen", sagte der ehemalige bayerische Kultusminister (CSU). Die Korrekturvorschläge würden dann zum neuen Schuljahr wirksam.

Der Rat sprach sich dafür aus, feststehende Begriffe wie "Schwarzer Kontinent", "Hohes Haus", "Erste Bundesliga" und "Zweiter Weltkrieg" künftig groß zu schreiben. Das "Schwarze Brett" oder die "Graue Maus" können je nach der Bedeutung im Satz groß oder klein geschrieben werden. Auch beim "Du" im Brief ist nach Angaben von Zehetmair die Großschreibung wieder möglich.

Nach den Vorschlägen des Expertengremiums aus dem gesamten deutschsprachigen Raum sollen zusammenhängende Begriffe wie "pleitegehen" oder "bankrottmachen" klein und zusammengeschrieben werden. Bei dem Satz: "Sein Spiel ist klasse", soll "klasse" künftig genauso klein geschrieben werden wie "eigen" bei dem Satz "sich etwas zu eigen machen".

Denken nach Murren

"Das Murren des Volkes hat zu dem neuen Nachdenken geführt", sagte der Ratsvorsitzende. "Die Arbeit hat sich letztendlich doch gelohnt." Der Rat will der Kultusministerkonferenz eine gesammelte Wörterliste bis Ende Februar zusenden. Am 2. und 3. März tagt die KMK in Berlin. "Danach werden wir uns wieder unaufgeregter mit der Sprache befassen", kündigte Zehetmair an. Die nächste Sitzung des Rates ist für September in Wien geplant. Dann wollen die Sprachexperten ein erstes Resümee ihrer Arbeit ziehen.

Die Sprachwächter hatten zuvor bereits Änderungsvorschläge für die Bereiche Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Silbentrennung und Zeichensetzung vorgelegt. Eislaufen und fertigmachen sollen beispielsweise künftig zusammengeschrieben werden. Das Abtrennen von Einzelbuchstaben oder sinnentstellende Trennungen wie Urin- / -stinkt für das Wort Urinstinkt sollen nicht mehr zulässig sein.

Ein großer Teil der neuen Sprachregeln war schon am 1. August vergangenen Jahres in 14 der 16 Bundesländer verbindlich in Kraft getreten. Nur in Bayern und Nordrhein-Westfalen gilt noch die Übergangsregelung. Alte Schreibweisen werden allein in den Schulen dieser beiden Länder auch jetzt noch nicht als Fehler gewertet.

Unsystematische Mängelbehebung

Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache kritisierte die Änderungsvorschläge als unzureichend. Der Rat für deutsche Rechtschreibung habe sich lediglich bemüht, in unsystematischer Weise einige besondere eklatante Mängel zu beheben - und nicht einmal das sei gelungen. Durch das von den Kultusministern gewählte Verfahren bleibe die deutsche Schriftsprache auf Jahre eine Wanderbaustelle, die kaum vorankomme.«


(Financial Times Deutschland, 3. Februar 2006)



Kommentar von KStA online, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2805

»Geteiltes Rechtschreibland
VON MARTIN OEHLEN

Jetzt darf wieder gezittert werden. Denn nachdem die Rechtschreibkommission am Freitag ihre letzten Korrekturen am neuen Regelwerk vorgelegt hat, liegt der Ball wieder im Feld der Kultusministerkonferenz. Dieses Gremium allerdings hat bislang vor allem seine Überforderung zur Schau gestellt. Nicht anders ist es zu erklären, dass in 14 von 16 Bundesländern Teile der Reform verbindlich eingeführt wurden - aber nicht in NRW und in Bayern. Deutschland ist ein geteiltes Rechtschreibland. Nun also sollen die Länder über die Korrekturen der Kommission befinden. So weit es sich überblicken lässt, hat diese Operation am offenen Herzen zumindest dazu geführt, dass hier und da und nun auch bei der Groß- und Kleinschreibung einige besonders heftig Übelstände behoben wurden.

Der Irrsinn des Reformprojekts wird bei der Vorstellung offenbar, dass im Verlauf der Debatte ganze Jahrgänge ihre komplette Schullaufbahn absolvieren konnten. Wo für Klarheit gesorgt werden sollte, wurde Verwirrung geschaffen.«


(Kölner Stadtanzeiger online, 3. Februar 2006)



Kommentar von ddp, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2804

»Mannheim - Die umstrittene Rechtschreibreform dürfte nun auch im Bereich der Groß- und Kleinschreibung um ein gutes Stück zurückgedreht werden. Der Rat für deutsche Rechtschreibung beschloss am Freitag entsprechende Empfehlungen für eine Korrektur der Reform "in begrenztem Umfang", wie Ratsvorsitzender Hans Zehetmair in Mannheim sagte.

Demnach sollten feststehende Begriffe künftig zwingend wieder groß geschrieben werden, also zum Beispiel "Große Koalition", "Gelbe Karte", "Zweiter Weltkrieg", "Schwarzer Kontinent" oder "Hohes Haus" für Parlament. Beim "Schwarzen Brett" solle nur dann eine Kleinschreibung möglich sein, wenn es sich nicht um die Anschlagtafel, sondern tatsächlich um ein schwarzfarbenes Brett handele, sagte der frühere bayerische Kultusminister nach der achten Sitzung des Gremiums.

Als zweiten Punkt nannte Zehetmair, dass das - laut Reform - klein geschriebene "du" in Briefen auch wieder groß geschrieben werden könne. Hier sei aber nach den Empfehlungen des Rates auch weiterhin die Kleinschreibung möglich. Drittens sei einstimmig beschlossen worden, dass künftig zusammengesetzte Begriffe wie "Pleite gehen" oder "Bankrott machen" klein und zusammen geschrieben werden sollten, wenn dies - wie hier - dem Sprachgebrauch entspreche. "Wir machen die Nachkorrektur nicht, um die Fehlerquellen zu erhöhen, sondern damit die Sprache für den Einzelnen wieder vertrauter wird", sagte Zehetmair.

Die Empfehlungen des Rates - der auch schon Verbesserungsvorschläge zur Silbentrennung und Kommasetzung gemacht hatte - werden nun der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgelegt. Die KMK muss auf ihrer Sitzung am 2. und 3. März entscheiden, ob die Vorschläge zum neuen Schuljahr ab 1. August 2006 umgesetzt werden. Zehetmair sagte, er gehe davon aus, dass die KMK den Empfehlungen des Rats folgen werde. "Das Thema muss vom Tisch", betonte der ehemalige Kultusminister.

Die Beschlüsse aus Mannheim sind deswegen brisant, weil die Neuregelungen zur Groß- und Kleinschreibung am 1. August 2005 als unstrittige Teile der Reform in Kraft getreten waren. Nur die Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen hatten eine verbindliche Einführung der neuen Rechtschreibung an Schulen und Behörden vom 1. August 2005 an abgelehnt.

Eine Sprecherin der Düsseldorfer Staatskanzlei sagte auf ddp-Anfrage, das Landeskabinett werde sich vor der Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK) Anfang März mit der Frage beschäftigen.

Bayern hatte bereits entschieden, die Rechtschreibreform mit den jüngsten Änderung einzuführen. Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) sagte der Tageszeitung "Die Welt", er werde den Vorschlägen des Rechtschreibrates folgen und sich der Reform anschließen. "Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist mit hochqualifizierten Experten besetzt", sagte Schneider. Und fügte hinzu: "Die Kultusministerkonferenz ist gut beraten, den Vorschlägen zuzustimmen."

Zehetmair unterstrich, der Rat habe seine Hausaufgaben gemacht. Der Zeitdruck sei "enorm" gewesen. "Jetzt fahren wir das Tempo Runter", betonte er. Man wolle nun "in Gelassenheit und Unaufgeregtheit die Sprache beobachten". Die nächste Sitzung des Experten-Gremiums sei im September in Wien geplant.

Dem Rechtschreibrat gehören Vertreter verschiedener Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Darunter sind die Duden-Redaktion, die Gesellschaft für deutsche Sprache, Zeitungsverleger und Journalistenverbände sowie Schulbuchverlage. Das Gremium war nach heftiger Kritik an der neuen Rechtschreibung von der KMK ins Leben gerufen worden.

Norbert Demuth«


(Mit jeweils anderer Überschrift zu finden in Spiegel online, Märkische Oderzeitung, Linkszeitung und Kölner Stadtanzeiger, 3. Februar 2006)



Kommentar von Stern online, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 04.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2803

»Rechtschreibrat

Die letzte Hausaufgabe

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat seine Hauptaufgabe erledigt und mehrere Beschlüsse zur Groß- und Kleinschreibung gefasst. Ob es künftig "bankrottgehen" statt "Bankrott gehen" heißt, entscheiden die Kultusminister im März.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat am Freitag in Mannheim Änderungen für die Groß- und Kleinschreibung beschlossen. Damit hat das Gremium seine Arbeit an dem Regelwerk zunächst beendet. Der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair geht davon aus, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) die Vorschläge nun bei ihrer Sitzung Anfang März akzeptieren wird. "Ich rechne mit keinen großen Widerständen", sagte der ehemalige bayerische Kultusminister (CSU). Die Korrekturvorschlägen würden dann zum neuen Schuljahr wirksam.

Wieder mehr Großschreibung
Das Expertengremium sprach sich dafür aus, dass feststehende Begriffe zukünftig wieder groß geschrieben werden. Als Beispiele wurde "Schwarzer Kontinent", "Hohes Haus", "Erste Bundesliga" und "Zweiter Weltkrieg" genannt. Das "Schwarze Brett" oder die "Graue Maus" können je nach der Bedeutung im Satz groß oder klein geschrieben werden. Auch beim "Du" im Brief ist nach Angaben von Zehetmair die Großschreibung wieder möglich.

Nach den Vorschlägen des Expertengremiums aus dem gesamten deutschsprachigen Raum sollen zusammenhängende Begriffe wie "pleitegehen" oder "bankrottmachen" klein und zusammengeschrieben werden. Bei dem Satz: "Sein Spiel ist klasse", soll "klasse" künftig genauso klein geschrieben werden wie "eigen" bei dem Satz "sich etwas zu eigen machen".

Wörterliste kommt bis Ende Februar
"Das Murren des Volkes hat zu dem neuen Nachdenken geführt", betonte der Ratsvorsitzende. "Die Arbeit hat sich letztendlich doch gelohnt." Der Rat will der Kultusministerkonferenz eine gesammelte Wörterliste bis Ende Februar zusenden. Am 2. und 3. März tagt die KMK in Berlin. "Danach werden wir uns wieder unaufgeregter mit der Sprache befassen", kündigte Zehetmair an. Die nächste Sitzung des Rates ist für September in Wien geplant. Dann wollen die Sprachexperten ein erstes Resümee ihrer Arbeit ziehen.

Die Sprachwächter hatten zuvor bereits Änderungsvorschläge für die Bereiche Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Silbentrennung und Zeichensetzung vorgelegt. Eislaufen und fertigmachen sollen beispielsweise künftig zusammengeschrieben werden. Das Abtrennen von Einzelbuchstaben oder sinnentstellende Trennungen wie Urin- / -stinkt für das Wort Urinstinkt sollen nicht mehr zulässig sein.

Wieder mehr Kommas
Der Rat hatte sich auch dafür ausgesprochen, dass in Zukunft wieder mehr Kommas gesetzt werden sollen. Damit sollen die Sinnzusammenhänge wieder schneller erfasst werden können, erklärte der CSU-Politiker. Die Lesefreundlichkeit sei wichtig. Der Rat will sich im September wieder in Wien treffen. Zehetmair sagte, dass Gremium werde die Sprache weiterhin beobachten. Es war Ende 2004 als Antwort auf die anhaltende Kritik an der Rechtschreibreform eingerichtet worden.

Ein großer Teil der neuen Sprachregeln war schon am 1. August vergangenen Jahres in 14 der 16 Bundesländer verbindlich in Kraft getreten. Nur in Bayern und Nordrhein-Westfalen gilt noch die Übergangsregelung. Alte Schreibweisen werden allein in den Schulen dieser beiden Länder auch jetzt noch nicht als Fehler gewertet. Der Rat beschäftigte sich zunächst vorrangig mit den strittigsten Fragen der Reform, hat darüber hinaus aber auch die langfristige Aufgabe, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren, die Entwicklung der Sprachpraxis zu beobachten und das orthografische Regelwerk weiterzuentwickeln.

Schriftsprache bleibt "Wanderbaustelle"
Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache kritisierte die Änderungsvorschläge als unzureichend. Der Rat für deutsche Rechtschreibung habe sich lediglich bemüht, in unsystematischer Weise einige besondere eklatante Mängel zu beheben - und nicht einmal das sei gelungen. Durch das von den Kultusministern gewählte Verfahren bleibe die deutsche Schriftsprache auf Jahre eine Wanderbaustelle, die kaum vorankomme.

mit AP, DPA«


(www.stern.de, 3. Februar 2006; fast identisch auch in n-tv.de, 3. Februar 2006)



Kommentar von Stern online, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 03.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2802

»Rechtschreibung

Empfehlungen zur Groß- und Kleinschreibung

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat sich am Freitag in Mannheim mit der Groß- und Kleinschreibung befasst. Hier einige Beispiele für seine Empfehlungen:

Rechtschreibreform (ALT) — Empfehlung des Rats (NEU)
Bankrott gehen — bankrottgehen
jemandem Freund sein — jemandem freund sein
Klasse sein — klasse sein
Recht haben — (auch:) recht haben
sich zu Eigen machen — sich zu eignen machen
jenseits von gut und böse — jenseits von Gut und Böse
das schwarze Brett — (auch) das Schwarze Brett
gelbe/Gelbe Karte — Gelbe Karte
kleine/Kleine Anfrage — Kleine Anfrage
du — (in Briefen auch:) Du«

(www.stern.de, 3. Februar 2006)



Kommentar von Tagesspiegel, 4. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 02.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2801

»Orthografie: Einigung in Sicht

Berlin - Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat sich in Mannheim auf Vorschläge für die Groß- und Kleinschreibung geeinigt. Eine Faustregel der reformierten Rechtschreibung, dass alle Wörter, die einem Substantiv ähneln, groß geschrieben werden, soll nicht mehr gelten. Der Rat schlägt vor, zur Kleinschreibung zurückzukehren: So solle es künftig pleite gehen oder du bist mir feind heißen. Bei Recht soll sowohl Groß- als auch Kleinschreibung zulässig sein: Du hast recht / Recht. Die Anredepronomen du und dein könnten in Briefen wieder groß geschrieben werden. Eine Kann-Bestimmung schlägt das Expertengremium auch für Wortverbindungen wie weißer Tod oder schwarzes Brett vor: Bei „idiomatischen Verbindungen“ könne das Adjektiv jetzt auch wieder groß geschrieben werden.

Mit diesen Beschlüssen habe der Rat seine Unabhängigkeit dokumentiert, sagte der Vorsitzende Hans Zehetmair. Tatsächlich wollte die Konferenz der Kultusminister (KMK), die den Rat im Dezember 2004 berufen hatte, nur drei Themen auf dem Prüfstand sehen: die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Silbentrennung und die Interpunktion.

Die KMK will sich offenbar mit den Vorschlägen auch zur Groß- und Kleinschreibung abfinden, obwohl die Reformschreibungen in 14 Bundesländern zum Schuljahresbeginn 2005 verbindlich wurden. „Wir sehen allen Ergebnissen des Rats aufmerksam entgegen“, sagt Generalsekretär Erich Thies. Es sei keine Grundsatzdiskussion über die Vorschläge zu erwarten.

Nach mehr als einem Jahrzehnt könnte der erbitterte Streit um die Reform der deutschen Rechtschreibung damit beigelegt sein: Anfang März will die KMK über die Vorschläge entscheiden. Zum 1. August sollen die vom Rechtschreibrat überarbeiteten neuen Regeln dann bundesweit für alle Schüler verbindlich werden – auch in Bayern, wie am Donnerstag bekannt wurde. Und der „Spiegel“ folgt schon seit Anfang des Jahres den Vorschlägen des Rechtschreibrats zur Getrennt- und Zusammenschreibung.

„Mit Blick auf den Schuljahresbeginn im Sommer muss die Entscheidung jetzt fallen“, sagt Zehetmair. Er fühlt sich jedoch von den Kultusministern unter Termindruck gesetzt. Anders als der Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler, der fordert „die Reform jetzt noch abzubrechen“, ist Zehetmair aber dazu bereit, in die zweite Phase der Arbeit des Rats zu gehen: Langfristig sollen die zunächst für sechs Jahre berufenen Experten die Entwicklung der deutschen Sprache beobachten und gegebenenfalls weitere Änderungsvorschläge vorlegen – in deutlich größeren Zeitabständen als bisher.

Auch KMK-Generalsekretär Thies verweist Kritiker auf diese Perspektive. Fraglich ist allerdings, ob die Agenda, die Zehetmair skizziert, den Kultusministern gefallen wird: Die Kleinschreibung müsse auch wieder für umstrittene Formen wie heute Abend oder im Voraus gelten. Außerdem sollte die Laut-Buchstaben-Zuordnung für Schreibweisen wie gang und gäbe, Stängel oder Quäntchen überprüft werden, sagt Zehetmair. Amory Burchard«


(Der Tagesspiegel, 4. Februar 2006)



Kommentar von Tages-Anzeiger online, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 02.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2800

Statt «du» wieder «Du»

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat heute Änderungen für die Gross- und Kleinschreibung beschlossen und damit die vorerst letzten Korrekturvorschläge für die umstrittene Rechtschreibreform vorgelegt.

Wie der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, sagte, müsse die deutsche Kultusministerkonferenz (KMK) Anfang März entscheiden, ob die Vorschläge verbindlich zum neuen Schuljahr eingeführt werden. Ein entsprechendes Wörterverzeichnis soll der KMK bis Ende Februar voerliegen.

Der Rat sprach sich dafür aus, feststehende Begriffe wie «Schwarzer Kontinent», «Hohes Haus» oder «Schwarzes Brett» sowie das «Du» im Brief künftig gross zu schreiben. Zudem sollen zusammenhängende Begriffe wie «pleitegehen» oder «bankrottmachen» klein und zusammen geschrieben werden.

Die Sprachwächter hatten zuvor bereits Änderungsvorschläge für die Bereiche Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Silbentrennung und Zeichensetzung vorgelegt. Ein grosser Teil der neuen Sprachregeln war schon am 1. August vergangenen Jahres in 14 der 16 Bundesländer in Kraft getreten. Nur in Bayern, Nordrhein-Westfalen und dem Kanton Bern gilt noch die Übergangsregelung. (raa/sda)“

(Tages-Anzeiger online, 3. Februar 2006)



Kommentar von Berliner Morgenpost, 4. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 02.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2799

»Aus "du" wird in Briefen wieder "Du"
Rechtschreibrat schließt Arbeit ab - Endgültige Entscheidung liegt bei Kultusministern


Berlin/Mannheim - Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat empfohlen, bei der umstrittenen Groß- und Kleinschreibung von Wörtern künftig den Wortsinn stärker in den Vordergrund zu stellen und die Schreibweise von der Betonung abzuleiten. Mit diesem Änderungsvorschlag schloß das Gremium am Freitagnachmittag in Mannheim seine Arbeit vorläufig ab. "Die Kultusministerkonferenz muß nun Anfang März entscheiden, ob die Vorschläge verbindlich zum neuen Schuljahr eingeführt werden", sagte der Vorsitzende des Rechtschreibrats, Bayerns früherer Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU). Ein entsprechendes Wörterverzeichnis soll der Kultusministerkonferenz (KMK) bis Ende Februar vorgelegt werden.

Der Rat sprach sich dafür aus, feststehende Begriffe wie "Schwarzer Kontinent", "Hohes Haus" oder "Schwarzes Brett" sowie das "Du" im Brief künftig groß zu schreiben.

Bereits am Donnerstag hatte das Land Bayern angekündigt, die nachgebesserte Rechtschreibreform nun umsetzen zu wollen. "Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist mit hoch qualifizierten Experten besetzt. Daher werde ich den Vorschlägen der Fachleute folgen", sagte Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) der Morgenpost.

Im vergangenen August hatten 14 Bundesländer die neue Rechtschreibung für Schulen und Behörden verbindlich eingeführt. Nur Bayern und Nordrhein-Westfalen ließen daneben auch noch die alte Rechtschreibung gelten, weil sie zunächst die Klärung der noch strittigen Schreibweisen im Rat für deutsche Rechtschreibung abwarten wollten. In Nordrhein-Westfalen zögert man allerdings noch immer mit der verbindlichen Übernahme der nun überarbeiteten Regeln. "Wir werden uns die Sache nun sehr genau anschauen", sagte Kultusministerin Barbara Sommer (CDU) der Morgenpost.

Die Arbeit des Rechtschreibrates hatten erst vor wenigen Tagen Schweizer Sprachwissenschaftler scharf kritisiert. In einem offenen Brief an den Präsidenten der Schweizerischen Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) beklagte sich der sogenannte Sprachkreis Deutsch darüber, daß die Reform nur eingeschränkt überarbeitet würde.

Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge bemängelte überdies der Schweizer Lehrerverband, daß der Vorsitzende und die große Ratsmehrheit die anstößigsten Fälle pragmatisch lösten und es unterließen, die Konsequenzen für das gesamte Regelwerk zu untersuchen. Auf diese Weise sei die "verunglückte Lösung zwar von den übelsten Unfugkonstruktionen befreit, gleichzeitig aber systematisch verschlimmbessert worden", so der Lehrerverband.

Die deutschen Kultusminister wollen am 2. März über die Empfehlungen des Rates beraten. Allgemein wird erwartet, daß die "Reform der Reform" ab dem kommenden Schuljahr, noch in diesem Jahr, von allen 16 Bundesländern umgesetzt wird.

dpa/AP/JoP«


(Berliner Morgenpost, 4. Februar 2006)



Kommentar von Wiesbadener Kurier, 4. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 02.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2798

»Immer weniger Munition für die Reformgegner

Sprachexperten beschließen letzte Änderungen an Rechtschreibregeln / Kultusminister müssen noch zustimmen

Von Bernd Glebe

MANNHEIM Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat den Rat für deutsche Rechtschreibung ins Leben gerufen. Jetzt muss die KMK Farbe bekennen. Die Sprachwächter nahmen gestern in Mannheim die letzten Reparaturarbeiten an der umstrittenen Rechtschreibreform vor. Damit hat das mit Experten aus dem gesamten deutschsprachigen Sprachraum besetzte Gremium seinen Part erfüllt. Der Ball liegt nun im Feld der Politik.

Am 2. und 3. März steht das jahrelange Aufregerthema auf der Tagesordnung einer Sitzung in Berlin. Ein Ablehnen der Glättungsvorschläge des Rechtschreibrates hätte ein gewaltiges Echo zur Folge. Nicht nur, dass die Öffentlichkeit immer wohlwollender auf die Arbeit des mit Gegnern und Befürwortern besetzten Teams um den ehemaligen bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair reagiert. Auch die Kritikerfront bewegte sich in den vergangenen Monaten.

So erklärte der Chefredakteur des "Spiegel", Stefan Aust, zum Jahreswechsel, sein Blatt habe sich zu einer "Rückkehr zur Vernunft" entschieden und wolle die Empfehlungen des Rates umsetzen. Ob diesem Beispiel andere Häuser wie der Axel-Springer-Verlag, die "Süddeutsche Zeitung" oder die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" folgen werden, ist nicht klar - das Bundesland Bayern signalisierte jedoch bereits, die Rechtschreibreform auf Grundlage der geplanten Neuerungen nun doch einzuführen.

Bis auf Bayern und Nordrhein-Westfalen hatten die übrigen 14 Bundesländer große Teile der Reform am 1. August vergangenen Jahres in Kraft gesetzt. Nur in den beiden Bundesländern gilt seitdem noch eine Übergangsregelung. Alte Schreibweisen werden allein in den Schulen dieser beiden Länder auch jetzt noch nicht als Fehler gewertet. Viel Munition haben die Gegner der neuen Schreibweisen inzwischen nicht mehr. Der Rat setzte bei seinen Vorschlägen durchgängig bei der Verständlichkeit der Sprache an. Nicht starre Regeln, sondern der Sprachgebrauch der Menschen soll künftig im Vordergrund stehen, lautete von der ersten bis zur letzten Sitzung des Rates der Leitsatz von Zehetmair. Ende 2004 hatten die Sprachwächter ihre Arbeit aufgenommen.

"Wir machen die Nachkorrekturen nicht, damit sich die Fehlerquellen erhöhen", betonte der studierte Lehrer Zehetmair gestern in Mannheim. "Die Leute sollen wieder Vertrauen in die Sprache fassen und sich in ihr wohlfühlen." Gerade die Schulen sollten die Vorschläge des Rates als "erzieherische Chance" begreifen. Dass es der äußerst heterogen besetzte Rat trotz seiner Einigkeit nicht allen Recht machen wird, dessen ist sich Zehetmair jedoch bewusst: "Ich hätte gerne noch mehr gemacht. Aber auf einem schwierigen Gelände haben wir eine große Mehrheit gefunden."«


(Wiesbadener Kurier, 4. Februar 2006)



Kommentar von Wiesbadener Kurier, 4. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 02.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2797

»Schluss damit

Von Claudia Nauth

Gut, dass es in der deutschen Orthographie (auch: Orthografie) angesichts der erneuten Reform der Rechtschreibreform noch ein paar Konstanten gibt, zum Beispiel die Wörter Konfusion, Hin und Her sowie Flickwerk. Ansonsten wäre es gar nicht möglich, die Kritik am Rat für deutsche Rechtschreibung, seinen Vorgängergremien und den Kultusministern in einer allgemein akzeptierten Schreibweise zu Papier zu bringen. Ein grandioses Durcheinander haben alle Beteiligten mittlerweile angerichtet, anstatt die Rechtschreibung und das Leben kommender Schülergenerationen zu vereinfachen.

Deshalb muss jetzt Schluss sein mit kontraproduktiven Neuregelungen. Die Rechtschreibreform ist gescheitert und sollte nicht mit immer neuem sprachlichem Firlefanz dekoriert und damit verschlimmbessert werden. Es bringt das Land und seine Menschen nicht voran, dass wir künftig statt erste Hilfe wieder Erste Hilfe schreiben werden. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen. Alte und neue Rechtschreibung existieren im öffentlichen Leben parallel nebeneinander, und noch nicht einmal die 16 deutschen Bundesländer marschieren im Gleichklang bei ihren Anweisungen an die Schulen. Die Reformer haben der deutschen Sprache einen Bärendienst erwiesen.

Dass diese Reform falsch war, heißt aber nicht zwingend, dass sich die deutsche Rechtschreibung generell einer Reform entzieht. Aus einem mutlosen Ansatz, den Experten im Elfenbeinturm umsetzen, wird nun einmal kein großer Wurf.

Schade jedoch, dass nicht versucht wurde, die groß- und kleinschreibung im deutschen bis auf namen und satzanfänge abzuschaffen. Milliarden rechtschreibfehler hätten so vermieden werden können.«


(Wiesbadener Kurier, 4. Februar 2006)



Kommentar von WDR-Nachrichten, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 02.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2796

»NRW wartet bei Rechtschreibreform ab

Rat für deutsche Rechtschreibung empfiehlt Rückkehr zum "Du"


Am Freitag (03.02.06) tagte der Rat zur Rechtschreibung zum letzten Mal: Das umstrittene Reformwerk soll endlich abgeschlossen werden. Bayern, bisher skeptisch, hat seinen Widerstand aufgegeben. Ob auch NRW einlenkt, soll bis Anfang März entschieden werden.

"Das Reformwerk ist noch nicht so ausgereift und ausgewogen, um es einführen zu können", hatte Regierungschef Jürgen Rüttgers (CDU) im Sommer 2005 wissen lassen. Damals sollte die neue Rechtschreibung bundesweit eingeführt werden; der Rat für Rechtschreibung, ein von den Kultusministern eingesetztes Expertengremium, hatte Regelungen ausgearbeitet und sie von der Kultusministerkonferenz absegnen lassen. 14 Bundesländer führten sie daraufhin ein - nur Bayern und NRW warteten ab. Die neue Rechtschreibung wird zwar an den Schulen gelehrt, wer aber lieber nach der alten schreibt, bekommt dies nicht als Fehler gewertet.

Bayern vertraut auf Experten

Der Rat für deutsche Rechtschreibung tagte am Freitag (03.02.06) zum letzten Mal und nahm sich der letzten strittigen Fälle an: Zur Diskussion stand zum Beispiel, ob es in Briefen "Ich liebe dich" oder doch wieder "Ich liebe Dich" heißen sollte und ob die große Koalition wieder "Groß" sein darf. Die Experten einigten sich auf die Empfehlung, in Briefen die großgeschriebene Anrede alternativ zur Kleinschreibung zu ermöglichen. Auch bei feststehenden Begriffen wie "Zweiter Weltkrieg" oder "Gelbe Karte" empfiehlt die Kommission, die Großschreibung wieder einzuführen.

Schon vor der Sitzung des Rates hatte Bayern angekündigt, seinen Widerstand aufzugeben. "Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist mit hochqualifizierten Experten besetzt. Deswegen werde ich den Vorschlägen der Fachleute folgen", sagte der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider (CSU). Damit steht NRW mit seinen Bedenken nun alleine da.

Abstieg in die "Zweite" oder "zweite" Liga?

Ob sich die schwarz-gelbe NRW-Landesregierung der Empfehlung des Rechtschreibrates nun anschließen wird, bleibt vorerst unklar. Ein Sprecher des NRW-Schul- und Bildungsministeriums sah die Entwicklung am Freitag positiv: "Es zeichnet sich ja eine Änderung ab, und es ist gut, dass NRW sich zurückgehalten hat." Auf Anfrage der Nachrichtenagentur ddp teilte eine Sprecherin der Düsseldorfer Staatskanzlei dann mit, das Kabinett werde sich vor der Sitzung der Kultusministerkonferenz Anfang März mit der Frage beschäftigen.

In den anderen Bundesländern sollen die Änderungen zum neuen Schuljahr eingeführt werden. Ob NRW-Schüler dann immer noch ungestraft "zweite Bundesliga" schreiben dürfen, während junge Fußballfans im Rest der Republik "Zweite Bundesliga" schreiben müssen, entscheidet sich vielleicht in den nächsten Wochen. Das Kabinett werde sich, so der Sprecher, mit den Beschlüssen befassen; wann das allerdings sein wird, konnte er nicht sagen.«


(WDR.de, 3. Februar 2006)



Kommentar von Rheinische Post, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 01.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2795

Rückschreibung

Düsseldorf (ots) - Von Bertram Müller

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat gestern das Rad der Reform erneut ein Stück zurückgedreht. Jetzt soll auch in der Groß- und Kleinschreibung manches wieder gelten, was bereits vor Beginn der Reform galt. Das "schwarze Brett" soll wieder groß geschrieben werden, ebenso das "du" in Briefen - vorausgesetzt, dass die Kultusministerkonferenz dem zustimmt.
Die wird dem Reförmchen ihr Einverständnis sicherlich nicht verweigern, denn sie möchte wie der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair das leidige Dauerthema endlich vom Tisch haben. Mit der Rückkehr zu alten Schreibweisen hat der Rat schließlich auch dem Land NRW eine goldene Brücke gebaut, so dass selbst die hiesige Landesregierung unter Wahrung ihres Gesichts der gemäßigten Reform zustimmen könnte. Die Bayern, die wie NRW zwischenzeitlich ausscherten, haben die Wende bereits vollzogen.
Wird die Rechtschreibreform also doch noch ein Erfolg? Ganz und gar nicht. Längst geht ein Riss durch die deutschsprachige Welt. Die einen Verlage richten sich nach den alten, die anderen nach den neuen Regeln. In der alten wie in der neuen Schreibung gibt es Ungereimtheiten. Gewonnen ist durch die Reform nichts. Arme Schüler!

(Presseportal.de, 3. Februar 2006)



Kommentar von MDR INFO, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 01.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2794

"Du" im Brief empfohlen

Der Rechtschreib-Rat hat seine vorerst letzten Vorschläge für Korrekturen an der neuen Rechtschreibung gemacht. Dabei geht es um Groß- und Kleinschreibung. Der Rat sprach sich dafür aus, feststehende Begriffe wie "Hohes Haus" oder "Erste Bundesliga" künftig groß zu schreiben. Das "Schwarze Brett" oder die "Graue Maus" sollen je nach der Bedeutung groß oder klein geschrieben werden. Ratsvorsitzender Hans Zehetmair rechnet damit, dass die Kultusminister die Vorschläge akzeptieren. Thüringens Kultusminister Jens Goebel begrüßte die Vorschläge. Damit werde ein Schlussstrich unter eine lang dauernde Entwicklung gezogen. Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache hält die Vorschläge dagegen für unzureichend: Sie seien allenfalls ein Zwischenergebnis auf dem Weg zu einer vernünftigen Rechtschreibung.

(www.mdr.de, 3. Februar 2006)



Kommentar von Merkur online, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 01.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2793

»Zehetmair: "Wir haben die größten Unebenheiten geglättet"

Reform-Kritiker werfen dem Rat für deutsche Rechtschreibung vor, nur "Stückwerk zu leisten". Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rechtschreibrates, verteidigt dagegen die Arbeit des Gremiums.

Ist der Rat mit dem Versuch gescheitert, wieder den Rechtschreibfrieden herzustellen?
Zehetmair: Wir haben heute mit der Groß- und Kleinschreibung den letzten wichtigen Abschnitt beschlossen. Es gab dabei nur eine Gegenstimme. Von Scheitern kann also keine Rede sein. So etwas kann nur jemand behaupten, der persönlich beleidigt ist. Ich denke, auch die Bürger können sich mit unseren Ergebnissen identifizieren. Wir haben die größten Unebenheiten geglättet.

Reform-Kritiker beklagen, dass der Rat das Sprach-Wirrwarr gefördert hat, indem er bei der Getrennt- und Zusammenschreibung mehrere Schreibweisen erlaubt.
Zehetmair: Ich bin immer gegen die Beliebigkeit der Rechtschreibung gewesen. Aber wir dürfen auch nicht zu dogmatisch sein. Kinder fragen nach dem Sinn einer Sprache. Daher haben wir uns entschlossen, teilweise zwei Schreibweisen zu erlauben.

Dem Rat wird vorgeworfen, dass er sich mit vielen strittigen Fragen wie der Laut-Buchstaben-Beziehungen ("Stängel") nicht befasst hat.
Zehetmair: Wer geglaubt hat, dass wir zur Stunde Null zurückkehren, ist enttäuscht. Unser Ziel war es, bis zum Schuljahr 2006 die eklatantesten Ungereimtheiten auszumerzen. Alles andere war innerhalb eines Jahres auch nicht zu schaffen. Natürlich gibt es noch Dinge, die nicht rund sind. Ich denke da an die Schreibweise von Fremdwörtern.

Bayern hat bereits angekündigt, den Empfehlungen des Rates zuzustimmen. Werden die anderen Länder mitziehen?
Zehetmair: Ich bin überzeugt, dass die Kultusminister den Empfehlungen zustimmen werden. Der Rechtschreibrat hat genau die Probleme in mühsamer Arbeit geklärt, die die Kultusminister formuliert hatten. Damit wäre die erste hektische Phase des Rates beendet und wir könnten uns unserer eigentlichen Aufgabe widmen: die Sprache zu beobachten.

Auch wenn die Rats-Empfehlungen in den Schulen ab Herbst verbindlich gelten, gibt es weiterhin Zeitungen, die die neue Rechtschreibung nicht akzeptieren. Wird es jemals wieder einheitliche Schreibweisen geben?
Zehetmair: Ich hoffe, dass unsere Vorschläge auch die Kritiker langfristig überzeugen. Natürlich wird es immer auch Widerspruch geben. Aber ich glaube, beide Seiten werden aufeinander zugehen. Ihre Zeitung hat entgegen der Reform auch auf der alten Kommasetzung bestanden, um den Lesefluss zu erleichtern. Sie waren auf dem richtigen Weg: Der Rat hat sich auch dafür ausgesprochen, wieder mehr Kommata zu setzen.

Interview: Steffen Habit«


(Merkur online, 3. Februar 2006, 22.56 Uhr)



Kommentar von OVB/Merkur online, 3. 2. 2006, verfaßt am 04.02.2006 um 00.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2792

»Rechtschreib-Diktatur
DIE HALBHERZIGE REFORM DER REFORM

Operation gelungen, Patient tot. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat der so genannten Rechtschreibreform einige der schlimmsten Giftzähne herausamputiert, das Ableben der einheitlichen deutschen Rechtschreibung aber nicht mehr abwenden können. Wie auch: Die "Reformer" haben die Systematik der deutschen Rechtschreibung zerstört und durch willkürlich gesetzte Regeln ersetzt - und mehr als Flickschusterei war dem Rat von den Erfindern der neuen Rechtschreibung nicht erlaubt worden.

Soviel immerhin hat der Rat erreicht: Feststehende Begriffe müssen wie früher wieder groß geschrieben ("Große Koalition"), die Anredepronomen Du/Sie dürfen wieder groß geschrieben werden ("ich liebe Sie" statt "ich liebe sie"). Das verbessert das Textverständnis. Deshalb sollen auch wieder mehr Kommata gesetzt werden ("Sie suchte, den Plan in der Hand, nach dem Weg" statt "Sie suchte den Plan in der Hand nach dem Weg").

Ansonsten aber bleibt es bei der von den Sprach-Terroristen errichteten Schreib-Diktatur: Aus "Tip" wird "Tipp", der "Slip" bleibt aber "Slip". Knüppeldick kommt es in der Getrennt- und Zusammen- bzw. Groß- und Kleinschreibung: Aus "hierzulande" wird "hier zu Lande", "heutzutage" aber bleibt "heutzutage". Aus "angst und bange machen" wird "Angst und Bange machen", "angst und bange sein" bleibt aber "angst und bange sein". "Recht haben" und "recht haben" sind künftig nebeneinander gültig. Logik? Fehlanzeige.

Bei einigen Schreibweisen hat der Rat den Irrsinn gar auf die Spitze getrieben und alte und neue Variante durch eine dritte ersetzt. Das alte "pleite gehen", vorübergehend in "Pleite gehen" reformiert, schreibt sich künftig "pleitegehen" (analog leid tun - Leid tun - leidtun). Wer wundert sich da noch, dass die Fehlerquote an den Schulen seit Einführung der Reform nicht sinkt, sondern steigt?

Georg Anastasiadis«


(Merkur online und OVB online, jeweils 3. Februar 2006, 23.16 Uhr)



Kommentar von ARD-Videotext, verfaßt am 04.02.2006 um 00.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=394#2791

»Änderungsvorschläge abgelehnt

Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache hält die Vorschläge zur Überarbeitung der Rechtschreibreform für unzureichend.

Das gelte auch für die Empfehlungen zur Reform der Groß- und Kleinschreibung, hieß es in einer Stellungnahme. Der Rat für deutsche Rechtschreibung habe sich lediglich bemüht, in "unsystematischer Weise einige besondere eklatante Mängel zu beheben" und nicht einmal das sei gelungen. Die Vorschläge seien allenfalls ein Zwischenergebnis. Dem Beirat der Berliner Forschungsgruppe gehören auch die Autoren Walter Kempowski, Adolf Muschg und Sten Nadolny an.«

Quelle: ARDtext, S. 402 (3. Februar 2006)




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