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02.02.2006
 

Lukas Platte
Dauerbaustelle Rechtschreibreform

Auf der Baustelle Rechtschreibreform, die spätestens im Sommer endgültig aufgelassen werden soll, tut sich schon seit geraumer Zeit nicht mehr viel.

Dabei war der Einstand des „Rates für deutsche Rechtschreibung“ unter der Führung des neuen Poliers Hans Zehetmair spektakulär: Das einstige Paradestück der Reform, die erstmalig in der Geschichte der deutschen Orthographie vollständig geregelte Getrennt- und Zusammenschreibung (eine Regelung, die aufgrund ihrer völligen Unbrauchbarkeit in den reformierten Blättern seit über sechs Jahren allenfalls simuliert wird), wurde entkernt und durch eine neue Regelung ersetzt, die auf eine weitgehende Rückkehr zur herkömmlichen Rechtschreibung hinauszulaufen scheint.

Das kam allerdings nicht ganz überraschend. Schon Ende 1997 hatte die damalige Rechtschreibkommission selbst dringenden Änderungsbedarf angemeldet, scheiterte mit ihren Revisionsvorschlägen jedoch zunächst an der Kultusministerkonferenz. Diese ließ erst im Juni 2004 Änderungen zu, die sie freilich zugleich als lediglich „behutsame Anpassungen“ ausgab. Um so größer dann die Erwartungen, als im Frühjahr vergangenen Jahres Zehetmair Klartext sprach.

Die Teilrücknahme der Reform bedeutet ein Scheitern staatlicher Sprachplanung; sie legt den Verdacht nahe, daß Orthographie nicht einfach konfektionierbar ist und auch andere Bereiche der herkömmlichen Rechtschreibung vielleicht nicht ganz so zufällig und willkürlich sind, wie das Reformprojekt es voraussetzte. Dennoch, oder vermutlich eben deshalb, ist die Arbeit des Rates nicht viel weiter gediehen, seitdem die Kultusminister im April 2005 kurzerhand alle Teile der Reform für „unstrittig“ erklärten, deren Behandlung der Rat bis dahin noch nicht in Angriff genommen hatte.

Gewiß, da ist noch die Teilrevision der reformierten Zeichensetzung, die aber nicht nur wegen der Verweigerung der Agenturen ohnehin aus der Schule kaum in die Erwachsenenwelt vorgedrungen ist. Auch eine morphologisch richtige Silbentrennung war vom Amtlichen Regelwerk nie verboten. Bemerkenswert ist eher, daß der Rat im November weisungswidrig eine AG zur Groß- und Kleinschreibung eingesetzt hat. Doch die arbeitet mit beschränktem Auftrag und unter Zeitdruck. Gar nicht erst angefaßt haben die bestallten „Sprachwächter“ die Laut-Buchstaben-Zuordnung, tatsächlich eines der strittigsten Teile der Reform, jedenfalls wenn man die Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit zum Maßstab nimmt.

Die beiden letztgenannten Kapitel sind nicht weniger brisant als die reformierte Getrennt- und Zusammenschreibung. Diese ist nur der offensichtlichste Sprengsatz, der insbesondere Schul- und Zeitungsorthographie auseinandertreibt. Genug zu denken geben sollten, nur als Beispiele, die zunehmende Beliebtheit von Konstrukten wie „Ernst nehmen“ oder „Schuld sein“, und zwar bei bis vor wenigen Jahren noch sicheren Schreibern, oder auch Behelfslösungen wie der „Eisschnell-Läufer“. Hier wirkt sich im einen Fall die Inkonsequenz bei der Großschreibung von Adverbien („heute Früh“?) destruktiv aus und im anderen der – notgedrungene – Mißbrauch des Bindestrichs für eine andere als seine eigentliche Aufgabe, nämlich Zusammensetzungen im Bedarfsfall nach Sinneinheiten zu gliedern. Da wäre noch einiges zu tun gewesen.

Zehetmair und seine Mannschaft werden bestenfalls das Dach an der Stelle, durch die es für jeden unübersehbar hereinregnet, geflickt und an ein paar anderen Stellen noch Eimer aufgestellt haben, wenn sie die Baustelle verlassen. Doch die Türen hängen weiter schief in den Zargen, und weitere Reparaturtrupps werden sich an der deutschen Rechtschreibung zu schaffen machen müssen. In diesem Haus bleibt es noch lange ungemütlich.

Journalist, 2/2006 (Leserbrief)



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Kommentare zu »Dauerbaustelle Rechtschreibreform«
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Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 02.02.2006 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=390#2752

„Keine Bedenken“ – das bezieht sich wohl eher auf die politische Ebene der Vorgehensweise denn auf die inhaltliche. Man darf davon ausgehen, daß jede mit Sprache befaßte Person Bedenken hat. Politisch wird die sogenannte Rechtschreibreform ihrer sachlichen Unhaltbarkeit zum Trotz weiterhin durchgewinkt. Die öffentliche weicht von der privaten Meinung immer noch erheblich ab, wir haben es mit einer Schweigespirale (Noelle-Neumann) zu tun. Das wissen gerade auch die Journalisten und – schweigen.

Ein Fernsehbeitrag wie jener gestrige auf Bayern 3 ist dagegen ein Signal der Hoffnung. Die bisher starre Front öffentlicher Zustimmung aus Sicht der Schulen weicht auf: Man schickt sich, aber man tut es mit boshaftem Grinsen und der gelassenen Gewißheit, daß nichts im Leben dauerhaften Bestand hat, was gegen Natur und Intuition gerichtet ist. Die „Dauerbaustelle Rechtschreibreform“ wird deshalb – Rechtschreibrat hin, KMK-Beschluß her – eine solche bleiben. Der Erosion durch Wind und Wetter, dem Mutwillen spielender Kinder und streunender Hunde schutzlos preisgegeben, entwickelt sie sich zum weithin sichtbaren Schandmal der Nation. Ein wirksames Aufräumen wird wohl erst durch eine neue Truppe erfolgen: es ist dies die folgende Generation, die nicht zu Mittätern gemacht worden ist und daher auch nicht mit einem wie auch immer gearteten Schuldbewußtsein zu kämpfen hat. Bis dahin sind wir alle aufgefordert, gegen das Vergessen weiterhin so zu schreiben, wie man es am besten lesen kann: bewährt. Dies mag genügen, um die „Bauarbeiter“ der Zukunft zu den nötigen Aufräumarbeiten zu motivieren.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2006 um 05.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=390#2751

Ein ausgezeichneter Beitrag – aber warum nur als Leserbrief? Der Journalistenverband selbst hätte dies vorbringen müssen. Aber der hat sich mit einem kläglichen "keine Bedenken" (in vier Zeilen) begnügt.



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