zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

Die neuesten Kommentare


Zur vorherigen / nächsten Nachricht

Zu den Kommentaren zu dieser Nachricht | einen Kommentar dazu schreiben


29.01.2006
 

Kerstin Decker
Die eilige Schrift

Die deutsche Rechtschreibung – Widersprüche und Willkür, Regeln wie aus dem Zufallsgenerator.

Ein Mann korrigiert das Gröbste: ein Portrait Theodor Icklers im Berliner Tagesspiegel.


Die eilige Schrift
Die deutsche Rechtschreibung – Widersprüche und Willkür, Regeln wie aus dem Zufallsgenerator. Ein Mann korrigiert das Gröbste

Dies ist Erlangen. Ungeknickte Straßen, die Häuser haben sich übersichtlich im rechten Winkel aufgestellt. Nichts ist hier krumm und schief. Erlangen ist genau so, wie die Rechtschreibreformer sich unsere Sprache vorstellen. Vor allem irgendwie rechtwinklig. Erlangen ist eine verdammt gute Tarnung.

Denn Erlangen ist das Hauptquartier der Gegenreformer, also gewissermaßen der Sitz der orthografischen Konterrevolution. Es ist die Hauptstadt derer, denen die Rechtschreibreform noch immer viel mehr ist als nur ein Quäntchen Gräuel, nämlich zuallererst ein Quentchen Greuel. Vor lauter halbfertigen Reformen haben wir fast vergessen, dass unser Land immerhin eine schon fast geschafft hat. Im letzten August ist die Rechtschreibreform verbindlich geworden. Zumindest „die unstrittigen Teile“. Andererseits war 2005 – und wird 2006 – auch ein Erfolgsjahr der Gegenreformer. Wer soll das noch verstehen? Und ist es nicht erbsenzählerisch, sich immer wieder neu über das Quäntchen Gräuel zu ärgern?

Es war einmal – es ist noch gar nicht lange her – ein kleines Erlanger Mädchen, das ging in die vierte Klasse und bekam sein Diktatheft zurück. Das Heft war rot vor Lehrerstrichen. Das Mädchen war rot vor Scham. So etwas war ihm noch nie passiert. Das Mädchen hatte geschrieben: „Da stand der Bettler in seinem selbstgemachten Kleid staunend vor all dem Zierat. Er tat dem König sehr leid.“ Drei Fehler in zwei Sätzen. Nun kann man sagen, es lag an der Herkunft des Kindes. Keine Reform ist für jeden, und das Mädchen kam aus einem Risikoelternhaus. In der Wohnung des Mädchens gab es Bücher. Das Mädchen las. So begegnete es immerzu „selbstgemachten“ statt „selbst gemachten“ Kleidern und anderem „Zierat“ statt „Zierrat“. Das Mädchen kann einem sehr Leid tun.

Theodor Ickler kann die Wortverbindung „Leid tun“ noch immer nicht anschauen, ohne zu zittern. Das liegt an seinem Beruf. Ickler ist Germanistik-Professor. Also konnte er dem Mädchen mit der schlechten Zensur doch nicht sagen oder schreiben: Die Germanisten sind schuld, nimm Dich in acht vor Germanisten! Er hätte ja schreiben müssen: Die Germanisten sind schuld, nimm dich in Acht vor Germanisten! Und so etwas kann Theodor Ickler nun einmal nicht schreiben.

Er ist nicht irgendein Germanistik-Professor. Er operiert seit Januar als Wolf im Reformerschafspelz am offenen Herzen der deutschen Sprache. Im „Rat für deutsche Rechtschreibung“ – eingerichtet Ende 2004 als Antwort auf die Kritik an der Rechtschreibreform – hat er ein paar wichtige Reformen schon wieder wegreformiert, bevor die „unstrittigen Teile“ verbindlich wurden. Siebenmal hat dieser Rat bisher getagt, zuletzt Ende November, im Februar ist die nächste Sitzung. Und Anfang März werden dessen Empfehlungen über letzte Veränderungen der Kultusministerkonferenz vorgelegt. Für die Schulen und Behörden treten die Korrekturen dann am 1. August in Kraft.

Schon seit Herbst letzten Jahres darf das Erlanger Mädchen wieder schreiben: Der Bettler tat dem König sehr leid. Seltsamerweise haben viele Menschen und viele Zeitungen noch gar nicht mitbekommen, dass wieder richtig ist, was lange falsch war. Aber nicht immer. Nach dem gegenwärtigen Stand müsste Ickler notieren: Die Reformer tun uns leid, wir hatten doch Recht. „Recht“ groß. Theodor Ickler ist außerdem der Verfasser des „Ickler“. Der „Ickler“ ist gewissermaßen der neue „Duden“. Er trägt den Untertitel „Normale deutsche Rechtschreibung“ und erklärt, wozu andere Regelwerke ganze Seiten brauchen, in wenigen Sätzen.

Im rechteckigen Erlangen stehen drei besonders puristische Rechtecke. Das ist die philosophische Fakultät der Universität. Darin gibt es viele winzig kleine Rechtecke, und in einem davon sitzt Ickler. Wenn er sich ganz dünn macht, passt er zusammen mit seinem Computer da hinein. Er trägt einen grauen Oberlippenbart und eine Brille. Alles an diesem Mann ist dezent. Um ihn ist eine Aura von Weite, obwohl er fast an die Wände stößt, wenn er beim Reden die Arme hebt. Sein letztes Jahr war nicht übel. Die gröbsten Sprachkörperverletzungen der Reformer wurden noch im Juli – einen Monat vorm Inkrafttreten der Reform – rückgängig gemacht. Die Dichter atmeten auf.

Denn die Dichter litten sehr unter der Reform. Reiner Kunze hatte als Erster den Verlust des Wortes „wiedersehen“ beklagt. Die Reformer hier zu Lande (also nicht zu Wasser oder gar in der Luft) hatten Kunze ein großes Leid getan, indem sie die Differenz zwischen „wieder sehen“ (erneut erblicken) und „wiedersehen“ (menschliche Wiederbegegnung) einfach aus dem Sprachgedächtnis herausoperierten. Jeder Sprachleib besitzt seine eigene Intelligenz, wissen die Dichter, sie ist über Jahrhunderte gewachsen, und davon lebt diese Berufsgruppe schließlich. Kann schon sein, antworteten die Reformer, aber so ein Erstklässler ist eben nicht über Jahrhunderte gewachsen. Und für ihn ist unsere Reform. Deswegen sieht unser Schriftbild jetzt oft ein wenig minder bemittelt, also minderbemittelt, aus.

Ihr sollt mich kennenlernen, dachte Ickler, als er im letzten Winter der Sprach- kommission beitrat. Damals hätte er noch schreiben müssen: Ihr sollt mich kennen lernen! Und so einen haben die Reformer tatsächlich in ihre Kommission gelassen. Aber warum? Und warum jetzt erst, wo uns die neuen Falschheiten schon so vertraut sind?

Es ging nicht anders, ich kann das erklären, ruft Ickler und spricht sehr lange über die Entwicklung der Reform. Man kann die Rechtschreibreform nämlich nur aus ihrer Geschichte erklären.

Konrad Duden hatte seinerzeit nur ohnehin gebräuchliche Schreibweisen vereinheitlicht. Die neuen Reformer hatten ganz anderes vor. Sie führten von Anbeginn eine Art Klassenkampf, denn sie waren schon früh der Ansicht, dass in unseren Schulen auch einer stattfindet. Der Deutschlehrer ist der Feind des nichtlesenden Schülers einfacher, buchloser Herkunft. Man versteht, sagt Ickler, die Reformer nur durch ihr Leitbild. Das Leitbild sei der kleine Fritz, der in der Schule ein Diktat schreibt, und von der Zensur hängt seine ganze Zukunft ab. Was kann er noch werden mit den schlechten Deutschnoten? Wer liest, hat beim Schreiben einen natürlichen Wettbewerbsvorteil. Und eben das ist ungerecht, fanden die Reformer und meinten, dass zu einer Demokratie auch die vollendet demokratische Schriftsprache gehört, vor der jeder gleich ist.

Im Uni-Flur nahe Icklers Zimmer kündigt das Vorlesungsverzeichnis das Walther-von-der-Vogelweide-Proseminar „waz is minne?“ an. Sehr zukunftsweisend. Vorwärts ins Mittelalter! Manche Reformer erwogen einst die konsequent phonetische Schreibweise, etwa: „di libe, si fil wi noch ni auf mein herz.“ Natürlich steht da „libe“ und nicht „Libe“, denn schließlich sprechen wir ein Wort auch nicht größer oder kleiner als das andere. Konsequente Kleinschreibung!

Als Theodor Ickler 1973 Germanistik-Student in Marburg war, fand in Frankfurt am Main ein bemerkenswerter Kongress statt. Der große Kongress der Kleinschreiber. Kritiker der Kleinschreibung wurden beschimpft als „ewig gestrige“, die „dem traditionellen bildungserbe der kaiserzeit verhaftet“ seien. Sie hätten den „analen zwangscharakter“ der Rechtschreibung nicht begriffen, die nichts weiter darstelle als einen modernen „rohrstockersatz“. Und dann formulierten sie das orthografische Manifest: „Die reaktionäre großschreibung fällt nicht, wenn wir sie nicht niederschlagen!“

Die Kleinschreibung, sagt Ickler, war aber auch schon die größte Idee der Reformer. Nach einer Anhörung in Bad Godesberg 1993 mussten sie jedoch einsehen, dass das mit der universellen Kleinschreibung schwierig werden könnte. Die Idee des rein phonetischen Schriftbildes hatten sie schon vorher aufgegeben. Aber die große Idee der Kleinschreibung verursachte auch auf ihrem Rückzug noch Schäden. Am Ende wurden davon auch „der heilige Vater“ und „die letzte Ölung“ erfasst, was 1995 einen Eklat im bayerischen Kultusministerium verursachte, weil man dort doch eine gewisse Anhänglichkeit an den Heiligen Vater und die Letzte Ölung empfand. Der einstige bayerische Kultusminister und Reformenthusiast Zehetmair neigte später dazu, die von den Reformern betriebene letzte Ölung unserer Sprache eher zu verhindern. Weshalb bayerische Schüler wieder „Erste Hilfe“ schreiben dürfen, ohne einen Fehler zu machen, denn Bayern, aber auch Nordrhein-Westfalen und der schweizerische Kanton Bern halten selbst die „unstrittigen“ Teile der neuen Rechtschreibung für enorm strittig.

Die Reformer wussten, wenn sie Erfolg haben wollten, durfte keiner die Reform vorher kennen. Sie musste also gewissermaßen schon beschlossen sein, bevor sie öffentlich wurde. Die Demokratisierung der Sprache konnte nur auf diktatorischem Wege eingeführt werden. Das ist die Dialektik der Demokratie, manchmal. Und wahrscheinlich hätten die Reformer dennoch keine Chance gehabt ohne vorwitzige (Schulbuch-)Verlage und die reformfreudige Nachrichtenagentur dpa, der so viele Zeitungen folgten, weil man ja nicht die ganze Zeit damit verbringen kann, Agenturtexte zu berichtigen.

Am 1. Juli 1996 erklärten die Kultusminister ihre Absicht, die Reform durchzusetzen. Schon einen Tag später gab es überall den neuen Duden, nur war der diesmal von Bertelsmann. Der Duden-Verlag ist klein, wir sind viel größer, also sollten wir auch der viel größere Wörterbuch-Verlag werden, dachte Bertelsmann. Sie verkauften schon rund 800 000 Exemplare, bevor der neue Duden-Verlags-Duden herauskam. Leider hatten die Leute von Bertelsmann die neue Rechtschreibung nicht richtig verstanden. Den Duden-Machern ging es nicht besser.

Aber Ickler mag die seitdem erschienenen Dudenbände. Sie gehören, was wenige wissen, zu den witzigsten Büchern überhaupt. Unter „Quäntchen“ steht in einem von ihnen: „Vkl. zu Quent“, Verkleinerungsform von Quent also, einem alten Gewichtmaß. Und das wird korrekt auf das lateinische quintum zurückgeführt. Neue falsche Schreibweise, richtige Ableitung. Und das macht der Duden öfter. Wenn das kleine Erlanger Mädchen, das jetzt schon etwas größer ist, heute im Duden nachschaut, findet es also „Zierrat“ statt „Zierat“, aber dahinter steht dann die richtige Ableitung (zier-ôt). Die Herkunft des zweiten „r“ erklärt der Duden nicht, denn es gibt keine. Zierat kommt von Zier wie Heimat von Heim.

Es gab viel zu korrigieren seit 1996, nachdem Kultusminister, Ministerpräsidenten und Bundeskabinett die Rechtschreibreform gebilligt hatten. Die Reformer bildeten eine Kommission, die alle zwei Jahre einen Bericht vorlegen musste über den neuesten Stand der orthografischen Dinge. Den vierten Bericht legte sie Anfang 2004 vor – und er enthielt eine Ermächtigungsklausel. Man schlug vor, sich selbst zum künftigen Sprachamt zu ernennen. Nun hatten die Reformer übertrieben, fanden selbst die Kultusminister, und statt zur Ermächtigung der Reformer kam es zu ihrer Entlassung. Und zur Bildung des Rates für deutsche Rechtschreibung. Und zur Entsendung des kritischen Herrn Ickler in denselben.

Dem Rat sollten fast nur Befürworter der Reform angehören. Doch selbst manche Befürworter fanden immer weniger zu befürworten, und die wohlwollend-kritische Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und der entschieden-ablehnende Schriftstellerverband PEN – in den Augen der Reformer voller „analer zwangscharaktere“ – fanden nun, dass es Zeit sei, auch eigene Leute zu schicken. Der PEN schickte Ickler.

Da war noch ein halbes Jahr Zeit bis zum Verbindlichkeitstermin im letzten August. Verbindlich geworden war da alles, was der Rat für deutsche Rechtschreibung nicht mehr geschafft hatte zu bearbeiten.

Doch Ickler hat keine Lust, mittendrin aufzuhören. Denn ist diese Laut-Buchstaben-Zuordnung – Quäntchen – nicht durchaus beklagenswert? Dabei weiß Ickler wie wenige andere, was uns alles erspart geblieben ist. Zum Beispiel der Kreps. Noch 1989 wollten die Reformer den Krebs mit „p“ schreiben. Na gut, das betraf eher die geduldigen Strandvölker. Aber jetzt hat es die Bergvölker erwischt, und die Bayern fanden es zu belämmert, dass sie die Gemse mit „ä“ schreiben sollten. Dabei kommt die Gämse schon irgendwie von Gams, genau wie die Henne vom Hahn kommt, weshalb wir eigentlich Hänne schreiben müssten. Ist das nicht belämmert?

Umso mehr, weil „belämmert“, weiß Ickler, nun wirklich gar nichts mit dem Lamm zu tun hat. Die Laut-Buchstabenzuordnung – ein bloßer Zufallsgenerator, falsche Zufälle inklusive. Junge Menschen lernen an unseren Schulen gerade Pflanzen kennen, von denen sie unter normalen Bedingungen nie gehört hätten. Kennen Sie den Stendelwurz, fragt Ickler und stößt mit beiden Armen schon wieder fast an der Wand an, nein, nicht? Der Stendelwurz, wusste ein einzelner Reformer, galt als eine erektionsfördernde Pflanze, weshalb man jetzt Ständelwurz schreiben soll. Der Gegenreformer lacht. In diesem Lachen steht die Gewissheit, dass die Rechtschreibreform, rein wissenschaftlich gesehen, über Ständelwurz-Qualitäten nicht unbedingt hinauskommt.

Nicht nur der „Spiegel“, etliche Zeitungen und viele Verlage sind – zumindest teilweise – zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt oder gar nicht erst losgegangen. Einer Umfrage zufolge finden nur acht Prozent der Bevölkerung die Rechtschreibreform gut. Die babylonische Schriftsprachverwirrung ist eingetreten. Man könnte sie auch als Chance sehen. Man könnte die Diktatur der Rechtschreibung an der Schule lockern. Jetzt, wo ohnehin keiner mehr weiß, was richtig ist.

Die Rechtschreibreform war gemacht für das Kind aus „einfachen, bildungsfernen“ Verhältnissen. Also für solche wie Ickler? Sein Vater war Koch. Aber er las. Genau wie die Mutter, seine Brüder und er. Theodor Ickler hätte nicht einmal Professor werden müssen, um zu wissen, wo der Grundfehler der Reformer lag: Lesen und schreiben sind keine gleichwertigen Funktionen. Jeder Mensch liest viel mehr, als er schreibt. Das Lesen ist primär, sagt Theodor Ickler. Die Reformer hatten versprochen, Regeln zu vereinfachen. Darum gibt es jetzt zwar weniger Haupt-, aber dafür viel mehr Unterregeln. Die Kommission zur Reform der vermeintlich „unstrittigen“ Groß- und Kleinschreibung ist schon gegründet. Das kleine Erlanger Mädchen aus der Risikogruppe der lesenden Kinder ist Icklers Tochter.



Diesen Beitrag drucken.


Kommentare zu »Die eilige Schrift«
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von KathrinD, verfaßt am 31.01.2006 um 22.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2750

Ich finde eine Personifizierung gar nicht so schlecht. Immerhin ist die Sache dahinter ja noch deutlich zu erkennen und mit einer Personifizierung für den einen oder anderen vielleicht sogar noch deutlicher, das wirkt nicht so theoretisch. Es ist immer gut zu sehen, daß da noch jemand dahinter steht. Und mit Ihrer Person, Herr Ickler, hat man ja ein gutes Beispiel getroffen!


Kommentar von Bernahrd Eversberg, verfaßt am 31.01.2006 um 10.24 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2749

Verunsichert es nicht die Wörterbuchverlage, daß keine Institution als Sachwalterin existiert? Wenn jetzt ein KMK-Beschluß kommt, kann dieser ja auch nicht hinreichend abgesichert sein, um mit Überzeugung eine neue Auflage drauf zu gründen. Die Reform ist ausgefranst und nicht mehr faßbar, zu dem Hut auf der Stange ist weit und breit kein Geßler mehr zu sehen, und langsam merken es einige, die ihn jetzt noch grüßen.

Texte für den Alltagsgebrauch sind nicht das Problem, aber was soll tun und woran soll sich halten, wer etwas für größere Kreise und für längere Dauer produziert? Neuschrieb sieht jetzt schon teilweise alt aus und keineswegs zeitlos wie die Masse der bedeutenden Texte, die im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden und immer noch werden. Viele Reform-Mitläufer fangen vielleicht erst jetzt an, ihre Entscheidung kritisch zu beleuchten und sich an den Kopf zu fassen. Die Anstöße dazu sollten nicht nachlassen, und wo erst eine Kerbe ist, muß man weiter hineinhauen. Nur nicht zu zaghaft, Herr Ickler!


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2006 um 09.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2748

Den Tagesspiegel-Beitrag über mich lese ich mit denselben gemischten Gefühlen wie seinerzeit den Spiegel-Beitrag über uns drei Matadore. Natürlich lehne ich die Personalisierung grundsätzlich ab und stehe, was mich betrifft, sowieso nicht gern im Rampenlicht. Es kommt auch immer ein falscher Zungenschlag hinein und manche Ungenauigkeit, wenn so auf einzelne Personen zugespitzt wird, was im Grunde doch eine ganz breite und verzweigte Angelegenheit ist.
Soll man sich deshalb ganz entziehen? Ich habe schon vieles von dieser Art abgesagt, TV-Termine seit einiger Zeit grundsätzlich immer. Aber ich sage mir auch aus Erfahrung, daß schon die bloße Thematisierung der RSR immer gut für uns ist, weil unterm Strich immer bleibt, daß die RSR umstritten und keineswegs vom Tisch ist. Das brauchen wir weiterhin, gerade weil es so schwer ist, mit dem ausgelutschten Thema überhaupt noch in die Medien zu kommen. Wenn nichts Greifbares passiert, dann ist ein Beitrag über irgendeinen von uns auch nicht zu verachten. Ob man es glaubt oder nicht, ich habe schon eine Reihe durchaus positive Zuschriften erhalten, jetzt wie damals nach dem Spiegel-Artikel. Es gibt sehr viele Menschen, die schon froh sind, daß jemand den Kampf nicht aufgibt. Ich verweise dann auf diese Diskussionsseiten, wo eine breiteres und gerechteres Bild zu gewinnen ist.
Hinzu kommt, daß der Tagesspiegel uns nicht immer gewogen und insgesamt überhaupt gespalten war, so daß eine doch unverkennbar sympathetische Berichterstattung an sich schon bemerkenswert ist. Bin gespannt, was die taz noch alles macht. Sie hat manchmal einen gewissen Rudolf Walther auf uns losgelassen, aber dann auch wieder Frau Decker das Wort erteilt, und das war nicht schlecht. Aus diversen Briefen weiß ich, daß wir in beiden Redaktionen Sympathisanten haben.
Wenn ich alles bedenke, fällt mir auf, daß die Reformkritiker heute schreiben können, was sie wollen, auch Falsches (etwa falsche Beispiele). Niemand antwortet ihnen, denn es gibt niemanden mehr, der die Reform zu verteidigen wagte. Weder die Ministerialräte noch die übereifrigen Lehrer, die einst jedesmal zur Stelle waren, schreiben noch Leserbriefe, und eine Institution, die offiziell als Sachwalterin der Reform aufträte, existiert nicht mehr.


Kommentar von R. M., verfaßt am 30.01.2006 um 13.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2746

Das ist ein Wortspiel (ob ein gelungenes, sei dahingestellt), kein Rechtschreibfehler.


Kommentar von J.S., verfaßt am 30.01.2006 um 07.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2745

Ein durchaus lesenswerter Kommentar auf der ersten Seite des Tagesspiegels vom 30. Januar beginnt mit folgendem Satz: "Macht Macht Farben blind?"


Kommentar von R. M., verfaßt am 29.01.2006 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2744

Kerstin Decker war immer schon gegen die Reform. Vielleicht hilft es, daß der Tagesspiegel neue Chefredakteure hat. Der Vorgänger bemüht sich gerade, das Niveau einer traditionsreichen Hamburger Wochenzeitung noch weiter auf Talkshow-Niveau abzusenken.


Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 29.01.2006 um 16.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2743

Ich wundere mich. Hat nicht der Tagesspiegel in der Vergangenheit immer das Lied der Reformer am lautesten mitgesungen? Oder irre ich mich? Wenn ich mich nicht geirrt habe, ist es besonders erstaunlich, auf einmal diese kritischen Töne aus diesem Blatt zu vernehmen. Die werden doch nicht etwa wach werden?


Kommentar von Arndt Brünner, verfaßt am 29.01.2006 um 09.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2742

Zehn Jahre haben nun die Kinder in den Schulen „mit großer Gelassenheit“, wie die Kultusminister betonen, nach diesen neuen Regeln gelernt, die vornehmlich den Kindern aus einfachen Verhältnissen fehlerloses Schreiben ermöglichten sollte. Die Kultusminister sagten auch stets, dies Lernen sei problemlos und außerordentlich erfolgreich geschehen.

Und was ist nun das Resultat nach diesen zehn Jahren, namentlich bei den Schülern, die nie mit kontaminierter Literatur in Berührung kamen? Kommen die neuen Regeln denn den „Arbeiterkindern“ entgegen, die keine Bücher daheim sehen, nicht mit den Eltern in ganzen Sätzen reden?
Mitnichten! Das Resultat ist Schreibung nach dem Zufallsgenerator.
Unfähigkeit vor allem der Bildungsfernen, auch nur auf unterem Niveau schriftlich zu kommunizieren. Was Jugendliche aus „einfachen Verhältnissen“ schreiben, muß man sich oft mehrfach vorlesen, um zu verstehen, was gemeint ist.

Regeln aus dem Zufallsgenerator erzeugen entsprechende Schreibung. Umgekehrt gilt: Beliebige Schreibung der Lernenden zeugt von der Minderwertigkeit der Regeln oder von der Nichtvermittelbarkeit eines inkonstistenten Regelgebäudes voller Ausnahmen.

Die Kultusminister wissen längst, daß die Reform ein Fehler war. Angeblich aus Staatsraison nehmen sie sie nicht zurück. Das las man ja jüngst wieder im SPIEGEL. Ich frage mich, ob die Minister und ihre zuständigen Referenten in ihren Elfenbeintürmen wirklich sehen, was zehn Jahre Rechtschreibreform kaputtgemacht haben. Öffneten sie endlich die Augen für das, was sie angerichtet haben und wie sie dem Staat damit auf lange Zeit schaden, bliebe nur eine vernünftige Wahl.


Kommentar von R. M., verfaßt am 29.01.2006 um 09.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2741

Eilige Schrift = flotte Schreibe. Als ich den Untertitel sah und den Veröffentlichungsort, dachte ich erst an einen huldvollen Artikel über Zehetmair aus der Feder von Uwe Schlicht. In diesem Sinne ist der Text eine positive Überraschung.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2006 um 09.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=389#2740

Se non è vero ...



nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail: (Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz:   Hier bitte die Zahl einhundertvierundfünfzig (in Ziffern) eintragen.
 


Zurück zur vorherigen Seite | zur Startseite


© 2004–2017: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM