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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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20.01.2006
 

Stefan Stirnemann
Zuviel Schwyzerdütsch

Die Deutschschweizer sprechen nur noch Schweizerdeutsch – und die Lehrer sind von der Reform der Rechtschreibreform verwirrt.

Der Verein Forum Helveticum wurde 1968 gegründet, um das „Gespräch über Fragen des öffentlichen Lebens“ zu fördern. Mitglieder sind heute 60 Gruppen, unter anderem der LCH, der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Präsident des Forums ist alt Bundesrat Prof. Dr. iur. Arnold Koller, ein Appenzeller. Letzten Dezember erschien in der Schriftenreihe des Vereins als Band 15 die Untersuchung „Dialekt in der (Deutsch)Schweiz – Zwischen lokaler Identität und nationaler Kohäsion“ / Le dialecte en Suisse (alémanique) – entre identité locale et cohésion nationale“. Sie wurde betreut von Paolo Barblan und Arnold Koller und bietet Beiträge aus den verschiedensten Bereichen. Martin Wild-Näf, zum Beispiel, schreibt über die Lage an den Schweizer Berufsfachschulen: „Der berufskundliche Unterricht, welcher auf die konkrete berufliche Tätigkeit vorbereitet, wird vermutlich vornehmlich, der allgemein bildende Unterricht zu einem grösseren Teil in der Mundart durchgeführt. Eine Lehrperson, welche hochdeutsch unterrichtet, muss mit einem leisen Widerstand der Jugendlichen rechnen.“ Eine dreizehnjährige Oberstufenschülerin meint: „Ich spreche viel mehr Berndeutsch als Hochdeutsch! Grund: Mir gefällt die deutsche Sprache einfach nicht, und ich finde sie zu kompliziert (viel längere Sätze um etwas zu sagen)!“ (Das allgemein bildende Komma vor „um“ fehlt.) Moreno Bernasconi, Vicedirettore del „Giornale del Popolo“ sieht voraus, daß sich die Deutschschweizer mit Mundart und Englisch durchs Leben kämpfen werden: „Ces éléments portent à penser que la Suisse alémanique tend vers une sorte de ‚diglossie’ dialecte/anglais qui se ferait au détriment du plurilinguisme helvétique.“

Diese Gegebenheiten und Aussichten geben bisher vor allem in der lateinischen Schweiz zu denken und zu schreiben, denn Hochdeutsch ist die Sprache, in der sich bis jetzt die Süd- und Westschweiz mit der übrigen Eidgenossenschaft verständigen konnte.

Vor einer Woche hat die Genfer Zeitung „Le temps“ die Sache in einem großen Artikel und zwei Betrachtungen aufgegriffen. Sie läßt u.a. Beat Zemp zu Wort kommen, den Präsidenten des Dachverbandes der Schweizer Lehrer (LCH). So spricht Herr Zemp: „Mit den SMS fangen die Jungen an, in der Mundart zu schreiben. Die deutsche Sprache erlebt zur Zeit eine Gegenreformation ihrer Rechtschreibung, welche sogar die Lehrer kaum verstehen können. Die Jungen scheren sich nicht um Regeln und schreiben, wie sie sprechen. Die Mundart hat keine Regeln.“

Die Deutschschweizer Lehrer haben also die Rechtschreibreform verstanden, sind aber nun von der Reform der Reform so verwirrt, daß sie die Schüler ihren Mundarten überlassen müssen.

Im Juli 2004 hatte der Präsident der Erziehungsdirektoren, Regierungsrat Hans Ulrich Stöckling (NZZ am Sonntag, 4. Juli 2004, Seite 1) dazu aufgerufen, Lehrer aus Deutschland einzuführen; Untersuchungen hätten gezeigt, daß Schulklassen mit Lehrern aus Deutschland im Fach Deutsch bessere Leistungen erbrächten.

Vielleicht ist das die Lösung; im Sinne Beat Zemps sollte aber an der Grenze überprüft werden, in welchem Grad der Verwirrung über die Reform der Rechtschreibreform sich die deutschen Kollegen befinden. Übersteigt sie ein Promille, ist Quarantäne oder Einreisesperre zu verhängen.



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