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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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12.12.2005
 

Wir eilen und laufen, und es tut ihm leid
Die EDK führt eine Vernehmlassung durch

Hans Ambühl, Generalsekretär der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) schreibt an „Kreise, die sich in der Schweiz mit der Rechtschreibreform befassen“ und bittet um eine Stellungnahme zu den Vorschlägen des Rates für Rechtschreibung.
Was immer das für Kreise sind, es fehlt ihnen die Zeit; die Unterlagen treffen in diesen Tagen ein, und die Antworten werden bis Freitag, 6. Januar, spätestens am Abend, erwartet: „Es tut uns leid, Ihnen mit dieser ungeplanten Arbeit die bevorstehende Festtagsruhe stören zu müssen.“ Herr Ambühl wählt für leid den kleinen Buchstaben, wahrscheinlich um auszudrücken, daß es ihm nur ein bißchen Leid tut. Mit der zeitlichen Vorgabe wird eine echte Auseinandersetzung verhindert, und es soll ja auch keine Auseinandersetzung geben; erwartet wird ein Kopfnicken.

Wer wird für die angeschriebenen Kreise die Stellungnahme verfassen? Sofern es Kreise sind, die bereits im Rat vertreten sind, werden es die Vertreter sein: sie wissen am besten, was sie wollen. Horst Sitta und Peter Gallmann sind sehr geübt darin, die eigene Arbeit zu begutachten. Und die anderen Kreise werden denken, daß der Rat für Rechtschreibung alles richtig macht. So schließt sich Kreis an Kreis, und die Störung der Festtagsruhe wird sich klein halten. Kein Eilbote wird am sechsten Jänner durch die Dämmerung nach Bern galoppieren und vom schnaubenden Roß vors Tor der EDK fallen, Fahne und Brief in der Panzerfaust. Es wird einen ordnungsgemäßen Feierabend geben, und alles geht zwar ungeplant, aber zur größten Freude der Unplaner.

Lesen Sie den Brief Hans Zehetmairs an Christian Schmid (EDK) und den Brief Hans Ambühls an die Kreise.



Rat für deutsche Rechtschreibung • Geschäftsstelle am Institut für
Deutsche Sprache (IDS) • Postfach 10 16 21 • D-68016 Mannheim


Herrn Christian Schmid
EDK Schweizerische Konferenz der
kantonalen Erziehungsdirektoren
Zähringerstr. 25
Postfach 5975
CH-3001 Bern

1.12.2005

Sehr geehrter Herr Schmid,

am 25. November hat der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Beratungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung, Zeichensetzung und Worttrennung am Zeilenende abgeschlossen. Er hat zu den genannten Komplexen Korrekturvorschläge an der Neuregelung erarbeitet, wie sie von der Ministerpräsidenten- und Kultusministerkonferenz erbeten wurden.

Vor Abgabe der Vorschläge an die staatlichen Stellen soll gemäß dem Statut ein Anhörungsverfahren erfolgen, das wir Sie innerhalb Ihres Wirkungsbereiches durchzufahren bitten. Dazu erhalten Sie in der Anlage die Empfehlungen des Rats. Informationshalber ist der Aussendung auch eine Synopse zur Getrennt- und Zusammenschreibung beigelegt, in der die Regelungen der alten Rechtschreibung, der Neuregelung und der Empfehlung des Rats einander gegenübergestellt sind.

Aufgrund des engen Zeitfensters – die Kultusministerkonferenz der Länder erwartet die Vorschläge des Rats zu ihrer Märzsitzung – erbitten wir die von Ihnen eingeholten

Stellungnahmen bis spätestens 13. Januar 2006

Bereits heute dürfen wir Sie darauf hinweisen, dass der Rat für deutsche Rechtschreibung auf seiner Februarsitzung über Vorschläge zum Bereich der Groß- und Kleinschreibung befinden wird. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Anpassungen, die sich aus den Änderungen im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung ergeben. Die Vorschläge zu diesem Bereich werden wir Ihnen zu gegebener Zeit mit der Bitte um kurzfristige Stellungnahme nachreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. h.c. mult. Hans Zehetmair
Staatsminister a. D.
Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung





EDK Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren
CDIP Conférence suisse des directeurs cantonaux de l'instruction publique
CDPE Conferenza svizzera dei direttori cantonali della pubblica educazione
CDEP Conferenza svizra dals directurs chantunals da l'educaziun publica
CH-3001 Bern, Zähringerstrasse 25, Postfach 5975


An Kreise, die sich
in der Schweiz mit der
Rechtschreibreform befassen

Bern, 7. Dezember 2005
823/53/2005

Sehr geehrte Damen und Herren

Einige von Ihnen haben wir bereits im Jahre 2003 zu einer Anhörung nach Bern eingeladen, um den damaligen Stand der Rechtschreibreform gemeinsam zu beurteilen.

Seither ist viel geschehen: Die damalige Zwischenstaatliche Kommission ist abgelöst und durch einen „Rat für deutsche Rechtschreibung“ (9 Mitglieder aus der Schweiz) ersetzt worden. Dieser Rat versucht seit einem Jahr die geforderten Nachbesserungen am Reformwerk vorzunehmen. Ein Teil dieser Arbeit ist in der Zwischenzeit erledigt worden, so dass er uns am 1. Dezember 2005 drei bearbeitete Bereiche, nämlich die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Zeichensetzung und die Worttrennung am Zeilenende zur Beurteilung vorlegt (siehe Begleitschreiben Zehetmair).

Leider ist die Zeit für diese Anhörung – trotz unserer vorausgegangenen Intervention – geradezu unhöflich und rücksichtlos kurz angesetzt worden: Bereits am 13. Januar soll unsere Beurteilung nach Mannheim zurückgemeldet sein. Die Durchführung einer mündlichen Anhörung in Bern liegt in dieser Frist schlichtweg nicht drin. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, eine schriftliche Anhörung zu den unterbreiteten Vorschlägen durchzuführen und gestatten uns hiermit, Sie zu einer Stellungnahme einzuladen, die wir im Anschluss gerne nach Deutschland weiterleiten möchten.

Die Änderungen in den Bereichen Zeichensetzung und Worttrennung am Zeilenende sind in keiner Weise spektakulär und entsprechend einfach beurteilbar. Wesentlich heikler ist dagegen die Problematik im Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung, wo wir Sie bitten, die synoptische Hilfstabelle (ab Seite 18) zu Hilfe zu nehmen.

Wir würden uns freuen, wenn wir auch von Ihnen eine kurze schriftliche Stellungnahme erhalten könnten, die aber zwingend bis Freitagabend, 6. Januar 2006 in unserem Besitz sein müsste.

Es tut uns leid, Ihnen mit dieser ungeplanten Arbeit die bevorstehende Festtagsruhe stören zu müssen. Dennoch bedanken wir uns herzlich für Ihre Mitarbeit.

Mit freundlichen Grüssen

Hans Ambühl



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Kommentare zu »Wir eilen und laufen, und es tut ihm leid«
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Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 19.12.2005 um 00.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2557

"Leute, die gerne irgendwohin reisen und über etwas abstimmen, was sie nicht verstehen, finden sich, und der historische Wandel aller Dinge läßt sich, wie Professor Augst sagte, ein wenig bremsen, nicht aber aufhalten." (Stirnemann)
Hier in Amerika sprechen wir von "college tourism", wenn wir Studenten unter allen möglichen akademischen Vorzeichen wer weiß wohin fahren lassen, auch nach Übersee, auch total unvorbereitet, und diese dann dafür, solange sie das selbst bezahlen, auch sicher akademischen "credit" auf eine Graduation hin bekommen (die Noteninflation macht alles möglich). Als ich mich bei dieser Rechtsschreibreformiererei fragte, warum so etwas überhaupt angefaßt worden ist — und das von Leuten, die wirklich nicht viel von richtiger Verschriftung des Deutschen verstehen, ist mir die parallele Bezeichnung "Konferenz-Tourismus" in den Sinn gekommen. Wenn Augst recht hat, dann läßt sich, was sich hier also determiniert und immer wieder arbeitsbeschaffend entwickelt, auch nicht mehr aufhalten. Nur: Wer bezahlt das, und wer sorgt sich noch um die Dekadenz der Ethik in der akademischen Welt?
Ich bin gar nicht mehr erstaunt, wie wenig die Deutschlehrer gegen diese unsinnige Reform protestiert haben. Nur weil sie sie nicht verstehen?



Kommentar von Stefan Stirnemann, verfaßt am 17.12.2005 um 22.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2556

Kreisende Gedanken eines Kreises, der sich in der Schweiz mit der Rechtschreibreform befaßt

Es schneit auf St. Gallen herab. Jacob Grimm schrieb 1854: „wie wenn tagelang feine, dichte flocken vom himmel nieder fallen, bald die ganze gegend in unermeszlichem schnee zugedeckt liegt, werde ich von der masse aus allen ecken und ritzen auf mich andringender wörter gleichsam eingeschneit. zuweilen möchte ich mich erheben und alles wieder abschütteln, aber die rechte besinnung bleibt dann nicht aus. es gälte doch für thorheit, geringeren preisen obschon sehnsüchtig nachzuhängen und den groszen ertrag auszer acht zu lassen.“
Das, was die Verantwortlichen „Reform der Rechtschreibung“ nennen, hat uns gezeigt, daß wir auf einen stolzen Teil unserer Wortschatzes verzichten müssen, da wir nicht wissen, wie die Wörter gebildet sind und wie wir sie schreiben sollen.
Der Rat für Rechtschreibung setzt diese Reform fort; er hält in seinen Empfehlungen handhaben für eine Zusammensetzung aus Substantiv und Verb; es ist tatsächlich eine Ableitung von Handhabe. Gerade bei solchen Bildungen müßte man sorgfältig aufnehmen, was es alles gibt, welche Muster sich unterscheiden lassen, welche Formen üblich sind und wie sie geschrieben werden. Das kostet Zeit, Arbeit und Scharfsinn.

Falls das Regelwerk in der empfohlenen Form gedruckt wird, muß man einen Vermerk vorausschicken, besonders zu Handen der nicht Deutsch Sprechenden, die unsere Sprache lernen wollen: „Lieber Nutzer, was in diesem Regelwerk steht, stimmt oft mit unserer Sprache nicht überein. Wir bitten um Verständnis; Deutsch ist morpho-synthetisch und semio-graphematisch so komplex, daß es äußerst schwierig ist, die Regularizität auf den Punkt zu bringen. In Bereichen besonders großer Unsicherheit empfehlen wir, in andere Sprachen auszuweichen: Spanisch, Englisch, im Notfall Latein.“

Nach dem Muster des Rates für Rechtschreibung sollten weitere Räte eingesetzt werden: für Geschichte, Geographie, Musik und vor allem Mathematik. Leute, die gerne irgendwohin reisen und über etwas abstimmen, was sie nicht verstehen, finden sich, und der historische Wandel aller Dinge läßt sich, wie Professor Augst sagte, ein wenig bremsen, nicht aber aufhalten.



Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 17.12.2005 um 16.58 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2554

Die Schludrigkeit der unter Zeitdruck gesetzten Arbeit des Rechtschreibrats wird auch an der ausgesprochen unbeholfenen Formulierung von § 107 E1 deutlich. Gemeint sind nicht Komposita sondern die Bestandteile von Komposita. Die Beispiele geben ferner nur die zulässigen Trennungen wieder und nicht die, die ausgeschlossen werden sollen. Der Leser, der nicht die Vorgeschichte kennt, wird deshalb kaum verstehen können, was mit dieser Ergänzung gemeint ist. Außerdem hat sich wieder das Wort "Komposita" eingeschlichen, das in den Amtlichen Regeln sonst nicht verwandt wird. Wenn ich mich recht erinnere, war der gleiche Fehler auch bei der GZS passiert, aber nachträglich korrigiert worden.
In einem Punkt korrigiert die Neufassung allerdings einen kleinen "Fehler" der Amtlichen Regeln. In § 112 (jetzt § 113) war nur von Zusammensetzungen die Rede. In der Empfehlung werden jetzt auch Präfigierungen einbezogen. So war auch die ursprüngliche Regelung wohl immer verstanden worden. Tatsächlich dürfte der durchschnittliche Schreiber auch damit überfordert sein, bei Fremdwörtern zwischen "Zusammensetzungen" und "Präfigierungen" zu unterscheiden.
Man beachte aber auch hier die unbeholfene Formulierung: können Wörter Präfigierungen sein?


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 17.12.2005 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2553

Nach Gallmann und Sitta wäre es also ärgerlich, wenn die Schule das Richtige lehren würde. Die Schule als Volksverdummungsanstalt - das gab es bisher nur in autoritär regierten Gesellschaften. Kaum sonstwo wird der dogmatische, totalitäre Anspruch der Reformer so deutlich. Und alles zum Wohle der Schreiblerner und Wenigschreiber. - In diesem Zusammenhang lese man einmal nach, was der Jungsozialist G. Schröder 1977 zum Thema "Aufsteiger" gechrieben hat. ( Die WELT vom 14.12.)


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 17.12.2005 um 11.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2552

Th. Ickler: "Da die Zeichensetzung nicht erst in Wörterbucheinträge umgesetzt wird, müssen die Lehrer usw. die Regeln unmittelbar aus dem amtlichen Text entnehmen. Das wird ihnen noch viel Freude bereiten."

Ich glaube, sie werden darauf verzichten und weiterhin das unterrichten, von dem sie glauben, es sei neue Rechtschreibung: völlige Wahlfreiheit, sprich Beliebigkeit bei der Kommasetzung. Wo der Mensch unsicher ist, macht er einen Bogen. Ich erinnere mich, daß die Deutschlehrerin in meiner Schulzeit um die Grammatik einen weiten Umweg machte, der sie nur einmal im Jahr ins Klassenzimmer hineingeführt hat. Dann wurden zwei oder drei Unterrichtsstunden für eine unsägliche Paukerei des Abstrakten verwandt, in der dritten ein Test geschrieben, bei dem wir alle schlecht abschnitten. Wir haben sogar als Kinder gemerkt, daß die Lehrerin unsicher war und lieber mit uns Bücher gelesen und Aufsätze geschrieben als die Sprache seziert hat. Sie war sich darin nicht sicher. Die schlechten Zensuren waren beidseitig rasch vergessen. Grammatik haben wir mehr intuitiv, im Gebrauch vorbildlicher Literatur, gelernt. Das war an sich kein schlechter Weg.

Schlecht hingegen ist, wenn heute Beliebigkeit in Rechtschreibung und Kommasetzung dazu führen, daß Schriftliches auch in der Praxis nicht mehr ernstgenommen wird. Darauf zu hoffen, daß die Lehrer beim Anblick der amtlichen Regeln in Verzweiflung verfallen, heißt wohl vergeblich hoffen. Man wird statt dessen einfach ausweichen.
Doch hängt die langfristige Entwicklung dieser Angelegenheit nicht gerade von den Schulmeistern ab. Es wird sich eine neue Generation von Sprachwissenschaftlern und Fachautoren mit der Sprache beschäftigen, unvoreingenommen beschäftigen wollen. Und dabei feststellen, daß etwas nicht stimmt. Und dann erst auf die hier vorgebrachte Kritik mit Aufhorchen reagieren. Für die, die noch kommen, sind die von Herrn Ickler geleisteten Vorarbeiten, zusammen mit ständiger Aufklärung, wertvoll.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.12.2005 um 10.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2551

Unter § 75 (3) heißt es jetzt, ein Komma stehe dann, wenn die Infinitivgruppe „von einem Korrelat oder einem Verweiswort“ abhänge. Was ist der Unterschied zwischen einem Korrelat und einem Verweiswort? Beide sind nicht definiert. Als Beispiel wird angegeben: „Lange auszuschlafen, das liebt Anna sehr.“ – Hier hängt der Infinitiv aber nicht vom Verweiswort „das“ ab, sondern es handelt sich um eine sogenannte Linksversetzung, von Friedrich Blatz treffender als „pleonastisches Pronomen“ bezeichnet.
Die Revisionsvorschläge sind wie schon bei der GZS in das schlechte Regelwerk eingepaßt. Ein Neuansatz wäre besser gewesen. Die Überlegungen zu einer Verbesserung der Apostroph-Regeln sind im Sande verlaufen. „Manfred's Auto“ bleibt also richtig.
Da die Zeichensetzung nicht erst in Wörterbucheinträge umgesetzt wird, müssen die Lehrer usw. die Regeln unmittelbar aus dem amtlichen Text entnehmen. Das wird ihnen noch viel Freude bereiten.

Was die Silbentrennung betrifft, so hat Herr Markner recht: Der neue Paragraph 113 entwertet die richtigen Ansätze der Revision. Deutete sich im Rat eine Neigung an, die besseren Trennungen wenigstens als Vorzugstrennungen zu kennzeichnen, so haben es die Bremser offensichtlich verstanden, auch dies zu verhindern. Es wird also bei der Zwei-Klassen-Orthographie bleiben: Nicht die objektiv beste Trennung wird angegeben, sondern man macht es vom subjektiven Kenntnisstand der Schreibenden abhängig, wie getrennt werden kann. Die Wörterbücher werden kaum dahinter zurückfallen können. Das Österreichische Wörterbuch zumindest möchte das auch um keinen Preis: „Diag-nose“ soll gleichberechtigt neben „Dia-gnose“ stehen, und die Schweizer Sitta und Gallmann neigen dazu, die besseren Trennungen allmählich ganz zu unterdrücken, damit niemand, der vielleicht Latein oder gar Griechisch kann, davon den geringsten undemokratischen Vorteil hat. Hier noch einmal das Programm der beiden:

„Wo Varianten vorkommen, sehen die Sprachteilhaberinnen und Sprachteilhaber oft nicht ein neutrales Nebeneinander; vielmehr besteht die Gefahr, dass es zu Vorzugsvarianten und Varianten minderen Werts kommt. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass (vor allem bei denen, die Latein und Griechisch lehren oder lernen) die Trennung des Typs Päd-ago-gik oder He-li-ko-pter gegenüber der des Typs Pä-da-go-gik und He-li-kop-ter zur Vorzugsvariante wird – und sich damit eine Schreibung für die Gebildeten und eine für das 'Volk' etabliert. Eine solche Entwicklung wäre nicht zuletzt deswegen ärgerlich, weil dann bei der eines Tages zu erwartenden Aufgabe der Variantenschreibung die Trennung nach Sprechsilben als Variante minderen Werts aufgegeben würde. Hier hat die Schule eine wichtige Aufgabe zu erfüllen.“ Und: „Die Schule sollte ihren Einfluss dahingehend einsetzen, dass dort, wo von der Neuregelung mehrere Möglichkeiten angeboten werden, diejenigen vorgezogen werden, das heißt: einzig gelehrt werden, die sich auf das muttersprachliche Sprachgefühl rückbeziehen lassen. Auch in zusammengesetzten Fremdwörtern wird grundsätzlich silbisch getrennt.“


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.12.2005 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2550

Die Unzulänglichkeiten der Vorlagen sollten nicht nur hier bloßgestellt werden, sondern in Leserbriefen und Zeitungsartikeln. Dabei sollte stets klar sein, daß mit der Ablehnung nicht die Beibehaltung der Version von 1996 bzw. 2004 verknüpft wird. Für uns heißt "Status quo" eben nicht, wie der Rat es will, Reformschreibung, sondern klassische. Die Kultusminister und ihre Hinternänner (VdS Bildungsmedien usw.) warten ja nur darauf, unter dem Deckmantel der "demokratischen" Kritik die alten Neuregeln beibehalten zu können.


Kommentar von Reinhard Markner, verfaßt am 16.12.2005 um 23.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2549

§ 113 sollte besser § 13 heißen. Es ist ein Unglücksparagraph, der »Besondere Fälle« überschrieben ist, aber nahezu den gesamten deutschen Wortschatz einschließlich der Fremdwörter betrifft und alle vorangehenden Paragraphen entwertet.

Bemerkenswert ist auch die unkritische Übernahme noch der abwegigsten Beispielsätze: Er, ohne den Vertrag vorher gesehen zu haben, hatte ihn sofort unterschrieben. (Vielleicht eine Anspielung von Klaus Heller auf die Genese der Wiener Absichtserklärung? Der Stil verrät ihn.)


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 16.12.2005 um 21.04 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2548

Täusche ich mich, oder sind die neuen §§ 73 und 75 noch komplizierter geraten als die bisherigen Reformregeln?

Wie soll man denn so etwas unterrichten? Und wie sollen Schüler sich solche Regeln merken?

Vermutlich ist der einzige Ausweg, Schülern die Entscheidung zu ersparen, wann sie "müssen" und wann sie "dürfen", der, ihnen die übliche und wesentlich einfachere Regelung beizubringen. Da müssen sie nämlich nicht lange überlegen und auch keine Wortlisten auswendig lernen.

Auf die neuen Schulbücher wird man gespannt sein dürfen.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 16.12.2005 um 20.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2547

Na herrlich! Drei Wochen nach der Beschlußfassung des Rats, gut zwei Wochen nach der Befassung der anzuhörenden Stellen erfährt eine breitere Öffentlichkeit, was der Rechtschreibrat wieder ausgekungelt hat. Ist das eigentlich Unfähigkeit oder Absicht?
Der Öffentlichkeit werden die Empfehlungen ohne jegliche Begründung vor den Latz geknallt. Das ist ja noch schlimmer als dazumal die Rechtschreibkommission. Die hatte ja immerhin die Änderungen und Nichtänderungen von 2004 im Bericht vom gleichen Jahr begründet, was immer man auch von den Begründungen halten mag, und wenn auch zweifelhaft sein kann, ob dies Begründungen überhaupt für die Öffentlichkeit gedacht waren. Will die KMK etwa auch auf jegliche Begründung verzichten?
Was erfährt nun der wißbegierige Bürger? Daß, man höre und staune, zwischen verschiedenen Silben getrennt werden kann (§ 109), und das obendrein auch noch bei Fremdwörtern (§ 113)! Dem Rechtschreibrat sei Dank, daß dies nun endlich klar ist! Sogleich beschleichen den unbescholtenen Bürger aber auch leise Zweifel, ob i und o in "nati-onal" wirklich zu verschiedenen Silben gehören.
Die Lage der deutschen Rechtschreibung in den Händen dieses zusammengewürfelten Gremiums ist nicht ernst sondern hoffnungslos.



Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 16.12.2005 um 18.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2546

Da muß noch etwas repariert werden: Im linken Seitenrand erscheinen nicht alle jeweiligen Unterseiten. (Vielleicht ist das ja der Grund, warum die Seiten erst jetzt „aufgetaucht“ sind – gestern waren sie noch nicht erreichbar –: sie waren evtl. schon erstellt, aber nicht verlinkt.) Insbesondere wird der Verweis auf die Unterseite zu den Paragraphen 107-113 nur dann eingeblendet, wenn man sie schon aufgerufen hat – was nicht der Sinn der Sache ist. Deshalb hier der direkte Einstieg:

rechtschreibrat.ids-mannheim.de/doku/para73-76.html
rechtschreibrat.ids-mannheim.de/doku/para107-113.html

Und: Ja, wirklich, Paragraph 113 – die amtliche Regelung bekommt Zuwachs.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2005 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2545

Inzwischen sind die Vorlagen unter www.rechtschreibrat.com (Aktuelles) zugänglich. Weite Verbreitung ist zu wünschen, damit das Schreibvolk seine Interessen besser zur Geltung bringen kann, als es im Rat (fast nur Reformdurchsetzer) möglich ist. Die Anhörung, d. h. Einladung zu schriftlichen Stellungnahmen, bleibt ebenfalls im engeren Kreise der Reformfreunde; von demokratischer Beteiligung, wie die taz fabuliert, ist nichts zu sehen.


Kommentar von taz, verfaßt am 15.12.2005 um 11.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2526

»Sie reformieren immer noch

Morgen, beim 312. Plenum der Kultusministerkonferenz ist "eine Befassung nicht geplant". Aber früher oder später wird sich auch die Kultusministerkonferenz mit der Rechtschreibreform auseinander setzen müssen. Beziehungsweise mit der Reform der Reform: Vor einem Jahr nahm der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Arbeit auf, die darin besteht, bei von der zwischenstaatlichen Kommission für Rechtschreibung geschaffenen Problemen "nach Kompromissen" zu suchen.

Beschäftigt hat er sich schon mit Fragen der Interpunktion und der Großschreibung. Auch die neuen Silbentrennungsregeln wurden diskutiert - "und bestätigt", betont Geschäftsführerin Kerstin Güthert. Also bleibt's beim Zu- cker, der einst Zuk- ker war. Wieder aufgegeben werden soll nach Willen des Rechtschreib-Rates hingegen die verbindliche Getrenntschreibung von Wörtern wie Rat suchend oder allein erziehend. Und auch die Begründung, dass beispielsweise die Gelbe Karte "in Fachsprache" korrekterweise groß, sonst aber klein zu schreiben sei, "wurde oft kritisch erwähnt". Schließlich sei es so leicht gar nicht auszumachen, wo die Fachsprache aufhört, und wo sie beginnt. Der größte Schritt der Reform-Reformer ist allerdings struktureller Natur: Man wagt ansatzweise demokratische Elemente ins Verfahren zu integrieren. So wird Interessenvertretern in besonderem Maße Betroffener ein rudimentäres Mitspracherecht eingeräumt: Bundeselternrat, Bundesschülerrat und die Verwaltung dürfen sich äußern. "Bis Ende Januar" erwarte man die Voten, so Güthert.

Auf derlei Feedback hatte die Kommission seit 1992 bewusst verzichtet, weil sie bei der seinerzeitigen öffentlichen Anhörung komplett Schiffbruch erlitten hatte. Das damals vorgestellte Vorhaben war die Einführung einer moderaten Kleinschreibung. Aus dem wurde auf relativ rätselhaftem Wege die heute teils verbindliche, teils fakultative Ausweitung der Großschreibung (siehe Gelbe Karte). Aber keine Sorge: Einen "verbindlichen Charakter" haben diese plebiszitären Einwürfe "nicht", klärt Güthert auf. Anderes gilt für die Rats-Empfehlungen. Über die könne sich die KMK, so Generalsekretär Erich Thies, "nicht so einfach hinwegsetzen". Es rechne aber auch niemand damit, dass der Rat für eine komplette Rücknahme votiert. Bis Schuljahrsbeginn soll die Veränderung der neureformierten Reformrechtschreibung in Kraft treten. Danach, so Grüthert, wird sie der Rechtschreibrat nur noch "bei Bedarf dem Sprachgebrauch anpassen". bes«


( taz Nord Nr. 7845 vom 14.12.2005, Seite 27 )


Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 14.12.2005 um 19.22 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2524

Das "duale Schwungrad"

Zum Einlesen in den Sachverhalt empfehle ich die Internetseite: http://www.kmk.org/aktuell/pm050603.htm.
Dort kann sich der geneigte Leser ein Bild machen über das, was am 2. und 3. Juni 2005 auf der 310. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz in Quedlinburg beschlossen wurde.

Dabei will ich das besondere Augenmerk des Lesers auf den Umstand lenken, daß zu dieser Plenarsitzung offensichtlich auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun, geladen war (dies geht aus Tagesordnungspunkt 3 hervor). Hierzu heißt es protokollarisch: „Die KMK und der Präsident des DIHK stimmen in der Auffassung überein, das bewährte duale System der Berufsausbildung zu erhalten und zu stärken.“

Mir liegt passend zu diesem Sachverhalt ein Informationsschreiben („IHK-AKA NEWS“) vor, das auf den 27.06.2005 datiert ist und von Nürnberg aus an alle angeschlossenen Dienststellen des gesamten Bundesgebiets verschickt wurde. Der Inhalt dieses Schreibens bestand in einer völlig unkommentierten Wiedergabe von Tagungsordnungspunkt 2 der Kultusministerkonferenz von Quedlinburg (siehe oben: http://www.kmk.org/aktuell/pm050603.htm), und er leitete in unzähliger Vervielfältigung die Information weiter, daß in allen künftigen Prüfungen ab Jahrgang 2005/2006 sämtliche Verstöße gegen die „unstrittigen“ Bereiche der neuen Rechtschreibung als Fehler zu bewerten sind.

Mit dem Verfasser des Informationsschreibens habe ich gesprochen, weiß aus diesem Grund, daß am 12. August 2005 ein Folgeschreiben nachgereicht wurde, das den Verfügungsbereich eingrenzte. Mittlerweile war nämlich bekannt geworden, daß die Ministerpräsidenten Bayerns und Nordrhein-Westfalens ausgeschert sind.

Man (ich war einer davon, der andere bleibt anonym) hat sich am Telefon gut unterhalten, hat sogar eine Fortsetzung der Unterhaltung anberaumt, denn Schuld hat keiner von beiden empfunden; höchstens Peinlichkeiten.
Sicher: man sollte Härte meiden, lieb und kompromißfähig sein; man hätte andererseits abwarten sollen, sich Wissen beschaffen können, denken gemußt ...
Vermutlich wird auch das folgende Gespräch ergebnisoffen bleiben, wird auch wohl nie andere Ergebnisse zeitigen als diejenigen, die man mit dem Wort „Zweitschuld“ beschreiben kann.

Blieben die Fragen:
Was ist das „duale Schwungrad“?
Mit welchem Argument oder mit welchem Keil kann man diese Doppelwalze stoppen?



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2005 um 17.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2523

Nachdem ich bei der Geschäftsführerin des Rates die Veröffentlichung der beiden noch fehlenden Vorlagen angemahnt hatte, teilte sie mir heute mit, sie seien nunmehr unter "Aktuelles" auf der Website des Rates eingestellt. Ich kann sie allerdings nicht finden - hat jemand mehr Glück?


Kommentar von borella, verfaßt am 14.12.2005 um 12.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2519

Wenn die "Kreise" ihre Verantwortung ernst nähmen, könnten sie ja auch um Aufschub ansuchen, oder?

Wir wissen nicht, wie viel Arbeit für diese Beurteilung tatsächlich erforderlich ist. Sollte es aber wirklich unzumutbar sein, die Sache in der vorgegebenen Zeit ordentlich abzuhandeln, dann gibt's eigentlich nur zwei Alternativen:
Entweder eine Fristverlängerung (um überhaupt eine Schweizer Stellungnahme zu haben) oder keine Stellungnahme aus der Schweiz (wegen unrealistisch kurzer Frist).

Ist dem Auftraggeber seine Sache aber wirklich ernst, kann er nur eine Fristverlängerung gewähren, andernfalls hätte er ja garnicht fragen müssen.

Nebenbei: Gibt es eigentlich in den anderen Ländern auch "Kreise", und wie werden die abgefragt?


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 14.12.2005 um 11.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2518

Obwohl von ihnen durchaus sinnesbenebelnde Wirkungen ausgehen können, sind die Regeln nichts fürs Volk. Das haben just die Schweizer Reformer einst ganz richtig festgestellt. Für den gemeinen Schreiber reichen einfache Merksätze: "Nach kurzem Vokal ss" oder "Trenne stets st" usw.

Danke, Herr Markner, das stimmt. Ich mußte auch laut lachen, fand aber dann zu folgender humorlosen Synthese unserer Kommentare: Es wäre ja wohl möglich und auch angeblich wünschenswert, daß man dem Volk den ungenießbaren Regeltext in verdauliche Sprache übersetzt und dann seine Meinung einholt. Das geschah bekanntlich nie, weder bei der Reform 1996 noch bei der Revision 2004, noch soll es jetzt bei der neuerlichen Umarbeitung geschehen.

Also, ein solcher Merkvers könnte sein:
"Abend, Esel trenn ich nicht,
sonst bin ich ein Bösewicht!"
(Einfach einen von früher noch bekannten Merkvers wiedereinzuführen wäre wahrscheinlich politisch unklug.)

Es stellt sich jedoch die Frage, wie sich etwa die Neuerung verständlicher machen läßt, die da vorschreibt, eine erweiterte Infinitivgruppe sei dann mit Komma abzugrenzen, wenn sie von einem Substantiv abhängt.

Das dürfte schwierig sein. Somit bliebe es bei dem Widerspruch, daß das Volk etwas befolgen soll, was man ihm entweder nicht in begreiflicher Sprache nahebringen will oder was man ihm gar nicht erklären kann. Im Moment sind wir aber noch bei folgendem Stand: Das Volk soll etwas befolgen, wovon es möglichst überhaupt nichts erfahren soll. Dennoch geschieht das Ganze angeblich nur zu unserem Wohlsein.


Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 14.12.2005 um 10.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2517

Danke, Frau Pfeiffer-Stolz, das haben Sie sehr schön auf den Punkt gebracht.

Nach zehn Jahren der Rechtschreibwillkür sollte man jetzt nichts übers Knie brechen (bzw. brechen lassen). Ziel der Reformer ist letztlich nur, ihre Reform ohne Verlust von Ansehen durchzubringen, und nicht, die vielen Kinken und Pferdefüße zu beseitigen, denn sonst könnten sie die Reform ja gleich ganz abschaffen.

Mit für Außenstehende scheinbar ergebnisoffenen Verhandlungen und einem Kompromiß durch Zeitdruck wollen sie sich einen moralischen Persilschein für die Öffentlichkeit ausstellen, im Sinne von: "Wir haben uns in harten und schweren Verhandlungen auf einen belastbaren Kompromiß geeinigt, mit dem wir alle und natürlich alle Bürger zufrieden sein können, und nun soll sich auch keiner mehr beschweren – das Thema ist damit für jetzt und für alle Zeit vom Tisch. Statt der 16% wie von der SPD gefordert und der 18% wie von der CDU gefordert, haben wir uns gerecht auf die Mitte geeinigt; die Mehrwertsteuer wird damit auf 19% erhöht." (verdammt... der letzte Satz ist mir irgendwie in die Tastatur gerutscht ;-)

Wenn ein Kompromiß immer bedeutet, daß man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen muß, ganz gleich wie die Wirklichkeit der Welt auch aussieht (wobei die großen Gruppen natürlich einen größeren "demokratischen" Einfluß auf das Ergebnis nehmen dürfen), na dann gute Nacht... Wir befinden uns schließlich nicht auf dem Schweinemarkt von Vechta, sondern in einem "wissenschaftlichem" Gremium (der Begriff "Kuhhandel" klang mir in diesem Zusammenhang noch zu sauber).

Was ich wirklich schade finde ist, daß die Öffentlichkeit – wenn überhaupt – nur ein sehr verqueres Bild der Ratssituation bekommt. Die Medien verbreiten dazu in ihren seltenen Berichten eine Stimmung von: "Diese weltfremden Experten sollen sich mal langsam einigen, damit wir (= das Volk?) endlich wieder weiterschreiben können!"... Mir fehlt hier wirklich ein Gespür für die Wichtigkeit der Arbeit. Die Nachrichten sind voll von unwichtigen Themen, über die in einem Monat kein Wort mehr verschwendet werden wird. Aber die Rechtschreibung, die uns die nächsten Jahrzehnte (bis zu unserem Tod) begleiten soll, ist kaum eine Erwähnung wert.

Nunja... selbst wenn im Frühjahr 2006 die Akte-Rechtschreibung offiziell geschlossen wird, so wird das das Rechtschreibchaos kaum beenden.


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 14.12.2005 um 08.37 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2515


Wer willkürlichen Zeitdruck ausübt, hat dunkle Absichten

Zum Zeitdruck, der auf den Rat für Rechtschreibung ausgeübt wird, möchte ich einige grundlegende Gedanken beisteuern.
Das Setzen von kurzfristigen Terminen wird meist – sei es bewußt oder instinktiv – als wohlfeiles Instrument der Durchsetzung egoistischer Ziele mißbraucht. Diese Form der kaschierten Nötigung ist in allen gesellschaftlichen Bereichen zu beobachten, und auch wir selbst sind, wenn wir ehrlich sind, manchmal versucht, uns dieser Manipulationsmöglichkeit zu bedienen.
Weil uns andererseits eine große Sehnsucht nach Vertrauen und mitmenschlicher Übereinkunft erfüllt, machen wir uns diesen Mechanismus in der Regel nicht bewußt. Kinder zum Beispiel sind den Zeitmanipulationen mancher Erwachsener völlig hilflos ausgesetzt.

Wer für ein Vorhaben die Zustimmung eines von ihm Abhängigen benötigt, um sich gesellschaftliche oder wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen, arbeitet oft mit Zeitfenstern. Er setzt einen bestimmten Termin auf die Tagesordnung und verkündet, daß dieser schicksalhaft sei. Meist wird eine Entscheidung für oder gegen etwas gefordert. Die Verschlechterung der Lage wird angedroht für den Fall, daß keine Kompromisse erzielt werden können. Die Verantwortung für Gelingen oder Mißlingen der Angelegenheit wird ausschließlich dem unter Zeitdruck gesetzten „Partner“ zugeschoben.
Der unter dieser Zwangslage geforderte Kompromiß fordert immer ein schmerzhaftes Zugeständnis des „Verhandlungspartners“. Zögert dieser, dann wird ein Szenario des „Nichts-geht-mehr-nach-diesem-Termin“ an die Wand gemalt. Um das nach diesem Fixtermin angeblich eintreffende Unheil abzuwenden, wird dem „Klienten“ immer wieder mit moralisch verbrämter Eindringlichkeit (Schuldfrage!) geraten, zu dem jetzt eilig aus der Tasche gezogenen „Lösungspaket“ seine Zustimmung zu geben. Man gibt sich in dieser Phase der „Verhandlungen“ auch gern väterlich und redet mit gespaltener Zunge von Entgegenkommen, das nicht vorhanden ist. Einen Zweifel über das Autoritätsgefälle läßt man nicht aufkommen, obwohl die Autorität oft genug eine angemaßte ist und sich nur darauf stützt, daß der andere freiwillig nachgibt. Der in Zeitverzug gesetzte Mensch weiß meist nicht, welche Macht er hätte, wenn …

Wie entscheidet nun die Person, die zu was auch immer ihre eilige Zustimmung geben soll? Sie unterdrückt ihr aufkeimendes Unbehagen und hört als aufgeklärtes Wesen auf die Stimme der Vernunft, die da spricht: „Sei klug, laß dich nicht auf Experimente ein. Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach. Wer weiß, was passiert, wenn du dich jetzt verweigerst.“
Obwohl es dem Menschlein dämmert, kann er sich nicht auf den klaren, aber beängstigenden Gedanken einlassen: die Pressalien, denen er sich ausgesetzt fühlt, sind reine Willkür, von seinen Mitmenschen in die Welt gesetzt.

Aus eigenem Erleben – und ich habe diesbezüglich (leider oder Gott sei Dank?) reiche Erfahrungen machen dürfen – habe ich die Erkenntnis gewonnen: Ein Verhandlungspartner, der mit Zeitdruck arbeitet, verfolgt so gut wie immer dunkle Absichten. Er nutzt Gutgläubigkeit und Verständigungswillen seines „Vertragspartners“ aus. Solches Gebaren kann man auch in gewissen Sparten der Wirtschaft gehäuft beobachten, fast immer aber in Vertragsverhandlungen aller Art und bei gerichtlichen Auseinandersetzungen. Den Psychologen sind solche Tricks bekannt.

Weil wir Menschen als soziale Wesen nach friedlicher Übereinkunft trachten, sind wir wohl alle mehr oder minder anfällig für die Termintricks anderer. Es benötigt nicht nur Einsicht in die Tatsachen, sondern darüber hinaus Mut und Kraft, sich gegen Manipulationen zu wehren und zum Beispiel einen Termin der Zumutung gelassen verstreichen zu lassen. Meine Erfahrung: Der Kontrahent ist nicht selten mit seinem Latein am Ende, wenn sein „Partner“ sich zeitlich und moralisch einfach nicht unter Druck setzen läßt. Mit einem Mal fallen die vorher als Fixtermine proklamierten Schranken aus dem Kalender. Der „Zeitverweigerer“ kann aus einer frisch gewonnenen Position der Stärke heraus mit der anderen Partei verhandeln – oder es auch bleiben lassen, je nachdem, welches Problem ansteht.

Alle an der Wiederherstellung einer einheitlichen und gut lesbaren Orthographie der deutschen Sprache Interessierten bitte ich, sich nicht durch die von den Reformern willkürlich gesetzten Termine aus der Ruhe bringen zu lassen. Es gibt absolut keinen Zeitrahmen, der sich aus der Sache selbst ergäbe. So mißhandelt unsere Sprache auch sein mag, so geduldig ist sie. Wir haben alle Zeit der Welt. Jede Terminsetzung von amtlicher Seite ist nichts anderes als der Versuch, die unliebsame Gegnerschaft des Projekts zu faulen Kompromissen und damit zum Schweigen zu zwingen.



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2005 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2514

Natürlich liegen die Texte fertig vor. Um die angekündigte breitere Beteiligung der Bevölkerung zu ermöglichen, werde ich sie in Kürze hier veröffentlichen; auch Journalisten fragen ständig danach.


Kommentar von R. M., verfaßt am 14.12.2005 um 04.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2513

Obwohl von ihnen durchaus sinnesbenebelnde Wirkungen ausgehen können, sind die Regeln nichts fürs Volk. Das haben just die Schweizer Reformer einst ganz richtig festgestellt. Für den gemeinen Schreiber reichen einfache Merksätze: Nach kurzem Vokal ss oder Trenne stets st usw.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 14.12.2005 um 02.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2512

PS: Der geänderte Regeltext muß schon zu allen bisher behandelten Bereichen vorliegen, denn er wurde ja nun in der Schweiz an jene Leute versandt, die das Ganze im Namen aller Schweizer absegnen sollen ("Kreise, die sich in der Schweiz mit der Rechtschreibreform befassen"), siehe hier die Hauptmeldung vom Vortag.

Daß allein diesen unbekannten "Damen und Herren" die geänderten Regeln zur Beurteilung vorliegen, nicht aber den demokratiefesten Schweizer Bürgern, daß sie genausowenig dem Volk in Österreich und Deutschland zugänglich sind, daraus folgt nach den Regeln der Logik: Die jeweilige Bevölkerung soll zwar die amtlichen Bestimmungen zur Rechtschreibung möglichst vollständig befolgen, sie befaßt sich aber gar nicht damit. Wie dieser Widerspruch aufzulösen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 14.12.2005 um 02.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2511

Stimmt, der Rat hat bisher nur seine Beschlüsse zur Getrennt- und Zusammenschreibung im Internet veröffentlicht. Man könnte bei der Geschäftsstelle nachfragen, wann man die übrigen Regeländerungen einsehen kann.

Bisher gab es zur Unterrichtung der Öffentlichkeit eine Pressekonferenz im Anschluß an die Sitzung des Rates, nachdem dieses Thema besprochen worden war. Zehetmair gab bekannt, auch die Silbentrennung habe wieder verstärkt dem Zweck zu dienen, beim Lesen zu helfen und nicht zu stören. Die Abtrennung von Einzelbuchstaben (A- / denauer werde daher zurückgenommen; hingegen sei die amtliche Trennfuge vor ck anstelle der systematischen Trennung k- / k nicht so schlimm und werde deshalb beibehalten. (Das ist ganz konsequent im Sinn des Rates, denn es sollten ja ausdrücklich nur die gravierendsten Mängel der Neuregelung repariert werden, das hatte jedenfalls Zehetmair als seine Leitlinie ausgegeben.) Zweitens: "Urinstinkt kann nicht Urin- / stinkt getrennt werden", sagte er. Das letztere ist aber sicherlich nicht wörtlich so gemeint, jedenfalls nicht vom Rat selbst. Bleibt also nur die Wiedervereinigung an Trennstellen wie A- / denauer. Immerhin bedeutet das: Allein schon aufgrund dieser Änderung sind alle bisher veröffentlichten Rechtschreibwörterbücher und -materialien (sofern sie die Silbentrennung behandeln) nicht mehr gültig.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 13.12.2005 um 20.08 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2510

Was hat der Rechtschreibrat zur Silbentrennung und zur Zeichensetzung denn nun eigentlich genau beschlossen?
Auf der Internetseite des Rates sind bis heute die Texte nicht veröffentlicht.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2005 um 16.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2508

Das ist mehr als einmal gesagt worden, trotzdem entbehrt es jeder Grundlage. Mir jedenfalls ist kein Beschluß dieser Art bekannt.


Kommentar von Zur Erinnerung:, verfaßt am 13.12.2005 um 15.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2507

»Der Rat für deutsche Rechtschreibung will bis zum Sommer 2006 die Überarbeitung auch der restlichen noch kritisierten Reformteile abgeschlossen haben. Auch diese könnten zum Schuljahr 2006/2007 an den Schulen verbindlich werden, sagte der Vorsitzende des Rates, Hans Zehetmair, vergangene Woche bei einer Anhörung des Bundestags-Kultusausschusses in Berlin.«
(http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=281#993)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2005 um 10.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2503

"Unhöflich und rücksichtslos kurz" ist die Frist angesetzt worden, weil führende Ratsmitglieder suggestiv den Eindruck erweckt haben, bis zur Märzsitzung der deutschen Kultusminister müsse etwas Wesentliches entschieden sein. Das ist völlig aus der Luft gegriffen, es gibt den Terminplan überhaupt nicht; er dient aber dazu, dem Rat und der AG thematische Fesseln anzulegen, damit die Groß- und Kleinschreibung und andere mißratene Teile der Reform nicht mehr geändert werden - ganz wie die KMK es wünscht und mit ihrer Unstrittigerklärung und Verbindlichmachung nicht nur unhöflich und rücksichtslos, sondern unüberbietbar zynisch festgezurrt hat.

Übrigens stimmt es gar nicht, daß die AG Groß- und Kleinschreibung „im Wesentlichen“ nur diejenigen Teile der GKS bearbeiten soll, wo sich „Anpassungen aus den Änderungen im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung ergeben“. Der Auftrag umfaßt vielmehr:
„(1) Schreibung des Anredepronomens du, (2) Schreibung fester Verbindungen aus Adjektiv und Substantiv (z.B. gelbe/Gelbe Karte), (3) Schreibung von Einzelfällen insbesondere aus dem Überschneidungsbereich von Groß-Klein- und Getrennt-Zusammen-Schreibung (Pleite gehen, Recht haben), (4) Schreibungen im Randbereich (z.B. auf allen vieren (gehen)).“
Wie man sieht, berührt nur einer von vier Punkten die Getrennt- und Zusammenschreibung, und auch nur teilweise; eigentlich sind nur drei Wörter betroffen. Dafür brauchte man keine Arbeitsgruppe. In Wirklichkeit sieht selbst die gewaltsam und unsachgemäß beschränkte Agenda wesentlich mehr vor.

Was die deutsche Seite betrifft, sollen einerseits die Verbände, die ohnehin im Rat vertreten sind, Stellung nehmen - eine Kuriosität, die wohl nicht im Sinne der Erfinderinnen ist, aber von der KMK offensichtlich hingenommen wird -, andererseits noch der Bundeselternrat (Verbändeallianz), die Bundesschülervertretung (Verbändeallianz) und das Goethe-Institut. Bemerkenswerterweise also nicht der Deutsche Philologenverband.



Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 13.12.2005 um 10.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=370#2502

Was man, von fern betrachtet (wo ich zur Zeit bin), diesem Vorgang entnehmen kann, ist folgendes: Hier sollen Verantwortungen zerstäubt werden. Die Anhörung dient der Zersplitterung der Zuständigkeiten und der "Händereinwaschung" à la Pontius Pilatus. Im kreisrunden Abnicken und Schulterzucken geht die Sache selbst vollends unter, und am Ende hat - wie überaus praktisch! - niemand mehr für die Folgen der Beschlüsse geradezustehen.

Der Sumpf von Nichtzuständigkeiten, der bislang den Fortgang der Reform antreibt, ist zwar ein Fluch - in ihm liegt aber auch eine Chance. Denn im umgekehrten Fall könnten sich die Behörden ebenfalls die Hände reinwaschen, hängen sie doch ihr Fähnchen stets nach dem Winde.

Liebe Freunde der Schriftkultur und allem, was dazugehört: laßt Euch nicht entmutigen! Wo immer Züge aus Bahnhöfen abfahren, sie kommen auch wieder an Bahnhöfen an. Und die drin sitzen, müssen auch irgendwann wieder aussteigen. So ist das Leben.



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