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06.12.2005
 

Stefan Stirnemann
Rechtschreibung nach Lohnklassen

Univ.-Professor Dr. em. Hermann Zabel, Universität Dortmund, schreibt einen Leserbrief gegen Theodor Ickler und empfiehlt ein Zurück zu Konrad Duden und Dieter E. Zimmer.

Zur Einleitung: Mit Stolz nennt Herr Zabel Herrn Ickler „C-3-Professor“ und sich selbst „Professor em.“. Was steckt hinter diesen Abkürzungen? Der C-4-Professor steht in einer höheren Lohnklasse als der C-3-Professor. Hat er seinen Lehrstuhl vor 1970 erhalten, so wird er, wenn die Zeit gekommen ist, bei vollen Bezügen entpflichtet und heißt ‚Emeritus‘. Als emeriti sieht der Dichter Ovid die von der Tagesfahrt erschöpften Gäule des Sonnengottes, und ein zweibeiniger emeritus war bei den Römern der Veteran oder einer, der ein öffentliches Amt treu verwaltet hatte.
Über solche treue Amtsverwalter steht im Codex Theodosianus, in der großen Gesetzessammlung aus dem fünften Jahrhundert nach Christus, daß ihnen jede Ehre geschuldet werde (omnis honor iure meritoque debetur). Dennoch wird Professors emeriti Zabels Brief aus der Zeitschrift Forschung&Lehre 12/2005 hier abgedruckt. Der Text, auf den er sich darin bezieht, ist hier zu finden.

Rechtschreibung
Zuschrift zum Beitrag „Rechtschreibung ist Not“ von K. Reumann in F&L 8/05, Seite 427 ff.

Ohne Zweifel ist der Erlanger C-3-Professor Ickler der lautstärkste Kritiker der Rechtschreibreform. Seit vielen Jahren predigt er seiner Fan-Gemeinde: „Die Reformer und ihre Auftraggeber, die deutschen Kultusminister, sind unfähige Deppen, denen die Geheimnisse der deutschen Orthographie auf Dauer verborgen bleiben. Nur ich bin im Besitz der Wahrheit.“ Als Ickler vom Vorsitzenden der damaligen „Kommission für die deutsche Rechtschreibung“ zur Mitarbeit eingeladen wurde, erklärte er, der Einladung nicht Folge leisten zu können, denn sein einziges Ziel sei es, „das menschenverachtende Massenexperiment“ Rechtschreibreform baldmöglichst zu stoppen. Eine solche Formulierung soll in manipulativer Absicht ganz bestimmte Assoziationen wecken und geht über das Maß üblicher Polemik und sogar über das Maß üblicher Beschimpfungen weit hinaus. Es ist ungeheuerlich, alle an der Rechtschreibreform Beteiligten (einschließlich der Kultusminister, die immerhin den Auftrag erteilten) als solche zu bezeichnen, die „ein menschenverachtendes Massenexperiment“ initiiert bzw. sich an ihm beteiligt haben.
Während sich Ickler im Rahmen der Anhörung des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages am 2. Juni 1997 in Bonn für die Formulierung entschuldigte, stellte er wenig später in einem Brief vom 18. Juli 1997 fest: „Die Rechtschreibreform ist ein menschenverachtendes Massenexperiment. Ich sehe in dieser Behauptung … keineswegs eine missglückte Formulierung, für die ich mich entschuldigen müsste … Nicht ich will bestimmte Assoziationen wecken, sondern N.N. wollte und will das, was man schon daran sehen kann, dass die Nazis, auf die ich angeblich anspiele (mir war das ganz neu!), nicht für menschenverachtende Massenexperimente bekannt sind.“ Man fragt sich, worüber man sich als Leser dieser Erklärung mehr wundern soll – über die gespielte Naivität oder die offensichtlich fehlenden Geschichtskenntnisse des Erlanger Hochschullehrers.
Erst als Ickler zu seiner Enttäuschung feststellen musste, dass der Zug bereits in die seiner Meinung nach falsche Richtung losgefahren war, sprang er im letzten Augenblick auf den Zug auf und ließ sich als Vertreter des P.E.N.-Clubs in den „Rat für die deutsche Rechtschreibung“ wählen. Er stimmte im [so geschrieben] Vorschlag des Rates für die Neufassung des Bereichs „Getrennt- und Zusammenschreibung“ grundsätzlich zu. Aber der Erlanger Hochschullehrer wäre seinem Wesen wohl untreu geworden, wenn er nicht wieder alles besser als die übrigen Mitglieder des Rates für die Rechtschreibung gewusst hätte. Seine Kritik an dem vom Rat angeblich einstimmig beschlossenen Neuregelungsvorschlag kommt einem Verriss gleich. Insgesamt bringt die Kritik nichts Neues: Ickler wird nur einen Text von Ickler akzeptieren.
Immerhin ist der Schluss des Verrisses bemerkenswert: „Nach den Erfahrungen von mehr hundert Jahren [so geschrieben] sollte der Staat am besten ganz darauf verzichten, diesen Bereich (=Getrennt- und Zusammenschreibung) zu regeln!“ Eine erstaunliche Erkenntnis nach zehn Jahren besserwisserischer, destruktiver Kritik. Der Staat kann auf eine Regelung dieses Bereichs nicht verzichten, weil nur das in den Schulen Deutschlands gelehrt werden darf, was politisch durch die Kultusministerkonferenz legitimiert wird. Ein Chaos, also jeder schreibt wie er will, kann die Kultusministerkonferenz beim besten Willen nicht tolerieren. Vielmehr empfiehlt es sich, zu Konrad Duden zurückzukehren, der für [so geschrieben] den umstrittenen Bereich nur für eine bestimmte Berufsgruppe, nämlich für die Buchdrucker und Setzer, geregelt hat. Für den allgemeinen Schreibgebrauch hat er auf ein differenziertes Regelwerk verzichtet. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

– Es muss ein Regelwerk geben. Der Rat wäre gut beraten, wenn er sich dem von Dieter Zimmer für Die Zeit ausgearbeiteten Konzept anschließen würde. Ein Regelwerk ist notwendig, es kann aber nicht für alle Mitglieder der Schreibgemeinschaft als verbindlich vorgeschrieben werden, weil es die vollständige Beherrschung der Grammatik voraussetzt.
– Daher muss es über das Regelwerk hinaus eine allgemeine Anweisung geben: Will ein Schreiber die Zusammengehörigkeit von im Text nebeneinanderstehenden Worten besonders kennzeichnen, kann er sie zusammenschreiben.

Univ.-Professor Dr. em. Hermann Zabel, Universität Dortmund


Ein paar Anmerkungen:

Konrad Duden hat den fraglichen Bereich nicht geregelt, weder für die Drucker noch die Setzer noch sonst jemanden. Es ist aber bemerkenswert, daß Prof. Zabel zum Buchdruckerduden von 1903 zurückkehren möchte. Er gerät dabei freilich in Zwist mit seinem anderen Gewährsmann, mit Dieter E. Zimmer.

Herr Zimmer hat am 10. Juni 1999 auf rund sechs Zeitungsseiten (freilich großen) die „Neue Rechtschreibung“ „zusammengestellt und erläutert, kritisiert und vorsichtig repariert“. Nichts zu reparieren fand Herr Zimmer bei „Gräuel“; sicher hätte er auch gegen „Groiel“ nichts einzuwenden gehabt. Auch das alte Wort „selbstständig“ hielt seinem prüfenden Blick stand, und hätte man ihm statt „Schlittschuh“ das ältere Wort „Schrittschuh“ angeboten, so stünde nun auch diese Neuheit in der ZEIT.
Eingehend erforscht dagegen hat Herr Zimmer die Verbindungen mit Partizip 1; Frucht seiner Mühen sind vier Merkmale, an denen man eine „Verschmelzung“ erkennt. Nun sind solche Merkmale in allen großen Grammatiken und Wortbildungslehren zu finden, aber das ist nicht wichtig, zumal, wenn man die Möglichkeit hat, die eigene Lehre in der eigenen Zeitung zu verbreiten, ohne auf Widerspruch Rücksicht nehmen zu müssen. Das vierte Merkmal für eine Verschmelzung lautet so: „wenn die Verbindung eine rechtliche Kategorie bezeichnet (alleinerziehend).“ Wenn man nur wüßte, was „rechtlich“ bedeutet! Nicht recht rechtlich sind offenbar „Blut saugend“ und „Fleisch fressend“, weswegen Herr Zimmer hier nichts verschmelzen läßt. An der Neuregelung anerkennt Herr Zimmer: „Immerhin aber gibt es nunmehr eine Grundidee: Die Getrenntschreibung benachbarter eigenständiger Wörter soll der Normalfall sein; geregelt wird nur die Ausnahme, also die Zusammenschreibung. Wer sich in Zweifelsfällen davon leiten lässt, hätte öfter richtig als unrichtig geraten.“
Da sich Herr Zimmer über Sprachgebrauch und Sprachwissenschaft erhebt, warum verfaßt er nicht auch ein „Spezial“ über Wirtschaftsfragen mit ganz neuen und überraschenden Einsichten? Er würde ausgelacht. Warum lachen die Leser der ZEIT nicht über den Sprachforscher Zimmer? Offenbar lassen sich die Seltsamkeiten verkraften – genauso wie man in Büchern des 19. Jahrhunderts über Formen hinwegliest, die nicht zur Entwicklung unserer Sprache passen und unserer Gewohnheit widersprechen. Aber wer würde deswegen schreiben, wie das 19. Jahrhundert geschrieben hat?
Will Herr Zimmer wirklich die Ehre in Anspruch nehmen, auf seinen Zeitungsseiten unsere Rechtschreibung dargelegt zu haben? Und wenn er diese Ehre haben möchte, wer wird sie ihm geben?

Prof. Zabel selbst ist ein häufiger Briefschreiber. An Günter Grass schrieb er im Bonner General-Anzeiger vom siebten/achten Juni 1997: „Sehr geehrter, lieber Herr Grass, mir liegt der Brief vor, den Sie an Ihren Verleger Gerhard Steidl in Sachen Rechtschreibreform gerichtet haben. Hierzu möchte ich Ihnen als einem von mir hochgeschätzten Schriftsteller, der sich um die deutsche Literatur und um die deutsche Sprache große Verdienste erworben hat, Folgendes sagen oder besser schreiben: Ich bin bestürzt über die Schreibblasen, die Sie mit Blick auf die beschlossene Rechtschreibreform zu Papier gebracht haben und in denen Sie zu erkennen geben, dass sie das neue Regelwerk nicht kennen.“

Mit seiner Selbstberichtigung „sagen oder besser schreiben“ stellt Prof. Zabel unter Beweis, daß ihm äußerste Genauigkeit des Ausdrucks ein tiefes Anliegen ist. So genau hat er es einst auch mit der Großschreibung genommen und die sogenannte Artikel-Probe zur „Wörterbuch-Artikel-Probe“ erweitert. Das ging so:
„Ein Wort ist ein Substantiv (Hauptwort), wenn es möglich und sinnvoll ist, einen bestimmten oder unbestimmten Artikel vor das Wort zu setzen.“ Diese Artikel-Probe kann zu falschen Ergebnissen führen, wie Prof. Zabel an folgendem Beispiel zeigt: „Vor ihm lag der hohe Berg (der Hohe Berg).“
Sicherheit gibt erst die Wörterbuch-Artikel-Probe: „Ein Wort ist ein Substantiv (Hauptwort), wenn bei Eintragung dieses Wortes in ein Wörterbuch ein Artikel (Bestimmungswort) voran- oder nachgestellt werden kann.“ Ein Wort wie ‚hoch’ sei nicht artikelfähig.

Doch Halt oder halt! Es treten auch bei der Wörterbuch-Artikel-Probe Schwierigkeiten auf. Es gibt nämlich Wörter, die einmal Substantive waren, heute aber keine mehr sind: „Diese Wörter werden trotz positiver Wörterbuch-Artikel-Probe klein geschrieben.“ Wie ist nun noch diese Schwierigkeit zu lösen?
„Es ist also zu prüfen, welcher Wortart diese Wörter heute zuzurechnen sind. Da diese Prüfung wiederum nicht unerhebliches grammatisches Wissen voraussetzt (was nicht bei allen Schreibern vorausgesetzt werden kann), empfiehlt es sich, sich die zu dieser Regel angebotenen Beispiele einzuprägen.“
Und wer Mühe hat, sich die Beispiele einzuprägen? Schaut der nicht am besten ganz ohne weiteres in ein tatsächliches Wörterbuch, ohne sich die Mühe zu machen, vorher ein Gedanken-Wörterbuch zu erfinden?

Bringen wir Prof. Zabels Probe auf den Punkt: Wenn ich unsicher bin, ob ein Wort groß zu schreiben ist, stelle ich mir vor, daß ich es in ein Wörterbuch eintrage, und prüfe, ob ich es zusammen mit einem Artikel eintragen muß. Ist das der Fall, schreibe ich groß. Zur vollen Sicherheit muß ich aber noch in einem wirklichen Wörterbuch nachschauen, ob das Wort groß oder klein geschrieben wird.

Diese Überlegungen sind nachzulesen in Zabels Buch „Die neue deutsche Rechtschreibung“, das 1997 bei Bertelsmann erschien. In jenen Jahren setzte sich Zabel für seinen Verlag ein und griff den Rechtschreib-Duden an. Das wiederum rief die Schweizer Reformer und Duden-Autoren Gallmann und Sitta aufs Kampffeld; sie legten sich in einem Brief an die Konferenz der Erziehungsdirektoren für Duden ins Zeug. In diesem Zeug liegen sie wohl heute noch.

Jenseits der Fragen von Geschäft und Geld muß einem etwas anderes zu denken geben, gerade wenn man den neuesten Leserbrief von Prof. Zabel liest und dazu noch einmal die Zeitungsseiten von Herrn Zimmer aufblättert. Es gibt eine Sprachwissenschaft. Daß Herr Zabel und andere Herren zu ihr etwas beitragen können, wird niemand ausschließen.
Sie sollten aber ihre Ansichten auf dem freien Markt der Ideen vortragen und schauen, was aus ihnen wird. Was wird dort aus der Wörterbuch-Artikel-Probe? Ein Wörterbuch-Artikel-Probe-Lachen.

An den Rockschößen der Amtlichkeit Befehle erteilen dürfen, das ist eine Ehre, die der verdienteste Emeritus nicht verdient. Er könnte doch mit seiner Lohnklasse zufrieden sein.



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Kommentare zu »Rechtschreibung nach Lohnklassen«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2005 um 16.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2522

Wenn man die "Deutsche Sprachwelt" (online) liest, könnte man meinen, ich sei es gewesen, der die "Personalisierung und Aufheizung" um Zabel vom Zaun gebrochen hat. Der eigentliche Anlaß, Zabels unverschämter Leserbrief in FuL, wird gar nicht erwähnt.


Kommentar von R. M., verfaßt am 11.12.2005 um 22.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2493

Diese Anhänglichkeit ist darauf zurückzuführen, daß Zimmer vor Jahren an Zabels Kampagne gegen den Duden beteiligt war.

Was die Besoldungsgruppen betrifft, so sollte man eigentlich erwarten können, daß Zabel sauber zwischen den Tarifgebieten West und Ost differenziert.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 11.12.2005 um 22.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2491

Zur Erinnerung: Zabel hatte auch schon bei anderer Gelegenheit für D. E. Zimmer geworben:
http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=304#1281
(letzter Absatz)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2005 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2484

"Forschung & Lehre" hatte mir keine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Ich habe wohl doch recht daran getan, dem Verband auch nach der begrüßenswerten, wenn auch nicht heldenhaften orthographischen Rückumstellung nicht wieder beizutreten.

Inzwischen ist mir noch eingefallen, daß ja auch der reformkritische Bamberger Kollege Helmut Glück in derselben Misere steckt wie ich: Besoldung nach C3. Zabel hat es sich nicht entgehen lassen. In seinem Buch „Widerworte“, das laut Vorwort zur „Versachlichung der Diskussion“ beitragen soll, schreibt er:
„Auch Prof. Dr. H. Glück macht aus seiner karrierebedingten Abneigung gegen die Beteiligung von Fachdidaktikern an der Erarbeitung des neuen Regelwerks kein Geheimnis. Schon im Jahre 1995 war der C 3-Professor Glück als Wadenbeißer für seine C-4-Kollegen Eisenberg, Maas und Munske vorgeprescht.“
Unter solchen Umständen braucht man sich natürlich gar nicht mehr anzuhören, welche Argumente solche armen Schlucker vorzubringen haben. Da ist es fast erstaunlich, daß Zabel zwischen C4 und C3 überhaupt noch eine "Kollegen"-Beziehung zu erkennen vermag, was ja sonst zwischen Herr und Hund nicht üblich ist.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 10.12.2005 um 19.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2482

"Die Leichtfertigkeit des Hochschulverbandes bzw. der Redaktion von 'Forschung & Lehre', solches Zeug ohne Rückfrage beim Abgewatschten zu drucken, ist zwar befremdlich, ...": Nanu? Ich lebe zwar weitab von der Szene in Deutschland, aber "Forschung & Lehre" druckt doch sicher einen Beitrag wie Icklers hier mit der Nummer 2464 auch ab, oder? Redaktionell informativer wäre es allerdings gewesen, Icklers Stellungnahme gleich zusammen mit Zabels zu bringen. Wenn ich jedoch schrieb, daß das Volk Gelegenheit haben müsse, seine Lehrer genau kennenzulernen, hatte ich allerdings angenommen, daß die Leser von "Forschung & Lehre" die Ironie bei der Veröffentlichung des Zabel-Schreibens spüren und auch daraus ihre Information ziehen würden.



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2005 um 06.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2464

Die Leichtfertigkeit des Hochschulverbandes bzw. der Redaktion von "Forschung & Lehre", solches Zeug ohne Rückfrage beim Abgewatschten zu drucken, ist zwar befremdlich, aber über Zabel selbst kann ich mich nicht aufregen. Wer ihn je erlebt hat oder seine "Bücher" kennt (kann man "Widerworte" und "Wüteriche" als Bücher bezeichnen? Gibt es vergleichbar schludrige Publikationen?), weiß doch Bescheid. Im übrigen ist Zabel, der zur Rechtschreibreform nichts beigetragen hat, jederzeit bereit, alles zu verteidigen, was erstens amtlich ist und zweitens nicht gegen die Interessen von Bertelsmann verstößt. Komisch, daß der Grüne Helmut Lippelt seinerzeit die "Widerworte" im Presseclub in Bonn vorstellte. Was wohl dahintersteckt? Es ist schließlich eine nicht naturgegebene Connection. Allerdings war fast kein Publikum da, ich glaube, nur ein einziger Abgeordneter. "Die Grünen und die Rechtschreibreform" – ein Thema für die Zukunft. Zabel ist keins, nur ein Fall.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 08.12.2005 um 00.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2463

...wobei Zabel vergißt, oder vielleicht auch gar nie begriffen hat, daß die KMK nichts zu legitimieren und mit Rechtswirkung zu beschließen hat. Aber das paßt ins Bild: Wenn den Reformern die Argumente ausgehen – und das ist immer sehr bald der Fall – berufen sie, und ganz besonders Zabel, sich regelmäßig auf den staatlichen Auftrag, den sie erhalten, ja sich "geholt" haben, wie es so entlarvend heißt. Immer nach der Devise: Das sag ich meinem großen Bruder! Zabel hat ja vollkommen recht mit seiner Ansicht, daß der Staat auf die Regelung der Orthographie, sofern sie die Schule betrifft, nicht verzichten kann. "In der Schule wird die allgemein übliche Rechtschreibung benutzt und gelehrt." So einfach ist das.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 08.12.2005 um 00.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2462

Wenn C-4-Zabel meint, Dieter Zimmer verstehe mehr von der Verschriftung des Deutschen und vernünftiger Verschriftung des Deutschen als Ickler und daß deshalb also von Ickler ab- und zu Zimmer zuzuraten sei, und wenn er meint, daß die Reformer und ihre Auftraggeber, die deutschen Kultusminister, in dieser Frage keine unfähigen Deppen sind, und wenn er von sich selbst meint, daß er etwas so einfaches wie Zitatzeichen vorbildlich verwendet, dann ist a. wirklich wunderbar, daß er emeritiert worden ist und jedenfalls nicht mehr bei trotzdem gewichtiger Bezahlung staatsbeauftragt vor Studenten stehen muß, und b. werde ich das Gefühl nicht los, daß ihm Vorschriften und Regelungen durch den Staat sehr lieb sind und er sie dem eigenen Mitdenken instinktiv vorzieht, also eine Haltung vorlegt, die viele von uns nach unserer Geschichtserfahrung gar nicht so beispielhaft finden und vom Ausland den Deutschen oft vorgeworfen wird.
"Der Staat kann auf eine Regelung dieses Bereichs nicht verzichten, weil nur das in den Schulen Deutschlands gelehrt werden darf, was politisch durch die Kultusministerkonferenz legitimiert wird." Weil nur was??? Lehrer lehren nur, was im legitimierten Buche steht??? Der ideale Lehrer ist ein Funktionär der politisch legitimierenden Kultusministerkonferenz??? Und die verfassungsgemäße Kulturhoheit der einzelnen Länder — um nur ein Beispiel zu nennen — wäre nichts???
Ickler ist sehr wohlwollend, wenn er meint, der Hochschulverband hätte sein Mitglied nicht so bloßstellen sollen. Ich meine dagegen, so etwas muß öffentlich herausgestellt werden. Das Volk muß Gelegenheit haben, seine Lehrer genau kennenzulernen.



Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 07.12.2005 um 19.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2461

Das ist in dem Fall nicht nötig, denn ich habe die Schiller-Rede schon lange auf meiner persönlichen Internetseite verlinkt. Trotzdem vielen Dank!


Kommentar von wl, verfaßt am 07.12.2005 um 19.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2460

Herr Wagner bekommt ein Fleißbildchen!


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 07.12.2005 um 19.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2459

Zu Friedrich Schiller: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? (Eine akademische Antrittsrede.)“

Siehe hier: http://gutenberg.spiegel.de/schiller/universl/universl.htm


Kommentar von Friedrich Schiller, verfaßt am 07.12.2005 um 18.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2458

Über die „Brotgelehrten“:

„[…] Jedes Licht, das durch ein glückliches Genie, in welcher Wissenschaft es sei, angezündet wird, macht ihre Dürftigkeit sichtbar; sie fechten mit Erbitterung, mit Heimtücke, mit Verzweiflung, weil sie bei dem Schulsystem, das sie verteidigen, zugleich für ihr ganzen Dasein fechten. Darum kein unversöhnlicherer Feind, kein neidischerer Amtsgehülfe, kein bereitwilligerer Ketzermacher als der Brotgelehrte. Je weniger seine Kenntnisse durch sich selbst ihn belohnen, desto größere Vergeltung heischt er von außen; für das Verdienst der Handarbeiter und das Verdienst der Geister hat er nur einen Maßstab, die Mühe. Darum hört man niemand über Undank mehr klagen als den Brotgelehrten; nicht bei seinen Gedankenschätzen sucht er seinen Lohn, seinen Lohn erwartet er von fremder Anerkennung, von Ehrenstellen, von Versorgung. Schlägt ihm dieses fehl, wer ist unglücklicher als der Brotgelehrte? Er hat umsonst gelebt, gewacht, gearbeitet; er hat umsonst nach Wahrheit geforscht, wenn sich Wahrheit für ihn nicht in Gold, in Zeitungslob, in Fürstengunst verwandelt.“


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 07.12.2005 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2457

Die „Empfehlungen des Rats“ sind auf dessen Internetseite dokumentiert (http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/doku/), nicht jedoch das Sondervotum. Wo findet man das genau?

Zabel hat sich schon anderweitig auf ähnliche Weise selber vorgeführt, ich erinnere an seinen Leserbrief in der SZ vom 4. 8. 2005 (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=50#862).


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2005 um 17.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2456

Jeder hat die Möglichkeit, sowohl die Beschlüsse des Rates zur GZS als auch mein Sondervotum zu studieren. Das Sondervotum (im Statut ausdrücklich vorgesehen) enthält in diesem Fall, bei grundsätzlicher Zustimmung zur eingeschlagenen Richtung, eine Menge Ergänzungen. Natürlich ist eine Verzeichnis von Ergänzungen immer auch eine Liste von Versäumnissen und insofern eine Kritik, sonst wäre es ja kein Sondervotum. Aber was soll das Lamentieren über solche Allgemeinheiten? Man sehe sich die einzelnen Punkte an. Sind sie berechtigt oder nicht? Nur darum geht es. Wenn der Rat wieder nur Halbheiten hervorbringt, geht alsbald das ganze Theater von vorn los. Dem vorzubeugen ist der Zweck meines Sondervotums. Bei der GKS wird allerdings nicht einmal dies möglich sein, die willkürlich begrenzte Agenda verurteilt das Ganze zum Scheitern.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 07.12.2005 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2455

Zur Frage der Besoldungsgruppe: Zabel ist, wenn ich mich nicht irre, durch die Überleitung der Pädagogischen Hochschule zur Uni Dortmund gekommen, die ja als solche keine Geisteswissenschaften betrieben hat. So besteht in Dortmund immer noch die Anomalie, daß Pädagogik, Theologie und Psychologie zu einem "Fachbereich" zusammengefaßt sind.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2005 um 16.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2454

Wer Zabel kennt, weiß, was er von solchen Ergüssen zu halten hat. Die Besoldungsgruppe ist für ihn sehr wichtig. Schon vor vielen Jahren schrieb er der Süddeutschen Zeitung, ich sei ein "nichthabilitierter C2-Professor", womit er meine Berechtigung, in Rechtschreibfragen mitzureden, erledigt glaubte. Als ich ihn telefonisch nebenbei fragte, was er sich bei dieser doppelten Falschmeldung, die außerdem ja vollkommen irrelevant wäre, eigentlich gedacht habe, redete er sich heraus, das hätten seine Freunde Lutz Götze und dessen Gattin (eine Nürnberger Kollegin, an deren Berufungsverfahren ich beteiligt war) ihm so mitgeteilt. Für Zabel ist die Wissenschaft eine Funktion der Besoldung, etwa nach dem Motto: Wer bezahlt wird, schafft an.
Im Rechtsausschuß habe ich mich keineswegs für irgend etwas entschuldigt. Ich habe im Gegenteil festgestellt, daß ich im Gegensatz zu Augst nicht aus persönlichen Briefen zitieren wolle.
Im übrigen halte ich es für eine Verhöhnung experimentell arbeitender Wissenschaftler, die Massenmorde der Nazis als "Experimente" zu bezeichnen. Darüber ist sich die Forschung eigentlich einig. Zabel hat diese Pointe nie verstanden, und ich habe nicht die Absicht, sie ihm zu erklären.

Was Zabel am Anfang wie ein Zitat von mir bringt, ist frei erfunden. In Wirklichkeit war es so: Augst hatte den Auftrag erhalten, mich zur Mitarbeit in der Kommission (nicht als Mitglied) einzuladen. Das war damals schon die Umarmungsstrategie der KMK, die sich später wiederholen sollte. Die Sache war jedoch an so restriktive Bedingungen geknüpft, daß es sich für einen Mann von Ehre verbot, darauf einzugehen. Ich habe das andernorts dargelegt.
Meine briefliche Bitte an Augst, das menschenverachtende Massenexperiment zu beenden, war für diesen ein gefundenes Fressen. Er erkannte sofort die Möglichkeiten, die es ihm bot, und zog monatelang mit der Behauptung durch die Lande, ich hätte die Rechtschreibreform mit den Nazigreueln verglichen. Viele haben ihm das ohne weiteres geglaubt, z. B. der damalige PEN-Präsident. Irgendwann wurde es Herrn Augst selbst zu dumm, aber Zabel hat bis heute nicht damit aufgehört.
Mit meinem Resumé, daß der Staat die GZS nicht abschließend regeln sollte, wiederhole ich ja bloß, was die Kommission als ihr letztes Wort vor ihrer Auflösung selbst noch hinterlassen hat.
Ich habe mich auch nicht in den Rat "wählen" lassen. Aber genug davon, es ist alles ein heilloser Unsinn und nur mit persönlichen Problemen des Emeritus zu erklären, über die man besser den Mantel des Schweigens breitet. Der Hochschulverband hätte sein Mitglied nicht so bloßstellen sollen.


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 07.12.2005 um 16.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2453

Eine nichtkommerzielle Software für strukturierte Textdaten haben wir, Erfahrung mit Wörterbuchdaten aber nur wenig: Beispiele:
http://www.biblio.tu-bs.de/db/adb.htm
(Darunter nur ein kleines Fachwörterbuch)
Wichtige Funktion ist das Blättern in sortierten Listen. Das läßt sich frei konfigurieren. Denn eine Abfragefunktion reicht nicht, wie man bei DWDS sieht, man muß im Bestand blättern können – wie im Wörterbuch eben.
Die Datensätze können in jeder gewünschten Weise strukturiert sein. Hardwareanforderungen sind gering, auch bei Millionen Datensätzen.
Mit ein paar tausend Beispieldaten könnten wir binnen Tagen einen Prototyp aufsetzen, ohne Kosten. Wollen uns aber nicht aufdrängen damit! Nur der beste Vorschlag sollte hier gut genug sein.



Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 07.12.2005 um 14.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2452

DWDS ist eine tolle Sache. Ein Instrument zum Analysieren der Gegenwartssprache und damit selbstverständlich wertvolles Hilfsmittel zum Erstellen eines Rechtschreibwörterbuchs. Darin sind nur vorgefundene Schreibweisen bis 2000 enthalten – Neuschrieb so gut wie Fehlanzeige. Ein riesiges Projekt mit renommierten Namen und Beteiligung der ZEIT (D.E. Zimmer im Vorstand). Wie man es mit der R-Reform eigentlich hält, ist auf den Webseiten nicht zu erfahren. Eigenartig, daß man auch bei einfachsten Neubeispielen wie aufwändig, Nuss, Messwert, ... einfach NICHTS findet, und bei Zweiwort-Anfragen (morgen Abend, viel versprechend) kommt ein "System problem". Eine vielversprechende Baustelle, eine Rechtschreibhilfe aber auch von der Intention her nicht. Ein substanzreiches Argument gegen viele Neuschreibungen aber schon.


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 07.12.2005 um 13.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2451

Vielleicht wäre es sinnvoll, Nägel mit Köpfen zu machen.

Wer kennt denn jemanden, der sowas programmtechnisch auf die Beine stellen könnte? Als Basis wäre es sicher möglich, aus Prof. Icklers Quellen XML-Daten zu erstellen. Da bietet sich eine Web-Lösung mit PHP oder Servlets an.

Wie finanziert man das? Geschätzte Kosten ohne Arbeitsaufwand: ca. 100-200 EUR pro Jahr (einfachster Fall).

Wer klappert Verlage ab, hat hier vielleicht Kontakte? Schön wäre natürlich, wenn sich ein "Großer" wie Herr Balk oder Herr Klett erbarmen würde.

Also ran an die Wurst...!


Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 07.12.2005 um 13.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2450

Dann darf ich vielleicht freundlicherweise hierhin verweisen: www.dwds.de.


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 07.12.2005 um 13.26 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2449

Herr Weiers hat recht mit seinen WikiPedia-Bedenken. Man sollte diesen Namen wohl besser ganz außen vor lassen und bewußt einen neuen erfinden. Duden kann hinsichtlich Online-Zugriff nur ein halbherziges Angebot machen, das ist klar – z.B. kein Blättern in der alphabetischen Wortliste und keine Vollanzeige der Angaben. Gerade da liegt ja die Chance für ein OpenContent-Angebot. Offen für jede sachliche Diskussion, wie hier im Forum, aber nicht für ein Schreiben in den Inhalten. Offen für das Suchen, Lesen und Nutzen – für jeden. Unterstützend dann für Nicht-Onliner (immer noch eine große Mehrheit) eine kostengünstige Taschenbuchausgabe.


Kommentar von David Weiers, verfaßt am 07.12.2005 um 12.49 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2448

Zur Idee mit der Wikipedia:

Ganz schlecht! Haben Sie sich da mal genauer umgesehen? Von normaler Rechtschreibung will da niemand was wissen, und zwar aus Prinzip nicht. Einige haben sich da schon heftigst dran aufgerieben. (Hoppla! Dieses Namensspiel ist wirklich rein zufällig, wie mir gerade bewußt wird...) Was das angeht, sind die so borniert, da würde es nur helfen, wenn die Reform per "Führerbefehl" wieder gekippt würde. Ansonsten redet man da gegen Wände.
Meiner Ansicht nach krankt dieses Konzept sowieso, denn zu viele Köche verderben wahrlich den Brei. Und wenn man nun eine Auswahl der Schreibberechtigten träfe, dann wäre wiederum das Konzept kompromittiert.
Wikipedia ist zum Nachschlagen nur dann eine Lösung, wenn wirklich alles andere bereits ausgeschöpft ist, denn in den meisten Fällen wird lediglich nakte Information geliefert, zumeist ohne weitere Bezüge (außer interne Querverweise) und im Grunde genommen von jedem die Wikipedia-Regeln bejahenden Nutzer abänderbar. Und das kann es nicht sein, was eine Enzyklopädie leisten sollte.


Herrn Lindner:

Brrr... als Naturwissenschaftler erlaube ich mir den Luxus, von oben herab auf dieses geisteswissenschaftliche Konstrukt namens Rechtschreibreform hinabzuschauen.

Wenn es wirklich Geisteswissenschaftler gewesen wären, dann wäre die Reform niemals passiert. Zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern besteht vom methodischen Prinzip her kein Unterschied. Man muß sich bloß im klaren darüber sein, wie man Hypothesen und Theorien behandelt – und zwar hüben wie drüben, lieber Herr Lindner! Und nach alledem, was ich bislang erlebt habe, sind es gerade Naturwissenschaftler, die sich herzlich wenig um diese unsere Diskussion kümmern. Die Ansicht, daß die Sprache ja "nicht so wichtig" sei, wird dort sehr häufig geäußert. Und überhaupt: Karl Popper – wer ist das schon? Schöngeistiges Gelaber!

Ich nehme an, Sie gehören nicht der Riege dieser modernen, rationalen und unabhängigen Naturwissenschaftler, die die Wahrheit mit Exklusivrechten gepachtet haben, an. Wollte das aber nur noch einmal erwähnt haben.


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 07.12.2005 um 10.41 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2447

Wie besiegt man eine Hydra ohne Kopf? Wenn den meisten schon der Mut fehlt, einen Hut ohne Geßler nicht zu grüßen. Kampf ohne konkreten Gegner bringt nichts, nur Überzeugung! Einerseits scheint auf dem Rechtsweg noch einiges möglich, nur muß ihn jemand beschreiten.
Andererseits gibt es ja eine klaffende Marktlücke, die gefüllt werden könnte: ein Wörterbuch nebst Online-Web-Version und CD für Vernünftige Rechtschreibung, und zwar "Open Content" – die Sprache gehört dem Volk, nicht ein paar Verlagen. Das war schon immer so, aber heute kann man es durchsetzen! Der Wikipedia gehört ein Qualitäts-Wörterbuch an die Seite, wobei da natürlich die Schreibberechtigung nicht jedermann erteilt werden kann – aber auch Wikipedia wird de facto von einer überschaubaren Zahl aktiver Teilnehmer gemacht. Mit dem "Ickler" als Kernbestand wäre da vom Start weg eine attraktive Lösung denkbar, der die Verlage nichts entgegensetzen können.
Eine überzeugende Lösung, die die schweigende Mehrheit anspricht und ihr etwas an die Hand gibt, darauf kommt alles an.



Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 07.12.2005 um 00.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2445

Ist es denn nicht eher so, daß es in dieser Tragödie (zum gegenwärtigen Zeitpunkt) nur noch kleine Tambourmajore gibt, und daß nicht einmal die Planstelle eines Operettenobersten besetzt ist (da ich mir von Herrn Zehtmair noch Gutes erwarte, nehme ich ihn hier gerne aus).
Die Reformtruppe ist eine Hydra ohne Kopf. Hätte sie einen Kopf, dann gäbe es jemanden, den man für die Misere verantwortlich machen könnte. Jemanden, den man öffentlich mit einem Diktat (mit all den schönen ss/ß-Stolpersteinen; natürlich zusammen mit einigen der gleichgeschalteten Schulkinder (ach, wie sadistisch ;-) ) vorführen könnte. Den man in Talkshows die bösen Fragen stellen könnte, auf die es keine vernünftigen Antworten gibt.
So aber kämpft man gegen Schatten, die sich hinter ihrer Unwissenheit oder Nichtzuständigkeit verstecken (oder schlimmer noch: jene Opportunisten, die sagen, daß sie selbst natürlich für sich weiterhin "alt" schreiben, die Reform aber voll unterstützen).

Brrr... als Naturwissenschaftler erlaube ich mir den Luxus, von oben herab auf dieses geisteswissenschaftliche Konstrukt namens Rechtschreibreform hinabzuschauen. Und ich denke, C4-Professor Zabel sollte mit polemischer Kritik an seinen Kritikern sehr, sehr vorsichtig sein. Bei seinen (von mir aus der Ferne eines gänzlich anderen Fachgebietes beobachteten) Leistungen stelle ich mir ernstlich die Frage, ob C4 überhaupt eine angemessene Besoldung ist. Aber diese Frage stelle ich mir bei allen Kommunal-, Landes-, Bundes-, Euro- und UNO-Bürokraten, die sich einen Sch*dreck um die Menschen kümmern.

Doch liest man Professor Zabels Text nicht so etwas wie Neid heraus? Hat er eine eigene Fan-Gemeinde, die ihn in seinen Bemühungen *für* die Rechtschreibreform unterstützt? Wohl kaum. Diese Reformbefürworter sind einfach nicht zu greifen. Und auf die offensichtlichen Mängel angesprochen, erzählen sie uns immer nur von der "Verantwortung für die armen, armen Kinder" (rechtlich vertreten durch die KMK). Mit diesem Totschlagargument werden heute die Renten gekürzt, die Eigenheimzulagen gestrichen, die Kilometerpauschalen gekappt, Studiengebühren eingeführt, Terroristen in Afghanistan gejagt... und... und... und... verantwortlich sind also nicht die Bürokraten, sondern die Kinder! Die armen!

BTW: Den Doktorhut hat man natürlich lebenslänglich ohne Bewährung. Und der kluge Kluge sagt zu emeritieren: "ausgedient haben" – das finde ich in diesem Zusammenhang recht treffend.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 06.12.2005 um 22.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2444

Zabel ist ohne Zweifel der kleinste Tambourmajor der Reformertruppe, und die sind nach Lichtenberg bekanntlich die stolzesten. Er hat es wohl nie verwunden, daß er nicht Mitglied der – inzwischen verblichenen – Rechtschreibkommission geworden ist. So privatisiert er in Sachen Reform und gibt ab und zu ein Rauchwölkchen von sich. Seine Spezialität ist die genaue Kenntnis der Besoldungsgruppe des jeweiligen Gegners. Das war auch schon so in seiner Polemik gegen Markner/Birken-Bertsch. Nun ist er gar Dr. em. Was soll das sein? Wir wollen doch nicht hoffen, daß ihm der akademische Grad abhandengekommen ist.


Kommentar von David Weiers, verfaßt am 06.12.2005 um 20.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2443

Ich habe da so einen Verdacht: Viele Reformer nähmen die Reform gerne zurück; ein Gutteil der Hauptverantwortlichen hat sich ohnehin schon aus dem Staub gemacht, die Nachweise, daß die Reform kompletter Stuß und Murks ist, lassen sich auch nicht leugnen – ja, eigentlich hat es das ganze Unternehmen schön in den Acker gesemmelt. Aber vielleicht hapert's ja an der Kenntnis über die Rückumstellung dieser unseligen Rechtschreibprogramme... Und man wäre ja rückschrittlich, wenn man das frank und frei zugäbe. Ja, und dann heißt es: Aus dem Brett vor dem Kopf eine Waffe machen!, und die Reform wird fleißig durchzuboxen versucht. Egal wie. Mit ALLEN Mitteln. Ganz gleich, wie peinlich die auch sein mögen.

Würde mich nicht wundern, wenn das die eigentliche Motivation ach so vieler Reformanhänger sein sollte...

Ja, soviel also zum Zitieren: die KÖNNEN gar nicht mehr anders schreiben!

(Außer per Hand, aber das ließe dann wieder den Verdacht aufkommen, daß man rückschrittlich sei. Ganz schöne Zwickmühle, was?)


Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 06.12.2005 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=364#2442

Ach wie schön... mit einem "Vergleich zum Dritten Reich" kann man bei uns einen jeden begeisterten Streiter in die Defensive drängen. Als ob die "Menschenverachtung" mit den 45'er Jahren des 20. Jahrhunderts auf dieser unserer Welt ihr Ende gefunden hätte und wir nun als Schäfer in Arkadien leben würden.

Was mich aber interessieren würde: Ist das Ickler-Zitat ein Original? Also, in neuer Rechtschreibung, mit "missglückte", "müsste" oder "dass" (etc)? Oder hat Prof. Zabel die Grundsätze des Zitierens (im Original) außer Acht gelassen?




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