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25.11.2005
 

Reinhard Markner
Regeln aus der Tintenkillerzeit

Der Rat für deutsche Rechtschreibung wird heute die vor einem Monat angekündigte Revision der Silbentrennungsregeln förmlich beschließen.

Aus dem streng vertraulichen Wortlaut der Neufassung zu zitieren könnte Maßnahmen des Staatsschutzes nach sich ziehen. So viel aber sei hier enthüllt: Aus den einschlägigen sechs Paragraphen der Amtlichen Regelung werden sieben, und auch deren Reihenfolge ändert sich. „So soll insbesondere der Hinweis, dass sinnentstellende Trennungen zu vermeiden sind, an den Anfang der Regeldarstellung gerückt werden“, heißt es dazu auf www.rechtschreibrat.com, und weiter: „Damit soll erreicht werden, dass Trennungen wie ‚Spargel-der‘ und ‚Urin-stinkt‘ nicht praktiziert werden.“

An welcher Stelle dieser Hinweis zu finden ist, bleibt natürlich ohne Konsequenzen für seinen Gehalt oder seine Wirksamkeit. Anders als der Öffentlichkeit suggeriert, ändert sich in Wahrheit nichts. Denn schon bisher galt die unverbindliche Empfehlung, „irreführende Trennungen“ zu vermeiden, und schon bisher war „Blumentopferde“ nicht vor, sondern unbedingt nach dem pf abzuteilen.

„Wörter mit mehr als einer Silbe kann man am Ende einer Zeile trennen“, lautet der lakonische Satz, der den betreffenden Teil des Regelwerks von 1996 einleitet. Keine Regel ohne Ausnahme: „Kleie“ und „Reue“ wollten auch die Reformer nicht getrennt sehen. Nun kommen „Esel“ und „Igel“ wieder auf die Liste der unzerlegbaren Wörter und dazu erstmals „Acker“ und „Ecke“. Denn der Rat will einerseits die Abtrennung einzelner Buchstaben wieder unterbinden, andererseits aber an der Untrennbarkeit von ck festhalten.

Wenn nun der Rat, wie beabsichtigt, die meisten einschlägigen Paragraphen lediglich neu sortiert, anstatt sie zu ändern oder zu streichen, bleiben Trennungen wie „Dext-rose“, „Frust-ration“ oder „Ins-tanz“ möglich, da sie regelkonform sind und offiziell nicht als irreführend gelten. Weiterhin schützt Unwissenheit vor Strafe: Wer nicht versteht, aus welchen Bestandteilen sich Wörter wie „Detritus“ oder „Photosphäre“ zusammensetzen, darf sie in „Det-ritus“ und „Photos-phäre“ zerteilen.

Schwerlich wird ein Schüler Begriffe wie diese jemals von Hand schreiben oder gar trennen müssen; von den plumpen Fehlervermeidungsstrategien der Reformer hat er folglich nichts. Wer heute solches Fachvokabular verwendet, sitzt vor einer Tastatur und will sich auf sein Textverarbeitungsprogramm verlassen können. Auf die Bedürfnisse heutiger Schreiber und Programmierer sind die Regeln von 1996 jedoch so wenig zugeschnitten wie auf diejenigen klassisch gebildeter Leser. Dennoch fehlt der Mut, die von der technischen Entwicklung überholten Vorschriften aus dem Verkehr zu ziehen.

Nur vier bis sechs Jahre vergingen nach der Markteinführung der ersten Taschenrechner 1972, bis deren Gebrauch im Schulunterricht ab der 7. Klasse durch Erlasse der bundesdeutschen Kultusminister geregelt war. Aber 27 Jahre nach der Präsentation der ersten Version von „Microsoft Word“ mag Hans Zehetmairs Rechtschreibrat immer noch nicht an Trennungsregeln rühren, die aus der frühen Tintenkillerzeit stammen.

Eine gekürzte Fassung dieses Textes erscheint heute im Feuilleton der Berliner Zeitung.



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Kommentare zu »Regeln aus der Tintenkillerzeit«
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Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 30.11.2005 um 17.35 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2397

Daß das anonyme "du" als vertrauliche Form des distanzierten "man" "praktisch ausschließlich der gesprochenen Jugendsprache" angehöre, muß man wohl relativieren: Einerseits kenne ich nicht wenige gute Bekannte, die diesseits und jenseits der Pensionsgrenze sich durchaus regelmäßig des kleinen "du" befleißigen und auch andere Anleihen an das Register der Jugendsprache machen, andererseits ist es soziologisch ein Kennzeichen der heutigen Zeit, daß die ehemaligen relativ starren Verhaltensgrenzen zwischen den Generation zumehmend verwischen. Alte Sprichwörter wie "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!" sind zudem der Jugendsprache unverdächtig.
Für mich ist das "Du" nach wie vor kein "Sonntagskleid" eines Personalpronomen ehrenhalber, sondern ein Wort eigener Bedeutung, vergleichbar mit "seid/seit", "Grad/Grat", "sie/Sie" etc.


Kommentar von R. M., verfaßt am 29.11.2005 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2396

Das Gespräch in der S-Bahn hat so stattgefunden; die Postkarte ist aber nicht so geschrieben worden. Dieses du, das für man steht, gehört praktisch ausschließlich der gesprochenen Jugendsprache an.

Ebenso wie das Englische kennen auch andere europäische Sprachen die Großschreibung ehrenhalber: Lei, Usted, Ni usw. Die Großschreibung der vertraulichen Anrede in Briefen scheint aber eine deutsche Besonderheit zu sein.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 29.11.2005 um 11.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2395

Zu "persönlich":
Hier muß man bei der grammatischen Terminologie aufpassen! Oft wird nämlich das stilistische "persönlich" mit dem "persönlich" der Sprachstruktur verwechselt. Letzteres steht im Gegensatz zum "impers." in Grammatik- und Wörterbüchern; und dieses "impers." bedeutet nur "nicht auf Personen bezogen"! So ist das "du" in Martins Beispielen durchaus "persönlich" (vor allem für Leute, die Deutsch nach Grammatikbüchern lernen!); es ist aber wie "man/wer/jemand/einer" und eben auch manchmal "Sie/Se" ein indefinites Personalpronomen, auch wenn es der Grammatik-Duden da nicht auflistet. Das "impers." Pronomen ist "(et)was" (Sagen Sie doch auch mal was!); es steht (wie auch "einiges" und "manches/solches") nie für Personen. So finden wir manchmal in Wörterbüchern sogar bei Verben "impers.", z. B. bei "regnen", — einfach weil regnen niemand kann, das kann nur es. Wobei "niemand" ein negiertes indefinites Personalpronomen ist, "nichts" ein negiertes indefinites "impers." Pronomen. Wobei man sieht, wie man bei der unbedachten Übernahme der gängigen Termini leicht ins Stottern kommen kann! Sind "er/sie/es" Personalpronomen, wenn sie für "Tisch/Uhr/Uhren/Buch", also ja gar nicht für Personen stehen? Und in "es schneit" steht "es" für ... nichts!) — Die deutsche Sprache ist halt reicher als das, womit sich verkaufstüchtige Autoritätengremien auch noch nach ihren letzten Erkenntnissen zehn- und noch mehr bändig einem ratsuchenden Volk unziemlich erfolgreich in die Bücherregale jubeln.


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 29.11.2005 um 09.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2394

Zu Galina Leljanowas Frage:
Der Angeschriebene war ja eben gar nicht persönlich angeschrieben! Entscheidend ist auch nicht, wie es heißen "müsste", sondern wie man tatsächlich spricht bzw. (ohne staatlichen Zwang) schreibt. Ich erinnere an das folgende authentische Bespiel für die unpersönliche/anonyme Bedeutung des kleinen "du", das ich auf meiner Website zitiere:

In einer S-Bahn zum Flughafen Düsseldorf erzählte eine Rucksack-Touristin einem Bekannten von ihrer letzten Skandinavien-Reise und einer bitterkalten Nacht im Thermoschlafsack und sagte dann: "Und als wir dann um fünf Uhr aufgestanden sind, konntest du am Horizont erst so einen hellen Streifen sehen und dann einen phantastischen Sonnenaufgang ..." Der Bekannte, der das hörte, war natürlich nicht mit auf dieser Reise gewesen, er war also mit dem "du" keineswegs persönlich gemeint; die Erzählerin hätte das "du" ebensogut durch ein "man" (und die 3. Person des Verbs) ersetzen können. Dieses unpersönliche "du" würde man auch in einem Brief klein schreiben!


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.11.2005 um 05.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2393

Normalerweise schreibt man keine Briefe an Gott, sondern Gebete sind eine stille innere Zwiesprache, allenfalls hörbar vorgetragen. Wenn nun ein Gebet ausnahmsweise niedergeschrieben wird, entspricht das der Dokumentation eines Gesprächs, zum Beispiel eines Interviews. Von daher kommt das große Du eigentlich nicht in Betracht. Ich habe keine solchen Texte zu Hause, aber vielleicht möchte jemand nachsehen, wie es in Büchern gehalten ist, die Gebetstexte versammeln. Ich tippe auf: überwiegend Kleinschreibung.

Trotzdem vermute ich - zugegeben - viel Großschreibung, was den allgemeinen Schreibbrauch betrifft. Das liegt dann tatsächlich an dem Respekt, den die Verfasser dem großen Gegenüber zu schulden meinen: "Wenn ich Hinz und Kunz mit großem Du beehre, dann werde ich das noch gegenüber Gott erst recht tun." Ich bleibe dabei, daß diese Großschreibung eine gewisse Distanz ausdrückt. Höflichkeit beurteilt die Kontaktaufnahme zum Beispiel als mögliche Aufdringlichkeit und entschärft dies durch solche Vorsichtsmaßnahmen: "Ich rede Dich hier einfach an, bin mir aber Deines Wertes sehr wohl bewußt - siehe meine Großschreibung."

Die Gläubigen dieser Welt sind zu einem distanzierten Verhältnis zu Gott angeleitet worden. Respekt über alles. Dazu paßt die Großschreibung. Es entspricht allerdings nicht dem kindlichen absoluten Vertrauen, das die Gottesbeziehung nach urchristlichem Verständnis eigentlich kennzeichnen sollte. Dieses würde sich in unbefangener Kleinschreibung ausdrücken, wie wir sie in der Bibel vorfinden. Man muß allerdings hinzufügen, daß die Bibel in einem ganz anderen Kulturkreis angesiedelt ist, so daß europäische Schreibbräuche des 20. Jahrhunderts dort sowieso nichts verloren haben.


Kommentar von Galina Leljanowa, verfaßt am 29.11.2005 um 05.14 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2392

Zu Herrn Hans-Jürgen Martins Kommentar vom 27.11.2005 um 18.27 Uhr

Warum schreibt Hans auf seiner Urlaubskarte an einen Daheimgebliebenen "Von der Klippe über dem Fischerdorf konntest "du" dann einen phantastischen Sonnenuntergang bewundern"? Der Angeschriebene kann ja nicht etwas bewundern, was er sich nur vorstellen kann. Müsste es hier nicht "konnte ich bewundern" heissen?


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 29.11.2005 um 01.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2391

"Man möge mir verzeihen, daß ich den Begriff der 'Höflichkeitsgroßschreibung' nach wie vor nicht für angemessen halte: Einerseits suggeriert 'Höflichkeitsgroßschreibung', daß es auch eine 'Unhöflichkeitskleinschreibung' gibt,..." (Martin)

Machen wir nicht zuviel aus dem, was die grammatischen Bezeichnungen suggerieren! Was ist an männlichen Hauptwörtern "männlich" (Tisch), an weiblichen "weiblich" (Uhr) und an sächlichen "sächlich" (Fräulein, Kerlchen, das Göttliche)? Verwenden Sie (hier indefinites Personalpronomen!) die entsprechenden auf dem Lateinischen basierenden Bezeichnungen, — das Problem bleibt das gleiche. Weil die nur politisch korrekten DeutschlehrerInnen dieses Problem nur ignorant ansehen können, liegen sie hier wie auch bei vielem anderen einfach falsch. Mir ist mal irgendwo eine deutsche Grammatik in die Hände gefallen, wo ganz kühl bei der Wortart 2 (Substantive) von der Gruppe 1 (unsre Maskulina), der Gruppe 2 (unsre Feminina) und der Gruppe 3 (unsre Neutra) gesprochen wurde. ("Wortart 1" waren die Verben.) Die grammatischen Bezeichnungen sind nur gebräuchliche Bezeichnungen. Sie ersetzen nicht das genaue Studium dessen, was sie schallend und rauchend anzeigen.

Ich habe mir einiges linguistische Wissen in den USA erworben, und wir sprechen hier von "honorifischer Großschreibung" (meine Übersetzung, denn ich finde in keinem meiner Wörterbücher die deutsche Entsprechung von "honorific"). Gemeint ist die Großschreibung bei "God" für den Gott der Christenheit und die Pronomen und Possessivadjektive, die damit zusammengehen, bei Adjektiven, die Nationalitäten und Religionen kennzeichnen (German, Catholic) usw. Im Deutschen gehört hierher die Großschreibung bei "Du" und den Formen, die dazu gehören (wobei "ihr/Ihr" ja nur die Pluralform von "du/Du" ist!). Der Rest ist persönlicher oder gesellschaftlicher Stil. (Muß ein englisch schreibender Atheist das Wort für den christlichen Gott groß schreiben? Haha, gottseidank bzw. Gott sei Dank kann er sich ja heute auf den *spell-check* in seinem Computer verlassen und so der ernsten Diskussion dieser Frage entgehen, wie das ja auch der deutsche Professor tut, der uns in unserer Diskussion hier kühl auf den Rechner [dein/Dein Freund für einsame Stunden!] verweist.) Wrases "Gott genießt zwar einen Haufen Respekt, wo er angeredet wird, freut sich aber nicht über ein großes Du, das sollte der Gläubige einsehen können" übersieht diese einfache "honorifische" Konvention. "Formell/informell" und englisch "familiar/unfamiliar" und unser unvergessenes "Tätigkeitswort" sind andere falsche Wegweiser bei solchen Sachen.

Zur vielfältigen "Bedeutung" von "du/ihr":
Ich lehre hier für engl. "you":
Immer "Sie"! Falsch ist dieses "Sie" jedoch, und nur "du/ihr" ist richtig, a. wenn man mit Gott oder Göttern spricht, b. wenn man mit Mitgliedern der eigenen Familie spricht, c. wenn man mit Kindern spricht, d. wenn man mit Erwachsenen spricht, die man aufgrund abgesprochenen und implizierten Übereinkommens nicht siezt, sondern nur duzt (Diese "Regel" finde ich wunderbar! Sie ist übrigens richtig!), e., und daran ist hier in dieser Diskussion noch gar nicht gedacht worden: wenn man mit sich selbst spricht (Wie schriebe man das "Du" hier? Meine Probleme möcht ich haben! [Tuchholsky]), f. wenn man mit Tieren spricht und g. wenn man mit Maschinen spricht.

Die Formen des Pluralis Majestatis werden honorifisch auch groß geschrieben, die Formen des professoralen Pluralis Modestatis aber nicht. Und das, obwohl, wie mich ein Professor aufklärte, der Pluralis Modestatis nichts weiter als ein verkappter Pluralis Majestatis ist. Beide sind aber im folgenden Satz nicht mein Problem. Wir sagen, die Großschreibung des Anredepronomens in "Du Idiot!" ist honorifisch und somit richtig.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 28.11.2005 um 22.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2390

Und damit Gute Nacht

Besuch des Schulrates in der Dorfschule. Den Kindern ist eingeschärft worden, ihn ja nicht zu duzen. Der hohe Gast fragt nach dem achten Gebot. Antwort: "Sie sollen nicht stehlen, Herr Schulrat."


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 28.11.2005 um 20.51 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2389

Kleine Korrektur zu meinem Zitat weiter unten: Karl Marx schrieb den Brief an seine Frau Jenny im Jahre 1856 im 13. Jahr ihrer Ehe.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 28.11.2005 um 20.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2387

Ich versuche nur zu erklären, wie es überhaupt zu dieser Großschreibung bei der Du-Anrede und zu der Bezeichnung "Höflichkeitsschreibung" kommt, von dem Pronomen du aus betrachtet, das an sich genausowenig mit Großschreibung zu tun hat wie ich oder er. Dabei habe ich mich unausgesprochen auf den Normalfall konzentriert: eine schriftliche Mitteilung an eine vertraute Person. Anweisungen an unbekannte Kinder in Schulbüchern sind ein Sonderfall - hier kommt das große Du von der Sache her eigentlich nicht in Frage, weil eine persönliche Beziehung gar nicht vorhanden ist. Wenn es trotzdem so im Schulbuch steht, wird die persönliche Mitteilung an eine vertraute einzelne Person nur simuliert - ganz richtig. Das wirkt natürlich im Vergleich zu der ehrlichen allgemeinen Ansprache persönlicher, ist aber nur vorgetäuscht.

Wenn ich jedoch nur den Normalfall betrachte und mir überlege, ob ich groß oder klein schreiben will, kann ich mir nur bei einem wirklich distanzlosen, von Konventionen befreiten Verhältnis erlauben, auf die formale Großschreibung zu verzichten, solange sie als Standard für ein höfliches Verhältnis zum Adressaten gilt. Freilich ist es guter Stil, auch gegenüber den meisten Vertrauten höflich aufzutreten, so daß die Kleinschreibung nur ein inoffizielles Dasein fristete. Das geht insofern in Ordnung, als das Rechtschreibwörterbuch Auskunft über formal korrektes "Verhalten" und über das Übliche geben kann, nicht für den ganz und gar persönlichen Bereich, in dem zum Beispiel nicht wenige ihre persönliche Vorliebe verwirklichen, alles klein zu schreiben, ohne daß dies gleich in ein Lexikon Eingang finden sollte.

Professor Ickler hat überzeugende Beispiele gebracht: ein Anrede an Gott, an ein Tier - wollen wir da das du wirklich noch groß schreiben? Man schlage in der Bibel nach! Gott genießt zwar einen Haufen Respekt, wo er angeredet wird, freut sich aber nicht über ein großes Du, das sollte der Gläubige einsehen können. Es drückt eine Spur Distanz aus, eben höfliche Zurückhaltung. Es paßt einfach nicht. An Tiere sind sicher viele Briefe mit großem Du geschrieben worden, aber nur deshalb, weil man sie als Partner-Ersatz erlebt, was schon in dem Moment klar ist, wo der Besitzer einen Brief an den Vierbeiner aufsetzt.


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 28.11.2005 um 19.25 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2386

Karl Marx schreibt in einem Liebesbrief an seine spätere Frau Jenny:

Ich habe Dich leibhaftig vor mir, und ich trage Dich auf den Händen, und küsse Dich von Kopf bis Fuß, und ich falle vor Dir auf die Knie, und ich stöhne: ,Madame, ich liebe Sie.' Und ich liebe Sie in der Tat, mehr als der Mohr von Venedig je geliebt hat…“ (Nach Iring Fetscher „Marx“, Herder/Spektrum Meisterdenker 1999)

Dieses zweifellos ganz große „Du“ fälschen die Reformmitläufer auf den anmaßenden Wink der Kultusbürokraten und Schreiberleichterungsquacksalber in ein kleines „du“ um (während das „Sie“ bleibt), z.B. in Francis Wheen „Karl Marx“ ©deutsch 2001: C. Bertelsmann Verlag München.

Gegenüber dem Dichter Freiligrath hatte Marx sicher weder höfliche, freundschaftliche noch „ehrerbietige“ Gefühle, als er in einem Briefe vom 23.2.1860 drohte, ihn bei der preußischen Polizei zu denunzieren. Dennoch mußte auch hier gezeigt werden, daß die Form gewahrt wird. Eine Änderung wäre Geschichtsfälschung:

Du weißt, daß ich wenigstens 200 Briefe von Dir besitze, worin hinlänglich Material, um nöthigenfalls Dein Verhältniß zu mir und zur Partei zu constatieren.

Als Folge der laufenden grotesken „Rechtschreibreform“ dürfen Schüler von dieser bis heute üblichen Höflichkeitsform nichts erfahren. Deswegen ist vermutlich auch der Brief von Lassalle an Marx eine Fälschung, wie er im Geschichtsbuch meiner Tochter steht:„Ich brauche dir nicht zu sagen", schrieb Lassalle im Juni 1848 an Marx, „wie erfreulich diese Bewegung ist. " (Rückspiegel Band 3, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1996/2000)



Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 28.11.2005 um 18.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2385

Also ich persönlich finde "Du" vertrauter als "du" und gerade nicht höflicher - aus den genannten Gründen (Übertragung des mündlichen Duzens in die Schriftsprache). Nehmen Sie mal ein Schulbuch: Was klingt da weniger distanziert - "Du" (Schüler) oder "du" ? Wobei ersterem ja eine nur simulierte persönliche, vertraute Beziehung zugrunde gelegt wird.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 28.11.2005 um 15.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2383

Der Ausdruck "Höflichkeitsgroßschreibung" beim großen Du ist etwas mißverständlich und insofern ungünstig, aber sachlich richtig. Man muß zunächst sehen, daß Höflichkeit etwas mit Distanz zu tun hat, im Kontrast zu einem ungezwungenen oder jedenfalls distanzloseren Umgang wie zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Kindern. Sodann gibt es nicht nur zwei Grade oder Pole von Nähe in Beziehungen, eng oder distanziert, sondern natürlich alle möglichen Abstufungen und Mischungen. Man kann jemanden zum Beispiel siezen, obwohl man sich ihm vertraut fühlt, oder duzen, obwohl man noch eine Menge Distanz spürt, und so weiter. Daher ist es überhaupt nicht verwunderlich, daß man in der schriftlichen Kommunikation zwar das Duzen fortsetzt, aber es gegebenenfalls abstufen und durch Großschreibung in die Nähe des groß geschriebenen, distanzierten "Sie" bringen möchte. Vertrautes "du" mit einem Schuß Distanz, mit einer Spur Siezen, ergibt "Du".

Das hat übrigens auch den Hintergrund, daß man anders als beim mündlichen Austausch keine direkte Rückkoppelung hat, ob der Angesprochene mit der angeschlagenen Vertraulichkeit wirklich einverstanden ist, so daß es sich in bestimmten Fällen empfiehlt, einen Gang vorsichtiger zu fahren. Ich finde es geradezu erstaunlich, daß bei der Vielfalt von sozialen Beziehungen schon zwei Sorten der Anrede genügen, um die Art der Beziehung hinreichend zu charakterisieren. Man kann das daran erkennen, daß ein falsch gewähltes "Sie" oder "Du" heftiges Unwohlsein provozieren kann und manchmal eine tiefe Beleidigung oder eine grobe Lächerlichkeit bedeutet. Es gibt sicherlich andere Gepflogenheiten, bei denen noch wesentlich mehr Feinheiten bedacht sein wollen als die Wahl zwischen zwei Signalen, damit es nicht heißt, man habe sich vergriffen oder danebenbenommen.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 27.11.2005 um 23.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2379

Der Begriff "Höflichkeitsgroßschreibung" ist in der Tat etwas unglücklich gewählt. So fragt auch jemand in dieser Rubrik, wie es denn dann bei geschriebenem "Du Idiot" mit der Höflichkeit bestellt sei. Soll man nun etwa auch noch eine "Unhöflichkeitsgroßschreibung" einführen? - Ich denke, die Sache ist ganz einfach: Erwachsene reden einander in schriftlichen Mitteilungen mit (großem) "Du" an, wenn zwischen ihnen in der persönlichen mündlichen Kommunikation eine Duz-Beziehung besteht. Nichts anderes signalisiert die Großschreibung, die natürlich eine Konvention ist, auf die man auch verzichten könnte. Einer Deutung der Großschreibung als Ausdruck von Höflichkeit, "Ehrerbietung" (der Irrtum der Reformer, die ebenfalls eine inhaltliche Deutung geben wollten) oder was sonst bedarf es nicht. Bei bloß imginären Adressaten ("Lieber Leser", usw.) hat man die Wahl, wobei ich selbst wegen der bloß fingierten Kommunikation eher die Kleinschreibung vorziehen und auch goutieren würde. Auch ein Kind, das ich ja "sowieso" duze, würde ich mit großem Du anreden.


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 27.11.2005 um 18.27 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2377

Man möge mir verzeihen, daß ich den Begriff der "Höflichkeitsgroßschreibung" nach wie vor nicht für angemessen halte: Einerseits suggeriert "Höflichkeitsgroßschreibung", daß es auch eine "Unhöflichkeitskleinschreibung" gibt, die ich allerdings nicht kenne; andererseits wird das große "Du" traditionell auch dann verwendet, wenn ihm ein (unhöfliches) Schimpfwort folgt: "Du Idiot!" etc., was die Unhöflichkeit ja nicht relativiert.
Auch wenn Höflichkeit in sozialen Beziehungen selbstverständlich sein soll, so geht es hier m. E. also um etwas anderes, nämlich schlicht andere Bedeutung, wie sie Herr Ludwig heute morgen noch einmal beschrieben hat. Einen ähnlichen Fall stellt das Paar "man - Mann" dar: Das erste, kleine Wort meint (übrigens ebenso unpersönlich wie das "du", aber distanzierter) 'Gott und die Welt', das zweite die erwachsene männliche Hälfte der Menschheit oder ein bestimmtes Exemplar aus dieser Gruppe.
Noch eine Bemerkung zum 'Brief': Dieser ist für das "Du" natürlich die sprachliche Umgebung bzw. Textsorte par excellence. Dennoch hängt die Existenzberechtigung des "Du" nicht direkt von dieser Textsorte ab (ebenso schlecht würde man die Tierklasse der Fische durch ihre Umgebung, nämlich das Wasser definieren). Daß die Großschreibung nicht die Umgebung, sondern nur die Bedeutung des "Du", also persönliche Anrede widerspiegelt, zeigt ein Beispiel aus einem Brief oder einer Urlaubskarte an einen Daheimgeblieben: "[...] Von der Klippe über dem Fischerdorf konntest du dann einen phantastischen Sonnenuntergang bewundern! Bis bald, Dein Hans"


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 27.11.2005 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2376

Re: Höflichkeitsgroßschreibung

"Du/Ihr/Sie": bestimmtes Personalpronomen für die vom Autor direkt angeredete Person; "du/ihr/Sie": bestimmtes Personalpronomen für die vom Autor nicht direkt angeredete Person (z. B. in Zitaten)

"du": unbestimmtes Personalpronomen, ähnlich wie "man/wer/jemand/einer", übrigens auch einige "Sie" (gesprochen meist "Se" und nie hervorgehoben ["Wenn Se da mal als Lehrer was laut sagen, dann kriegen Se doch gleich Schwierigkeiten."])

"Er" und "Sie" (3. Sg./Pl.) als Anredeformen in der dritten Person mit Höflichkeitsgroßschreibung in alten Texten. Als superhöfliche Anrede haben wir die Pluralisierung (Höflichkeitsplural) auch für einzelne Personen ( "Sie", wie engl. you, frz. "vous"). "Er" und "Sie" (3. Sg.) sind als Anredeform in unseren sozialen Beziehungen ausgeschieden; die Großschreibung von "Sie" und seinen Formen bietet sich jedoch sehr gut zur Unterscheidung von "sie" (3. Pl.) an und wird daher sehr sinnvoll auch bei nicht direkter Anrede verwendet, (wobei sich eine Großschreibung vom reflexiven "sich" aus guten Gründen erübrigt).

Auch hier hat die Reformiererei Schaden gestiftet: Leute, die jetzt auch das Anrede-Sie klein schreiben (und ich sehe das durchaus nicht selten), folgen nur dem verführerischen alles vereinfachenden Neudenk, man müsse jetzt Anredepronomen nicht mehr kultiviert groß schreiben. Das Korrekturprogramm im Rechner hat für solche Sachen natürlich nicht das geringste unmittelbare Feingefühl. Und wer würde schon mit diesem Knirps im Computer alle seine verwendeten Sie/sie-Formen so detailliert und dirigiert diskutieren wollen?




Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2005 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2375

Die Höflichkeitsgroßschreibung ist naturgemäß nur dort üblich, wo tatsächlich jemand schriftlich angeredet und nicht nur wörtliche Rede schriftlich wiedergegeben wird. Damit kommt praktisch nur der Brief oder etwas sehr Ähnliches in Betracht. Bei Arbeitsanweisungen in Schulbüchern und dgl. kann man stilistische Nähe zum Brief und damit Großschreibung wählen, oder man verwendet das "du" nur als nichtindividualisierte Pseudo-Anrede anstelle von "man" (wie hier schon dargelegt), und dann ist natürlich keine Höflichkeit angesagt, weil es gar nicht um eine soziale Beziehung zwischen Schreibendem und Lesendem geht. Die Probleme, die es hier gegeben haben soll, wirken konstruiert, z. T. beruhen sie auch auf mangelhafter Einsicht in die beschriebenen Zusammenhänge. Höflichkeit ist das Schmieröl der sozialen Beziehungen; wo es letztere nicht gibt, ist sie überflüssig.
Aufschlußreich ist der Vergleich mit dem Duzen und Siezen. Das Siezen setzt ebenfalls eine soziale Beziehung voraus, und zwar eine gewisse Distanz, die respektiert wird. Deshalb duzen wir Tiere, Kinder und Gott, zwischen denen es sonst keine Gemeinsamkeit gibt außer eben, daß unsere Beziehung zu ihnen von jener spezifischen, auf den Rang gegründeten gesellschaftlichen Rücksichtnahme frei ist. Daraus folgt aber nicht, daß das Duzen überhaupt nicht mit Höflichkeitsbekundung einhergehen könne (wobei ich allerdings die gelegentlich verwendete Großschreibung der Gottesanrede in Gebeten anders erklären würde; man schreibt ihm ja auch normalerweise keine Briefe). Es geht auch anders, aber so geht es auch.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 26.11.2005 um 22.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2374

So wird ein Schuh draus

Die Zeitungen, die bei der herkömmlichen Rechtschreibung geblieben oder zu ihr zurückgekehrt sind, gehen die Beschlüsse und Empfehlungen des Rates nichts an. Sie brauchen keine nachträgliche Legitimierung oder gar Erlaubnis ihres Tuns. Ganz im Gegenteil: Der Rat hat zur Kenntnis zu nehmen, daß bedeutende Teile des öffentlichen Schreibens der Reform nicht folgen, und hat diese Tatsache seiner Arbeit zugrunde zu legen. Es gibt nur einen einzigen Adressaten der Ergebnisse der Rats-Arbeit, das sind die Kultusminister. - Verständlicherweise ist gewissen Interessengruppen der freie Gebrauch des freien Gutes Rechtschreibung ein Ärgernis. Wie schön wäre es gewesen, wenn sich alle ausnahmslos den Kultusbürokraten unterworfen hätten. Daß sie es nicht taten, bleibt ein Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Presse und läßt hoffen.


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 26.11.2005 um 20.34 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2373

Herr Salzburg (26.11.2005, 13:37 Uhr) hat recht: Das Zitat stammt von der Duden-Website. Die gedruckte 20. Duden-Auflage bindet ebenfalls das groß geschriebene Anredepronomen an die Textsorte, also vor allem den Brief ("Dasselbe gilt auch in feierlichen Aufrufen und Erlassen, Grabinschriften, Widmungen [...]"), ohne allerdings den Grund für diesen Schreibgebrauch zu nennen.
Der Duden-Redaktion nimmt diese oberflächliche Beschreibung auf ihrer Website zum Vorwand, eine angebliche Unsicherheit auszumachen und auch gleich zu beheben: "In Briefen und briefähnlichen Texten schrieb man groß, sonst klein. Damit war zum einen eine erhebliche Unsicherheitszone geschaffen. Gehören beispielsweise Anweisungen in Schulbüchern zu den briefähnlichen Texten oder nicht? [...]"
Die Unterscheidung persönlicher und unpersönlicher (anonymer) Anrede hingegen nennt den Grund der Großschreibung und gibt für eine angebliche "erhebliche Unsicherheitszone" keinen Anlaß.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2005 um 17.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2372

In der heutigen SZ steht nicht nur der gute Bericht von Thomas Steinfeld, sondern auch wieder eine ganze Seite in bewährter Rechtschreibung, ein Auszug aus einem neuen Roman. Wann immer ich mir zufällig eine Wochenendausgabe kaufe, finde ich ein solches Zeichen der Unbotmäßigkeit.
Im Rat für deutsche Rechtschreibung sind widerspenstige Zeitungen ein Hauptärgernis, und man macht sich ausführlich Gedanken darüber, wie man diese Blätter an die Kandare nehmen könne. Besonders über F.A.Z. und Springer-Verlag fallen recht häßliche Worte. Keine Rede ist mehr davon, daß außerhalb der Schule doch jeder schreiben könne, wie er will. Ich hätte mir gewünscht, daß z. B. Herr Döpfner der letzten Sitzung beigewohnt hätte - er wäre für immer gegen jede Versuchung gefeit, diesem Rat irgendwelchen Kredit einzuräumen.



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2005 um 15.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2371

Im Rat bestand zunächst eine gewisse Neigung, die Entscheidung zwischen "sind zu vermeiden" und "sollten vermieden werden" leichtzunehmen. Kundige Wörterbuchmacher wiesen jedoch darauf hin, daß es für die Wörterbücher nicht gleichgültig sein kann. Denn wenn Trennungen wie "Urin-stinkt" zu vermeiden sind, dann werden sie gar nicht erst ins Wörterbuch aufgenommen - was übrigens bei 120.000 Stichwörtern eine Heidenarbeit bedeutet. Wahrscheinlich hat der Gedanke an die armen Schüler, denen hier eine neue Fehlermöglichkeit eröffnet wird, dazu beigetragen, eine bloße Empfehlung zu formulieren. Ich habe nochmals daran erinnert, daß solche Geschmacksfragen überhaupt nicht in ein amtliches Regelwerk gehören. Vergeblich, man ist geradezu verliebt in der Urinstinkt und die ollen Spargelder.


Kommentar von Süddeutsche Zeitung, verfaßt am 26.11.2005 um 15.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2370

»Groß und klein
Der Rat für Rechtschreibung reformiert die Reform


In kleinen Schritten wird die neue deutsche Rechtschreibung wieder an den Punkt zurückgeführt werden, wo die alte Rechtschreibung Mitte der neunziger Jahre aufhören musste. Der Rat für deutsche Rechtschreibung beschloss am gestrigen Freitag in Mannheim, jetzt auch eine Arbeitsgruppe zur Groß- und Kleinschreibung einzurichten. Die Empfehlungen der Arbeitsgruppen für die Getrennt- und Zusammenschreibung wie für die Silbentrennung liegen bereits vor und sehen eine weitgehende Revision der Reform auf den Stand vor der Reform vor. Der Rat für deutsche Rechtschreibung war von den Kultusministern eingerichtet worden, nachdem offensichtlich geworden war, dass große Teile der Reform sinnwidrig in den Bestand der Schriftsprache eingriffen und der öffentliche Widerstand auch nach Jahren nicht verstummen wollte.

Die Entscheidung, die Arbeitsgruppe für Groß- und Kleinschreibung einzurichten, stellt eine Herausforderung der Kultusminister dar, weil diese im Frühsommer zwischen "strittigen" und "unstrittigen" Teilen der Reform unterschieden hatten. "Strittig" waren die Bereiche, denen der Rat sich bis zum vergangenen Sommer hatte zuwenden können. In den entsprechenden Fällen, also vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung, zeigten die Kultusminister zumindest eine Bereitschaft, den Empfehlungen des Rats zu folgen. "Unstrittig" sollte hingegen sein, was der Rat hauptsächlich aus zeitlichen Gründen noch nicht hatte behandeln können. Dass der Rat nun, gegen den Willen der Kultusminister, auf seinem Auftrag insistiert, ist auch ein Verdienst von Hans Zehetmair, dem ehemaligen bayrischen Kultusminister und Vorsitzenden des Rates. Nach der Sitzung in Mannheim kündigte er an, man werde wohl die Anrede "Du" in Briefen bald wieder groß schreiben. Die Gesamtheit der Vorschläge zur Reform der Reform soll bis zum Sommer 2006 vorliegen. THOMAS STEINFELD«


( Süddeutsche Zeitung Nr.273, Samstag, den 26. November 2005 , Seite 15 )


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 26.11.2005 um 13.37 Uhr   Mail an
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Hans-Jürgen Martin zitiert als alte, deskriptive Dudenschreibung aus der Duden-Homepage: „Wenn man jemanden duze, hieß es, bestehe kein Anlaß, "durch Großschreibung besondere Ehrerbietung zu bezeugen". Das ist Neudenk. Es liegt wohl eine Verwechslung vor. Meine alten, deskriptiven Duden von 1926 bis 1986 enthalten solche Gedanken nicht und beschreiben den üblichen Gebrauch eigentlich ausreichend.


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 26.11.2005 um 12.36 Uhr   Mail an
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Das kleine "du" ausgerechnet in privaten Briefen ist wirklich eine kaum zu überbietende staatliche Anmaßung, der sich jeder entschieden widersetzen sollte, auch und vor allem als Angeredeter bzw. Angeschriebener. Allerdings handelt es sich beim großen "Du" keineswegs um eine Sitte der Höflichkeit, da muß ich Herrn Salzburg widersprechen! (Bereits der alte, deskriptive Duden verbreitete diesen Irrtum, indem er die Großschreibung der Personalpronomen und -adjektive unpräzise an die Textsorte - hier: den Brief - statt korrekt an die Bedeutung band. Wenn man jemanden duze, hieß es, bestehe kein Anlaß, "durch Großschreibung besondere Ehrerbietung zu bezeugen".)

Umgekehrt stellt ein "du" in der Anrede durchaus eine Unhöflichkeit dar. Das ist nur scheinbar paradox: "Du" und "du" sind keine austauschbaren Schreibvarianten, sondern Wörter unterschiedlicher Bedeutung, wie sich an einem bekannten Sprichwort demonstrieren läßt:

a) "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen": Hier wird ein Gesprächspartner nicht persönlich angesprochen, manche sprechen vom "Beispiel-du"; man könnte auch distanzierter formulieren: "Was man heute kann besorgen ..."
b) "Was Du heute besorgen kannst, das ..." meint den Gesprächspartner ganz persönlich: wegen des "Du", nicht wegen der heute üblichen Wortstellung.
c) "Was man heute kann besorgen, das verschiebe man ..." entspricht dem keinen "du", ist aber distanzierter.
d) "Was Sie heute besorgen können, das verschieben Sie bitte ..." ist die distanzierte Variante des "Du".

Es gibt also eine persönliche und eine unpersönliche Anrede (Du - du) und von beiden jeweils auch eine distanzierte Form (Sie - man). Das "Du" wird durch die "Reform" also nicht anders (nämlich klein) geschrieben, sondern durch ein anderes Wort mit anderer Bedeutung ersetzt. Aus diesem Grunde wäre es völlig unakzeptabel, wenn die Großschreibung der persönlichen Anrede, wie der Ratsvorsitzende andeutete, nur erlaubt und die falsche Kleinschreibung weiter in den Schulen gelehrt würde.

(Mehr hierzu auf meiner Seite: www.schriftdeutsch.de/herladen/Duzen.pdf)


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 26.11.2005 um 10.38 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2367

Die anmaßendste Vorschrift, die die Kultusminister durch Erlaß in das Schreibvolk gepreßt haben, ist die Kleinschreibung des „Du“ in Briefanreden. Hier handelt es sich um eine Sitte der Höflichkeit, die den Staat überhaupt nichts angeht. (Die letzte „Höflichkeitreform“ durch Ministerialerlaß war die Einführung des „Deutschen Grußes“ an den Schulen am 22. Juli 1933) Die Schulen haben lediglich die Pflicht, die Schüler durch Hinweis auf das, was gute Sitte ist, lebenstüchtig zu machen. Abgesehen davon, daß die vorgeschriebene Kleinschreibung nichts „erleichtert“: Höflichkeit zeichnet sich gerade dadurch aus, daß man eine kleine Mühe auf sich nimmt, um dem anderen seine Aufmerksamkeit zu zeigen. Nur Didaktik-Apparatschiks haben auf den Gedanken kommen können, hier eingreifen zu wollen.


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 26.11.2005 um 01.33 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2365

Der besseren Lesbarkeit wegen können wieder mehr Kommata gesetzt werden.

Wenn man sich bis auf weiteres schon mit derart schwammigen Formulierungen zufriedengeben muß, warum nicht auch eine entsprechende Ergänzung zu § 25, evtl. als E2a oder E4?

Der besseren Lesbarkeit wegen kann statt "ss" auch "ß" geschrieben werden, wenn ss nicht getrennt werden kann und solange der Gebrauch im Text einheitlich ist.

Auf diese Weise müßte man die Verwendung der lesefreundlicheren Variante nicht mehr eigens rechtfertigen, und die Lernbarkeit ließe sich empirisch überprüfen. Das ist nicht ideal, aber besser als der jetzige Zustand. Außerdem dürften die Empfehlungen ja irgendwann ihren Niederschlag in den Schulbüchern finden, so wie zuvor die Empfehlungen (Richtlinien) des alten Duden. Die Softwarehersteller würden früher oder später folgen.

Angenommen, die Lektorenstellen werden in den nächsten Jahren nicht gänzlich wegrationalisiert und vorausgesetzt, der Textsatz wird weiterhin von Fachleuten und nicht von Grafikdesignern vorgenommen, könnte sich die bessere Variante nach und nach von selbst wieder durchsetzen.

Zudem wird die Politik nicht unter unmittelbaren Zugzwang gesetzt. Abwehrreflexe könnten somit vermieden, und ein sanfter Ausstieg auf diesem Wege vielleicht möglich werden.

Den Österreichern steht es natürlich frei, ebenso wie die Schweizer ganz auf das "ß" zu verzichten, wenn dies das Ziel ihres Vorstoßes war. Man wird sehen, wie die Bevölkerung darauf reagiert.


Kommentar von Berliner Zeitung, 26. 11. 2005, verfaßt am 25.11.2005 um 23.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2363

Das "Du" wird wieder groß geschrieben
Rechtschreibrat reformiert die Reform weiter

Torsten Harmsen

BERLIN. Für die Kritiker der Rechtschreibreform ist das eine kleine Sensation: Erstmals rührt der Rat für deutsche Rechtschreibung an Regeln, die bereits im August 2005 von den Kultusministern in vierzehn Bundesländern als verbindlich eingeführt wurden. Groß geschrieben werden sollen künftig feststehende Begriffe wie "Große Koalition", "Erste Bundesliga" oder "Schwarzes Brett", ebenso wieder das "Du" in der Briefanrede.

Das will der 39-köpfige Rat unter Vorsitz des ehemaligen bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair (CSU) empfehlen, der am Freitag in Mannheim zu seiner letzten Sitzung in diesem Jahr zusammentrat. Dafür hatte er eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um die Streitpunkte in der bereits beschlossenen Reform der Groß- und Kleinschreibung zu überprüfen. Dazu gehören auch Schreibweisen wie "Pleite gehen" oder "zu Eigen machen". Bis Mitte Januar sollen alle Vorschläge auf dem Tisch liegen und auf der nächsten Sitzung am 3. Februar 2006 beschlossen werden. Die Kultusminister seien über den neuen Vorstoß informiert, sagte Zehetmair.

Der Rat empfahl auch, künftig wieder mehr Kommas zu setzen, um Sinnzusammenhänge schneller erfassbar zu machen. Zu den weiteren Empfehlungen gehört, dass künftig die Abtrennung von Einzelbuchstaben und missverständliche Trennungen vermieden werden sollen, etwa: "E-sel", "I-gel", "Urin-stinkt" oder "Julia-bend". Bereits jetzt gibt es die Empfehlung, solche Trennungen zu vermeiden, künftig aber soll diese ganz bewusst an die Spitze gerückt werden (siehe Berliner Zeitung, 25. November). Nach eingehender Beratung entschied man, nicht zur Trennung von "ck" zurückzukehren, so dass es künftig weiter "Zu-cker" heißt. Untrennbar sollen dagegen Wörter wie "Acker" und "Ecke" werden. Bei der "ß/ss"-Regelung dagegen soll es keine Korrekturen geben. In Zukunft wird in dem Rat auch der deutschsprachige Teil Belgiens vertreten sein.


Kommentar von F.A.Z. 25. 11. 2005, verfaßt am 25.11.2005 um 22.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2362

Die Groß- und Kleinschreibung wird überarbeitet
Der Rat für Rechtschreibung beschließt veränderte Silbentrennung

oll. MANNHEIM, 25. November. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat am Freitag in Mannheim die geänderte Silbentrennung am Zeilenende und die überarbeiteten Interpunktionsregeln beschlossen. Die Lesbarkeit der Texte und der Sinn des Sprachgebrauchs seien maßgebliche Kriterien gewesen, sagte der Vorsitzende des Rates, der frühere bayerische Kultusminister Zehetmair (CSU). Zur Groß- und Kleinschreibung wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt.

Deshalb hat der Rat den Grundsatz, sinnentstellende Trennungen zu vermeiden, an den Anfang aller folgenden Regeln gesetzt. Damit solle erreicht werden, daß Trennungen wie "Spargel-der" und "Urin-stinkt" nicht mehr benutzt werden. Die Empfehlung, "irreführende Trennungen" zu vermeiden, galt allerdings schon bisher, stand nur an anderer Stelle. Einzelbuchstaben am Wortanfang oder Wortende können nun nicht mehr abgetrennt werden, weshalb "Abend", "Esel", "Ehe" oder "Uhu" gar nicht getrennt werden können. Zusammengesetzte Wörter und Wörter mit Präfix sollen zwischen den einzelnen Bestandteilen abgeteilt werden ("Heim-weg", "Dia-gramm", "Re-print", "Ent-wurf").

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat bei der Silbentrennung wenig geändert, geschweige denn gestrichen. Vielmehr bleiben phonetisch falsche Trennungen wie "Mü-cke" statt Mük-ke (auf die Wiedereinführung der phonetisch richtigen kk-Trennung konnte sich der Rat nicht einigen) auch künftig möglich. Weiterhin zulässig sind auch die etymologisch kaum nachvollziehbaren Trennungen von "Dext-rose", "Frust-ration" oder "Ins-tanz", "Prog-nose" oder "Diag-nose". Hier hat der Rat sich nicht auf mehr als ein "ist zu vermeiden" einigen können. Was diese Bestimmung etwa für die Notengebung bedeutet, bleibt den Lehrern überlassen.

Die neueste Ausgabe des "Wahrig" vom August 2005 empfiehlt schon, Wörter nach Herkunft zu trennen, doch auch diese Anweisung kann nur befolgen, wer ihren Ursprung erkennt. Allerdings spielen solche Kriterien für die modernen Textverarbeitungsprogramme keine Rolle, sie werden in jedem Fall etymologisch falsch trennen.

Der besseren Lesbarkeit wegen können wieder mehr Kommata gesetzt werden. Der Versuch unmittelbar nach der Neuregelung, sämtliche Kommata wegzulassen, kann somit als gescheitert angesehen werden. Auch der erweiterte Infinitiv mit "um zu" wird wieder durch ein Komma abgetrennt. Bei dem Satz "es freut mich, Dich zu sehen", muß das Komma wieder verpflichtend gesetzt werden. Andere Regelungen der Interpunktion sind Soll-Bestimmungen.

Vor allem hat der Rat für deutsche Rechtschreibung beschlossen, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, welche die Groß- und Kleinschreibung überarbeiten soll. Die Groß- und Kleinschreibung geht zurück auf den österreichischen Amateurlinguisten Eugen Wüster und gilt unter den Kritikern der Neuregelung als umstritten, da sie viele grammatisch falsche Schreibweisen geschaffen hat. Das gilt etwa für "Leid tun", "Bankrott gehen", "Schlange stehen" und "Pleite gehen" - solche Schreibweisen seien "vollkommen unsinnig", sagte Zehetmair. Es zeichnet sich eine Tendenz im Rechtschreibrat ab, die "Große Koalition", die "Zweite Kammer" und die "Große Anfrage" als Spezialbegriffe wieder groß zu schreiben. Deshalb soll für die festen Verbindungen von Adjektiven und Substantiven die Großschreibung in der Arbeitsgruppe überdacht werden. Außerdem sollen die Ungereimtheiten bei "auf allen vieren gehen", "zu eigen machen" in der Neuregelung beseitigt werden. Sicher ist schon jetzt, daß das Anredepronomen "Du" in Briefen wieder groß geschrieben werden kann. Die Arbeitsgruppe für Groß- und Kleinschreibung soll ihren Entwurf zur Überarbeitung Mitte Januar vorlegen.

Die neuen Sprachregeln aus dem Bereich der Groß- und Kleinschreibung galten bisher bei den Kultusministern als unstrittig. Sie waren wie die neuen Regeln zur Laut-Buchstaben-Zuordnung am 1. August 2005 in 14 der 16 Bundesländer verbindlich in Kraft getreten. Nur in Bayern und Nordrhein-Westfalen gilt noch eine Übergangsregelung. Alte Schreibweisen werden allein in den Schulen dieser beiden Länder auch jetzt noch nicht als Fehler gewertet.

Der Rechtschreibkritiker Ickler hatte das umfassendste Änderungsvotum für die Groß- und Kleinschreibung vorgelegt, die im Deutschen für Überschriften und Werktitel, für Satzanfänge, Substantive und Substantivierungen, Eigennamen mit nichtsubstantivischen Bestandteilen, nominale Wortgruppen und Anredepronomen sowie Anreden verwendet wird. Geeinigt hat sich der Rat jetzt auf vier Punkte, die er zunächst überarbeiten will.

Der Vorstoß einiger Ratsmitglieder aus Österreich und der Schweiz, das "ß" ganz abzuschaffen und in ein doppeltes "s" aufzulösen, wurde von den deutschen Mitgliedern des Rates entschieden abgelehnt. Bis zum März des nächsten Jahres soll der Rat den Kultusministern seine Arbeitsergebnisse vorlegen. Nach Abschluß der ersten Arbeitsphase wird der Rat nur noch zweimal im Jahr tagen. Als neues Mitglied in den Rat aufgenommen wurde der deutschsprachige Teil Belgiens, der darum gebeten hatte.


Kommentar von R. M., verfaßt am 25.11.2005 um 22.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2361

Nach den Dudenregeln waren irreführende Trennungen nur zu befürchten, wenn nicht an der Kompositionsfuge getrennt wurde, sondern an einer Silbenfuge, die vom Leser im ersten Moment irrtümlich für eine Kompositionsfuge gehalten werden konnte.

Die Reformer haben durch ihre Neuregelung weitere Irritationen heraufbeschworen und mußten eigens vor ihnen warnen (Seeu-fer). Daß der Rat nun die (folgenlose) Warnung an den Anfang der betreffenden Paragraphen rückt, soll die Tatsache überspielen, daß er die §§ 111 und 112 nicht aufheben möchte. Das Problem ist nicht behoben, sondern kaschiert.

§ 111 betrifft nur Fremdwörter, § 112 aber nicht, und beide Paragraphen hängen eng miteinander zusammen.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 25.11.2005 um 20.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2360

Herr Markner hat natürlich recht, daß die bloße Änderung der Reihenfolge der Regeln an ihrem Inhalt nichts ändert. Dennoch ist die Ordnung der Regeln nicht gleichgültig.
Die Voranstellung der Empfehlung, "sinnentstellende" Trennungen zu vermeiden, gewissermaßen als Metaregel, halte ich für einen Rückschritt, weil sie den systematischen Ort dieser Empfehlung verdunkelt.
Nach alter Duden-Tradition, die auch von den Amtlichen Regeln fortgeführt wurde, war diese Empfehlung immer Teil der Regel über die strukturelle Trennung bei zusammengesetzten und präfigierten Wörtern, wo sie systematisch auch eindeutig hingehört.
Die Beispiele "Spargel-der", "Sprecher-ziehung" und "Altbauer-haltung zeigen doch ganz deutlich, daß der Fehler darin liegt, nicht an der Wortfuge zu trennen. Das Beispiel "beste-hende" zeigt Entsprechendes für Vorsilben. Etwas subtiler ist noch der Fall mehrfacher Vorsilben: "Urin-stinkt", "bein-halten", "aber-kennen".
Leider hat der Duden diesen Zusammenhang nur implizit angedeutet. Ein ausdrücklicher Hinweis wäre wünschenswert gewesen, ebenso wie eine klare Aussage zum Vorrang der strukturellen Trennung, vor allem der Trennung an der Wortfuge.
Die Frage der Trennung von Fremdwörtern (oder Kunstwörtern wie "Dextrose") sollte damit besser nicht vermengt werden, da die Verhältnisse ganz anders gelagert sind. Ich muß gestehen, daß ich auch nicht recht weiß, wie man "Frustration" am besten trennen sollte.


Kommentar von R. M., verfaßt am 25.11.2005 um 19.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2359

Der Rat will die Zusammenschreibung von pleitegehen, weil er an dem Wüsterschen Grundsatz festhält, der da lautet: Entweder getrennt und groß oder zusammen und klein. Also leidtun, bankrottmachen. Ausnahme: Verbindungen mit sein (§ 35). Es ist Wahnsinn, aber es hat Methode.


Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 25.11.2005 um 19.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2358

„Damit soll erreicht werden, dass Trennungen wie ‚Spargel-der‘ und ‚Urin-stinkt‘ nicht praktiziert werden.“

Wie um alles in der Welt bringt man das einem Trennprogramm bei???? Würde ich als Programmierer vor diese Aufgabe gestellt, ich wäre frust|riert!


Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 25.11.2005 um 19.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2356

ddp: Drittens zeichne sich ab, dass künftig «Pleite gehen» oder «Bankrott machen» wieder klein und zusammen geschrieben werden könnten. Man wolle sich hier wieder «mehr am Sprachgebrauch» orientieren.

Was ist daran "wieder «mehr am Sprachgebrauch» orientiert"? Meines Wissens wurden «pleite gehen» und «bankrott machen» niemals zusammengeschrieben. Welchen hanebüchenen Unsinn will man uns denn noch servieren?


Kommentar von n-tv.de, verfaßt am 25.11.2005 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2355

Neues von der Rechtschreibfront
Große Große Verwirrung

Der Rat für deutsche Rechtschreibung will die Groß- und Kleinschreibung ändern. Feststehende Begriffe wie "Große Koalition", "Erste Bundesliga" oder "Große Kreisstadt" sollen künftig ebenfalls groß geschrieben werden wie das "Du" im Brief, sagte der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair nach der siebten Sitzung des Expertengremiums in Mannheim. Damit verfolge der Rat weiter das Ziel, wieder mehr nach dem Sinn und nicht so stark nach einem Regelwerk zu schreiben. "Die Menschen sollen sich mit der neuen Rechtschreibung identifizieren."

Die Kultusminister hatten die neuen Sprachregeln zur Groß- und Kleinschreibung bislang als unstrittig bezeichnet. Sie waren wie die neuen Regeln zur Laut-Buchstaben-Zuordnung am 1. August in 14 der 16 Bundesländer verbindlich in Kraft getreten. Nur in Bayern und Nordrhein-Westfalen gilt noch eine Übergangsregelung. Alte Schreibweisen werden allein in den Schulen dieser beiden Länder auch jetzt noch nicht als Fehler gewertet.

Das mit Experten aus dem deutschsprachigen Raum besetzte Gremium setzte für die Groß- und Kleinschreibung eine Arbeitsgruppe ein, die bis Mitte Januar detaillierte Vorschläge erarbeiten soll. Diese sollen in der nächsten Sitzung des Rates am 3. Februar 2006 in großer Runde beraten werden. Zehetmair betonte, trotz des neuen Themenbereiches werde an dem Plan festgehalten, bis zum Schuljahr 2006/2007 die Veränderungsvorschläge für die umstrittene neue Rechtschreibung vorzulegen. Die Kultusministerkonferenz sei über den neuen Vorstoß informiert.

"Uns geht es nicht darum, dass die Lehrer den Schülern mehr Fehler anstreichen, sondern um mehr Lesefreundlichkeit", erklärte der ehemalige bayerische Kultusminister den neuen Vorstoß. Die Sprachwächter wollten mit ihren Änderungsvorschlägen die Sprache wieder verständlicher machen und Ungereimtheiten ausmerzen. Die neuen Vorschläge stünden daher in der Tradition der bisherigen Arbeit des Rates.

Das Gremium schloss am Freitag den Komplex Zeichensetzung und Silbentrennung ab. Danach sollen künftig keine einzelnen Buchstaben mehr abgetrennt und künftig auch keine sinnentstellende Trennungen mehr zugelassen werden. Als Beispiele wurde A-cker oder E-sel genannt. Beim Bereich Zeichensetzung wird wieder ein Komma bei einem erweiterten Infinitiv stehen. Zudem sollen Sinnzusammenhänge wieder mehr durch Kommas abgetrennt werden.


Kommentar von ddp, verfaßt am 25.11.2005 um 17.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2354

Rat mahnt weitere Änderungen der Rechtschreibreform an
Korrekturen an Groß- und Kleinschreibung denkbar

Mannheim (ddp). Der Rat für deutsche Rechtschreibung mahnt überraschend auch eine Korrektur der Rechtschreibreform in dem eigentlich nicht mehr strittigen Bereich der Groß- und Kleinschreibung an. So gehe die «Tendenz» in dem Gremium dahin, «feststehende Begriffe» wie etwa «große Koalition» oder «schwarzes Brett» wieder «Große Koalition» und «Schwarzes Brett» zu schreiben, sagte der Ratsvorsitzende und frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) am Freitag nach der siebten Sitzung des Gremiums in Mannheim. Ein geschlossener Begriff solle wieder «als Einheit gesehen werden».

Hierzu und zu drei weiteren Punkten solle eine bereits eingesetzte Arbeitsgruppe bis Mitte Januar 2006 Vorschläge erarbeiten, die dann in der nächsten Sitzung des Rates am 3. Februar 2006 beschlossen werden könnten. Die Empfehlungen des Rates sollen dann bis März 2006 der Kultusministerkonferenz vorgelegt werden.

Als zweiten Punkt nannte Zehetmair, dass in Briefen «Du» und «Dein» wieder groß geschrieben werden sollten, wobei er hier davon ausgehe, dass auch die nach der Reform gültige Kleinschreibung erlaubt bleibe. Es solle «keine neue Fehlerquelle eröffnet werden». Drittens zeichne sich ab, dass künftig «Pleite gehen» oder «Bankrott machen» wieder klein und zusammen geschrieben werden könnten. Man wolle sich hier wieder «mehr am Sprachgebrauch» orientieren. Viertens solle die Arbeitsgruppe auch die Schreibung von Zahlen «durchforsten». So wird laut Reform etwa «auf allen vieren daherkommen» klein geschrieben, was offenbar auf Missfallen im Rat stößt.

Zehetmair sagte, der Rat wolle die möglichen Korrekturen an der Groß- und Kleinschreibung auf «wenige Punkte beschränken». Niemand könne dem Gremium verwehren, «Teile des Fasses wieder zu öffnen». Die Neuregelungen zur Groß- und Kleinschreibung waren am 1. August als unstrittige Teile der Refom in Kraft getreten.


Kommentar von rrbth, verfaßt am 25.11.2005 um 15.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2353

p.s.
Gibt es in Belgien überhaupt ß?


Kommentar von rrbth, verfaßt am 25.11.2005 um 14.57 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2352

Was ich immer schon mal fragen wollte:

Wenn es heißt, die
Aufgabe des Rates ist es unter anderem, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren“, dann frage ich mich schon, wie damit die Sonderrolle der Schweiz vereinbar ist. Dort wird ja inzwischen gegen die Lieblingsregel „vor ss steht ein kurzer Vokal und vor ß steht ein langer Vokal oder Diphthong“ verstoßen. Was früher nur eine Schreibvarietät war, nötigt jetzt zu falscher Aussprache.

Mir freudlichen Grüssen!


Kommentar von BRF, 24. 11. 2005, verfaßt am 25.11.2005 um 01.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2348

Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens wünscht Mitgliedschaft im Rat für deutsche Rechtschreibung

Eupen-St. Vith/München-B/D. (red) Die DG will Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung werden. Das hat Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz
am Rande der Konferenz der Regionen mit Gesetzgebungshoheit – kurz RegLeg – in München mit dem Vorsitzenden des Rates für deutsche Rechtschreibung, dem ehemaligen bayerischen Staatsminister, Dr. Hans Zehetmair, besprochen.

Lambertz betonte seine Unterstützung für das von Unterrichtsminister Paasch in einem Schreiben an Zehetmair vorgebrachte Anliegen der DG, als vollwertiges Mitglied an den Beratungen dieses zwischenstaatlichen Gremiums mitwirken zu können. Aufgabe des Rates ist es unter anderem, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren. Er beschäftigt sich ebenfalls mit den strittigsten Fragen der Neuregelung der Rechtschreibung. Ihm gehören zurzeit 18 Mitglieder aus Deutschland, jeweils 9 Mitglieder aus Österreich und der Schweiz sowie je ein Mitglied aus Südtirol und Liechtenstein an.

Dr. Zehetmair zeigte viel Verständnis für den Wunsch der DG um Aufnahme in dieses Gremium und versprach eine schnelle Entscheidung.


Kommentar von R. M., verfaßt am 25.11.2005 um 00.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2347

Es gab schon bisher keine Definition dessen, was als irreführend zu betrachten ist, sondern nur vereinzelte Beispiele. Daran wird sich nichts ändern. Im Zweifel sind alle Trennungen erlaubt, insbesondere die durch die beiden letzten Paragraphen des Regelwerks zugelassenen.


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 25.11.2005 um 00.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=361#2346

Wenn nun der Rat [...] die meisten einschlägigen Paragraphen lediglich neu sortiert, anstatt sie zu ändern oder zu streichen, bleiben Trennungen wie „Dext-rose“, „Frust-ration“ oder „Ins-tanz“ möglich, da sie regelkonform sind und offiziell nicht als irreführend gelten.

Frust|ration ist genauso regelkonform und irreführend wie Spargel|der. Ich bin gespannt auf die Neuformulierung der Vermeidungsregel, wenn Frust|ration danach „offiziell“ nicht als irreführend gelten soll.



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