zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

Die neuesten Kommentare


Zur vorherigen / nächsten Nachricht

Zu den Kommentaren zu dieser Nachricht | einen Kommentar dazu schreiben


21.11.2005
 

Stefan Stirnemann
Die Schweizer Reformer
Träger der Altlast

Die Reform der Rechtschreibung ist gescheitert: Was sagen die Schweizer Reformer?

Sie sagen fast nichts. Ich selbst habe in der Zeitschrift Gymnasium Helveticum (3/2002) den einen Vertreter der Schweiz, Prof. Dr. Horst Sitta, auf einige verfehlte Regeln aufmerksam gemacht, auf das dauernde Hin und Her in ihrer Auslegung, und habe ihn, freilich etwas gar gefühlvoll, „im Namen der Schule“ um eine Antwort gebeten. Horst Sitta hat nüchtern geschwiegen. Mit ihm schwieg der andere Schweizer Reformer, Prof. Dr. Peter Gallmann. Wo die Reformer etwas sagen, reden sie mit zwei Stimmen: Einerseits, vor allem in der großen Öffentlichkeit, wird das Werk verteidigt, anderseits wird zugegeben, daß man selber nicht damit zufrieden ist. Genau deshalb, weil die Verantwortlichen nicht offen sagen, was eigentlich los ist, stehen die Ochsen jetzt am Berg. Wo stehen wir, von den Reformern zu muhenden Rindern und schlappohrigen Eseln gemacht? Der neu eingesetzte Rat für Rechtschreibung arbeitet an einigen der „größten Schwachstellen“ der Neuregelung, wie es der Vorsitzende des Rates ausdrückt, weitere Schwachstellen wird er noch in Angriff nehmen müssen, und dennoch wollen die deutschen Kultusminister die neue Rechtschreibung, wenigstens in den Teilen, die sie für „unstrittig“ halten, am ersten August an den Schulen verbindlich, das heißt notenwirksam werden lassen. Dabei sind noch nicht einmal jene Änderungen umgesetzt, die im letzten Juni beschlossen wurden. Die Lehrkräfte sollen also demnächst eine Rechtschreibung bewerten, deren jetzt gültige Fassung in keinem Lehrmittel vorliegt und deren weitere Veränderung nicht absehbar ist. Damit ist diese Reform gescheitert. Warum stolpert und holpert die Schweiz von Anfang an den Irrweg mit? Unsere Politiker vertrauen Fachleuten, die das Vertrauen nicht verdienen. Ich führe Äußerungen Horst Sittas und Peter Gallmanns und einige Aussagen anderer vor.

Zufrieden – unzufrieden

Ausgearbeitet wurde die Neuregelung vom Internationalen Arbeitskreis für Orthographie, dem Sitta und Gallmann angehörten. Als der Arbeitskreis 1992 sein Werk zur Begutachtung vorlegte, schrieb Horst Sitta als 1. Vorsitzender des Symposions Deutschdidaktik e.V. zufrieden: „Das Symposion Deutschdidaktik befürwortet grundsätzlich die im genannten Bericht vorgeschlagenen Änderungen in der Rechtschreibung der deutschen Sprache.“ Bei vier von sechs Teilen der Neuregelung lautet das Urteil: „Das Symposion Deutschdidaktik stimmt vollumfänglich zu.“(1) Es kommt übrigens selten vor, daß ein Wissenschaftler eine Vorlage begutachtet, an der er selber beteiligt war.
Verantwortlich für die endgültige Form des Regelteils ist Peter Gallmann; er müßte insofern endgültig zufrieden sein: „Dank zu sagen ist allen, die an der Fertigstellung des Regelwerks mitgearbeitet haben, insbesondere Dr. Peter Gallmann, der den Regelteil in die endgültige Form gebracht hat (…).“(2) Die Kehrseite sieht so aus: „Wir haben beide über Jahre hinweg an der inhaltlichen Vorbereitung der Reform unserer Rechtschreibung mitgewirkt, sind also ein Stück weit auch für das Ergebnis der Arbeit verantwortlich. Trotzdem können wir nicht sagen, wir seien mit dem Ergebnis zufrieden. (…) Wir sind beide nicht der Meinung, daß die Neuregelung gut oder gar vollkommen ist; sie ist aber gewiß besser als die alte Regelung.“(3) Wo ist eine Verbesserung geglückt? Gallmann und Sitta nennen drei Bereiche: die „Trennung der Fremdwörter“, die „Großschreibung der Nomen und der Nominalisierungen“ und „in einem etwas kleineren, aber doch ansehnlichen Maß (…) die Getrennt- und Zusammenschreibung“.(4) Dieses „ansehnliche Maß“ mindern die beiden in ihrer Stellungnahme an die Erziehungsdirektoren, von der noch die Rede sein wird: „Vor diesem Hintergrund ist auch zuzugeben, daß der Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung nicht an allen Stellen optimal geregelt ist.“(5)
Mit Gallmanns und Sittas dreifachem Lob vergleiche man, was im Dezember 2004 der Vorsitzende des Rates für Rechtschreibung schrieb, Hans Zehetmair, der seinerzeit als bayerischer Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur diese Reform maßgeblich durchsetzte: „Inhaltlich sollten wir uns unverzüglich darum bemühen, einige der größten Schwachstellen der Reform zu beseitigen. Ich nenne die Zusammen- und Getrenntschreibung, die Interpunktion, die Eindeutschung von Fremdwörtern und die Silbentrennung. Bei der letzten Reform wurde viel aus der Perspektive des Schreibenden geändert, aber viel zuwenig berücksichtigt, daß Rechtschreibung auch eine Hilfe für den Leser ist.“(6) Was neun Jahre lang als Verbesserung ausgegeben wurde, ist in Wahrheit also eine Schwachstelle. Horst Sitta teilte einst der Öffentlichkeit mit: „Es gibt nicht die oft beschworene ‚Reform der Reform‘“(7), dennoch arbeiten nun er und Peter Gallmann unverdrossen im neuen Rat für Rechtschreibung mit, der diese Reform der Reform durchführt.

Die Reformer raten von der Reform ab

Eigentlich will Sitta keine Auseinandersetzung gelten lassen: „Vorab: Ich beteilige mich nicht ohne Zögern an einem Buch, das den Titel trägt: Die Rechtschreibreform – Pro und Kontra. Die Rechtschreibreform ist von den politisch zuständigen Stellen beschlossen; man möge nicht so tun, als könne es noch um pro oder kontra gehen. Gehen kann es allenfalls um die Frage, wie die beschlossene Neuregelung realisiert werden kann und wie diese Realisierung wissenschaftlich zu begleiten ist. Wenn ich hier aufkeimende Bedenken zurückstelle, so tue ich das, um nicht – wie es in den deutschen Medien geschieht – den Gegnern der Reform allein das Feld zu überlassen.“(8) Doch auch hier gibt es eine Kehrseite, auch Gallmann und Sitta kennen ein „Kontra“. Als schlecht gilt ihnen die neue Kommaregel: „Die neue Regelung gibt die Kommasetzung bei Infinitivgruppen mit zu weitgehend frei. Für die grafische Industrie, wo ein sprachlich sauberes und einheitliches Produkt hergestellt werden soll, dürfte diese Lösung aber wenig praktikabel sein. Wir schlagen daher eine Regelung vor, die sich am bisherigen Schreibgebrauch orientiert.“(9)
Für schlecht halten sie auch die neue Möglichkeit, einzelne Buchstaben zu trennen. Im Dossier Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, das die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) herausgab, schreiben sie: „Es sollte aber nicht dazu ermutigt werden, von der neuen Freiheit Gebrauch zu machen. Insbesondere sollten Trennungen wie Montaga-bend vermieden werden.“(10) Zur Mißachtung der neuen Norm die Hand voll (statt: Handvoll) ruft Horst Sitta auf: „Eine Schreibung wie eine Handvoll mag sich daher dem sensiblen Schreiber mit Macht aufdrängen, auch gegen das Rechtschreibwörterbuch. Was spricht dagegen, dann im individuellen Schreiben zusammenzuschreiben? Auch Rechtschreibung braucht eine gewisse Elastizität.“(11)
Unglücklich sind Gallmann und Sitta auch über die Behandlung zusammengesetzter Adjektive: „Die amtliche Wörterliste sieht leider in einigen solchen Fügungen auch oder sogar nur Getrenntschreibung vor, behandelt sie also wie Wortgruppen: Gewinn bringend (neben: gewinnbringend), Furcht einflößend, Abscheu erregend. Wir möchten raten, in solchen Fällen gleichwohl zusammenzuschreiben: Sein Gesicht war furchteinflößend. Er hatte ein noch furchteinflößenderes Gesicht(12)
Grundsätzlicher, wenn auch nicht klar und deutlich, sagten sie es den Erziehungsdirektoren so: „Apropos: Noch gar nicht gesprochen worden ist über die Möglichkeit, daß bei der Arbeit am Regelwerk auch Regeln formuliert worden sein können, die fragwürdig sind, was sich womöglich erst bei der konkreten lexikographischen Arbeit herausstellt.“(13) Über dem Flicken dieser fragwürdigen Regeln sind mittlerweile neun Jahre vergangen, und wo ist ein Ende?

Die Kunst des Spottens

Was sie selber tun, nämlich tadeln und Verbesserungen vorschlagen, das dürfen andere nicht. Wer es doch tut, wird verhöhnt. Nun ist es mit den Witzen so, daß jedem wieder etwas anderes lustig vorkommt, und natürlich machen auch die Gegner der Reform Späße, über die man nicht lachen mag. Wer jedoch von einem Amtsstuhl herab witzig sein will, muß besonders achtgeben, daß er die Untertanen nicht nur nach ihrer Lachlust, sondern auch nach ihrer Fähigkeit zu denken einschätzt. Den Widerspruch ihrer Gegner nannten Gallmann und Sitta „das öffentliche Gegacker“(14). Dem Kulturbeauftragten der Schweizerischen Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK), Christian Schmid, hat dieses Hörbild aus dem Tierleben so eingeleuchtet, daß er es übertrumpfte: „In Deutschland ist das große Gejaule um die Rechtschreibreform erneut ausgebrochen.“(15) Den besonderen Spott Sittas ziehen sich die Schriftsteller zu: „Keine Frage: Besonders wenig Freunde hat die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung bei den Poeten: In seltener, geradezu lemminghafter Einmütigkeit haben sie in den zurückliegenden Jahren in den Reihen der Reformgegner gewirkt, und sie tun es schon wieder. Dabei hat man doch immer gelernt anzunehmen, daß solche Menschen in besonderem Maße Individuen und Individualisten seien. Übrigens ist von keinem aus dieser Runde je eine relevante wissenschaftliche Arbeit zu Fragen der Graphematik vorgelegt worden. Oder ist uns da vielleicht etwas entgangen? Auffällig bei dieser Gruppe ist Verschiedenes, vor allem aber das Wie und das Warum ihrer Stellungnahmen. Die Argumentation ist leichtfertig und unsauber.“ Warum sich die Poeten-Lemminge zu Unrecht für betroffen halten, begründet Sitta so: „Kein Mensch, auch keine neue Regelung hindert die Schriftsteller, abweichend von den Dudenregeln zu schreiben. Auch bisher war niemand daran gehindert. Thomas Mann schreibt im Zauberberg von „Denen hier oben“ (…), obwohl es niemals eine Pronominal-Großschreibung gegeben hat.“(16)
Erstaunliche Aussage jemandes, der lange Jahre über Rechtschreibung geforscht hat! Der Großbuchstabe bei Pronomen ist ein Hauptmerkmal des 19. Jahrhunderts: „Er hat es Diesem und Jenem im Vertrauen mitgetheilt.“ Der Großbuchstabe war so verbreitet, daß die Ausnahmen erwähnt werden mußten: „Von den Fürwörtern aber erhalten allgemein die persönlichen (darunter auch man), die besitzanzeigenden, die bezüglichen und die fragenden kleine Anfangsbuchstaben (z.B.: Da fragte er mich, wem ich Das mitgetheilt hätte, was er mir als Geheimnis anvertraut).“(17) Thomas Mann schreibt allerdings im Zauberberg nicht aus alter Schulerinnerung „Die da oben“; er setzt den Ausdruck vielmehr als feierlichen Titel für die verlorenen Kranken des Sanatoriums, einmal nennt er auch die Toten im Davoser Friedhof so, und er behandelt den Ausdruck wie den Titel „Königliche Hoheit“. Wer hier an Dudenregeln denken muß, der bescheidet sich besser mit dem bloßen Spotten. Alles aber, was die Hunde der Kritik gegen die Neuregelung gekläfft, gebelfert, gehechelt haben, wird jetzt durch die Arbeit des Rates für Rechtschreibung bestätigt.

Vertreter der Schweiz – Vertreter des Dudens?

Hermann Zabel, wie Horst Sitta und Peter Gallmann Mitglied des Internationalen Arbeitskreises für Orthographie, setzte sich 1996 in einem Artikel: „Bertelsmann – Duden, Das große Duell“ für Bertelsmann ein: „Der Preisvorteil (…) spricht zunächst einmal klar für das Haus Bertelsmann. Einer meiner Studenten fragte mich, ob das Rechtschreibwörterbuch von Bertelsmann auch in der Klausursituation benutzt werden dürfe. Mit anderen Worten: Ob nunmehr auch die Bertelsmann-Rechtschreibung als amtlich anzusehen sei. Diese Frage ist eindeutig zu bejahen. Als amtlich anerkannt hat – und das ist ein wesentliches Ergebnis dieser Reform – ein jedes Wörterbuch zu gelten, das die Bestimmungen des Amtlichen Regelwerks voll und ganz umsetzt.“ Zabel pries Bertelsmann: „In dieser Hinsicht ist dem Bertelsmann Lexikon Verlag in der Tat ein großer Wurf gelungen!“ und wies den neuen Duden zurück: „Aus diesem Grunde ist es schwer vorstellbar, daß die Kultusministerkonferenz die 21. Auflage der Duden-Rechtschreibung in der vorliegenden Fassung für den Gebrauch in Schulen empfehlen kann. Eine Überarbeitung ist dringend angezeigt!“(18) Zabel ist Autor bei Bertelsmann(19). Gallmann und Sitta sind Autoren bei Duden. Um den Rechtschreibduden zu verteidigen, schrieben sie für die EDK eine „Stellungnahme zu den Unruhen bezüglich der Umsetzung der neuen Rechtschreibregelung in Deutschland“, welche u. a. von Dr. Matthias Wermke, dem Leiter der Dudenredaktion, veröffentlicht wurde: „Wir kommen zu einer Würdigung der Vorwürfe von H. Zabel. Sie kann nicht anders lauten als so: 1. Die Vorwürfe, die H. Zabel erhebt, sind zum großen Teil aus der Luft gegriffen, zum kleineren Teil aufgebauschte Petitessen. 2. Die Konsequenzen, die er fordert (den Duden in den Schulen nicht zur Verwendung zuzulassen) sind durch nichts begründet.“(20)
Der besorgte Begleitbrief, den die Dudenredaktion wohl irrtümlich mit veröffentlicht hat, ist an Christian Schmid gerichtet: „Lieber Christian, (…) da darüber hinaus die Diskussion munitioniert wird von einem ‚Gutachten‘ von Herrn Kollegen Zabel, Professor an der Universität Dortmund und seinerzeit Mitglied des Internationalen Arbeitskreises, rechnen wir damit, daß die Debatten – auch in der Öffentlichkeit – weitergehen werden. Wir – Peter Gallmann und ich – rechnen ferner damit, daß die in Deutschland gepflegten Unruhen in die Schweiz hereinschwappen werden.“ Schluß der Stellungnahme: „Wir gehen davon aus, daß uns eine eher unruhige Zeit bevorsteht – weniger bestimmt durch Initiativen aus der Schweiz, wo man die Neuregelung mit sympathischer Gelassenheit angenommen hat; aber es werden Unruhen aus Deutschland herüberschwappen, vor allem in nachrichtenarmen Zeiten. Unsympathisch am Ganzen ist, daß uns diese Unruhen Zeit und Arbeit kosten werden. Aber ‚Handlungsbedarf‘ besteht unserer Meinung nach nicht. In der Debatte ist ungemein viel heiße Luft, es wird aufgebauscht, verallgemeinert und angeklagt. Aus unserer Sicht bleibt es voll und ganz gerechtfertigt, den Duden in der Schweiz als Referenzwerk zu gebrauchen.“(21)
Wer ein Amt im Dienst der Öffentlichkeit ausübt und gleichzeitig anderweitig verpflichtet ist, tritt bei solchen Fragen üblicherweise in den Ausstand.

Im Wettlauf mit sich selbst

Seit Einführung der neuen Regeln hagelt es Veränderungen so gedrängt, daß kein Buch nachkommt; sogar die Veränderer geraten beim Laufen ins Japsen. Zur Regel, daß Adverbialien wie im allgemeinen groß zu schreiben seien, merkten Gallmann und Sitta im Dossier 42 der EDK 1996 an: „Als ärgerliche Ausnahme verbleiben einige wenige Wendungen mit einer reinen Präposition (ohne Artikel): binnen kurzem, vor kurzem, seit kurzem; seit langem (…)“(22) Im Juni 2004 wurde diese „ärgerliche Ausnahme“ zur Hälfte entschärft, indem man auch den Großbuchstaben erlaubte. War nicht zu hoffen, daß die frohe Botschaft dem Volk sogleich verkündigt würde? Anders als erwartet, lehrt Gallmann im Buch „Richtiges Deutsch“ den alten Stand der Dinge und läßt in einer Übung sogar binnen Kurzem in binnen kurzem verbessern, läßt Schüler und Lehrer also einüben, daß falsch sei, was unterdessen richtig ist.(23) Das Vorwort der neuen Bearbeitung stammt vom August 2004, und einige der im Juni beschlossenen Änderungen hat Gallmann eingefügt; für einen großen Teil der Änderungen wartet er offenbar die nächste Auflage ab. Sollen doch die Käufer des Buches sehen, wo sie bleiben.

Amüsiertheit und Entsetzen

So sprechen die Schweizer Reformer: „Wir müssen gestehen, daß wir oft mit einer Mischung von Amüsiertheit und Entsetzen auf die Haltung Normen gegenüber reagiert haben, die uns in Deuschland immer wieder begegnet und uns aus Schweizer Warte ausgesprochen hysterisch vorkommt.“(24) Der Satz kennzeichnet das ganze Unternehmen. Es treten Wissenschaftler auf, welchen die Rechtschreibung so wichtig ist, daß sie sie reformieren. Sie führen eine neue Norm ein und verpflichten die Schulen auf sie. Sie ändern an dieser Norm dauernd, sie müssen es tun, da sie die Norm vor ihrer Einführung nicht geprüft haben. Wer aber diese Norm und ihre Veränderung ernst nimmt, ist selber schuld und wird lächerlich gemacht: es war nicht ernst gemeint.
Eine „hysterische Haltung Normen gegenüber“ haben freilich nicht nur unsere Nachbarn in Deutschland, sondern auch unsere Schweizer Schülerinnen und Schüler, die jeweils annehmen, man lasse sie nur das lernen, was vorher gut überlegt und sorgfältig ausgewählt wurde. Man hat sie neun Jahre lang nach unbrauchbaren Regeln lernen lassen.

Ist es jetzt nicht genug mit dem Amüsieren? Die Reformer sagen fast nichts, aber was sie tun, kostet teures Geld. Gesucht: Ein Politiker, eine Politikerin, die bereit sind, den Unsinn Unsinn zu nennen und die Verschwendung von Vertrauen und öffentlichen Mitteln zu beenden. Nötig ist das Aussetzen der Neuregelung an den Schulen und eine vollständige Überarbeitung, die frei ist von Rücksichten auf Personen und Verlage.

Der Verfasser ist Lehrer am Gymnasium Friedberg (Goßau, SG) und Mitglied der Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS)


Abdruck aus den Mitteilungen 2/2005 des Sprachkreises Deutsch (Bubenberg-Gesellschaft, Bern). Wir danken dem Präsidenten des SKD, Herrn Peter Zbinden, für die Erlaubnis.
www.sprachkreis-deutsch.ch


Fußnoten:

1 Hermann Zabel, Keine Wüteriche am Werk, Berichte und Dokumente zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, Reiner Padligur Verlag, Hagen 1996, S. 97

2 Deutsche Rechtschreibung, Regeln und Wörterverzeichnis, Vorlage für die amtliche Regelung, Gunter Narr Verlag, Tübingen 1995, S. 270

3 Peter Gallmann, Horst Sitta, Handbuch Rechtschreiben, Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, vierte Ausgabe 1998, S. 8

4 Handbuch, S. 45f

5 Peter Gallmann, Horst Sitta, Stellungnahme zu den Unruhen bezüglich der Umsetzung der neuen Rechtschreibregelung in Deutschland, 29. September 1996, S. 7

6 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Dezember 2004, S. 33

7 Horst Sitta, Keine Reform der Reform, Bemerkungen zur aktuellen Diskussion über die Rechtschreibung und zum neuen Duden, der heute erscheint, St. Galler Tagblatt, Freitag, 25. August 2000

8 Die Rechtschreibreform, Pro und Kontra, Herausgegeben von Hans-Werner Eroms und Horst Haider Munske, Erich Schmidt Verlag, Berlin 1997, S. 219

9 Walter Heuer, Richtiges Deutsch, Bearbeitet von Max Flückiger und Peter Gallmann, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 26. Auflage 2004, S. 347. Vgl. Peter Gallmann, Horst Sitta, Handbuch Rechtschreiben, S. 189

10 Dossier 42, Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, Herausgeberin: Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, Bern 1996, S. 35

11 Horst Sitta, Können Politiker Wörter liquidieren? Eine Replik auf Peter von Matt, Neue Zürcher Zeitung, Samstag/Sonntag 21./22. August 2004, S. 46

12 Peter Gallmann, Horst Sitta, Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, Duden-Taschenbücher; Bd. 26, Dudenverlag, Mannheim 1996, S. 127

13 Peter Gallmann, Horst Sitta, Stellungnahme zu den Unruhen bezüglich der Umsetzung der neuen Rechtschreibregelung in Deutschland, 29. September 1996, S. 3

14 Stellungnahme, S. 4

15 Brückenbauer 32, 8. August 2000, S. 8

16 Horst Sitta, Die Rebellion der Poeten, Was haben eigentlich die Schriftsteller gegen die Rechtschreibreform? St. Galler Tagblatt, Dienstag, 5. Oktober 2004

17 Daniel Sanders, Katechismus der deutschen Orthographie, Dritte, verbesserte Auflage, Leipzig 1873, S. 106f

18 Hermann Zabel, Keine Wüteriche am Werk, Berichte und Dokumente zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, Reiner Padligur Verlag, Hagen 1996, S. 382, S. 385, S. 387

19 Hermann Zabel, Die neue deutsche Rechtschreibung, Überblick und Kommentar, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh 1997

20 Stellungnahme, S. 10

21 Stellungnahme, S. 12

22 Dossier, S. 27

23 Walter Heuer, Richtiges Deutsch, Bearbeitet von Max Flückiger und Peter Gallmann, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 26. Auflage 2004, S. 260, S. 469

24 Stellungnahme zu den Unruhen, S. 4




Diesen Beitrag drucken.


Kommentare zu »Die Schweizer Reformer«
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.11.2005 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=358#2337

Der Begriff »amtsführend« gehört zum reichen Erbe der kakanischen Behördensprache.

Es ist nur eine österreichische Untersuchung zur Umsetzung der Reform bekannt. Sie wurde vor einigen Jahren in einer einzigen Klasse eines einzigen Wiener Gymnasiums durchgeführt.


Kommentar von borella, verfaßt am 22.11.2005 um 10.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=358#2336

Zu #2334:
Der Hr. Dr. Blüml dürfte in einem österreichischen Amt mit eigener Amtsfachsprache wirken. Einem Schreiben von ihm (siehe hier) kann entnommen werden, daß es dort eine "Amtsführende" Präsidentin gibt.
Vielleicht solte auch Präsidentin eigentlich PräsidentIn heißen, nur mit "Amtsführende" wäre man dann in Konflikt gekommen. Jedenfalls zeichnet Hr. Dr. Blüml den Erlaß unter: "Für die Amtsführende Präsidentin:".
Auch weitere interessante Details gibt dieses Schreiben preis.


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 22.11.2005 um 06.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=358#2334

Herr Stirnemann ist zu loben für sein unermüdliches Lüften des Vorhangs, den die Vernebler so gern herunterlassen, auf daß wir nicht sehen, sondern glauben mögen.
Wir dürfen es diesen Herren nicht zu bequem machen. Sie haben uns die Suppe eingebrockt, sie sollen uns beim Auslöffeln behilflich sein.

Am 6. Mai dieses Jahres traf ich während der Pressekonferenz im IDS Mannheim im Flur auf Magister Dr. Karl Blüml, Landesschulinspektor im Stadtschulrat für Wien, von Anfang an in allen Gremien dabei, jetzt Mitglied des Rates für Rechtschreibung. Er überreichte mir seine Visitenkarte und erklärte väterlich, daß die Reform in Österreich wunderbar funktioniere. Er werde mir eine Untersuchung zusenden, die das belege.
Dieses Versprechen ist trotz mehrerer Erinnerungen meinerseits bis heute nicht eingelöst. Ich habe schon mehrere Erinnerungsschreiben losgeschickt und in meinem jüngsten Schreiben angeboten, selbst nach Wien zu fahren, um die Angelegenheit zu beschleunigen.


Kommentar von Galina Leljanowa, verfaßt am 22.11.2005 um 05.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=358#2333

Zur Kunst einer wertschätzenden Haltung der deutschen Sprache gegenüber gehört zwingend auch die Rebellion der Poeten und Schriftsteller. Leider haben die Reformer noch immer nicht realisiert, dass über sie nur noch gespottet werden kann! An dieser Aussage kann kein berechtigter Zweifel bestehen.





nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail: (Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz:   Hier bitte die Zahl einhundertvierundfünfzig (in Ziffern) eintragen.
 


Zurück zur vorherigen Seite | zur Startseite


© 2004–2017: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM