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31.10.2005
 

Der Rat hat getagt
»Lesen und Schreiben soll für Kinder wieder leichter werden«

Es war die 20-Uhr-Tagesschau, die das Ergebnis der Sitzung vom 28. Oktober in diesem Satz zusammenfaßte: »Lesen und Schreiben soll für Kinder wieder leichter werden«.

Bereits in der 17-Uhr-Tagesschau war berichtet worden, »wie die neue Rechtschreibung Stück für Stück zurückgenommen wird«. Überfordert, so vermittelte der Bericht in Wort und Bild, sind von der Reformrechtschreibung mittlerweile alle, der Ratsvorsitzende ebenso wie – siehe oben – natürlich die Kinder. »In den meisten Bundesländern gelten seit dem 1. August die neuen Regeln. Hier muß demnächst wieder umgelernt werden«.

Die Pressekonferenz nach Abschluß der Ratssitzung wurde mitgeschnitten. Der Mitschnitt findet sich hier bei Radio Luma, ebenso wie auch die Mitschnitte früherer Pressekonferenzen.

Weitere Kommentare und Stellungnahmen wurden auf diesen Seiten bereits hier gesammelt.



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Kommentare zu »Der Rat hat getagt«
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Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 05.12.2005 um 20.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2436

Die Darstellung in einem Wörterbuch – welche auch immer – dürfte unter "Prior-Art" fallen... irgend jemand hat das vor einhundert Jahren bestimmt auch schon so oder so ähnlich gemacht (die Darstellungsmöglichkeiten sind hier doch sehr begrenzt). Und solange man nicht die Farbe Magenta zur Hervorherbung von Alt und Neu verwendet, sollte sich auch die Telekom daran nicht stören.

Aber Konrad Schulz hat zumindest eines der großen Rätsel der Menschheit gelöst... die vielen unsinnigen Wörter im DUDEN haben endlich ihren Zweck offenbart. Einmal davon abgesehen, daß das Blättern in einem Wörterbuch immer interessant und lehrreich ist...


Kommentar von Konrad Schultz, verfaßt am 05.12.2005 um 18.26 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2434

Ein digitales Wasserzeichen läßt sich etwa so in ein Wörterverzeichnis hineinbringen, daß aus einem größeren Fundus von überflüssigen aber richtig geschriebenen Wörtern, die für sich nicht auffallen, aber die niemand braucht (im Duden in Massen zu finden), eine bestimmte Auswahl plaziert wird.
Gleichwohl, das ist zwar unschwer machbar, aber für schützenswert halte ich die reinen Wörterverzeichnissse auch nicht.


Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 05.12.2005 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2432

Ein "digitales Wasserzeichen" in einem Wörterbuch fände ich schon recht lustig... man würde durch statistisch verteilte, falsch geschriebene Wörter seinem Wörterbuch einen individuellen Anstrich geben. Und jeder, der die gleichen Fehler auflistet, der hat abgekupfert.

(BTW: Dieses Verfahren ist so schon länger patentiert, um z.B. herauszufinden, welcher unzuverlässige Geheimnisträger seine vertraulichen Kopien [jede mit individuellen Fehlern versehen] an die Presse gegeben hat.)

Aber, was durch digitales Rauschen in einem Bild kaum auffällt, sollte in einem Wörterbuch zu einigen Irritationen führen.

Ein reines Wortverzeichnis (exklusive natürlich der möglichen Worterklärungen) sollte sich jedoch durch kein Copyright schützen lassen... wer zum Beispiel eine Kombination von Wahrig und DUDEN zusammenstellt (ungeachtet der nicht einheitlichen Trennungen und sonstigen Differenzen), der hat nur eine größere Auflistung von Wörtern erschaffen, die ohnehin alle existent waren.
An diesem Punkt, wo keine echte schöpferische Leistung vollbracht wurde, wird das Patentsystem/Copyrightsystem zur Farce – analog der abstrusen Patentierbarkeit von evolutionär entstandenen Gensequenzen.



Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 05.12.2005 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2431

Noch einmal zum Urheberrecht: Daß die Worterklärungen, das Layout usw. geschützt sind, ist klar. Die Wörter selbst aber kann jedermann dem Sprachgebrauch, wie er sie in Druckerzeugnissen wiederfindet, entnehmen. Sie sind nicht das geistige Produkt oder gar Eigentum einer bestimmtem Person. Ich kann mich also daranmachen, eine Wörtersammlung anzulegen und sie als Rechtschreibwörterbuch deklarieren. (So ist auch Prof. Ickler vorgegangen.) Und auch wenn meine Sammlung die gleichen Wörter wie z.B. der DUDEN enthält: Wo sollen da Urheberrechte verletzt werden? – Ein Telefonverzeichnis ist wieder etwas ganz anderes. Telefonnummern gehören wie auch ihre Darstellung der Telefongesellschaft. – Wenn ich eines Tages einen Artikel über den Schweizer Nationalpark schreibe und darin fortwährend von "Gämsen" spreche – vielleicht ruft dann doch noch der Prof. aus dem Westerwald an...


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 05.12.2005 um 16.41 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2430

Vorschläge für eine Offensiv-Strategie:
1. "Ickler" zu einer Online-Datenbank machen, in dem kostenlos alphabetisch geblättert werden kann (läßt Duden nicht zu, nur Abfrage!).
Eine Software dafür würde sich schon finden lassen.
2. Möglichst günstige Taschenbuch-Ausgabe. (Könnte viel höhere Auflage erzielen)
3. Bewerbung als "Vernünftige Rechtschreibung" mit dem Ziel, Irritationen abzubauen, die es jetzt in großer Zahl gibt und mit denen sich eine große schweigende Mehrheit unwohl fühlt.
Dann können alle die auf den Duden pfeifen, die den Neuschrieb nicht mögen. Also äußerst viele...
Es käme dann zu einer Art Abstimmung mit den Füßen, die den Wörterbuchverlagen zu denken gäbe, aber gegen die sie nichts machen könnten. Nichts außer konsequente Rückkehr auf den Pfad der Vernunft.



Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 05.12.2005 um 16.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2429

Noch mal zum Duden-„Monopol“: Diese Sprechweise ist mißverständlich bis falsch. Zutreffend ist, wie Herr Ickler anmerkte, die Bezeichnung „Dudenprivileg“. Es geht dabei um den Beschluß der Kultusministerkonferenz vom November 1955, daß bei der schulischen Korrektur (und infolgedessen auch der Benotung) allein die im Duden verzeichneten Schreibweisen maßgeblich sind. (In der Schweiz gilt dieser Grundsatz noch heute.) Näheres zum Wortlaut des Beschlusses und den Ereignissen im Vorfeld siehe etwa in der ausführlichen Zeittafel von M. Schneider (http://www.schneid9.de/pdf/geschichte.pdf).


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.12.2005 um 16.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2428

Es war schon immer besser, vom "Dudenprivileg" zu sprechen, denn ein Monopol war es ja nicht. Eine "Beleihung" war es auch nicht, wie uns die Juristen erklärt haben, denn dazu bedarf es einer gesetzlichen Grundlage (wenn ich recht verstanden habe).
Der Dudenverlag veröffentlicht keine Auflagehöhen. Ich glaube nicht, daß die Reform insgesamt ein gutes Geschäft war. Wie die Schulbuchverlage versuchen die Dudenleute (sechs Dudenautoren im Rat!), den Schaden gering zu halten.
Zum Plagiatsproblem: Da die gegenseitige Spickerei ein alltägliches Vergehen unter Wörterbuchmachern ist (worauf besonders mein Erlanger Kollege F. J. Hausmann hingewiesen hat), drücken am besten alle ein Auge zu. So hielt es der Dudenverlag auch, als er bemerkte, daß Augst mit seinem Wortfamilienwörterbuch in größtem Umfang bei Kempcke et al. (Handwörterbuch) und in kleinerem Ausmaß auch beim Duden Universalwörterbuch abgekupfert hatte. Es ist eigentlich ein Plagiatsfall unvorstellbaren Kalibers. Die Bedeutungsangaben sind einfach wörtlich abgeschrieben, und das auf 1.700 Seiten. (Ein paar Kostproben habe ich in meiner Besprechung gegeben.) Der Dudenverlag hat aber trotzdem nichts unternommen, und er wußte, warum.
In meinem eigenen Wörterbuch dürften keine wörtlichen Anklänge an andere Wörterbücher zu finden sein, außer per Zufall, was natürlich bei einem solchen Gegenstand gar nicht zu vermeiden ist. Ich habe die Anklänge nicht bewußt vermieden, sondern mich um andere Wörterbücher einfach nicht gekümmert.


Kommentar von Konrad Schultz, verfaßt am 05.12.2005 um 15.19 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2427

Wer einmal "Gämse" schreibt, zitiert bloß, und Zitate fallen nicht unter Urheberrechtsschutz. Nicht nur ein Wörterbuch ist urheberrechtsgeschützt (durch die Worterklärungen), sondern auch das blanke Wörterverzeichnis. Die Identität zweier einigermaßen ausführlicher Wörterverzeichnisse ist urheberrechtlich gesehen nicht zufällig, also ist der Plagiator zu verfolgen. Wie bekannt, ist aus den Veröffentlichungen der verstorbenen Kommission eine Buchstabenstrecke des Österreichischen Wörterbuches aus Gründen des Urheberrechts herausgenommen worden. Auch Plagiatoren von Telefonverzeichnissen sind urheberrechtlich belangt worden, denn in alle diese Verzeichnisse lassen sich digitale Wasserzeichen einbauen, deren Kopien dann auffliegen.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 05.12.2005 um 13.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2421

Die Frage des Urheberrechts ist gewiß in bezug auf ein Rechtschreibwörterbuch eine ganz besonders knifflige. Eben weil die Rechtschreibung selbst ein "freies Gut" ist. Für sie gab und gibt es keinen Urheber – wenigstens bis vor kurzem, bevor eine Expertengruppe Schreibweisen frei erfunden hat. (Mich wundert überhaupt, wieso die noch keine Lizenzgebühren verlangen, wenn ich "Gämse" schreibe...) So gibt es denn auch für ein orthographisches Wörterbuch keinen Autor im eigentlichen Sinne und damit eigentlich auch keine Schutzrechte, die verletzt werden könnten. Wer wollte mir, wenn ich ein mit dem DUDEN deckungsgleiches Wörterbuch herausgäbe, nachweisen, daß ich abgeschreiben habe? – Eine Frage für juristische Spezialisten.


Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 05.12.2005 um 13.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2420

Einen Nachteil hat "der Ickler" aber gegenüber dem DUDEN...

Die Ickler-Paragraphen klingen nicht nach Beamtendeutsch und sie sind (weitestgehend) verständlich...

Von einem "echten amtlichen und hochherrschaftlichem Regelwerk" erwartet der deutsche Untertan aber, daß es unverständlich ist, und daß der Inhalt so verquer rüberkommt, als würde der Autor sein Fachgebiet aus tiefster Seele hassen.



Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 05.12.2005 um 13.00 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2419

Fast alle Duden-Benutzer wären mit dem "Ickler" ausreichend oder besser bedient. Vielleicht sollte man ihn als Taschenbuch für 12,80 rausbringen und dann aggressiv bewerben. Könnte keiner was gegen tun!


Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 05.12.2005 um 10.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2418

Aber ich gehe davon aus, daß die im Duden stehenden Regeln ein Allgemeingut waren, und man diese daher in jedem selbstverlegten Wörterbuch hätte abdrucken dürfen.

Damit bezog sich das Monopol nur auf die amtlich anerkannte Wortliste... doch mit dieser ließe sich im Internetzeitalter kein Profit mehr machen. Zumal man auf Wörter in einem Wörterbuch kaum ein Copyright hätte anwenden dürfen im Sinne von: Diese Wörter dürfen nur im DUDEN stehen (auch, wenn es ein beliebtes Hobby von arbeitslosen Juristen ist, jedweden wegen der Verwendung illegal benutzer Wörter abzumahnen ;-)

Somit war das Monopol nur ein geschickter Schachzug des DUDEN-Marketings... und kein echtes Monopol, welches die Wörterbuchbranche in ihren Möglichkeiten beschränkte.

Und genau dieser Sachverhalt war auch den DUDEN-Oberen klar... und es gab nur eine Möglichkeit, um der breiten Masse den Kauf eines neuen Wörterbuches – speziell eines neuen DUDENs – zu plausibilisieren:

a: Es gibt neue Regeln, die angewendet werden *müssen*.

b: Der Duden hatte lange Zeit das Monopol und besitzt immer noch das größte Know-How auf diesem Gebiet...

Ergo: Kauft einen neuen Duden, denn alle Auflagen <21 haben nur noch antiquarischen Wert.

Nachtrag: Und die stetigen Regeländerungen sind eine Gelddruckmaschine. Natürlich tun die DUDEN-Leute so, als wären sie mit der Situation nicht glücklich und hätten am liebsten Klarheit bei den Regeln. Aber in Wirklichkeit reiben sie sich die Hände und jeder Eklat im Rechtschreibrat macht sie überglücklich. Denn jeder, der seine Seele verkauft und sich auf die neue Rechtschreibung eingelassen hat, der *muß* sich den jeweils aktuellen Duden kaufen. Man kann entweder bei Auflage 20 stehenbleiben (wie ärgerlich für den DUDEN – aber diese Leute sterben irgendwann aus oder haben Kinder, für die die neue Rechtschreibung "verbindlich" ist)... oder man muß immer den jeweils neuesten DUDEN haben... eine Alternative gibt es nicht. Was für ein geniales Geschäftsmodell.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.12.2005 um 22.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2417

Das sog. Duden-Monool bestand darin, daß die Kultusminister dem Duden einen quasi amtlichen Charakter zugewiesen hatten. Diese Ausnahmestellung, die alle anderen Rechtschreibwörterbücher, selbst wenn sie qualitativ überlegen waren, bestenfalls als unverbindliche Kommentare zum Duden erscheinen ließ, war ein Kapital, das kaum in Geldwert zu beziffern gewesen sein dürfte. Von der Verbindlichkeit für den Schulunterricht war es dann nur ein kleiner und beinahe selbstverständlicher Schritt zur Allgemeinverbindlichkeit. Auch die Reformer haben ja denselben Automatismus in Gang gesetzt. Sie haben sich – wohl noch zielstrebiger als der Duden, dem das Monopol eher in den Schoß gefallen war – der Staatsmacht via Schule bedient, um ihre Ziele zu erreichen, die nicht zuletzt auch wirtschaftliche waren und sind.


Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 04.12.2005 um 22.22 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2416

Worin bestand denn das Duden-Monopol?

Im Zeitalter des Internet und der zahlreichen Wort-Datenbanken, wäre es mit dem immer wieder hervorgekramten Monopol ohnehin bald vorbeigewesen. Und die 99,9% der heute vom Durchschnittsschreiber verwendeten Wörter, die waren schon in der 20. Auflage vorhanden – und die fehlenden 0,1% erschließt sicherlich schon der gesunde Menschenverstand (welchen ich den Urhebern der Reform gerne absprechen möchte).

Aber, wer braucht schon einen neuen Duden (oder das gleichwertige Produkt der Konkurrenz), wenn sich an den Regeln, die ohnehin "Public-Domain" sind und jeder drucken dürfte, nichts mehr ändert? Von den 150 Zentimetern Duden Band 1 bis Auflage 20, die ich im Regal habe, hat sich in den letzten 75 Zentimetern nicht mehr viel verändert. Die größte wirkliche Änderung der vergangenen 60 Jahre geschah im Jahr 1941 in der zwölften Auflage: Der Sprung von Fraktur zur Antiqua.

Und nur für die Wortlisten, da bräuchte man vielleicht alle zehn Jahre ein neues Buch – wenn überhaupt. So aber gibt es ein gutes Argument, mit dem man alle zwei Jahre seinen Schund unter das Volk bringen kann:
"Der DUDEN. Jetzt wieder ganz neu! Mit 2000 neuen Wörtern (die kein Mensch braucht). Mit den aktuellen Regeln der Rechtschreibung, auf Basis der KMK vom August 200x"

mit x = 5 + 2*n; n = 0, 1, 2,...



Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 04.12.2005 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2415

Der Dorn im Fleisch der Konkurrenzunternehmen ist gezogen, das Alleinentscheidungsrecht in Rechtschreibfragen und damit das Alleinvermarktungsrecht des Duden ist gefallen.

In der Tat. Ein informelles Monopol wäre aber schnell wieder da, wenn man tätige Reue übte und auf der Basis der 20. Auflage und der Regeldarstellung von Ickler einfach wieder ein brauchbares Wörterbuch im Geist Konrad Dudens druckte.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 04.12.2005 um 14.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2414

Th. Ickler: »Im übrigen hat Leser Reichenbach aber den Nagel auf den Kopf getroffen.«

Nun ja, fast. Er stellt den Kern der Sache vollkommen klar dar: Der Dorn im Fleisch der Konkurrenzunternehmen ist gezogen, das Alleinentscheidungsrecht in Rechtschreibfragen und damit das Alleinvermarktungsrecht des Duden ist gefallen. Das war ja lt. Blüml alleiniger Sinn und Zweck der Reform. Aber dann folgt zur Illustration die Bemerkung: Die ersten Ausgaben des neuen Regelwerks anderer Verlage war schon auf dem Markt, bevor die Neuregelung gesetzlich abgesichert war! Tja, im allgemeinen Bewußtsein scheint sich auch eine „gesetzliche Absicherung“ im Zusammenhag mit der Reform etabliert zu haben.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2005 um 09.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2413

Bezeichnenderweise können deutsche Mitbürger und Zeitungsleser sich die Sache gar nicht anders vorstellen, als daß die Ratsmitglieder etwas für ihre Arbeit bekommen, wenigstens Spesen. Im Gegensatz zum Arbeitskreis und zur Zwischenstaatlichen Kommission ist das jedoch nicht der Fall. Für den Steuerzahler entstehen nur geringfügige Kosten dadurch, daß am IDS Arbeitskraft gebunden ist und alle paar Wochen einige belegte Brötchen sowie Getränke verabreicht werden. Das glaubt natürlich niemand, und es ist auch unglaublich.
Im übrigen hat Leser Reichenbach aber den Nagel auf den Kopf getroffen.


Kommentar von Münchner Merkur, verfaßt am 03.12.2005 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2412


Unsäglicher Pfusch
Leserbriefe aus der Wochenendausgabe vom 3./4. Dezember 2005 des Münchner Merkur.


Ich habe den Eindruck, dass die so genannte Rechtschreibreform eine Angelegenheit der Bundesagentur für Arbeit ist. Immer wieder neue Kommissionen und Arbeitsgruppen, um, wie es nach den Äußerungen des Ratsvorsitzenden für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, aussieht, das arg zerzauste Schiff in den alten Hafen zurückzurudern. Er erklärt einige neue Regeln für „vollkommen unsinnig“ und erklärt: „Denken ist nicht verboten“. Eine späte Erkenntnis, nachdem er mitverantwortlich ist für das angerichtete Chaos, auf das die Hauptbetroffenen neben den Schülern, die Lehrer, immer wieder hingewiesen haben. Ohne jeden Erfolg!
Denn hier waren andere „Fachleute“ am Werk! Ich weiß nicht, wer sie waren oder sind, ich weiß nicht, wer sie berufen hat, ich kenne nicht ihre fachlichen Fähigkeiten, ich weiß nicht, wer sie bezahlt hat. Ich weiß nur, dass sie unsäglichen Pfusch gemacht haben, von den Kosten gar nicht zu reden. Und jetzt ist der ehemalige Kultusminister Vorsitzender des „Rats für deutsche Rechtschreibung“, der sich löblicherweise bemüht, das Schlimmste auf Dauer zu verhindern. Ich muss dabei an den Architekten denken, der nach einem verpfuschten Bau auch noch den Umbau- oder Neubauauftrag bekommt.
Warum also jetzt das Umdenken? Warum sind jetzt immer wieder Änderungen möglich, obwohl man vorher alle Vorschläge und Einwände abgeschmettert hat? Weil ein Hauptzweck erreicht ist: Der Dorn im Fleisch der Konkurrenzunternehmen ist gezogen, das Alleinentscheidungsrecht in Rechtschreibfragen und damit das Alleinvermarktungsrecht des Duden ist gefallen. Die ersten Ausgaben des neuen Regelwerks anderer Verlage war schon auf dem Markt, bevor die Neuregelung gesetzlich abgesichert war!
Und was die neuen Kommissionen betrifft und deren Kosten – ich glaube, aus Liebe zur „Muttersprache“ und zum Nutzen der Schüler würden viele Fachlehrer im Ruhestand allein gegen Spesen diese Arbeit gern übernehmen. Deren Erfahrung durch jahrzehntelange Praxis würde Brauchbareres zustande bringen. Und sie würden keinem einen existenznotwendigen Arbeitsplatz wegnehmen, denn ich denke, den Rats- oder Kommissionsmitgliedern, zum Beispiel einem Ex-Minister – würde es auch so zum Leben reichen.

Hermann Reichenbach, 82515 Wolfratshausen


Ich kann das Wort Schreibreform schon nicht mehr hören, ohne dass mir dabei übel wird. Haben diese Leute keine andere Arbeit? Sie sollten einen handwerklichen Beruf erlernen und endlich aufhören, Schüler sowie Lehrer zu nerven und zu verwirren. Für das Geld, das diese Reform schon gekostet hat und noch kosten wird, hätten die Schulbücher bezahlt werden können, für die jetzt Büchergeld erhoben werden muss. Warum machen wir das eigentlich mit?
Ich persönlich werde niemals Schiffahrt mit fff oder Schloßstüberl mit sss schreiben, auch müsste ich meine etwa 600 Bücher verbessern und die deutsche Sprache noch mehr verschandeln, was ja sowieso schon seit Jahren durch englische Wörter geschieht. Was ist aus dem Volk der Dichter und Denker geworden?

Gerhard Donath, 82241 Fürstenfeldbruck




Kommentar von F.A.Z., verfaßt am 30.11.2005 um 18.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2398

»Ende der Verwirrung

Zum Rechtschreibrat: "Mehr Kommata setzen" (F.A.Z. vom 29. Oktober): Im Gegensatz zur Auffassung des Rechtschreibrates halte ich die Silbentrennung des Wortes Dackel für ein ernstzunehmendes Problem, denn sie verfälscht jetzt die Länge des Vokals a. Der Sinn des Doppelkonsonanten ck (hervorgegangen aus kk, was auch nach der neuen Regelung richtig getrennt würde) ist es, den vorangehenden Vokal als kurz zu kennzeichnen, während eine auf Vokal auslautende Silbe im Wortinneren lang gesprochen wird. Ich stolpere jedesmal, wenn ich am Zeilenende auf Da- zum Beispiel eine Dame erwarte, am nächsten Zeilenanfang aber merke, daß von einem Dackel die Rede ist. Nach der bewährten Rechtschreibregelung konnte es nicht zu dieser verwirrenden Änderung der Vokallänge kommen. Dr. Hans-Jürgen Nolte, Kassel«


( F.A.Z. / Briefe an die Herausgeber, 01.12.2005, Nr. 280 / Seite 11 )


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 18.11.2005 um 23.59 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2316

Herr Schübel bezieht sich wohl auf Regel 180 des Duden 1991, in der es u.a. heißt: "Enger zusammengehörige Vokale bleiben, wenn das möglich ist, besser ungetrennt."
Als Beispiele werden angegeben: Natio-nen, natio-nal, Flui-dum, kolloi-dal, asiatisch, Idea-list, Sexua-lität, poe-tisch, böi-ge, europäi-sche.

Vorher sind als Beispiele für „Vokalverbindungen, die keine Lauteinheit bilden“ angegeben: Befrei-ung, Trau-ung, bö-ig, europä-isch, faschisto-id, Muse-um, kre-ieren, sexu-ell, Ritu-al.

Diese Regel ist sehr weich formuliert. Ein striktes Verbot ist daraus eigentlich nicht abzuleiten. Die Regel ist aber auch sehr unklar. Wann gehören denn Vokale eigentlich enger zusammen, obwohl sie keine Lauteinheit bilden? Was heißt eigentlich "wenn das möglich ist"? Den Sinn dieser Regel kann man eigentlich nur, mehr schlecht als recht, aus den Beispielen zu erschließen versuchen.

Die Beispiele sind aber höchst unterschiedlicher Art. In einigen Fällen scheint es sich um eigentlich konsonantisch gebrauchte Vokale zu handeln, etwa (phonetisch) asjatisch. Ähnliches könnte man auch zu sexuell sagen, das jedenfalls früher zumeist in etwa "sexwell" ausgesprochen wurde (wobei das w hier als englisches w gemeint ist). Das wäre vergleichbar mit qu, das ja kw (diesmal mit deutschem w) ausgesprochen wird. In diesem Sinne empfinde ich die Regel als vernünftig. Ein anderes Beispiel wäre "Familie" (ausgesprochen: Familje), weshalb ich die Trennung Famili-en für unschön halte. Im Falle von sexuell/sexual- scheint die Regel aber von der Sprachentwicklung überholt zu werden. Jedenfalls höre ich im Fernsehen fast nur noch die mir fremd klingende Aussprache "ßexu’al" mit scharfem s und deutlich hörbarem Knacklaut zwischen den Vokalen. Von "enger zusammengehörigen Vokalen" kann dabei nicht mehr die Rede sein.

Zu natio-nal hat Herr Wrase bereits alles gesagt. Seine Ausführungen werden durch den Vergleich der Trennungen nati-onal und nati-ve mit völlig anderer Aussprache des ti noch unterstrichen.

Für gänzlich verfehlt halte ich die Beispiele "böige" und "europäische". Erstens sehe ich ich nicht ein, warum ö und i oder ä und i so eng zusammengehören sollten. Zweitens, und viel wichtiger, halte ich es für ein absolutes Unding, die Endungen –ig und –isch so auseinanderzureißen, wie es der Duden in "böi-ge" und "europäi-sche" empfiehlt.

Die anderen Beispiele halte ich für zumindest zweifelhaft.



Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 18.11.2005 um 11.44 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2304

Lehrer vermitteln gerne, was Zivilcourage ist. Hier hätten sie mal ein schönes Praxisbeispiel. Erschreckend eigentlich, daß diese Chance nicht genutzt wurde. Falls sie denn gesehen wurde....


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 16.11.2005 um 11.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2298

"Durch die fehlende Oberlänge sind vor allem "dass" und "das" so ähnlich geworden, daß der Leser leicht auf einen Holzweg gerät."

Nicht nur der Leser, auch der Schreiber.

Sehr guter Leserbrief!

Wenn doch die Lehrer endlich den Mut besäßen, sich selbst und der Öffentlichkeit gegenüber einzugestehen, welche Mühe die neue s-Schreibung bereitet und wieviel neue Fehlerquellen entstanden sind!


Kommentar von F.A.Z., verfaßt am 15.11.2005 um 22.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2297

»Schwer zu lesen

Zum Artikel "Auch die Groß- und Kleinschreibung" von Heike Schmoll (F.A.Z. vom 31. Oktober): Es wäre auch im Hinblick auf die Zielsetzung der Rechtschreibreform viel gewonnen, wenn man die alte ss-Regelung wieder einführen würde. Leider wurde die alte ss-Regelung bisher unnötig kompliziert erklärt. Hier hilft ein Blick auf die typographischen Hintergründe der herkömmlichen Regelung: Danach ist ß eine lesefreundliche Schreibweise für ein untrennbares ss. Die Entscheidung, ob ss oder ß zu schreiben ist, läßt sich also leicht anhand der Silbengrenzen treffen: Liegt die Silbengrenze inmitten eines ss, schreibt man ss, sonst ß: fas-sen, aber Faß und Preu-ßen. Da man beim Schreiben ohnehin im stillen silbenweise mitspricht, entspricht die alte ss-Regelung dem natürlichen Schreibvorgang. Bei der neuen ss-Regelung muß man beim Schreiben ständig innehalten und überlegen, ob der einem ss vorausgehende Vokal lang oder kurz ist, oder ob ein Diphthong vorliegt. Das ist unpraktisch und hat sich in der Praxis als fehlerträchtig erwiesen. Schließlich ist die alte Regelung lesefreundlicher.

Typographen wissen, daß man beim Lesen nicht einzelne Buchstaben, sondern Wortkonturen erfaßt. Die für die Worterkennung entscheidende Information liegt in der Oberlänge, also dem Teil der Buchstaben, der über die "einstöckigen" Kleinbuchstaben wie m oder o hinausragt. Durch die neue ss-Regelung wurden sehr viele Oberlängen eingeebnet. Das Lesen wird dadurch mühsamer und langsamer. Durch die fehlende Oberlänge sind vor allem "dass" und "das" so ähnlich geworden, daß der Leser leicht auf einen Holzweg gerät. Markus Gail, Schwalbach am Taunus«


( F.A.Z. / Briefe an die Herausgeber, 16.11.2005, Nr. 267 / Seite 8 )


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 14.11.2005 um 13.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2284

Man kann Herrn Markner ohne weiteres zustimmen - das ist naheliegend. Oder es so sehen: Herr Schübel mokiert sich immer darüber, daß bei denen, die sich kritisch zur Neuregelung äußern, keine Kenntnis der Sachlage vorliege. Dies hätte er bei Herrn Zehetmair in Rechnung stellen können, aus allgemeiner Erfahrung heraus, daß sich Politiker so gut wie überhaupt nicht in der Materie auskennen, auch dann nicht, wenn sie für die Rechtschreibreform oder ihre Modifizierung zuständig sind. Man kann sich an drei Fingern ausrechnen, daß eine Reform, die damit glänzt, die sinnlosesten Trennungen en masse zusätzlich einzuführen, nicht plötzlich zum genauen Gegenteil hin geändert werden soll; jedenfalls nicht vom Rat, welcher überwiegend aus Interessenvertretern besteht, die alles an der Reform verteidigen, was nicht ganz kraß daneben ist, dazu einiges, was kraß daneben ist.


Kommentar von Reinhard Markner, verfaßt am 14.11.2005 um 11.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2281

Herr Schübel muß sich auf die Pressemeldungen stützen; mehr liegt nicht vor (vgl. www.rechtschreibrat.com). Da Herr Zehetmair wiederholt und nachdrücklich den falschen Eindruck hervorgerufen hat, als sei eine Änderung bei der Behandlung von Fällen wie Urinstinkt vorgesehen, ist seine Auslegung der Ratsbeschlüsse in diesem Punkt naheliegend.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 14.11.2005 um 08.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2280

Solche Leute wie Herr Schübel tragen gierig jeden vermeintlichen oder tatsächlichen Irrtum der Reformkritiker auf den Markt, auch wenn er als nur vereinzelte Ausnahme die Fundiertheit der Reformkritik bestätigt ("er" kann man hier sowohl auf Herrn Schübel als auch auf den Fehler der Reformkritiker beziehen). Ich finde das noch verachtenswerter als etwa ein strohdummes Lob der Reform aus Politikermund, weil man in der Regel davon ausgehen oder auch nachweisen kann, daß der Politiker keine Ahnung von der Materie hat, also in der Sache selber strohdumm ist; etwa die Kultusprimadonna Wanka, die positiv hervorhob, der Buchstabe ß sei durch die Reform abgeschafft worden, oder die Karrieristin Andrea Nahles, die immer noch das Märchen von der Beseitigung von hundert überflüssigen Regeln nachbetet. Der Detailfanatiker Schübel jedoch könnte aufgrund seiner Kenntnis der Materie einen präzisen Vergleich der Argumente anstellen, der überwältigend gegen die Reform ausfallen würde. Das unterläßt er, er verteidigt wider besseres Wissen ausdauernd die Reform. Das ist unredlich.

Außerdem sind seine Ausführungen alles andere als hieb- und stichfest: Nach neuer Rechtschreibung kann man nun zusätzlich Isra-eli, europä-ische, nati-onal trennen, weil hier einzelne Vokale als eigene Trennsilben anerkannt werden ... Diese neuen sinnvollen Trennmöglichkeiten ... Wieso "sinnvoll", was heißt da als Silben "anerkannt"? In der tatsächlichen Aussprache, die auch den Leser begleitet und ihm bei den Trennungen helfen soll, ist Na-tion (eher) ein zweisilbiges Wort, "ti" ist keine vollwertige Silbe, sondern eine halbe Silbe, das i ist hier kein Vokal, sondern entspricht dem Halbvokal j. (Vergleiche die Verschmelzung im Französischen und im Englischen.) Die Trennung ...ti-on ist also bereits minderwertig, eine Notlösung, die aus dem Schriftbild abgeleitet ist. Zusätzlich fragwürdig ist es, auch noch die Silbe tio in "na-tio-nal" zu zerlegen, wo das n als Anfang der folgenden Silbe beansprucht wird. Es war vor der Reform eine pragmatische, in jedem Fall die bessere Lösung, die Nottrennung Nati-on zuzulassen (Wörter auf ...tion sind außerordentlich häufig), um Probleme im Spaltensatz vermeiden zu helfen - die ganz überflüssige Trennung nati-onal hingegen nicht vorzusehen.

Wenn der Leser Nati- / on liest, kann er wenigstens auf einem betonten, langen Vokal fortfahren, an den noch ein n (mit einer gewissen Länge) angehängt ist. Wenn er hingegen nati- / onal aufgetischt bekommt, findet er als erste Silbe auf der neuen Zeile einen einzelnen Vokal, o, kurz und unbetont. Das ist ein rechtes Gestotter im Vergleich zu natio- / nal: Hier haben wir einen sprachrichtigen Abschluß auf der ersten Zeile und eine betonte Silbe mit Langvokal und drei Buchstaben als Fortsetzung in der folgenden Zeile.

Eine ausgereifte Orthographie kümmert sich auch darum, daß der Leser möglichst einheitliche Wortbilder bei Trennungen sieht. Langfristig gesehen bekommt der reformierte Leser abwechselnd nati- / onal und natio- / nal vorgesetzt, abwechselnd europäi- / sche und europä- / ische (mit demselben unbetonten Einzelvokal als Fortsetzung), Israe- / li und Isra- / eli. (Letzteres wäre noch am ehestens hinnehmbar, weil der Einzelvokal e immerhin betont und lang ist.) Diese Variation des Wortbildes um einen einzelnen Vokalbuchstaben herum ergibt also für den Leser insgesamt sicherlich nur Nachteile, während für den Schreiber so gut wie keine Vorteile resultieren.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2005 um 06.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2279

Ob ich Isra-eli oder Israe-li trenne - in keinem Fall wird ein einzelner Buchstabe abgetrennt. Der alte Duden hatte das schief dargestellt, und Schübel scheint es auch nicht zu sehen, dabei braucht man bloß hinzugucken. Außerdem bildet das kurze a in A-cker keine Silbe. Man kann den Silbenschnitt im Gelenk nicht einfach weglassen. Auch denkt niemand daran, Urin-stinkt zu verbieten. Schübel versteift sich auf den Wortlaut irgendwelcher Meldungen, ohne sich selbst kundig zu machen.
Schübel hat eine Unzahl Leserbriefe zur Unterstützung der Reform eingesandt, aber seine Entfernung von den wirklichen Ereignissen wird immer größer.


Kommentar von Süddeutsche Zeitung, verfaßt am 14.11.2005 um 00.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2278

»Kein Vertrauen in deutsche Schreiber

„A-cker und E-sel" / SZ vom 29./30. Oktober

Der dpa-Meldung zufolge hat sich der Rat für deutsche Rechtschreibung dafür ausgesprochen, keine einzelnen Buchstaben mehr abzutrennen und keine sinnentstellenden Trennungen mehr zuzulassen. In der Tat ist die Abtrennung einzelner Vokale bei der Silbentrennung sinnlos. Jeder vernünftige Schreiber wird das einsehen und darauf verzichten. Die Reformer haben immer von Trennungen wie A-cker oder E-sel abgeraten, obwohl sie diese Trennungen durch ihre Festlegung, wonach auch einzelne Vokale eigene Silben sein können, erlaubt haben.

Was der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair und der Rechtschreibrat aber nicht zu wissen scheinen, ist, dass die Abtrennung einzelner Vokale im Wort sehr wohl sinnvoll sein kann. Bisher durfte man nur Isra-el, aber Israe-li, europä-isch, aber europäi-sche, Nati-on, aber natio-nal trennen. Nach neuer Rechtschreibung kann man nun zusätzlich Isra-eli, europä-ische, nati-onal trennen, weil hier einzelne Vokale als eigene Trennsilben anerkannt werden: Isra-e-li, europä-i-sche, nati-o-nal. Diese neuen sinnvollen Trennmöglichkeiten sollen nun aber nach Zehetmairs Willen nicht mehr bestehen bleiben, weil ihn die große Angst aller Konservativen umtreibt, dass eine gewährte Freiheit ungebührlich ausgenutzt werden könnte. Deshalb will er sogar noch weiter gehen und Trennungen wie Urin-stinkt oder bein-halten verbieten.

Nach alter Rechtschreibung waren diese Trennungen ausdrücklich erlaubt. Der alte Duden wies aber in Regel 181 darauf hin, dass solche Trennungen den Leser verwirren, und vertraute darauf, dass jeder vernünftige Schreiber von selbst auf sie verzichten würde. Zehetmair besitzt dieses Vertrauen in die deutschen Schreiber offensichtlich nicht. Er will diese Trennungen ein für allemal verbieten! Das hat natürlich zur Folge, dass nun irgendjemand alle (geschätzten) 150 000 deutschen Wörter auf solche sinnentstellenden Trennmöglichkeiten hin untersuchen und eine Liste mit verbotenen Trennungen erstellen muss. Jeder, der die deutsche Orthografie richtig beherrschen will, muss dann diese lange Liste auswendig lernen.

Thomas Steinfeld schreibt in seinem Artikel „Uschis Dackel in der Duschecke" (SZ vom 31. Oktober/1. November): „Bei der Trennung von Fremdwörtern soll es in Zukunft wieder möglich seien (sic!), deren Morphologie zu berücksichtigen." Nach Paragraf 110 der neuen Rechtschreibung ist das aber jetzt schon möglich. Wissen das Zehetmair und der Rechtschreibrat nicht?

Klaus Schübel, Weilheim«


( Süddeutsche Zeitung Nr.262, Montag, den 14. November 2005 , Seite 16 / Leserbriefe )


Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 12.11.2005 um 18.29 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2275

Humoris-tisches Ligaturs-tudium


A)
pa-ssen, paß-ten
wi-schen, wisch-ten
pu-tzen, putz-ten
rü-cken, rück-ten

B)
pas-sen
wi-schen
put-zen
rük-ken

1. Erkenntnis aus A (rechte Seite): Folgt der Ligatur ein Mitlaut, dann bleibt die Ligatur erhalten, und der folgende Mitlaut wird abgetrennt (gilt für alte und neue Rechtschreibung).
2. Erkenntnis aus A (linke Seite): Folgt der Ligatur (oder der wandlungsfähigen Ligatur „ss“) ein Selbstlaut, dann wird die gesamte Ligatur abgetrennt (dann ergäben sich in Bezug auf die ehemals gültige Rechtschreibung drei Änderungen; jedoch ist die Analogie perfekt).
3. Erkenntnis aus B: Die Ligatur „sch“ sträubt sich gegen Trennversuche. Nutzt man die Konvention: „ck wird zu k-k aufgelöst“, dann ergeben sich in Bezug auf die ehemals gültige Rechtschreibung keinerlei Abweichungen. (Falls man aber die Ligatur „sch“ auflösen könnte, wäre ebenfalls eine perfekte Analogie erreicht).

C) ba-bbeln, e-cce, Bo-dden, scha-ffen, Ba-gger, We-lle, Hi-mmel, Ka-nne, za-ppeln, Ka-rre, Mu-tter ...

4. Erkenntnis aus C): Die perfekte Analogie, die durch Erkenntnis 2 suggeriert wurde, zieht eine Folge weiterer Änderungen in einem Rechtschreibbereich nach sich, der an dieser Stelle ja überhaupt nicht von Belang war, und dies mündet letztlich in einer verheerenden Zerstörung von Übereinkünften und Konventionen.

Empfehlung: Es wäre wohl besser, die Ligatur „sch“ aufzulösen und ein Sonderzeichen – wie in anderen Sprachen üblich – einzuführen. Dabei bietet es sich geradezu an, das s (statt senkrecht) waagrecht auf die Zeile zu schreiben, zumal sich damit eine Verwandtschaft zur spanischen „Tilde“ erzielen ließe.
Mit einem einzigen Handstreich könnte man somit sämtliche Anal-ogiefachsimpeleien vom Tisch fegen. Aber es bedürfte einer neuerlichen Konvention.
Und das wiederum ist „hier zu Lande“ verpönt.



Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 12.11.2005 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2274

Zu Klaus Achenbach: "Ich will nicht die eine Konvention durch eine andere ersetzen. Allerdings halte ich diese Konventionen überhaupt für überflüssig. Warum sollte man nicht 'wisch-en' und 'wi-sche' trennen dürfen?" (#2265)
Ich habe meine Zweifel daran, ob sich die Silbengrenze immer so einfach durch langsames Sprechen ergibt ("wenn man zur deutlichen Hervorhebung der Silben ein Wort langsam und deutlich ausspricht"). Aber eins ist sicher: Sie liegt bei "wischen" nicht zwischen dem "sch" und der Endung "-en": "-en" beginnt hier eben nicht mit einem Kehlkopfknacklaut!
Die englische Trennung von Wörtern am Zeilenende folgt übrigens eher Hausorthographien als allgemeinen Regeln. Die vernünftigsten dabei versuchen so zu trennen, daß die Aussprache von dem, wie's weitergeht, so leicht wie unter den gegebenen Umständen eben möglich voraussagbar ist. (Deshalb "rec-ord" und nicht "re-cord" beim Substantiv und "re-cord" [meist] beim Verb.) Im Deutschen haben wir da Gott sei Dank eine etwas solidere Konvention (und wirkungsvolles "Silbenklatschen" unter nicht immer phonetisch solide begründeter Anleitung).


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 12.11.2005 um 16.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2273

la-chen und wa-schen "widersprechen" zwar der üblichen Trennung im Silbengelenk, aber wieso sollte man von einer Ausnahme bei der Trennung sprechen? Die "Ausnahme" besteht schon darin, daß ch und sch in der Schrift (natürlich) nicht verdoppelt werden, nur um die Kürze des Vokals a zu markieren. Bei der Trennung wird deshalb ganz regelmäßig nach der zitierten Hauptregel verfahren: Ein einzelner Konsonant bzw. das Zeichen dafür, hier ein Doppelzeichen, kommt auf die neue Zeile. Auch die Präferenz von Herrn Achenbach wasch-en "widerspricht" logischerweise der Trennung zwischen verdoppelten Zeichen, weil es hier gar keine Verdoppelung gibt – aber zusätzlich widerspräche diese Lösung der zitierten Hauptregel. Deshalb komme ich zu der Berwertung, die übliche Trennung la-chen sei ganz folgerichtig und regulär.

Man sollte vielleicht auch an die vielen Fremdwörter denken, bei denen durchaus kurze betonte Vokale am Zeilenende stehen, ich hatte als Beispiel Pi-ta und (bei entsprechender Aussprache mit kurzem y) ty-pisch angeführt. Man sollte hier auch nicht krampfhaft von (jeder Menge) "Ausnahmen" bei der Trennung zu sprechen. Diese lägen nur vor, wenn man etwa Pitta schreiben und dies dann Pi-tta trennen würde, so wie nun De-ckel.

Herr Achenbach hat doch selbst beispielhaft ausgeführt, warum ein Konsonant zwischen Vokalen (eher) zur zweiten Silbe gehört:

Das Hervorbringen eines Explosivlautes wie t besteht aus zwei Aktionen des Sprechapparates: dem Herstellen eines Verschlusses und der Öffnung (Sprengung) des Verschlusses. Zwischen diesen beiden Aktionen kann man ohne weiteres auch eine kleine Pause einlegen. Das macht man auch, wenn man zur deutlichen Hervorhebung der Silben ein Wort langsam und deutlich ausspricht. Mutatis mutandis gilt das für alle Konsonanten.

Also: Erst einmal wird der Verschluß hergestellt, der Vokal der ersten Silbe wird beendet, gegebenenfalls mit einer sehr kurzen Pause des Tons. Dann erst hört man mit der Explosion des t den Beginn der zweiten Silbe. Klarer kann man doch gar nicht darlegen, warum man intuitiv und sachlich zutreffend den Konsonanten im Zweifel eher der zweiten Silbe zurechnet, etwa bei der Trennung Pi-ta.

Ich meine tatsächlich, wie von Herrn Achenbach unterstellt, daß sich entsprechendes auch bei ausgedehnten Konsonanten sagen läßt, wenn auch nur bei langsamer Aussprache des vorangehenden Vokals, die für die Entscheidung den Ausschlag gibt; nebst der allgemeinen Sinnhaftigkeit einer durchängigen Systematik. Spricht man ein Wort wie Koma langsam aus, also "Kooooomaa", so ist die Lautstärke oder die Intensität des Vokals o nicht gleichmäßig über die ganze Dauer, sondern sie hat einen Höhepunkt am Anfang und dann ein (leichtes) Decrescendo vor der zweiten Silbe, weil die Stimme deren Unbetontheit vorbereitet. Im Extremfall kann man auch hier den betonten Vokal ausklingen lassen oder auch eine kurze Pause einlegen (wie es eine gleichmäßig laute "Roboterstimme" machen sollte, um die Verständlichkeit zu erhalten).

Auch hier zeigt die Arbeitsanweisung, sich nach dem langsamen Sprechen zu richten: Die Folge Konsonant_Vokal ist unmittelbar stimmlich verbunden; die Folge Vokal_Konsonant ist (bei gedehnter Aussprache des Vokals) nicht mit derselben maximalen Intensität verbunden. Dies führt also ebenfalls zu der naheliegenden Lösung, die Trennung vor dem Konsonanten anzusetzen und nicht danach. Deshalb ist die Regel ja auch so einfach anzuwenden, fast immer ohne jedes Nachdenken: "wie es sich beim langsamen Sprechen von selbst ergibt". Das ist alles andere als eine willkürliche, autoritäre Konvention. Es ist der Idealfall einer Regel, die nur das nahezu Selbstverständliche zusammenfaßt und das Übliche beschreibt, wie es sich von selbst durchgesetzt hat.



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.11.2005 um 09.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2271

Es läßt sich nur historisch erklären, warum wir für die einfachen Konsonanten in "ich" und "waschen" statt einfacher Buchstaben nun diese Di- und Trigraphen benutzen. Hätten wir das x nicht dummerweise für die beiden Konsonanten in "Hexe" verbraucht, könnten wir es bequem für "lachen" verwenden und würden es dann natürlich verdoppeln und ganz systematisch trennen: "laxxen" und "lax-xen". Ähnlich mit sch. Um graphische Überlänge zu vermeiden, verdoppelt man ausnahmsweise nicht. Dadurch ergibt sich bei der Trennung ebenfalls eine Ausnahme, denn "la-chen" und "wa-schen" widersprechen ja tatsächlich der Trennung nach Sprechsilben und Gelenken. In diese Reihe gehört aber ck nicht, denn es besteht aus den beiden k-Schreibungen und ist bloß eine typographische Variante mit dem Status einer Ligatur. Die neue Nichttrennung dieser durchsichtigen, in ihrem systematischen Wert durch § 3 bekräftigten Buchstabenverbindung schafft daher eine neue Ausnahme, und das war ja wohl nicht der Sinn der Reform. Leider ist das einer starken Mehrheit im Rat für deutsche Rechtschreibung völlig egal. Schon dies zeigt, daß der Rat keine überzeugende, in sich geschlossene Lösung der durch die Reform geschaffenen, vorher unbekannten Probleme erreichen kann.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 12.11.2005 um 07.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2270

Zu den Trennungen/zu Herrn Achenbach (Beitrag 2265):

Offenbar meinen die Reformer auch, wie Herr Wrase, daß hier der Konsonantenlaut „eher“ zur nachfolgenden Silbe gehört.

Ich meinte, daß dies ein Prinzip bei den Trennungen ist. Es war und ist die erste, grundlegende Regel, etwa im Duden: [Man trennt so,] wie es sich beim langsamen Sprechen von selbst ergibt, also nach Sprechsilben. [Erste Unterregel zur Erläuterung:] Ein einzelner Konsonant kommt auf die folgende Zeile ... [Oder in der Fassung 2004:] Ein einzelner Konsonant im Wortinneren kommt in der Regel auf die neue Zeile.

Das gilt natürlich dann auch für den Konsonanten, der durch die Buchstabengruppe sch wiedergegeben wird: wi-sche, wi-schen, wie ha-ben, ty-pisch, Pi-ta.

Es ist schon erstaunlich, Herr Achenbach, daß Sie sogar die sprachliche Grundlage der Trennung hat-ten zu erkennen vermögen und sehr feinfühlig beschreiben (obwohl es hier nur einen t-Laut gibt), aber später formulieren:

Allerdings halte ich diese Konventionen überhaupt für überflüssig. Warum sollte man nicht „wisch-en“ und „wi-sche“ trennen dürfen? Mögen sich doch die Buchdrucker der Einfachkeit halber an solche Konventionen halten; aber wozu anderen Leuten Vorschriften machen? Diese Konventionen gelten zunächst für die deutsche Sprache und richten dort zumindest keinen großen Schaden an. ... Eine „Spitzenleistung“ in dieser Hinsicht ist die Regel 182 des Duden 1991. Danach soll man bei kurzen englischen Zitaten nach deutscher Vorschrift z.B. „co-ming“ und „swin-ging“ trennen. Nur bei längeren Zitaten erlaubt der Duden gnädigerweise die englischen Trennungen „com-ing“ und „swing-ing“. Ich halte diese Regel geradezu für ein Musterbeispiel wildgewordener Regelungswut.

Daß man nicht zufällig wi-schen ebenso wie wi-sche trennt, ebenso wie alle Fälle eines einzelnen Konsonanten zwischen Vokalen, daß man hier also die Grundregel anwendet, ist eine große Selbstverständlichkeit und daher keineswegs nur eine "überflüssige Konvention", die "keinen großen Schaden anrichtet". Sie scheinen die große Nützlichkeit von Regelmäßigkeit noch überhaupt nicht erkannt zu haben.

Dasselbe gilt für Ihre tiefe Verachtung für die Regel (= Konvention), bei einzelnen Wörtern oder kurzen Zitaten aus fremden Sprachen ebenfalls diese Grundregel anzuwenden. Abgesehen davon, daß die allermeisten Deutschen die englischen Trennungen gar nicht beherrschen und die Textverarbeitungsprogramme nicht erkennen, welches Wort plötzlich als fremdsprachlich zu handhaben ist: Wo soll denn die Grenze sein zwischen Lehnwort, integriertem Fremdwort und fremdsprachlichem Wort? Das in einer Regel differenzieren zu wollen wäre ein geradezu absurdes Unterfangen. Es wäre ein Musterbeispiel wildgewordener Regelungswut, in diesem Fall identisch mit wildgewordener individueller Willkür. Ganz im Gegensatz zu der schlichten Anmerkung, von den deutschen Grundregeln der Worttrennung seien bei einzelnen fremdsprachlichen Wörtern keine Ausnahmen zu machen, erst bei längeren Zitaten in fremden Sprachen sei angeraten, zu deren Trennungsregeln überzugehen.

Sie können doch schreiben und auch trennen, wie Sie wollen, Herr Achenbach – aber daraus dürfen Sie nicht schließen, daß überaus stabile und durchgängig angewendete Konventionen, die sich in der Sprachgemeinschaft etabliert haben, überflüssig seien. Diesem Irrtum sind schon die Reformer aufgesessen, und was für ein abenteuerlicher Murks dabei herauskommt, kann man überall besichtigen. Der Rat für Rechtschreibung ist gerade dabei, den größten Unsinn zu reparieren: damit das Lesen und das Schreiben wieder leichter wird, wie es in der Überschrift zu diesem Diskussionsstrang treffend heißt.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 10.11.2005 um 18.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2267

Karl Kraus über Wustmann (den mit den "Sprachdummheiten"):

Vor dem Konjunktiv wird alles, was Deutsch schreiben möchte, scheu. Freilich anders, als es "der Wustmann" meint, welcher es verkehrt meint, gerade in diesem Kapitel seinem Namen, der geradezu ein Symbol der Sprachverwirrung geworden ist, Ehre macht und dem Titel seines berühmten Buches "Allerhand Sprachdummheiten" zu einem unbeabsichtigten Sinn verholfen hat. – (Es folgen Bemerkungen zum Konjunktiv im Deutschen.) – Gleich darauf beklagt er aber die "fortschreitende Abstumpfung unseres Sprachgefühls", von der er selbst, ohne es zu ahnen, die lebendigsten Beweise gibt. Der Mann, der die Verderbnis unserer Schriftsprache von dem Übel herleitet, daß man nicht schreibe wie man spricht – wiewohl man es doch längst tut, ja noch schlechter schreibt als man spricht – bringt es zuwege, Wendungen, die natürlich und richtig sind, für "papieren" zu erklären und die papiernen für natürlich und richtig. ...fixe Ideen dieses Wegweisers, der in Deutschland so beliebt ist, weil er einen flachen Ernst mit einem seichten Humor verbindet... (wem fällt da nicht der eine oder andere Sprachverbesserer unserer Tage ein?) – Er macht sich wohl über allerhand Spachdummheiten Gedanken, aber nicht ohne jene durch diese zu vermehren. (Alles mit vielen Beispielen illustriert.)



Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 10.11.2005 um 17.03 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2266

Teufelsaustreibung!

Was spricht eigentlich dagegen, Konventionen einzuhalten?
Als solche führe ich an:
Kleiderordnung, Eßgewohnheiten, schriftsprachliche Normen, Sitten, Gebräuche und gesellschaftliche Etikette.

Verliert man nicht auch etwas Wesentliches, wenn man sogenannte Tabugrenzen niederreißt?
Und ist es nicht seltsam, daß Neuerungen (w. z .B. die Rechtschreibreform) oftmals mit genau jenen Methoden eingeführt werden, die man an dem Vorgängermodell gehaßt hat?

Ich wehre mich gegen die Verunglimpfung des Begriffs „Konvention“, und ich bezeichne derart verunglimpfende Parolen als kurzsichtig und verlogen, denn für mich ist es geistig nicht nachvollziehbar, daß die menschliche Gemeinschaft sich ausschließlich aus Milliarden von Individuen rekrutieren und auf díe Wesentlichkeit der Integration gänzlich verzichten könnte.

Letzte Doppelfrage: Welchem Ziel dient die RSR? Hat sie ggf. die Gewichtung der Ziele verschoben?



Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 10.11.2005 um 16.05 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2265

Noch zu Herrn Wase (#2250):

Ich denke, Frau Pfeiffer-Stolz hat zur Aussprache von einfachen umd verdoppelten Konsonanten alles Wesentliche gesagt. Ich würde es mit etwas anderen Worten wie folgt ausdrücken:

Das Hervorbringen eines Explosivlautes wie t besteht aus zwei Aktionen des Sprechapparates: dem Herstellen eines Verschlusses und der Öffnung (Sprengung) des Verschlusses. Zwischen diesen beiden Aktionen kann man ohne weiteres auch eine kleine Pause einlegen. Das macht man auch, wenn man zur deutlichen Hervorhebung der Silben ein Wort langsam und deutlich ausspricht. Mutatis mutandis gilt das für alle Konsonanten.

In Fällen der Konsonantenverdoppelung, wie Rat-te, gehört die erste Aktion zur ersten, die zweite Aktion zur zweiten Silbe. Beide Silben teilen sich also gewissermaßen den Konsonanten. Man muß aber betonen, daß es sich nur um einen einzelnen Laut handelt. Im Gegensatz zu manchen anderen Sprachen werden im Deutschen auch doppelt geschriebene Konsonanten normalerweise nicht etwa doppelt oder verlängert ausgesprochen. Dennoch verdeutlicht die Konsonantenverdopplung in der deutschen Rechtschreibung sehr sinnfällig die Zugehörigkeit des einen Lautes zu zwei Silben.

Diese Teilung des Konsonanten zwischen zwei Silben ist aber nicht auf Doppelkonsonanten nach betonter kurzer Silbe beschränkt. Sie ist vielmehr das Kennzeichen der "gebundenen" Aussprache, etwa in Worten wie „hinein“. Es dürfte ja wohl auch diese gebundene Aussprache und weniger die angeblich undurchsichtige Struktur sein, die die Reformer veranlaßt hat, Trennungen wie „hi-nein“ einzuführen. Offenbar meinen die Reformer auch, wie Herr Wrase, daß hier der Konsonantenlaut „eher“ zur nachfolgenden Silbe gehört.

Es ist übrigens ein phonetisches Gesetz im Deutschen, daß Konsonanten vor Nachsilben gebunden ausgesprochen werden. Wohl deshalb werden Nachsilben eben nicht strukturell (morphologisch) abgetrennt. In einigen Fällen tritt übrigens auch Konsonantenverdopplung ein, obwohl die vorausgehende Silbe nicht betont ist: „Geheimnisse“ (hier kommt natürlich noch die Stimmlosigkeit des s als Motiv hinzu) und „Lehrerinnen“.

Bei der gebundenen Aussprache stellt sich also, wenn der Konsonant (die Konsonantenverbindung) nicht doppelt geschrieben wird, die Frage, welcher Silbe der Konsonant bei der Silbentrennung zugeschlagen werden soll. Die geltende Konvention sagt, daß der Konsonant der nachfolgenden Silbe zugeschlagen wird. Ich habe nicht vorgeschlagen, diese Konvention zu ändern. Vielmehr wollte ich bloß darlegen, daß es sich eben nur um eine bloße Konvention handelt und daß man auch gute Gründe für eine abweichende Trennung anführen kann.

Diese Konvention kann man auch als Sonderfall der allgemeineren Konvention, wonach von mehreren Konsonanten immer der letzte abgetrennt (also der nachfolgenden Silbe zugeschlagen) wird, auffassen. Auch hierbei handelt es sich um eine bloße Konvention. Dabei kann man ebenfalls gute Gründe für abweichende Trennungen anführen. In vielen Worten stellt z.B. die Buchstabenkombination pf eine lautliche oder etymologische Einheit dar. Deshalb würde ich an sich lieber „im-pfen“ und „Kar-pfen“ trennen.

Nochmals: Ich will nicht die eine Konvention durch eine andere ersetzen. Allerdings halte ich diese Konventionen überhaupt für überflüssig. Warum sollte man nicht „wisch-en“ und „wi-sche“ trennen dürfen? Mögen sich doch die Buchdrucker der Einfachkeit halber an solche Konventionen halten; aber wozu anderen Leuten Vorschriften machen?

Diese Konventionen gelten zunächst für die deutsche Sprache und richten dort zumindest keinen großen Schaden an. Die Übertragung auf andere Sprachen halte ich dagegen für gänzlich verfehlt. Das führt dazu, daß eine absurde Trennung wie „Transg-ression“ den Amtlichen Regeln zufolge „korrekt“ ist.

Eine „Spitzenleistung“ in dieser Hinsicht ist die Regel 182 des Duden 1991. Danach soll man bei kurzen englischen Zitaten nach deutscher Vorschrift z.B. „co-ming“ und „swin-ging“ trennen. Nur bei längeren Zitaten erlaubt der Duden gnädigerweise die englischen Trennungen „com-ing“ und „swing-ing“. Ich halte diese Regel geradezu für ein Musterbeispiel wildgewordener Regelungswut.



Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 09.11.2005 um 12.57 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2264

Trennästhetik und -ökonomie


Auf der Suche nach einem grundsätzlichen Motiv der Worttrennung stoße ich immer wieder auf den Gesichtspunkt der Ökonomie. Jene Ökonomie veranlaßt uns, Zeilen restlos zu füllen, den freien für das Schreiben verfügbaren Platz im Heft (auf der Seite, im Buch, auf einem Grabstein ...) so optimal zu nutzen, sodaß bei keinem Leser auch nur der leiseste Verdacht der Platzverschwendung aufkommen könnte. Nach meinem Dafürhalten basiert die Worttrennung nahezu ausschließlich auf dem Spargedanken, wobei erläuternd hinzuzufügen wäre, daß „Papyrus“ ehemals eine kostbare Sache war.

Interessanterweise gibt es nachgelagerte „Motive“ für die Trennung, die sich erst infolge langjähriger Praktiken zu Beweggründen hochstilisiert haben, jedoch eigentlich als Prinzipien zu bezeichnen sind. Beispielsweise die „Ästhetik“ ist hier einzuordnen, denn ihr Grundsatz lautet: Wenn du schon trennst, dann trenne so, daß es schön aussieht, daß es gebildet wirkt, daß keine Irritationen entstehen ...
Ursachen, Folgen und Wirkungen sollte man jedoch auseinanderhalten, und man muß auch das Imponiergehabe der Wissenschaft an den Pranger stellen, die sich aufgrund selbstgefälliger Erkenntnisse über innere Notwendigkeiten erhebt und sich durch selbstzweckgebundene Zusatzforderungen vom normalen Schreibvolk abhebt.

Tatsache ist, daß niemand zu Worttrennungen gezwungen wird, denn es gibt weder eine Vorschrift, den „Flattersatz“ zu vermeiden, noch gibt es eine Vorschrift, den „Blocksatz“ mit einer konstanten Anzahl von Zeichen zu füllen. Zudem hat die Digitaltechnik formvollendete und sinnestäuschende Methoden des Schreibens entwickelt, die sowohl der Ästhetik als auch der Ökonomie gerecht werden. Das Zoomen (die Herstellung von Vergrößerungen und Verkleinerungen) ist mit einfachem Knopfdruck zu verwirklichen! Schreibbefehle führt die Maschine in Perfektion aus!
Wozu also ein Nachkarten auf dem Gebiet der Worttrennung? Hat der Rechtschreibrat nichts Wichtigeres zu tun? Streitet man hier nicht um „Kaisers verblichene Barthaare“?

Ich halte es für wichtig, daß über den Bereich der Worttrennung gestritten wird, daß die Maßnahmen der Rechtschreibreformkommission totalrevidiert werden, denn sie sind nichts anderes als eine durch die Staatsmacht gedeckte und abgesegnete Verschlimmbesserung eines ehemals funktionierenden Systems, das sowohl Liberalität (du mußt nicht trennen) als auch Normierungen (wenn du trennst, dann trenne vorschriftsmäßig) „bein-haltete“. Wer besser sein oder erscheinen will, der soll auch den Nachweis dafür erbringen, daß sein Schein nicht trügt!
Der Scheinliberalität, dem Etikettenschwindel und dem Protektionismus muß ein Ende bereitet werden. Dazu ist der Rat für deutsche Rechtschreibung da, oder handelt es sich vielleicht doch nur um ein selbstgefälliges scheindemokratisches Instrumentarium??

Im übrigen geht es beim Trennen und bei Trennstrichen (siehe Überschrift) um wesentlich mehr als nur um Zeilenfüllung. Das ist wie mit den menschlichen Organen. Sie haben meist Mehrfachfunktion.



Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 08.11.2005 um 23.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2262

Zum Beitrag von Herrn Achenbach (#2260): Das Zitat vom Rechtschreibrat stammt von der Seite „Chronik“ (unter „Dokumentation“; http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/doku/arbeit.html#6).

Über Herrn Zehetmair wird hier sehr viel spekuliert, da schäme ich mich nicht, eine weitere gewagte Spekulation hinzuzufügen: Man könnte auch vermuten, daß er genau weiß, was er sagt – er hat mitbekommen, auf welchem Niveau das Thema in der Presse behandelt wird, und also paßt er sich mit seinen Beispielen von vornherein daran an.

Man beachte, daß Urin-stinkt wirklich nur ein Beispiel ist, das etwas Allgemeine(re)s illustrieren soll. Dieses Allgemeine(re) ist allgemeinverständlich und wird auf breite Zustimmung stoßen. Das ist strategisch günstig, denn es lenkt auch ein wenig von dem eigentlichen Knackpunkt ab, der Wiederabschaffung der Ausnahmslosigkeit der sturen Trennung nach Sprechsilben. Und einen Hinweis zur Vermeidung sinnentstellender Trennungen an den Anfang zu stellen, ist zudem als Begründung bzw. Motivation der Nichtabtrennung einzelner Vokale hilfreich (Julia-bend).


Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 08.11.2005 um 21.33 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2261

Irritationen

Die wohl wichtigste Regel für sämtliche Worttrennversuche wäre etwa folgendermaßen zu formulieren: „Vermeide als Schreiber beim Trennen alle Wortbruchstücke, die den Leser in die Irre führen könnten!“
... wobei die oben spezifizierte Forderung in allgemeiner Formulierung für alle erdenklichen Rechtschreibbereiche Gültigkeit erlangt.

Das Postulat: „Vermeide Irritationen des Lesers!“ ist nämlich der Leitfaden des adressatenbezogenen Schreibens.
Es strebt danach, die Einstellung, das Gemüt, die Intuition (...) des Schreibenden zutiefst zu beeinflussen, und dabei gibt es lernpsychologisch keine höhere Lernzielkategorie als diejenige, die mit dem Begriff der sogenannten „affektiven Lernziele“ umschrieben wird.

Dem Affektiven nähert man sich am ehesten mit dem Einfachen, dem Anschaulichen, dem Symbolträchtigen, dem Witzigen ...
Und hier will ich eine Lanze brechen für meinen einstigen obersten Dienstherren, H. Zehetmair, der die Wortkapriole „Urin-stinkt“ in die Diskussion warf.
Diese Bündelung – dieses als Lehrmedium eingesetzte Trennbeispiel – ist absolut aufschluß- und lehrreich. Es erzielt seine Wirkung nicht zuletzt deshalb, weil es formverändert in den Bereich der eigentlich tabuisierten Vulgärsprache hineinschlüpft und in seiner Verkleidung ungestraft seine Pointe entfaltet, welche zuguterletzt „Anal-ogiebildung“ und Lernaktivität freisetzt, was hier im Diskussionsfaden ja auch völlig freiwillig geschehen ist.

Ich bin zwar reichlich irritiert ob der Vorgänge in den vergangenen Jahren; und dabei insbesondere darüber:
- daß sich die Reformer einem derart marginalen Bereich derart innovativ angenommen haben (zwei Seiten, sechs Paragraphen),
- daß die Kultusminister „zu spät“ jenen marginalen Bereich für „unstrittig“ erklären
- daß die Fachwissenschaft im Bereich der Trennung den nahezu ausschließlichen ästhetischen Gesichtspunkt nicht erkennen will,
- ...
... doch am Zehetmair finde ich diesmal keine Schuld.




Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 08.11.2005 um 20.23 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2260

Was der Rat am 28.10. nun eigentlich beschlossen hat, ist ja - soviel ich weiß - immer noch nicht im Wortlaut veröffentlicht. Immerhin ist auf der Internet-Seite des RSR folgende Zusammenfassung zu dem Thema "sinnentstellende Trennungen" zu finden:

"Darüber hinaus spricht er (der Rat) sich für Änderungen in der Regeldarstellung aus. So soll insbesondere der Hinweis, dass sinnentstellende Trennungen zu vermeiden sind, an den Anfang der Regeldarstellung gerückt werden. Damit soll erreicht werden, dass Trennungen wie "Spargel-der" und "Urin-stinkt" nicht praktiziert werden."

Der letzte Satz fordert natürlich zu Mißverständnissen geradezu heraus. Wie eine bloße - m.E. systematisch auch höchst zweifelhafte - Änderung der Reihenfolge irgend etwas Nennenswertes erreichen soll, ist mir schleierhaft.

Ich würde deshalb nicht den Medien die Schuld zuschieben, auch wenn ich über den Artikel von Frau Schmoll, der ich mehr Sachverstand zugetraut hätte, sehr enttäuscht war. Anscheinend beruht die sonstige Qualität ihrer Beiträge zu Thema RSR doch mehr auf den Einfluß einer lenkenden Hand.

Die wiederholten Äußerungen von Herrn Zehetmair zum "Urin-stinkt" wecken bei mir zumindest ernsthafte Zweifel daran, ob er die Zusammenhänge durchschaut.



Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 08.11.2005 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2259

Nochmal zu Herrn Z. und dem Beispiel Urin|stinkt, zu dem W. Metz schrieb: In der Presse wurden seine Äußerungen aber so dargestellt – und Herr Professor Ickler hatte dieser Darstellung nicht widersprochen, sondern lediglich festgestellt, Zehetmair hätte manchmal keine ganz glückliche Hand –, als hätte er Urin|stinkt und Anal|phabet als Beispiele für Reformtrennungen präsentiert, die nunmehr „rückgängig“ gemacht werden sollen. Darüber habe ich mich geärgert, weil in der Debatte über die Rechtschreibreform schon genug Desinformation betrieben worden ist.
Offenbar liegt das Problem eher bei den Medien als bei Herrn Zehetmair.


In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnen, daß Herr Zehetmair bereits Anfang Juli dieses Beispiel benutzt hat (siehe etwa hier).


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 07.11.2005 um 13.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2258

Danke für das Schnarchen und Quietschen. Es gibt lästig lange Silben. Kein Grund, eine von der Zeichenmenge her ausgewogenere Trennung wie fri-scher (4:5) nicht als Vorteil gegenüber frisch-er (7:2) anzusehen. (Ich zähle den Trennstrich mit, weil er Platz beansprucht, weil er gelesen wird und weil er eine wichtige Information vermittelt.) Das ist aber nur ein angenehmer Nebeneffekt der üblichen Trennung. Wichtiger ist: frische hat zwei Silben, könnte aber bei einer Trennstelle erst nach dem Zischlaut gar nicht mehr getrennt, also nur noch als eine Silbe dargestellt werden - offensichtlich unlogisch und unsystematisch. Dies unterstreicht noch einmal das Prinzip, konsonantische Einzellaute zwischen Vokalen vorrangig als Anlaut der zweiten Silbe aufzufassen.


Kommentar von A. B., verfaßt am 07.11.2005 um 01.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2256

quietsch-te: wirklich 8:2


Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 07.11.2005 um 01.15 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2255

schnarch-te = 9:2
Gute Nacht!


Kommentar von R. M., verfaßt am 07.11.2005 um 00.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2254

schleif-te = 8:2
Wer hat mehr?


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 07.11.2005 um 00.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2253

Entschuldigung, Herr Achenbach wollte ja misch-en, aber tau-schen. Auch nicht gut; aber mein Beispiel hätten lauten müssen: misch-en mit 6:2 Zeichen, mische ohne Trennstelle. Oder frische, frischer: 7 Zeichen ohne Trennmöglichkeit hier, 7:2 Zeichen bei der Trennung frisch-er.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.11.2005 um 23.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2250

Zunächst einmal sollten wir froh sein, daß die Reformer sich nicht auch noch an den Trennungen bei ch (und ph usw.) und sch verwirklicht haben.

Ansonsten stimme ich Herrn Achenbach ebenfalls zu, nicht aber folgendem Absatz:

Was die Systematik angeht, so ist die "gute" alte Dudenregel, daß ein einfacher Konsonantlaut auf die nächste Zeile kommt, nur dadurch begründet, daß normalerweise eine lange Silbe vorangeht. Die Verallgemeinerung dieser Regel auf Fälle wie lach-en/la-chen ist sprachlich-phonetisch durch nichts begründet.

Die gute alte und neue Regel gilt nach bei kurzen Vokalen, also immer! Wenn der kurze Vokal nicht betont ist: Ba-nane, le-tal. Bei betontem kurzem Vokal ist die Regel, den Buchstaben zu verdoppeln, so daß er gleichzeitig auch das Ende der ersten Silbe darstellen kann. Unter dem Strich ergibt sich: im Zweifel bzw. eigentlich ist der Kononant der Beginn der zweiten Silbe, nicht das Ende der ersten Silbe. Besonders deutlich bei Explosivlauten: hät- ten ist keine phonetische Schreibung, denn phonetisch ist nur ein t-Laut vorhanden. Bei "Hammel" kann man immerhin sagen, daß "viel m" vorhanden ist, dem entspricht die Schreibung mit mehreren Buchstaben sehr gut.

Deshalb wäre die phonetische Schreibung: lachchen ("viel ch") im Kontrast zu Suche (kurzer ach-Laut), die phonetische Trennung wäre Su-che und eher lach-en als la-chen, weil bei lach-en zusätzlich dargestellt wird, daß der Vokal a kurz ist. Letzteres stimmt also, es ist aber eine isolierte Betrachtung. Die allgemeine Regel ist wie gesagt: Einzelner Konsonant gehört (eher) zur folgenden Silbe. Diese Regel wird eben auch bei lachen und mischen angewandt (wo die Verdoppelung aus naheliegenden Gründen unterdrückt wurde), sonst hätten wir hier veritable Ausnahmen von einer Hauptregel der Schreibung.

Wir sollten nicht die Reformer in ihrem Bemühen übertreffen wollen, irgendein Prinzip wie "phonetisches Prinzip bei Trennungen" zu verabsolutieren, und in ihrer Inkompetenz, die Auswirkungen auf die gesamte Systematik zu bedenken, sobald punktuell nach einem einzelnen Kriterium eine bessere Lösung gefunden zu sein scheint. Auch bei der Leichtfertigkeit, etablierte Lösungen für eine riesige Gemeinschaft mal eben über Bord zu werfen, und sei es nur als Vorschlag, möchte ich raten, diesen Kretins das Feld der Blamage zu überlassen.


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 06.11.2005 um 22.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2249

Natürlich können wir mit vielem leben. Und mit noch mehr. Aber wofür kämpfen wir dann noch? Deshalb meine Überlegungen zu folgendem Zitat: „… da eine Sprechpause mitten in Wörtern wie wetten das t ja nur einmal produziert, nämlich nach der Pause. …“

Ob das t einmal oder zweimal „produziert“ wird, spielt für die Orthographie keine Rolle. Es geht um die Zungenstellung, welche den Unterschied zwischen lang und kurz zeigt.

Zur Klärung der Aussprache bitte ich alle Leser, folgendes selbst auszuprobieren und dabei auf die Zungenstellung zu achten: be-ten, bet-ten
Bei be-ten bleibt vor der Trennung die Zunge in der Mitte des Gaumenraumes frei schwebend. Bei bet-ten legt sich die Zunge vor der Trennung an die oberen Schneidezähne und „produziert“ erst nach der zweiten Silbe den Explosivlaut. Also einmal nur.
Noch einmal: Probieren geht über Studieren. Sie werden merken, daß zwischen beiden Trennungen und Schreibweisen ein Unterschied besteht, der sich sinnvollerweise auch in der Orthographie niedergeschlagen hat.

Dies auf Dak-kel / Da-ckel anzuwenden sei nun jedem empfohlen.

Glauben wir wirklich immer noch, in der Orthographie sei irgend etwas reiner Zufall?
Ich persönlich glaube es nicht. Und deshalb bin ich sicher, daß sich die künstlichen Änderungen nicht halten können. Daraus wieder schöpfe ich die Kraft, mich weiter der Aufklärung zu widmen. Und das sollten wir alle tun. Ohne Wehklagen und Schwenken Weißer Fahnen.



Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 06.11.2005 um 21.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2248

Ich stimme Ihnen, sehr geehrter Herr Wrase, insoweit vollkommen zu, als ich auch die Trennung k-k eindeutig vorziehe. Darin kommt ja am sinnfälligsten zum Ausdruck, daß der k-Laut zu beiden Silben gehört.

Ich halte dagegen nichts davon, ch oder sch bei der Trennung zu zerreißen, denn die Bestandteile hätten dann keinerlei eigene Lautbedeutung. Wenn man aber ch und sch nicht auseinanderreißen will, halte ich Trennungen nach dem Muster lach-en für in jeder Hinsicht vorzuziehen. Es kommt eben darauf an, vor dem Zeilenwechsel größtmögliche Klarheit zu schaffen. Nach dem Zeilenwechsel besteht ja gar keine Unklarheit mehr. Die Trennung la-chen erweckt zunächst den Eindruck, es handle sich um eine lange Silbe. Erst in der neuen Zeile wird der Irrtum aufgeklärt. Bei der Trennung Lach-en kann ein Zweifel aber gar nicht auftreten, denn wenn ich am Anfang der nächsten Zeile angelangt bin und die Fortsetzung "en" sehe, wird mir ja sofort klar, daß hier kein Knacklaut zu sprechen ist. Umgekehrt sehe ich bei Lach-anfall sofort, daß ein solcher auszusprechen ist.

Was die Systematik angeht, so ist die "gute" alte Dudenregel, daß ein einfacher Konsonantlaut auf die nächste Zeile kommt, nur dadurch begründet, daß normalerweise eine lange Silbe vorangeht. Die Verallgemeinerung dieser Regel auf Fälle wie lach-en/la-chen ist sprachlich-phonetisch durch nichts begründet.

Nebenbei gesagt: Ich weiß nicht, wie die erste Silbe von Baku ausgesprochen wird. Soviel ich weiß, wird Baku aber auf der zweiten Silbe betont, so daß auch nach deutschen Schreibgewohnheiten die Silbenlänge der ersten Silbe nicht gekennzeichnet würde.

Leider muß ich Herrn Lachenmann insofern recht geben, als wir uns in der Frage der ck-Trennung in einer taktisch schwierigen, wenn nicht hoffnungslosen Lage befinden. Diese Frage ist eben viel zu unwichtig, um nennenswerte Unterstützung mobilisieren zu können. Selbst wenn wir aller Welt klarmachen könnten, daß die Abschaffung der sinnvollen und kinderleicht zu erlernenden k-k-Trennregel absolut überflüssig und willkürlich war, so würden wir dennoch kaum jemanden dafür gewinnen können, deshalb auf die Barrikaden zu gehen. Ich fürchte, so weh es mir in der Seele tut, daß das auch für ß/ss gilt.



Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.11.2005 um 18.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2246

Ich stimme Herrn Lachenmann zu. Ich wollte auch nicht von einer milliardenfachen Zumutung reden, sondern eher sagen: Der einzelne Lesevorgang wäre keines besonderen Aufhebens wert, aber Milliarden Lesevorgänge ergeben insgesamt eine (!) nennenswerte Zumutung, von der nicht einzusehen ist, wofür sie hingenommen werden sollte.

Zum Vorschlag misch-en: Vielleicht ist sie sogar besser als die eine oder andere Variante. Wären die Reformer drauf gekommen, hätten sich bei ck schon vier Fraktionen gebildet statt nur drei: k-k, -ck, c-k und ck-. Hinzu käme noch der theoretisch vielleicht beste Vorschlag, ck gleich abzuschaffen und kk zu schreiben. Das ist ein bißchen viel, um es synoptisch sauber zu diskutieren.

Ich meine: Wenn man verstanden hat, daß ck für kk steht – steht ja sogar im neuen Regelwerk –, fällt die Trennung bak-ken doch niemandem schwer. Sie ist günstig für den Leser, sie paßt sich systematisch in die Silbengelenk-Trennungen ein, und sie ist die einzige Lösung, bei der wieder Einheitlichkeit hergestellt werden kann. Der Anblick von bak-ken sieht unangenehm aus, aber doch nur, wenn man das in solchen Ausführungen künstlich zusammenzieht. In Wirklichkeit sieht der Leser die Hälften getrennt, also nur bak-, und so wird die "Aussprache", die auch beim stillen Lesen mitschwingt, richtig gelenkt.

Das wäre bei back- sogar in noch höherem Maße der Fall, zudem ergäbe sich keine Variation der Zeichen. Der Haken ist die allgemeine Systematik, einen einzelnen Konsonanten im Zweifel als Anfang der zweiten Silbe aufzufassen und nicht als Ende der ersten Silbe. Wir hätten sonst eine unplausible Abwechslung: Zuordnung zur erste Silbe (als Auslaut), wenn der vorausgehende Vokal kurz ist; Zuordnung zur zweiten Silbe (als Anlaut), wenn der vorausgehende Vokal lang ist: back-en, Ba-ku. Zudem wäre bei back-en das Lesen der zweiten Silbe gestört: Anstatt den Übergang ohne Bruch zu sprechen, wäre man versucht, die Silbe en mit einem zusätzlichen Knacklaut einzuleiten, der in anderen Sprachen auch in der Schrift abgebildet wird; vgl. die Aussprache bei laufende, Lauf-Ende.


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 06.11.2005 um 18.06 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2244

Das sehe ich nicht ganz so. Was ärgerlicher ist, die Nachteile von ba-cken (multipliziert mit einer Milliarde pro Woche für die ganze Schreibgemeinschaft) oder die Tatsache, daß der Staat diese nachteilige Schreibung durchsetzen möchte, ist eine Frage der persönlichen Einschätzung

Das mag schon so sein. Andererseits kann ich nicht erkennen, daß die deutschsprachige »Kulturgemeinschaft« seit der Einführung der Reform unter dem Joch der wöchentlich milliardenfachen Zumutung, ck nicht mehr in k-k aufgelöst schreiben und lesen zu dürfen, deutlich wahrnehmbar litte.

Das gilt ja auch für die vielen anderen Veränderungen, die die Reform der deutschen Orthographie zufügt. Mögen sie überflüssig, unästhetisch und genau genommen sogar falsch sein, »leben« kann »man« damit allemale, Millionen Schreiber und Leser tun es ja bereits seit Jahren, wenn auch auf deutlich abgesunkenem Niveau, aber das stört halt nur eine Minderheit, selbst erstaunlich viele Journalisten und Gebildete sind mit dem unordentlichen Zustand völlig zufrieden, der Gewöhnungs- und -ermüdungseffekt ist in vollem Gange. Und unsere Kulturpolitiker, die einzigen, die wirklich dieser unerfreulichen Entwicklung Einhalt gebieten könnten und aufgrund ihrer Verantwortung auch müßten, freuen sich darüber. Diese gezielte und von viel zu vielen Menschen unkritisch mitgetragene Kulturbeschädigung ist – nach meiner persönlichen Einschätzung – tatsächlich ärgerlicher als die eine oder andere »Regelung«.

Den Generationen, die gar keine andere Orthographie gelernt haben, wird man noch so eindringlich die Vorzüge der in ihren Augen »veralteten« oder »falschen« Rechtschreibung ihrer Eltern und Großeltern schildern mögen, die wenigsten werden diese Vorzüge noch erkennen und niemand wird sie noch brauchen, weil das gesamte Schreib- und Leseniveau für die Zeitgenossen unmerklich aber im Vergleich zu früher doch nachhaltig abgesunken sein wird. Künftige Generationen werden mit den ihnen zur Verfügung stehenden, aus unserer Sicht reduzierten Mitteln schreiben, und die Sprachbegabten werden sogar gute Texte mit dieser qualitativ minderwertigen Orthographie schreiben können. In »unserer« Orthographie wären sie wahrscheinlich besser, aber wer weiß?

Wir haben es mit einer kulturellen Regression zu tun, die kaum aufzuhalten sein wird, solange kein wirklicher Leidensdruck von dieser Entwicklung, die auch in anderen Lebensbereichen zu beobachten ist, ausgelöst wird. Probleme wie die der ck-Trennung dürften für die Herstellung eines solchen Leidensdrucks nicht ausreichen.



Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 06.11.2005 um 17.55 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2243

Als weitere Variante möchte ich die Trennungen Lach-en, Wasch-en, Eck-en vorschlagen. Ich finde sie jedenfalls besser als La-chen, Wa-schen oder E-cken. Sie haben vor allem den Vorteil, nicht den Wortstamm zu zerreißen.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.11.2005 um 17.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2242

Glasreiniger hat teilweise recht: misc- allein wäre sogar ausgezeichnet informativ, man würde sogleich die Fortsetzung kennen. Die Probleme ergeben sich erstens, wenn man das Prinzip fortschreibt, also auch die Digraphen zerlegt: Lac- wäre dann bei Trennungen die erste Silbe sowohl von Lachen als auch von Lackieren und Lactose. Step- wäre die erste Silbe von Steppe und Stephan. Spätestens bei th wäre der Spaß zu Ende: Ka-tarina, aber Kat-harina? Das kann es nicht sein. Zweitens ist die Frage, ob misc- nur deshalb gewöhnungsbedürftig wäre, weil man man es nicht gewohnt ist. Viel spricht dafür, daß sch als eine Art "Buchstabe" wahrgenommen wird. Es würde aus dem Rahmen fallen, daß ein Zeichen für nur einen Laut, hier das Dreifachzeichen sch, seinerseits getrennt wird. Vor allem aber wäre die Trennung sc-h nur dann eine einleuchtende Lösung, wenn der Zischlaut ausschließlich nach kurzen Vokalen vorkäme. Das ist nicht der Fall, er kommt oft nach Diphthongen vor, seltener auch nach langen Vokalen. So stünden nebeneinander die Trennungen misc-hen, krei-schen. Dieses Hin und Her ist m. E. ein offensichtlicher Nachteil. Die Zerlegung im Silbengelenk funktioniert hervorragend bei Doppelkonsonsonantenbuchstaben, nicht bei Schreibungen mit verschiedenen Buchstaben für einen Laut.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 06.11.2005 um 14.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2240

Im Fall des Trigraphen sch möchte ich Herrn Wrase widersprechen. Ich halte es für keinesfalls offensichtich, daß die Trennung misc-hen nachteilig sei. Sie ist sicherlich gewöhnungsbedürftig. Bei näherem Hinsehen mag ich mich auch mit lac-hen anfreunden. Wäre letztere zulässig, spräche das sicherlich auch gegen bac-ken.



Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.11.2005 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2239

Ist es bei dem ck-/kk-Problem nicht so wie sonst auch in der Orthographie, daß man sich kaum darüber aufregen würde, wie »la-chen« auch »ba-cken« zu schreiben, wenn sich das von selbst irgendwie so eingebürgert hätte, weil es dem "Schreibvolk" aus eigener Intuition mit der Zeit so besser gefallen hätte? Dann würde sich niemand mehr den Kopf zerbrechen über die Begründung. Es hat sich aber nicht von selbst eingebürgert und niemand hatte das Bedürfnis danach, das stört doch am meisten.

Das sehe ich nicht ganz so. Was ärgerlicher ist, die Nachteile von ba-cken (multipliziert mit einer Milliarde pro Woche für die ganze Schreibgemeinschaft) oder die Tatsache, daß der Staat diese nachteilige Schreibung durchsetzen möchte, ist eine Frage der persönlichen Einschätzung. Man beachte, daß es bei ba-cken die bessere Alternative bak-ken gibt. Dies trifft für lachen nicht zu, denn sowohl lac-hen als auch lach-chen wären offensichtlich schlechter als la-chen. Das wird noch deutlicher bein Trigraphen:
mis-chen oder misc-hen oder misch-schen - alles offensichtlich schlechter als mi-schen.


ba-cken hat zwei Nachteile für den Leser, die beide bei bak-ken nicht vorhanden sind. la-chen hat dieselben Nachteile, aber es gibt keine bessere Lösung für ch und sch (und weitere Digraphen wie ph). Ich meine, daß der Leser sich zwar irritiert fühlen kann, wenn er dieser Trennung begegnet, daß er aber ein Einsehen hat, wenn er die Fortsetzung mit dem Di- oder Trigraphen sieht. Übrigens ist nach einem fälschlich lang gesprochenen Vokal der Einstieg mit einem Explosivlaut (wie bei ba- cken) besonders ärgerlich, noch mehr als bei einem Fließlaut, der selber eine gewisse Länge hat, etwa so lang wie ein kurzer Vokal (la- chen, mi- schen, Ste- phan).



Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.11.2005 um 13.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2238

zu du/Du

a) “Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“: Hier ist der Gesprächspartner nicht persönlich angesprochen, manche sprechen vom „Beispiel-du“;
b) “Was Du heute besorgen kannst, das …“ meint den Gesprächspartner ganz persönlich: wegen des „Du“, nicht wegen der üblichen Wortstellung.


Dies trifft nicht ganz den Kern der Sache; entscheidend ist der Ausdruck "Gesprächspartner" anstelle von richtig: Leser. Es ist sinnvoll, die Großschreibung nur dann anzuwenden, wenn derjenige, dem mit der Großschreibung ein besonderes Verhältnis angezeigt werden soll, sie auch selber sehen, also lesen kann. Folglich hat ein guter Schreiber es vermieden, die Großschreibung auch bei der Wiedergabe von Dialogen zwischen Dritten anzuwenden. Man kann nicht hören, welches Verhältnis jemand zu seinem Gesprächspartner intendiert, wenn der ihn mit "du" anredet, ob salopp oder respektvoll. Also schrieb man hier besser immer klein, gewissermaßen objektiv und neutral, anstatt die Deutungshoheit über die Gefühle des Sprechers zu beanspruchen. Erst recht wäre es ja ein Mißverständnis, wenn man argumentiert: Ich selbst meine mich in meinen Selbstgesprächen wirklich selber, also gebe ich ein Selbstgespräch mit Großschreibungen wieder: "Das hat Du Dir prima ausgedacht, Du Depp", dachte er erschrocken über sich.

Freilich waren alle möglichen ungeeigneten Großschreibungen von du außerordentlich verbreitet, bis hin zur Wiedergabe von Selbstgesprächen. Daher war die Duden-Formulierung "in Briefen und briefähnlichen Texten" zwar ganz sinnvoll und hilfreich, aber erstens nur an der Textsorte orientiert statt daran, ob der Schreiber dem Leser ein besonderes Verhältnis tatsächlich anzeigen will; zweitens wurde die Regel weithin mangels Kenntnis mißachtet zugunsten permanenter Großschreibung.

Somit ergibt sich für den Rat eine einfache Möglichkeit, die beste aller Lösungen zu erreichen: Freigabe, je nachdem, was der Schreiber ausdrücken möchte. Allerdings wäre hinzuzufügen (dieser Hinweis wäre auch vor der Reform angebracht gewesen): Großschreibung kommt sinnvollerweise nur dann in Frage, wenn der Angesprochene zugleich der Leser ist; nicht aber bei der Wiedergabe von Gesprächen oder Gedanken.


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 06.11.2005 um 13.38 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2237

Ist es bei dem ck-/kk-Problem nicht so wie sonst auch in der Orthographie, daß man sich kaum darüber aufregen würde, wie »la-chen« auch »ba-cken« zu schreiben, wenn sich das von selbst irgendwie so eingebürgert hätte, weil es dem "Schreibvolk" aus eigener Intuition mit der Zeit so besser gefallen hätte? Dann würde sich niemand mehr den Kopf zerbrechen über die Begründung. Es hat sich aber nicht von selbst eingebürgert und niemand hatte das Bedürfnis danach, das stört doch am meisten.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.11.2005 um 13.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2236

zu kk = ck

Es ist – ob nun sinnvoll oder nicht – im deutschen Schriftgebrauch üblich, zwischen zwei identischen Konso-nanten zu trennen, zumal diese in der Regel nach einem kurzen Vokal stehen: bab-beln, Klad-de, nen-nen, bes-ser, wet-ten etc. Ob dies wirklich der Empfehlung des alten Dudens entspricht, so zu trennen, "wie es sich beim langsamen Sprechen von selbst ergibt, also nach Sprechsilben", ist vielleicht einmal ein Streitgespräch wert, da eine Sprechpause mitten in Wörtern wie wetten das t ja nur einmal produziert, nämlich nach der Pause.

Die Trennungen mitten im Silbengelenk sind lesetechnisch sehr sinnvoll, weil dem Leser mitgeteilt wird, daß es sich bei dem letzten Vokal nicht um einen langen, sondern um einen kurzen Vokal handelt. Zusätzlich erfährt der Leser auch gleich, wie der folgende Konsonant lautet. Das ist also erstens nicht irreführend und zweitens informativ, ganz im Gegensatz zu *ne-nnen. Wer langsam und dennoch präzise spricht, bleibt bei einem kurzen e und verweilt dafür lange auf dem mittleren n-Laut: nennnn-nen. Genau dies veranschaulicht den Sinn erstens des Doppelbuchstabens und zweitens den Sinn der Trennung, bei der der n-Laut sowohl als Ausgang der ersten Silbe wie auch als Anlaut der zweiten Silbe dargestellt wird.

Dieselbe Logik wird zweckmäßigerweise auch bei Explosivlauten wie in hät-ten angewandt. Dies zeigt ebenso, daß der t-Laut gleichermaßen Auslaut der ersten Silbe wie Anlaut der zweiten Silbe ist - und daß das ä ein kurzer Vokal ist. Es ist leider ein Mißverständnis, hier (rückwirkend aufgrund dieser Schreibkonvention) zu behaupten, das langsame Sprechen ergäbe die Aussprache "hät ... ten" mit zwei getrennten t-Lauten. Die Anleitung, nach langsamem Sprechen zu trennen, gilt in diesem Fall einfach nicht! Diese Feststellung fehlt leider regelmäßig bei der Diskussion der Silbentrennung. Vielmehr wird das Ergebnis der Probe, wie es sich für nennen darstellt, um derselben Vorteile willen sowie wegen der Systematik (sowohl für den Schreiber wie für den Leser) analog auf hätten übertragen. nen-nen, hät-ten: ganz einfach.

Für backen ergeben sich daraus die zwei Optionen bac-ken und bak-ken. Daß etwa bak- die richtige Aussprache zuverlässiger wiedergibt als bac-, leuchtet unmittelbar ein (denn ein c- könnte auch einen folgenden ich-/ach-Laut anzeigen und steht allein am ehesten für t + s, oft auch für t + sch). Deshalb war dies ja Konsens: Es war und ist die beste Lösung. Man mußte eigentlich nur einmal erfahren, daß ck nichts anderes ist als kk. Und bevor man die (bisher) beste Lösung ändert, müßte erst einmal eine standfeste Begründung her, warum eine Änderung nötig oder zumindest im Endeffekt überlegen sein soll. Die gibt es nicht, vielmehr sind die Ausführungen zu ck im Regelwerk widersprüchlich und irreführend. Folglich ist die Absegnung der Trennung ba-cken ein Fehler des Rates für Rechtschreibung. Leider hat die FAZ dies nicht bemerkt, nach dem Zehetmairschen Motto: Wenn wenigstens die größten Unsitten der Reform abgeschafft werden, ist das für uns schon ein Erfolg.

PS: Ein weiterer Vorteil der Lösung bak-ken ist, daß die richtige Ausprache auch dann (in aller Regel) sichergestellt wird, falls tatsächlich einmal ein c als letzter Konsonant vor dem Trennstrich erscheint, etwa bei mac-chiato (vgl. *mac-hen) oder Lac-tat (vgl. *Lac-hen).


Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 06.11.2005 um 10.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2235

Der F.A.Z.-Kommentar vom 31.10.2005 beginnt mit der Feststellung, es gebe keine Rückkehr zur kk-Trennung, und dies sei in Anbetracht der übrigen Beschlüsse zu verkraften. Verkraftbar ist diese Entscheidung zwar, aber nicht begründet – auch nicht aus Sicht derer, die vorgeblich eine Erleichterung für den (kindlichen) Schreiber anstreben:
Es ist – ob nun sinnvoll oder nicht – im deutschen Schriftgebrauch üblich, zwischen zwei identischen Konsonanten zu trennen, zumal diese in der Regel nach einem kurzen Vokal stehen: bab-beln, Klad-de, nen-nen, bes-ser, wet-ten etc. Ob dies wirklich der Empfehlung des alten Dudens entspricht, so zu trennen, "wie es sich beim langsamen Sprechen von selbst ergibt, also nach Sprechsilben", ist vielleicht einmal ein Streitgespräch wert, da eine Sprechpause mitten in Wörtern wie wetten das t ja nur einmal produziert, nämlich nach der Pause. Schreibanfänger verinnerlichen jedoch schnell und ganz recht eine (ausgesprochene oder unausgesprochene) Regel, zwischen identischen Konsonanten zu trennen, und Leser neigen dazu, geschriebene Vokale am Satzende mit lang gesprochenen Vokalen gleichzusetzen.
Vor diesem Hintergrund wäre selbst eine Trennung zwischen c und k besser (Schnec-ke). Systemgerechter wäre die grundsätzliche Auflösung von ck in kk (Dakkel, Schnekke etc.) wie in Akkord, Akku und Trekking, was allerdings einen Bruch mit unserer Schreibtradition bedeutete. Am besten wäre daher die Beibehaltung der konventionellen ck- und kk-Schreibung – ändern sollte man etwas erst, wenn danach ein Bedürfnis in der Schreibgemeinschaft durch Schriftzeugnisse belegbar ist.

Kaum aufgefallen ist in der Pressekonferenz des Ratsvorsitzenden, Dr. Zehetmair, daß dieser sich ausdrücklich zum groß geschriebenen Anredepronomen bekennt – er schreibt wieder: "Dein Hans" etc. (ein Possessivadjektiv). Das begründet die Hoffnung, daß der Rat in seiner Beratung der Groß- und Kleinschreibung endlich auch die Anredepronomen „Du“, „Dir“, „Dich“ etc. wiederherstellt.
Bereits der alte Duden bindet die Großschreibung unpräzise an die Textsorte (hier: den Brief) statt korrekt an die Bedeutung, und die reformierte Duden-Redaktion erkennt darin gar eine unnötige „Höflichkeitsgroßschreibung“: Wenn man jemanden duze, bestehe kein Anlaß, „durch Großschreibung besondere Ehrerbietung zu bezeugen“. Mit Höflichkeit oder „Ehrerbietung“ hat die Großschreibung jedoch gar nichts zu tun – wohl aber die Kleinschreibung mit Unhöflichkeit, denn sie hat schlicht eine andere Bedeutung, wie sich an einem bekannten Sprichwort demonstrieren läßt:
a) “Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“: Hier ist der Gesprächspartner nicht persönlich angesprochen, manche sprechen vom „Beispiel-du“; man könnte auch distanzierter formulieren: „Was man heute kann besorgen …“
b) “Was Du heute besorgen kannst, das …“ meint den Gesprächspartner ganz persönlich: wegen des „Du“, nicht wegen der üblichen Wortstellung.
c) “Was man heute kann besorgen, das verschiebe man …“ entspricht dem keinen „du“ ist aber distanzierter.
d) “Was Sie heute besorgen können, das verschieben Sie bitte …“ ist die distanzierte Variante des „Du“.

Es gibt also eine persönliche und eine unpersönliche Anrede (Du – du) und von beiden jeweils auch eine distanzierte Form (Sie – man). Das eigentliche Ziel der Reformer ist es also nicht, das „Du“ anders, nämlich klein schreiben zu lassen, sondern es durch ein anderes Wort mit anderer Bedeutung zu ersetzen. Dieser Unfug findet hoffentlich bald auch in Mitteilungen des Lehrers unter Schularbeiten sein Ende.


Kommentar von F.A.Z., verfaßt am 03.11.2005 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2232

»Das sogenannte Unstrittige

Zur Agenturmeldung "Rechtschreibrat: Mehr Kommata setzen" (F.A.Z. vom 29. Oktober): Zwar sollte man den, der auf dem rechten Weg voranschreitet, nicht mit Grübeleien ins Stolpern bringen. Vor dem Hintergrund der kultusministeriellen Sturheit ist es ja höchst anerkennenswert, was Hans Zehetmair in Sachen Reform der Rechtschreibreform (RSR) bisher schon - und bestimmt nicht ohne Gegenwehr - angestoßen hat. Doch die Liste dessen, was in den früheren Stand zurückzusetzen wäre, gilt auch für die fälschlicherweise als "unstrittig" bezeichnete ß-Regel. Nach heutigem Konsens würde der "Schlussstrich" vor dem Schlußstrich Bestand haben. Da mittlerweile auch in der Politik die Achtundsechziger abgetreten sind und mit ihnen die Elite-Phobie auf keine zum äußersten entschlossene Verfechter mehr zählen kann, steht im Augenblick (aber wohl nicht sehr lange noch) das Zeitfenster für einige Berichtigungen offen, die vor dem Abschluß der RSR als "bisher übergangen" anzumahnen sind. Das betrifft den schon älteren "Sündenfall" in Gestalt des griechischen "Ph", dessen Schreibung als "F" sich heimlich still und leise verfestigt. Ist es im Gegensatz zu angelsächsischen Kindern von deutschen Schülern zuviel verlangt, sich der griechischen Wurzeln im Begriff "Telephon" ("tele" = fern, fernhin, "phonein" = rufen) bewußt zu sein? Kulturvölker wie etwa Franzosen, Briten und mit ihnen sogar die Amerikaner schreiben "phone" mit größter Selbstverständlichkeit. Und was soll der "Geograf"? Was hat der Erdkundler mit einer Adelsstufe gemein? Ist es denn den Vereinfachern entgangen, daß sie in ihrem Übereifer das Ziel zur Hälfte verfehlten, indem sie in den aus Griechisch und Deutsch zusammengestückten Zwittern griechische Partikel stehen ließen: "Ge(o)" als griechisches Wort für "Erde"; im Paragrafen "para" = neben, an, vorbei; beim Demografen "demos" = Volk. Unbehelligt von der konsequenterweise zu schreibenden Füsik blieb bisher die Physik. Wenn das "Ph" dort nicht stört, warum denn in Wörtern wie Demographie, Paragraph, Phantasie? Kurt-Rolf Ronner, Bottmingen, Schweiz«


( F.A.Z. / Briefe an die Herausgeber, 04.11.2005, Nr. 257 / Seite 11 )


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2005 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2230

Abgesehen davon, daß es in anspruchsvollen Verlagen üblich war, nicht weniger als drei Buchstaben abzutrennen, sind "aa-len" und "ah-nen" so übel nicht, denn die Fortsetzung auf der nächsten Zeile ist in hohem Grade voraussagbar. Darauf kommt es an, nicht auf den Sinn, den die abgetrennte Silbe für sich allein vermittelt.
Übrigens bin ich neulich tatsächlich mal auf ein "Drucker-zeugnis" (Erzeugnis des Drucks) gestoßen, es hat mich aber nicht gestört.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 03.11.2005 um 11.29 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2228

Nur ein kleiner Einwurf zu Herrn Wrase (#2226, letzter Absatz):
Welcher Sinn wird dem Leser denn mit aa- oder ah- vermittelt? Die Trennungen aa-len und ah-nen sind doch wohl weiterhin regelkonform, oder?


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 03.11.2005 um 03.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2227

Zurück zur Sache - nochmals zu Herrn Achenbach:
Das Schlimme an der reformierten Silbentrennung sehe ich nicht so sehr darin, daß sie Trennungen wie Metas-tase, Diag-nose, Prog-nose zuläßt, sondern daß sie im Endergebnis solche Trennungen sogar zwingend vorschreibt - nämlich dann, wenn vom Schreibenden die Struktur dieser Wörter nicht "empfunden oder erkannt" wird (§ 112 der Amtlichen Regeln).

Das trifft nicht zu. Bei solchen Wörtern, die "oft" nicht mehr als Zusammensetzungen empfunden oder erkannt werden, sind verschiedene Trennmöglichkeiten vorgesehen, und so halten es auch alle Wörterbücher. Das Problem ist hierbei zum einen die Schwammigkeit des Kriteriums, so daß die Wörterbücher zunächst zu ganz unterschiedlichen Auslegungen kamen. Ebenso der einzelne Anwender, der häufig zu keinem klaren Ergebnis gelangt, ohne nachzuschlagen, und erst in den neuesten (wenig verbreiteten) Wörterbüchern eine einigermaßen konsistente Auskunft bekäme.

Das ist aber alles zweitrangig, weil man Trennungen nicht nachschlägt, sondern in der Regel von der Software bekommt. Das eigentliche Ärgernis ist doch, daß nun alles gleichzeitig und gleichrangig möglich sein soll: Di-agnose, Dia-gnose, Diag-nose. Kon-struktion, Kons-truktion, Konst-ruktion. So produziert es die Textverarbeitung, so sehen die neuen Texte aus, wenn man nicht mühsam von Hand repariert. Die Regel ist also im Endeffekt ein schlechter Scherz, eine Zumutung für den Schreiber - und wenn der es auf sich beruhen läßt ("Kann ich doch nichts dafür, das kommt so vom Programm, ich habe für so diesen Kleinkram keine Zeit"), eine Zumutung für den Leser.

Praxistauglich und angemessen ist eine möglichst eindeutige Regelung der Worttrennung. Der Paragraph gehört auf den Müll. Weil gerade bei der Worttrennung die Textverarbeitung die überragenden Rolle spielt, ist die Orientierung am ungebildeten Anfänger oder an dessen vermutetem gedanklichem Herumprobieren völlig abwegig.

Im Prinzip schreibt man nur in der Schule noch von Hand. Und wer von Hand schreibt, füllt die Zeile nicht krampfhaft bis zum letzten Zentimeter, sondern wählt einen großzügigen Zeilenumbruch. Wer wird denn schon mitten im Wort vom Zeilenende überrascht und kommt ins Grübeln, wie er nun trennen soll? Das gilt vielleicht gerade noch für ein ungeschicktes Kind, das seine ersten Buchstaben krakelt. Dieses Kind wird sich nun wahrlich nicht mit der Frage beschäftigen, wie die richtige Trennung von Hämokrit oder Episkop auszusehen habe.

Es ist zu befürchten, daß der erhabene Rat für deutsche Rechtschreibung diesem Unsinn treu bleibt. Es ist schließlich seine mehrheitliche Absicht oder, um es mit der Auffassung von Norbert Richard Wolf auszudrücken, seine "Pflicht", die amtlichen Regeln anzuerkennen. Andererseits sind die amtlichen Trennregeln derart unbrauchbar, daß sie früher oder später von der Praxis aussortiert werden. Bleibt noch, den Lehrern viel Spaß dabei zu wünschen, den Kindern etwas zu erzählen, was wahrscheinlich nicht mehr gilt, wenn sie als Erwachsene die Schule verlassen.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 03.11.2005 um 02.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2226

Zu Herrn Achenbach:

Ich glaube, Professor Ickler hat Ihre Kritik an dem FAZ-Artikel inzwischen richtig eingeordnet, und Sie selber betonen ja nochmals den Zeitdruck, unter dem der Artikel offenbar zustande gekommen (und wahrscheinlich "zusammengestrichen" worden) ist.

Richtig ist, daß vor allem der dritte Absatz einleitend unlogisch ist. Bei "Ebenfalls zu vermeiden sind ..." denkt mancher Leser, er werde nun über die neuen Vorschläge zu sinnvolleren Trennungen unterrichtet. Das ist aber nicht der Fall, denn Frau Schmoll referiert schon im letzten Absatz zur Übersicht einige Beispiele, wie sich der Rat inzwischen die Trennungen vorstellt. Dazu führt sie auch und vor allem Trennungen auf, die (natürlich) nicht geändert werden sollen, sehr deutlich bei Heim-weg etc. und Bau-er etc. Ebenso nun im dritten Absatz die Beibehaltung der Trennmöglichkeiten vom Typ Metas-tase. Die Formulierung "Ebenfalls zu vermeiden sind ..." bleibt allerdings unlogisch und ist daher irreführend. Der richtige Platz dieser Bewertung ist ein Absatz später, wo sie im richtigen Zusammenhang wiederholt wird: Der "Griechischkundige" aber wird sie vermeiden.

Nochmals zu diesem Begriff: Er ist keine "Stilblüte", sondern sachlich richtig. Das trifft selbst für das letzte Beispiel mal-trätieren zu, das aus Gründen der Übersichtlichkeit bzw. zum Zweck des Vergleichs in der überwiegend "griechischen" Liste mitgenommen wurde. Zuvor war ausdrücklich davon die Rede, daß es vor allem um "griechische" Wörter geht, und dies zeigte sich auch an dem Übergewicht in den vier Beispielen, von denen nur das eine am Schluß den Bereich "lateinisch" (im weiteren Sinn) vertrat. Dieser Griechischkundige wird die Trennung malt-rätieren mit großer Sicherheit vermeiden, das ist überhaupt nicht zu bezweifeln! Sie schreiben das inzwischen selbst, sogar noch allgemeiner und zugespitzter als Frau Schmoll. Klaus Achenbach: Das Beispiel "malt-rätieren" ist noch um eine Größenordnung schlimmer ... [D]iese Trennung ist völlig überflüssig ... Diese Trennung ist nach meinem Empfinden völlig unnatürlich und unphonetisch. Ich glaube nicht, daß irgend jemand mit rudimentärem Sprachgefühl von alleine auf eine solche Trennung verfallen würde.

Ihr Vorschlag "der Griechisch- oder Französischkundige" wäre hingegen verfehlt. Denn wenn Sie schon wollen, daß jemand nach diesem Schema in der Lage sein soll, alle Beispielwörter richtig zu trennen, müßten Sie schreiben: "der Griechisch- und Französischkundige". (Für mal-trätieren reicht allerdings auch ein rudimentäres Sprachgefühl, wie Sie selbst anmerken, oder zur letzten Sicherheit reichen ein paar Brocken Latein, und die hat der Absolvent mit Gräkum sowieso drauf.) Dann sind aber nur die paar Beispielwörter abgedeckt, und das wäre ein Mißverständnis. Es geht darum, wer grundsätzlich solche Wörter richtig trennen kann, und da bräuchten Sie in Ihrem Sinne: "der Griechisch- und Latein- oder Französisch- und Italienischkundige" oder so ähnlich. Erst das wäre nach dieser Holzhammer-Logik der "Sprachkundige", der mit den Trennungen zurechtkommt. Das ist aber sachlich überhaupt nicht zutreffend und auch nicht gemeint. Am problematischsten sind einige Wörter aus dem Griechischen, denken Sie an Monopteros oder Triptychon. Somit sind in der Tat vor allem spezielle Griechischkenntnisse nötig, um den Fremdwortbereich morphologisch zu meistern.

Sie schreiben: Von einer "Rückbesinnung des Rats auf die Hauptregel für die Silbentrennung" kann doch keine Rede sein. Die Vermeidung irreführender Trennungen wurde von den Amtlichen Regeln genauso gefordert wie seit jeher vom alten Duden. Doch, genau das hat Herr Zehetmair als Ergebnis in der Pressekonferenz mitgeteilt. Die Formulierung "die Hauptregel" ist zwar nicht angemessen, es ist vielmehr ein Prinzip neben anderen. Die amtlichen Regeln fordern das zwar auch irgendwo, haben aber irreführende Trennungen en masse eingeführt. Seit wann halten Sie das amtliche Regelwerk für in sich stimmig?

Dazu müssen Sie nur Ihr Verständnis der Irreführung oder der Sinnentstellung ein wenig ausdehnen, weg von dem absolut überstrapazierten "Urin stinkt". Sie schreiben: Die Schlußfolgerung ("also") im zweiten Absatz ist verfehlt, denn an Trennungen wie E-sel oder A-bend ist nichts "Sinnentstellendes", was immer man sonst davon halten mag. Doch, solche Trennungen sind sehr wohl sinnentstellend. Welcher Sinn wird dem Leser durch den Anblick von E- oder A- vermittelt? Mit Sicherheit keiner. Der Leser kommt sich, auf deutsch, verarscht vor, auch wenn er nicht ein bißchen auf eine falsche Fährte gelockt wird, sondern "nur" überhaupt nichts mit dem Bruchstück anfangen kann. Lesen Sie zum Vergleich: Esel, Abend. Hundert Prozent Sinn hier, null Prozent Sinn dort. Was sollte man sinnentstellend nennen, wenn nicht so etwas?


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 03.11.2005 um 00.22 Uhr   Mail an
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Zurück zur Sache:
Das Schlimme an der reformierten Silbentrennung sehe ich nicht so sehr darin, daß sie Trennungen wie Metas-tase, Diag-nose, Prog-nose zuläßt, sondern daß sie im Endergebnis solche Trennungen sogar zwingend vorschreibt - nämlich dann, wenn vom Schreibenden die Struktur dieser Wörter nicht "empfunden oder erkannt" wird (§ 112 der Amtlichen Regeln). Ich denke, viele, wenn nicht die meisten, Menschen würden dagegen gefühlsmäßig eher zu den Silbentrennungen Me-ta-sta-se, Di-a-gno-se, Pro-gno-se neigen. Schon die stimmhafte Aussprache des g im Silbenlaut widerspräche ja deutschen Ausspracheregeln.
Der grundlegende Fehler der Reformer liegt eben darin, deutsche (teils aber auch zweifelhafte) Trennregeln (§ 108 bis § 110) auf nicht-deutsche Wörter anzuwenden. Dies führt dazu, daß ganz und gar unnatürliche und unphonetische Trennungen wie Postg-lazial oder Transg-ression streng genommen regelkonform sind. Dagegen hätte ich persönlich nichts gegen eine liberale Regelung, die bei unbekannter Wortstruktur eine phonetische, intuitive Trennung (nach § 107) zuläßt.
Das Beispiel "malt-rätieren" ist noch um eine Größenordnung schlimmer. Nicht nur wird hier eine lebendige Sprache malträtiert, sondern diese Trennung ist völlig überflüssig. Selbst die Amtlichen Regeln lassen ja - auch bei unbekannter Wortstruktur - nach § 110 die Trennung mal-trätieren zu. Wirklich skandalös ist aber, daß ein deutsches Wörterbuch anscheinend (laut Prof. Ickler) nur die Trennung malt-rätieren anführt. Diese Trennung ist nach meinem Empfinden völlig unnatürlich und unphonetisch. Ich glaube nicht, daß irgend jemand mit rudimentärem Sprachgefühl von alleine auf eine solche Trennung verfallen würde.




Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 02.11.2005 um 22.11 Uhr   Mail an
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Zu Herrn Wrase:
Ich bleibe dabei, daß es sich um eine, wenn auch harmlose, Stilblüte handelt. Was wäre denn an "der Griechisch- oder Französischkundige" oder ganz neutral "der Sprachkundige" so kompliziert gewesen?

Im übrigen hatte ich ja selbst ausdrücklich auf den Zeitdruck hingewiesen, unter dem Journalisten arbeiten. Ich hatte den kleinen Patzer ja auch nur als symptomatisch für gröbere Fehler in dem Artikel aufgespießt. Das war auch Ausdruck der Enttäuschung, gerade weil ich die sonstigen Beiträge von Frau Schmoll (mit etwas Beratung durch Prof. Ickler?) sehr schätze. Sie heben sich ja sonst sehr positiv von der sonstigen Presseberichterstattung ab. Diesmal wiederholt sie aber die gleichen Fehler, die in fast allen anderen Berichten auch gemacht werden.

Von einer "Rückbesinnung des Rats auf die Hauptregel für die Silbentrennung" kann doch keine Rede sein. Die Vermeidung irreführender Trennungen wurde von den Amtlichen Regeln genauso gefordert wie seit jeher vom alten Duden. Dagegen ist gerade Prof. Ickler ja der Meinung, diese Aufforderung sei in einem Regelwerk systematisch fehl am Platze. Auch an den Trennungen "Heim-weg" und "Bau-er" ist überhaupt nichts neues.

Die Schlußfolgerung ("also") im zweiten Absatz ist verfehlt, denn an Trennungen wie E-sel oder A-bend ist nichts "Sinnentstellendes", was immer man sonst davon halten mag.

Schließlich ist mir im dritten Absatz völlig rätselhaft, was Frau Schmoll damit meint, daß morphologische Trennungen "zu vermeiden" seien. Handelt es sich vielleicht um einen Tipp- oder Abschreibfehler?



Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 02.11.2005 um 06.34 Uhr  
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Kann man den Bremsern nicht ein neues Geschäft schmackhaft machen: Und frisches Leben blühet aus den Ruinen?
Wenn man hinändern kann, kann man auch herändern. Das Geschäft bleibt doch dasselbe. Und würde vermutlich auch noch steigerungsfähig sein, weil heute jeder Leser und Schreiber nach Handfestem lechzt!

Rückbau ist doch auch ein Geschäft!

Oder steckt den Reformfreunden die konstruktivistische Weltsicht in den Knochen, deren Zurechtrücken sie fürchten wie den Teufel?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2005 um 05.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2221

Also, Frau Schmoll kann sowohl Griechisch als auch Französisch, die falsche Zusammenstellung der Beispielwörter ist sicherlich beim Zusammenstreichen eines Textes passiert und nicht der Rede wert. Bei der Zeitung geht es oft um Minuten, während wir mit unseren Elaboraten in aller Ruhe immer wieder lesen und korrigieren - und trotzdem gelegentlich Stuß hinschreiben.
Auch was Herrn Steinfeld betrifft, muß ich ihn in Schutz nehmen, denn selbst im Rat weiß praktisch niemand mehr auf Anhieb, was nun gerade gilt.
Das eigentliche Problem liegt darin, daß die wirklichen Mehrheitsverhältnisse im Rat sich jetzt wieder deutlicher bemerkbar machen. Die Bremser wollen einfach nicht zugeben, daß die schweren Mängel der GKS - um nur dies zu nennen - eine Fortführung des Unterrichts auf dieser Grundlage unmöglich machen. Das Geschäft geht vor.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 02.11.2005 um 01.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2220

Ich kann übrigens Herrn Wrase ganz und gar nicht darin zustimmen, daß ein offenkundiger Widersinn, ja eine Stilblüte, stilistischer besser sein könnte als eine noch so komplizierte korrekte Ausdrucksweise.

Das habe ich nicht behauptet. Ich habe das Gegenteil behauptet und vorgeführt: daß eine um den Preis der "Korrektheit" komplizierte Ausdrucksweise stilistisch wesentlich schlechter ist. Die "korrekte" oder "korrektere" Ausdrucksweise wäre in diesem Fall eine Stilblüte!

Sprache arbeitet ökonomisch. Regelmäßig steht pars pro toto, so gut wie nie werden Sachverhalte wirklich eins zu eins sprachlich abgebildet. Das sollte man zur Kenntnis nehmen. Was hatte Frau Schmoll geschrieben?

Das gilt für lateinische, noch mehr aber für griechische Wörter. Die nach der Rechtschreibreform erlaubten Trennungen wie "Metas-tase, Diag-nose, Prog-nose, malt-rätieren" sind also weiterhin möglich. Der Griechischkundige aber wird sie vermeiden (Meta-stase, Dia-gnose, Pro-gnose, mal-trätieren).

Bitte genau lesen! Die Beispielliste schließt sich mit einem "wie" an. Das heißt, die Beispiele in der Liste müssen nicht einzeln exakt für die zuvor genannten Kriterien stehen (lateinisch oder griechisch), sondern sie veranschaulichen nur stichpunktartig, pars pro toto das Gemeinte. Keineswegs muß also malträtieren die letztgenannte Bedingung erfüllen (griechisch); auch nicht die zuvor genannte (lateinisch). Wenn überhaupt, könnte man hyperkorrekt kritisieren, daß malträtieren nicht "lateinisch" ist, sondern eine lateinisch-französische Etymologie hat. Was aber soll diese Kleinkrämerei? Tatsache ist, daß der Lateiner unschwer bzw. intuitiv mal-trätieren auf malus, male + tractare zurückführt, so daß er automatisch zu dieser Trennung gelangt; wobei anzunehmen ist, daß er sie auch aus allgemeiner Kenntnis der Gepflogenheiten beim Trennen bevorzugen würde, auch wenn er das Wort nicht durchschauen sollte.

In der Fortführung wiederholt Heike Schmoll dieselben Wörter wie zuvor, was eine sehr große Deutlichkeit der Vorführung mit sich bringt - ihre Darstellung ist "idiotensicher", auch für unkonzentrierte, genervte Leser geeignet. Bleibt die Frage, wie sie denjenigen nennen sollte, der die besseren Trennungen bevorzugt. Ich sagte ja schon, daß der "Griechischkundige" (pars pro toto!) sachlich eigentlich nicht zutrifft, zu eng gefaßt ist und außerdem zu bildungslastig klingt. Gemeint ist: wer imstande ist, die Bestandteile dieser "griechischen" Wörter zu erkennen. Ich beispielsweise kann das, obwohl ich kein "Griechischkundiger" (im engeren Sinn) bin und nicht alle solchen Bestandteile wirklich verstehe. Im weiteren Sinn kann man hier also doch von "Griechischkundigen" reden.

Und wer auf diese Weise als "Griechischkundiger" Meta-stase trennen möchte, der wird mit größter Wahrscheinlichkeit auch zu der Trennung mal-trätieren neigen, auch wenn dieses letzte Wort der Liste nicht die Menge "griechisch", sondern die Menge "lateinisch" (im weiteren Sinn, das heißt sinnvollerweise inklusive romanische Sprachen) repräsentiert. Nirgends hat also Heike Schmoll behauptet, malträtieren sei ein griechisches Wort. Von einem "offenkundigen Widersinn", von einem "schludrigen Artikel" oder einem "peinlichen Patzer" kann überhaupt nicht die Rede sein. Freispruch!




Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 01.11.2005 um 22.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2218

Herr Zehetmair hat das Beispiel Urin|stinkt tatsächlich gebraucht, ich habe mir den Mitschnitt inzwischen angehört. Aber er hat es im Zusammenhang mit der allgemeinen Empfehlung erwähnt, irreführende Trennungen zu vermeiden, an der sich ja gar nichts ändern soll (auch wenn es bei ihm an einer Stelle so klingt, als sollten solche Trennungen künftig gar nicht mehr zulässig sein). Insofern muss ich ihm Abbitte leisten! In diesem Zusammenhang ist das Beispiel nicht falsch, sondern allenfalls ein wenig drastisch. In der Presse wurden seine Äußerungen aber so dargestellt – und Herr Professor Ickler hatte dieser Darstellung nicht widersprochen, sondern lediglich festgestellt, Zehetmair hätte manchmal keine ganz glückliche Hand –, als hätte er Urin|stinkt und Anal|phabet als Beispiele für Reformtrennungen präsentiert, die nunmehr „rückgängig“ gemacht werden sollen. Darüber habe ich mich geärgert, weil in der Debatte über die Rechtschreibreform schon genug Desinformation betrieben worden ist.
Offenbar liegt das Problem eher bei den Medien als bei Herrn Zehetmair. Die Kompliziertheit der Materie und das Hin und Her der letzten Jahre vermögen die vielen sachlichen Fehler in der medialen Berichterstattung allerdings nur sehr bedingt zu erklären. Wenn etwa ein Journalist in seinem Artikel berichtet, der Rechtschreibrat hätte beschlossen, das Wort Dackel werde weiterhin Dac-kel getrennt, so kann man diese Fehlleistung nicht mit dem enormen Zeitdruck erklären, unter dem er vermutlich gearbeitet hat. Gleiches gilt für die angebliche „Wiedereinführung“ von Schreibungen wie festnageln und kaltstellen, von der vor einigen Monaten in den Medien berichtet wurde.



Kommentar von rrbth, verfaßt am 01.11.2005 um 22.14 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2217

Er hat:
Irreführende Trennungen sind zu vermeiden. Da nenne ich Ihnen auch hier wieder ein paar deutliche Beispiele: Sprecherziehung kann nicht in Sprecher-ziehung getrennt werden, Analphabet kann nicht in Anal-phabet aufgeteilt werden, und vielleicht am deftigsten: Urinstinkt verträgt keine Trennung Urin-stinkt.

Transkribiert nach:
(Pressekonferenz vom 28. Okt. 2005, nach der Sitzung des Rechtschreibrates)

Das scheinen Lieblingsbeispiele zu sein (ist auch kürzer):
Zehetmair im Deutschlandradio, 28.10.05


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.11.2005 um 20.59 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2216

Mehr als 30 MB für den Mitschnitt der Pressekonferenz sind mir - ohne DSL - zu viel. Aber kann mir vielleicht jemand sagen, ob Zehetmair nun das Beispiel "Urin-stinkt" wirklich gebraucht hat oder nicht?


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.11.2005 um 16.44 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2213

Leider ist mir in dem kurzen Beitrag 2194 ein Schreibfehler passiert. Ich hatte das Wort "vermeiden" vergessen.
Es sollte heißen:
Ich bin mir bewußt, daß Journalisten häufig unter großem Zeitdruck arbeiten müssen. Dennoch hätte ich von Heike Schmoll einen solch schludrigen Artikel nicht erwartet. Von zeifellos Wichtigerem abgesehen, ist die Aussage, "Griechischkundige" würden die Trennung "malt-rätieren" vermeiden, doch ein peinliche Patzer.
Leider gibt es bei den Kommentaren keine nachträgliche Korrekturmöglichkeit. Ich habe keine Korrektur nachgeschickt, weil ich glaubte, der Sinn ergebe sich schon aus dem Zusammenhang (das sagen die Reformer doch auch immer!). Darin habe ich mich anscheinend geirrt.
Ich kann übrigens Herrn Wrase ganz und gar nicht darin zustimmen, daß ein offenkundiger Widersinn, ja eine Stilblüte, stilistischer besser sein könnte als eine noch so komplizierte korrekte Ausdrucksweise.
Wenn schon alte und neue Sprachen in einen Topf geworfen werden, muß eben eine passende Ausdrucksweise gewählt werden.
M.E. hätte das Beispiel "malt-rätieren" vollkommen ausgereicht. Die Erwähnung der Griechischkundigen nährt ja nur die Vorurteile über humanistischen Bildungsdünkel (heutzutage eigentlich ein Anachronismus, aber die ganze RSR ist ja ein Anachronismus).
Daß man aber eine lebende Sprache derart malträtieren kann, ist ja noch viel schlimmer. Und geradezu skandalös ist es, daß diese Trennung von einem Wörterbuch aufgeführt wird, ohne den Leser davor zu warnen. Und das trotz eines konspirativen, immer noch geheimgehaltenen Papiers der RSK zur Vermeidung allzu absurder Trennungen!
Wann fordert Herr Zehetmair endlich die Wörterbuchverlage auf, dieses Papier auf den Tisch zu legen? Wozu mühsam an Regeln feilen, wenn sich Wörterbücher sowieso nicht daran halten?




Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 01.11.2005 um 11.36 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2209

Am Samstag war ich mit meiner jüngeren Tochter in der Flensburger Phänomenta, einer Mitmach-Ausstellung, in der Sinneswahrnehmungen und physikalische Phänomene spielerisch erfahren werden können. Man kann dort u.a. durch Zeitungsseiten „hindurchsehen“ – eine optische Täuschung. Der verwendete Text selbst ist (zufällig?) auch ein Täuschungversuch – ein Kommentar aus den „Lübecker Nachrichten“ anläßlich des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 14.7.1998, abgefaßt von einem Dieter Swatek, „Diplom-Volkswirt, Staatssekretär im Ministerium für Bildung …“ (usw.):

Im Sinne der Kinder
Karlsruhe hat sich mit seinem Urteil eindeutig auf die Seite der Kinder gestellt. Sie sind die Gewinner des gestrigen Tages. Nicht nur, daß den jetzigen Schülerinnen und Schülern das Umlernen erspart wird, auch künftige Schülergenerationen werden es nun leichter haben, die deutsche Rechtschreibung zu erlernen. Sie müssen statt der 212 Schreibregeln ...


Das als passende Einstimmung auf die Meldung der 20-Uhr-Tagesschau v. 28.10.05:
Lesen und Schreiben soll für Kinder wieder leichter werden. Dazu hat der Rat für Rechtschreibung heute Vorschläge auf den Tisch gelegt …



Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 01.11.2005 um 03.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2205

Agnostiker

Leider wurde in dem FAZ-Bericht die interessantere neue Trennung Di-agnose nicht thematisiert. Zwar sollen gemäß den neuesten Fortschritten im Rat Einzelvokalbuchstaben innerhalb von sinntragenden Elementen nicht mehr abgespalten werden, also wäre die Trennung Di-agnose hinfällig. Andererseits sollen gerade diejenigen neuen Trennungen in Fremdwörtern aus den alten Sprachen beibehalten werden, die dem ungebildeten Wenigschreiber oder Schulkind durchrutschen könnten. Und woher soll das Schulkind wissen, ob hier die Vorsilbe dia oder die Vorsilbe di vorliegt? Also wäre die Trennung Di-agnose unbedingt erhaltenswert: Wenn jemand weder begreifen noch herleiten kann, welche sprachlichen Gegenbenheiten vorliegen, ist er schließlich Di-agnostiker.

Übrigens hieß es doch immer, im neuesten Duden (2004) seien alle gültigen Trennstellen aufgeführt, während sie 1996 noch in beträchtlichen Mengen unterschlagen wurden. Im Vorwort heißt es: "Für die vorliegende 23. Auflage wurde der Stichwortteil erneut gründlich überarbeitet und erweitert; er umfasst jetzt mehr als 125000 Stichworteinträge mit den Schreib- und Trennvarianten, die nach der gültigen Rechtschreibregelung zulässig und begründbar sind." Wir lesen also: Di-a-g-no-se. Aber wieso lesen wir Di-a-gramm? Was sollte an Diag-ramm unzulässig oder nicht begründbar sein, wenn Diag-nose zulässig und begründbar ist? Offenbar versucht der Duden einen feinen Sinn für die Sprache zu unterstützen und hat es nicht fertig gebracht, die Trennstelle Diag-ramm zu verzeichnen, obwohl sie zulässig ist.

Aber es wird sowieso wieder alles geändert. Ich empfehle der Redaktion foldenden Passus für die erforderliche Neuauflage: "Für die vorliegende 24. Auflage wurde der Stichwortteil erneut gründlich überarbeitet und erweitert; er umfasst jetzt mehr als 130000 Stichworteinträge mit den Schreib- und Trennvarianten, die nach der gültigen Rechtschreibregelung zulässig und begründbar sind." Mit wiederum 5000 neuen Einträgen kann man dem Eindruck vorbeugen, daß nur abwechselnd vorwärts und rückwärts geändert wird.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 01.11.2005 um 00.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2204

Aus stilistischer Sicht ist der Formulierung von Heike Schmoll dennoch der Vorzug zu geben. Sie liest sich besser als: "Der Griechischkundige beziehungsweise der Latein- oder Französischkundige aber wird sie vermeiden (Meta-stase, Dia-gnose, Pro-gnose, mal-trätieren)."



Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 31.10.2005 um 22.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2201

Die besondere Finesse daran war, daß alles im Imperfekt gehalten war - noch provokanter als die Erfindung des "Unstrittigen" durch die KMK.


Kommentar von gefunden, verfaßt am 31.10.2005 um 21.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2200

»Wie wir schreiben sollten – Die Rechtschreibreform ist bankrott

Die Erneuerung der deutschen Orthographie stürzt nicht über ihre Lächerlichkeit, sie geht an ihren Widersprüchen zugrunde / Von Theodor Ickler


Es gibt Brücken, über die keine Straßen führen, Kernkraftwerke, die nie in Betrieb gingen, und Jahrhundertromane, die den Schreibtisch nie verließen.Zu den gigantischen Bauruinen gesellt sich nun die Reform der deutschen Rechtschreibung. Mehrere Jahrzehnte wurde daran gebastelt, Hunderte von Experten wurden bemüht, und am Ende wurde ein zum Reförmchen gegen massiven öffentlichen Widerstand mit Hilfe der politischen Exekutive durchgesetzt. Es bedurfte offenbar des praktischen Umgangs mit der Reform, daß den wirklich Betroffenen deutlich wurde, was ihnen angetan wird. Die Folgen sind offensichtlich: so sehr, daß die beiden dominierenden Wörterbücher sich selbst und einander widersprechen. Nun erst formiert sich ein Widerstand, der weit stärker und artikulierter ist, als alle Proteste gegen das Unternehmen waren. Der Erlanger Linguist Theodor Ickler zieht das Resümee. F.A.Z. (Thomas Steinfeld)

„Orthographie ist das Haxl, bei dem die Schullehrer das Schreiben erwischt zu haben meinen, und es also da festhalten; es hinkt dann freilich bei ihnen auf den drei übrigen Beinchen. Dudens deutsche Rechtschreibung ist das dümmste deutsche Buch.“ Nun, es gibt, wie wir sehen werden, dümmere Bücher als den Duden, aber in Heimito von Doderers bissiger Bemerkung hat die deutsche Haßliebe zur Rechtschreibung ihren dichtesten Ausdruck gefunden. Besonders seit der Vereinigung der Schulrechtschreibung mit dem „Buchdruckerduden“ (1915) beherrscht niemand mehr das immer komplizierter gewordene Regelungswerk, aber als Waffe, mit der man jederzeit dem lieben Mitmenschen eins auswischen kann, erfreut sich der Duden anhaltender Beliebtheit. Als vor einem Vierteljahrhundert der emanzipatorisch gesinnte Zeitgeist einen Weg zu weisen schien, den Schullehrern diese Geißel zu entwinden, waren viele begeistert, während andere naturgemäß den Untergang des Abendlandes heraufziehen sahen. Ein von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft beherrschter Kongreß „vernünftiger schreiben“ (1973) lenkte die scheinbar radikalen, in Wirklichkeit denkbar bescheidenen Wünsche der zweihundert, wie es hieß, „reformwilligen“ Teilnehmer auf die Einführung der Kleinschreibung: „Die reaktionäre großschreibung fällt nicht, wenn wir sie nicht niederschlagen!“ Wer ein gutes Wort für das Bestehende einlegte, war „dem traditionellen bildungserbe der kaiserzeit verhaftet“. Das war verrückt, aber es hatte immerhin Stil und Schwung.
Dann kam die Epoche der Kommissionen und Unterkommissionen. Forschungsarbeiten wurden angeregt, und sie brachten Erstaunliches zutage: Die deutsche Rechtschreibung ist nicht so dumm, wie sie auf den ersten Blick aussieht, es steckt eine geheime, von den Schreibenden intuitiv gefundene Rationalität darin – wie in der Sprache selbst.

Schreiben für Leser.

Hatte man gerade noch in blanker Naivität die eindeutige Zuordnung von Laut und Buchstabe gefordert – mit der gefällig schlichten Konsequenz „Schreib, wie du sprichst!“ –, so sah man nun ein, daß die Rechtschreibung noch andere Ziele verfolgt. Man kann nämlich nicht alles schreiben, was man spricht, und zum Ausgleich schreibt man manches, was nicht gesprochen wird. Wir schreiben Kind, obwohl man weder den Großbuchstaben noch das stimmhafte t am Ende hört, und doch ist beides tief sinnvoll und ein gewaltiger Fortschritt gegenüber kint, wie unsere Vorfahren im Mittelalter zuschreiben pflegten. Das d verdankt sich dem „Stammprinzip“: Der eigentliche Wortstamm, Träger der Bedeutung, endet, wie man an Kindes, Kinderei usw. sehen und hören kann, tatsächlich auf d; das t der Grundform ist bloß die automatische Folge einer die ganze deutsche Sprache durchherrschenden mechanischen Regel, der sogenannten „Auslautverhärtung“. Daraus lernt man zweierlei: Eine kultivierte Rechtschreibung dient dem Leser, denn sie macht die Bedeutung für das Auge sinnfällig. Für den Schreiber jedoch stellt sie eine Erschwernis dar, denn sie setzt nichts Geringeres voraus als eine fast schon wissenschaftliche Analyse der Sprache.
Und die Großschreibung der Substantive? Die zeigt dem Auge, von welchen konkreten oder abstrakten Gegenständen in einem Text die Rede ist. Sehr sinnvoll auch dies.
Noch ein drittes Prinzip wurde allmählich anerkannt: die Unterscheidungsschreibung. Wiederum hört man keinen Unterschied zwischen das und daß, seid und seit, faßt und fast. Es ist kein Zufall, daß dem Leser gerade im Kernbestand der allerhäufigsten Wörter diese Orientierungshilfe gegeben wird. Der Schreibende muß natürlich um so mehr lernen, ja manchmal sogar nachdenken.
Das sind die wichtigsten Grundsätze der deutschen Rechtschreibung; andere,wie die Loyalität gegenüber den Herkunftssprachen, die uns solche Schrecknisse wie Diphthong aufs Papier bringen heißt, sind im Grunde unwesentlich, auch wenn die Fremdwortschreibung am ehesten geeignet ist, Laien und Kultusminister auf die Palme zu bringen.
Was brachte nun die Rechtschreibreform, deren Scheitern wir gerade erlebt haben? An der Zuordnung von Lauten und Buchstaben sollte sich nicht viel ändern. Am auffälligsten war die Ersetzung des ß durch ss nach betonten kurzen Vokalen: Hass, fasst und so weiter. Bisher galt: Doppel-s kann nicht vor Konsonanten und am Wortende stehen, sondern wird in diesen Fällen durch ß ersetzt. Wenn also ein Doppel-s wie in Wasser durch die Wortbildung plötzlich vor einem Konsonanten zu stehen kam wie in wäßrig, dann trat automatisch ß ein. Ebenso am Wortende: hassen, aber Haß. Das war eigentlich nicht so schwer zu lernen. Die Neuregelung machte die Verdoppelung von Konsonantenbuchstaben etwas systematischer. Die Freude darüber wurde allerdings stark gedämpft, wenn man erfuhr, daß es nicht weniger als acht Gruppen von Ausnahmen gab, bei denen nach kurzem betontem Vokal dennoch kein Doppelkonsonant stand, sowie vier Gruppen von Ausnahmen, bei denen trotz Unbetontheit des Vokals ein nachfolgender Konsonantenbuchstabe verdoppelt wurde. Die höchst sinnvolle Unterscheidungsschreibung das/dass sollte in dieser neuen Gestalt erhalten bleiben, obwohl mindestens einer der Reformer sie bis zuletzt bekämpft hatte, weil sie in der Tat seit je für einen ganz großen Teil der Rechtschreibfehler verantwortlich war. Ein Hauptanliegen der Reformer war die Ausdehnung der Stammschreibung auf weitere Wörter. Durch Erfahrungen mit der Durchsetzbarkeit gewitzigt, beschränkten sie ihre Neuerungen allerdings auf selten gebrauchte Wörter wie Bändel (wegen Band) und Gämse (wegen Gams), während sie an die Eltern (trotz alt) nicht Hand anzulegen wagten. Immerhin bescherten sie uns behände, schnäuzen und Stängel, obwohl kaum jemand bei diesen Wörtern an Hand, Schnauze und Stange denken dürfte. Dazu natürlich die bewußt falschen Verknüpfungen, die durch Schreibungen wie einbläuen, Quäntchen und Tollpatsch nahegelegt werden – eine Apotheose der Halbbildung, die viel Heiterkeit, aber auch Unmut hervorrief. Es ist erstaunlich, daß man von solchen Mätzchen partout nicht abzurücken bereit war, obwohl sie offensichtlich die Gefahr bargen, dem ganzen Unternehmen einen vorzeitigen Tod durch Lächerlichkeit zu bereiten. Heute sehen wir, daß die Ausweitung der Stammschreibung ein Irrweg war. Bringt man den Schreibenden erst einmal auf die Suche nach möglicherweise stammverwandten, umlautfähigen anderen Wörtern, so ist kein Halten mehr: sätzen (wegen Satz), märken (Marke) und so weiter – warum nicht? Nur Mut!
Daß in Zusammensetzungen wie Betttuch alle drei Konsonantenbuchstaben künftig geschrieben werden sollten, war vernünftig. Aber warum sollte weiterhin Knien, geschrien und so weiter geschrieben werden, ohne das zweite, das eigentlich hörbare e? (Ein ähnliches Nebeneinander von logischer Pedanterie und Großzügigkeit war in der Zeichensetzung zu finden: Der Abkürzungspunkt galt weiterhin als Schlußpunkt, aber auf das Frage- oder Ausrufezeichen der wörtlichen Rede sollte noch ein Komma folgen: „Komm!“, rief er.)
Rad fahren (wie Auto fahren) war in Ordnung, das sah wohl jeder. Aber das Problem der Getrennt- und Zusammenschreibung liegt tiefer. Im Deutschen haben wir eine sehr große und ständig noch anwachsende Zahl von sogenannten „trennbaren Verben“ wie aufsteigen, die nur im Infinitiv und Partizip zusammengeschrieben werden, sonst aber getrennt: Ich steige auf. Es war noch nie klar, welche Verben zu dieser Gruppe zu zählen sind: nebeneinandersitzen, klavierspielen? Genaugenommen ist der Begriff der „trennbaren Zusammensetzung“ ein Unding, und die sauberste Lösung wäre zweifellos, alles, was in irgendeiner Stellung getrennt geschrieben wird, immer getrennt zu schreiben. Andererseits würde man damit wichtige Bedeutungsunterschiede nicht mehr durch die Schreibung zum Ausdruck bringen, und das wäre auch wieder schade. Von der Bedeutung als Unterscheidungskriterium hielten die Reformer allerdings nicht viel, sie bevorzugten rein formale Kriterien: Wenn der erste Teil einer Wortfügung weder gesteigert noch erweitert werden kann, sollte zusammengeschrieben werden. Also schwer fallen, weil man sagen kann: Es fällt mir sehr schwer oder es fällt mir schwerer, am schwersten. Das ist einleuchtend; andererseits geht dabei aber der Unterschied zu schwer fallen (= einen schweren Sturz erleiden) verloren, ein Unterschied, der sich normalerweise auch durch verschiedene Betonungsverhältnisse bemerkbar macht und insofern durchaus auch ein formaler Unterschied ist. Dafür hatten die Reformer aber keinen Sinn. Dies erklärt zum Beispiel, warum übrig bleiben getrennt geschrieben werden sollte wie artig grüßen, obwohl jedes gesunde Ohr hört, daß eine solche Analogie überhaupt nicht möglich ist.
Nach derselben Regel sollte man schreiben schwer behindert, aber schwerstbehindert. Neben anderen Einwänden war hier der Einspruch der Juristen zu erwarten, denn schwerbehindert im Sinne des Schwerbehindertengesetzes ist jemand, dessen Erwerbsfähigkeit um mindestens50 Prozent gemindert ist, während die rein beschreibende Wortgruppe schwer behindert nur die subjektive Einschätzung durch den Sprecher ausdrückt. In ähnlicher Weise sollten aus den allgemeinbildenden Schulen allgemein bildende werden. Die Kultusminister hatten es unterschrieben.
Nach dem Scheitern der Kleinschreibung bekehrte man sich zu vermehrter Großschreibung, um die Zahl der Problemfälle zu verringern. Substantive verlieren in bestimmten Wendungen nach und nach ihren substantivischen Charakter: Ich lese Buch kann man nicht sagen, wohl aber Ich führe Buch, und in dieser Wendung ist schon gar nicht mehr an ein richtiges Buch gedacht, das durch das „Substantiv“ Buch bezeichnet würde. Die Reform wollte viele Wörter, die längst keine konkreten oder abstrakten Gegenstände mehr bezeichnen, durch Artikel oder Präpositionen aber noch als Substantive gekennzeichnet sind, groß geschrieben wissen: auf Deutsch, im Allgemeinen. Aber damit verschob man nur die Grenzen ein wenig und meist in unvorhersehbarer Weise: auf Grund, aber nicht zu Liebe, aufs Schönste, aber nicht am Schönsten und so weiter. Zudem waren in vielen Fällen, aber beileibe (bei Leibe? Nein!) nicht in allen Varianten zur Wahl gestellt, so daß man hätte lernen müssen, was jeweils erlaubt war und was nicht.
Eigennamen und singuläre Bezeichnungen sollten weiterhin groß geschrieben werden. Die Abgrenzung gelang aber nicht, und schiere Willkür war die Folge: der Heilige Vater, das hohe Haus (= Parlament), die Große Strafkammer, die erste Hilfe. Wiederum wurde auch der Unterschied zwischen beschreibenden Ausdrücken (erste Hilfe = jede zuerst geleistete Hilfe) und neuen Kategorien (Erste Hilfe = besondere, in Kursen erlernbare Technik,deren Unterlassung strafbewehrt ist) durch die einheitliche Kleinschreibungverwischt, nach dem leserunfreundlichen Vorsatz der gesamten Reform.
Die Fremdwörter sollten ursprünglich weit stärker eingedeutscht werden, doch hatten die Kultusminister dies verhindert. Zugelassen wurden eineReihe von Nebenformen: Grafologie, Delfin, Buklee, Katarr, Panter,Tunfisch, Spagetti. Daran hätte man sich wohl bald gewöhnt. Andererseits ist unsere Zeit weiteren Eindeutschungen nicht mehr so günstig, wegen der Allgegenwart des Englischen und anderer Fremdsprachen. Spaghetti ißt man beim Italiener, und so haben sich unsere italienischen Nachbarn denn auch schon über den Provinzialismus gewundert, das h weglassen zu wollen. Im Prinzip ist aber gegen Eindeutschungsversuche nichts einzuwenden, auch wenn sie bei vielen Leuten auf wenig Gegenliebe stoßen. Warum allerdings derlängst eingedeutsche Tschardasch nicht mehr zulässig sein sollte, stattdessen aber Csardas (ohne Längenzeichen), war nicht recht einzusehen.
Hier ist vor allem die weitgehende Freigabe der Kommasetzung zu erwähnen, was allerdings dazu führte, daß Texte der Reformer selbst gelegentlich so aussahen, als seien die Kommas mit der Streusandbüchse über den Text verteilt worden. Die Entgrammatisierung der Kommasetzung zugunsten subjektiver „Akzentsetzungen“ führte in archaische Epochen der Schreibkunst zurück und schrie geradezu nach neuen Empfehlungen, wie sie, ohne Verbindlichkeit natürlich, der Duden zu geben versuchte.

Bertelsmann oder Duden?

Seit Sommer 1996 liegen zwei umfangreiche Rechtschreibwörterbücher vor. Bertelsmann war zuerst auf dem Markt, aber man merkt nur zu bald, daß es sich hier um einen Schnellschuß handelt. Schon aus dem Geleitwort springt dem Leser ein Rechtschreibfehler entgegen: soweit wie irgend möglich. Das Bertelsmann-Wörterbuch ist allerdings im Gegensatz zum Duden nicht imstande, den Unterschied zwischen soweit und so weit (wie) zutreffend zu erklären.
Knüppeldick kommt es dann in der kurzen, mit falschen Zitaten und Stilblüten verzierten „Geschichte der Rechtschreibung“ und in der Überblicksdarstellung des Bearbeiters. Er schreibt, die deutsche Sprache sei die Einzige auf der Welt, die Substantive groß schreibe. Hier muß einzige natürlich klein geschrieben werden. Der Autor weiß auch zu erzählen, 1901 habe man aus allen deutschen Wörtern das th entfernt und durch t ersetzt, nur nicht in Thron, „wohl auf Drängen des Kaisers“. Aber Thron ist griechisch, so daß es wie Theater usw. in jedem Falle sein th behalten durfte. Magnet hält der Bearbeiter für romanisch. In beiden Fällen weiß das Wörterverzeichnis es besser. Im übrigen stürzt aber diesesWörterverzeichnis den Benutzer in tiefe Ratlosigkeit. Scientiarium wollen wir gnädig für einen Druckfehler halten, auch wenn es gleich zweimal vorkommt. Aber Bertelsmann verlangt zum Beispiel die Schreibung Alma mater,obwohl im amtlichen Regelwerk just Alma Mater auch unter dem richtig geschriebenen Stichwort Ultima Ratio als weiteres Beispiel zitiert wird. Corpus delicti und Corpus iuris sind auch falsch. Bertelsmann erklärt, daß und warum man schreiben soll: an Eides statt. Aber wenige Zeilen später wird gelehrt: an Eides Statt.
Bertelsmann schreibt vor: glatthobeln, glattgehen, gleichbleiben usw., hochbegabt, hochgestellte Persönlichkeiten, hochgewachsen, hochachten/schätzen und viele andere, die getrennt geschrieben werden müssen, da der erste Bestandteil erweitert oder gesteigert werden kann. In allen diesen Fällen weicht der Duden ab und hat recht.
Besonders groß sind die Abweichungen bei der Worttrennung. Keines der beiden Wörterbücher führt alle Trennmöglichkeiten an. Duden erklärt dazu ganz offen, daß er oft nur diejenige Variante angibt, „die von der Dudenredaktion als die jeweils sinnvollere angesehen wird“. Bertelsmann verfährt ohne eine derartige Erklärung grundsätzlich ebenso. Duden sieht nur die Trennung abs-trakt vor, Bertelsmann kennt abs-trakt und ab-strakt.Umgekehrt läßt sich Reneklode laut Duden auf zwei Weisen trennen: Renek-lode (ja, tatsächlich so!) und Rene-klode; Bertelsmann kennt nur letzteres.
Duden trennt bevorzugt A-nämie und verweist auf die Regel, die eine andereTrennung zuläßt, kennt aber nur An-algesie, obwohl in beiden Wörtern dasselbe Negationspräfix an- enthalten ist; Bertelsmann hat außerdem noch die Trennung A-nalgesie. Dieser Zustand war völlig unhaltbar. Was sollte der Lehrer tun, wenn ein Schüler ihm mit einer Schreibung kam, die nicht im Wörterbuch steht, nach den amtlichen Regeln aber ableitbar gewesen wäre, zum Beispiel mit derWorttrennung abst-rakt? Natürlich spiegeln beide Wörterbücher auch die Ungereimtheiten der amtlichen Vorlage getreulich wider. Grizzlybär soll als Grislibär eingedeutscht werden; nach den Regeln müßte es Grissli heißen (Verdoppelung des s nach kurzem betontem Vokal).
Von den Hauptforderungen, mit denen die neuere Reformbewegung vor einem Vierteljahrhundert angetreten war, war in der Neuregelung fast nichts mehr zu finden. Die Kleinschreibung war seit langem vom Tisch. Die Schwierigkeit der das/daß-Unterscheidung war genau dieselbe wie seit je, und das läßt sich auch nicht ändern, wenn man die Interessen des Lesers nicht ganz verraten will. Groß- und Kleinschreibung sowie Getrennt- undZusammenschreibung blieben so schwierig wie eh und je, es war zu keiner überzeugenden Lösung gekommen, und vielleicht ist sie gegenwärtig überhaupt nicht erreichbar.
Die neue Rechtschreibung war vielleicht geringfügig besser als die alte, obwohl diesem Vorteil auch neue Mängel entgegenstanden, so daß ein Aufrechnen schwerfiel. Verbesserungen in selten betretenen Randgebieten dürfen auch nicht überbewertet werden. Das auf den ersten Blick so angenehm liberale Zulassen mehrerer Varianten, besonders auf dem Gebiet der Eindeutschung, der Groß- und Kleinschreibung sowie der Getrennt- undZusammenschreibung, erwies sich bei näherem Zusehen als Erschwernis, da es den Lernstoff vervielfachte. Gerade im Kernbereich änderte sich kaum etwas- die vielgerühmte „Behutsamkeit“! Unter diesen Umständen mußte aber gelten: „In dubio pro reo“, und der Angeklagte war hier die alte Rechtschreibung. Man mußte an die Masse des bereits Gedruckten denken, an die 100 Millionen Bürger deutscher Zunge, die sich an die geltende Rechtschreibung gewöhnt hatten, an die Umstellungsschwierigkeiten für Tausende von Registern und Katalogen, an die Kosten für die Neuanschaffung von Wörterbüchern, Schulbüchern und Software, an die erwähnten Schwierigkeiten mit Fachbegriffen.

Die Revolte

Und doch war alles so gut eingefädelt. Die rechtzeitige Einbeziehung der Kultusbürokratien nahm der stets zu fürchtenden Kritik von politischerSeite den Wind aus den Segeln: Wer kollaboriert, kann hinterher nicht gut protestieren. Da die Kultusminister selbst sich für den Inhalt der Reform nicht interessieren, bestand allerdings die Gefahr, daß sie sich später blamieren würden. Und sie taten es. Die jüngste Lachnummer des hessischen Kultusministers ist noch in frischer Erinnerung: Er kreidete dem Duden die Worttrennung ext-ra als eigenmächtige Pfuscherei an, obwohl sie doch zu den nachgerade allbekannten Neuerungen der Reform selbst gehörte. (Daß dieser Minister in seltsamer Verdrehung der wirklichen Verhältnisse den Duden abkanzelte und die Bertelsmann-Rechtschreibung rühmte, gehört zu den Rätseln, deren Lösung wohl eine ganz andere Art von Kenntnissen erfordert, als sie dem arglosen Linguisten zur Verfügung steht.)
Nur wenigen Zeitgenossen fiel der Widerspruch auf, der zwischen der groß herausgestellten Geringfügigkeit der Änderungen und der Behauptung bestand, die Reform sei längst überfällig und dürfe keinesfalls scheitern. Sehr geschickt wurde auch die Vorstellung von einem Zeitdruck suggeriert, unter dem man stehe. Inhaltlich, so hieß es nach der Wiener Konferenz, solle nun nicht mehr diskutiert werden, nur noch die Formalitäten und Termine der „Durchsetzung“ stünden zur Debatte. In Deutschland wurde verbreitet, wenn wir jetzt noch lange diskutierten, würden die Nachbarstaaten Schweiz undÖsterreich nicht mitmachen. Das war gelogen, aber es wirkte. Nach der „Frankfurter Erklärung“ vom Oktober 1996 hieß es: „Zu spät!“ Es wurde daran erinnert, daß die Abc-Schützen in einigen Bundesländern bereits nach der neuen Rechtschreibung unterrichtet würden – ein sehr schwaches Argument, da die Kinder drei Wochen nach ihrer Einschulung noch längst nicht so weit waren, daß die neuen Regeln sie überhaupt betroffen hätten. Die älteren Kinder hätte man ehrlicherweise warnen müssen, während der nächsten Jahre nicht zu viel zu lesen; es hätte ihre Rechtschreibleistungen verwirrt und zu Ärger Anlaß gegeben.
Zu keinem Zeitpunkt war die Öffentlichkeit über den vollen Umfang der Reform unterrichtet, bevor die jeweiligen Beschlüsse gefaßt wurden. Das fürdie Beurteilung unentbehrliche Wörterverzeichnis war noch längere Zeit in Arbeit, und auch das Regelwerk befand sich in ständiger Umarbeitung. Den Kritikern der bekanntgewordenen Neuerungen wurde die Reform übergestülpt, wie es bei Franzosen und Engländern unvorstellbar gewesen wäre.
Natürlich spielte, wie überall, auch das Geld eine wichtige Rolle. Einige Reformer vermarkteten ihr Insiderwissen sehr fix auf eigene Rechnung, was sie aber nicht hinderte, dem Duden seine kommerziellen Interessen anzukreiden. Die staatlichen Stellen wollten von Kosten nichts wissen. Und doch liefen in diesem Punkt alle Fäden zusammen. Paradox genug: Die Reformsollte „kostenneutral“ sein, aber am Ende erwiesen sich die bereits verursachten Kosten als letztes Argument dafür, die Reform doch nochdurchzusetzen. „Nicht mehr zu stoppen!“ hieß es mit gespielter Schicksalsergebenheit aus den verantwortlichen Kultusbürokratien. Aber das kannte man schon vom schnellen Brüter, von Wackersdorf und anderen Investitionsruinen, die nicht mehr gestoppt werden konnten, bevor sie gestoppt wurden. Als die Leute dies merkten, war es mit der Reform vorbei.«

(F.A.Z. Nr. 238, Samstag, 12.10.1996, Feuilleton, S. 36)


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 31.10.2005 um 20.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2199

Ich würde eine erneute Lektüre des Artikels von Th. Ickler "Wie wir schreiben sollten - Die Rechtschreibreform ist bankrott" (FAZ vom x. Oktober 1997) empfehlen. Frühe Diagnose weit vor dem vollen Ausbruch der Krankheit, bzw. Zeitbombe mit großem Aufmerksamkeitspotential. Kann man das zugänglich machen?


Kommentar von Der Tagesspiegel, verfaßt am 31.10.2005 um 20.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2198

»Orthografie: „Unstrittiges“ wieder strittig

Mannheim - Der Rat für deutsche Rechtschreibung wird sich künftig auch mit der Groß- und Kleinschreibung befassen. Damit stehen Reformschreibweisen wie „heute Abend“ oder „im Übrigen“ zur Disposition, die die Konferenz der Kultusminister (KMK) als „unstrittig“ betrachtet und die seit Schuljahresbeginn in 14 Bundesländern verbindlich sind. Das beschloss das 39-köpfige Expertengremium am Freitag in Mannheim. Beantragt wurde die Einrichtung einer Arbeitsgruppe von dem Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler. Eine Arbeitsgruppe zur Laut-Buchstaben-Zuordnung (dass, Stängel) werde es nicht geben, sagte die Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert. Der Rat werde sich aber auf Wunsch einiger Mitglieder zur „ss- und ß-Schreibung positionieren“.

Der Generalsekretär der KMK, Erich Thies, sieht darin kein Konfliktpotenzial. „Die KMK ist offen für jeden Vorschlag aus dem Rat“, sagte er dem Tagesspiegel. KMK-Präsidentin Johanna Wanka (CDU) dagegen hatte noch im Juli betont, „die Groß- und Kleinschreibung sei „von Änderungen vorerst ausgeschlossen“.

Geeinigt hat sich der Rat auf Empfehlungen zur Silbentrennung. Die Abtrennung von Einzelbuchstaben (A-bi-tur; I-gel) soll künftig nicht mehr erlaubt sein. Sinnentstellende Trennungen wie „Urin-stinkt“ für „Urinstinkt“ soll es nicht mehr geben. Auch zu Interpunktionsregeln habe sich das Gremium abschließend beraten, erklärte der Vorsitzende Hans Zehetmair dieser Zeitung. Gleichrangige Hauptsätze, die durch „und“ oder „oder“ verbunden sind, sollten zusätzlich durch ein Komma getrennt werden, dies sei aber nicht zwingend. Es bleibe also bei der Kann-Bestimmung. „Verpflichtend“ solle das Komma wieder beim „erweiterten Infinitiv mit zu“ gesetzt werden. Zu beiden Komma-Regeln gab es am Freitagabend allerdings widersprüchliche Aussagen aus dem Rat. Die Änderungsvorschläge könnten nach dem Plan der Kultusministerkonferenz zum Schuljahresbeginn 2006 eingeführt werden. Amory Burchard«


(Der Tagesspiegel, 29.10.2005)


Kommentar von Spiegel Online, verfaßt am 31.10.2005 um 20.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2197

»Die E-sel müssen weg!

Eigentlich wollte der Deutsche Rat für Rechtschreibung nur noch Zeichensetzung, Silbentrennung und Getrenntschreibung diskutieren. Doch jetzt gerieten auch längst geklärte Regeln wieder ins Visier der Experten. Fazit: Uneinigkeit wird wieder groß geschrieben unter Deutschlands Sprachpflegern.


Mannheim - Heute beschloss der Rat für deutsche Rechtschreibung erneut Empfehlungen zu Korrekturen bei der Silbentrennung und der Kommasetzung. Laut einem Bericht des Berliner "Tagesspiegel" will der Rechtschreibrat die Reform sogar noch weiter zurückdrehen und auch vor der Groß- und Kleinschreibung nicht Halt machen.

Der Ratsvorsitzende und frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) sagte, es werde keine Abtrennung von Einzelbuchstaben mehr geben. Als Beispiel nannte er die - nach der Rechtschreibreform erlaubte - Trennung der Wörter "E-sel" und "A-bend". Außerdem sollten "sinnentstellende Trennungen" rückgängig gemacht werden. So solle Urinstinkt nicht mehr "Urin-stinkt" und Analphabet nicht mehr "Anal-phabet" getrennt werden dürfen.

Zudem schlage der Rat vor, wieder "mehr Kommata zu setzen", damit "Sinneinheiten leichter durchschaubar" werden. So solle etwa bei dem Satz "Der Mann schlug die Orgel, und seine Frau backte Kuchen" nun zwingend das Komma gesetzt werden. Bei der Trennung von Wörtern mit einem "ck" einigte sich der Rat laut Zehetmair darauf, die in der Rechtschreibreform gefundene Lösung beizubehalten. Es werde damit nicht wie früher eine Trennung in zwei "k" geben, sondern eine Trennung vor dem "ck", also beispielsweise in "Da-ckel".

Der Rat, der erstmals seit Einführung von Teilen der Reform am 1. August tagte, wird den Angaben zufolge bei seiner Sitzung im November auch strittige Fragen der Groß- und Kleinschreibung behandeln. Dazu sei eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden.

Der Nachrichtenagentur Reuters erklärte Zehetmair, in den elf Monaten seiner Arbeit habe sich in dem Expertengremium eine sehr konstruktive Atmosphäre entwickelt. "Die Linie ist, dass wir die deutsche Sprache weder für Kinder noch für Ausländer erschweren wollen, sondern offenkundige Sinnbeschädigungen beseitigen", sagte Zehetmair.

Mit Blick auf die abweichenden Schreibweisen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und verschiedener Publikationen des Springerkonzerns sagte der Politiker, die Erwachsenenwelt sei wohl nicht bereit gewesen, die Änderungen in der deutschen Rechtschreibung zu übernehmen.

Dem Bericht des "Tagesspiegel" zufolge plädiert der Reformgegner Theodor Ickler dafür, dass der Rat über Reformschreibweisen wie "heute Abend" und "im Übrigen" diskutiert, für die vor der Reform die Schreibweisen "heute abend" und "im übrigen" galten. Der Erlanger Sprachwissenschaftler wolle eine weitgehende Rücknahme der Reform erreichen und auch bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung sowie den ss- und ß-Schreibungen zu den alten Regeln zurückkehren. Zehetmair unterstützt den Angaben zufolge Ickler.

Dem Rechtschreibrat gehören Vertreter verschiedener Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Darunter sind die Dudenredaktion, die Gesellschaft für deutsche Sprache, Zeitungsverleger, der Journalistenverband und Schulbuchverlage. Das Gremium war nach heftiger Kritik an der neuen Rechtschreibung von der Kultusministerkonferenz (KMK) ins Leben gerufen worden.

Norbert Demuth, Nadine Emmerich, ddp

Bildunterschrift: Streitfall Rechtschreibreform: A-benddämmerung der Sprachpflege«


(Spiegel Online, 28. Oktober 2005)


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 31.10.2005 um 19.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2196

Mild zu kritisieren ist an der bildungslastigen Formulierung eher, daß nicht nur "Griechischkundige", sondern alle halbwegs allgemeingebildeten Menschen Trennungen wie Diag-nose und Metas-tase ablehnen. Ferner ist anzumerken, daß heutzutage in erster Linie die Software Trennstellen erzeugt, und die wechselt nun einmal blind zwischen Diag-nose und Dia-gnose, solange beides zulässig ist. Das Ergebnis ist ebenso lächerlich wie arbeitsintensiv, denn wer Wert auf einen ordentlichen Text legt, muß neuerdings nacharbeiten.


Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 31.10.2005 um 19.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2195

Das lese ich anders, werter Herr Achenbach. Ein Satz ist wohl nur in den falschen Absatz gerutscht. Es sollte wohl eher so aussehen:

Die nach der Rechtschreibreform erlaubten Trennungen wie "Metas-tase, Diag-nose, Prog-nose, malt-rätieren" sind also weiterhin möglich. Der Griechischkundige aber wird sie vermeiden (Meta-stase, Dia-gnose, Pro-gnose, mal-trätieren).

Die Schulbehörde...


Will sagen: Der Griechischkundige aber wird weiterhin Meta-stase ... mal-trätieren trennen.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 31.10.2005 um 19.06 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2194

Ich bin mir bewußt, daß Journalisten häufig unter großem Zeitdruck arbeiten müssen. Dennoch hätte ich von Heike Schmoll einen solch schludrigen Artikel nicht erwartet. Von zweifellos Wichtigerem abgesehen, ist die Aussage, "Griechischkundige" würden die Trennung "malt-rätieren", doch ein peinliche Patzer.


Kommentar von F.A.Z., verfaßt am 31.10.2005 um 18.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=353#2192

»Auch die Groß- und Kleinschreibung
Der Rat für deutsche Rechtschreibung bestimmt seine Themen selbst und korrigiert mutig / Von Heike Schmoll


Bei der Trennung des "ck" konnte sich der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, der frühere bayerische Wissenschaftsminister Zehetmair (CSU), nicht durchsetzen. Es gibt also keine Rückkehr zur alten kk-Trennung, sondern die Regelung der neuen Rechtschreibung bleibt nach dem Willen der Mehrheit der Ratsmitglieder erhalten. In Anbetracht der übrigen Beschlüsse ist das zu verkraften. Denn ungleich wichtiger als ck-Trennung ist die Rückbesinnung des Rats auf die Hauptregel für die Silbentrennung, sinnentstellende Trennungen in jedem Fall zu vermeiden. Damit orientiert sich der Rat an der Leseverständlichkeit der geschriebenen Sprache, also an der dienenden Funktion der Rechtschreibung für das schnelle Erfassen und Begreifen eines Textes.

Einzelbuchstaben am Wortanfang oder -ende können also nicht mehr abgetrennt werden. "Abend" oder "Esel", "Ehe" oder "Uhu" können deshalb überhaupt nicht getrennt werden, zusammengesetzte Wörter wie der "Koreakrieg" nur "Korea-krieg" oder "Ko-rea-krieg". Zusammengesetzte Wörter und Wörter mit Präfix werden zwischen den einzelnen Bestandteilen getrennt (Heim-weg, Schul-hof, Ent-wurf, voll-enden). Zwischen Vokalbuchstaben, die zu verschiedenen Silben gehören, kann ebenfalls ein Trennungsstrich stehen (Bau-er, Ei-er, Lai-en).

Ebenfalls "zu vermeiden" sind morphologische Trennungen bei Wörtern, die sprachhistorisch oder von ihrer sprachlichen Herkunft gesehen Zusammensetzungen sind, häufig aber nicht mehr als solche erkannt werden, weil die Herkunftssprachen nicht mehr beherrscht werden. Das gilt für lateinische, noch mehr aber für griechische Wörter. Die nach der Rechtschreibreform erlaubten Trennungen wie "Metas-tase, Diag-nose, Prog-nose, malt-rätieren" sind also weiterhin möglich.

Der Griechischkundige aber wird sie vermeiden (Meta-stase, Dia-gnose, Pro-gnose, mal-trätieren). Die Schulbehörde in Hamburg hatte schon im Oktober 1994 vorausgesehen, welche Gefahr in dieser Silbentrennung nach "Zweiklassensystem" lauert, und festgestellt: "Es könnte sein, daß zukünftig in zwei Klassen von Schreibern unterschieden wird: eine Elite, die allgemeingebildet ist und größere Chancen bei Einstellungen hat, und in eine große ungebildete Gruppe, die vereinfacht schreibt und geringe Aufstiegschancen besitzt." Die damalige Schlußfolgerung der Reformer, deshalb das Niveau zu senken und allen die nichtmorphologische Trennung zu empfehlen, war trotzdem die falsche.

Ebenso falsch wäre es jetzt aber, den Schülern vorzugaukeln, beide Trennungen seien gleichwertig. Der morphologischen ist eindeutig der Vorzug zu geben. In der neuesten Ausgabe des "Wahrig" (August 2005) findet sich schon die Empfehlung, altsprachliche Fremdwörter nach Herkunft zu trennen.

Wie Lehrer in der Schule die gesamten Kann-/Soll-Bestimmungen des reformierten Regelwerks und solche Maßgaben wie "sind zu vermeiden" für die Notengebung werten sollen, ist unklar. Handelt es sich um eine Empfehlung oder um ein Verbot? Das wird der Rat in seinem abschließenden Beschluß über Silbentrennung und den folgenden Entscheidungen zu berücksichtigen haben. Wer nur einmal den ersten Satz von Thomas Manns Roman "Joseph und seine Brüder" ohne Kommata lesen mußte, wird der Rückkehr des Rates zu einer häufigeren Kommasetzung nur zustimmen können. Es ist für die Leseverständlichkeit von großem Nutzen, wieder das Komma vor dem erweiterten Infinitiv zu setzen. Vollständige Sätze, die mit Konjunktionen verbunden sind (zwei Hauptsätze mit "und"), können durch ein Komma getrennt werden.

Für die weitere Arbeit des Rates ist nicht unerheblich, daß sich viele Praktiker, die nur ehrenamtlich im Rat sitzen, sprachwissenschaftlichen Argumenten verschließen. Das gilt etwa für ein weiteres Thema, das auf Antrag Österreichs neuerdings auch auf der Agenda des Rates steht: die ss-Schreibung. Vor kurzem hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, daß sich der Rat auch mit dieser Regelung noch einmal befaßt. Noch überraschender ist aber die Entscheidung des Rates, die Groß- und Kleinschreibung - jüngst von den Kultusministern als "unstrittig" bezeichnet und in den Schulen eingeführt - schon in der kommenden Sitzung zu behandeln. Damit hat das Gremium gezeigt, daß es sich seine Agenda nicht von der Kultusministerkonferenz (KMK) diktieren läßt. Anfang Dezember soll es zu Anhörungen der Verbände kommen, die jedoch auch im Rat vertreten sind. Im März hofft Zehetmair eine Beschlußvorlage für die KMK vorlegen zu können und von der korrigierenden in die begleitende Phase zu treten.«


( F.A.Z., 31.10.2005, Nr. 253 / Seite 12 )



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