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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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27.10.2005
 

Der große Blöff
Stefan Stirnemann bespricht Ludwig/Pfeiffer-Stolz

Es ist unvergessen weil unvergeßlich, was Peter Gallmann am 29. Juli im Schweizer Fernsehen sagte, nämlich, es seien, wenn man es ganz böse ausdrücke, nur „ältere, eitle Herren“ gegen diese Reform.

„Der große Blöff“, das neue Buch über die Rechtschreibreform, wurde nicht von "älteren, eitlen Herren" verfaßt, sondern von jüngeren tatkräftigen Herrinnen.

Unterdessen hat sich die Leitung der betreffenden Nachrichtensendung für Peter Gallmanns Äußerung entschuldigt (Also spricht Donald Duck: „Hust, hust!“). Für dieses Buch muß sich niemand entschuldigen.

Claudia Ludwig war lange Studienrätin und stellvertretende Schulleiterin an einer Hamburger Haupt- und Realschule, seit 1990 arbeitet sie als Kommunikations-Trainerin. Sie ist Vorsitzende des Vereins „Lebendige deutsche Sprache e.V.“, und seit 2003 leitet sie die Kommission ‚Schul- und Bildungspolitik’ im Wirtschaftsrat der CDU Hamburg. Seit 2004 vertritt sie als Sprecherin die „Initiative zur Rettung der klassischen deutschen Rechtschreibung.“

Karin Pfeiffer-Stolz wählte im Mai des letzten Jahres den Weg in die Öffentlichkeit. In der F.A.Z. schrieb Hubert Spiegel: „Wie steht es eigentlich um die Verantwortung der Schulbuchverlage den Schülern gegenüber? Wie fühlt sich denn wohl ein Schulbuchverleger, der weiß, daß seine Deutschbücher das Gegenteil dessen bewirken, was sie bewirken sollen, daß sie also das Lernen nicht erleichtern, sondern erschweren? Karin Pfeiffer-Stolz, Verlegerin des Dürener Stolz Verlages, hat darauf jetzt eine Antwort gegeben. In einem offenen Brief ruft sie ihre Kollegen dazu auf, sich zu ihrer Verantwortung zu bekennen.“ (F.A.Z., 26. Mai 2004, Seite 35).

Wenig später stellte sich Michael Klett an ihre Seite. Hubert Spiegel fragte: „Wie fühlt sich eigentlich ein Schulbuchverleger, der weiß, daß seine Publikationen das Lernen nicht erleichtern, sondern erschweren, weil sie unsinnigen Verordnungen gehorchen müssen?“

Michael Klett: „Er fühlt sich überhaupt nicht wohl. Und mein Leid ist, daß ich hin- und hergezerrt werde zwischen meinem kulturellen Gewissen, das sagt und weiß, wie unnötig und unsinnig diese sogenannte Reform ist, und andererseits meiner Verantwortung gegenüber meinem Unternehmen, seiner Position, seinen Arbeitsplätzen und so weiter. Ich hätte, und das werfe ich mir heute vor, als die Reform durchgesetzt wurde, protestieren müssen.“ (F.A.Z., 28. Mai 2004, Seite 93).

Karin Pfeiffer war im Schuldienst tätig und verfaßt seither erfolgreiche Bücher und Hefte zum Unterricht. Zusammen mit ihrem Mann leitet sie den Stolz Verlag. Vor einigen Wochen ist der Katalog 47 erschienen (www.stolzverlag.de). Alles, was aus diesem Hause kommt, ist sorgfältig gemacht, ideenreich und sehr brauchbar.

Die Autorinnen fühlen sich vor allem der Schule verpflichtet; als Untertitel wählten sie: „Neue deutsche Rechtschreibung: einfach unlernbar“.

Im ersten Kapitel liest man folgende Schilderung der Lage: „Inzwischen stehen angesichts der Diskutierfreudigkeit der Schüler und Eltern immer mehr Deutschlehrer mit dem Rücken zur Wand. Die überall kursierenden, halbamtlichen, amtlichen und privaten ‚Schreibvarianten’ erzeugen Unsicherheit. Die Schüler und ihre Eltern akzeptieren das Lehrerurteil immer unwilliger. Damit haben wir nun eine kuriose Situation, die es den Schülern erlaubt, mit ihren Lehrern über Schreibweisen zu diskutieren. Im Duden steht es so, im Bertelsmann anders, im Eduscho-Wörterbuch wieder anders, im Schulbuch A ist diese Variante, im Schulbuch B jene, in der Zeitung X hat man es so gelesen, und am Montag früh kommt ein Vater mit der Y-Zeitung zur Tür hereingewedelt und tippt vor aller Augen mit dem Zeigefinger auf das umstrittene Wort. Unterricht wie im Basar. Wer am hartnäckigsten feilschen kann, gewinnt. Eine den Verfassern persönlich bekannte Lehrerin berichtete, man habe an ihrer Schule nun beschlossen, überhaupt keinen traditionellen Rechtschreibunterricht mehr abzuhalten. Man werde künftig keine Fehler mehr anstreichen. Man sei das Diskutieren endgültig satt. Niemand kenne sich aus.“ (Seite 19 f)

So ist es zweifellos. Notenwirksam sind ja einige Teile der neuen Rechtschreibung in der Fassung vom Juni 2004 geworden, und wer kennt die? Und wer ist der knotenreichen Schlangenlinie gefolgt, welche das Unternehmen ‚Neue Rechtschreibung’ seit seinem Beginn zurücklegte? Wer das getan hat, weiß, was er getan hat; die meisten hatten keine Zeit. Diese meisten hören also, daß die neuen Regeln mit „minimen“ „Modifizierungen“, „Präzisierungen“ oder noch anderen Ierungen notenwirksam geworden seien. Aber wenn nun neben „bei weitem“ auch „bei Weitem“ richtig sein soll – ist dann neben „im Allgemeinen“ auch „im allgemeinen“ richtig? Und neben „es tut mir leid/Leid“ auch „ich habe Recht/recht“? Und neben „übriggeblieben“ auch „übrigbleiben“? Es ist begreiflich, daß man, in einem anstrengenden Beruf stehend, bald die Lust verliert, dauernd Dinge nachzuschlagen, die man vor acht Jahren nicht nachschlagen mußte. Die Schüler merken, daß sich die Lehrkräfte nicht auskennen, und sie merken es sich. Das wirkt sich natürlich auf den ganzen Unterricht aus.

Auf den Punkt ist die Sache im Abschnitt Nicht hätscheln, sondern fordern gebracht: „Seit das Üben selbst in Verruf gekommen ist, wird in den Schulen darauf verzichtet – wiederum zum Nachteil und Schaden besonders der lernschwachen Schüler. Lernen läßt sich nicht beschleunigen, Wissen läßt sich nicht mit hektischen Spielereien erwerben. Lernen ist eine anstrengende Tätigkeit, deren Voraussetzung ritualisierte Unterrichtsformen, Kontinuität und Stille sind. Wir tun unseren Kindern nichts Gutes, wenn wir ihnen alle Hürden aus dem Weg räumen. Die Rechtschreibreform aber trat mit genau diesem Vorsatz an. Daß ihre Verwirklichung nun zusätzliche Hürden aufgerichtet hat, dürften sich wohl auch die Verfechter der neuen Schreibung in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt haben.“ (Seite 78 f)

Die beiden angeführten Ausschnitte zeigen auch, in welch lebhafter Sprache das Büchlein geschrieben wurde. Britta van Hoorn hat einige Zeichnungen beigetragen, besonders liebenswürdig ist der Bischof mit Dracula-Zähnchen, der einem Bistum oder Bisstum? vorsteht (Seite 44).

Es folgt ein Überblick über die Kapitel, in Klammern ist jeweils ein besonders bezeichnender Untertitel beigefügt: „Wozu überhaupt eine Rechtschreibreform?“ („Problemlos“ in der Schule umgesetzt). „Versuch einer widerspenstigen Zähmung“ (Vom „auswändig“ Lernen). „Von Missthaufen, Fussbällen und vielen freundlichen Grüssen“ (Das ß – ein lesefreundlicher Buchstabe). „Kuriositäten und kein Ende“ (Vom „omüll“ in der „nöde“). „Auswirkungen der Rechtschreibreform“ (Der Keil zwischen Eltern und Kindern). Einfach unlernbar (Richtig schreiben lernen in der Schule).

Gegen „das Virus Rechtschreibreform“ empfehlen die Autorinnen zehn Therapien. Man soll sich, siebtens, nicht einschüchtern lassen oder, zehntens, sich mit Eingaben an Politiker wenden. Das sind alles sehr gute Empfehlungen. Eine besonders wirksame Heilmethode konnten Frau Pfeiffer und Frau Ludwig aus Gründen der Logik nicht aufführen. Sie sei nachgeholt: Man lese dieses Buch.

»Nachwort:

Blöff, Blaff, Bluff
Wer trägt den Nasenring?

Von Stefan Stirnemann


Wenn die orthographischen Neuregler empfehlen, Ketchup als Ketschup zu schreiben, als ob es sich um ein wenigstens zur Hälfte deutsches Wort handelte, so müßten sie für den Schwindel Bluff auch Blöff anraten. Oder Blaff? Begegnet man einem zornigen, kurzatmigen, dicken Hund, so wird man angeblafft – das liegt im Wesen der Dinge und ist nicht schlimm. Verblüffen lassen aber soll man sich nicht, und schon gar nicht zwei Jahrzehnte lang.

Der Reformer Wolfgang Mentrup meinte 1985: „Noch nie war eine Neuregelung der heutigen Rechtschreibung wissenschaftlich so gut vorbereitet wie heute.“ Lange Jahre sind seit diesem eindringlich verdoppelten Heute von einst vergangen, und im heutigen Heute sagt ein anderer führender Reformer, Gerhard Augst: „Wir hätten unsere Trennregeln vorher mit den Wörterbuchverlagen durchprobieren müssen; es reicht nicht, zehn Beispiele zu nehmen. Dann wären wir früher auf die Schwierigkeiten gestoßen.“ (Der Spiegel 30/2005) Weil sich die Reformer nicht nur bei den Trennregeln mit zehn Beispielen begnügten, ruft ihr Werk seit seiner Drucklegung laut nach Richtigstellung. Erst diesen August aber erschien eine überarbeitete Fassung der neuen Regeln, und längst ist der neu eingesetzte Rat für Rechtschreibung an einer weiteren Überarbeitung. Daß die Berichtigung fast nicht vom Fleck kommt, hat seinen Grund in der Schlauheit der Politiker, die möglichst wenige Fehler zugeben, und in der Schlauheit der Reformer, die auch möglichst wenige Fehler zugeben. Vor fünf Jahren schrieb Horst Sitta, einer der Schweizer Urheber der Neuregelung: „Es gibt nicht die oft beschworene ‚Reform der Reform’.“ (St. Galler Tagblatt, 25. August 2000) Jetzt verheißt Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rates für Rechtschreibung: „Es kann sogar sein, dass es mehrere Reformen der Reform geben wird.“ (Der Spiegel 23/2005) Horst Sitta arbeitet in diesem Rat mit, und die vielen Anhänger der mißglückten Rechtschreibung dort tun im Bund mit den Vertretern der Wörterbuchverlage alles, um eine grundsätzliche Änderung der verfahrenen Lage zu verhindern.

Viele Fragen suchen eine Antwort: Warum wird etwas derart Unfertiges für die Schulen verbindlich? Wer zahlt für all die Wörterbücher und Lehrmittel, die seit 1996 immer wieder „präzisiert“ und „minim angepaßt“ werden – und wie die Tarnbezeichnungen sonst noch heißen? Wer muß sich dafür schämen, daß wir im Jahre 2005 über Unsinn wie Er hat Recht, heute Früh, aufwändig reden?

Letzten Sommer kündigten große Zeitungen und Verlage den Verzicht auf die neuen Regeln an. Im Internet tauchte ein Brief der hessischen Kultusministerin Wolff an Frau Merkel und Herrn Lammert auf: „Was die Handlungsweise einiger Verlage angeht, äußere ich mich nicht zu dem durchaus vorhandenen Reiz, einmal zu zeigen, dass die Medien die Politik nicht nach Belieben am Nasenring durch die Arena ziehen können.“

Tanzbären mit Nasenring sind offenbar die Bürger und Bürgerinnen, die sich seit Jahren von schlechten Politikern über gutes Deutsch belehren lassen müssen.«


Karin Pfeiffer / Claudia Ludwig, Der große BLÖFF, Neue deutsche Rechtschreibung: einfach unlernbar. Stolz Verlag GmbH, Düren, 2005 / 7,50 Eur[D] / 7,70 Eur[A] / 13,50 sFr
ISBN-13 978-3-89778-244-0



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Kommentare zu »Der große Blöff«
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Kommentar von www.lernen-heute.de, verfaßt am 05.11.2005 um 00.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=351#2234

Es macht Spaß dieses Buch zu lesen – denn es bringt die Dinge auf den Punkt, ohne dabei wissenschaftlich zu sein. Jeder kann es verstehen, und jeder wird die deutsche Sprache nach der Lektüre ein bißchen besser verstehen können. Wir empfehlen dieses Buch ausdrücklich allen Eltern und Lehrern, sowie allen Interessierten – egal, welche Rechtschreibung sie bisher bevorzugen.

(Auszug aus http://www.lernen-heute.de/buch_pfeiffer_der_grosse_bloeff.html)



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