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17.10.2005
 

Woran sie glauben
Die Ausbreitung des orthographischen Kreationismus

Ein in Reformanhängerkreisen weit verbreiteter Glaube will es, daß die Orthographie des Deutschen sich nicht von selbst herausgebildet hat, sondern gemacht wurde. Sie hatte einen Schöpfer.

In der am häufigsten anzutreffenden Variante war dieser Schöpfer die Zweite Orthographische Konferenz von 1901. »Die ‚alte‘ Rechtschreibung wurde«, schreibt etwa der unverbesserliche Dieter E. Zimmer, »von einem kleinen Gremium aus Beamten und Experten hinter verschlossenen Türen in ein paar Tagen ausgehandelt« (Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit, Hoffmann und Campe 2005).

Zimmer und seine Anhänger könnten es besser wissen (indem sie es z. B. nachlesen bei Heide Kuhlmann oder Theodor Ickler [pdf–Datei]), doch sie ziehen es vor zu glauben. Sie vertreten sozusagen einen orthographischen Kreationismus: Daß eine Orthographie sich von selbst entwickelt, ist undenkbar; dergleichen anzunehmen, hat, wie die Online–Zeitschrift Telepolis beipflichtet, gewissermaßen etwas Heidnisches.

Das abergläubische Denken hält sich für wissenschaftlich. Man kennt das Phänomen von der antidarwinistischen Bewegung in den USA. Die Evolutionslehre ist nur eine Weltanschauung, die Lehre vom Intelligent design dagegen eine Wissenschaft. Daß dieselbe Zeitschrift Telepolis ausgerechnet vor Intelligent design nun wiederum warnt, ist ein Widerspruch, der aufrechte Sektierer nur stärker macht.



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Kommentare zu »Woran sie glauben«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2014 um 12.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#9801

Ich bin weit davon entfernt, die Reformer zu entlasten, aber Schavan und Wolff haben zu schlimmer Letzt noch den Rechtschreibrat ersonnen. Natürlich war ihnen die Reform selbst inhaltlich so unbekannt wie gleichgültig. Eine reine Machtfrage, genau, im Gegensatz zu den Überzeugungstätern, aber das macht die intriganten Strippenzieher nicht sympathischer oder harmloser.


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 10.02.2014 um 10.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#9800

Alles richtig, aber weder Wolff noch Schavan haben die Reform angestoßen. Für die beiden Politikerinnen war das eine reine Machtfrage.

Mit den unseriösen Machenschaften von Augst, Zabel und Konsorten seit den siebziger Jahren hatten die Damen nichts zu tun.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2014 um 09.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#9799

Reformdurchsetzerin Karin Wolff wollte den Kreationismus im Biologieunterricht unterbringen, Reformdurchsetzerin Schavan die Theologie an den Universitäten stärken.


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 10.02.2014 um 07.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#9798

Eine Website, die über die unserösen Tricks der Kreationisten aufklärt, ist http://www.talkorigins.org. Beim Stöbern dort wird man nicht umhinkommen, erstaunliche Parallelen zum modus operandi der Rechtschreibreformer wiederfinden.

Noch ausführlicher ist die ein breiteres Themenspektrum abdeckende Website http://rationalwiki.org. Auch das dort versammelte Material ließe sich beinahe 1:1 auf Augst & Co. sowie deren gegenwärtig amtierende Nachfolger übertragen.

Es gibt indes einen wesentlichen Unterschied zur Situation in Deutschland: Das oberste Gericht der Vereinigten Staaten hat die Verbreitung kreationistischer Lehren in öffentlichen Schulen untersagt, und David Irving gilt in Großbritannien nach einem Gerichtsurteil als Holocaust-Leugner. In Deutschland wurden die Geschichts- und andere Fälschungen der Reformer dagegen höchstrichterlich anerkannt, nachdem sie die wissenschaftliche Debatte verloren hatten. Daran hat u.a. Peter Eisenberg erinnert (vgl. seinen hier erwähnten Aufsatz: http://sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1300). Außerdem wurde das Äquivalent zum Kreationismus per Erlaß verpflichtender Gegenstand des Schulunterrichts und mußte darüber hinaus von der öffentlichen Verwaltung als "wahr" akzeptiert werden.

Ein weiterer Unterschied: Die Schriftsätze und die Verhandlungsprotokolle der US-amerikanischen und britischen Verfahren sind öffentlich zugänglich, was für das Bundesverfassungsgericht nicht zutrifft. Bei aller jüngst geäußerten Kritik gibt es also durchaus noch manches, was wir von den Angelsachsen lernen können.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2014 um 09.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#9777

Wie ich sehe, hat Zimmer ein Kapitel seines Buches ins Netz gestellt:
http://www.dezimmer.net/HTML/2005unverbesserlichkeit.htm

Man beachte folgende Stelle:

Verbindlich sind sie zwar nur für Schulen und Behörden, sodass jeder sonst schreiben könnte, wie es ihm beliebt. Aber selbstverständlich, freiwillig und teilweise geradezu fanatisch hält sich die schreibende Gemeinschaft daran. Sie tut es nicht, weil sie eine perverse Lust verspürte, sich unhinterfragten Autoritäten zu unterwerfen, sondern weil eine einheitliche Orthographie etwas höchst Praktisches ist.

WER hält sich fanatisch - und freiwillig! - an die Neuregelung? Ein paar Namen wären aufschlußreicher als "die schreibende Gemeinschaft". Und der Hamburger Landsmann, der schrieb: "Ich werde der Norm gehorchen, weil sie die Norm ist" - ist der so weit von perverser Lust an der Unterwerfung entfernt?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2014 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#9775

Dieter E. Zimmer schreibt in dem genannten Buch (Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit) an mehreren Stellen, daß die Leute sich der Reformschreibung angeschlossen haben, weil es praktisch sei, eine einheitliche Rechtschreibung zu haben, während sie sich der Political correctness „nur aus Opportunismus“ unterwürfen.
Zimmer weiß sicher, daß es sich anders verhält. Die Rechtschreibung war einheitlich, und diese Einheitlichkeit wurde durch eine neue und offensichtlich reparaturbedürftige Neuregelung zerstört. Gerade bei der ZEIT mußte er doch selbst erleben, wieviel Opportunismus mitspielte, als gegen den Willen einer überwältigenden Mehrheit der Leser und der Bevölkerung die Neuschreibung eingeführt wurde. Hier hat er einen blinden Fleck. Aber natürlich hilft die Legendenbildung ihm, seine Selbstachtung zu wahren. Den Opportunismus der politisch Korrekten macht er nicht mit, aber bei der Neuschreibung hat er im Namen der Vernünftigkeit und der Schüler seine Skepsis zurückgestellt. Hätte er nicht an vorderster Front die Durchsetzung der Reform in der Presse vorangetrieben, wäre sie vielleicht zu verhindern gewesen, aber das wird er niemals zugeben.


Kommentar von Hella Streicher, verfaßt am 27.10.2005 um 23.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2173

Meine Wieland-Gesamtausgabe von 1853 ff. folgt im wesentlichen den Rechtschreibregeln von 1901.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.10.2005 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2119

Ich habe einmal Schulbücher (Lesebücher) von 1900 mit solchen der folgenden Jahre verglichen und mußte lange suchen, bis ich auf Abweichungen (Theil, Teil) stieß. Das wäre anders, wenn es sich 1901 tatsächlich um eine Rechtschreibreform gehandelt hätte oder die seitdem übliche Rechtschreibung wirklich die Ausgeburt einiger Bürokratenhirne anläßlich der Zweiten Konferenz (Zimmer) gewesen wäre.


Kommentar von (Telepolis), verfaßt am 20.10.2005 um 01.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2118

"Diese Zeiten dauerten manchmal von Montag Morgen um 4.45 Uhr bis zur darauffolgenden Sonntag Mitternacht." - Schlußsatz der heutigen 10. Folge des Fortsetzungsromans im Magazin von "Telepolis"


Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 19.10.2005 um 19.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2116

Von mir einen ausdrücklichen Dank an Herrn Busch für die Bereitstellung der Seiten. Beachtenswert, wie die Leute damals zu Werke gegangen sind im Gegensatz zu den Reformern unserer Tage.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 19.10.2005 um 18.38 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2115

Ich danke Herrn Busch und allen anderen, die solche antiquarischen Trouvaillen ins Netz stellen. Die Kenntnis der orthographischen Schwankungen der Vergangenheit sind ja die beste Medizin gegen Rechtschreibdogmatismus.
Sind eigentlich die Ergebnisse der 2. Orthographischen Konferenz, womöglich auch noch die Protokolle, irgendwo im Netz zu finden?


Kommentar von Wolf Busch, verfaßt am 19.10.2005 um 12.19 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2114

Zwei Anmerkungen:

1. In Daniel Sanders' Handwörterbuch der deutschen Sprache wird die Heysesche s-Schreibung verwendet, und das ist nicht das einzige seiner deutschen Wörterbücher, in dem das so ist. Was wollte Sanders mit dem erwähnten Ovidzitat also genau sagen? Gehörte die Heysesche s-Schreibung für Sanders zum "gewünschten Besseren" oder zum "geduldeten Schlechteren"? Das wäre erst einmal zu klären.

2. Zur Frage des Auseinanderklaffens von Schulorthographie und Schreibgebrauch ein Zitat aus einer Schulorthographie von 1880:

Es gilt daher für die Schule zunächst der Grundsatz, nach dem allgemein herrschenden Schreibgebrauche, den unsere Schriftsteller in literarischen Werken, Zeitungen und Zeitschriften aller Art übereinstimmend anwenden, sich zu richten, selbst in Fällen, wo eine jetzt allgemein gebräuchliche Schreibweise (z.B. Stadt, herrschen) weder historisch noch phonetisch zu rechtfertigen ist.

(zitiert nach: Gutmann/Marschall: Leitfaden für die deutsche Rechtschreibung mit Wörterverzeichnis, 2. durchgesehene und der amtlich eingeführten Rechtschreibung angepaßte Auflage, München, 1880; S. 4)

Die ersten neun Seiten aus diesem Leitfaden für die deutsche Rechtschreibung von 1880 habe ich hier ins Netz gestellt (als Bilddateien).


Kommentar von Stefan Stirnemann, verfaßt am 19.10.2005 um 01.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2109

Daniel Sanders

Hätte ich doch nichts von Daniel Sanders geschrieben! Ich hätte mir denken sollen, daß Herr Jochems flugs zugreift und aus dem, was er nicht kennt, gleich eine neue Waffe schmiedet, um mit ihr sein altes Anliegen zu verfechten: daß 1996 gar keinen so großen Einschnitt bedeutet, da die Dinge schon davor im argen lagen.

Über welche „Diskrepanzen“, die uns ebenfalls „beunruhigen“, hat sich Sanders beklagt?

Sanders schreibt Schiffahrt, Stengel, es thut noth (mit Hinweis auf die Steigerung: Mir thät ein Löffel Warmes noch nöther), er kennt die Wörter jedesmal, wiedersehen, sogenannt, ist vertraut mit dem Geheimnis eines Ausdrucks wie das epochemachende Ereignis, hält es für gut, Adverbien in allen Steigerungsgraden klein zu schreiben: genau, genauer, am genauesten, aufs schönste und unterscheidet im geringsten von im Geringsten: Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu.

Diesen Unterschied führte Sanders in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vor. Im Jahr 2005 muß Horst Haider Munske die Sache wiederholen: „Das nehme ich dir nicht im geringsten übel. – Auch der Geringste hat Anspruch auf ärztliche Hilfe. Im zweiten Satz liegt echte Substantivierung des Superlativs von gering zur Bezeichnung von Personen vor, im ersten dagegen haben wir eine versteinerte Wendung vor uns, die mit dem Negationswort gar nicht synonym ist. Diese Parallelität führt zur Kleinschreibung.“ (Lob der Rechtschreibung)

Wir wiederholen das Gespräch des neunzehnten Jahrhunderts. Damals war dieses Gespräch nötig, heute ist es unnötig.

Wer zwingt uns zu dieser Wiederholung?
Verantwortungslose Politiker, die verantwortungslosen Sprachforschern sozusagen Weisungsbefugnis geben. Wer hier nur beunruhigt ist, hat ein Fell, das tiefsten Schlaf in der kältesten Winterhöhle verbürgt. Gute Nacht.



Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 18.10.2005 um 21.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2107

Das Auseinanderklaffen von Schulorthographie und allgemeinem Schreibgebrauch ist keine Besonderheit unserer Zeit. Stefan Stirnemann zitiert gerade aus dem Vorwort eines Buches von Daniel Sanders, dessen Name heute noch im Titel von Langenscheidts Großwörterbuch Englisch erscheint. Er nahm 1876 an der Ersten Orthographischen Konferenz teil und starb im Jahre 1897 kurz vor der Rechtschreibeinigung. Das Zitat: "Dem Wunsche des Verlegers, dies Buch in der Schulorthographie drucken zu lassen, habe ich in Berücksichtigung der obwaltenden Schulverhältnisse nachgegeben, freilich mit den Ovidischen Worten: 'Zwar Besseres sehend und wünschend, Duld' ich doch Schlechteres hier'." Stirnemann nennt als Sanders' Standpunkt: "Der allgemeine Schreibgebrauch muß als unumstößliche Richtschnur gelten." Wie man sieht, die Geschichte wiederholt sich.

Und woher kennt man den allgemeinen Sprachgebrauch? Theodor Ickler gibt an, den in seinem Rechtschreibwörterbuch dokumentierten üblichen Rechtschreibwortschatz aus Zeitungstexten ermittelt zu haben. Die Jahrgangs-CDs der großen Tages- und Wochenzeitungen waren ihm dabei eine große Hilfe. Vor dem Computerzeitalter kompilierten die Wörterbuchverlage umfangreiche Wortkartotheken, meist ohne sich genauer über die exzerpierten Quellen zu äußern. Immer waren und sind es aber sorgfältig redigierte gedruckte Texte. Dieses Verfahren hat im Hinblick auf die zu dokumentierende Orthographie eine bemerkenswerte Schwachstelle: Es ist zirkulär. Was der Lexikograph als üblich ermittelt, ist in Wirklichkeit der Ausfluß der existierenden Norm, die seine Dokumentation folglich bestätigt und für weitere Schreibaktivitäten als üblich empfiehlt. Andersschreibungen, die gelegentlich auftauchen, kann der exzerpierende Lexikograph übersehen. Erst wenn viele Schreiber den Mut haben, sich über die als üblich geltende Norm hinwegzusetzen, sieht er Handlungsbedarf.

Veränderungen nicht zur Kenntnis zu nehmen kann bei der Rechtschreibung jedoch auch eine positive Seite haben: Das Erscheinungsbild der Texte bleibt über einen längeren Zeitraum gleich, was darauf hinausläuft, daß alle älteren Texte lesbar bleiben. Am konsequentesten haben dies die englische und die französische Rechtschreibung durchgehalten - seit dem Beginn des Buchdrucks! Das betrifft die Einzelwortschreibungen, wo sich die Änderungen auch bei uns in Grenzen halten. Was wir außerdem noch orthographisch anstellen in unseren deutschen Sonderbereichen GZS und GKS ist weniger konstant und bedarf vor allem explizit ausformulierter Regeln. Es besteht der dringende Verdacht, daß auf diesem komplizierten Gebiet am grünen Tisch reguliert und normiert worden ist, zuletzt 1996 mit dem offenen Eingeständnis, auch ungewöhnliche Schreibungen in Kauf zu nehmen. Die Diskrepanzen, über die sich Daniel Sanders am Ende des 19. Jahrhunderts beklagt und die uns ebenfalls beunruhigen, gehen fast ausnahmslos auf dieses Konto.

Sebastian Sustecks Kritik an den Bezeichnungen "Schreibgemeinschaft" und "Schreibvolk" als der eigentlichen Quelle des allgemeinen Schreibgebrauchs ist so unberechtigt nicht, wenn man die übliche lexikographische Praxis bedenkt. Ist es nicht merkwürdig, daß die gesprochene Umgangssprache schon wegen ihrer leichten Zugänglichkeit die Linguisten zur Untersuchung reizt, das private Schreiben dagegen nach wie vor eine Terra incognita ist? Fehlerhafte Schülerarbeiten sind natürlich kein Ersatz, und eine vereinfachte Schulorthographie kann unter keinen Umständen hoffen, einmal als allgemeiner Schreibstil akzeptiert zu werden.



Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 18.10.2005 um 14.34 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2096

Kurioses Beispiel einer nicht durch Sprachexperten verfertigten Anweisung:
"Die officielle Orthographie der Herzoglich Braunschweigisch-Lüneburgischen Eisenbahn- und Postdirection"
von H. Scheffler, Baurath. - Braunschweig: Vieweg 1855, 137 S.
"Preis 8 Ggr" [Gutegroschen] "Zum Besten der Eisenbahn- und Post-Unterstützungsanstalt"
Soweit per Internet feststellbar, hat nur die Univ.Bibl. Braunschweig noch ein Exemplar (weil sie fast alles von Vieweg hat).
Aus dem Vorwort (das einige Beispiele aufweist):
"Die vorliegende Schrift ist das Ergebniss eines Auftrages der Herzoglichen Eisenbahn- und Postdirection zur Entwerfung eines Reglements für die Kanzlei dieser Behörde behuf Feststellung des schwankenden Schrift- und Sprachgebrauchs in den officiellen Ausfertigungen."
"Eine unbedingt freie und selbstständige Bewegung war mir bei dieser Aufgabe nicht gestattet; es wurde überhaupt keine durchgreifende Reform nach strenger Maßgabe irgend einer der neueren grammatischen Schulen, welche ebenso sehr von einander wie vom allgemeinen Gebrauche abweichen, als vielmehr thunlichste Beibehaltung des in der officiellen Sprache des hiesigen Landes Bestehenden gewünscht".

Die s-Regel lautet so: (Fraktur!)
"Das ß ist der scharfe Laut des ſ und das ſſ die Verdoppelung des ß. Das ß kann nur nach langem Vocale oder nach einem Consonanten oder im Anfange der Silbe, niemals aber nach kurzem Vocale; das ſſ dagegen kann nur nach kurzem Vocale stehen. Nach dieser Regel soll das ſſ auch in der Druckschrift stets gebraucht werden."

Als Anhang findet sich auf S. 95-137 ein "Wörterbuch, enthaltend diejenigen öfter vorkommenden Wörter, bei welchen die Orthographie, das Geschlecht, die Declination, die Rection oder eine sonstige grammatische Eigenschaft Schwankungen unterworfen ist."

Leider werden keinerlei Hinweise auf verwendete Literatur gegeben.



Kommentar von H. J., verfaßt am 18.10.2005 um 12.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2092

Obwohl offenbar eine ausführliche Geschichte der deutschen Rechtschreibung fehlt, finden sich einschlägige Kapitel in leicht zugänglichen Arbeiten wie Hans Eggers, Deutsche Sprachgeschichte, Taschenbuchausgabe, 3. Bde, 1963-69 (in den Sachregistern besonders unter "Schreibsprache", "Schreibgewohnheit", "Schriftsprache", aber auch "Druckersprache", "Kanzleisprache" und "Urkundensprache"). Für uns kommt besonders das letzte Kapitel in Band 3 in Frage: "Von den Schreibsprachen zur Schriftsprache", S. 180 ff.:

Die sprachgeschichtliche Bedeutung dieser ersten Jahrzehnte nach 1517 kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine Sprache, die sich über die Kommunikationsnotwendigkeiten des Alltags hoch erhebt und die dennoch für jedermann verständlich sein soll, wird zum allgemeinen Bedürfnis. LUTHER hat sie geschaffen, und fortan müssen sich auch seine Gegner ihrer bedienen, um den Reformator mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen. Auch jetzt noch freilich bleiben Schreiben und Drucken in gewissem Sinne ein Vorrecht. Es sind vor allem die auf Hohen Schulen Gebildeten, die zur Feder greifen. Aber diese Doctores und Magistri, die sich aus den verschiedensten sozialen Schichten zum Bildungsstande vereinigt haben, müssen sich nun nach LUTHERS Vorbild auf die gesunden Grundlagen des heimischen Sprachgebrauchs besinnen. (S. 180) [...]

Dem Leseeifer der Reformationszeit kann man freilich ebenfalls keine unmittelbare Wirkung auf die Sprachentwicklung zuschreiben, wohl aber eine mittelbare. Wenigstens dem aufmerksamen Leser müssen sich gewisse Sprachmuster einprägen, ein Gefühl für Anlage und Gliederung deutscher Texte, für wiederkehrende Wendungen und Ausdrucksweisen, für Satzbau und Wortwahl. Auch Unterschiede im Schreibgebrauch können der Aufmerksamkeit nicht entgehen, und einer Zeit, die das 'gemeine Deutsch' als Ziel erfaßt hat, muß daran gelegen sein, nicht nur eine gemeinverständliche, sondern auch eine nach allgemeinen Grundsätzen geregelte Sprache anzustreben. Für solches Streben gibt es eine bemerkenswerte Fülle von Beweisen. So entsteht in der Reformationszeit eine ganze Anzahl von Anweisungen zur Rechtschreibung. Zwar stimmen sie keineswegs miteinander überein, vor allem ist die Gebundenheit an landschaftliche Schreibsprachen deutlich erkennbar, aber im Prinzip wird doch auf eine weitgehend einheitliche Regelung abgezielt. (S. 181)

"Rechtschreibung" ist also erst der zweite Schritt, aber auch in der ersten Phase, der eigentlichen Herausbildung von "Schreibsprachen", ist die Urheberschaft eine komplexe Angelegenheit. Dies müssen wir im Auge behalten, wenn wir Peter Eisenbergs frühe reformkritische Äußerungen auf der Bonner Anhörung vom 4. 5. 1993 lesen:

Die Schreibung des Deutschen ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung, die im wesentlichen durch den Sprachgebrauch bestimmt wurde. Der Einfluß von Grammatikern, Literaten und Sprachpflegern wird bis heute meist überschätzt. Das Ergebnis der Entwicklung ist ein graphematisches System, das Bestandteil der deutschen Sprache ist. Der Sprachwissenschaft kommt die Aufgabe zu, dieses System zu erforschen und zu beschreiben, genau so, wie sie etwa das phonologische und das syntaktische System beschreibt. Die Systematik einer Sprache, die Menge der Regularitäten des Systems, liegt dem Sprachgebrauch der Sprecherinnen und Sprecher zugrunde. Sie bilden ihr Sprachwissen. Dieses Wissen bleibt im allgemeinen unbewußt, steht aber nach abgeschlossenem Spracherwerb für den Sprachgebrauch zur Verfügung. Es ist zu unterscheiden zwischen Regeln und Regularitäten. Die Regularitäten des Deutschen sind zu erforschen und zu beschreiben. Sie sind Teil der Sprache und können nicht Gegenstand einer amtlichen Regelung sein.



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2005 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2091

Gestern hatte ich einen Augenblick vor, auf den Telepolis-Artikel zu antworten, der ja beinahe überhaupt nichts Richtiges enthält. Aber es ist wohl vergeblich und überflüssig. Wirklich bedauerlich ist der Fall Zimmer, denn hier handelt es sich ja nicht um einen dummen oder ungebildeten Menschen. Zimmer scheut keine Anstrengung, sich auf verschiedenen Gebieten sachkundig zu machen, nur bei der Rechtschreibung bleibt er bei seinen einmal gefaßten Vorurteilen, was natürlich im Falle des "Beamtenstreichs" von 1901 besonders kraß ist. Das ganze Gebiet scheint ihm unangenehm zu sein - wie vielen anderen auch.


Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 18.10.2005 um 00.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=347#2090

Einzig gut am Telepolis-Artikel war, daß sich in der nachfolgenden Diskussion das Gros der Beteiligten gegen die Reform äußerte... und, daß die Befürworter keine brauchbaren Argumente hatten.
Es war also so, wie immer... ;-)



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