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13.09.2005
 

„Kernewek“? „Kernowek“? „Kernuak“? „Curnoack“?
Rechtschreibstreit um eine ausgestorbene Sprache

Einst sprach man in der englischen Grafschaft Cornwall nicht Englisch, sondern Kornisch – eine keltische Sprache, die etwa im 18. Jahrhundert ausgestorben ist.

Es gibt eine Vielzahl von Initiativen, die sich seit Jahrzehnten bemühen, sie wiederzubeleben. Im Prinzip sind sie sich alle einig. In der Rechtschreibung sind sie es nicht. Es könnte an dieser Uneinigkeit sogar die Wiederbelebung an sich scheitern. Eine Konferenz am 17. September in Falmouth will versuchen, das zu verhindern.



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Kommentare zu »„Kernewek“? „Kernowek“? „Kernuak“? „Curnoack“?«
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Kommentar von Daniel Prohaska, verfaßt am 21.08.2007 um 19.55 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=338#6179

Zu Günter Schmicklers Kommentar.

"Ob das Kornische, unabhängig vom Streit um die Rechtschreibung, wiederbelebt werden kann, ist mehr als zweifelhaft."

Hier muss ich widersprechen! Kornisch ist wiederbelebt worden. Ich spreche diese Sprache. Nicht häufig, da ich nicht in Cornwall lebe. Ich kenne jedoch Leute, die ihren Alltag Kornisch sprechend bewältigen und sogar ihre Kinder in ihr großgezogen haben. Sicher ist Kornisch ein Sonderfall, insofern, dass es kein geschlossenes, traditionelles Sprachgebiet hat, aber von einer „ausgestorbenen“ Sprache zu sprechen ist heute faktisch unrichtig.

Zu Dolly Pentreath: Es ist natürlich eine fromme Legende, dass diese Dame die letzte Sprecherin des Kornischen gewesen sein soll. Vielmehr ist belegt, dass sie eine der letzten Muttersprachlerinnen war. Laut ihren Nachbarinnen, beide ca. 10 Jahre jünger als sie, und die Kornisch nur mehr verstanden, aber nicht mehr sprachen, sagten, dass Dolly erst mit 21 Englisch lernen musste. Man weiß, dass es nach Dollys Tod noch Menschen gab, die Kornisch konnten. Zum Beispiel ein William Bodinar, der Kornisch lernte, als er als Junge mit älteren Fischern zu See fuhr. Berichte, dass es immer noch vereinzelte Sprecher des Kornischen gab, hörte man noch das ganze 19. Jahrhundert hindurch. Freilich, wie es um ihre Sprachkompetenz stand, weiß man nicht.



Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.09.2005 um 03.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=338#1892

Ich habe einfach nur gemeint: Es ist kein gesunder Zustand, wenn sich eine Sprachgemeinschaft nicht einig ist, wie sie ihre Wörter schreiben soll.


Kommentar von Bernhard Schühly, verfaßt am 24.09.2005 um 23.37 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=338#1854

Zu dem Beitrag von Martell
Ich glaube erst einmal:
Im Anfang war das Wort. Also die gesprochene Sprache.
Das kam wohl parallel mit - für die Urmenschen als Jäger und Sammler interessant - nichtakustischen Verständigungszeichen (vorstellbar eine Markierung auf einer Fährte mit Stöcken oder Steinen gelegt etc.)
Aber erst als sich ein Bedürfnis nach Weitergabe von Information über das Tagesgeschehen und -bedürfnis hinaus ausprägte, wurden die Worte "selbständig". Ab da gab es auch Vergangenheit und Zukunft - und das Weitererzählen. Bis man aber schließlich diese Inhalte festzuhalten versucht hat, dauerte es noch ein Weilchen. Und das geschah anfangs auch nur in naturalistischen Bildern, aus denen sich erst später eine Art Rechtschreibung entwickelt hat, wie z.B. in Ägypten.

Zu Herrn Wrase
Ich meine nicht, daß umbedingt (nur) die Gesundheit einer Sprache ausschlaggebend ist. Was gälte hier z.B. für das Latein?
Oder andere, heute nur noch von Minderheiten gesprochene Sprachen (Baskisch, Armenisch, Gälisch, Deutsch in russischen Enklaven u.a.) sind herrschaftsbedingt unterdrückt worden. Bei der Landnahme nach Kriegen orientiert sich der Sieger nicht nach der Sprachgesundheit der eingenommenen Völker! Umgekehrt siegen auch nicht immer die mit dem stabilsten Sprachsystem.
Zuletzt ist noch zu bemerken, daß die meisten Sprachen nicht einfach aussterben, sondern entweder durch äußere Einflüsse (Handel, Krieg, Völkerwanderungen) weiterentwickeln, indem sie neue Elemente aus anderen"aufsaugen". Oder es läuft umgekehrt und eine Kultur geht - aus ähnlichen Gründen - in anderen auf und lebt quasi in dieser fort, indem sie sie - mitsamt ihrer Sprache - bereichert.
Ein gutes Beispiel dafür sind die Kelten, die viele Spuren in Europa hinterlassen haben, besonders in der deutschen und englischen Sprache.
Oder auch die Byzantiner, die zur Zeit der Türkenkriege bis nach Spanien kamen.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.09.2005 um 08.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=338#1778

So habe ich es nicht gemeint. Im Fall von lebenden Sprachen habe ich verdeutlichend von der "Gesundheit" der Sprache gesprochen. Wenn einer lebendigen Sprache etwas Wesentliches fehlt, was normalerweise zu ihrer vollen Funktionsfähigkeit gehört, ist sie nicht gleich dem Untergang geweiht. Den Satz bitte ich so zu lesen: Eine einvernehmliche Schreibung gehört im Fall des Kornischen zur Lebensfähigkeit der Sprache, im Fall des lebendigen Deutschen zur Gesundheit der Sprache.

Hier sehe ich eine Parallele. Ein Extremfall kann zum Verständnis des Normalfalls beitragen. Einen schwer angeschlagenen Menschen bringt eine Krankheit um seine letzten Genesungschancen, die ein sonst intakter Organismus mit nur mäßigen Symptomen erduldet. Aber aus dem ersten Fall ergibt sich sehr deutlich, daß man nicht sagen kann, jene Krankheit sei harmlos. Eine reife Medizin betrachtet nicht alles als unschädlich, was man in der Regel überlebt, und lernt nicht zuletzt aus der Beobachtung von Todgeweihten, zerstörerische Prozesse ernst zu nehmen.


Kommentar von Marrtell, verfaßt am 17.09.2005 um 21.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=338#1776

Sehr geehrter Herr Wrase,

haben Sie sich eigentlich schon einmal die Frage gestellt, ob es auf der Erde mehr Sprachen oder mehr Rechtschreibungen gegeben hat?

Es könnte selbstverständlich sein, daß all die wieder verschwundenen Sprachen genau deshalb nicht überlebensfähig waren, weil sie möglicherweise keine einvernehmliche Schreibung entwickelt haben. Aber halten Sie dieses tatsächlich für wahrscheinlich?


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 16.09.2005 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=338#1751

Zunächst einen herzlichen Gruß an Herrn Schmickler!

Ein weiterer Unterschied zu unserer Rechtschreibreform besteht darin, daß die Uneinigkeit beim Kornischen vor allem auf der Ebene der Laut-Buchstaben-Beziehung angesiedelt ist. Das ist elementarer als GKS, GZS und Kommafragen, Professor Jochems hat insofern natürlich recht - das bestreitet auch niemand. Trotzdem könnte uns die Parallele beeindrucken: Eine einvernehmliche Schreibung gehört zur Lebensfähigkeit einer Sprache, zur Gesundheit einer lebenden Sprache.

Man könnte zwar sagen, daß die "Schmerzgrenze" (Jochems) des normalen Schreibers erst erreicht ist, wenn in der Laut-Buchstaben-Beziehung auf breiter Front Wirrwarr herrscht bzw. durch eine Reform erzeugt wird. Aber unsere Reform ist auch nicht zu verachten. Zur Laut-Buchstaben-Beziehung kann man schließlich die überaus häufige Schreibung mit ss/ß rechnen. Und die Fülle der sonstigen Änderungen ist immerhin beim professionellen Schreiben ebenfalls relevant.

Es ist einfach ein Trugschluß, alles für harmlos zu halten oder auszugeben, was nicht jedem unmittelbar weh tut/wehtut. Dafür gibt es jede Menge Beispiele. Sogar körperliche Schäden können auftreten und zunehmen, und der Schmerz meldet sich erst, wenn es längst zu spät ist, der Betroffene vielleicht schon todgeweiht ist. Vielleicht will Professor Jochems auch hauptsächlich erklären, warum uns die Mehrheit nicht stürmisch unterstützt: weil der Durchschnittsmensch eben erst alarmiert ist, wenn er etwas wie Schmerz empfindet. Jedenfalls warnen verantwortungsvolle Menschen auch dann und gerade dann vor Nachteilen, Schäden und Fehlentscheidungen, wenn sie nicht sowieso jeder am eigenen Leib aus unausstehlich erlebt.


Kommentar von Günter Schmickler, verfaßt am 15.09.2005 um 11.17 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=338#1735

Das Todesjahr des Kornischen scheint, wenn man der folgenden Grabinschrift Glauben schenken darf, festzustehen:

HERE LIETH INTERRED

DOROTHY PENTRAETH

who died in

1777

SAID TO HAVE BEEN THE LAST PERSON WHO CONVERSED IN THE ANCIENT CORNISH THE REGULIAR LANGUAGE OF THIS COUNTY FROM THE EARLIEST RECORDS TILL IT EXPIRED IN THE EIGHTTEENTH CENTURY IN THIS PARISH OF SAINT PAUL

Ob das Kornische, unabhängig vom Streit um die Rechtschreibung, wiederbelebt werden kann, ist mehr als zweifelhaft. Schon die Bemühungen, vom Aussterben bedrohte Sprachen oder Dialekte zu erhalten, erreichen ja meist nur einen kleinen Kreis von von traditionsbewußten Heimatfreunden und sind letzlich zum Scheitern verurteilt. Noch schwieriger als die Rettung einer bedrohten gestaltet sich naturgemäß die Wiederbelebung einer bereits ausgestorbenen Sprache. Die einzige Ausnahme bildet in jüngerer Zeit das Hebräische in Israel. Hier bestand nach der Staatsgründung das zwingende Bedürfnis, für die aus allen Teilen der Welt kommenden Bürger ein einheitliches und einigendes Verständigungsmittel zu schaffen.



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