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01.08.2005
 

Christian Meier
Fehler sind Ehrensache
Wir pfeifen auf die Rechtschreibreform

Die Bilanz ist niederschmetternd. Auch neun Jahre nach dem Beschluß und der Einführung der neuen Schreibung an den Schulen ist die Mehrheit der Deutschen dagegen.

Kaum ein ernstzunehmender Schriftsteller denkt daran, auf Neuschrieb umzustellen. In der Wissenschaft gilt Ähnliches. Die literarischen und sehr viele andere Verlage veröffentlichen fast ausschließlich in bewährter Schreibung. Die Leopoldina, die Akademie unserer naturwissenschaftlichen Spitzenforscher, erklärt in ihren Hinweisen zur Manuskriptgestaltung: "Der Text soll den Regeln der traditionellen Rechtschreibung folgen." Nicht wenige Zeitungen und Zeitschriften folgen noch immer oder wieder den bewährten Regeln. In anderen herrscht das Durcheinander. Hausorthographien weichen voneinander ab, und außer der s-Schreibung wird keine Regel auch nur einigermaßen zuverlässig eingehalten. Nicht selten liest man Schreibungen, die noch unsinniger sind als die vorgeschriebenen: Im Zweifel wird offenbar die unsinnigste Möglichkeit gewählt; was immerhin implizit ein vernichtendes Urteil darstellt.

Es klingt wie Hohn, ist aber vermutlich blanker Unkenntnis geschuldet, wenn Kultusministerinnen fordern, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum müsse bewahrt (!) werden. Genau umgekehrt verhält es sich: Wiederhergestellt muß sie werden.

Dazu scheint sich jetzt endlich ein Weg zu öffnen. Unter der umsichtigen Leitung Hans Zehetmairs ist der von der Kultusministerkonferenz (KMK) eingesetzte Rat für Deutsche Rechtschreibung dabei, die umstrittenen Teile der "Reform" noch einmal zu prüfen und gegebenenfalls neue Lösungen zu erarbeiten. Was er zur Getrennt- und Zusammenschreibung beschlossen hat, ist allgemein begrüßt worden. Allein, anstatt nun abzuwarten, was dabei herauskommt, isoliert die KMK die Getrennt- und Zusammenschreibung und beschließt, alle anderen Teile der Reform vom heutigen 1. August an verbindlich zu machen, indem sie sie als unumstritten ausgibt. So fordere es die Verläßlichkeit.

Dazu ist zweierlei zu bemerken: Erstens gehört es zu den Grundlagen der Demokratie, daß man anderes meinen kann als die Staatsmacht. Wo nun über bestimmte Materien in weiten Teilen der Bevölkerung verschiedene Meinungen herrschen, sind diese zweifellos umstritten. Wie im vorliegenden Fall etwa Groß- und Kleinschreibung, Silbentrennung, Laut-Buchstaben-Zuordnung oder die Drei-Konsonanten-Regel. Leugnet die Staatsmacht das, unter dem Motto: was strittig ist, bestimme ich, so ist das - politisch gesehen - eine unerträgliche Anmaßung. Nicht die erste in dieser Geschichte, welche mit der Absicht begann, einer Sprachgemeinschaft Regeln des Schreibens zu diktieren. Aber wahrscheinlich wissen die Minister auch das nicht, so daß man ihnen höchstens Ignoranz ankreiden darf.

Das zweite ist, daß sie meinen, die Verläßlichkeit verlange von ihnen die Inkraftsetzung der Regeln, wie sie sind. Wiederum klingt es wie Hohn. Für wie dumm muß man Schüler halten, wenn man ihnen, bei strenger Benotung, etwas als endgültig hinstellt, was aller Voraussicht nach in Kürze verändert wird? Um von zahlreichen inzwischen erfolgten, zwar geleugneten, aber im Duden handgreiflich vollzogenen Wiederherstellungen alter Schreibungen zu schweigen.

Verläßlichkeit zeigen die Minister vielmehr nur darin, daß sie beratungsresistent einen Weg weiterverfolgen, von dem inzwischen längst abzusehen ist, daß er nicht zum Ziel führt. Und sie tun es mit allen Zwangsmitteln, die ihnen zu Gebote stehen, und mit Pressionen, an denen sich anscheinend auch Ministerpräsidenten beteiligen. In Österreich darf Literatur in bewährter Schreibung in der Schule nicht mehr benutzt werden. Offenbar ist es wichtiger, daß Kinder nicht im Lesen irritiert, als daß sie mit Werken von Grass, Enzensberger, Walser oder Jelinek vertraut werden. Auch Leihbüchereien sollen schon von dem Bazillus gesäubert worden sein. Wo so etwas dekretiert wird, pfeift man auf dem letzten Loch.

Denn selbstverständlich begegnen die Schüler überall der bewährten Schreibung; in alten Schulbüchern, die noch im Gebrauch sind, wie in neuen Textsammlungen literarischer und historischer Art, da viele Autoren darauf bestehen, daß ihre Texte nicht umgestellt werden. Die Lehrer beherrschen die neuen Regeln nur unzulänglich (und man hat ja auch manchmal den Eindruck, daß sie Wichtigeres zu tun hätten). Schließlich: Kann, soll, darf man die Schüler von der Lektüre guter Zeitungen und von mehr als neunundneunzig Prozent der deutschsprachigen Literatur abkapseln? Diese Begegnung also müssen sie schon aushalten. Und man darf sie deswegen nicht eigens hysterisch machen. Wer meint, daran etwas ändern zu können, steht mit der Realität auf Kriegsfuß.

Man kann sich fragen, warum so viele - gerade unter den Schriftstellern - sich dem Neuschrieb verweigern. Vielleicht aus Anhänglichkeit an Überholtes in reformbedürftiger Zeit? Genau das Gegenteil ist der Fall. Es ist nicht zumutbar, grammatisch falsche Schreibungen ("du hast ganz Recht"), das Auge verletzende Wortungetüme ("Schlussszene", "Programmmesse") und sonstigen Schwachsinn ("eine Hand voll Kultusminister") zu übernehmen. Man müßte sonst nichts von Sprache verstehen. Und im übrigen: Ja, wir brauchen dringend Reform und Innovation. Aber sie müssen einen Sinn haben, sonst sind sie schlimmer als bloßes Beharren. Sie dürfen auch nicht, wie weite Teile dieser "Reform", auf das frühe neunzehnte Jahrhundert zurückführen, denn der Neuschrieb ist überholt, nicht die bewährte Schreibung! Und sie sollten nicht so obrigkeitlich ansetzen wie dieser anders gar nicht denkbare Versuch, einer Sprachgemeinschaft von mehr als hundert Millionen grammatisch falsche Schreibungen und anderen Unsinn aufzuerlegen.

Wie ist es zu erklären, daß unsere Kultusminister derart starr an der mißglückten Reform festhalten? Obwohl sie, spricht man sie einzeln, so uneinsichtig gar nicht sind. Sind sie zu weit von der Wirklichkeit entfernt? Gehen sie in keine Buchhandlung? Lesen sie keine Zeitungen, oder tun sie es nicht gründlich? Bekommen sie nur geschönte Befunde apportiert? "Wir stehen zu den Beschlüssen der KMK - alles andere führt ins Chaos", verlautet aus Potsdam. Warum um alles in der Welt wissen die Minister nicht, daß sie es sind, die das Chaos angerichtet haben und immer weiter nähren?

Gerade acht Prozent der Deutschen sind nach letzten Umfrageergebnissen für den Neuschrieb. Landläufige Vernunft vermag dieses Rätsel nicht zu lösen. Man scheut sich in diesem doch einigermaßen demokratisch gesitteten Lande, überhaupt nur für möglich zu halten, was von den Behörden evident seit neun Jahren praktiziert wird. Der Tatbestand ist schlechterdings nicht zu fassen. Die einzig mögliche Antwort, die ich sehe, ist, daß die Minister in diesem Punkt ihre Urteilsfähigkeit jenen Ideologen und Betonköpfen überantwortet haben, die als Arbeitsgruppe Rechtschreibungsreform der KMK im verborgenen wirken. Unter diesen Umständen wird es für die, die nicht dem Diktat der Minister unterstehen, nicht nur ein großes Vergnügen, sondern geradezu eine Ehrensache sein, von heute an falsch zu schreiben.

Christian Meier, emeritierter Althistoriker an der Universität München, war von 1996 bis 2002 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.


( F.A.Z., 01.08.2005, Nr. 176 / Seite 29 )



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Kommentare zu »Fehler sind Ehrensache«
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Kommentar von FAZ / Briefe an die Herausgeber, verfaßt am 23.08.2005 um 01.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=318#1551


»Ein wahres Trauerspiel

Zum Beitrag des Historikers Christian Meier "Fehler sind Ehrensache" (F.A.Z.-Feuilleton vom 1. August) ist es mir ein Anliegen, folgendes zu bemerken: Das Thema ist ein wahres Trauerspiel. Es könnte auch als Groteske bezeichnet werden. Mich interessiert die "Reform" schon lange nicht mehr. Schließlich kann man seine Zeit sinnvoller nutzen, als sie zu verplempern, indem man sich mit unverständlichen, grammatisch falschen Schreibungen auseinandersetzt. Bei derart Unausgegorenem überrascht es nicht, daß sich nur acht Prozent der Deutschen (wirklich so viele?) für die neuen Regeln aussprechen. Wenn ich trotzdem Papier und Bleistift zur Hand genommen habe, dann deshalb, weil mich der Aufsatz fasziniert hat. Welche Peinlichkeit kommt darin für die Kultusministerkonferenz zum Ausdruck.

Da ich mit 66 Jahren nicht wie ein Schüler dem Diktat der nun geltenden Verordnung (mit Ausnahme von Bayern und Nordrhein-Westfalen) unterliege, schreibe ich selbstverständlich weiterhin so, wie ich es bei meinen verehrten Lehrern gelernt habe. Allerdings, und da erlaube ich mir, dem Autor zu widersprechen, nicht falsch, sondern richtig, Ehrensache.

Martin G. Kniehase, Neu-Isenburg


Zwei Lager von Besserwissern

Zum Artikel "Fehler sind Ehrensache" von Christian Meier (F.A.Z.-Feuilleton vom 1. August): Meier, der ehemalige Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, verwahrt sich "gegen diese Anmaßung der Staatsmacht", uns zu der neuen Rechtschreibung nötigen zu wollen. Er ruft gar zur Nichtbeachtung der neuen Regeln auf. Recht so. Denn schließlich gehört unsere Sprache ja uns, "einer Sprachgemeinschaft von mehr als hundert Millionen". Man fragt sich also zunehmend mißgelaunt : Wie kommen die Kultusminister überhaupt dazu, unsere Rechtschreibung den Urteilen einer Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz zu überantworten, die mit weltfremden Argumenten eine ungeliebte Neuregelung durchsetzen will? Eine ebenso interessante Frage ist aber: Wie kommen Meier und andere Gegner der Reform dazu, uns weiter die alte Regelung verordnen zu wollen? Die Reformgegner sagen: Weil die neuen Regeln unlogisch, die alten dagegen bewährt sind. Aber in Tests haben doch sogar kulturtragende Politiker und Pädagogen bewiesen, daß selbst sie die komplizierten alten Regeln nicht beherrschten. Ebenso wie sie die neuen Regeln nicht beherrschen werden, weil sie kaum nachvollziehbar sind.

Seit Beginn der Rechtschreibdiskussion kämpfen auf diesem Feld zwei Lager von Besserwissern, als ginge es dabei hauptsächlich um Eitelkeit, Deutungshoheit und Rechthaberei - nicht aber um die praxistaugliche Rechtschreibung einer Sprache, die jedem einzelnen von über hundert Millionen Menschen gehört. Ob alt oder neu, ein Regelwerk, das den meisten verunmöglicht, regelgerecht zu schreiben, kann nicht im Interesse einer Sprachgemeinschaft liegen. Wohl aber - um ein Beispiel aus unserem Sprachraum zu nennen - im Interesse von Menschen, die uns ebenso gerne vorschrieben, wie wir ihren Hut auf einer Stange zu grüßen hätten. Und denen sollten wir weder recht noch Recht geben.

Harald Bronstering, Frankfurt am Main«


( F.A.Z., 20.08.2005, Nr. 193 / Seite 8 )


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 03.08.2005 um 12.49 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=318#1417

Wie ruft man das Staatsoberhaupt auf den Plan? Und auch das Amt am Werderschen Markt ist gefragt, denn es geht nicht nur um unsere inneren Angelegenheiten. Wird nicht Deutsch als Fremdsprache nun attraktiver, weil leichter lernbar? Klar, man muß Ausländern von allem älteren Schrifttum sowie von nicht normgerechtem neueren abraten - stiftet nur Verwirrung. Es ist ja leicht zu erkennen: Kommt "dass" vor? Dann OK! Goethe-Bibliotheken (wo noch nicht geschlossen): Handzettel auslegen oder gleich entsprechend selektieren.


Kommentar von Nikolaus Lohse, verfaßt am 03.08.2005 um 12.03 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=318#1416

Christian Meiers Anmerkungen sind genau das, was in diesem Moment, zu diesem Datum gesagt werden muß!

Eine Frage ist in der ganzen Reformdebatte erstaunlicherweise nur selten und kaum mit der nötigen Schärfe gestellt worden: Was bedeutet es eigentlich für eine Gesellschaft, für eine demokratische Kultur, wenn man den Menschen das sprachliche Differenzierungsvermögen so gezielt und systematisch abtrainiert, wie das gegenwärtig, auf höchste politische Weisung, geschieht? Sprachkompetenz entwickelt sich im präzisen Erfassen sinntragender Einheiten und logisch-systematischer Zusammenhänge; sie geht verloren, wenn man spezifische Unterscheidungen verwischt und die Differenzkriterien aushebelt. Damit fördert man nicht die Schreibkompetenz, sondern zerstört im Grunde das Sprachbewußtsein und das individuelle Ausdrucksvermögen.

Wer ernsthaft Invesitionen in die Bildung fordert, kann nicht gleichzeitig hinnehmen, daß Schülern grammatikwidrige Schreibungen aufgezwungen werden. Und wer so verfährt, vergreift sich nicht nur an einem historisch gewachsenen Bildungsgut, er beschädigt eine kulturelle Kernkompetenz – mit allen Konsequenzen, die das für das Zusammenleben in einem zunehmend komplexer werdenden Gemeinwesen haben wird. Kann man darin noch eine Bagatelle sehen? Oder hat der Vorgang nicht vielmehr eine Dimension, die eigentlich das Staatsoberhaupt auf den Plan rufen müßte?


Kommentar von Bernhard Schühly, verfaßt am 01.08.2005 um 20.26 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=318#1409

> Und im übrigen: Ja, wir brauchen dringend Reform und Innovation. Aber sie müssen einen Sinn haben, sonst sind sie schlimmer als bloßes Beharren. Sie dürfen auch nicht, wie weite Teile dieser "Reform", auf das frühe neunzehnte Jahrhundert zurückführen, denn der Neuschrieb ist überholt, nicht die bewährte Schreibung! Und sie sollten nicht so obrigkeitlich ansetzen wie dieser anders gar nicht denkbare Versuch, einer Sprachgemeinschaft von mehr als hundert Millionen grammatisch falsche Schreibungen und anderen Unsinn aufzuerlegen.

Wie ist es zu erklären, daß unsere Kultusminister derart starr an der mißglückten Reform festhalten? <

Ich würde sagen, gerade durch diese Pirouette haben die Minister nicht gerade Zutrauen zu einer Fähigkeit für bürgernahe und auf die Menschen zugeschnittene Reformen unserer Obrigkeit geweckt.
Gerade zu dieser Zeit und angesichts der allgemeinen politischen Lage eigentlich schade.
Aber von den oberen Rängen wird es natürlich wieder gleich heißen, wir seien die allein Reformunfähigen gewesen und diejenigen, die alles blockieren wollten - und das nicht nur angesichts der Rechtschreibung.
Wirkliche Stärke gezeigt, wirklich Eindruck gemacht haben aber nur diejenigen, die sich dagegengestemmt haben - solange sie es taten.
Noch mehr natürlich die, die den Fehler eingesehen haben und mutig genug waren, zurückzukehren - allen voran der "reuige Sünder" Zehetmair.
Wann lernen die Politiker eigentlich endlich, daß es keine Niederlage ist, vor dem Volk Fehler einzugestehen und rückgängig zu machen, sondern daß sie im Gegenteil durch eine konsequente Haltung an Glaubwürdigkeit sogar gewinnen können?



Kommentar von Reinhard Markner, verfaßt am 31.07.2005 um 20.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=318#1401

Muß dass sein?
In Schulen und Behörden von 14 Bundesländern gelten ab heute neue Rechtschreibregeln. Was bleibt von der Reform?

»Wenn Bild nicht mitmacht, haben wir keine Chance«, gestand Gerhard Augst dem Spiegel. »Wir«, das sind die Rechtschreibreformer. Augst, emeritierter Sprachwissenschaftler an der Universität Siegen, war lange Zeit ihr Anführer.

Bild macht nicht mehr mit. Trotzdem ist die Reform nicht chancenlos. Viele Menschen schreiben, weil es von ihnen erwartet wird, »dass«. Als Faustregel gilt: Reformiert schreibt, wer »dass« schreibt. Gelänge es den Reformern und ihren Verbündeten in den Ministerien, die partielle Ersetzung des »ß« durch »ss« zur allgemein akzeptierten Norm zu machen, hätten sie ihr einzig verbliebenes Ziel erreicht.

Rechtschreibreformen zielen gewöhnlich nur auf die Anpassung der Schreibung an die Lautung. Die deutsche Rechtschreibung ist recht lautgetreu. Ihre Gegner aber wollten eine noch »flachere« Schreibung, wie sie z. B. das Finnische hat. Mehrere Anläufe in diese Richtung scheiterten, u. a. 1944 und 1954.

Von den weitreichenden Ambitionen früherer Reformergenerationen (»fi« statt »Vieh«) rückte die seit den 70er Jahren aktive Gruppe um Augst schrittweise ab. Sie verlegte sich darauf, den zuständigen Beamten eine unüberschaubare Zahl kleinerer Modifikationen (»Föhn« statt »Fön«) einzureden, mit dem Hinweis, dieses Vorgehen sei behutsam und unbedingt notwendig. Augst selbst entdeckte immer neue alte Wörter, deren Gestalt dringend per Erlaß zu ändern seien: Château, Frevel, Kolophonium, verbleuen.

In einigen Fällen drang er mit seinen Eingaben durch. Aber »Chateau, Frefel, Kolofonium, verbläuen« und andere Raritäten dieser Art wären von Bertelsmann kaum als »neue Rechtschreibung« zu vermarkten gewesen. Zum Glück hatte man noch das »dass«.

Die neue »ss«/»ß«-Schreibung steigert die Lauttreue. Neu ist sie allerdings nicht; die zugehörigen Regeln wurden in den 1820er Jahren entwickelt. Der Grammatiker August Heyse (1764–1829) argumentierte, die Verwendung des »ß« am Silbenende sei »mißbräuchlich«. Dabei bezog er sich in erster Linie noch auf den Schreibgebrauch in den gebrochenen Schriften (gebrochen sind die Bögen – d. Red.). Für den Fraktursatz seiner Grammatik ließ Heyse ein eigenes Zeichen gießen, eine Ligatur (Buchstabenverbindung) aus langem und rundem »s«. Dieses Zeichen übernahm die wichtigste Funktion des »ß«, die Bezeichnung des Silbenschlusses. Es kam in Wörtern wie »Haß« zur Anwendung. Mit zwei langen »s« ersetzte Heyse das »ß« vor »t« (»hasst« statt »haßt«).

In der Antiqua (hier sind die Bögen rund – d. Red.) ist das lange »s« schon lange ungebräuchlich. Es überlebt nur im »ß«, das anders gebildet ist als das Fraktur-»ß«. Letzteres ist aus einem langen »s« und einem epigraphischen Kürzel entstanden. Das Antiqua-«ß« hingegen ist eine Verbindung aus langem und rundem »s«, ganz wie das von Heyse entworfene Zeichen.

Ein Verzicht auf diese Ligatur hat Leseerschwernisse zur Folge, weil die Wortfugen verschleiert werden: »bisschen«, »Flussaue«, »Messergebnis«. Ferner kommt es zu ästhetisch unbefriedigenden, mühsam lesbaren Wortgebilden mit dreifachem »s«: »Missstand«, »Schlusssatz«.

Diese Mängel der Heyseschen Schreibung sind nicht unbedeutend. Im Vergleich mit den eklatantesten Mißgriffen der Reformer, insbesondere der forcierten Getrenntschreibung und den grammatisch falschen Großschreibungen, jedoch sind sie nachrangig. Daher hat sich die Kritik an der Reform nicht auf die »ss«/»ß«-Schreibung konzentriert.

Die Heysesche Regel ist Erwachsenen relativ leicht zu vermitteln. Dennoch beobachtet man eine hohe Fehlerquote: »Grüsse«, »Heissluft«, »Strasse«. Offensichtlich verstehen viele nicht, wann das »ß« bleiben soll. Es fällt ihnen schwer, die Vokallänge zu messen, zumal diese regional schwankend ist. Vor Übergeneralisierungen warnt der aktuelle Duden bereits ausdrücklich: »Feminine Substantive auf -nis werden im Singular mit nur einem -s geschrieben«, heißt es in einem »Infokasten« unter dem Lemma »Kenntnis«.

Für Schüler, aber auch für schreibunsichere Erwachsene ist die grammatische Unterscheidung zwischen »daß« und »das« die größte orthographische Schwierigkeit. Durch die Ersetzung von »daß« durch »dass« kann sich daran nichts ändern. Im Gegenteil. In einem Interview mit dem Leipziger Erziehungswissenschaftler Professor Harald Marx, das die Neue Osnabrücker Zeitung vor knapp einem Jahr veröffentlichte, hieß es: »Also mich ärgert es schon, wenn die Kultusminister sagen, das (!) jetzt an den Schulen besser rechtgeschrieben wird.« Die Verwechslung von »das« mit »dass« und umgekehrt ist optisch unauffälliger als die von »das« mit »daß«. Sie begegnet uns jetzt häufiger als je zuvor.

Marx ist der einzige Wissenschaftler, der seriöse Studien zu den Rechtschreibleistungen der Schüler vor und nach der Reform angestellt hat. Dabei konzentrierte er sich von Anfang an auf die »ss«/»ß«-Schreibung. 1998 stellte er fest, daß mehr Fehler gemacht wurden als 1996. Später ging ihre Zahl wieder auf das ursprüngliche Niveau zurück. Die Neigung zu Übergeneralisierungen wuchs hingegen stetig: »Das heißt, Wörter, die in der s-Laut-Schreibung von der Rechtschreibreform nicht betroffen waren, wurden jetzt häufiger als vor der Reform falsch geschrieben . . . Es gibt seit der Reform fast keine Examensarbeit meiner Lehramts- und Magisterstudenten, in der das ›ss‹ oder ›ß‹ nicht wenigstens einmal falsch geschrieben ist«, resümierte Marx in dem oben angeführten Interview.

Der Rückgriff auf die Heysesche »ss«/»ß«-Regel hat die Orthographie nicht vereinfacht, aber sichtbar verändert. Das ist entscheidend. Auch wenn es nur bei diesem einen Eingriff bliebe, hätten die Reformer ihr letztes Ziel erreicht: die Möglichkeit einer staatlich organisierten Veränderung der deutschen Sprache überhaupt vorgeführt zu haben.

Hintergrund

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts erschienen die meisten deutschen Druckerzeugnisse in Fraktur, dem Schriftsatz mit dem langen »s«. Und dabei blieb es, obwohl sich die auf dem lateinischen Alphabet basierende Antiqua-Schrift weltweit durchgesetzt hatte, bis 1941.

Die Nazis verboten den anfänglich von ihnen als »einzig wahren« gepriesenen Frakturschriftsatz, machten Antiqua zur Amtssprache. 1944 nahmen sie eine weitere Reform in Angriff, die Eindeutschungen wie »Filosof« oder »Schofför« und Getrenntschreibungen wie »Rad fahren« zum Inhalt hatte – »der einzige tiefere Eingriff von Staats wegen in die deutsche Rechschreibung«, wie Christian Meier 1998 sagte, damals Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Heute wird an den Schulen und Behörden dieses Landes – außer in Nordrhein-Westfalen und Bayern – der nächste tiefere Eingriff wirksam: Man schreibt »dass« statt »daß«, »Pleite gehen« statt »pleite gehen«, »Rad fahren« statt »radfahren«, trennt »Zu-cker« statt »Zuk-ker« und »Wes-te« statt »We-ste«. Die Mehrheit der Bevölkerung wird sich nach aktuellen Umfragen nicht an die neuen Regeln halten, viele Zeitungen und Verlage pfeifen ebenfalls drauf. (jW)

Junge Welt, 1. 8. 2005



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