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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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30.07.2005
 

„Erreicht den Hof mit Müh und Not …“
Pressestimmen zum 1. August 2005

Wenige Meter vor der Zielmarke hat die »so genannte« Jahrhundertreform so gut wie jeglichen Glanz, mit dem sie einst auf die Strecke geschickt worden ist, verloren.

Einen »Kraftakt der Sprach-Technokraten« nennt es Dankwart Guratzsch, daß es mit ihr überhaupt so weit kommen konnte. Sein geschichtlicher Rückblick streift auch jüngst aufgekommene »Spekulationen, daß sogar Parteispenden geflossen seien, um jeden Angriff auf die Reform rechtzeitig abzublocken«.

Hier eine Auswahl weiterer Pressestimmen, die zu diesem eher merk- als denkwürdigen Tag erschienen sind:

Buchstäblich zum Haareraufen
Sie tritt nicht überall in Kraft und auch nur in Teilen -- die Orthografie-Reform bleibt verwirrend
Von Johan Schloemann

Ruhe und Klarheit. Das war der sehnlichste Wunsch der meisten Ministerpräsidenten der Bundesländer, als sie im vergangenen Jahr beschlossen, die Reform der deutschen Rechtschreibung zum 1. August 2005 in Schulen und Behörden endgültig in Kraft zu setzen. So hatten es ihre Kultusminister vorgegeben, so war es seit einer gemeinsamen Erklärung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz im Juli 1996 geplant. Doch wie schon in all den turbulenten Jahren danach, die von scharfen Debatten geprägt waren, so ist auch an diesem 1. August nichts ruhig und gar nichts klar.

Denn nach erneut geänderter Beschlusslage und der Einrichtung eines neuen "Rats für deutsche Rechtschreibung" ist es nur ein Rumpf der Reform, den die Kultusminister für "unstrittig" erklärt haben und der nun verbindlich wird. Für andere, zentrale Teile, darunter die Getrennt- und Zusammenschreibung (fertig stellen oder fertigstellen?), gilt die Toleranzfrist für die alten Schreibweisen weiter, bis die Empfehlungen des Rats vorliegen -- voraussichtlich 2006. Und der Rat unter Vorsitz des früheren bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair hat angekündigt, auch über vermeintlich unstrittige Bereiche wie die Groß- und Kleinschreibung (im Übrigen oder im übrigen?) noch einmal zu befinden.

Zudem sind die zwei größten Bundesländer, Bayern und Nordrhein-Westfalen, nachträglich aus der Linie der Ministerpräsidentenkonferenz ausgeschert. Sie wollen Alt und Neu erst einmal weiter nebeneinander laufen lassen. Damit droht die Rechtschreibreform endgültig zu einem Krisenzeichen jener föderalen Ordnung zu werden, die Bundespräsident Horst Köhler in der vergangenen Woche als "überholt" bezeichnet hat. Im vergangenen Herbst hatte schon Niedersachsen mit dem Ausstieg aus der Kultusministerkonferenz (KMK) gedroht. Ein häufiger Vorwurf gegen die KMK lautet, sie habe die neue Rechtschreibung ohne Gespür für die Mehrheit der Sprachnutzer im Geiste der Ministerialbürokratie durchgepeitscht und die Sprachwissenschaftler der ursprünglichen Reformkommission einseitig bevorzugt.

Doch damit nicht genug des Durcheinanders. Die Gemeinschaft der Schreibenden hat die Reform immer noch nicht recht angenommen. Große Zeitungsverlage sind zur alten Schreibung zurückgekehrt oder behalten sich, wie die Süddeutsche Zeitung, vor, die Ergebnisse des Rechtschreibrats abzuwarten. "Wenn Bild nicht mitmacht, dann haben wir keine Chance", gestand dieser Tage der Germanist Gerhard Augst, ein Chefdenker der 1996 beschlossenen Reform, dem Spiegel ein. Es gibt zahlreiche "Hausschreibungen" -- oft ein feinerer Ausdruck dafür, dass der einzelne Schreibende sich durchwurstelt und das "ss" für das "ß" als Feigenblatt der Erneuerung verwendet. Viele Schriftsteller haben die verordneten Änderungen abgelehnt und veröffentlichen ihre Bücher in großen Verlagen weiter in alter Schreibung. Klassiker sind in der hergebrachten Orthografie gedruckt; Spitzfindige haben ausgerechnet, dass Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" von diesem Montag an in 14 Bundesländern 8000 Rechtschreibfehler aufweist.

Die Verwirrung ist gerade deshalb so groß, weil sich ja nicht, wie manche Polemik nahe legt, zwei Schreibsysteme unversöhnlich gegenüberstehen. Auf der einen Seite ist die Reformschreibung im Zuge der öffentlichen Kritik Schritt für Schritt verändert, das heißt: zurückgeschraubt worden. Dies wird in den Wörterbüchern inzwischen mit dem verräterischen Wörtchen "auch" markiert. Auf der anderen Seite war die Ausformulierung der amtlichen Schreibung durch die Duden-Redaktion vor der Reform, garantiert durch ein staatliches Privileg seit 1955, auch "in Zweifelsfällen" nicht frei von Unsinnigkeiten.

Angesichts der politischen Willkür bei der Umsetzung sind manche Reformkritiker -- notgedrungen -- übers Ziel hinausgeschossen und haben den Eindruck erweckt, die "bewährte" Schreibung sei in Stein gemeißelt, was historisch nicht stimmt. Die Auffassungen, dass Sprache sich einerseits verändert und andererseits als Verkehrsmittel der Normierung bedarf, sind eigentlich nicht so gegensätzlich, wie es die erbitterten Gegner glauben machen. So können auch Sprachliebhaber nicht immer unterscheiden, ob ihnen eine abweichende Schreibung wehtut, weil sie sie selbst in der Schule anders gelernt haben, oder weil sie aus prinzipiellen, fachlichen Gründen dagegen sind.

Die deutsche Sprache wird durch die Rechtschreibreform nicht untergehen; sie wird sich beweglich zeigen. Fest steht indes, dass der Versuch der Reform von 1996, eine neue, leichtere, konsequente und einheitliche Schreibung des Deutschen mit bürokratischer Unbeweglichkeit durchzusetzen, gescheitert ist.

( SZ vom 30. 7. 2005, S. 2 )



Lehrer sind erleichtert
Korrekturen werden jetzt einfacher
Von Tanjev Schultz

Für die meisten Schüler in Deutschland wird es jetzt ernst. Vom neuen Schuljahr an sollen ihre Lehrer alte Schreibweisen als Fehler werten. Entsprechende Rundschreiben haben die Kultusminister in den vergangenen Wochen an die Schulen geschickt. Pädagogen und Schüler reagieren überwiegend gelassen -- schließlich werden die neuen Regeln schon seit Jahren gelehrt.

"Für uns Lehrer wird der Aufwand geringer", sagt Matthias Dimter, Leiter des Gottlieb-Daimler-Gymnasiums in Stuttgart. Künftig reicht es, Fehler zu zählen. Bisher musste Dimter alte Schreibweisen wie Tolpatsch markieren und jedes Mal den Vermerk "veraltet, neu: Tollpatsch" am Rand notieren. Um dies nicht immer per Hand schreiben zu müssen, schenkten ihm Kollegen sogar einen Stempel. In der vergangenen Zeit brauchte ihn Dimter allerdings nicht mehr so oft. "Die meisten Kinder richten sich schon nach der Reform", sagt er. Doch ganz ohne seinen Stempel wird der promovierte Linguist wohl auch in Zukunft nicht auskommen. Denn in drei strittigen Bereichen der Reform gibt es weiterhin eine Übergangszeit.

Orthografische Schwächen hängen nach der Erfahrung vieler Deutschlehrer nur selten mit der umstrittenen Reform zusammen. Alte Schreibweisen finde er in den Texten seiner Schüler kaum noch, berichtet Herbert Siebach, Fachleiter für Deutsch am Markgrafen-Gymnasium in Karlsruhe. Mit Kommata oder der Groß- und Kleinschreibung hätten Jugendliche ganz unabhängig von der Reform ihre Nöte. "Ich habe Probleme mit der Zeichensetzung -- aber da sind die neuen Regeln sogar einfacher als die alten", bekennt die Gymnasiastin Alexandra Just, Mitglied im Vorstand der Berliner Landesschülervertretung. Unter Mitschülern sei die Reform schon lange kein Thema mehr. "Wir haben uns längst damit abgefunden", sagt die 19-Jährige.


( SZ vom 30. 7. 2005, S. 2 )


Zuviele Regeln -- oder zu viele Regeln?
Täglich müssen die Germanisten in der Duden-Redaktion mehrere hundert Anfragen zur neuen Rechtschreibung beantworten
Von Nadeschda Scharfenberg

Erst vorgestern hat Ulrike Rehusch wieder eine dieser E-Mails bekommen. "Schreibt man", hieß es da, "Zigaretten sind krebserregend oder Zigaretten sind Krebs erregend?" Eigentlich ist Rehusch als Pressesprecherin des Wissen Media Verlags, der die Wahrig-Wörterbücher herausgibt, nicht für Rechtschreibhilfe zuständig. Aber beantwortet hat sie die Frage natürlich trotzdem: Es geht beides.

Für Orthografie-Notfälle bietet die Wahrig-Redaktion ebenso wie der Marktführer Duden eine Sprachberatung an. Fragen können online oder am Telefon für 1,86 Euro pro Minute gestellt werden. "Seit der Einführung der neuen Rechtschreibung haben wir verstärkte Nachfragen", sagt Rehusch; immer wieder erkundigten sich Eltern, wenn sie bei den Hausaufgaben ihrer Kinder überfragt seien. In der Duden-Redaktion beantworten zehn Germanisten etwa 200 Anfragen täglich. Allerdings, sagt Sprecher Klaus Holoch, hätten die meisten Anrufe nichts mit der neuen Schreibung zu tun. Beispiele aus der Praxis: Wie lautet der Plural von Status? Auch Status, aber mit langem u. Oder: Was bedeutet "wuschig"? Es steht umgangssprachlich für "verwirrt, erregt".

Die Wörterbuchverlage haben sich auf die Verunsicherung durch die Reform eingestellt und setzen auf Service, auch in den Druckausgaben. Duden-Sprecher Holoch nennt die aktuelle 23. Auflage, die im August 2004 nach den bisher letzten Regeländerungen erschienen ist, daher "Erziehungs-Duden". Wer Rat sucht, wird nicht mit der neuen Schreibung allein gelassen. So findet, wer das Wort "Gämse" nachschlagen will, selbstverständlich noch die alte "Gemse" -- mit freundlichem Hinweis auf die jetzt gültige Variante. Die Neuschreibungen sind in Rot hervorgehoben. Im neuen Wahrig, der in wenigen Tagen erscheint, ist das genauso.

Für die Wörterbuchverlage bedeutet das Inkrafttreten der Reform keine Veränderung. Schließlich kommen ja keine neuen Regeln hinzu. Auch für die Herausgeber von Schulbüchern bleibt alles beim Alten; die Lehrwerke wurden schon 1998 umgestellt. Seither wird die neue Orthografie gelehrt -- auch in Bayern und Nordrhein-Westfalen, welche die Reform jüngst ausgesetzt haben. Diese Entscheidung bedeutet also nicht, dass dort wieder die alte Schreibung benutzt wird; sie wird aber auch nicht als Fehler gewertet. "Allerdings", sagt Rino Mikulic, Sprecher des Schulbuchverbandes VdS Bildungsmedien, "ärgert uns die Verunsicherung. Für uns geht es um viel Geld." Eine -- höchst unwahrscheinliche -- Rücknahme der Reform würde die Verlage mit 250 Millionen Euro belasten.

Betroffen sind derzeit vor allem die Schüler, deren Diktate jetzt strenger korrigiert werden -- und Eltern, die ihren Kindern helfen wollen. Sie haben neben den herkömmlichen Nachschlagewerken viele Möglichkeiten, sich zu informieren -- vor allem im Internet. Das komplette amtliche Regelwerk der Rechtschreibung findet sich zum Beispiel auf der Homepage des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache -- es umfasst 99 DIN-A-4-Seiten. Die Wörterbuchverlage bieten auf ihren Homepages die wichtigsten Regeln im Überblick. Und bei www.duden.de gibt es für 2,50 Euro einen Crashkurs zum Herunterladen für diejenigen, die im Internet-Rechtschreibtest schlecht abschneiden.

Aufgespießt werden häufige Fehler in der Fehlergalerie auf www.schriftdeutsch.de. Da verkauft ein Supermarkt "Süssstoff", eine antifaschistische Gruppierung bläst zum Kampf gegen die "grosse Koalition der Sozialräuber", und ein Schmierfink an einer Düsseldorfer Schule findet gleich "alles scheisse". Die Sprachberater von Duden und Wahrig haben gewiss noch viel Arbeit vor sich.

( SZ vom 30.7.2005, Seite 2 )


Wohlverdiente Reform?
Teile der neuen Orthografie werden verbindlich, doch Gelassenheit hilft auch hier weiter
Von unserem Redaktionsmitglied Thomas Groß

Vielleicht kommt man ja doch mit allen Umstellungsschwierigkeiten am besten klar, wenn man gelassen bleibt. Grund dafür gibt es auch unmittelbar vor dem Verbindlichwerden der so genannten unstrittigen Teile der Rechtschreibreform am 1. August - und danach.

Man muss sich nur erstens vor Augen führen, dass die Allermeisten von niemandem dazu genötigt werden können, die neuen Regeln zu befolgen; sie können schreiben, wie sie wollen - mit der Einschränkung, dass entweder die alte oder die neue Schreibung korrekt zum Einsatz kommen sollte. Dass dies für die alte Orthografie längst nicht immer galt, wird heute gerne vergessen und verdrängt. Zur Durchsetzung der neuen Orthografie trägt vor allem der Faktor Zeit bei; die Reformer haben immer wieder daran erinnert, dass es in Dänemark 40 Jahre dauerte, ehe eine Rechtschreibreform sich tatsächlich durchgesetzt hatte. Das war dann der Fall, als alle älteren Schreiber endgültig aufgehört hatten, überhaupt zu schreiben.

Zweitens wäre angesichts der erneuten Rede von Rechtschreibchaos, nachdem sich Bayern und Nordrhein-Westfalen entschlossen haben, in ihren Schulen alte Schreibungen noch länger zu tolerieren, daran zu erinnern, dass in allen 16 Bundesländern nach den gleichen Regeln unterrichtet wird - nämlich nach den neuen. Und drittens tut es gut, sich auf den Vorsitzenden des Rats für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, zu besinnen. Denn er, auf den Befürworter wie Kritiker der Reform große Stücke halten, verwechselt regelmäßig selber alte und neue Orthografie, wenn er vor die Presse tritt; oder er erläutert bei gleicher Gelegenheit mit größter Selbstverständlichkeit Rechtschreibdetails, die weder mit alter noch neuer Orthografie zu tun haben. Er weist dann etwa darauf hin, dass es einen Unterschied mache, ob jemand einen "wohlverdienten" oder einen "wohl verdienten" Urlaub antrete; er vergisst dabei aber, dass der mit Recht und besten Gründen verbrachte Urlaub nach wie vor zusammengeschrieben wird. Um Nachbesserungsinitiativen des Expertengremiums zu demonstrieren, verweist er auf den inhaltlichen Unterschied zwischen "krank schreiben" und "krankschreiben", den aber erst die viel gescholtene neue Rechtschreibung kenntlich machte; die alte forderte "krank schreiben" auch dann, wenn es um einen Arzt ging, der eine Arbeitsunfähigkeit diagnostiziert. Gleiches gilt für krankmelden. Und bei der Silbentrennung appelliert Zehetmair an den guten Geschmack: Das Wort "Urinstinkt" sollte niemals "Urin-stinkt" getrennt werden; allerdings verhindert dies gerade die neue Orthografie, welche die Unappetitlichkeiten ausschließende Trennung von "s" und "t" zulässt.

Zugegeben, in diesen Ausführungen schwingt Ironie mit, sehr viele aber finden die Schreibreform weder zum Schmunzeln noch zum Lachen. Besonders dann, wenn es heißt, die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung sei durch sie nachhaltig infrage gestellt. Die Mehrheit der Bundesbürger lehnt laut einer neuen Umfrage die Rechtschreibreform ab, wobei ältere Umfragen aber zu einem etwas anderen Ergebnis kamen. Zeitungen und Zeitschriften, die zur alten Orthografie zurückgekehrt sind, betonen unisono, sie hätten dies aus größter Sorge um die deutsche Sprache getan. Wo sollte da noch Platz für humorvolle Gelassenheit bleiben. Immerhin: Die FAZ hat zwar pünktlich vor dem 1. August mitgeteilt, bei der alten Schreibung bleiben zu wollen, was freilich auch kaum wer anders erwartet hätte. Allerdings scheinen alle ihre Haltung überdenken zu wollen, wenn die "Reform der Reform" durch den Rat für deutsche Rechtschreibung abgeschlossen sein wird. Bis dahin dürfte man gut daran tun, gelassen zu bleiben.

( Mannheimer Morgen - 30. 7. 2005 )


Nichts ist heilig zu sprechen – Rat für Rechtschreibung kümmert sich um Problembereiche

Egal, ob die Bundesländer nun Teile der Rechtschreibreform verbindlich werden lassen, was die Mehrheit von 14 vollzieht, oder sie die Übergangsfristen noch einmal verlängern, was mit Bayern und Nordrhein-Westfalen die größten Länder unternehmen - einig bleiben sie sich alle darin, dass sie auf den Rat für deutsche Rechtschreibung setzen.

Das Expertengremium mit dem ehemaligen bayerischen Wissenschaftsminister Hans Zehetmair als Vorsitzendem trat formal an die Stelle der Zwischenstaatlichen Kommission für Rechtschreibung, welche die Einführung der Reform begleitet und stellenweise schon nachgebessert hatte. Anders als bei der Kommission sind am Rat auch Reformkritiker beteiligt. Die Kultusministerkonferenz hat ihm die Aufgabe gestellt, besonders strittige Reformteile zu überarbeiten. Sein Vorsitzender hat aber betont, der Rat könnte sich auch der Reformteile noch annehmen, die als unstrittig gelten und jetzt in 14 Bundesländern verbindlich werden.

Bereits abgeschlossen ist die Arbeit an der umstrittenen Getrennt- und Zusammenschreibung. Die Korrekturen, die der Rat am Reformwerk vorgenommen hat, sollen dem allgemeinen Sprachgebrauch Rechnung tragen und sehen vor allem dort wieder verbindlich Zusammenschreibungen vor, wo diese eine neue Gesamtbedeutung ergeben; falls die Vorschläge von der Kultusministerkonferenz abgesegnet werden, wären Wörter wie kennen lernen wieder zusammenzuschreiben, es hieße wieder "kennenlernen", "vollstopfen" oder "volltanken", "fertigmachen", "übrigbleiben" oder "heiligsprechen", was das Regelwerk vorgibt, jeweils getrennt zu schreiben. Es würde wieder "eisgelaufen" statt "Eis gelaufen"; "Kopf stehen" lautete wieder "kopfstehen". Der Rat hofft mit solchen Änderungen zudem, neuerdings häufiger anzutreffende, aber nach alter wie neuer Orthografie falsche Schreibungen wie "Angst erfüllt" oder "Blut triefend" aus der Welt zu schaffen.

Auf der Agenda des Rats stehen außerdem noch die Silbentrennung am Zeilenende und die Interpunktion. Bei der Zeichensetzung dürften die Vorschläge lauten, wieder mehr Kommata zu setzen, wenn es die Lesbarkeit vereinfacht, etwa vor erweitertem Infinitiv sowie "und", sofern das Bindewort einen ganzen Satz einleitet. tog


( Mannheimer Morgen - 30. 7. 2005 )




Stichwort
Schreibreform

Die alte Orthografie kam mit wenigen Regeln aus, kannte umso mehr Ausnahmen. Die Rechtschreibreform sollte das Schriftdeutsch auf einfachere Grundlagen stellen. 1996 wurde sie von Ländern des deutschen Sprachraums (Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein) beschlossen.

Am 1. August dieses Jahres, sieben Jahre nach Einführung der Reform, endet die Übergangszeit, in der alte Schreibungen in Schulen noch als "veraltet" gekennzeichnet werden. Mit Beginn des neuen Schuljahres sind sie als Fehler zu werten. Allerdings haben Bayern und Nordrhein-Westfalen den Fahrplan für sich abgeändert; anders als die 14 anderen Länder haben sie die Übergangszeit noch einmal verlängert - voraussichtlich um ein Jahr, denn dann könnte der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Korrekturarbeiten beendet haben. Wie sich dieser Sonderweg auf die Kultusministerkonferenz auswirken wird, ist offen. Eigentlich behält diese das letzte Wort über eine "Reform der Reform", wird durch den Sonderweg der beiden Länder aber prinzipiell infrage gestellt. Das ändert allerdings nichts daran, dass in allen 16 Bundesländern die neuen Schreibungen unterrichtet werden - Unterschiede finden sich nur darin, was toleriert wird. tog


( Mannheimer Morgen - 30. 7. 2005 )



Sprach-Fluss ist verbindlich Schreibungen im Überblick

Am 1. August werden die (weitgehend) unstrittigen Teile der Rechtschreibreform in Schulen und Behörden verbindlich, für die Schulen de facto mit Beginn des neuen Schuljahres. Damit endet die Übergangszeit für die Bestimmungen zur Laut-Buchstaben-Zuordnung (Soße statt Sauce), zur Schreibung mit Bindestrich und zur Groß- und Kleinschreibung.
Einbegriffen ist bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung auch die Neuerung, "ß" nach kurzem Vokal durch "ss" zu ersetzen, sowie die Schreibung mit dreifachem Konsonant bei Wortzusammensetzungen (Balletttänzer), wobei beide Bestandteile durch einen Bindestrich getrennt werden können (Ballett-Tänzer). Wir dokumentieren an Beispielen die neuen Schreibweisen und stellen sie den alten gegenüber, die zuerst notiert sind:
As (alt) - Ass (neu)
belemmert - belämmert
jeder beliebige - jeder Beliebige
Bendel - Bändel
daß - dass
Du, Dein (in der Briefanrede) - du,
dein (in der Briefanrede)
der/die/das einzelne - der/die/das
Einzelne
etwas auf englisch sagen – etwas auf Englisch sagen
Fluß - Fluss
Fußballänderspiel -Fußballländerspiel/Fußball-Län...
Greuel - Gräuel
groß und klein (= jedermann) - Groß und Klein (= jedermann)
heute abend - heute Abend
im voraus - im Voraus
in bezug auf - in Bezug auf
16jährig, der 16jährige - 16-jährig, der 16-Jährige
Känguruh - Känguru
mißlich - misslich
der nächste, bitte! – der Nächste, bitte!
numerieren - nummerieren
das Ohmsche Gesetz – das ohmsche/Ohm'sche Gesetz
Quentchen - Quäntchen
rauh (rauhbeinig, Rauhfaser) - rau (raubeinig, Raufaser)
recht behalten/bekommen/geben/haben - Recht behalten/bekommen/geben/haben
Roheit - Rohheit
Schiffahrt - Schifffahrt/Schiff-F...
das Schwarze Brett - neu: das schwarze Brett
Tip - Tipp
Tolpatsch - Tollpatsch
Ultima ratio - Ultima Ratio
verbleuen -verbläuen
alte Schreibungen sind weiter möglich bei Eindeutschungen wie Tunfisch; "Thunfisch" bleibt weiter genießbar (ebenso sind wahlweise Spaghetti oder Spagetti zu verzehren). Zugelassen ist etwa auch die alte Schreibung "aufwendig" als Variante neben "aufwändig" (neu).
Der Rat für deutsche Rechtschreibung, der Teile der Reform nachbessern soll, hat im Internet das neue Regelwerk sowie eine Wortliste mit den zentralen Fällen aufgeführt; an deren Anfang sind die neuen Regeln zusammengefasst. Zu finden auf der Homepage des Instituts für Deutsche Sprache: www.ids-mannheim.de, weiter über Wegweiser, Service, Dokumentationen, dann "Dokumente zu den Inhalten der neuen Rechtschreibung" anklicken. tog


( Mannheimer Morgen - 30. 7. 2005 )


Korrekturen gehen auch ins Geld
Die neue Orthografie hat für die Wirtschaft teure Konsequenzen
Von unserem Redaktionsmitglied Jens Koenen

Die Unternehmen dürften aufatmen, vorerst zumindest. Nun gilt sie endgültig, die neue Rechtschreibung, jedenfalls ein großer Teil davon. Eine gute Nachricht, hätten erneute Änderungen doch erhebliche Kosten bedeutet. Und bleibt die Hoffnung, dass der Rat für deutsche Rechtschreibung nicht allzu viele Korrekturen mehr fordert. Denn die Frage, wie ein Wort geschrieben werden darf, hat in der Wirtschaft weitreichendere Folgen als die meisten wahrscheinlich vermuten.

Das zeigt das Beispiel Software: Bei jeder Rechtschreibreform müssen viele Programmbestandteile geändert werden. Dabei ist die Rechtschreibhilfe etwa in der weit verbreiteten Textverarbeitung von Microsoft noch das kleinste Problem. "Man kann schon heute zwischen alter und neuer Rechtschreibung wählen", heißt es bei Microsoft. Aber auch die Menues, Hilfen, Buttons, Erklärungen oder Glossare müssten angepasst werden.

Gleiches gilt auch für den Walldorfer Softwarekonzern SAP. Auch hier müssen bei neuen Regeln die Programme und alles, was dazu zählt, angepasst werden. Die Änderungen der Schreibweise eines Wortes löst eine wahre Kettenreaktion aus. Dann nämlich werden automatisch die Übersetzungsteams in aller Welt aktiviert und ändern sämtliche Masken und Glossare - in der Annahme, es handele sich um eine inhaltliche Änderung. Auf diesem Wege hat SAP 1999 die damals neuen Regeln umgesetzt - ein Aufwand, den die Walldorfer nur ungern wiederholen möchten.

Damit nicht genug: Grundsätzlich kann es bei Computerprogrammen wegen der Schreibweise sogar zu Abstürzen kommen, etwa wenn zwei Programme zusammenarbeiten sollen, sich einer unterschiedlichen Rechtschreibung bedienen. Auch für die Anbieter von Lernsoftware werden Änderungen stets teuer. Firmen wie KHS-web.de in München oder der Schulbuchverlag Cornelsen haben hunderte CDs auf Lager - in den aktuell gültigen Schreibvarianten. "Wir haben viele Titel, die unsere Schulbücher ergänzen und dazu passen. Als Schulbuchverlag sind wir verpflichtet, den Vorgaben der Kultusminister zu folgen", so eine Cornelsen-Sprecherin.

Auch in anderen Branchen ziehen neue Schreibregeln einen "Rattenschwanz" nach sich: Sekretärinnen müssen geschult, Handbücher neu verfasst, Briefbögen neu gedruckt, Dokumentationen umgestellt werden. Eine Übersicht der Kosten gibt es zwar nicht, Experten schätzen aber, dass ein Mittelständler dafür bis zu 30 000 Euro kalkulieren muss, ein kleinerer Konzern sogar schnell bis zu einer Millionen Euro.


( Mannheimer Morgen - 30. 7. 2005 )


St. Gallen, zum Diktat!
Was St. Gallerinnen und St. Galler zur neuen Rechtschreibung sagen

St. Galler Tagblatt, 30. 7. 2005

Ab Montag gilt in den Schweizer Schulen grundsätzlich nur noch die neue Rechtschreibung. Die meisten St. Galler beeindruckt das aber wenig, wie eine Umfrage und ein Test des Tagblatts beweisen.

Seit vielen Jahren sind unzählige Professoren, Experten und Wissenschaftler damit beschäftigt, eine Reform der deutschen Rechtschreibung zu planen und darüber zu streiten. Ab nächster Woche ist für die meisten Regelungen die Übergangsfrist abgelaufen (siehe Kasten). Aber sind die Änderungen aus den Stuben der Gelehrten überhaupt bis auf die Strasse durchgedrungen? Was halten St. Gallerinnen und St. Galler von der Reform und wenden sie diese an?

Das Tagblatt hat einige Personen auf der Strasse befragt und ihnen folgenden Mustersatz diktiert: «Eine Hand voll Leute wollte vorwärts machen und St. Gallen ein Happening bescheren, das bei Jung und Alt aufs Beste ankam. Die Veranstalter hatten Recht: Mit der Majonäse hatten sie Erfolg, waren hocherfreut und sagten Danke (auch: danke). Im Grossen und Ganzen wurde nichts anderes gewünscht.» Einige Wörter können auch nach der alten Rechtschreibung geschrieben werden, wie beispielsweise die viel zitierte Majonäse oder eben Mayonnaise. Die Verwirrung war dementsprechend gross. Das führte zu sechs verschiedenen Schreibweisen. Den Testpersonen bereitete vor allem die Gross- und Kleinschreibung und das Auseinanderschreiben von Doppelwörtern Mühe.

Reform unnötig

In St. Gallen finden die meisten der befragten Personen die Rechtschreibreform unnötig und mühsam. Zudem wenden praktisch alle die alte Rechtschreibung an - aus Unkenntnis oder aus Protest. «Ich müsste wieder alles von vorne lernen, wie eine neue Sprache», sagt Riccardo Kristig. In seinem Beruf brauche er sowieso häufiger Englisch als Deutsch. Die neue Rechtschreibung sorge nur für Verwirrung. «Besonders schlecht finde ich, dass englische Wörter eingedeutscht und völlig anders geschrieben werden.» Das verstehe ja niemand mehr. In Kontakt mit der neuen Rechtschreibung sei er bis jetzt nur gekommen, wenn sie von Zeitungen oder Zeitschriften angewendet werde. «Ich habe zwar den neuen Duden zu Hause», sagt Hedy Bischof, «aber ich schreibe wie immer, nach der alten Rechtschreibung.» Sie mache sehr gerne Kreuzworträtsel; ob es dort auch ändere, wisse sie nicht. «Das wäre noch interessant zu wissen.» Die Reform sei nicht gut. «Ich weiss nicht, ob das für die Kinder dann besser ist.» Zudem müssten alle Lehrbücher umgeschrieben werden. Daran stört sich auch Hans Kurt: «Alle Lehrmittel neu aufzulegen, kostet extrem viel Geld.» An anderen Orten, wie beispielsweise in Spitälern, werde an allen Ecken und Enden gespart. «Ich lerne nicht mehr um.» Er habe mitbekommen, dass in Deutschland einige Zeitungen gegen die Reform seien.

Alles umlernen?

«In der Schule haben wir noch nach der alten Rechtschreibung gelernt», sagt der 14-jährige Fabien Aerne. Er wisse nicht, was sich ändern werde, aber er finde es nicht besonders gut. «Ich muss alles wieder neu lernen.» «Die neue Rechtschreibung ist ein ziemlicher Müll», sagt die Krankenschwester Anita Kreis. Da sie die Alte gelernt habe, wende sie dies auch weiterhin an, ungeachtet dessen, was am Montag in Kraft trete. Eine Freundin, die ebenfalls am Tisch sitzt, ergänzt: «Als Lehrerin begrüsse ich einige Teile der Rechtschreibreform, wie die Zulässigkeit von drei s hintereinander.» Stefanie Fernandez hat keine Probleme mit der neuen Rechtschreibung. «Ich wende das an, was dadurch einfacher und logischer wird», sagt die junge Frau. Den Gelehrtenstreit verfolge sie allerdings nicht, informiere sich aber hin und wieder. Die neue Rechtschreibung konsequent nicht beachten wird Yvonne Schweizer. Trotzdem glaube sie zu wissen, welche Regelungen der Reform am Montag in Kraft treten würden und was nicht. Der 13-jährige Schüler Marius Bettenmann kennt nur die neue Rechtschreibung. «Wir haben in der Schule gleich die Neue gelernt.» Deshalb könne er auch nicht beurteilen, ob die neue oder alte Rechtschreibung besser sei. (erp/km)


Alle ausser Bern

In den Schweizer Schulen gilt ab dem 1. August die neue Rechtschreibung. Dies teilte die Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) kürzlich mit. Das heisst, die neuen Regeln der Rechtschreibung sind verbindlich. Sie wurden 1998 parallel zur alten Rechtschreibung eingeführt und 2004 leicht modifiziert. Von der verbindlichen Einführung ausgenommen sind die Getrennt- und Zusammenschreibung, Zeichensetzung und Trennungen. Diese Teile der Reform sind nämlich noch strittig. Gemäss der EDK haben diese Ausnahmen den Kanton Bern aber dazu veranlasst, die neue Rechtschreibung in seinen Schulen noch nicht für verbindlich zu erklären. Er folgt somit drei deutschen Bundesländern. Diese wollen die Übergangsfrist so lange verlängern, bis alle strittigen Punkte vom Rat der deutschen Rechtschreibung endgültig beschlossen sind. Genauso halten es die Bundes- und Kantonsverwaltungen. Wie die Bundeskanzlei mitteilt, werden die Verwaltungen die neue Rechtschreibung auch erst dann für verbindlich erklären. (erp)


Überforderte Kultusminister

Von Harry Nutt
Frankfurter Rundschau, 30. 7. 2005

Der 1. August geht nicht als Feiertag in die Geschichte des deutschen Bildungsföderalismus, aber er stellt einen Schlusspunkt dar. Nach jahrzehntelanger Kontroverse und verschiedenen Phasen der Irritation von Schülern, Lehrern und Eltern gelten vom kommenden Montag an in Schulen und Behörden fast aller Bundesländer verbindlich die gleichen geänderten Rechtschreib- und Interpunktionsregeln. In Teilen werden sie vom Rat für Rechtschreibung, spät von den Kultusministern zur Beobachtung und Kontrolle eingesetzt, noch ergänzt.

Das hört sich kompliziert an, weil die Entwicklungsgeschichte der Reform kompliziert und widersprüchlich ist. Die Einschränkungen und Relativierungen, die zur korrekten Beschreibung des inhaltlichen und politischen Rahmens der Neuregelung erforderlich sind, deuten darauf hin, dass eher ein Flickenteppich zusammengenäht als ein großes Reformwerk in die Spur gesetzt wird. Was sich an Expertenmeinung angesammelt hat und in Kommissionen ausgetauscht worden ist, füllt dicke Bände, ohne dass man der Öffentlichkeit am Ende eine zufrieden stellende Lösung bieten könnte.

Trotz alledem ist das verbindliche Inkrafttreten der neuen Regeln im Sinne gleich mehrerer Jahrgänge von Schülern zu begrüßen, die in den ersten Einführungsphasen mit immer neuen Veränderungen des Regelwerks konfrontiert wurden und die durch die unterschiedliche Anwendung der Regeln von Verlagen und Medien bisweilen gar den Abbruch des Unternehmens in Aussicht gestellt bekamen. Ein weiterer Aufschub hätte nicht nur das Verhältnis zu den schriftlichen Ausdrucksweisen, sondern auch die Wege politischer Entscheidungsfindung beschädigt. Vom 1. August an wird zwar nicht große Gewissheit über den korrekten Gebrauch von Schreibungen und Interpunktion herrschen, aber es gelten verbindliche Regeln, denen sich zu einem späteren Zeitpunkt wohl auch dieAbweichler Bayern und Nordrhein-Westfalen anschließen. Selbst wenn sie es nicht tun, dürfte das Chaos ausbleiben.

In einer Zeit, in der die geschriebene Sprache gegenüber dem von elektronischen Medien verbreiteten gesprochenen Wort immer mehr auf dem Rückzug ist, haben Veränderungen der schriftlichen Konventionen allenfalls marginale Bedeutung. Angesichts der Rasanz, mit der Bild- und Tonmedien, aber auch das flüchtige Schreibverhalten bei der E-Mail-Kommunikation und in Internet-Chats Einfluss auf die geschriebene Sprache nehmen, stellt das Bedürfnis nach einer Reform der Schriftregeln ohnehin einen eigenartigen Anachronismus dar.

Die Idee zu einer Rechtschreibreform scheint einer Zeit zu entstammen, als der Glaube an die Einheit von Schrift und Wort noch gefestigt war. Das ehrgeizige Unterfangen der Reformer, das eine radikale Vereinfachung der Schriftsprache und ihrer Regeln zum Ziel hatte, war zu keinem Zeitpunkt geeignet, einen nachhaltigen kulturellen Wandel zu untermauern. Das Unternehmen einer weitreichenden Reform stand von Anfang an der Praxis einer sich sukzessive wandelnden Sprache entgegen. Geboren aus einem nicht unideologischen Geist des sprachlichen Egalitarismus, der den Zugang benachteiligter Schichten zur Bildung erleichtern sollte, war die Rechtschreibreform darüber hinaus stets getragen von einem übertriebenem Pragmatismus technokratischer Regler. Der traf zuletzt auf einen beharrlichen politischen Dezisionismus, dem die Punktvorteile des Tagesgeschäfts näher waren als alltägliche Bedürfnisse der Schreibenden.

In der bizarren Debatte über die Rechtschreibreform war wiederholt vom Scheitern die Rede. Gescheitert ist am Ende jedoch weniger die Reform selbst als das politische Verfahren, das sie zu durchlaufen hatte. Die Geschichte der Rechtschreibreform ist eine zu spät gewonnener Einsichten. Spät dran waren Schriftsteller und Intellektuelle, die sich erst einmischten, als die neuen Schulbücher gedruckt und der politische Prozess weit fortgeschritten war. Folgenreicher war die verspätete Einsicht der Ordnungspolitiker, dass ein Regelwerk, das alle angeht, der öffentlichen Legitimation bedarf. Die ärgste Erkenntnis im Prozess der Einführung veränderter Schreibregeln ist jedoch die, dass die Kultusministerkonferenz als projektführende Instanz schon seit längerem nicht mehr Herr im eigenen Haus war. Die Rechtschreibreform und ihre verworrene Geschichte ist vor allem Ausdruck einer Krise des inzwischen heftig angezählten Kulturföderalismus. Es wäre die erste Pflicht der Politik, jene Schuljahrgänge, die das Pech hatten, der Einführungsphase der Reform anzugehören, nicht länger zu bestrafen.


Das Gute an der Rechtschreibung

Von Rainer Bonhorst

Augsburger Allgemeine, 30. 7. 2005

Die Rechtschreibreform tritt in Kraft und gleichzeitig tritt sie nicht in Kraft. Es hat schon viel Kopfschütteln und Gelächter über die große deutsche Rechtschreibkonfusion gegeben. Es ist an der Zeit, dem Schauspiel, das sich nun schon jahrelang hinzieht, etwas Positives abzugewinnen.

Das Positive an dem Vorgang ist, dass die betroffenen, Leid tragenden Schüler tiefe, pädagogisch wertvolle Einblicke in die Erwachsenenwelt gewinnen. Es ist eine Sache, in theoretischen Unterrichtsstunden über die großartigen Leistungen des Erwachsenenlebens informiert zu werden (Cäsar, Goethe, Einstein & Co). Es ist eine ganz andere, eindringlichere Sache, schmerzhaft am eigenen Leib die Praxis erwachsener Entscheidungsfindungen zu erleben.

Dies ist mit der Rechtschreibreform geschehen. Eine Kommission, bestehend aus den besten Köpfen, die das Land auf dem Lerngebiet Sprache aufzuweisen hat, beriet lang und gründlich und kam nach vielen Jahren mit einer Rechtschreibreform über, die von Kuriositäten strotzte. Die Proteste waren zahlreich und traten in unterschiedlicher Form auf. Lautstarke Empörung, Verweigerung, Kampf gegen das Unsägliche (Unschreibliche?) einerseits, Rechtfertigung, Gegenempörung und schließlich tätige Teilreue andrerseits.

Die Reform der Reform wurde eingeleitet, auf einen kleinen Kern reduziert und dann zur etappenweisen Ausführung vorgelegt. Es folgte der Konflikt darum, ob die Etappen tatsächlich etappenweise vollzogen werden sollen oder ob sie bis zur letzten Etappe verweigert, dann aber mit einem Sprung genommen werden sollen.

Andere Konflikte schwelen unverändert. Einige Zeitungen, die ja wichtiger Lesestoff auch in der Schule sind, schreiben weiter auf die alte Weise, also anders als die Schüler nun früher oder später schreiben müssen, wenn sie keine Fünf kriegen wollen.

Kann man sich für unsere schreibende und lesende Jugend eine bessere Lektion über die menschlich allzu menschlichen Unzulänglichkeiten der Erwachsenenwelt vorstellen?

Es ist natürlich eine unfreiwillige Lektion. Die klugen Köpfe, die höherenorts agieren, entlarven sich selbst als stellenweise beschränkt. Das vermuten zwar viele Jugendliche ohnehin, aber vermuten ist etwas anderes als erfahren. Andererseits ist diese lebensnahe Lektion letzten Endes eben doch sehr unangenehm, denn die Schüler müssen sich mit den Kuriositäten der Reform-Saga allen Ernstes und möglicherweise folgenschwer herumschlagen.

Diese ungewöhnlich deutliche Vorführung erwachsener Unzulänglichkeit, von der Konfusion über die Rechthaberei bis hin zur Machthuberei, erleben wir in einer Zeit, in der wir die sinkende Autorität der Eltern und anderer Erwachsener beklagen. In der Tat: Wir sind den antiautoritären Weg zu weit gegangen und tragen nun die Früchte mangelnder Führung. Doch eine Lehre gilt, ob die Zeiten nun nach mehr oder weniger Autorität verlangen, immer: Wer Vorbild sein will, sollte als ein Vorbild handeln.


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Kommentare zu »„Erreicht den Hof mit Müh und Not …“«
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Kommentar von Pavel Nemec, Praha 4, verfaßt am 11.08.2005 um 23.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=314#1443

Heute abend in "Monitor": "Das Wort 'Reform' ist zum Unwort geworden, weil die Leute die Erfahrung gemacht haben, daß es im Gegensatz zu früher jetzt jedesmal eine Verschlechterung bedeutet." (Oder so)


Kommentar von Schwäbische Zeitung, 1. 8. 2005, verfaßt am 05.08.2005 um 00.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=314#1426

Der Sprache bleibt nur wenig Hoffnung /Leitartikel

Für die deutsche Sprache ist heute ein Trauertag. Die Rechtschreibreform, die nun in 14 von 16 Bundesländern verbindlich wird, kommt noch immer als ungeliebtes Stückwerk daher. Und die Chancen auf Verbesserungen werden nicht gerade größer. Aber es gibt sie noch.

Von unserem Redakteur Rolf Waldvogel

Was einst 1996 mit einem gewissen Elan begonnen hatte, ist zu einem unsäglichen Trauerspiel verkommen. Selbst in den Wahlkampf wird die Reform nun noch gezerrt. Denn was ist es anderes als billige Anmache, wenn jetzt Bayern und NRW das In-Kraft-Treten der "unstrittigen Teile" ausgesetzt haben. Weil 61 Prozent der Deutschen unzufrieden mit der Reform sind, wittert man Stimmvieh und kündigt mutwillig den ohnehin so wackligen Kompromiss.

Unzufrieden sind die Leute heute nicht, weil sie prinzipiell gegen die Reform gewesen wären. Schließlich hatte auch die alte Schreibweise ihre großen Tücken. Der Unmut kam auf, weil man zunehmend das Gefühl haben musste, mit hirnrissigen Spitzfindigkeiten abgefertigt zu werden. Genau aus diesem Grund liegt nun eine kleine Hoffnung im weiteren Wirken des neuen "Rates für deutsche Rechtschreibung", dem nicht nur unbelehrbar-reformselige Fachwissenschaftler angehören, sondern auch Gegner, vor allem aber Anwender, also Schriftsteller, Pädagogen, Journalisten... Dieser Rat – er könnte auf Dauer eine normative Funktion haben wie früher die Duden-Redaktion – hat jetzt sinnvollerweise "strittige Teile" der Reform aufgeschoben, weil er sie für verbesserungsbedürftig hält.

Zur Optimierung gehört jedoch noch etwas anderes: In den Schulen hat man die wenigsten Probleme, weil dort die Fakten zählen. So schreibt man das, verkündet der Lehrer. Das ist genau der springende Punkt: Otto Normalschreiber will wissen, was Sache ist. Geänderte Schreibweisen — "Stängel" statt "Stengel", "Schifffahrt" statt "Schiffahrt", "Biss" statt "Biß" — lassen sich lernen. Dass aber auf dem Feld der besonders strittigen Zusammen- und Getrenntschreibung einerseits bestimmte Schreibweisen strikt vorgegeben werden, andererseits aber Varianten erlaubt sein sollen, ist aberwitzig. Nur ein Beispiel: Laut neuestem Duden muss es zwar unbedingt "infolge" heißen, bei "mithilfe" und "mit Hilfe" aber lässt man die Wahl – und riskiert die Qual. So wird Verunsicherung produziert, die schnell in Gleichgültigkeit und – schlimmer noch – in Willkür umschlagen kann. Dann schreibt jeder, wie er gerade Lust hat, und die Sprache verludert. Hier müssen klare Vorgaben her.


Kommentar von Süddeutsche Zeitung / Leserbriefe, verfaßt am 04.08.2005 um 10.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=314#1425

»Erinnerungslücke
Rechtschreibreform: Buchstäblich zum Haareraufen / SZ vom 30./31. Juli


Löblicherweise hat Johan Schloemann klargestellt, dass das viel zitierte Chaos um die neue Rechtschreibung viel mehr eine Sache der zumeist fachfremden Politiker als der Rechtschreibnorm ist. Aber vielleicht doch nicht klar genug. Die neue Rechtschreibung wurde schon am 1. Juli 1996 von den Kultusministern angenommen und zum Beispiel in Bayern spätestens am 1. August 1998 eingeführt, an den meisten Schulen schon früher, und zwar unter dem damaligen Kultusminister Hans Zehetmair, dem jetzigen Vorsitzenden des Rats für deutsche Rechtschreibung. Daran erinnert sich Zehetmair nicht mehr (so alt ist er doch eigentlich noch gar nicht). Er möchte noch einiges geändert haben und befindet, „krankschreiben" solle wieder zusammengeschrieben werden. Aber „krankschreiben" wird seit 1996 zusammengeschrieben und wurde nur in der so genannten alten Rechtschreibung getrennt geschrieben. Auch Edmund Stoiber redet mit. Unlängst sagte er im Fernsehen, es gebe noch Klärungsbedarf. So sei noch unklar, wie man „Ketschup" jetzt zu schreiben habe. Seit 1996 ist klar, dass man „Ketschup" oder „Ketchup" schreiben kann. Aber das kann er ja nicht wissen. Ihm sagt man ja nix. Georg Giering, München«

( Süddeutsche Zeitung Nr.178, Donnerstag, den 04. August 2005 , Seite 31 )


Kommentar von Die Presse, 3. 8. 2005, verfaßt am 03.08.2005 um 23.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=314#1424

Purer Aktionismus
Warum haben die Finnen keine Rechtschreibreform gebraucht?

Die Rechtschreibreform ist ein Musterbeispiel für politischen und staatlichen Aktionismus, wie ihn keiner braucht. Und genau deswegen ist sie jetzt auch durch: mit dem 1. August endgültig in Kraft getreten. Etliche Baustellen (wie die umstrittene Getrennt- und Zusammenschreibung) sind zwar immer noch offen und vom nimmermüden Rat für deutsche Rechtschreibung mit provisorischen Planken versehen, aber doch haben verpolitisierte Bildungsbehörden ihr Ding, geboren aus Langeweile, durchgedrückt, in Deutschland wie in Österreich.

Wenn die Rechtschreibreform etwas Grundlegendes am Schulwesen und am Lehrerwesen geändert hätte, also die wirklichen Notwendigkeiten des Bildungswesens angepackt, wäre nichts aus ihr geworden. Dann hätte nämlich jeder von Anfang an genau hingeschaut. Wie andere Zukunftskommissionsberichte wäre auch sie im Wiener Bildungsministerium, das sich Zukunftsministerium nennt, versandet. Zuallererst hätten Lehrergewerkschaften Zeter und Mordio gerufen, wenn ihr Abendland oder ihr "way of life" in Gefahr gekommen wäre. So aber, mit einer schmerzlosen Rechtschreibreform - sind ja nur Buchstaben! -, konnten sich Bildungsbürokratien und Politiker, unbehelligt von Lehrergewerkschaften, den Anschein dynamischer, zukunftsorientierter Kräfte geben - die sie sonst lieber doch nicht sind.

Und Österreichs Schüler hatten schon Jahre vor den Schülern in Deutschland nach dem neuen Regelwerk zu schreiben (so schnell kann das sonst immer evaluierende Zukunftsministerium sein, wenn es nur will!), sodass mit einer Schülergeneration schon vollendete Tatsachen geschaffen waren, als die Diskussion noch einmal richtig aufkam. Nun, kein weiteres Wort mehr, es ist zu spät. Aber folgende Anmerkung: Die Finnen haben keine Rechtschreibreform gebraucht - sondern die wirklichen Sachen angepackt.

Die Rechtschreibreform, ein bildungspolitisches Placebo, ist auch das Symptom eines politischen Aktionismus, wie er immer wieder auf EU-Ebenen betrieben wird. Wenn viele verbesserungswillige Geister irgendetwas Gutes tun wollen, aber die wesentlichen Parameter festgefahren sind, dann fuhrwerken sie an Nebenschauplätzen. Diese Scheinaktivitäten, unnötig wie Kröpfe, sind es, die den Bürgern vieler Länder die EU so verdrießlich machen. Der frühere Diplomat Albert Rohan formulierte in einem Interview der "Salzburger Nachrichten" den Vorwurf so: "Dass niemand die Courage und die Weitsicht hat, zu sagen: Das, was wir hier besprechen in den Räten und sonstigen Sitzungen, sind nicht die wirklichen Themen."

Die Verschiebung des Schwergewichts vom Sein zum Schein, das Missverhältnis zwischen Reformkraft und aktionistischem Windmachen sticht übrigens auch arg ins Auge, wenn man die neue Kampagne des Bildungsministeriums anschaut (www.dieneueschule.gv.at). "Mit bis zu 700 Euro" will Ministerin Gehrer innovative Leseförderungsmodelle von Schulen unterstützen. Siebenhundert! Die Kampagne kostet 800.000 Euro. So geht das. Alte Schule.

Erna Lackner ist Journalistin in Wien.



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