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29.07.2005
 

8000 Rechtschreibfehler in Thomas Manns Zauberberg
Presseerklärung der Forschungsgruppe Deutsche Sprache zum 1. August 2005

Auf die verbindliche Einführung vermeintlich „unstrittiger” Teile der Rechtschreibreform für Schulen und Behörden in 14 von 16 Bundesländern ab Montag reagiert die Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) mit Unverständnis.

„Mit dem 1. August erhöht sich die Zahl der Rechtschreibfehler in Thomas Manns ‚Zauberberg‘ von annähernd null auf etwa 8 000“, heißt es in einer Erklärung: „Schreibweisen, die seit mehr als hundert Jahren für die meisten Menschen selbstverständlich sind, sind es für die Behörden nicht mehr. Lehrer sind gezwungen, sie vom 1. August an nicht nur als unüblich oder veraltet, sondern auch als falsch zu kennzeichnen.“ Ausgerechnet aber im Unterrichtsfach Deutsch treffe diese Darstellung nicht zu. „In der deutschsprachigen und in der ins Deutsche übersetzten Literatur sind diese Schreibweisen die einzig üblichen. Es gibt weder vom ‚Zauberberg‘ noch von sonst einem Werk Thomas Manns Ausgaben in reformierter Rechtschreibung, und genausowenig gibt es sie von Werken der Nobelpreisträger Böll, Canetti, Grass, Jelinek, Hesse oder Mommsen. Es gibt solche Ausgaben auch nicht von Übersetzungen der Klassiker der Weltliteratur.“

Kultuspolitiker und –beamte in Deutschland, Österreich und der Schweiz hätten auf diesen 1. August viele Jahre lang hingearbeitet, fährt die FDS fort: „Sie wissen eine seit über sieben Jahren unverändert klare Mehrheit der Bevölkerung gegen, aber mächtige Verlagskonzerne hinter sich. Das Geschäft dieser Konzerne sind freilich nicht Mann, Grass oder Jelinek, sondern Schul- und Wörterbücher.“

„Horrende Kosten“

Für diese Konzerne, argumentiert die FDS weiter, gehe die Rechnung ja vielleicht auf, volkswirtschaftlich gesehen sei der Schaden jedoch beträchtlich. Sie bezieht sich auf Kalkulationen von Christian Stetter, Professor für Germanistische Linguistik in Aachen und als Berater von Unternehmen bei der Umstellung auf die Reform mit der Materie vertraut. Stetter schätzt allein die Kosten für die Umstellung der Wörterbücher 1996/97 auf etwa eine halbe Milliarde Mark, die durch die laufenden Abänderungen des Reformkonzepts weitgehend verloren sei. Nach Addition der Ausgaben nur für die Umstellung, Umschulungskosten inbegriffen, komme Stetter auf einen Betrag von über vier Milliarden Euro – bis heute.

Werde jetzt teilweise wieder umgestellt, was offenbar unvermeidlich sei, würden ähnliche Aufwendungen erforderlich. Die FDS zitiert Stetters Fazit: „Der Dilettantismus, mit dem die Kultusminister (und andere Politiker) das Sachproblem verkennen (denn Orthographie läßt sich auf dem beschrittenen Weg ja offenkundig nicht regeln) ist schon mehr als erschreckend. Die Leichtfertigkeit, mit der man die horrenden Kosten nicht sieht oder nicht sehen will, die dieser Dilettantismus verursacht, ist angesichts der Finanzsituation, in der wir uns befinden, durch nichts zu rechtfertigen.“

Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache ist ein Zusammenschluß der namhaftesten Kritiker der Rechtschreibreform. Ihrem Beirat gehören unter anderem die Schriftsteller Walter Kempowski, Reiner Kunze, Adolf Muschg und Sten Nadolny, der Sprachwissenschaftler Theodor Ickler und der Verleger Michael Klett an.



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Kommentare zu »8000 Rechtschreibfehler in Thomas Manns Zauberberg«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.01.2017 um 07.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#10743

Vielleicht habe ich es anderswo schon berichtet: Der Kommentar zum "Zauberberg" von Michael Neumann ist in ziemlich fehlerhafter Reformschreibung (nach dem Stand von 1996) gedruckt. Neumann teilte mir am 10.3.2003 mit, er habe den Text nichtreformiert eingereicht, wie denn auch die Konferenz der Herausgeber die Reform kritisch gesehen habe. Der Verlag habe die Hauptherausgeber dazu überredet, sich mit der Reform abzufinden, und alles umgestellt.

Ich weiß nicht, wie die "Große kommentierte Frankfurter Ausgabe" sich weiter entwickelt hat, aber es ist schon bemerkenswert, daß ein Jahrhundertwerk bereits beim Erscheinen eine solche Patina angesetzt hatte. Man wundert sich z. B. über das Auseinanderklaffen von gelehrtem Inhalt und dümmlicher Silbentrennung: Pro-tagonist, Prota-gonist usw.


Kommentar von F.A.Z. / Briefe an die Herausgeber, verfaßt am 12.08.2005 um 18.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1449

»Nicht mehr verkäuflich

Bei der Einführung der Rechtschreibreform scheint mir ein wesentlicher Aspekt kaum erwähnt zu werden. Immer wird nur über die Kosten bei Schulbüchern debattiert, als ob Schulbücher der Inhalt unserer Literatur wären. Wie es mit Büchern in veralteter Rechtschreibung steht, habe ich von meinen Eltern noch gut in Erinnerung. Sie hatten nach dem Ersten Weltkrieg geheiratet und beide eine Anzahl Klassikerreihen, die nun doppelt in der abgeschafften th-Schreibung vorhanden waren. Schon aus Platzgründen sollten sie verkauft werden, waren aber wegen der alten Rechtschreibung nicht absetzbar. Ähnlich kann es zukünftig mit unseren Büchern gehen, wobei der Bestand heute größer sein dürfte als damals. Zusammengefaßt, entsteht hier ein großer Vermögensverlust, nicht vergleichbar mit den zu ersetzenden Schulbüchern. Wie soll die ganze vorhandene wissenschaftliche Literatur behandelt werden? Man kann den Verdacht nicht verdrängen, daß die maßgeblichen Reformer nicht allzu viele Bücher benötigen und besitzen.

Ein zweiter Aspekt ist jedoch noch viel erschreckender. Werden mit so bescheidenen Kenntnissen ebenso bei anderen Reformen, die nur Fachleuten zugänglich sind, Entscheidungen getroffen? Dr. Wolfgang Bernhauer, Töging am Inn«


F.A.Z., 13.08.2005, Nr. 187 / Seite 6


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 01.08.2005 um 13.18 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1407

Ärgern ist unproduktiv, schon wahr. Lieber ein wenig amüsieren: Noch nie hat so viel hochrangiges Personal sich so viele Finger verbrannt und Gesichter verloren wie in Sachen R-Reform. Es dürfte kaum noch zu schaffen sein, eine halbwegs vollständige Geschichte der verunglückten Unternehmung zu kompilieren und darin die Beiträge der Beteiligten angemessen zu würdigen, schon damit sie ihr Geschwätz von gestern nochmal nachlesen könnten. Auch zur Erinner- und Vermahnung künftiger Reformgeister wäre sowas nicht verkehrt. Mindestens eine chronologische Datenbank der wichtigsten Beiträge sollte existieren, die man leicht nach wichtigen Kriterien abfragen und durchsehen könnte: KMK, ZSK, Rat, MPs, Verbände, Zeitungen, Stillemunkes, Österreich, Schweiz, Auslandsberichte u.a. Läßt sich der Inhalt dieses Forums in dem Sinne ausbauen oder wird daran schon gearbeitet? Die vielen Beiträge von Herrn Ickler sind ja auch in diese Webseiten bislang nur teilweise zu finden und nicht thematisch irgendwie sortiert - oder irre ich?



Kommentar von Leipziger Volkszeitung, 1. 8. 2005, verfaßt am 01.08.2005 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1406

Der Stärkere siege

von Peter Korfmacher

Korrektes Deutsch muss nicht gut sein, aber gutes immer korrekt. Eine Binsenweisheit, die seit heute in 14 von 16 Bundesländern ihre Gültigkeit eingebüßt hat. Denn, die Forschungsgruppe Deutsche Sprache hat es nachgezählt, allein in Thomas Manns "Zauberberg" gibt es für reformierte Lehrer 8000 Gelegenheiten, Fehler anzustreichen. Obwohl doch einstweilen nur die "unstrittigen" Teile der Reform uneingeschränkt gelten.

Wenngleich sich über die Unstrittigkeit durchaus streiten ließe. Denn "belämmert" hat ja nichts mit Lämmern zu tun, und "aufwändig" zwar mit "Aufwand", aber auch der kommt vom "Aufwenden"...

Doch auch das schöne Gefühl, im Recht zu sein, hilft nicht mehr. Es bleibt nur die Wut im Bauch angesichts eines Amtsschimmels, dem man über Jahre die Zügel ließ. Wider besseres Wissen - und wider die Bevölkerung, die zu 61 Prozent gegen die Verbindlichkeit des höheren Unfugs ist und nur zu 13 Prozent dafür. Aber vielleicht ist die Zeit reif, der eigenen Wut mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Denn: Es ist ja eigentlich nichts passiert. Jedenfalls nichts mit ernsthaften Folgen.

Aus der Sprache sollte die Politik sich heraushalten - mischt sie sich doch ein, muss eben die Zukunft zeigen, wer von beiden stärker ist. Im Alltag ist es jetzt schon klar: Kein Romancier, kein Briefschreiber, kein Wissenschaftler wird künftig Dekretiertes über sein eigenes sprachliches Gewissen stellen.

Bleiben die Amtsstuben und die Schüler. Auch hier sind die Probleme doch eigentlich eher unerheblich: Behördendeutsch war - unabhängig von der Schreibweise - ohnehin nie gut; und für die Schüler, die Gegner wie Befürworter so gern ins Zentrum ihrer Argumentationsmäander heben, ändert sich auch nicht schrecklich viel. Schon gar nicht durch den Umstand, dass 14 Länder Hü sagen und zwei Hott. Denn auch in Bayern und Nordrhein-Westfalen werden Bildungen nach neuen Regeln nicht als falsch angestrichen und seit 1998 ausschließlich die alten gelehrt.

Verändert hat sie sich immer schon, die Sprache, hat gelebt in und mit einer sich ändernden Welt. Neu ist nur die Geltungssucht, mit der sich ein überflüssiges Gremium in ihre Geschichte einzugravieren versucht hat. Und die damit einhergehende beispiellose Vernichtung von Zeit und Geld. Beide machen es ziemlich schwer, gelassen zu sein und nicht zornig.


Kommentar von Der Tagesspiegel, 1. 8. 2005, verfaßt am 31.07.2005 um 23.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1402

Ein anderes Fegefeuer

Von Anja Kühne

Für die Gegner der Rechtschreibreform ist dieser Montag ein wahrhaft schwarzer Tag. Mit dem Inkrafttreten der neuen Schreibregeln erhöht sich die Zahl der Fehler im „Zauberberg“ von Thomas Mann „von annähernd null auf etwa 8000“, klagt etwa die Forschungsgruppe Deutsche Sprache. Dem Club gehören prominente Kritiker der Reform an. Die Schriftsteller Walter Kempowski, Adolf Muschg und Reiner Kunze zum Beispiel, der Germanist Theodor Ickler oder der Verleger Michael Klett. Die Sprachspezialisten wissen eine breite Mehrheit in der Bevölkerung hinter sich: Denn die Masse der Otto-Normal-Schreiber will die neuen Regeln auch nicht lernen.

Dabei war die Reform doch gut gedacht. Sie sollte die deutsche Schriftsprache von Ballast befreien. Das Ergebnis aber ist ernüchternd. Die Rechtschreibung wirkt nun vollends undurchschaubar und chaotisch. Viele fühlen sich bevormundet. Sie haben den Eindruck, dass sich Bürokraten ihrer Sprache bemächtigt haben. Die Kultusministerkonferenz erscheint als Wahrheitsministerium Orwell’scher Prägung: Ihr geistig verflachtes „Neuschreib“ zerschreddere die kulturelle Vergangenheit.

Die Mehrheit der Bevölkerung findet es deshalb gut, dass Bayern und Nordrhein-Westfalen die Übergangszeit, nach der die Regeln tatsächlich verbindlich werden, einfach um ein Jahr verlängern. Nur, was dann? Soll die Reform danach zurückgenommen werden? Die Rückkehr zu den alten Regeln würde die Deutschen ja nicht ins Rechtschreib-Paradies zurückversetzen. Sie würde ihnen nur ein anderes Fegefeuer bescheren. Ist es wirklich wünschenswert, „Auto fahren“, aber wieder „radfahren“ schreiben zu müssen? Manche Regeln sind jetzt tatsächlich einfacher. Und: Was würde es bringen, den Schulen wieder die alte Rechtschreibung zu empfehlen, nachdem dort seit einigen Jahren die neue gelehrt wird?

Anders als die Kritiker behaupten, hat man bei der Reform auf Radikalkuren verzichtet, wie sie immer wieder diskutiert wurden. Blickt man in die lange Geschichte des Ringens um die Orthografie, relativieren sich die jüngsten Eingriffe erheblich. So wollte Jacob Grimm – kein Kulturpfuscher, sondern einer der Väter der Germanistik – eine „einfache und natürliche“ Orthografie nach dem Muster des Mittelhochdeutschen durchsetzen: „Schif, Ermel und Ameiße“. Was ist dagegen schon der „Delfin“ als Variante neben dem „Delphin“?

Auch die bei manchen Reformkritikern kursierende Idee, bislang habe sich die Rechtschreibung gleichsam im Sprachgebrauch von allein gemacht, muss relativiert werden. In Wirklichkeit waren es seit jeher bestimmte Autoritäten, die sich um Regeln bemühten – und dabei ihre Spuren hinterließen: Schulmeister, Stadtschreiber, Drucker und seit dem 18. Jahrhundert auch staatliche Instanzen. Friedrich der Große zum Beispiel beauftragte Johann Christoph Adelung mit einer „Deutschen Sprachlehre“ für die preußischen Schulen. So hat sich die Rechtschreibung über Jahrhunderte zu einem komplexen System entwickelt.

Bestimmt gibt es gute Gründe für die reformkritischen Linguisten im Rat für deutsche Rechtschreibung, einige der neuen Regeln jetzt wieder zurückzunehmen. Die Experten sollten jedoch der Versuchung widerstehen, sprachwissenschaftliche Argumente absolut zu setzen. Müssen sich die Lehrer angesichts der drängenden Probleme vieler Schüler mit einer Reform der Reform herumschlagen, damit, zu erklären, warum es „in bezug auf“ aber „mit Bezug auf“ heißt?

Regeln, die zu viele nicht verstehen, sind sinnlos. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sich schon heute mehr als zwei Drittel der unter 30-Jährigen nach den neuen Schreibweisen richten, wie eine Umfrage ergab. Ein Kompromiss zwischen progressiven und konservativen Schreibern müsste darin bestehen, in den besonders umstrittenen Fällen Varianten zuzulassen. Erlaubt wäre dann sowohl „im Weiteren“ als auch „im weiteren“. Das wäre auch für die Schulen eine pragmatische Lösung. Und: Vermutlich würden sich damit die seit heute auftretenden Fehler im „Zauberberg“ wieder um die Hälfte reduzieren.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.07.2005 um 06.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1397

Ein weiterer Literaturwissenschaftler meldet sich zu Wort, bringt auch neue Beispiele für Textverhunzung, z. B. in Astrid Lindgrens Büchern auf deutsch: Frank-Michael Kirsch: "Das Dummdeutsch-Debakel. Neues Europa und deutsche Rechtschreibreform. Moderna sprak 1/2005, S. 44-64.

Bedauerlicherweise werden in den Medien und von einschlägig interessierten Politikern zu hohe Erwartungen in den Rat für deutsche Rechtschreibung geweckt, so daß mancher sein gegenwärtiges Nichtstun damit begründet und die Anhäufung verhunzter Texte weitergeht. Das gilt auch für SPIEGEL, Süddeutsche Zeitung usw.


Kommentar von Bernhard Schühly, verfaßt am 31.07.2005 um 00.02 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1396

Hat man eigentlich schon einmal eine repräsentative Umfrage (durch alle Klassen und Altersschichten) gemacht, nicht mit der - sonst üblichen Fragen - "Verwenden Sie die Reformschreibung?" o.ä., sondern folgender:
"Hätten Sie kein Korrekturprogramm oder müßten alles von Hand schreiben, welche Schreibung würden Sie bevorzugen?"

Übrigens, für mich hat die RSR - oder besser der Kampf gegen sie - auch einen positiven Nebeneffekt:
Ich bin noch nie der Deutschen Sprache so nahe gekommen wie in diesen 9 Jahren. Seither habe ich immer mehr über ihre Struktur, Eigenheiten, Vorzüge, aber auch Schwierigkeiten, ihre Entwicklung u.s.w. erfahren, Sachen die man von einer Muttersprache sonst einfach so hinnimmt und niemals hinterfragen würde. Ich habe während dieser Zeit auch viele Vergleiche mit anderen Sprachen gezogen und dadurch auch deren Elemente besser kennengelernt - alles Sachen, die einem in der Schule nicht beigebracht werden.
Ich nehme an, manch ein anderer hat - mehr oder weniger gezwungenermaßen - ebenfalls diese Erfahrung gemacht und wird damit gestärkt aus dem Kampf hervorgehen.
Aber alle sind wir froh, wenn es damit zuende ist!


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 30.07.2005 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1391

Danke den Herren für Ihre Aufmerksamkeit, die sie meinem bescheidenen Beitrag geschenkt haben. - Vielleicht ist es weniger und zugleich mehr als Optimismus, was mich über das endliche Scheitern (eben hatte ich doch tatsächlich "Schietern" geschrieben...) der Reform einigermaßen sicher sein läßt. Es gibt Unternehmungen, die von Anfang an den Todeskeim in sich tragen, weil sie auf einer Verkennung der Tatsachen beruhen. Die Reformer haben das Wesen der Orthographie, um einmal dieses schöne deutsche Wort zu gebrauchen, gründlich verkannt. Das ist ja oft genug von kompetenten Fachleuten, nicht zuletzt von unserem Prof. Ickler, hervorgehoben worden. Ein untrügliches Indiz dafür ist, daß die neue Rechtschreibung nirgends aufgrund ihrer überlegenen Qualität akzeptiert wird, jedenfalls nicht von wirklich sachkundigen, sensiblen Sprachteilhabern. Allein durch brutale staatliche Machtmittel wird sie noch am Leben erhalten, einem Leben auf der Intensivstation allerdings. Ich denke, die einzige und zugleich wirksamste Gegenwehr besteht in der Verweigerung, passivem Widerstand also, und zwar nicht der Privatleute, sondern der öffentlich Schreibenden: Presse, Verlage, Verfasser von Sachtexten, Werbeschriften usw. Eine Reform, die nur in der Schule ein Schattendasein führt, kann auf die Dauer nicht überleben. Wichtig ist, daß die außerschulischen Schreiber immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Anordnungen der Kultusmachthaber sie nichts angehen. Der "pädagogische Wahn" (Th. Ickler am Schluß seines Schildbürger-Buches) birgt ein gefährliches Ansteckungspotential (weil wir alle mal Schüler waren und früh konditioniert wurden), gegen das nur eine wiederholte Immunisierung (=Aufklärung) hilft.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 30.07.2005 um 12.22 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1390

Lieber kratzbaum, Ihr Brief an Herrn Eversberg gehört als Leserbrief zum letzten Spiegelartikel zur Rechtschreibreform ("Im Land der Wörtermörder") in den *Spiegel*. Ihre Frage, was die Interessen der "Schulbuchverleger" in einem Rechtschreibrat zu suchen hätten, muß — wo immer möglich — vor einer größeren Öffentlichkeit gestellt werden.

Zu "(Andersherum wäre es zwar billiger gekommen, aber lehrreicher ist es so allemal)": Warum machen wir Deutsche eigentlich in unserer Geschichte in den letzten hundert Jahren so viele Fehler, daß wir so viel Lehrgeld zahlen müssen? Wir haben doch hinreichend Fachwissen und Gelehrte, die uns vernünftig beraten können? (Naja, andere Länder marschieren trotz Fachwissens und Gelehrter in den Irak ein. In dieser Größenordnung bewegen wir uns Gott sei Dank nicht mehr. Aber auch bei unserer Sache hier gilt: Die "grandiose Konsequenz der klassischen Tragödie, in der jeder Schritt weiter zum Abgrund führt" ist nur im Theater ein Genuß.)


Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 30.07.2005 um 11.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1388

Lieber Kratzbaum...

...ist es denn so, daß die Reform mit dem Inkrafttreten ihrem Ende entgegengeht? Ich bewundere Ihre und Prof. Icklers positive Weltsicht, die in jeder weiteren Ungereimtheit einen Schritt in Richtung Ende der Reform sehen können.

In der rauhen, technokratischen Wirklichkeit wird dank M$-Word Rechtschreibprüfung doch wohl die reformierte Schreibung, mit all ihren Inkonsequenzen, der Gewinner des Zweikampfes werden. Man kann nicht mehr davon ausgehen, daß sich das Problem in einer "Evolution zum Guten" schon richten wird (hier haben die "intelligenten" Designer den Krieg schon gewonnen).

Nur durch Aktivierung der breiten Bevölkerung läßt sich (wenn überhaupt) noch etwas korrigieren -- immerhin sind wir zu einer Medienkultur verkommen. Warum trauen sich die Reformgegner nicht, einmal genauso populistisch an die Öffentlichkeit zu gehen, wie es die Befürworter seit Anbeginn schon tun? Warum werfen wir nicht auch einmal die abstrusen Milliardenkosten *gegen* die Reform in den Ring? Warum machen wir den Menschen nicht mal Angst, sie könnten sich lächerlich machen, wenn sie ihre Liebesbriefe in Neuschrieb schreiben? Warum machen wir die Befürworter nicht mal in aller Öffentlichkeit lächerlich? Warum führt man die tollen (sic!) Kultusminister nicht einmal öffentlich vor? Wer von denen kann denn, ohne Hilfe durch einen Referenten, einen ordentlichen Satz aufs Papier bringen? Warum sollen wir uns einem "Diktat zu Gunsten der Schüler" beugen? Warum sollen die Schüler nicht mehr das lernen, was wir auch gelernt haben? Warum trauen wir uns nicht, das öffentlich mal zu bekennen? Oder müssen die armen Schüler vor der klassischen Rechtschreibung geschützt werden?

Sind wir (uns) zu gut, um uns auf das Niveau der Befürworter herabzulassen?


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 30.07.2005 um 09.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1385

Lieber Herr Eversberg, ärgern tue ich mich schon lange nicht mehr über den verordneten Schwachsinn und die debilen Kommentare dazu. Hat nicht die Durchsetzung der Reform um jeden Preis auch ihre eigene, bizarre Schönheit? Selten hat sich Verläßlichkeit so exemplarisch dargeboten. Es ist die Verläßlichkeit des Huhns, das auch nie das Loch im Zaun wiederfindet, sondern immer von neuem aufgeregt hin- und herrennt. Oder die grandiose Konsequenz der klassischen Tragödie, in der jeder Schritt weiter zum Abgrund führt. So treibt auch die Reform mit jeder Station ihrer Verwirklichung dem unausweichlichen Ende entgegen. Prof. Ickler hat es schon früh angemerkt: Erst mußte die Reform in Kraft treten, damit sie scheitern konnte. (Andersherum wäre es zwar billiger gekommen, aber lehrreicher ist es so allemal.) - Was ich noch immer nicht verstehe: Was haben eigentlich Schulbuchverleger in einem Rechtschreibrat zu suchen? Mit dem gleichen Recht könnte die Gewerkschaft der Taschendiebe ein Mitspracherecht bei einer Strafrechtsreform fordern.


Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 29.07.2005 um 12.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1375

Man wird sich am Montag wieder enorm ärgern müssen, wenn die meisten Medien lakonisch den Vollzug als dpa-Meldung weiterreichen und darin der eigentliche Skandal wieder mal in keiner Weise anklingt. Wie auch soeben im Spiegel-online:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,367302,00.html
wo sich Susanne Gabriel ohne jede Betroffenheit ausdrückt.
Mit das Ärgerlichste ist die viele Zeit, die man allein zum Ärgern gebraucht hat. Schriftsprache ist ein gewachsenes Kulturgut, Himmel nochmal! Das Bewußtsein dafür geht allzuvielen leider völlig ab oder es wird sonstwelchen Motiven geopfert. Kein anderes Kulturgut ist über so lange Zeit geformt und von so vielen Menschen kontinuierlich geschaffen worden, keines hat einen solchen Umfang und wird von so vielen ständig verwendet und gebraucht. Wer sich stümperhaft daran vergreift, handelt kulturverachtend. (Ändern Sie mal was an irgendeinem Denkmal!) Wer sich vergreift und die Probleme sowie die Ablehnung der Betroffenen ignoriert und darüber z.B. nur "sehr erstaunt" ist, handelt menschenverachtend.
Wer sich aber solcherart äußert, kommt meistens gleich in die Ecke "Untergang des Abendlandes" oder so. Zum Verrücktwerden.


Kommentar von Private, Juli/August 2005, 6. Jahrgang, Nr. 4, verfaßt am 29.07.2005 um 11.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=312#1374

Private
Das Magazin für Vermögensberatung und Private Banking


Editorial

Neue Rechtschreibung zum letzten

Am 1. August 2005 war es nun soweit: Die Übergangsfrist für die Einführung der neuen Rechtschreibung ist abgelaufen. Jetzt gilt nur noch die neue. Nachdem die Kultusminister, Erziehungsdirektoren & Co. einige (aber lange nicht alle) ihrer katastrophalsten Verschlimmbesserungen rückgängig gemacht haben, sollen wir nun gefälligst so schreiben, wie sie es für richtig halten. Wir sollen also "so genannt" in zwei Wörtern stottern und Trennungen wie "a-ber" und "o-der" fabrizieren. Und wir sollen, wie funktionale Analphabeten, "Portmonee" statt "Portemonnaie" kritzeln.
Liebe, von uns Steuerzahlern besoldete Steuervögte ohne literarischen oder journalistischen Leistungsausweis: Vergessen Sie's. Wir haben die "Reform" nicht bestellt und werden sie auch nicht bezahlen. Wir bleiben bei der alten, richtigen Rechtschreibung - genau wie der "Spiegel", die "Welt", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und andere führende Zeitungen und Zeitschriften.

Dr. N. Bernhard, Chefredaktor
www.private.ag



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