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24.07.2005
 

DER SPIEGEL
Im Land der Wörtermörder

Die Materie selbst und die politischen Implikationen sind offenbar selbst für das deutsche Flaggschiff des investigativen Journalismus zu schwierig – oder zu heikel.

Wider besseres Wissen und als ob die Zeit seit Ende der 90er Jahre stehengeblieben wäre, schreibt der SPIEGEL anläßlich der fragwürdigen Teileinführung der Rechtschreibreform zum 1. August 2005, es ginge bei der Diskussion darüber hauptsächlich um eine Art »Glaubenskampf«, einen Disput zwischen mehr oder weniger liebenswürdigen aber schließlich doch weltfremden Gelehrten über »Kommata, Apostrophe und Silbentrennung«. Kein Wort darüber, daß auf staatliche Anordnung hin richtiges Deutsch nun falsch werden soll und falsches richtig. Ist ja irgendwie auch egal – oder?


Der Spiegel, Heft 30/2005, Seite 62 – 68

RECHTSCHREIBREFORM

Im Land der Wörtermörder

Seit mehr als 30 Jahren mühen und streiten sich drei Germanistikprofessoren um Kommata, Apostrophe und Silbentrennung. Aus der Fachdebatte ist längst ein Glaubenskampf geworden. Jetzt tritt die Jahrhundertreform zur Rechtschreibung in Kraft - teilweise. Von Alexander Smoltczyk


Theodor Ickler hat keinen Fernseher, kein Auto aus Prinzip, und bis vor kurzem hatte er auch keinen Duden. Das 579-Seiten dicke Wörterbuch samt Regelwerk, das vor ihm liegt, hat er sich selbst geschrieben: "Tausend Stunden Arbeit", sagt Theodor Ickler. Fehlerfreie Arbeit.

Deutschland sähe anders aus ohne Menschen wie Theodor Ickler.

Gerhard Augst ist emeritierter Germanistikprofessor aus Siegen. Ihm hat das Land zu verdanken, dass es in manchen Gegenden vom 1. August an "Quäntchen" schreibt und "nummerieren" mit zwei m.

Gerhard Augst war der Anführer der Rechtschreibreformer. Er hätte, hieß es in einem Brief, Deutschland einem "menschenverachtenden Massenexperiment" unterworfen. Es war die schlimmste Beleidigung, die Augst in 30 Jahren Germanistik entgegennehmen musste. Einen halben Tag lang lief er sprachlos durch sein Institut. Der Brief war unterzeichnet von Theodor Ickler.

"Für Herrn Ickler ist die ganze Reform das Machwerk eines Alt-68ers und eines Altkommunisten", sagt Professor Dieter Nerius aus Rostock, ebenfalls emeritiert. "Kollege Augst ist der 68er, und der SED-Apparatschik, das bin ich." Nerius hat gefragt, wer noch in dieser Geschichte auftauchen würde. Allein mit Ickler möchte er noch nicht mal in einem Artikel gesehen werden.

Die drei älteren und hochgebildeten Herren sind Kombattanten. Wortführer in der leidenschaftlichsten Debatte des deutschen Geisteslebens seit dem Historikerstreit Mitte der Achtziger: dem Disput um die richtige Rechtschreibung.

Seit den Uni-Besetzungen 1968, den Sitins, ist an deutschen Fakultäten nicht mehr so wutentbrannt und nachtragend gestritten worden. Für die Rechtfertigung einer Trennfuge wurden gewöhnlich die Werte des Abendlandes beschworen, und wenn Websites töten könnten, wäre die Linguistik in Deutschland großteils ausgestorben.

C3-Professoren gingen mit dem Vokabular von Lebensschützern aufeinander los. Der drohende Untergang der Kultur war dabei noch die kleinste Münze. Der Dichter Durs Grünbein verglich die Reform mit Inzest: "Man vergreift sich nicht an der Mutter. Man spielt nicht mit dem Körper, der einen gezeugt hat." Denn wer "Stängel" schreibt, der geht auch Mama an die Wäsche.

Es war alles angerichtet. Es fehlten nur noch Mahnwachen vor dem Germanistikseminar und öffentliche Duden-Verbrennungen auf dem Republikplatz.

Das Reihenhaus, in dem Theodor Ickler lebt, liegt in Spardorf, einer Gemeinde am Rande Erlangens. Der Garten ist verwildert. Das mag an den tausend Stunden Arbeit fürs Wörterbuch liegen - oder am Prinzip: Ickler war eine Zeit lang Kreisvorsitzender der Ökologisch-Demokratischen Partei.

Er ist ein gastfreundlicher Mann, mit seinem grauen Schnauzer und den Suhrkamp-Bänden im Kiefernregal fast der Prototyp des GEW-Lehrers. Nur seine Sätze erinnern bisweilen an das Deutsch des gehobenen Leserbriefs. Ausgefeilt, gnadenlos genau. Manchmal so scharf, dass es zunächst scheint, als habe man sich verhört.

Neben Griechisch und Latein spricht Ickler fließend Sanskrit und recht passabel Chinesisch. Sein Kisuaheli sei lückenhaft, sagt er. Es klingt nicht eitel, eher entschuldigend. Es kommt vor, dass Ickler Sätze sagt wie: "Die Syllabierung in der Bantu-Sprache muss natürlich anders dargestellt werden." Dann wirkt er für einen Moment abwesend, als ginge er in Gedanken eine Liste durch.

Für die Anhänger der alten Rechtschreibung ist dieser Mann ein Genie. Die Reformer sähen ihn gern in Ketten. Ickler weiß alles über das Regelwerk, und vieles weiß er besser als alle anderen. Theodor Ickler ist der Ein-Mann-Thinktank der Reformgegner. Die deutsche Sprache, mit allen ihren Widerspenstigkeiten, ist für Ickler ein Geschenk. Man eignet sie sich an und versimpelt sie nicht, unter dem Vorwand, den Schülern zu helfen: "Ich war selbst ein unterprivilegiertes Kind. Mein Vater war Koch in Witzenhausen."

Als Student in Marburg erfand Ickler als Fingerübung einmal eine komplett neue Sprache, nach den Prinzipien von Rudolf Carnap, logisch und systematisch. Das war 1968: "Ein Rebell war ich schon immer. Wenn auch mehr gegen falsche Lehrmeinungen als gegen die Verhältnisse."

Immer wieder springt er auf, um ein Wort, einen Satz aus den Regalen zu holen oder aus den Ordnern und Pappkartons, die den Boden seiner Dachstube bedecken. Von unten ist die Klavierstunde der Tochter zu hören.

Es geht ihm darum, die gewordene Sprache ernst zu nehmen und sie zu bewahren. Je weiter er sich in die Geschichte eines Worts vertieft, je weiter er die gewachsenen Strukturen Schicht für Schicht freilegt, desto stärker werde, wie er sagt, "die Demut gegenüber der Sprache". Eines Nachts machte er eine Entdeckung: "Sinntragende Wörter haben oft Oberlängen in ihrem Schriftbild, wie kleine Aufmerksamkeitsfähnchen. Deswegen braucht ,rauh' auch sein ,h' am Ende." Wie könnte er sich mit dem "rau" der Reformer je abfinden?

Seit 1955 ist der Duden das staatlich privilegierte Zentralorgan für Rechtschreibung. In Zweifelsfällen gilt der Duden ..., so stand es in den Erlassen der Kultusminister. Was Frankreich seine Académie française, das war Deutschland die Duden-Redaktion. 40 Unsterbliche in Paris, 20 Verlagsredakteure in Mannheim. Mit jeder Auflage wuchs der Duden. Denn jährlich fragen etwa 20 000 Bundesbürger, wie "Balletttheater" oder "E-Mail" geschrieben werden.

Der Duden wucherte, weil seine Redakteure den Ehrgeiz hatten, jeden Kasus zu klären, und sei es durch Ausnahmeregeln. Ganze Bereiche der Orthografie waren von Konrad Duden überhaupt nicht geregelt worden. Es musste etwas geschehen.

Davon ist auch Ickler noch überzeugt: "Das Duden-Privileg musste fallen. Aber anstatt den Staat als oberste Normierungsbehörde einzusetzen, hätte man die Rechtschreibung den Wörterbuchredaktionen der angesehenen Verlage überlassen können - wie in Großbritannien."

Niemand schreibt nach Regeln. Regeln sind die Theorie zu den Tatsachen der Orthografie. Wäre es nach Ickler gegangen, dann wäre auf staatliche Regulierung verzichtet, die allgemein übliche Rechtschreibung erfasst und in Wörterbüchern festgehalten worden. Dazu ein Minimum an Hauptregeln, maximal acht DIN-A4-Seiten, wie er selbst es in seinem Gegen-Duden vorgemacht hat.

Der Feind saß in Mannheim. Im Kleinen Sitzungssaal A 1.28 des "Instituts für Deutsche Sprache", wo sich alle Jahre wieder eine internationale "Kommission für Rechtschreibfragen" traf - seit 1987 im Auftrag des Bundesinnenministers, um ein neues "Regelwerk" der deutschen Sprache zu entwerfen.

Für Theodor Ickler ist das ganze Institut für Deutsche Sprache lediglich eine "Gründung gescheiterter Rechtschreibreformer aus den Sechzigern". Die Kommission ein Kaderunternehmen, angeführt von einem Germanistikprofessor aus Siegen: "Augst wollte der neue Konrad Duden werden. Daraus ist nun nichts geworden."

Ickler betrat die Arena mit einem Leserbrief im Spätherbst 1994. "Bis dahin hatte ich den Reformklüngel nicht ernst genommen."

Immer wieder waren Versuche gescheitert, dem Deutschen die Widersinnigkeiten auszutreiben. Mal an Adolf Hitler, der Vorschläge zur vereinfachten Schreibung im letzten Moment als "nicht kriegswichtig" verwarf. Danach gewöhnlich am Aufschrei einer Öffentlichkeit, die sich an einen "keiser" einfach nicht gewöhnen wollte.

Doch auf den "3. Wiener Gesprächen" im November 1994 hatten sich die Beamten und Experten aus elf Staaten geeinigt, darunter Liechtenstein und - ihrer deutschen Minderheiten wegen - Italien und Ungarn. Das Regelwerk war beschlossen.

Das "daß" war schon gefallen. Es drohten "Panter", "Spagetti", "Newage", "platzieren". Das tat weh. Ickler nahm den Kampf auf. Aus der Stille seines Reihenhauses hinaus begann er von Wörtermord, Regelungsgewalt und Sprachvernichtung zu schreiben. Vom "Weg in die Barbarei", den der neue Duden ebne und von den "Etymogeleien" des Gerhard Augst.

Er war nicht allein. Da gab es schon den Weilheimer Studiendirektor Friedrich Denk. Ickler wusste die Dichter an seiner Seite. Grass, Enzensberger, Grünbein. Da waren die Abtrünnigen, ehemalige Kommissionsmitglieder, denen die Reform zu weit (oder nicht weit genug) ging. Der Potsdamer Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg und Horst Haider Munske aus Erlangen, gleich in der Nachbarschaft.

Ickler wird der Michael Kohlhaas der Orthografie. Stachel in seinem Fleische ist eine auf Recyclingpapier gedruckte Bekanntmachung "223011.114-K" vom 31. Juli 1996 und unterzeichnet "i. A. J. Hoderlein, Ministerialdirektor": das "Regelwerk zur deutschen Rechtschreibung".

Jeden einzelnen der 112 Paragrafen empfindet Ickler als Angriff. An diesen Paragrafen samt Wörterliste arbeitet er sich seit Jahren ab. Lässt seinen PC Textmassen umwälzen, wieder und wieder, siebt Unmengen von Wörtern, wendet die neuen Regeln an, siebt, sichtet, filtert, bis er einen neuen Widersinn in Händen hält, eine kleine Unverschämtheit, eine winzige Monstrosität: "Behände gehen ... Das haben wir Augst zu verdanken."

Kein Gegenreformer ist fleißiger. Allein 2500 Beiträge hat Ickler inzwischen für sein "Rechtschreibtagebuch" ins Internet gestellt. "Ich brauche wenig Schlaf. Meine Frau warnt unsere Freunde immer, mir Wörterbücher zu schenken. Weil sie mich dann eine Weile nicht mehr sieht."

Ickler liest Wörterbücher wie Krimis. Für die Rezension des neuesten Dudens, (23., völlig neu bearbeitete Auflage, 1152 Seiten), brauchte er knapp zwei Tage. Er weiß genau, wo die heiklen Stellen sind. Er riecht die Lücken förmlich, die verdächtigen Auslassungen. "Gebauchpinselt", "Holster" und "ewiggestrig" fehlten in dem neuen Wahrig-Wörterbuch, mahnt er an. Weshalb? Wird Ludwig Erhard unterschlagen, weil sein Name "orthografisch durchaus nicht unproblematisch ist"?

Am 26. Juli 2000 verkündete die "Frankfurter Allgemeine", zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Einen Tag zuvor war in der "Welt" eine reformkritische Rezension des Dudens erschienen, verfasst von Theodor Ickler. "Das war mein größter Erfolg", sagt er.

Inzwischen haben sich Springer-Verlag, teilweise auch "Süddeutsche Zeitung" und SPIEGEL der Gegenreformation angeschlossen. Etliche Zeitungen - von "Junger Freiheit" bis zur "Jungen Welt", von der "Altbayerischen Heimatpost" bis zur "Karpatenrundschau" - verweigern sich dem Regelwerk. Und alle verwendeten in ihren Begründungen die Wortbeispiele von Theodor Ickler aus Spardorf bei Erlangen.

Er könnte zufrieden sein. Er ist es nicht. Immer wieder hat er sich gefragt, weshalb es eigentlich so weit kommen konnte. Wie war es möglich, dass eine so überflüssige, aufwendige, unpopuläre Reform ihren Weg durch die Instanzen mehrerer Staaten gehen konnte? Letztlich sei, sagt Theodor Ickler, daran wohl ein Mann schuld, seine Hartnäckigkeit, seine Wühlarbeit und seine erstaunliche Gabe, die Ministerialbeamten von sich einzunehmen.

Gerhard Augst betritt die germanistische Bibliothek genau so, wie er sich am Telefon beschrieben hat: "66-jährig mit grauen Haaren und einem Duden unterm Arm".

Diesem Mann verdankt Deutschland vieles, vor allem viele neue Wörter: Einbläuen, belämmert, Zierrat, Tollpatsch, schnäuzen, gräulich. Das war Augst.

Der Professor wirkt nicht unbedingt wie ein Fanatiker des Bindestrichs oder ein Kommakiller. Er trägt fingerstarke Augengläser, hat eine einnehmende Stimme und ist von strapazierfähiger Heiterkeit. Er wäre ein guter Lehrer geworden. Augst hielt sein Rechtschreibkönnen der Schüler" und der Befund erschütternd. Seither ist Gerhard Augst Systemveränderer. Einer der erfolgreichsten - wenn alles nach Plan verlaufen wäre.

Lesen und Schreiben lernte Augst in einer Zwergschule im Westerwald. Als einziges Kind aus seinem Dorf durfte er aufs Gymnasium. Lange Jahre habe er nur Arbeiter und Bauern gekannt, sagt er, jene Klassen, in denen die Orthografie wütet wie die Pest. Warum "irgend etwas", aber "irgendwas"? Weshalb "krank schreiben" auseinander schreiben und "gefangennehmen" zusammen?

Augst sagt: "Natürlich hätte man sagen können, wir nehmen die Orthografie in der Schule nicht mehr so wichtig. Aber machen Sie mal drei Schreibfehler in der Bewerbung. Dann haben Sie keine Chance mehr."

Rechtschreibung ist die Barriere zwischen oben und unten. Ausdrücken kann sich jeder, wie er will. Aber wie er's schreibt, das ist amtlich vorgeschrieben.

"Es gibt ein Bedürfnis der Leute nach Regelung. Aber dann muss die Regel so einfach wie möglich sein. Wer ein Wort trennen will, soll nicht das große Graecum haben müssen." Deswegen beschlossen die Reformer: Psy-chi-ater, nicht Psych-iater.

Er hätte persönlich nichts dagegen, es zu machen wie die Engländer. Mit ihrer von der gesprochenen Sprache weitgehend unabhängigen Orthografie, in der ein Laut "u" als oo, ough, ui, ugh, oe oder wie auch immer geschrieben wird, ohne dass eine Kommission darüber ins Grübeln geraten wäre. Auf der Insel herrscht fröhliches Chaos, und im Zweifel gibt es dicke Wörterbücher.

In Deutschland gehe das nicht, nicht mehr, sagt Augst: "Die deutschen Lehrer haben im 19. Jahrhundert vom Staat eine einheitliche Rechtschreibung erbeten. Das war der Sündenfall. Aus dem kommen wir jetzt nicht mehr heraus. Die Bürger wollen Regeln, der Duden antwortet mit Kasuistik und wird dick und dicker. Bis irgendwann die Ausnahmefälle auch in den Diktaten auftauchen. Es ist wie bei den Steuergesetzen: Irgendwann kommt der Punkt, wo man radikal durchformulieren muss. Und vereinfachen, wo es geht."

Augst mag das Volk. Er hat das Standardwerk zur "Volksetymologie" geschrieben, also zur Art und Weise, wie Lieschen Müller sich Wörter herleitet. Das Volk habe recht, auf seine Weise: "Jeder bringt belemmert mit Lamm zusammen. Woher nehmen wir das Recht, dem normalen Deutschen zu sagen, du bist blöd, schau mal ins etymologische Wörterbuch?"

Als Vorsitzender der Rechtschreibkommission lieferte Augst den Ministerialdirektoren Argumentationshilfen, fünf Seiten lang, oder zehn, je nach Bedarf. Er saß in den Ministerbüros, ließ die ersten Beschimpfungen über sich ergehen - manchmal konnte er die Icklerschen Formulierungen wortwörtlich heraushören -, und dann fing er an zu erklären.

Er hat sich Mühe gegeben. Manchmal dachte er an seine Zwergschule im Westerwald. Augst korrespondierte mit Sprachpsychologen und Psycholinguisten über die dreifache Konsonantenfolge, "Schifffahrt" usw., um sich Klarheit zu verschaffen. Vergebens. Vieles ist Willkür.

Wie soll Zucker getrennt werden? Zucker, Zuc-ker, Zuck-er? Darüber habe es Kampfabstimmungen gegeben, sagt Augst. Was bei Zu-cker noch klappt, geht bei Nusse-cke daneben.

Einmal wurde geheime Abstimmung verlangt. Ganz zu schweigen von der Debatte um "Uschi's Shop", dem belachten Genitiv der Doofen. Das Regelwerk versteht Uschi. In Paragraf 97 wird der Apostroph zugelassen, "zur Verdeutlichung der Grundform eines Personennamens". Denn auch Uschi hat das Recht, ihren Namen kenntlich zu machen. Im Regelwerk steht ihr Fall gleich neben der "Einstein'schen Relativitätstheorie".

Da "haben sich Didaktiker und Agenten des Duden-Monopols in irgendwelchen Hinterzimmern zusammengerottet, um mit der deutschen Sprache gründlich aufzuräumen". So schreibt es Andreas Thalmayr, das Alias von Hans Magnus Enzensberger. Er meint Gerhard Augst.

Als hätte im Kleinen Sitzungssaal A 1.28 des Sprachinstituts in Mannheim ein Wohlfahrtsausschuss getagt, ein Jakobinerrat, der den Dichtern ihre Phantasie austreiben wollte. Unter solchen Sätzen leidet Augst. Er erinnert sich noch, wie die Schriftsteller damals, 1973, mit der Großschreibung auch das Großkapital stürzen wollten.

Die Zeiten haben sich geändert "Unser Unternehmen war bis Mitte der achtziger Jahre anschlussfähig. Barrieren einreißen, Gleichheit und Teilnahme aller Bevölkerungsschichten - das war der Geist der Zeit. Heute geht es nicht mehr um Förderkurse, sondern um Elitebildung. Und die Elite hat nie ein Problem mit der Rechtschreibung gehabt. Heute kann man sich nur noch wundern, dass die Kultusminister 1996 das Regelwerk überhaupt noch beschlossen haben."

Denn das Volk wollte nicht.

In Schleswig-Holstein wurde die Reform über eine Volksbefragung abgelehnt. Der Weilheimer Deutschlehrer Friedrich Denk fuhr zur Buchmesse und sammelte Schriftstellerunterschriften für seine "Frankfurter Erklärung". Etwa 30 Gerichte beschäftigten sich mit Klagen von Eltern gegen das Regelwerk. Es waren letzten Endes auch Klagen gegen Gerhard Augst.

"Das war eine harte Zeit", sagt er. "Ehre und Anerkennung sind mit der Reform nicht zu gewinnen. Man kommt sich wie ein Judas vor." Es gab in der Mannheimer Kommission manche, die im Bekanntenkreis nicht sagen mochten, woran sie arbeiteten. Es war ein wenig so wie bei den Atomforschern von Los Alamos.

Dabei hatten die Kultusminister schon vieles zurückgenommen. Der "keiser" war längst gestürzt, die Kleinschreibung zum Tabu erklärt, und "Panter" lebte nur noch als Variante fort.

"Als die Kleinschreibung vom Tisch war, bei der ja die meisten Diktatfehler gemacht werden, wollten viele von uns aufgeben", erinnert sich Augst. "Aber ich dachte, es muss doch zumindest einmal versucht werden. Damit man sieht, dass die Sprache nicht zusammenbricht, wenn man auf ein paar Schreibweisen verzichtet."

Heute macht er sich den Vorwurf, seine Kommission nicht früh genug erweitert zu haben: "Wir hätten unsere Trennregeln vorher mit den Wörterbuchverlagen durchprobieren müssen", sagt Augst. "Es reicht nicht, zehn Beispiele zu nehmen. Dann wären wir früher auf die Schwierigkeiten gestoßen."

Und, fügt er hinzu, sie hätten von vornherein mit den großen Agenturen und Zeitungen zusammenarbeiten müssen. Der "Frankfurter Allgemeinen" könne man ihren Sonderweg noch verzeihen. Aber es geht um das Volk. Und das Volk liest etwas anderes. "Wenn ,Bild' nicht mitmacht, dann haben wir keine Chance", sagt Augst. Das arme Volk.

Am 1. August wird das Regelwerk in einem Teil Deutschlands teilweise in Kraft treten. In allen Bundesländern außer Nordrhein-Westfalen und Bayern wird die neue Rechtschreibung für Schulen und Behörden vorgeschrieben. Mit Ausnahme der Paragrafen für Zeichensetzung, Silbentrennung, Getrennt- und Zusammenschreibung. Da bestehe noch Diskussionsbedarf. Es sind genau die Felder, weswegen die Reform einmal begonnen worden ist.

Deswegen haben Bayern und Nordrhein-Westfalen vorvergangene Woche erklärt, bis auf Weiteres die Neuschreibung nicht einzuführen. Das Land ist wieder geteilt.

An Icklers Universität in Erlangen und an Augsts Uni in Siegen wird alt geschrieben, in Rostock jedoch, wo Dieter Nerius gelehrt hat, herrscht Reformation. Aber das tröstet ihn nicht.

Dieter Nerius sitzt in einem Hochhaus, das früher der Stasi gehörte und heute der Hochschule, und er will nicht glauben, dass alles umsonst gewesen sein könnte.

Dieser Mann im Jeanshemd hat die deutsche Orthografie vom Kreidestaub befreit und sie zum Bestandteil der Linguistik erhoben. Zu DDR-Zeiten war Nerius in der Partei. Er hatte nichts gegen den Aufbau des Sozialismus, solange der ihm nicht beim Aufbau einer linguistisch sauberen Rechtschreibung in die Quere kam.

Er war Reisekader. Er durfte ausreisen, um sich in Mannheim mit dem Wiener Hofrat Karl Blüml über das Getrenntschreiben von "leidtun" zu unterhalten und über die Bedeutung von Morphemen bei der Worttrennung.

Für Nerius begann die deutsche Einheit bereits, als Helmut Kohl nur von ihr träumte: "Wir waren alle für die gemäßigte Kleinschreibung und alle für die Silbentrennung."

Die Kommission leiteten Professor Gerhard Augst (West) als Vorsitzender und Professor Dieter Nerius (Ost) als Stellvertreter. In den Sitzungen herrschte Pioniergeist. Es gab keine Österreicher, Luxemburger, Südtiroler mehr, keine Ost- und Westdeutschen - "Wir waren alle funktionale Strukturalisten", sagt Nerius.

Die Schweizer Delegation kam von der "Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren". Die österreichische von der "Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe des Koordinationskomitees für Orthografie beim Bundesministerium für Unterricht und Kunst in Wien". Aber alles sollte vereinfacht werden.

"Wir haben die Regelwerke der einzelnen Länder quasi aufeinander gelegt. Nicht immer waren wir einer Meinung. Die DDR-Gruppe hatte zum Beispiel die Position einer stärkeren Zusammenschreibung. Aber wir haben uns nicht durchgesetzt."

Für Nerius war es eine Chance, etwas Vernunft in die Welt zu bringen. Endlich eine kohärente und konsistente deutsche Orthografie. Es muss eine gute Zeit gewesen sein. Es ist zu spüren, wenn Nerius von ihr erzählt - unterbrochen immer wieder von dem Satz: "Das können Sie auch in meinem Buch nachlesen."

Die DDR-Wissenschaftler waren hochangesehen. Aus Rostock und Berlin kamen die Spezialisten für Silbentrennung und für Groß und Klein. Die SED war stolz, dass ihre Orthografen auch dem Westen etwas vorschreiben durften. Doch publizieren, was er in Mannheim regelte, durfte Nerius nicht: "Das war den Bonzen zu deutsch-deutsch."

Es ging um Vereinheitlichung, um Gerechtigkeit, um Modernisierung. Die gleichen Begriffe, unter denen die Bundesagentur für Arbeit reformiert werden würde.

Als die Kommission 1992 ihren Entwurf vorlegte, schien alles möglich. Die Einheit Deutschlands, Europas, der Wörterbücher. Es war damals schön, Linguist zu sein.

Dann kamen Theodor Ickler und die anderen. Der Widerstand. Die Wütenden. Die Unsachlichen. Plötzlich war es mit der Ruhe vorbei. Dieter Nerius aus Rostock musste zusehen, wie mit jedem Treffen der Kultusminister, mit jedem neuen Protest die Schönheit des Ur-Entwurfs verblasste. Es war ein wenig wie mit dem Sozialismus.

Nach einem SPIEGEL-Gespräch mit dem bayerischen Kultusminister Zehetmair wurde die Reform ein erstes Mal durcheinander gebracht. Ohne jede Systematik wurden 45 Wörter als sakrosankt erklärt. Darunter "Heiliger Vater", "Letzte Ölung". Und "Paket" (statt "Packet").

Nerius begann zu verzweifeln. Das stolze Schiff "Regelwerk" wurde gekapert, geplündert, seiner Zierate beraubt, notdürftig wieder zusammengeflickt. Bald ging es nicht mehr um die Schönheit, nicht mehr um die Diktate des Proletariats, sondern nur noch darum, den Kahn, leck und mit zerfetzten Segeln, an Land zu bekommen, irgendwie.

Die Mannheimer warfen Ballast ab. Im Januar 1998 empfahlen sie, mehr Varianten zuzulassen. Aber jetzt lehnten die Kultusminister ab. Vielleicht aus Furcht, jedes Zugeständnis könnte den Fundamentalisten Anlass zu neuen Angriffen geben.

"Das Auftreten von gewissen Kritikern gefällt mir nicht, ihre Besserwisserei, ihre Intoleranz, ihre Rechthaberei. Nicht alle sind so, aber Ickler gewiss. Man kann ja verschiedener Meinung sein", sagt Nerius. An der Wand seines Arbeitszimmers hängt ein Bild der Gebrüder Grimm, ebenfalls Sprachreformer. "Aber ich kann nicht mit jemandem diskutieren, der das Ganze als Schwachsinn ansieht, wie es Herr Rüttgers bei ,Christiansen‘ getan hat."

Manchmal denkt Nerius, dass es bei dem Widerstand gar nicht ums Schreiben geht. Den Menschen ist zu viel Vertrautes weggebrochen. Erst die Postleitzahlen, dann die D-Mark, dann die Schreibweise.

Ganz zu schweigen von der DDR. Nerius hofft jetzt nur noch auf die Schule. In manchen Schulen wird seit neun Jahren die neue Schreibweise unterrichtet. Das heißt, die ersten Reformschüler werden die Haupt- und Realschulen genau zu dem Zeitpunkt verlassen, wenn das Regelwerk verbindlich wird.

"Ich möchte aus diesem Streit nicht lernen, dass Sprache ein für alle Mal in ihrer grafischen Form eingemauert bleiben soll. Orthografie ist eine gesetzte Norm. Sie wird von Menschen gemacht. Ich weigere mich zu glauben, dass wir Deutschen nicht imstande sein sollten, eine derart kleine Veränderung zu bewerkstelligen."

Der größte Teil der ursprünglichen Reform ist inzwischen zurückgenommen. Der Duden ist über die Jahre noch dicker geworden. Die Pisa-Ergebnisse katastrophal. Und niemand weiß genau, wie er schreiben soll. Ein Desaster, von niemandem gewollt.

Mit guten Vorsätzen und unendlicher Mühe ist etwas in Gang gesetzt worden, ein großer Plan, und an den Verhältnissen gescheitert. Die Rechtschreibreform ist das Dosenpfand der Germanistik, eine Hartz-Utopie für die Arbeiter der Stirn und die Schüler in den Klassen.

Im Juni 2004 akzeptierte die Kultusministerkonferenz schließlich die Kompromissvorschläge der Mannheimer Kommission und berief einen "Rat für deutsche Rechtschreibung" unter dem Vorsitz des ehemaligen Kultusministers von Bayern, Zehetmair.

Der Rat soll "die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum bewahren" und auf Grundlage des Regelwerks von 1996 weiterentwickeln. 39 Schriftgelehrte diverser, auch reformkritischer Institutionen sollen per Zweidrittelmehrheit über Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- oder Zusammenschreibung entscheiden und bis Sommer 2006 damit fertig sein.

Die Wörterbuchverlage sind beteiligt und stellen ihre Datenbanken zum Regel-Testen zur Verfügung. Anders als seine Vorgänger ist der neue Rat unabhängig von der Kultusministerkonferenz. Der PEN-Klub delegiert Theodor Ickler in das Gremium. Als Erstes empfiehlt der Rat die teilweise Rückgängigmachung der Reform.

Im Rat ist Theodor Ickler Mitglied der "Arbeitsgruppe Silbentrennung und Zeichensetzung" und schreibt rastlos neue Vorlagen. Er sagt: "Darum kämpfen wir: Bio-tonne. Nicht Bi-otonne."

Ickler könnte sich als Sieger fühlen. Seine Tochter wird nicht mehr durchs Diktat fallen, weil sie auf den Duden ihres Vaters hört. Doch Theodor Ickler ist vorsichtig.

Bei jedem Treffen der Kultusminister rechnet er noch auf eine Schurkerei in letzter Minute. Nein, er sei enttäuscht von diesem Land. An der Bundestagswahl wird sich Theodor Ickler nicht beteiligen.

Gerhard Augst seinerseits hat lange schon aufgehört, sich als Gewinner zu fühlen. Er sagt, es sei gut gewesen, es einmal versucht zu haben, vielleicht ein letztes Mal. "Alle Beteiligten gehen da geschädigt hinaus." Er sagt, er könne sich diesen deutschen Recht-Streit nur mit einem erklären, mit Angst: "Wir sprechen, ohne zu wissen, weshalb wir es tun. Und plötzlich kommt jemand und will etwas ändern. Das wird empfunden als ein Frontalangriff auf die natürliche Sicherheit, die wir in der Sprache haben. Intuitiv wird alles Fremde abgewehrt. Natürlich werden linguistische Argumentationen aufgebaut, aber im Grunde steckt dahinter diese Angst."

Augst hat sich inzwischen aus dem Streit herausgezogen. Er arbeitet jetzt an einem vollständigen Dialektwörterbuch seines Heimatdorfs im Westerwald.

Dieter Nerius fährt zum Urlaub in den Harz und arbeitet an einer Neuedition der Schriften Konrad Dudens. In eine Partei ist er nie wieder eingetraten.

Wie der Disput um Komma und Bi-otonne auch ausgehen wird. Bleiben wird ein guter Rest vom Regelwerk, der Beschluss zum Doppel-s. Ein paar Kommata werden verschwinden (können), und der Dichter Durs Grünbein wird schreiben dürfen, wie er mag, sofern er nicht Amtsblätter verfasst.

Doch ganz egal, was die Kultusminister schließlich beschließen. Irgendwann wird jemand auf den Bad Hersfelder Friedhof treten und an Dudens Grab mit erhobenem Zeigefinger schwören: Konrad, der Kampf geht weiter!



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Kommentare zu »Im Land der Wörtermörder«
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Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 17.08.2005 um 11.33 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1475

Heute auf Spiegel-Online:

"Dem Vorsitzenden Richter William Worrill, genannt "Die Kanone", war der zügige Schuldspruch ganz Recht, so kam er wenigstens rechtzeitig zum Abendessen nach Hause."

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,370027,00.html

Da sollte einmal jemand den Redakteur zu Recht weisen.


Kommentar von Der Spiegel, verfaßt am 06.08.2005 um 22.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1431

»Eines wird schon richtig sein
Nr. 30/2005, Rechtschreibreform: Drei Germanisten und ihr jahrelanger Kampf


An "dass" statt "daß" habe ich mich schon gewöhnt, und es ist mir egal, ob ich "Delfin" oder "Delphin" schreibe. Aber an dieser Reform ist vieles unausgegoren. Wenn aus ß teilweise ss wurde, warum bleibt es dann bei Straße oder außen? Die Regeln kenne ich, nur der Grund erschließt sich mir nicht. Mit dem ß kann im Ausland sowieso niemand etwas anfangen, warum also hat man es nicht gleich ganz abgeschafft? Ich weigere mich, statt Spaghetti jetzt Spagetti zu schreiben. Dann müssten wir ja alle Fremdwörter eindeutschen, also statt Computer jetzt Kompjuta schreiben. Eine positive Seite hat die Reform aber doch: Vielen Bekannten und Kollegen ist es mittlerweile sch...egal, wie man etwas schreibt - in einer der vielen möglichen Versionen wird es schon richtig sein.
PEIßENBERG (BAYERN) ERWIN BADER

Vielen Dank für Ihren Artikel. Ich konnte wenigstens einmal wieder herzlich lachen, als ich lesen durfte, wie ernst manche Leute sich und ihre Arbeit nehmen. Ein Glaubenskampf und bitterer Streit - interessant, wie diese hochqualifizierten und sicher auch gutbezahlten Menschen ihre Zeit verbringen. Wir können wohl alle froh sein, dass sie sich bei Trennungsregeln und Zeichensetzung abkämpfen, denn wer weiß, was passieren würde, wenn sie sich für wichtige Sachen begeistern würden. Ich bin der Auffassung, das moderne Deutsch ist etabliert genug, dass es sich im Laufe der Zeit selbst wandeln und sich auch selbst Regeln geben kann. Eine derart krasse Änderung der Schreibweise ist weder nötig noch für irgendjemanden verständlich.
ANSBACH (BAYERN) PATRICK NEUBAUER

"Der Kampf geht weiter"? Richtiger wäre "Krampf". Die Rechtschreibung als Streitobjekt. Neben Sprachwissenschaftlern nun auch noch Länderpolitiker. Hier Reform ja, dort nein. Dazu jedem Land sein eigenes Schul- und Universitätssystem und so weiter und so fort. Der bundesdeutsche Föderalismus treibt alle Tage neue absurde Blüten.
HAMBURG RAINER TECHENTIN

"Ehre und Anerkennung sind mit der Reform nicht zu gewinnen" - das tut dem Oberreformer Gerhard Augst natürlich sehr Leid. Er hätte Ruhm verdient, wenn die Rechtschreibreform nur ein Quäntchen von dem gehalten hätte, was man uns 1996 versprach: unter anderem 50 Prozent weniger Fehler! Jetzt geht er an Konrad Dudens Todestag, am 1. August, samt den Kultusministern in die Geschichte ein: als Zerstörer von Dudens Lebenswerk, der einheitlichen deutschen Orthografie. Duden rotiert im Grab, seine vermeintlichen Nachfolger sind mit Schande bekleckert.
WEILHEIM (BAYERN) FRIEDRICH DENK«


( Der Spiegel 32/2005 vom 8.8.05, Leserbriefe, S. 14 )


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.07.2005 um 22.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1382

Kommentar verfaßt von Stephan Fleischhauer am 29.07.2005 um 10:15 Uhr
Externer Link zu diesem Kommentar: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1373

Lieber Herr Wrase, meinten Sie vielleicht dies hier?
[... Zitat ...]


Nein, lieber Herr Fleischhauer,
ich bilde mir ein, es hätte eine explizitere Äußerung gegeben, nicht mehr wählen gehen zu wollen. Länger her, im früheren Forum, glaube ich. Aber ich kann mich wie gesagt täuschen. Außerdem wäre eine solche Erklärung ja nicht gußeisern. Eisen kann schmelzen, sogar Gußeisen - Absichten können sich wie auch Ansichten unter geeigeten Voraussetzungen wandeln. Ist aber alles nicht wichtig. Es war ein spielerischer, verzichtbarer Beitrag von mir - aufgehängt an der Frage, wie es sein kann, daß der SPIEGEL konkrete Detailbehauptungen millionenfach druckt, die sofort dementiert werden, obwohl dem eine harmonische Begegnung vorausgegangen war. Es gibt zur Zeit andere, bedeutsame Nachrichten und Kommentare, wie ich sehe. Schnell Schluß!


Kommentar von Der Tagesspiegel, 28.07.2005, verfaßt am 29.07.2005 um 19.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1380

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Der Keiser reusperte sich
Wer ist schuld an der Rechtschreibreform, Konrad Duden, die Nazis oder die Russen? 100 Jahre Streit in Deutschland


Von Anja Kühne und Tilmann Warnecke

„deutsche rechtschreibung, das ist noch der unverfälschte geist des militarismus, das ist noch dressur zum gottbegnadeten untertanenverstand und kadavergehorsam, das ist noch die alte deutsche, autoritäre erziehung in reinkultur.“ Der Wutausbruch stammt aus dem Jahr 1926 und erschien in den „Typographischen Mitteilungen“, der Zeitschrift des Bildungsverbandes deutscher Buchdrucker. Über die Rechtschreibung haben sich die Deutschen schon immer aufgeregt. Pragmatiker ärgern sich über Ungereimtheiten, Traditionsbewusste über Neuerungen; einig sind sich Liberale und Konservative, Intellektuelle und Otto-Normalschreiber über Jahrzehnte hinweg nur in einem gewesen: Die Rechtschreibregeln sind eine Zumutung.

Dabei gilt es als großer Durchbruch, als im Jahre 1901 auf der „zweiten Orthographischen Konferenz“ in Berlin erstmals ein einheitliches Regelwerk beschlossen wird, das fortan für alle staatlichen Institutionen im Deutschen Reich verbindlich ist. Politisch ist die Kleinstaaterei 30 Jahre nach der Reichsgründung längst überwunden, nun muss die kulturelle Einheit folgen, Schluss also mit dem Nebeneinander von Attaque und Attacke, Heerd und Herd. Der rasante wissenschaftlich-technische Fortschritt verlangt auch ein Ende des Wildwuchses in der Orthografie.

Grundlage wird das bereits sehr einflussreiche „Vollständige Orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache“, das der Lehrer Konrad Duden entwickelt hat. Für Preußen bedeutet die Reform keine allzu große Umstellung. Zu den wenigen Abweichungen vom preußischen Regelwerk gehört, dass das h nach t in heimischen Wörtern (Thal und Thür) abgeschafft wird – am Thron wird jedoch nicht gerüttelt, wie Wilhelm II. klarstellt. Das c in Fremdwörtern wird durch k oder z, ch häufig durch sch ersetzt (Schikane statt Chicane). Litteratur wird zu Literatur. Zahlreiche Varianten sind erlaubt: Brennnessel wie Brennessel, morgens oder Morgens.

Sogleich ergießt sich Kritik über das Regelwerk: zu radikal, sagen die einen, zu zaghaft, die anderen. Auch Konrad Duden hat das Gefühl, dass seinem Werk „Mängel anhaften“. So werden die Regeln weiterentwickelt – bis hin in kleinste Verästelungen. Bald müssen die Deutschen lernen, dass es Auto fahren, aber radfahren heißt und in bezug auf, aber mit Bezug auf. Der Duden wird „das in Deutschland wohl meistgehaßte Buch“, wie der „Spiegel“ 1956 schreibt.

Auch die Nationalsozialisten wollen die Orthografie reformieren, was 1998 den damaligen Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Christian Meier, dazu veranlassen wird, auf die Parallelen der aktuellen Rechtschreibreform zu der des Reichsministers Berhard Rust von 1944 hinzuweisen. Rusts Reform, zu der etwa die Eindeutschung von Fremdwörtern (Filosof, Schofför) oder die vermehrte Getrenntschreibung (Rad fahren) gehört, sei „der einzige tiefere Eingriff von Staats wegen in die deutsche Rechtschreibung“ gewesen, meint Meier. Doch Hitler hatte die Reform schließlich gestoppt, „da sie alles andere als kriegswichtig“ sei.

So verstehen manche die jüngste seit 1998 in allen Bundesländern durchgesetzte Reform eher als „Honeckers ewig währende Rache“ (der Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott im Tagesspiegel vom 1. Dezember 1995). Die DDR war den Reformkritikern seit langem verdächtig. Schon Mitte der fünfziger Jahre erklärt der „Spiegel“ Reformdebatten damit, in Ost-Berlin würden „die Deutsch lernenden Russen offenbar aus rein egoistischem Interesse zur Vereinfachung der deutschen Grammatik“ drängen.

In Wahrheit kommen die ersten Aufsehen erregenden Vorschläge nach dem Krieg von der 1952 gegründeten privaten „Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege“, der Professoren, Lehrer und Verleger aus der Bundesrepublik, der DDR, der Schweiz und Österreich angehören: Alle Substantive sollen kleingeschrieben, alle Fremdwörter eingedeutscht werden. „Geschmacklos“ nennt ein Leser im Tagesspiegel die Ideen. Die Kinder könnten in Zukunft schreiben, wie sie sprechen: „die ban, der brif, der fater, das kwadrat“. Eine Leserin kontert, nur die Kleinschreibung aller Substantive werde die Deutschen vom Rechtschreib-„Wirrwarr“ erlösen: „Das Mittelhochdeutsche kannte nur die Großschreibung von Eigennamen. F und V haben im Neuhochdeutschen ihren Platz vertauscht. Also könnten wir heute getrost auf das V verzichten und wieder fater und folk schreiben.“

Unterdessen geht das Bertelsmann-Wörterbuch eigene Wege: außer Acht lassen schreibt es und im Klaren sein. Das will der Duden nicht hinnehmen und verlangt Schützenhilfe von der Kultusministerkonferenz – die sogleich das Machtmonopol des Dudens über die Regeln erneuert. „Ein Armutszeugnis, die Redaktion des Dudens bestimmen zu lassen, was erlaubt ist und was nicht“, empört sich der Tagesspiegel im Januar 1958 und fordert die Kultusminister auf, endlich das Heft in die Hand zu nehmen.

Fast vierzig Jahre verstreichen, bevor die Kultusminister den Kommentator erhören und den Duden entmachten. Von 1997 an ist ein internationales Expertengremium, die „Zwischenstaatliche Kommission“, zuständig. Doch der Tagesspiegel hat seine Meinung inzwischen geändert. Die Kultusminister hätten nicht die Befugnis, „das sogenannte Reformwerk der Gesamtbevölkerung zu oktroyieren“, ist jetzt zu lesen (30. Juli 97). Hatte der Tagesspiegel einst aus Ärger über den Duden nach den Kultusministern verlangt, scheint er nun geradezu zum zivilen Widerstand gegen sie aufzurufen: „Es ist gut und wünschenswert, daß viele Bürger nicht mit willenloser Hingabe alles akzeptieren, was die Verwaltung, sprich: Obrigkeit über sie verhängt, und seien es neue Kommaregeln“, ist zu lesen (8. August 97).

Wer hat den Stein für die große Rechtschreibreform ins Rollen gebracht? Der Osten? Der Westen? Vielleicht eher eine unsichtbare Hand: das immer währende Ungenügen an der deutschen Orthografie. Die Arbeit an der Reform beginnt schon in den fünfziger Jahren, als ein von den westdeutschen Kultusministern eingesetzter Arbeitskreis die Abschaffung der Großschreibung empfiehlt („Wiesbadener Empfehlungen“). Es folgen immer neue Konferenzen und Kommissionen, in Westdeutschland, in Österreich und in der Schweiz. In den siebziger Jahren – die Bundesrepublik durchweht ein liberaler Zeitgeist – spricht sich die Kultusministerkonferenz dafür aus, die „Wiesbadener Empfehlungen“ umzusetzen. Die Öffentlichkeit ist aufgeschlossen. Viele meinen, die alten Regeln würden zur sozialen Selektion führen. Nicht nur der Schriftstellerverband PEN – heute reformkritisch – fordert die Abschaffung der „reaktionären“ Substantivgroßschreibung, 53 Prozent der Bundesbürger befürworten die Einführung einer gemäßigten Kleinschreibung.

Als sich wenig später auch die DDR um neue Regeln bemüht, kommt bei den Politikern der Bundesrepublik Angst auf, Ostdeutschland könne einsame Wege in der Reform gehen und so die Entfremdung beider Staaten vorantreiben. So bittet die Bundesrepublik im Jahr 1980 die österreichische Regierung um Vermittlung. Das Ziel ist eine einheitliche Reform der Rechtschreibung in allen deutschsprachigen Ländern.

Bald schockieren radikale Vorstöße des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden die deutsche Öffentlichkeit. Auf den Titelseiten der Zeitungen ist zu lesen: „Der Keiser im Bot, ein Hei drumherum“ („Stuttgarter Zeitung“); „Der Keiser reusperte sich, als man ihm Meis zu essen gab“ („Welt am Sonntag“); „Hetscheln Sie Ihre Frau in der Demmerung?“, fragt die „Bild“.

Die Vertreter der fünf deutschsprachigen Länder arbeiten weiter an der Reform – es ist aber „wahrscheinlich nur eine Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu erreichen“, schreibt der Tagesspiegel im Mai 1989. Als Vorreiter bei der Umsetzung der Vorschläge fungiert wenig später das Berliner Marie-Curie-Gymnasium. Joachim Kramarz, der Direktor des Gymnasiums und Vorsitzender des konservativen Berliner Philologen-Verbandes, beschließt, dass an seiner Schule einige Fehler keine Fehler mehr sein sollen. Er hält die Curie-Lehrer dazu an, fehlende Kommata vor und und oder sowie die Trennung von s und t fortan nicht mehr zu werten. Es sei nicht vertretbar, die Schüler nach Regeln zu beurteilen, die in Kürze ohnehin überholt seien, erklärt Kramarz. Allein mit dem Verzicht auf die hergebrachte Kommasetzung verringere sich die Fehlerzahl um die Hälfte.

Die grüne Berliner Schulsenatorin Sibylle Volkholz reagiert entsetzt. Sie will den Vorstoß auf keinen Fall dulden. Drei Monate später kündigt sie jedoch an, die Reformempfehlungen an allen Berliner Schulen vorzeitig in Kraft setzen zu wollen. Die Regeln nähmen etwas vorweg, „was in absehbarer Zeit ohnedies Gültigkeit erlangen wird“, erklärt die Senatorin. Ihre Kollegen aus der Kultusministerkonferenz sind so überrascht, dass sie nicht genau sagen können, ob es zuvor einen „Zustimmungsbeschluss“ oder lediglich „keinen Widerspruch“ zu den Berliner Plänen gegeben hat. Kein anderes Land will sich anschließen. Die Berliner Sonderregeln werden 1991 von Volkholz’ CDU-Nachfolger Jürgen Klemann zurückgenommen.

In geordnete Bahnen gelangen die Reformbemühungen im November 1994. Delegationen aus Belgien, Deutschland, Dänemark, Italien/Südtirol, Liechtenstein, Luxemburg, Österreich, Rumänien, der Schweiz und Ungarn treffen sich in Wien und akzeptieren das vom Internationalen Arbeitskreis für Rechtschreibreform (IAR) vorgelegte Konzept. Am 1. Juli 1996 unterzeichnen die Staaten die „Wiener Absichtserklärung“.

Ein Sturm der Entrüstung wütet über Deutschland. Im Fernsehen protestiert der bayerische Lehrer Friedrich Denk. Auf der Frankfurter Buchmesse fordern Schriftsteller und Wissenschaftler, die Reform zu beenden, jetzt, da „ihre Folgen für die deutsche Sprache und Literatur, für den Deutschunterricht im In- und Ausland, für unsere Jugend und für uns alle zu ermessen“ seien.

Der Streit erreicht das Bundesverfassungsgericht. Eltern sehen durch die Rechtschreibreform Grundrechte verletzt. Am 14. Juli 1998, zwei Wochen bevor die neuen Regeln an den Schulen unterrichtet werden sollen, schafft das Bundesverfassungsgericht Rechtssicherheit. Es beruft sich auf den verhältnismäßig geringen Umfang der Rechtschreibreform und die langen Übergangsfristen bis zum Jahr 2005. Die Bürger seien nicht unverhältnismäßig in den Grundrechten beeinträchtigt worden. Auch wer nach dem 31. Juli 2005 an den alten Schreibweisen festhalte, müsse nicht mit Ansehensverlust rechnen. Das Argument des Gerichts, die Rechtschreibreform sei nicht „wesentlich“ genug, um einer gesetzlichen Grundlage zu bedürfen, hält die „Süddeutsche Zeitung“ für „merkwürdig“: „Eine Körperverletzung bleibt ja auch nicht darum straffrei, weil beim Abhacken eines Fingergliedes nicht einmal ein Promille der Körpersubstanz verlorengeht.“ So empfinden auch 223000 Bürger in Schleswig-Holstein, die die Reform in einem Volksentscheid ablehnen. Der Kieler Landtag unter Führung von Heide Simonis hebt den Volksentscheid ein Jahr später wieder auf.

Aber der Protest geht weiter. Zuerst kehrt die „FAZ“ zu den alten Regeln zurück, danach erklären der „Spiegel“ und der Springer-Verlag die „Schlechtschreibreform“ für gescheitert. Der öffentliche Druck zwingt die Kultusminister, die seit 1997 für die Anpassung der Regeln zuständige „Zwischenstaatliche Kommission“ aufzulösen.

Im neuen „Rat für deutsche Rechtschreibung“ sitzen Reformkritiker wie der Germanist Theodor Ickler. Die Vorlage stelle „im großen und ganzen den Zustand, der vor der sogenannten Rechtschreibreform herrschte, wieder her“, freut sich Ickler in alter Rechtschreibung, als der Rat im April 2005 erste Regeln wieder zurücknimmt. Bayern und Nordrhein-Westfalen geben bekannt, sie wollten das eigentlich am 1. August geplante Ende der Übergangszeit für die Reform ins nächste Jahr verschieben. Und Christian Wulff, Niedersachsens Ministerpräsident, kündigt an: „Ich bin Kämpfer gegen die Reform – und bleibe das auch.“

Mit einem Ende des Streits um die deutsche Rechtschreibung ist also bis auf weiteres nicht zu rechnen.



ÄRGER ÜBER DUDEN

„An meinem Thron wird nicht gerüttelt“, soll Kaiser Wilhelm II. gesagt haben, als das h nach t in heimischen Wörtern abgeschafft wurde.


ANDERE SORGEN

Adolf Hitler stoppte 1944 die Rechtschreibreform seines Ministers Bernhard Rust. Sie sei „alles andere als kriegswichtig“.


UNTER VERDACHT

Aus Sicht mancher Kritiker ist die aktuelle Rechtschreibreform „Honeckers ewig währende Rache“. Allerdings kamen jahrzehntelang entscheidende Vorstöße für Neuregelungen aus dem Westen. Seit 1998 werden die neuen Regeln in ganz Deutschland unterrichtet, am 1.August 2005 endet die Übergangszeit.«

(Der Tagesspiegel, 28. Juli 2005)



Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 29.07.2005 um 10.15 Uhr  
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Lieber Herr Wrase, meinten Sie vielleicht dies hier?

Tauss
Der Bundestagsabgeordnete Tauss schreibt mir eine Mail (übrigens in alter Rechtschreibung: "Sie haben recht"), die seine ganze Unkenntnis der Rechtschreibdiskussion bezeugt. Gleichwohl fühlt er sich berechtigt, folgendermaßen zu schließen: "Da sich die RS-Reform m. E. bewährt hat und Sie den KMK-Beschluss falsch interpretieren, wird es keine Rückkehr zur alten Rechtschreibung geben. Ich bin froh, dass dieses unnuetze Sommertheater damit nun auch sein Ende gefunden hat."

Das sind unsere Volksvertreter. Hat jemand Lust, zur nächsten Wahl zu gehen? Schämen sich wenigstens die SPD-Wähler, wenn sie so etwas lesen (und den Spiegel-Bericht über Tauss' Auftreten dazu)?

Theodor Ickler

11.12.2004 10:06


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 29.07.2005 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1372

Nach der Lektüre des Spiegel-Artikels war mir deutlicher denn je bewußt, warum ich kein Spiegel-Leser bin. Man darf wohl annehmen, daß die meisten Artikel so fehlerhaltig und oberflächlich sind wie der auf weiten Strecken zusammenfabulierte über die Rechtschreibreform. "Spiegelleser wissen mehr" - das mag schon sein. Es kommt aber nicht darauf an, mehr zu wissen. Am meisten langweilt die Mischung aus selbstverliebten Wortpirouetten und sich überlegen gebender, ironischer Pointenhascherei. (Auch das ist natürlich nur eine Masche und eben der sogenannte Spiegel-Stil, der aber schon sehr ranzig wirkt). Sowas beeindruckt einen vielleicht mit achtzehn, aber irgendwann sollten Verstand und Geschmack sich doch ein wenig weiterentwickelt haben. Spiegel und taz versuchen, wie jede Zeitung, Leser dauerhaft an sich zu binden. Am effektivsten geht das über die Bildung einer Lesergemeinde. Man ist Spiegel-Leser, Zeit-Leser, taz-Leser wie man Hunde- oder Katzenhalter ist. Mit investigativem Journalismus hat das alles schon lange nichts mehr zu tun. Bezeichnenderweise kommt die Aufdeckung von Politik- oder Wirtschaftsskandalen heute von den großen Tageszeitungen. - Der Rest-Spiegel liegt nun ungelesen herum und wird seine wohl verdiente, wohlverdiente Rufe in der blauen Tonne finden.
Und trotzdem zwei Anmerkungen zum Inhalt:
1. Gern hätte man aus dem Munde von G. Augst erfahren, warum seine Kommission nicht mehr existiert.
2. Die Attribute "Besserwisserei" und "Rechthaberei", die D. Nerius Th. Ickler anhängt, sind in diesem Falle ganz ohne pejorativen Beigeschmack als Ehrentitel zu werten.


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 26.07.2005 um 22.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1351

Kleiner Nachtrag zum "Spiegel" noch: Jede Zeitung bzw. Zeitschrift verkauft über das hinaus, was sie vordergründig zu bieten scheint - Information und/oder Unterhaltung - noch etwas anderes, nämlich die Bestätigung eines Geltungsanspruchs. Das ist bei der Heimatzeitung, die so tut, als sei die größte Häuseransammlung in ihrem Verbreitungsgebiet der Nabel der Welt, nicht anders als bei einem Motorradmagazin, das seinen Lesern die Gewißheit vermittelt, mit ihrer lebensgefährlichen Obsession Angehörige einer kühnen, freien, dem Abenteuer aufgeschlossenen Elite zu sein. Der Spiegel nun bestätigt seinen Lesern einen anderen Geltungsanspruch, nämlich den, gescheiter zu sein als Leute, die dieses Blatt nicht lesen - "Spiegel-Leser wissen mehr". Das wirkt systematisch jeder Form der Berichterstattung entgegen, die den Eindruck aufkommen lassen könnte, es gebe Leute, die es vielleicht besser wissen - wenn schon nicht als der Leser, so doch als der "Spiegel". Deshalb müssen auch solche Positionen noch ironisiert oder sonstwie mit Spott bedacht werden, denen der Verfasser des betreffenden Artikels möglicherweise selbst zuneigt.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.07.2005 um 21.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1350

Kommentar verfaßt von Theodor Ickler am 24.07.2005 um 18:05 Uhr

Da kann man wohl nichts machen. Ich hatte keine Gelegenheit, den Text vor dem Druck zu sehen, sonst hätte ich die vielen Fehler herausstreichen können.
... Ich werde mich auch an der Bundestagswahl beteiligen.


Nanu? Der Herr Ickler mit seinem schönen Vorgarten, den er schon beim ersten Hinwerfen des Textes mindestens so großartig und schön beschreiben kann, wie der Garten aussieht, das ist doch ein prinzipienfester Mann. Schrieb er nicht mal, er werde nicht mehr wählen gehen? Vielleicht nimmt er ja an der Wahl als Beobachter teil. Also, ich gehe nicht mehr wählen und brauche mit solchen Flunkereien gar nicht anzufangen. Rätselhaft: Wieso schreibt der SPIEGEL, der Herr Ickler werde sich nicht an der Bundestagswahl beteiligen? Entweder, er hat zu gut recherchiert, im Internet ebenjene frühere Aussage vorgefunden, der ich mich zu entsinnen meine, hat die Glaubwürdigkeit der Quelle verinnerlicht und die Ankündigung auf die anstehende Wahl übertragen. Oder der Herr S. vom SPIEGEL schreibt einfach mal drauflos, er kann später zum Beispiel sagen: "Ich dachte, der Text würde vom Interviewpartner noch gegengelesen." Oder er hat gehört: "Solche Parteien kann man doch allesamt nicht mehr wählen" oder etwas ähnliches - und gewohnt, aus Andeutungen wichtiger Personen die Tatsachen herauszukonstruieren, ist er auf seine Schlußfolgerung gekommen. Alles sehr geheimnisvoll. Vielleicht trügt mich auch die Erinnerung.

Ich wähle das "Sommerstück" zur schönstmöglichen Beschreibung eines Stückchens Natur und der Liebe des Gärtners zu seinem Garten.


Kommentar von bernhard eversberg, verfaßt am 26.07.2005 um 15.21 Uhr   Mail an
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Heute brachte n-tv eine nicht völlig falsche Meldung zum 1.8.
http://www.n-tv.de/559832.html

Doch wieder war darin von "Schulen und Behörden" die Rede, aber immerhin hat man umgehend "und Behörden" weggenommen, nachdem ich per Mail darauf hinwies.



Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 26.07.2005 um 14.00 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1347

Insgesamt ist der Artikel wirklich nicht schlecht. An zwei Stellen hat die Übertragung nicht geklappt: Im Originaltext heißt es "Sit-ins" und statt des unvollständigen Satzes zu Herrn Augst (ziemlich am Anfang dieses Abschnitts) steht im SPIEGEL: "Augst hielt sein erstes Seminar im Jahre 1968. Thema war "Das Rechtschreibkönnen der Schüler" und der Befund erschütternd."
Der Artukel ist auch eindrucksvoll bebildert, z.B. mit einer Totale einer Plenarsitzung der KMK und mit drei instruktiven Bildern der Protagonisten: Ickler hinter Zettelkästen und Ordnern, Augst klassisch vor einer Bibliothekswand mit Zeitschriftenbänden und Nerius, einen aufgeschlagenen Duden in den Händen haltend, in einem Büro, dessen karge Kühle die vergangene Zeit von VEB und Politbüro widerzuspiegeln scheint. (Und alle drei Herren eint die gleichartige Fältelung ihrer Beinkleider.)


Kommentar von bernhard Eversberg, verfaßt am 26.07.2005 um 10.43 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1343

H. Ludwig: "Vorbildlichen investigativen Journalismus haben wir in dieser Frage nicht."
Wenn's das nur wäre. Leider haben wir Organe, die ihre sonst bekannte Kritikbereitschaft in dieser Sache vollkommen abschalten. Bei der "taz" ist mir das unbegreiflich. Bei der ZEIT hat die erstaunliche Blauäugigkeit wohl damit zu tun, daß man sich gleich am Anfang vergaloppiert hat, indem man die ZEIT-Schreibung schuf. Bei Dieter E. Zimmer hätten die Alarmglocken schrillen müssen in dem Moment, wo man eine Hausorthographie für nötig erachtete: "Moment mal", hätte er sagen müssen, "wenn die Reform zu mehr Einheitlichkeit führen soll, darf sowas eben gerade nicht nötig sein!" Und das hätte ihn vielleicht auf die richtige Spur gebracht. Zu spät. Ohne Schaden kommt man da nicht mehr raus. Ein besonderes Monument dieser unserer Zeit bleibt das 20-bändige Lexikon! Nun gut, darin fällt fast nur "dass" auf, vielleicht noch "...grafie" statt "...graphie", z.B. Bibliografie, aber Geographie. Aber insgeheim werden sie sich schon mächtig ärgern.


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 26.07.2005 um 09.31 Uhr  
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War es nicht Konrad Adenauer, der mal gesagt hat, daß *Bild* eben für Lieschen Müller sei und der *Spiegel* halt eben "für Dr. Lieschen Müller"? Schade in dieser besonderen Situation in der deutschen Kultur ist natürlich, daß dieser reizende *Spiegel*-Aufsatz "— wie alles Journalistische — für den Tag geschrieben ist" und wir eben keine "gewissenhafte, eingehende Darstellung und Kritik der Rechtschreibreform" in einer ähnlich verbreiteten Zeitschrift bekommen. Vorbildlichen investigativen Journalismus haben wir in dieser Frage nicht. Schade. Die vierte Gewalt in unserem Staate ist da nicht nur etwas schwach auf der Brust. (Der *Spiegel* soll sich doch mal nach dem Vorbild der amerikanischen Wochenzeitschrift *Time* eingerichtet haben. Aber *Time* muß mit der Konkurrenz von wenigstens zwei weiteren populären Wochenzeitschriften leben.) "Nur ist es leider so, daß der Spiegel heute nurmehr dem Zeitgeist hinterherrennt. Früher - in den 80er Jahren und auch später noch - ging es tatsächlich noch darum, Hintergründe zu erforschen und dadurch eventuell der Wahrheit etwas näherzukommen." Ganz ehrlich, den Eindruck hatte ich nie. Der *Spiegel* war immer zuerst auf Unterhaltung aus; Information um der Information in einem demokratischen Staatsleben willen war nie seine Sache. Und finanziell ist er ja damit auch sehr gut gefahren. Und das heißt, daß die Leser, die er ansprechen will, es ja so genau eigentlich gar nicht wissen wollen...



Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 26.07.2005 um 01.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1340

Meistens ärgere ich mich bloß ein bißchen über die Einträge von Professor Jochems, während ich mir gleichzeitig insgeheim eingestehe, daß er als advocatus diaboli hier - und wahrscheinlich sehr bewußt - eine wichtige Funktion erfüllt. Diesmal muß ich jedoch offen an seine Seite treten. Daß der "Spiegel" eine Karikatur von Theodor Ickler geliefert hat, ist keine Frage; aber das Blatt bietet doch auch sonst nichts anderes, und es war deshalb auch nichts anderes zu erwarten. Der Artikel gehorcht dem Modell der "Spiegel-Story", wie es schon in den frühen 60ern von Hans Magnus Enzensberger auseinandergenommen und dann in den 70ern noch einmal von Helmut Schelsky aufs Korn genommen worden ist. Insofern hat sich beim "Spiegel" nichts geändert, und in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war er schon gar nicht besser als davor oder danach. Entscheidend ist doch, daß dieses Massenblatt für Halbgebildete und Besserwisser den Spiritus rector des Widerstands gegen die Reform, wenn auch in bizarrer Weise, ins Licht der Öffentlichkeit rückt, und dies noch dazu mit unübersehbarer Sympathie. Besser hätte es gar nicht kommen können; jedenfalls war vom "Spiegel" nichts Besseres zu erwarten. (Um mir nicht unnötigen Ärger einzuhandeln: Ich weiß natürlich, daß es auch einen Typus von Spiegel-Lesern gibt, der die Masche der Zeitschrift durchschaut und das Blatt mit distanzierter Ironie liest.)


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 25.07.2005 um 18.08 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1338

Lieber Herr Jochems,

sicherlich hat der Spiegel seinen ganz eigenen Stil, dem sich auch die darin schreibenden Journalisten jeweils anpassen. Nur ist es leider so, daß der Spiegel heute nurmehr dem Zeitgeist hinterherrennt. Früher - in den 80er Jahren und auch später noch - ging es tatsächlich noch darum, Hintergründe zu erforschen und dadurch eventuell der Wahrheit etwas näherzukommen. Ich möchte Sie bitten, dazu einmal eine frühere Spiegel-Ausgabe mit einer heutigen zu vergleichen: Damals hatte der Spiegel auch einen ganz eigenen Stil, aber eben einen ganz anderen als heute. Heutzutage plappert er - mit ganz eigenem Stil - nur noch nach, was alle sowieso schon wissen oder wissen könnten. Natürlich hat der Journalist recherchiert, sonst hätte er überhaupt nichts zur Sache schreiben können - aber ich verstehe unter "investigativem Journalismus" etwas mehr, als nur ein paar öffentlich zugängliche Tatsachen in Erfahrung zu bringen, diese gründlich umzurühren und mit einer guten Portion Ironie - und gelegentlich auch Häme - zu übergießen. Gerichte dieser Art finde ich - ganz gleich, wem die ursprüngliche Aussage nun zugeschrieben wird -einfach zum K..... .

Eine ordentliche Recherche über die politischen und finanziellen Hintergründe des als Reform bezeichneten Trauerspiels wäre angesagt gewesen, aber so etwas traut sich der nunmehr linientreue Spiegel nicht mehr (dazu müßte man sich ja auch die eigene Feigheit "vor dem Feind" eingestehen).


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 25.07.2005 um 13.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1336

Ein Nachrichtenmagazin wie der SPIEGEL hat seinen eigenen Stil, den man nicht einem seiner Redakteure vorwerfen darf, dem andererseits das Recht zugestanden werden muß, sein Thema so einzugrenzen und Einzelheiten der Darstellung so zu profilieren, wie er es für richtig hält. Gewiß haben die meisten "Im Land der Wörtermörder" (man beachte die versteckte Ambiguität und das komprimierte Wortspiel) mit Vergnügen gelesen und dabei eine Menge erfahren und Einsichten gewonnen, die so nicht allgemein verbreitet sind. Wer überhaupt den SPIEGEL liest, weiß, worauf er sich einläßt. Alexander Smoltczyks geistreiches Spiel mit direkter, indirekter und erlebter Rede, eigener Darstellung und Wertung sowie Fremdzitat machen in meinen Augen den Reiz dieses Aufsatzes aus, der - wie alles Journalistische - für den Tag geschrieben ist. Nur in unseren Archiven wird er überleben.

Falsch ist natürlich im Einleitungsteil die Behauptung, an den "deutschen Fakultäten" habe in den Jahren der Rechtschreibreform ein Streit getobt wie nach 1968, wie auch kein deutscher Linguist außer den Reformern Ziel von Angriffen aus dem Internet war. Auf das merkwürdige Schweigen der Germanistik und der Deutschlehrer wäre eher hinzuweisen gewesen. Dieter Nerius hat im übrigen an der Auseinandersetzung nicht teilgenommen. Zwei Zeitungsaufsätze und sein nachträgliches Auftreten in der Kölner Ringvorlesung sind alles. Die eigentlichen "Kombattanten" waren in der Tat Gerhard Augst und Theodor Ickler. Ihre Anliegen einem intelligenten Leserkreis verständlich gemacht zu haben ist sicherlich ein Verdienst Smoltczyks. Diesen beiden Dieter Nerius an die Seite und gegenüberzustellen lag nahe, hätte aber deutlicher begründet werden müssen.

Vielleicht hat Smoltczyk tatsächlich nicht erkannt, welche Rolle seit 1987 die Ministerialräte des Arbeitskreises Rechtschreibung im Sekretariat der KMK gespielt haben und noch spielen. Er stellt sie als die Empfänger von Gerhard Augsts "Argumentationshilfen" dar, in Wirklichkeit hatten sie aber stets alle Fäden in der Hand. "Investigativer Journalismus" hätte diese Anonymi längst ins Licht der Öffentlichkeit ziehen sollen, aber wie? Ins häusliche Arbeitszimmer wird niemand von ihnen einen SPIEGEL-Redakteur einladen.

Nun wissen die SPIEGEL-Leser wenigstens, welche Persönlichkeiten hinter den Namen Theodor Ickler, Gerhard Augst und Dieter Nerius stehen. Sie wissen aber auch, was diese drei unterschiedlich bewegt: die Liebe zur Sprache, die Verbundenheit mit einfachen Menschen, die Suche nach theoretisch kohärenten und konsistenten Lösungen. Wer einem von ihnen unterstellt, dies sei nur ein Vorwand, weckt auch Zweifel an der Ehrlichkeit der anderen. "Deutschland sähe anders aus ohne Menschen wie Theodor Ickler": Hat uns das Mißtrauen inzwischen so zugesetzt, daß wir dieses Journalistenurteil nicht mehr als Ausdruck uneingeschränkter Bewunderung lesen können?

Herrn Icklers Ansichten sind den Lesern dieser Webseiten vertraut; Smoltczyk scheint hier übrigens auch eifrig recherchiert zu haben. Neues erfahren wir in der Hauptsache über Herrn Augst. Sein überraschendes Eingeständnis, mehr als zehn Schreibungen brauche man schon, um daraus eine orthographische Regel abzuleiten, und der Rat von Agenturen und Zeitungsredaktionen hätte auf alle Fälle bei der Erarbeitung der Rechtschreibreform eingeholt werden müssen, enthüllt gewiß seine Naivität, wozu auch die orthographische "Pest" paßt, die angeblich unter Arbeiter und Bauern wütet. Man sollte ihm aber abnehmen, daß er sehr verletzlich ist, und anerkennen, daß er sein Versagen unumwunden zugibt. Mit seinem Hinweis auf den "Sündenfall" spricht er das eigentliche Problem der Rechtschreibreform an: Welches Recht hat der demokratische Staat, in die Schreibgewohnheiten seiner Bürgerinnen und Bürger einzugreifen? Sowohl Herr Augst wie Herr Nerius machen sich etwas vor, wenn sie die verbreitete Ablehnung der neuen Schreibungen mit dem Hängen am "Vertrauten" und der "Angst" vor dem Ungewissen erklären.

Gegen Ende des Artikels wird Dieter Nerius mit diesen, eines "gehobenen Leserbriefes" würdigen Sätzen zitiert: "Ich möchte aus diesem Streit nicht lernen, dass Sprache ein für alle Mal in ihrer grafischen Form eingemauert bleiben soll. Orthografie ist eine gesetzte Norm. Sie wird von Menschen gemacht. Ich weigere mich zu glauben, dass wir Deutschen nicht imstande sein sollten, eine derart kleine Veränderung zu bewerkstelligen." Hoffentlich haben viele SPIEGEL-Leser bemerkt, daß hier der "funktionale Strukturalist" spricht, für den "gesetzte Norm" wie auch die "Menschen" nur theoretische Positionen sind. Daß im ersten Satz Erinnerung an die jüngste deutsche Vergangenheit steckt, macht das Ganze um so interessanter. Die Dialektik von Theorie und Wirklichkeit deutet man eben falsch, wenn man ungeschichtlich denkt. Das ist die Lehre aus "Im Land der Wörtermörder".


Kommentar von Stefan Stirnemann, verfaßt am 25.07.2005 um 11.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1333

Was der SPIEGEL schreibt, ist gar nicht so schlecht. Es ist gut, daß überhaupt etwas erscheint, und daß Herr Aust vor einem Jahr die neue Rechtschreibung „staatlich verordnete Leseschwäche“ genannt hat, ist noch nicht vergessen und wird auch nicht vergessen.
Wenn der Beitrag eine Stellungnahme des SPIEGELS enthält, so liegt sie in folgenden Sätzen:
1) Inzwischen haben sich Springer-Verlag, teilweise auch "Süddeutsche Zeitung" und SPIEGEL der Gegenreformation angeschlossen.
2) Dieter Nerius sitzt in einem Hochhaus, das früher der Stasi gehörte und heute der Hochschule, und er will nicht glauben, dass alles umsonst gewesen sein könnte.
3) Ickler könnte sich als Sieger fühlen.
4) Wie der Disput um Komma und Bi-otonne auch ausgehen wird. Bleiben wird ein guter Rest vom Regelwerk, der Beschluss zum Doppel-s.
Bemerkenswert ist auch dieser Satz: "Wenn ,Bild' nicht mitmacht, dann haben wir keine Chance", sagt Augst.

Es ist freilich trotz Anführungs- und Schlußzeichen sehr unsicher, wer was in welcher Form gesagt hat. Aus den weiteren (verzagten) Äußerungen von Prof. Augst und Prof. Nerius gewinnt man jedenfalls den Eindruck, daß das Unternehmen Rechtschreibreform sehr schlecht vorbereitet war und daß Rolle und Leistung Konrad Dudens, und damit die Aufgabe des Staates im Bereich der Rechtschreibung, nur durch etlichen Nebel gesehen wird. Die Lehrer des neunzehnten Jahrhunderts hatten sehr viele Vorschläge zu einer einheitlichen und vor allem einfachen Rechtschreibung. Die Regierung hat eingegriffen, um, wie Duden schrieb, „verkehrten Richtungen die Thore zu verschließen“.

Aber neben der Schule und wahrscheinlich über ihr war das Druckgewerbe mit seinen Ansprüchen wichtig. Auch heute wird das Anhäufen von Varianten am handfesten Bedürfnis der Druckenden scheitern (und die Druckenden denken an die Lesenden, nicht an linguistische Theorien).

Diese Entwicklungen zu untersuchen ist sehr unterhaltsam. Mit der Geschichte der Rechtschreibung ist man in einem Mittelpunkt der Sprache, wenn man einmal gemerkt hat, daß sich Rechtschreibung nicht in Volksschul-Diktaten erschöpft. Kann man sich am kleinen Leben eines Vorgärtleins freuen oder sucht man den glatten Kasernenplatz, über den harte Soldaten-Stiefel knallen, wenn ein Beamter mit Helm und Vaterlandsfahne einen Befehl brüllt? Im Garten wächst unregelmäßig der Taugenichts, die Zeitlang, die Handvoll, und wenn es in einer Ecke rot blüht, so blüht es in einer anderen blau. Rote und blaue Parteigenossen sehen die andere Ecke unter Schmerzen.

Knackpunkt dieser Geschichte ist die Aufgabe des Staates.
Gewiß wird in einem weiteren SPIEGEL-Beitrag jemand auftreten, der dazu etwas Klareres, Aufklärenderes weiß. Daß über die Gegner dieser Reform Witze gemacht werden, ist in Ordnung. Wir machen auch Witze: hoffentlich bessere.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2005 um 10.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1330

Karl Kraus war es auch nicht, der hätte sich wahrscheinlich auch anders ausgedrückt. Der Ausspruch ist von dem "entarteten" Max Liebermann überliefert und galt natürlich den Nazis.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.07.2005 um 05.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1329

Aufklärung sieht anders aus

Das ist ein Report für Leser, die sich fragen: Wen finde ich denn nun sympathischer, den Mann mit Schnauzbart oder das Duo mit fingerdicken Augengläsern und andererseits Jeanshemd? Verpackungen mögen wertvoll sein, wenn Verbraucher sich zwischen Colgate und Elmex/Aronal entscheiden sollen und es völlig egal ist, wie ihre Wahl ausfällt; wenn es vor allem völlig egal ist, daß der eine dies und der der andere das verwendet. Und wenn der Zugriff wirklich ihre freie, beliebige Entscheidung ist.

Das ist bei der Rechtschreibung anders. Diese besteht ganz einfach darin, daß ein Volk sich immer neu und immer mehr einig wird und einig geworden ist, wie es seine Wörter schreibt. Diese Einigung läuft weitestgehend automatisch ab; sich der so gewonnenen "Norm" anzuschließen ist das ebenso selbstverständliche Bedürfnis des einzelnen wie sein Wunsch, dieselbe Sprache zu sprechen wie seine Umgebung. Den Zustand der Einigkeit in der schriftlichen Verständigung absichtlich zu zerstören - das ist die Rechtschreibreform. Sie ist nicht der Kampf von zwei, drei Germanisten, sondern seit zehn Jahren der Kampf der Politiker wie auch - seit sieben Jahren - der meisten Presseverlage gegen das eigene Volk respektive die Leser und gegen den berechtigten Wunsch der breiten Mehrheit, von dieser destruktiven Reform verschont zu werden. Mithin ist das Gewicht der Auseinandersetzung auch millionenfach größer, als es der SPIEGEL zuschneidet.

Darüber hinaus gibt es erhebliche Qualitätsunterschiede zwischen der sogenannten alten und der sogenannten neuen Rechtschreibung, etwa so wie zwischen einem ausgezeichneten, funktionstüchtigen und zuverlässigen Automobil und einem ruckelnden, zuckelnden, permanent reparaturbedürftigen Gefährt aus der Hobbywerkstatt einiger unfähiger Bastler. Die Würde des Abendlandes besteht darin, daß man auch solche Kretins leben und in ihrer Garage werkeln läßt, ohne ihnen ein Haar zu krümmen. Sie besteht aber auch darin, daß der Staat dafür sorgt, daß ihre verunglückten, dämlichen Produkte nicht in den Verkehr gelangen. Wenn der Staat nun seit Jahren versucht, den Bürgern ihr Wunschauto wegzunehmen und mit aller Gewalt einen schrottreifen Prototyp aufzudrängen, dann könnte man sich schon fragen, ob das mit den Ideen der abendländischen Aufklärung übereinstimmt.

Normalerweise hängen wir die Sache nicht so hoch, sondern listen die Fehler und Nachteile auf, die das "neue" Modell auch nach dem x-ten Überarbeitungsversuch hat, und wir demonstrieren die Vorteile des nahezu makellosen Vorgängers. Was an ihm allenfalls ein bißchen problematisch war, ist das streckenweise übergenaue, detailversessene und für Laien ungeeignete Handbuch. Dieses allerdings hat praktisch niemand gebraucht. Man mußte nur abwechselnd Gas und Bremse betätigen und wachen Auges am Lenkrad drehen.

Es kennzeichnet den SPIEGEL, ausführlichst und zum hundertsten Mal die Politik der Parteien und ihrer Anführer dargestellt, analysiert und bewertet zu haben, bevor er sich als Fußnote die Frisur von Angela Merkel oder die rote Weste von Ludwig Stiegler betrachtet. Eine solche gewissenhafte, eingehende Darstellung und Kritik der Rechtschreibreform hat er bisher nicht geleistet. Stattdessen erfahren wir, daß der Garten eines führenden Kritikers verwildert aussieht. Was will uns der SPIEGEL damit sagen?


Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 25.07.2005 um 02.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1327

Liebe Frau Morin, das war Karl Kraus.


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 24.07.2005 um 23.31 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1326

Was, um Himmels willen, ist denn ein "Sitin" - die Abkürzung von "Wellensittich". Das englische "sit-in" kann doch wohl nicht gemeint sein? Oder ...

Man sollte diesen Artikel eigentlich ignorieren, wenn es nicht so traurig wäre, was aus dem Spiegel seit der feigen Übernahme der reformierten Schreibung (und der ebenso feigen, da klammheimlichen Rückkehr zur bewährten Schreibung) geworden ist. Irgendwie kommt es mir so vor, als ob bei den "reformierten" Zeitungen insgesamt ein erheblicher Qualitätsverlust zu verzeichnen ist. Vielleicht hat man die wirklichen Journalisten rausgeekelt und statt dessen lauter Zombies engagiert, die modisch anmutende Wörter ohne Sinn und Verstand wiederkäuen und dem Publikum wie ein ausgelutschtes Kaugummi vor die Augen kleben. Ich glaube, Tucholsky hat einmal gesagt: Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich k..... möchte.

So geht es mir neuerdings, wenn ich versuche, den Spiegel zu lesen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.07.2005 um 18.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1321

Da kann man wohl nichts machen. Ich hatte keine Gelegenheit, den Text vor dem Druck zu sehen, sonst hätte ich die vielen Fehler herausstreichen können. Der Sinn fürs Pittoreske geht mit dem Verfasser durch, vieles erfindet er einfach.
Ich habe nicht von "Wörtermord" gesprochen, und der Begriff "Regelungsgewalt" stammt bekanntlich von den Reformern (Dudenbroschüre). Ich habe 1968 keine neue Sprache erfunden. Ich spreche nicht fließend Sanskrit und nicht einmal passabel Chinesisch, habe das auch selbstverständlich nicht behauptet. Vielleicht hat S. die Chinesischbücher im Regal gesehen und dann weiterkombiniert. Das Blickfang-h (Adelung, Roemheld) für meine eigene Entdeckung auszugeben würde mir nicht im Traume einfallen, die Entdeckung "eines Nachts" ist frei erfunden. Ich bin kein Ein-Mann-Thinktank, sondern habe gerade unsere gemeinsamen Anstrengungen hervorgehoben, die fast ohne Beispiel sind. Von Mahnwachen und Dudenverbrennungen sind wir alle weit entfernt. Die Bemerkung über die Gründung des IDS ist weit übertrieben und von mir nicht so geäußert worden.

Mein Vorgarten ist nicht verwildert, sondern es wächst neben Kräutern auch Klatschmohn darin. Ich werde mich auch an der Bundestagswahl beteiligen.


Kommentar von R. M., verfaßt am 24.07.2005 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=309#1319

Alexander Smoltczyk ist Rom-Korrespondent. Er hat versucht, sich in kurzer Frist in die Materie einzuarbeiten. Aber natürlich weiß er nicht genau Bescheid. In dieser Lage greift er zu einem beliebten Mittel: alle Parteien als Rechthaber zu bespötteln. Die Leute, die recht haben, inbegriffen.



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