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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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18.07.2005
 

Peter Eisenberg
Die Würde des Möglichen
Ein Plädoyer für die Arbeit des Rates

»Am 3. Juli hat der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Beratung der Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung beendet und einen Text verabschiedet, der die entsprechenden Paragraphen des amtlichen Regelwerks ersetzen soll.

Damit liegt erstmals seit den Wiener Beschlüssen von 1996 eine Neuformulierung von Regeln vor, die mehr als kosmetische Veränderungen enthält und trotzdem eine gewisse Chance hat, von der Kultusministerkonferenz akzeptiert zu werden. Eine – vielleicht die wichtigste – Voraussetzung zur Wiedererlangung einer einheitlichen deutschen Orthographie ist erfüllt.

Der Rat hat schon jetzt mehr erreicht, als erwartet werden durfte. Man hatte zu befürchten, er werde mit seinen über 30 Mitgliedern, unter denen sich zudem viele für die Neuregelung Verantwortliche befinden, zu wenig mehr in der Lage sein als dem gewohnten Streit und einer Akklamation des Beschlossenen. So hatte es gute Gründe, dass die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung die ihr angebotenen Sitze im Rat nicht einnahm. Ein arbeitsfähiges Gremium, so erklärte sie, dürfe nicht mehr als acht Personen umfassen. Als der Rat dann eine siebenköpfige Arbeitsgruppe zur Umarbeitung der Getrennt- und Zusammenschreibung einrichtete, ließ sich die Akademie in die Pflicht nehmen. Es war die Probe aufs Exempel.

Dass die Probe erfolgreich war, hatte eine Reihe von Gründen. Die Arbeitsgruppe hatte einen klaren Auftrag, dem sie fachlich gewachsen war, und sie stand unter Erfolgsdruck. Es wurde heftig gestritten, man bewegte sich oft am Rande des Scheiterns, erzielte aber schließlich weitgehend Konsens über Wichtig und Unwichtig – mit der Folge, dass ein beinahe einstimmiger Beschluss möglich wurde. Dasselbe kann man vom Rat sagen. Es gab den erwarteten Widerstand gegen eine am Sprachgebrauch und an den Regeln des Sprachbaus orientierte Neufassung der Regeln. Die Neuorientierung setzte sich durch, weil jeder sehen konnte, wie man ein so fundiertes Regelwerk gegen Angriffe fast jeder Art verteidigen kann. Hinzu kam die konstruktive Arbeit der Wörterbuchverlage, die bereit waren, Auswirkungen der Neufassung auf einen größeren Wortschatz zu untersuchen.

In den kommenden Monaten wird sich der Rat schwerpunktmäßig mit Zeichensetzung und Silbentrennung befassen. Kommt es auch hier zu einem Beschluss, könnte die KMK und könnten mit ihr die Zuständigen in den anderen deutschsprachigen Ländern in absehbarer Zeit die überarbeiteten Regelteile in Kraft setzen und wir hätten wieder ein komplettes Regelwerk, das – wie vor der Neuregelung von 1996 – auf evolutionärem Weg weiter veränderbar wäre.

Der Rat braucht dazu die Unterstützung der Öffentlichkeit. Anders als die im vergangenen Jahr entlassene Zwischenstaatliche Kommission hält kein politisches Gremium seine schützende Hand über ihn. Was immer die Kommission erklärte, wurde von der Politik gedeckt und umgekehrt. Gerade diese Hermetik trug ja viel zur allgemeinen Frustration bei. Der Rat braucht die Unterstützung der Öffentlichkeit auch deshalb, weil nach Bewältigung der ersten, schwierigsten Aufgabe der Eindruck entstehen könnte, man sei nun in ruhigerem Wasser, der Erfolgsdruck sei gemindert. Zeichensetzung und Silbentrennung bieten viele Möglichkeiten, mit so etwas wie fundamentalen Detailproblemen zu operieren und zu den alten Grabenkämpfen zurückzukehren. Zu viele Sprecher, Schreiber, Leser und Lerner der größten Sprache Europas sind auf eine im ganzen einigermaßen stabil geregelte Orthographie angewiesen, als dass man eine Lösung weiter vor sich und einer längst total ermüdeten Öffentlichkeit herschieben könnte.

Der Autor lehrt deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Potsdam, ist Mitglied des Rates für deutsche Rechtschreibung und war entscheidend an der Formulierung der neuen Regeln für die Getrennt- und Zusammenschreibung beteiligt.«


( Süddeutsche Zeitung, 18.7.2005, Seite 11 )



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Kommentare zu »Die Würde des Möglichen«
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Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 19.07.2005 um 19.35 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1239

„Parlamentarisches Liebesgeständnis“

„Die CDU/FDP-Landesregierung unter Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) beschloß am Dienstag in Hannover einstimmig, die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform zum 1. August verbindlich einzuführen. Reformgegner Wulff folgt damit nicht dem Vorstoß von Bayern und Nordrhein-Westfalen, die sich für einen Aufschub ausgesprochen hatten. Das Kabinett forderte nach Angaben aus der Regierung aber eine Stärkung des Rates für Deutsche Rechtschreibung. Künftig müsse der Rat für Deutsche Rechtschreibung über „alle fachlichen Fragen der Weiterentwicklung der deutschen Rechtschreibung” entscheiden, sagte Kultusminister Bernd Busemann (CDU) am Dienstag in Hannover.“

Kommentar:
Es scheint in gewissen Milieus allmählich zum Usus zu werden, dem/der Geliebten zuerst einmal eine schallende Ohrfeige zu verpassen, "denn das vervollkommne" - so sagt man - "den leidenschaftlichen Sinnesrausch".


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 19.07.2005 um 19.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1238

»Der Ratsvorsitzende und ehemalige bayerische Kultusminister Zehetmair sagte im Deutschlandradio Kultur, er hielte es für richtig, wenn alle Länder gemeinsam gehen würden. Bis zum Beginn des neuen Schuljahres sei es dem Rat unmöglich, die nötigen Korrekturen zu erarbeiten, bis zum Jahresende sei dies aber zu schaffen.« (Reuters)

Ja, was soll denn nun diese Eile? Wenn es wirklich so käme, wie wahrscheinlich wären dann noch Änderungen bei der Groß- und Kleinschreibung – von solchen bei den Laut-Buchstaben-Zuordnungen ganz zu schweigen.


Kommentar von Reuters, Jul 19, 2005 3:52 MESZ, verfaßt am 19.07.2005 um 18.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1236

»Unionsländer uneins über Einführung neuer Schreibregeln

Hannover/Stuttgart (Reuters) - Die unionsgeführten Länder haben sich nicht auf eine einheitliche Einführung der neuen Rechtschreibregeln im nächsten Schuljahr geeinigt.

Niedersachsen und Baden-Württemberg entschieden sich am Dienstag wie zuvor bereits Hessen, die Rechtschreibreform zum 1. August verbindlich einzuführen und nicht dem Vorstoß von Bayern und Nordrhein-Westfalen zu folgen, die die umstrittenen Regeln vorerst nicht anwenden wollen. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) forderte Bayern und Nordrhein-Westfalen indirekt auf, ihre Ankündigung doch noch zurückzunehmen. "Es gibt vernünftige Gründe, sich den anderen 14 anzuschließen", sagte er nach einer Kabinettssitzung in Hannover. Die beiden bevölkerungsreichsten Länder erweckten mit ihrer Haltung den Anschein, "das ganze Thema wieder auf Null setzen zu können", kritisierte Busemann. Das Landeskabinett forderte eine Stärkung des Rates für deutsche Rechtschreibung, der anstelle der Kultusministerkonferenz künftig die Schreibregeln festlegen solle. Der Vorsitzende des Rates, Hans Zehetmair, hatte sich für einen späteren gleichzeitigen Start der neuen Rechtschreibung in allen Bundesländern ausgesprochen.

Die niedersächsische CDU/FDP-Landesregierung unter Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), der bislang als einer der schärfsten Kritiker der Rechtschreibreform galt, beschloss einstimmig, die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform zum neuen Schuljahr verbindlich in Kraft zu setzen. "Fehler im Zusammenhang mit der Neuregelung der Rechtschreibung werden dann nicht nur markiert, sondern auch bewertet", sagte Kultusminister Busemann. Zuvor hatte auch Baden-Württemberg entschieden, die neuen Rechtschreibregeln wie von der Kultusministerkonferenz geplant in Kraft zu setzen. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sagte nach einer Telefonkonferenz der unionsgeführten Länder in Stuttgart, es gebe keinen Grund, von den Beschlüssen abzugehen.

Damit bleiben Bayern und Nordrhein-Westfalen vorerst die einzigen Länder, in denen an der bisherigen Übergangsregelung festgehalten wird und alte Schreibweisen weiterhin nicht als Fehler angestrichen werden. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hatte zur Begründung des Vorstoßes erklärt, er wolle warten, bis der Rat für Rechtschreibung in den nächsten Monaten Nachbesserungen empfehle. Es sei nicht sinnvoll, die Reform Anfang August verbindlich einzuführen und bereits im nächsten Jahr wieder Änderungen anzubringen.

APPELLE ZUR EINIGKEIT AUS ALLEN LAGERN

Der Ratsvorsitzende und ehemalige bayerische Kultusminister Zehetmair sagte im Deutschlandradio Kultur, er hielte es für richtig, wenn alle Länder gemeinsam gehen würden. Bis zum Beginn des neuen Schuljahres sei es dem Rat unmöglich, die nötigen Korrekturen zu erarbeiten, bis zum Jahresende sei dies aber zu schaffen. Das aus 39 Mitgliedern bestehende und von Zehetmair geleitete Gremium war nach heftigen Protesten an der Rechtschreibreform von der Kultusministerkonferenz (KMK) eingesetzt worden. Für Teile der Reform hat der Rat bereits weit reichende Änderungen angekündigt, die auf eine Revision vieler neuer Regeln hinauslaufen.

Die Rechtschreibreform soll vom kommenden Schuljahr an für den Unterricht in Deutschland in Teilen verbindlich werden. Nur in den Bereichen, zu denen der Rat noch Änderungswünsche vorlegen könnte, gelte die alte Schreibweise bis auf weiteres nicht als falsch, hatte die KMK Anfang Juni mitgeteilt.

Der Vorsitzende der Ministerpräsidenten-Konferenz, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), appellierte in einem Brief an alle Länder-Regierungschefs, das ursprünglich geplante einheitliche Vorgehen der Länder nicht aufzugeben. Ähnlich äußerte sich auch die brandenburgische Kultusministerin Johanna Wanka (CDU), die KMK-Präsidentin ist. Die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Krista Sager, kritisierte, einige Unions-Ministerpräsidenten instrumentalisierten die Reform auf Kosten der Schüler zur persönlichen Profilierung.«




Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2005 um 09.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1232

Der VdS sagt keinesfalls die Wahrheit. Da die vom Rat beschlossenen Änderungen noch gar nicht durch die politischen Gremien gegangen und außerdem von der VdS-hörigen KMK sowieso vorerst ausgesetzt worden sind, wäre es ja eine Riesentorheit, sie jetzt schon in die Schulbücher zu bringen. VdS-Vertreter Banse hat auch mit keinem Wort erkennen lassen, daß ein solcher Unsinn geplant sei. Man darf dem VdS Bildungsmedien kein Wort glauben.


Kommentar von Kölner Stadt-Anzeiger, verfaßt am 19.07.2005 um 08.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1231

Schulbuchverleger kritisieren scharf Bayern und NRW

Frankfurt/Main - Die Vorstöße Bayerns und Nordrhein-Westfalens zur Verschiebung der Rechtschreibreform sind nach Ansicht der Schulbuchverlage "weder politisch noch inhaltlich nachvollziehbar". "Die Schreibregeln sind kein politisches Wunschkonzert und können nicht nach Wahlkampflaune permanent verbogen werden", erklärte der VdS Bildungsmedien als Branchenverband der Schulbuchverleger am Montag in Frankfurt.

Die Entscheidung Bayerns und Nordrhein-Westfalens sei umso ärgerlicher, da im Streit um die Reform auch durch den von der Kultusministerkonferenz eingesetzten Rechtschreibrat erstmals seit Jahren ein Kompromiss erkennbar gewesen sei. Die Schulbuchverlage hätten mit finanziellem Großaufwand bereits ihre Bücher auf die neue Rechtschreibung umgestellt. Derzeit bereiteten sie sich vor, die vom Rat für deutsche Rechtschreibung beschlossenen Neuerungen bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sukzessive in die Lehrwerke aufzunehmen. Dies sei eine erneute ökonomische Belastung. (dpa)

ERSTELLT 18.07.05, 17:11h, AKTUALISIERT 18.07.05, 20:01h




Kommentar von Deutschland kehrt zurück, verfaßt am 18.07.2005 um 14.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1217

Eine weitere Umfrage ist auf der Homepage bei FAZ.NET zu finden:

http://www.faz.net/


Kommentar von dpa, verfaßt am 18.07.2005 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1216

Telefonkonferenz der Unionsländer zur Rechtschreibreform vertagt

Stuttgart (dpa) - Die unionsgeführten Bundesländer haben die für heute geplante Telefonkonferenz im Rechtschreibstreit auf morgen vertagt. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger hatte sich am Wochenende für eine einheitliche Linie der Union im Streit um die neuen Schreibregeln ausgesprochen. Dazu hatte er eine Telefonkonferenz ins Spiel gebracht. Bayern und Nordrhein-Westfalen haben als einzige Länder angekündigt, die neue Rechtschreibung zum 1. August noch nicht verbindlich für Schulen und Behörden einzuführen.


Kommentar von WDR, verfaßt am 18.07.2005 um 13.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1215

Umfrage: NRW verschiebt Rechtschreibreform - was halten Sie von der Entscheidung?

Neben Bayern wird auch Nordrhein-Westfalen die für den 1. August geplante Einführung der Rechtschreibreform nicht umsetzen. Das bestätigte ein Regierungssprecher am Samstag gegenüber wdr.de. Was halten Sie von der Entscheidung?

Ergebnis:
Ich begrüße das, ich schreibe ohnehin nach den alten Regeln.: 51.0%
Ein Schritt vor, zwei zurück: Gerade hatte ich mich an die neuen Regeln gewöhnt.: 15.6%
Die Rechtschreib-Debatte gehört endlich beendet.: 33.5%

http://www.wdr.de/themen/homepages/homepage.jhtml


Kommentar von Christoph Kukulies, verfaßt am 18.07.2005 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1214

+Eilt+Eilt+ "Merkel pfeift Stoiber und Rüttgers zurück" - Ja, so könnte die nächste Schlagzeile lauten.

Zur Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung in allen Bundesländern lenken nun Rüttgers und Stoiber ein.

Wer glaubt hier wirklich noch was? Daß sich die Lawine jetzt wirklich in Gang setzt?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2005 um 11.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1213

Der von Herrn Jochems kritisierte Unfug war einer der Gründe, warum ich mein Sondervotum eingereicht habe. So geht das wirklich nicht. Für mein eigenes Rechtschreibwörterbuch existieren solche Probleme natürlich gar nicht, und wer sich auch nur zehn Minuten damit befaßt hat, kann mit traumwandlerischer Sicherheit sagen, wie "frei+machen" im Deutschen geschrieben wird. Ein Wörterbuch braucht er dazu nicht mehr.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 18.07.2005 um 10.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1212

Noch eine Agenturmeldung des vergangenen Wochenendes: Bundespräsident Horst Köhler hat nach Informationen des "Spiegel" intern bereits signalisiert, den Weg für Neuwahlen frei zu machen: Köhler habe dies mit seiner staatspolitischen Verantwortung begründet. Der Bundespräsident muss bis Freitag bekannt geben, ob er wie von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gewollt den Bundestag auflöst. Wer würde sich nicht freuen, wenn dieser Augst/Schaedersche Unsinn demnächst verschwände - durch den Totalkollaps des Machwerks oder aber durch die Zehetmair/Eisenbergsche Revision. Leider ist hierzulande immer alles etwas schwieriger. Zwar ist "frei zu machen" nach dem skurrilen Eintrag im Duden 2004 wie oben zu schreiben, aber im Duden 1991 stand das nicht anders. Die Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung bringt an dieser Stelle also nichts. Anders bei Zehetmair/Eisenberg 2005. Jetzt ist zu untersuchen, ob es sich um ein "resultatives Prädikativ" oder aber um eine "idiomatisierte Gesamtbedeutung" (dafür an anderer Stelle der Neufassung des § 34 auch "übertragene Bedeutung") handelt. Beides ist nach Gallmann "nicht schultauglich"; genau das hatten Sitta und er 1997 auch von den Steigerungs- und Erweiterungsproben ihres Mitreformers Schaeder gesagt. Nun wird es aber ganz spannend: Läge in "den Weg freimachen" eine "idiomatisierte Gesamtbedeutung" vor, müßte revidiert-reformiert zusammengeschrieben werden; Verben mit einem Adjektiv als "resultatives Prädikativ" kann man dann jedoch so oder so schreiben. Lediglich bei "bekannt geben" ist der Fall eindeutig: Sowohl nach Duden 1991 wie nach Zehetmair/Eisenberg 2005 ist zusammenzuschreiben. Das Ganze fällt unter das Kapitel "Differenzschreibungen" (auch "Unterscheidungs-" oder "Oppositionsschreibungen"). Orthographien, die mit diesem Prinzip arbeiten, kommen ohne den beständigen Rückgriff aufs Wörterbuch nicht aus. Einfache Korrekturprogramme genügen nicht, da der Kontext jeweils zu berücksichtigen ist. Freude über Stoiber/Rüttgers 2005 - aber was kommt danach?


Kommentar von Stuttgarter Nachrichten, verfaßt am 18.07.2005 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1211

»Neue Runde im alten Schreibstreit
Rüttgers und Stoiber scheren aus

Berlin - Wer in Bayern, Nordrhein-Westfalen und wahrscheinlich auch Niedersachsen nach dem 1. August in der Schule "aufwändig" nicht mit "ä", sondern wie früher mit "e" schreibt, der darf das noch eine Weile weiter ungestraft tun. In den anderen Ländern wird Schülern dies dagegen nach den Ferien als Fehler angekreidet.

VON KARL-HEINZ REITH

Ein neues Stück aus der unendlichen Geschichte der Schreibreform - oder aus dem Tollhaus des Bildungsföderalismus? Die Kultusministerkonferenz (KMK) fühlt sich durch das Vorgehen der Ministerpräsidenten von Bayern und NRW, Edmund Stoiber (CSU) und Jürgen Rüttgers (CDU), düpiert. Es habe keine Vorwarnung gegeben, dass Einzelne doch noch aus der einheitlichen Linie ausscheren, sagte die KMK-Präsidentin und brandenburgische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU).

Ende Juni waren die Unions-Regierungschefs mit ihrem Wunsch, das verbindliche Wirksamwerden der gesamten Reform um ein Jahr zu verschieben, am Widerstand ihrer SPD-Kollegen gescheitert. Dafür wäre Einstimmigkeit nötig gewesen. Weil es die nicht gab, stand der Fahrplan für die bundesweite Einführung fest - zumindest bis zum Wochenende. Den Termin 1. August 2005 hatten 1996 Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein festgelegt. Auch Stoiber gab damals seinen Segen.

Um den Termin 1. August 2005 trotz der absehbaren Änderungen an der Reform einzuhalten, hatten die Kultusminister eine komplizierte Konstruktion einstimmig beschlossen: Die angeblich unstrittigen Teile der Reform, darunter die Groß- und Kleinschreibung und die Laut-Buchstaben-Zuordnung (Soße statt Sauce), sollten nach den Ferien verbindlich werden und alte Schreibweisen als Fehler gelten. In den Fällen hingegen, wo in nächster Zeit noch Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung zu erwarten sind, sollten die Lehrer zunächst weiter Toleranz üben. Dies gilt vor allem für die neuen Regeln der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Silbentrennung und der Zeichensetzung.

Seit 1998 werden die neuen Schreibweisen bereits an deutschen Schulen unterrichtet - und nach fast einmütiger Aussage aller Lehrerorganisationen auch ohne größere Probleme. Das neue Durcheinander nach dem Vorpreschen von Bayern und NRW werde dazu führen, "dass niemand mehr die Rechtschreibung ernst nimmt", fürchtet GEW-Vize-Chefin Marianne Demmer.

Auch wenn nun in einigen Ländern in Diktaten die alten Schreibweisen vorerst weiter nicht als Fehler gewertet werden: Ein richtiger Reformstopp ist das nicht. Unterrichtet werden weiter die neuen Regeln. Nicht wenige vermuten deshalb, dass Stoiber und Rüttgers vor allem bei konservativen Kreisen im Wahlkampf punkten wollen.«


( Stuttgarter Nachrichten, 18. Juli 2005, »Hintergrund« - K.-H. Reith ist Korrespondent der dpa. Die Ausführungen zu »aufwändig«/»aufwendig« sind natürlich falsch; beide Schreibweisen sind reformkonform)

»Schreibtheater

VON SUSANNE BENDA

Dreizehn Jahre des Kampfes liegen hinter uns, immer noch wird gezankt und gestritten, und jetzt soll ab August in Bayern, Nordrhein-Westfalen und vielleicht in Niedersachsen auch noch anders geschrieben werden als im Rest der Republik und des deutschsprachigen Auslands: Die unendliche, unendlich traurige, manchmal auch unendlich komische Geschichte des schwierigen Ansinnens, lebendig gewachsene Sprachveränderungen in ein verbindliches Regelwerk zu fassen, neigt sich nach dem Rückzug dreier großer Bundesländer aus dem kultusministeriellen Konsens einem traurigen Ende zu. Zurück bleiben eine lädierte Kultusministerkonferenz, viele irritierte Schüler und Lehrer - und die Erkenntnis, dass Sprache und Gesetze vielleicht doch gar nicht zusammenpassen.

Dabei hatte man dem Reformvorhaben erst kürzlich mit dem Rat für Rechtschreibung ein Korrektiv beigegeben, das ein dynamisierendes Element innerhalb der Gesetzesstarre hätte sein können. Jetzt droht das zerbrechliche Konstrukt in sich zusammenzufallen - nur weil Politiker, die sich vor Wahlen gerne auch exterritorial profilieren, ihre Muskeln spielen lassen. Im Juni wurde ihr Antrag abgewiesen, das Inkrafttreten der Rechtschreibreform zu verschieben; jetzt muss darüber erneut nachgedacht werden. Die Reform wird dadurch noch mehr Akzeptanzprobleme bekommen, als sie ohnehin schon hatte. Dieses absurde Theater hat das Zeug zum absoluten Sommerloch-Highlight.«


( Stuttgarter Nachrichten, 18. Juli 2005, Seite 1 )




Kommentar von Kommentare (skeptisch), verfaßt am 17.07.2005 um 23.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1207

Flatterhaft von Matthias Arning ( Frankfurter Rundschau ), Die Reform der Reform der Reform von Thomas Schuler ( Berliner Zeitung ), Hau-Ruck und ab ins Chaos von Werner Grosch ( Kölnische Rundschau ) und Die Rechtschreibung ist abgeschafft von Ralph Bollmann ( taz - alle 18. Juli 2005), außerdem Mit Gruß und Kuß von Gudrun Norbisrath ( WAZ vom 17. Juli 2005).


Kommentar von F.A.Z., verfaßt am 17.07.2005 um 22.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1206

»Ein Akt der Vernunft

oll.
Der Beschluß der beiden größten deutschen Länder, Bayerns und Nordrhein-Westfalens, die Rechtschreibreform nicht zum 1. August in Kraft zu setzen, kann nur als Akt der Vernunft gewürdigt werden. Wenigstens zwei Ministerpräsidenten haben erkannt, daß sie ihre Schüler nicht in eine vorläufige Lösung treiben dürfen; Niedersachsen erwägt, sich der Entscheidung anzuschließen. Denn schon jetzt läßt sich absehen, daß die Schüler die soeben gelernten Regeln vergessen und neue lernen müssen. Das stiftet Verwirrung. Außerdem muß sich den Schülern der Eindruck aufdrängen, die Rechtschreibung habe wenig mit Lesen und noch weniger mit Sprache zu tun, sondern lasse sich beliebig ändern. Um so unverständlicher ist die Reaktion der hessischen Landesregierung, die starrköpfig am 1. August festhält. Auch Baden-Württemberg täte gut daran, sich der Entscheidung Münchens und Düsseldorfs anzuschließen.

Die Reaktion der Kultusministerkonferenz hätte nicht beleidigter ausfallen können. Doch die Blamage hat sie sich selbst zuzuschreiben. Es war ein schwerer politischer Fehler, einen Rat für deutsche Rechtschreibung einzusetzen (der schneller als erwartet grundlegende Änderungen erarbeitete) - und zu beschließen, die Rechtschreibreform trotz der längst nicht abgeschlossenen Beratungen des Rates in Kraft zu setzen. Die Kultusministerkonferenz weist freilich darauf hin, sie habe ihren Beschluß mit dem Vorsitzenden des Rates abgestimmt.

Warum aber hat es überhaupt soweit kommen müssen? Stoiber muß sich bei aller Zustimmung zu seiner jüngsten Entscheidung die Frage gefallen lassen, warum er nicht schon im Juni von seiner Weisungskompetenz Gebrauch gemacht und seinen Kultusminister an der Zustimmung zum Inkraftsetzen der Reform gehindert hat. Noch überzeugender wäre es gewesen, wenn Stoiber schon vor sieben Jahren der übereilten Einführung der Reform in Bayerns Schulen Einhalt geboten hätte. Doch damals konnten den Grundschülern die neuen Regeln nicht schnell genug beigebracht werden. Jetzt ist es höchste Zeit, dem Rat für deutsche Rechtschreibung freie Hand zu geben. Politiker sollten sich aus Fragen der Rechtschreibung ein für allemal heraushalten. Dann könnten sie die Reform auch nicht mehr als Prestigeobjekt behandeln.«


( F.A.Z., 18.07.2005, Nr. 164 / Seite 1 )


Kommentar von Süddeutsche Zeitung, verfaßt am 17.07.2005 um 22.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1205

»Der Rechtschreibfrieden kommt bestimmt

Es gehört zum politischen Alltagsgeschäft, zur rechten Zeit etwas Medientaugliches parat zu haben. Insofern hätte Johanna Wanka (CDU), die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, nichts Besseres tun können, als den im deutschen Sprachraum drohenden "Sprachföderalismus" an die Wand zu malen. Das Wort machte unverzüglich die Runde und erweckte den Eindruck, als würden sich über kurz oder lang die Hessen nicht mehr mit den Mecklenburgern, die Bayern nicht mehr mit den Sachsen und die Bremer Gott behüte nicht mehr mit den Hamburgern verständigen können.

Wanka reagierte mit ihrem Schreckgespenst auf die Pläne einiger Bundesländer, mit der für den 1. August vorgesehenen Einführung der Rechtschreibreform noch so lange zu warten, bis der Rat für Rechtschreibung seine Korrekturempfehlungen vorgelegt hat. Wie erinnerlich, war dieser Rat ins Leben gerufen worden, um die nach wie vor umstrittene Orthographiereform abseits des Kampfgetümmels noch einmal zu überprüfen und einen für die Mehrheit der Bevölkerung hinnehmbaren Kompromiss herauszuarbeiten. Das leistete der Rat auch für bestimmte Segmente, ohne ein Geheimnis draus zu machen, dass auf anderen Feldern Verbesserungen ebenfalls noch höchst wünschenswert seien.

Kein Geheimnis war es freilich auch, dass die Kultusminister den zunächst unterschätzten Rat ausbremsen und die Reform endlich amtlich machen wollten. Davon, dass dies im Interesse der Vernunft und eines späteren Rechtschreibfriedens jetzt noch einmal gebremst wird, geht die Welt nicht unter. Was aber den Sprachföderalismus angeht, so verhindert man ihn am besten, wenn man sich den Abweichlern anschließt. us«


( Süddeutsche Zeitung, 18.7.2005, Seite 4 )


Kommentar von Süddeutsche Zeitung, verfaßt am 17.07.2005 um 22.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=302#1204

»Ende der Einheitlichkeit
Bayern und NRW stoppen die neue Rechtschreibung


Eigentlich hätte die neue Rechtschreibung zum 1. August für die Schüler aller Bundesländer verbindlich eingeführt werden sollen. Dazu kommt es nun nicht. Bayern und Nordrhein-Westfalen scheren aus -- entgegen dem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz. Man wolle, erklärte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber, warten, bis der Rat für Rechtschreibung in den nächsten Monaten seine Empfehlungen für Korrekturen vorgelegt habe. Bis dahin soll die bisherige Übergangsregelung gelten, wonach neben der neuen auch die alte Rechtschreibung erlaubt ist. Erst wenn der Rat zu einer "tragfähigen Lösung" gekommen sei, ergänzte Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider, könne es "eine Reform aus einem Guss" geben. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Johanna Wanka (CDU) zeigte sich "in höchstem Maße verwundert" und warnte vor "Sprachföderalismus".

Damit ist ein Konsens gekündigt, der vor drei Wochen (SZ vom 24. Juni) seine schwerste Belastungsprobe überstanden zu haben schien. Damals erklärten die Ministerpräsidenten der CDU-geführten Länder, man wolle das Datum für die verbindliche Einführung der reformierten Rechtschreibung auf unbestimmte Zeit verschieben. Begründung: Es solle dem Rat für deutsche Rechtschreibung Zeit gegeben werden, die begonnene und sich bislang nur auf die Getrennt- und Zusammenschreibung erstreckende Revision der Reform fortzusetzen und abzuschließen. Der Vorstoß scheiterte am Widerstand der SPD-geführten Länder. Der Beschluss für die Verschiebung hätte einstimmig fallen müssen.

Tatsächlich sind alle wichtigen Beschlüsse der Kultusministerkonferenz bisher einheitlich getroffen worden, obwohl eine solche Einheitlichkeit lediglich eine informelle Rücksichtnahme darstellt und juristisch nicht vorgeschrieben ist. So kam es dazu, dass die bisher geleistete Arbeit des Rates, eben die Revision der Getrennt- und Zusammenschreibung, von den Kultusministern als hinreichend erklärt und die übrige, noch nicht begonnene Arbeit -- unter anderem im Bereich der Groß- und Kleinschreibung -- aus zeitlichen Gründen für nicht notwendig befunden wurde. "Unstrittig" lautete das Dekret der Kultusminister. Dieses Verfahren, Strittiges für "unstrittig" zu erklären, nur weil es noch nicht verhandelt worden ist, gab Anlass zu umfassender öffentlicher Kritik. Dass nun das Einstimmigkeitsprinzip gebrochen wurde, lässt hoffen, dass der Rat seine Arbeit tatsächlich auf sinnvolle Weise beenden kann. Bis dahin aber gibt es nicht einmal formal eine einheitliche Rechtschreibung für die deutsche Sprache. THOMAS STEINFELD«


( Süddeutsche Zeitung, 18.7.2005, Seite 11 )



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