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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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23.06.2005
 

Hubert Spiegel
Verspielte Gelegenheit

Unter allen Reformen, die in diesem Land dringend nötig sind, läßt sich keine so einfach ins Werk setzen wie die Reform der Rechtscheibreform.

Denn man kann auf ein bewährtes Regelwerk zurückgreifen, das in allen wesentlichen Teilen seinen Zweck erfüllte, bevor es blindem Reformeifer zum Opfer fiel. Daß die Reform der Reform machbar ist, hat der Rat für Rechtschreibung gezeigt, als er unlängst die Rücknahme von wichtigen Teilen der Reform empfahl. Damit war der entscheidende erste Schritt auf dem Weg zur Reform der Reform getan. Hans Zehetmair, der ehemalige Kultusminister Bayerns und jetzige Vorsitzende des Rates, wollte die vermutlich letzte Chance nutzen. Die Rechtschreibreform, seit Jahren ein häßliches Symbol für Reformunfähigkeit, Inkompetenz, verkrustete Strukturen und Hinterzimmerpolitik, sollte als Beispiel dafür dienen, daß in diesem Land einmal gemachte Fehler nicht zwangsläufig als schicksalhaft und unabänderlich betrachtet werden müssen. Viele Ratsmitglieder, die wie Zehetmair selbst am Zustandekommen der Reform beteiligt waren, sind bereit, ihrem Vorsitzenden auf diesem Weg der Einsicht zu folgen.

Auch die Reform der Reform hätte zweifellos Symbolkraft gehabt. Diesmal wäre es ein positives Symbol gewesen. Aber die Kultusminister reagierten auf diese Chance mit einem Bubenstück, das den Rat düpieren und desavouieren sollte. Noch während das von ihnen eingesetzte Expertengremium tagte, verkündeten die Minister, die Reform werde wie angekündigt zum 1. August in Kraft treten, allerdings nur in Teilen. Entgegen den Versprechungen wird also zu diesem Termin wieder kein geschlossenes Reformwerk vorliegen. Das Chaos geht weiter, die Lage wird noch unübersichtlicher, der Verwirrung in den Schulen ist kein Ende. All dies nehmen die Kultusminister in Kauf. Sie wollen sich der von ihnen eingesetzten Fachleute wieder entledigen, weil diese es gewagt hatten, ihr Wissen und ihr Sprachempfinden, die öffentliche Meinung und die Souveränität der Sprachgemeinschaft über das Meinen und Wollen einer kleinen Gruppe von Politikern zu stellen, die seit Jahren wenig mehr mit der Reform verbindet als die Hoffnung, ihr Gesicht zu retten.

Bereits vor zwei Jahren hat der niedersächsische Ministerpräsident Wulff seine Kollegen aufgefordert, die Rechtschreibreform zur „Chefsache“ zu machen. Damals fand Wulff zwar Unterstützung, aber nicht einmal in den eigenen Reihen eine Mehrheit. Jetzt jedoch ziehen alle Ministerpräsidenten der unionsgeführten Länder an einem Strang; sie forderten auf der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin ein Moratorium der Rechtschreibreform. Die Ministerpräsidentenkonferenz sollte die Kultusminister anweisen, die Rechtschreibreform ein Jahr lang auszusetzen, damit der Rat Gelegenheit erhält, seinem Auftrag zu folgen und die Reform zu reformieren. Der Rat selbst hat sich dieser vernünftigen Forderung sofort angeschlossen. Der Inhalt der Reform, so Hans Zehetmair, sei wichtiger als der Zeitpunkt ihres Abschlusses. Aber weil die Ministerpräsidentenkonferenz Einstimmigkeit verlangt und die SPD-regierten Länder ihre Stimme verweigerten, wurde der Antrag abgelehnt. Jetzt wird also der Torso einer Rechtschreibung amtlich, dessen jammervoller Zustand ein Fortleben der Reformdebatte nach dem 1. August garantiert.

Keine Garantie möchte man allerdings für das Fortleben der Kultusministerkonferenz übernehmen. Denn es ist weder anzunehmen, daß das Ergebnis dieser Abstimmung für die Ministerpräsidenten der Union überraschend kam, noch daß sie es bei dieser Niederlage bewenden lassen. Wulff spielte schon vor zwei Jahren laut und vernehmlich mit dem Gedanken, Niedersachsen könne das Gremium verlassen. Der Gedanke dürfte auch für andere Bundesländer zunehmend an Reiz gewinnen.

F.A.Z., 24. 6. 2005



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Kommentare zu »Verspielte Gelegenheit«
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Kommentar von F.A.Z. / Briefe an die Herausgeber, verfaßt am 14.07.2005 um 18.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1170

»Unproduktiv und unbezahlt

Zum Leserbrief "Öffentlicher Dank" von Karl von Lassaulx (F.A.Z. vom 8. Juli): Die Rechtschreibreform ist in der Tat eine riesige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Darunter ist aber nicht nur unproduktive, sondern auch unbezahlte Arbeit, denn die Kultusminister haben die Kunst entdeckt, vielbeschäftigte Fachleute auf deren eigene Kosten für das Gemeinwohl arbeiten zu lassen. So wurde das Ersuchen des Vorsitzenden Zehetmair, den Mitgliedern des Rates für deutsche Rechtschreibung wenigstens die Reisekosten zu erstatten, mit folgender Begründung abgewiesen: Die Kultusministerkonferenz ist bisher davon ausgegangen, daß die im Rat vertretenen Einrichtungen selbst ein originäres Interesse an der Mitwirkung im Rat haben, und hat daher eine Übernahme der Reisekosten nicht vorgesehen.

Nun hieß es im Statut des Rates vom Dezember 2004: Für Deutschland werden Einrichtungen wissenschaftlich ausgewiesene Fachleute für Orthographie beziehungsweise Personen, die besondere Erfahrungen und Kenntnisse mit Schreibregeln und Schreibpraxis aufweisen, entsenden. Diese Einrichtungen legt die Kultusministerkonferenz fest. Der letzte Satz ist in der revidierten Fassung vom 17. Juni gestrichen, wahrscheinlich um den Eindruck zu erwecken, die Ratsmitglieder hätten sich selbst zur Mitarbeit gedrängt. In Wirklichkeit wurden sie dazu eingeladen. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und das deutsche P.E.N.-Zentrum verweigerten sich zunächst. Die hessische Kultusministerin Wolff bezeichnete es daher als ihr Ziel, die Akademie für Sprache und Dichtung zu bewegen, ihre Pflicht an der Schriftsprache in diesem Rahmen zu tun.

Von einem originären Interesse an der Mitwirkung im Rat kann also in dieser Allgemeinheit keine Rede sein. Die Arbeit des Rates besteht darin, die mißratene Rechtschreibreform der Kultusminister zu reparieren. Das liegt zwar im Interesse der Sprachgemeinschaft, die nach einer solchen Reform keineswegs gerufen hatte, und damit auch der zur Mitarbeit eingeladenen Institutionen, insbesondere der idealistischen, keinen wirtschaftlichen Zielen verpflichteten, aber zuvörderst liegt es im Interesse der Kultusminister selbst. Professor Dr. Theodor Ickler, Spardorf«


( F.A.Z., 15.07.2005, Nr. 162 / Seite 9 )


Kommentar von F.A.Z. / Briefe an die Herausgeber, verfaßt am 12.07.2005 um 07.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1160

»Bildungsgrad erkennbar

Zum Artikel "Belastung für die Schule" (F.A.Z.-Feuilleton vom 25. Juni): Nachdem die unionsgeführten Ministerpräsidenten mit ihrem Vorhaben gescheitert sind, das endgültige Inkrafttreten der Rechtschreibreform um ein Jahr zu verschieben, befürchtet der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, eine "Zwei-Klassen-Schreibung". Dieser Befürchtung muß ich als Deutschlehrer uneingeschränkt zustimmen. Die Schüler lernen im Deutschunterricht aus den maßgeblichen Schriften von Brecht, Frisch, Dürrenmatt, Grass, Jelinek, Kunert, Kunze, Heinrich und Thomas Mann bis hin zu Robert und Martin Walser die weitgehend intakte Schreibweise des 20. Jahrhunderts kennen, die noch immer fest in unseren Bibliotheken und Köpfen verankert ist.

Die sozialdemokratischen Ministerpräsidenten haben sich nicht entblödet, diese üblichen Schreibweisen ab August als fehlerhaft zu dekretieren, obwohl sie wissen (müßten), daß die genannten (und noch viele ungenannte) Autoren oder deren Erben einer Beschädigung ihrer Sprache durch das Machwerk wissenschaftlicher Hochstapelei namens Rechtschreibreform niemals zustimmen würden. Wir werden also genau das erleben, was durch die Reform angeblich verhindert werden sollte: An der Schreibweise wird man den Bildungs- oder den Abhängigkeitsgrad des Schreibers erkennen. Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hat die Reformgegner, also die Mehrheit des Volkes ebenso wie die geistige Elite, als "Hochwohlgeborene" verspottet, doch diese anmaßende Sprachpolitik wird den Niedergang der SPD nicht aufhalten, sondern beschleunigen. Schon Fünftkläßlern kann man erklären, warum - um nur ein Beispiel von vielen aus den neuen Lehrwerken zu nennen - in Schillers Gedicht "Der Handschuh" die gefährlichen Raubkatzen nicht "gräulich" (Farbadjektiv), sondern "greulich" sind. Die mit der Reform verbundene Abschaffung zahlreicher Wörter aus dem Wortschatz der deutschen Sprache sowie die anderen angeblich nicht umstrittenen Bereiche der Reform sind Beispiele für eine fehlgeleitete Politik, die besonders den bildungsferneren Schichten unserer Gesellschaft Schaden zufügt.

Wer hier nicht mitmacht, steht an der Spitze des wahren Fortschritts, denn die Reformschreibung ist reaktionär und permanent reparaturbedürftig. Als Lehrer werde ich mich auch weiterhin an der sprachlichen Richtigkeit orientieren. Meinen Schülern und deren Eltern habe ich schon vor einigen Jahren zugesichert, daß ich Schreibweisen von Grass oder Enzensberger niemals als Fehler anstreichen würde. Die Kultusminister sowie die Ministerpräsidenten der SPD haben nur ihre Gesichtswahrung im Sinn, und die subalternen Lehrer sollen ihnen dabei behilflich sein. Da mache ich aber nicht mit. Bleibt die Frage, warum sich die Lehrer nicht massenhaft gegen diesen Unsinn öffentlich wehren. Antwort: Sie haben "Wichtigeres" zu tun, als gegen blinde, taube und beratungsresistente Politiker, Bürokraten und Verbandsfunktionäre zu kämpfen, die offensichtlich nach dem Motto handeln: Ist der Ruf erst ruiniert, regiert sich's gänzlich ungeniert. Hans-Jürgen Grosser, Warburg

Lernfähiger PC

Da hat nun die famose Kultusministerkonferenz tatsächlich beschlossen, sogenannte unstrittige Teile der Rechtschreibreform in Kraft zu setzen, strittige Teile sollen noch überarbeitet werden können. Welche Abgrenzung! "Rückschlag" formuliert dann auch Heike Schmoll (F.A.Z. vom 4. Juni), "offensichtlich haben die Kultusminister nichts aus ihrem größten politischen Fehler gelernt, der staatlichen Einmischung in die Sprachentwicklung". Doch wir Bürger (und ebenso die Verlage) sind ja glücklicherweise frei, wir sind nicht gehalten, dieser staatlichen Bevormundung zu folgen. Und übrigens auch nicht den im PC integrierten neuen Rechtschreibregeln - dazu der kleine praktische Fingerzeig für alle, die sich über die Kennzeichnung der klassischen Rechtschreibung in modernen Computerprogrammen als falsch ärgern: Bitte das Wort mit der rechten Maustaste anklicken und in der Auswahlmaske "Hinzufügen zum Wörterbuch" wählen: Ihr PC ist lernfähig - die KMK nicht. Professor Dr.-Ing. Harald Lucht, Bremen«


( F.A.Z., 12.07.2005, Nr. 159 / Seite 8 )


Kommentar von F.A.Z. / Briefe an die Herausgeber, verfaßt am 07.07.2005 um 19.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1140

»Öffentlicher Dank

Befremdet stelle ich fest, daß Sie nicht aufhören, die Kultusministerkonferenz wegen der Rechtschreibreform zu tadeln ("Verspielte Gelegenheit", F.A.Z. vom 24. Juni). Man wird zwar sagen dürfen, daß diese Reform voller Fehler sei. Man wird auch sagen dürfen, daß es gar nicht Sache des Staates sei, über die Rechtschreibung zu verfügen. Man wird sagen dürfen, daß diese Reform "überflüssig wie ein Kropf" sei (Roman Herzog). Aber man sollte auch würdigen, daß die Rechtschreibreform eine der gelungensten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ist. Sie produziert Hunderttausende wertvoller Arbeitsstunden im Lehrerberuf. Sie produziert neue Auflagen von Wörterbüchern im Druck- und Verlagsgewerbe. Sie produziert Kommissionssitzungen und Akademietagungen und nicht zuletzt Tausende von Leserbriefen, zum Beispiel diesen. Es ist an der Zeit, der Kultusministerkonferenz dafür öffentlich zu danken. Karl von Lassaulx, Köln

Machtanmaßung


Zum "Beschluß" der Kultusministerkonferenz, die "Rechtschreibreform" zum 1. August in Teilen verbindlich zu setzen (F.A.Z. vom 4. Juni): Die Kultusministerkonferenz hat nichts verbindlich zu "beschließen", denn hierfür fehlt ihr jede verfassungsrechtliche Kompetenz. Diese hat lediglich der einzelne Kultusminister als Mitglied einer Landesregierung; hier ist seine Kompetenz aber an die Gesamtverantwortung der Landesregierung als landesrechtliches Verfassungsorgan rückgebunden und inhaltlich auf seinen Geschäftsbereich beschränkt. Der Geschäftsbereich ist die Schule. Die Herrschaft über die Schule ist inhaltlich und verfassungsrechtlich aber nicht zugleich Herrschaft über die Sprache. Die Schulherrschaft wird jedoch zu einer Herrschaft über die Sprache genutzt und mißbraucht. Die anderen Ressorts der jeweiligen Landesregierung, für deren Geschäftsbereich die Sprache nicht minder konstitutiv ist, wie Justiz, innere Verwaltung, Wissenschaft, Kultur, werden vor vollendete Tatsachen gestellt; die Landesregierung als Verfassungsorgan wird desavouiert, das Parlament ausgeschaltet, die gesamtstaatliche Repräsentation des Deutschen Bundestages beiseite gelassen. Statt dessen wird eine Fehlentscheidung gegen die Schüler, Eltern, Lehrer, wissenschaftlichen Sachverstand, die Schriftsteller, die Presse und gegen das Volk durchgesetzt. Gegen diese Machtanmaßung ist Widerstand angesagt. Ministerpräsident Wulff ist umgefallen. Die F.A.Z. leistet den Widerstand vorbildlich. Dr. iur. Frank Hennecke, Ludwigshafen«


( F.A.Z., 08.07.2005, Nr. 156 / Seite 9 )


Kommentar von F.A.Z. / Briefe an die Herausgeber, verfaßt am 06.07.2005 um 18.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1132

»Nicht verspielt

Entgegen Hubert Spiegel ("Verspielte Gelegenheit", F.A.Z. vom 24. Juni) glaube ich nicht, daß hier eine Gelegenheit verspielt wurde. Man muß sich das alles einmal bei Lichte betrachten: Da machen die Kultusminister eine Orthographiereform, für die überhaupt kein Bedürfnis besteht, und obwohl sich sehr schnell zeigt, daß sie weder praxistauglich ist noch von der Bevölkerung akzeptiert wird, hält man eisern an ihr fest. Berechtigte Einwände von Journalisten, Schriftstellern, Germanisten und Wissenschaftsakademien bleiben unberücksichtigt, eine ablehnende Resolution des Bundestages wird ignoriert, ein erfolgreiches Plebiszit in Schleswig-Holstein vom Landtag kassiert und Volksbegehren in Berlin und Niedersachsen verhindert. Als das angerichtete Chaos so groß ist, daß eine Reparatur der Reform unumgänglich und dafür eigens ein Rat für deutsche Rechtschreibung geschaffen wird, desavouieren die Kultusminister den Rat, indem sie die Reform in angeblich unstrittigen Teilen für verbindlich erklären, bevor dieser seine Arbeit beendet hat. Die Ministerpräsidenten sehen all dem tatenlos zu und billigen sowohl die Einführung der Schreibreform als auch ihr Inkrafttreten zum 1. August 2005.

Bei dieser Vorgeschichte ist es nicht glaubhaft, daß die Ministerpräsidenten der Union das Inkrafttreten der Schreibreform wirklich verschieben wollten. Es dürfte ihnen klar sein, daß ein Verschieben praktisch das Ende der auch von ihnen zweimal gutgeheißenen Reform bedeutet; auch daß Einstimmigkeit nicht zu erreichen sein würde. wußten sie vorher. Dabei könnten sie sehr wohl die Schreibreform aufschieben und die übrigen Länder zum Nachziehen veranlassen. Die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz sind nämlich rechtlich nicht bindend, das Gremium dient lediglich der Abstimmung. Jeder Ministerpräsident agiert unabhängig davon und ist nur seinem Landtag gegenüber verantwortlich. Woran es jedoch fehlt, ist der ernsthafte politische Wille, aus der deutschen Konsenssoße auszusteigen - selbst dann, wenn dies im Interesse des Gemeinwohls wäre. Karl-Erich Kreuter, Bonn«


( F.A.Z., 07.07.2005, Nr. 155 / Seite 36 )


Kommentar von Focus Magazin, verfaßt am 29.06.2005 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1102

»Wie auszurechnen war, gelten vom 1. August an die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform. Für Schüler und Behörden sind sie verbindlich. Bei FOCUS brauchen wir nichts zu ändern. Wir haben unsere Texte seit langem an den Regeln der Reform orientiert, weil wir unseren jungen Lesern keine andere Schreibweise zumuten wollten als diejenige, die sie seit sieben Jahren in der Schule lernen. Wer nicht mehr in die Schule geht und nicht in einer Behörde arbeitet, kann weiter schreiben, wie er will. Die Zukunft wird zeigen, was die Deutschen annehmen.

Auf die Dauer werden sich wohl die wichtigsten Regeln bei den nächsten Generationen auch privat durchsetzen. Warum sollte einer, der ein Schulleben lang „Kuss“ geschrieben hat, später zu „Kuß“ wechseln?«


( Helmut Markwort, Tagebuch, in: Focus 2005/26, 27. Juni 2005 )


Kommentar von Berliner Morgenpost, 27. 6. 2005, verfaßt am 27.06.2005 um 18.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1080

Einseitige Entscheidung (Leserbrief)

Zum Thema "Rechtschreibreform": Wieder einmal keine demokratische Entscheidung. Auch begründete Vorbehalte und Warnungen der Sprachwissenschaftler wurden nicht beachtet. Wieder eine Entscheidung von Politikern kraft deren Wassersuppe.

Dr. Heinz Schulte, Berlin-Friedrichshain


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 27.06.2005 um 02.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1065

Zur Verschiebung in "Diskussion"
(Also auch zu )

Zu "Altamerika": Ich habe den *Spiegel*-Artikel zwar nicht gelesen, aber ich meine, daß es sich hier weniger um eine geographische Bezeichnung handelt, sondern mehr um eine für einen geistigen Raum.
Zur "Wasserlache": Ich hatte dieses Wort als Kind lernen müssen, denn in meinem Heimatdialekt hatten wir eine andere Bezeichnung dafür. Ich erinnere mich aber, daß ich es da mit kurzem "a" lernte, also homophon mit dem Hauptwort zu "lachen"; allerdings war das in der Schule. In diesem Zusammenhang möchte ich jedoch erwähnen, daß "bei uns zu Hause" im Dorf (in Oberschlesien) "der Bach" "die Ba[a]che" war, feminin also und mit langem "a"! (Und weil wir eben gerade von "Altamerika" sprachen: Wo ich jetzt wohne, in Minnesota, gibt es ein indianisches Wort, "Minnehaha". Es bedeutet "Lachendes Wasser" [minne = Wasser; "haha" = "lachen"]. Die meisten Minnesotaner denken, daß ihr Staatsname "Land der vielen Wasser" bedeutet, was sie dann auch stolz auf ihren Autokennzeichen verkünden: "Land of 10000 Lakes". Es bedeutet aber "Wasser" + "sota" = "Land", und das bezieht sich auf "Land im Wasser", also "schlammiges Wasser". Das sagen wir hier aber keinem.)
Zu meinem verschobenen "grammatisch" und "grammatikalisch": Mir ging's nicht nur um eine einfache Frage: Darf man? In so vielem in der Diskussion um die Rechtschreibreform geht es um Vorschreiberei, und die Kultusminister und ihre Handlanger sind offenbar glücklich, auch mal was zu sagen zu haben, und das lassen sie sich dann eben auch nicht nehmen. Es geht eben leider nicht um genaue Erkenntnis dessen, was ist.
So wäre in dieser Sache auch ein klares Verständnis von verschiedenen Bedeutungen des Wortes "Kompetenz" hilfreich; und Journalisten sollten sie kennen und mit ihren Kenntnissen den Lesern hier Problematisches nahebringen und somit allen helfen, in einer Staatsfrage informiert mitzuentscheiden. Daher habe ich der *Märkischen Oderzeitung* auf ihren Kommentar "Chaos als Methode" (http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1013)
folgendes geschrieben:
>>Ihr Kommentar "Chaos als Methode" zeugt nicht gerade von Einsicht in die Probleme der Verschriftung des Deutschen und warum wir schreiben wie wir schreiben. Wenn da von der Einführung "unstrittiger Reformteile in Schulen und Behörden" gesprochen wird, da zeigt sich nur, daß "laut gesetzlicher Vorschrift" offenbar "unstrittig" bedeutet. Normalem Sprachgebrauch nach jedoch ist "unstrittig", was in sich sinnvoll ist und worüber man deshalb nicht zu streiten braucht. Und wenn Sie meinen, daß die Kultusminister "bei diesem Thema kompetent" seien, dann legen Sie Ihren Lesern nahe, daß "Kompetenz" nur "Entscheidungsbevollmächtigung" bedeutet; es bedeutet aber zuallererst "Fähigkeit", und da hapert's doch bei den Reformern gewaltig. Daß sich unsere Schreibung bis zur Reform sehr sinnvoll entwickelt hatte, ist ihnen völlig entgangen. Richtige Schreibung folgt nämlich nicht einfach von oben erlassenen Regeln, sondern denkt zuerst und vor allem immer an den Leser.
Die inneren Gesetzmäßigkeiten unserer Schreibung zu erkennen setzt schon mehr voraus als nur "demokratisch" nach Interessengruppenzugehörigkeit ernannt worden zu sein. Aber wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu, nicht wahr? Und wenn man von der eigenen Macht verblendet an keinen Gott glaubt, dann tut's die Kultusministerkonferenz auch, — solange die nicht einstimmig ihre eigene Befähigung in dieser Frage in Zweifel ziehen, nicht wahr? Aber — ehrlich — so unstrittig befähigt sind sie deshalb nicht. Der Computer jedoch nimmt ja so vielen beim Schreiben das eigene Mitdenken ab, — warum sollte also auch Ihr Kommentator merken, wo hier wirklich was falsch gelaufen ist? Und: Welchen sinnvollen Vorschlag zur Wiederherstellung des Rechtschreibfriedens hätte er denn mit seiner Befähigung zu machen? Wir hatten bis zur Einführung der Rechtschreibreform ein Schreibsystem, das recht gut funktionierte und deshalb auch von den Schreibenden allgemein akzeptiert wurde. Aber dann fummelten da Leute dran rum, die in dieser Sache von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten, und bescherten uns diese Bescherung. Und dann gibt's auch noch kleine Genossen, die sowas verteidigen.<<
Im übrigen stimme ich Jochems' Gedanken zu (http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283), daß wir tatsächlich zu wenig Wirksames getan haben, um diese unsinnige Rechtschreibreform zu verhindern. Aber Wrase hat mit der Aufzählung alles Geleisteten in seinem Beitrag #1948 natürlich auch recht. Ich bin jedoch erschüttert, daß offenbar zwei große Gruppen, die von der Reformiererei sofort betroffen waren, die Journalisten und die Lehrer, sich so unwidersprochen in ihr Handwerkszeug haben hineinreden lassen. Hier hätte ich geschlossenen Widerstand erwartet und nicht eine im großen und ganzen doch abwartende Haltung, die letztlich eben nur verriet, daß sich die Betroffenen so sicher gar nicht waren, obwohl's doch um eins ihrer wichtigsten Handwerkzeuge ging. In der gegebenen Situation ist Jochems' Vorschlag für die Lernenden ein sehr guter: "In bezug auf die Getrennt- und Zusammenschreibung hält man sich an den Schreibgebrauch, d. h. man schreibt so, wie man üblicherweise schreibt." Aber da sich "der Usus in Beliebigkeit" aufzulösen droht, muß sein helfender "Nachsatz" so lauten: "Näheres findet man in folgenden Rechtschreibwörterbüchern: ..." Und da läßt man dann das weg, wozu man wegen Inkompetenz der Autoren keinesfalls rät. So funktioniert auch die englische Rechtschreibung, die immerhin große Länder auf allen Kontinenten miteinander verbindet.


Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 27.06.2005 um 01.09 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1064

Windstill

Nach einer alten Erzählung soll es Menschen gegeben haben, die ewig über das Wetter meckerten, und diese Menschen sollen auch einen „so genannten“ Wettermacher „kennen gelernt“ haben, von dessen Künsten sie allesamt überzeugt gewesen sind, worauf sie ihm ein Mandat für das Wettermachen übertrugen.

Und es geht die Mär, daß jener Volksdelegierte, unter allen Wettererscheinungen und Klimabedingungen lediglich einen Faktor ausgeklammert hatte: „den Wind“.

Und danach wurde das gesamte Land unfruchtbar!


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2005 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1057

"Leichter träget, was er träget,
wer Geduld zur Bürde leget."

Mein Lieblingsspruch, mit dem ich auch meine Töchter nerve, die wie alle Kinder (und auch unser junggebliebener Freund Jochems) eher faustisch gesinnt scheinen: "und Fluch vor allem der Geduld!"

Die "Entscheidung" kann jeden Tag kommen, nicht wahr, und wer kann dann noch so genau sagen, wer welchen Anteil daran gehabt hat?


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 25.06.2005 um 23.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1056

Ich wage jetzt mal eine Prophezeiung - ganz ohne Begründung, "aus dem Bauch", wie man heute zu sagen pflegt (obwohl der Bauch ganz andere Sorgen hat...): Die CDU-regierten Länder werden zum 1. August zwar nicht die herkömmliche Rechtschreibung an den Schulen wiedereinführen, aber weiterhin Verstöße gegen die reformierte nicht als Fehler werten lassen. Wer möchte mit mir wetten?


Kommentar von R. M., verfaßt am 25.06.2005 um 22.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1055

Noch schöner ist: Eisenberg und seine Kollegen mögen nicht einmal die Zusammenschreibung von zuhause auch auf dieser Seite des Rheins freigeben.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 25.06.2005 um 21.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1054

Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, eine grundsätzliche Diskussion auszulösen, sondern wollte nur meine Verwunderung darüber ausdrücken, daß die allgemeine Ernüchterung über die Rechtschreibreform weiterhin so folgenlos bleibt. In den Zeitungskommentaren zum Nichtbeschluß der Ministerpräsidenten brach niemand eine Lanze für irgendeinen Vorzug der Neuregelung. Selbst der Hinweis auf die seit Jahren problemlos lernenden Kinder fehlte. Frau Ahnen hatte sich zuletzt auf die "Verläßlichkeit" der Politik als Verteidigungsargument für das Nichtstun der staatlichen Stellen zurückgezogen, jetzt ist es nur noch die Selbstblockade der im Grundgesetz überhaupt nicht vorgesehenen politischen Gremien. Das alles mag auf Landschaftspflege oder Lobbyisteneinfluß beruhen, aber das ist nicht das eigentliche Problem. Rätselhaft ist mir vielmehr die unverständliche Passivität in allen Bevölkerungskreisen, auch bei solchen Mitbürgern, die nicht längst "dass" als interessante modische Neuheit übernommen haben. Nun sagt Wolfgang Wrase, Wir hatten von Anfang an die satteste Mehrheit der Bevölkerung hinter uns - das allein müßte doch ziemlich stark ziehen, auch ohne jedes sachliche oder taktische Detail -, wir hatten die führenden Köpfe der Streitkultur fast geschlossen und die besten Argumente komplett auf unserer Seite. So ist es wohl, aber warum hatte es sich damit?

Wir nennen uns die Kritiker der Rechtschreibreform, in den Zeitungen und in Politikermund sind wir meistens die "Gegner". Hat je jemand einen Gedanken darauf verschwendet, wie viele wir eigentlich sind? Aus den Leserbriefen der Anfangszeit und den Internetbeiträgen der letzten Jahre sind uns die Namen der Mitstreiter ja geläufig. Könnten es hundert sein? Eher ist die Zahl zu hoch gegriffen. Wenn wir nicht nach unseren Überzeugungen, sondern nach unserer Kompetenz fragen, heißt das ernüchternde Ergebnis: Lediglich ein deutscher germanistischer Sprachwissenschaftler setzt sich unermüdlich, ja aufopferungsvoll für die Wiederherstellung einer für jedermann akzeptablen deutschen Rechtschreibung ein. Wir sollten uns deshalb nicht wundern, daß der entscheidungsscheue staatliche Apparat und die Profiteure der gegenwärtigen Situation ein so leichtes Spiel haben.

Nachdem unsere Aufklärungsarbeit nicht die Entscheidung gebracht hat, könnten wir uns mit gutem Gewissen zurücklehnen und abwarten, welches Chaos die "verbindliche" amtliche Rechtschreibung demnächst in den Schulen anrichten wird. Die Kultusminister hatten ihre Gründe, warum sie in der Einführungsphase geflissentlich davon abgesehen haben, die Auswirkungen der Neuregelung auf die Schreibrichtigkeit in den Schulen untersuchen zu lassen. Sie haben jedoch immer noch zwei Argumente in der Hinterhand: die durch die Gegner erzwungenen Veränderungen und die nicht ausschaltbare Präsenz nicht umgestellter Texte. So kann das alles noch lange dahindümpeln. Irgendwann wird der Tag kommen, und vielleicht ist er schon da, daß der Appell an die Schreibintuition nichts mehr bringt. Ich habe kürzlich scherzhaft vorgeschlagen, den Teil B der Neuregelung durch folgenden Paragraphen zu ersetzen: In bezug auf die Getrennt- und Zusammenschreibung hält man sich an den Schreibgebrauch, d. h. man schreibt so, wie man üblicherweise schreibt. Wie aber, wenn sich der Usus in Beliebigkeit aufgelöst hat? Dann hilft nur noch der Nachsatz: Näheres findet man in den Rechtschreibwörterbüchern. Vielleicht ist auch das noch nicht das Ende vom Lied? Übrigens, gerade finde ich in der 23. Auflage des Duden, daß man zuhause doch zusammenschreiben darf, wenn man nämlich in Österreich oder in der Schweiz lebt. Das hätten wir längst wissen können, denn es steht schon im "amtlichen" Wörterverzeichnis. Welch ein Trost, es gibt also noch echte Rechtschreibparadiese. Warum muß dann die deutsche Rechtschreibung so einheitlich sein?


Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 25.06.2005 um 19.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1051

Verehrter Herr Jochems, einen leisen Widerspruch möchte ich hier doch in einem Punkt einwerfen, und zwar zu: "Natürlich kann ich mich als Privatperson über pedantische Schreibregelungen im Duden hinwegsetzen. Beim öffentlichen Schreiben [...] kann ich es nicht. Schüler konnten es auch nicht, denn im Zweifelsfall schlug der korrigierende Lehrer im Duden nach."
Zunächst zu Ihrem dritten vorstehenden Satz: Ich kann mich nicht errinnern, während meiner Schulzeit (1960 bis 1972) von meinen Deutschlehrern mit der Knute des Duden geknechtet worden zu sein. Auf dem Pult stand der Duden jedenfalls zu keiner Zeit. Im Rechtschreibunterricht standen auch nicht die Fieseligkeiten des Duden im Mittelpunk, sondern einfach "normales" Deutsch. Am Anfang gab es noch die Bezeichnung "Hauptwort" und "Tuwort", im Grammatikunterricht sprachen wir dann von "Substantiven", "Verben", "Adjektiven" usw. So lernten wir Schreibungen wie "leid tun", "weh tun", die Kommasetzung usw. usf. ganz passabel. An eine Diskussion dergestalt, daß ein Lehrer sagte: "'beiseiteschieben' muß laut Duden in zwei Wörtern geschrieben werden.", kann ich mich wahrlich nicht erinnern.
Wie ich an anderer Stelle bereits bemerkte, war mein Vater Deutschlehrer an einer Hauptschule. Zum Korrekturlesen von Diktaten und Aufsätzen brauchte er keinen Duden. Es mag wohl sein, daß mein Vater wie meine Deutschlehrer die "pedantische Schreibregelungen im Duden" gar nicht alle kannten. Wahrscheinlicher ist aber wohl, daß ihre Zielsetzung schlicht und einfach war, den Schülern ein vernünftiges Deutsch und eine vernünftige Rechtschreibung zu vermitteln.
Nun zu Ihrem zweiten Satz: Ich wüßte nicht, über welche pedantische Schreibregelungen des Duden sich jemand auch in öffentlichen Schreiben nicht hinwegsetzen könnte, wenn er sie denn gewollt (oder sogar begründet) ignorierte. Wenn's Schmackofazien (steht das im Duden?) sind wie "umso", "sodaß", "nottun", "Albtraum" usw. (soweit ich weiß, alle nicht im Duden von 1991), warum soll es nicht gestattet sein, so zu schreiben? Auch andere Spitzfindigkeiten des Duden (z. B. bei der Kommasetzung) ignoriert doch fast jeder jeden Tag. Ich setze ein Komma da, wo ich es als vernünftig erachte, so daß es dem Leser hilft, meinen geschriebenen Satz zu verstehen. Dabei denke ich nicht mehr darüber nach, nach welcher Handlungsanweisung im Duden diese Tat gedeckt ist.
In diesem Sinne: Es sollte nur ein sehr leiser Widerspruch sein, denn im Grundsatz sind wir uns einig.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2005 um 19.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1050

Zu Herrn Jochems: Wenn ich sage, ein durchschnittlich gebildeter Erwachsener sollte nicht nachschlagen, wie "Schneller Brüter" oder "beiseiteschieben" usw. geschrieben werden, dann klingt das vielleicht arrogant, aber in Wirklichkeit kann es auch bisher schon gar nicht anders gelaufen sein. Sonst wäre es ja nicht zu diesen Schreibweisen gekommen, die vom Duden abweichen, und zwar durchaus nicht im Privaten (das interessiert mich gar nicht), sondern in Zeitungen und im öffentlichen Schreibbrauch. Natürlich wich man nicht in großem Stil vom Duden ab (warum sollte man?), aber die Abweichungen waren doch so bedeutend, daß sie mich zu einer teilweise anderen, realistischeren Darstellung im Wörterbuch veranlaßten.

Die Reformer sagen: Aber für die Anfänger und Wenigschreiber (und -leser) ist es leichter, "schneller Brüter" klein zu schreiben. Selbst wenn es so wäre: Können die Anfänger Maßstab der gesamten Orthographie sein? Und wozu müssen Anfänger solche Ausdrücke überhaupt schreiben?

An der Diskussion über unseren Erfolg oder Mißerfolg möchte ich mich nicht beteiligen, das scheint mir vorwiegend Stimmungssache zu sein. Interessant ist die Kleinarbeit, Aufhellung der Hintergründe (Schulbuchlobby, Politiker unter Einfluß, Zersplitterung der Verantwortung, Selbsterhaltungstrieb der Ministerialbeamten usw.). Irgendeiner von diesen berühmten Juristen, die ich immer verwechsele (ich glaube, es war tatsächlich der andere), hat mal gesagt, daß die allgemeinsten Interessen am wenigsten Aussicht haben, sich durchzusetzen. Das ist der Schlüssel zur verfehlten Familienpolitik, es ist auch der Schlüssel zur Rechtschreibreform. Fast alle lehnen sie ab, sind aber gerade deshalb nicht schlagkräftig zu organisieren, während die paar Schulbuchverleger ihre Ziele erreichen. Man kennt sich, man geht bei Ministers aus und ein, das genügt schon.


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 25.06.2005 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1048

Pimp my protest?

Ich finde, es kam weniger darauf an, wie sexy oder auffällig der Protest der Reformgegner in der Öffentlichkeit rüberkam. Wir hatten von Anfang an die satteste Mehrheit der Bevölkerung hinter uns - das allein müßte doch ziemlich stark ziehen, auch ohne jedes sachliche oder taktische Detail -, wir hatten die führenden Köpfe der Streitkultur fast geschlossen und die besten Argumente komplett auf unserer Seite. (Zumindest, soweit wir nicht die alten Duden-Regeln mit allem Kleinkram zurückforderten, sondern einfach die Reform ablehnten, die gewaltsame, undemokratische, absurde Einführung von unerwünschten und unbrauchbaren Schreibweisen; soweit wir also die normale deutsche Rechtschreibung beibehalten sehen wollten.)

Daß das bisher noch nicht zu einem Zusammenbruch der Rechtschreibreform geführt hat, lag daher nicht an unserem Vorgehen oder an irgendwelchen Aktionen. Es lag daran, daß es den Reformern eben gelungen war, die Kultusministerien und gewisse Verbände um den Finger zu wickeln, mit den abenteuerlichsten, naivsten Versprechen von einer vereinfachten, kindgerechteren, erleichterten deutschen Rechtschreibung. DAS war natürlich sexy - wer will sich nicht an einem solchen Erlösungsprojekt beteiligen?

Die Kultusminister hatten dummerweise wegen der Länderhoheit in Schulfragen die Möglichkeit, die Neuregelung an den Schulen einzuführen - es war ja, Teil des Plans, alles nur ein bißchen Unterrichtsstoff, für den Rest der Gesellschaft unbedeutend. Sie wurden von ihren durchgeknallten Zuarbeitern - Krimm, Stillemunkes und wie sie alle heißen - mit den falschen Versprechen der Reformer reingelegt und vermeinten daher ebenso zum Wohl der Kinder zu entscheiden.

Als nächstes versagte das Bundesverfassungsgericht, Mitte 1999. Es hätte feststellen müssen, daß es sich keineswegs einfach um ein bißchen Schulstoff handelt, sondern der ganzen Gesellschaft voraussehbar erhebliche Nachteile entstehen würden. Darüber hinaus - das wird derzeit wieder deutlicher - verletzt die Schule ihren Auftrag, die Kinder derart mit Kenntnissen auszustatten, daß sie sich in der Gesellschaft damit bewähren können. Da können wir doch nichts dafür, wenn das Bundesverfassungsgericht ein bescheuertes Urteil fällt! Es fing ja schon damit an, daß zwei Reformgegnern bei der Anhörung eine halbe Hundertschaft von Reformeiferern gegenübersaß. Haben wir die Anhörung so gestaltet?

Als nächstes kamen die Zeitungen an die Reihe. Irgendwelche Chefredakteure - die ebenfalls, wie etwa die Politiker, noch keinen Schimmer vom Inhalt der Reform hatten - sind frühzeitig von der reformfreudigen dpa befragt worden, ob sie befürworten würden, daß ihnen die Agenturmeldungen in Neuschreibung geliefert werden. Nicht ohne den Wink mit dem Zaunpfahl, früher oder später sei eine Umstellung sowieso nicht zu vermeiden. In Erwartung einer besseren Zukunft und mit diesem schönen Paket an Vorwänden - erstens: Ich bin nicht schuld, es war das Ergebnis einer Abstimmung, zweitens: Wir können nicht anders, wir kriegen die Neuschreibung von den Agenturen so angeliefert, drittens: Wir dürfen die Kinder nicht allein lassen, viertens: Das Verfassungsgericht hat ja nun entschieden - stellten sie dann um, Mitte 1999. Schön gemeinsam.

Der Plan der Reformer ging also erst mal auf - vor allem deshalb, weil die sogenannten Entscheider mangels Erfahrung und Aufklärung völlig falsche Vorstellungen von der Reform hatten, so daß sie es von ihrer Warte aus sogar wagen konnten, den Protest der breiten Mehrheit, der Fachleute, der Schriftsteller usw. als Ausdruck mangelnder Reformfähigkeit, als ideologische Verirrung usw. abzutun. Sie waren ganz einfach auf das dämliche Zeug reingefallen, das die Reformer überall verbreitet hatten.

Natürlich war mit dieser Umstellung der Zeitungen keine weitere journalistische Befassung mit den Nachteilen der Reform mehr erwünscht. So konnte erst einmal Zeit verstreichen.

Die Gegner blieben ja nicht untätig: Kurz danach, im September 1999, ging das Volksbegehren in Schleswig-Holstein mit großer Mehrheit und selbstverständlich gegen die Reform aus, keineswegs deshalb, weil man der Ministerpräsidentin eins auswischen wollte. Ein Jahr später machte das dortige Parlament im Namen des Volkes (!!) einstimmig (!!) ein Gegengesetz mit dem schlichten Inhalt: Das Volksbegehren gilt nicht mehr, das Volk war im Irrtum, wir wissen es besser.

Ich meine, hier wird besonders deutlich, daß es nicht an den Gegnern der Reform lag, wenn sie scheinbar keinen Erfolg hatten. Was können wir dafür, wenn sich die Politiker derart verhalten? Es hätte auch nichts genützt, wenn es uns gelungen wäre, den Sieg im Volksbegehren spektakulär, zum Beispiel mit dem größten Popkonzert der Weltgeschichte zu feiern. Die Volksvertreter hätten trotzdem gegen das Volk entschieden, wie bisher auch in dieser Sache. Das ist normal geworden. Es ist nicht das Volk, das die Demokratie kaputtmacht, es sind auch nicht die besonders engagierten Bürger, es sind die Politiker, die die Demokratie kaputtmachen. Dagegen ist schwer anzukommen.

Unter allen diesen Umständen stellen sich die Fragen eher so: Merken die Entscheider (das sind diejenigen, die das Blatt jederzeit wenden können, auch in einem Jahr, in zwei Jahren usw.), nachdem sie die Reform tatsächlich kennengelernt haben, wie sie zuvor allesamt hereingelegt wurden? Merken sie, daß sie andererseits von den Reformgegnern stets zutreffend informiert und gewarnt worden sind? Können sie erkennen, daß der Schlamassel noch ewig weitergeht, wenn man ihn nicht aus eigenem Antrieb abschaffen hilft? Ist es ihnen das wert, oder haben sie tierisch Angst davor, eine frühere Fehlentscheidung einräumen zu müssen? Haben sie Angst vor der Frage, warum sie das erst so spät merken?

Es liegt alles an den Entscheidern. Einerseits in der Politik, andererseits bei den Zeitungsverlagen. Es ist klar, daß es sehr, sehr lange braucht, bis sich die Probleme wirklich herumsprechen. Erst mal wartet man ab, ob nicht ein anderer einem den mutigen Schritt abnimmt, ob irgendwas passiert, bei dem man wie gewohnt zuschauen und nachher die Klappe aufreißen kann.

Vielleicht kann man sagen: Wenn die Reform schlecht genug ist, daß sich die Entscheider in genügender Anzahl davon nur noch angekotzt fühlen, egal ob das 2005, 2006 oder 2007 ist, dann werden sie sie abschaffen. Wenn die Reform jedoch nur so schlecht ist, daß die Entscheider sich zwar davon ein bißchen angekotzt fühlen, aber sich sagen, das ist mir jetzt auch egal, ich mach da gar nichts, und wenn es noch hundert Jahre so weitergeht - dann wird die Reform noch viele Kapitel länger werden.

Kurz, es liegt nicht an uns. Es liegt nicht daran, ob irgendwelche Reformgegner ihren Protest zu laut oder zu leise, ob sie ihn listig genug oder mutig genug oder in kleinen Schritten oder radikal oder spektakulär oder seriös oder wie auch immer geäußert haben. Entscheidungen werden von Entscheidern gefällt. Sie können sich aussuchen, ob sie ihrerseits listig genug oder spektakulär oder demokratisch oder seriös oder lernfähig usw. sein wollen oder nicht. Ich finde das kritische Resümee von Professor Jochems insofern nicht berechtigt.


Kommentar von Reinhard Markner, verfaßt am 25.06.2005 um 16.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1047

Spektakulär war der Ausgang des schleswig-holsteinischen Volksbegehrens nicht. Aber die Rückkehr der F.A.Z. und später des Springer-Konzerns zur normalen Rechtschreibung waren spektakulär. Und in den Augen vieler eben zu spektakulär, als daß sie zur Nachahmung angeregt hätten. »Wenn Zeitungen eigene Fehler einzugestehen haben, so tun sie dies gewöhnlich schamhaft und leise in jenen dunklen Ecken, die der Umbruch übriggelassen hat. Nicht so vor einem Jahr, als die Frankfurter Allgemeine mit Aufmachern in eigener Sache überraschte«, schrieb ich am 1. 8. 2001. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht gewesen, wenn die F.A.Z. seinerzeit ihren Fehler bescheidener eingestanden hätte.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 25.06.2005 um 16.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1046

Als Herr Lachenmann vor zwei Jahren die Gründung einer "Forschungsgruppe Deutsche Sprache" anregte, war ich skeptisch. Würde es angesichts der durch den langen Streit eingetretenen Verfestigung der beiden entgegengesetzten Standpunkte überhaupt möglich sein, unvoreingenommen die deutsche Rechtschreibproblematik zu diskutieren? Der Erfolg der Webseite "Schrift und Rede" hat Herrn Lachenmann längst recht gegeben. Herr Markner sei in diesem Zusammenhang nicht vergessen. Daß er mit Strenge darüber wacht, daß chaotische Zustände wie auf den beiden konkurrierenden Webseiten erst gar nicht eintreten, muß man anerkennend respektieren. Ich habe mich immer als autonomes Mitglied der Kritikerbewegung gesehen und werde dadurch leicht mißverstanden. Darf ich deshalb zwei Punkte noch weiter präzisieren?

Lieber Herr Ickler, die Redakteure unserer überregionalen Tageszeitungen zählte Herr Augst gewiß nicht zu den 60 % der Zeitgenossen mit Rechtschreibschwierigkeiten. Das Bild hat sich im übrigen inzwischen sehr dadurch gewandelt, daß die Rechtschreibprogramme der Computer über die Schreibrichtigkeit wachen. Aber das sagt doch nichts über die tatsächliche orthographische Kompetenz hierzulande aus, und gewiß besitzen die meisten Schreiber von Augsts 60 % auch heute weder einen Computer noch ein Rechtschreibwörterbuch. Letzteres kann man ja leicht an den Verkaufszahlen ermitteln. Natürlich kann ich mich als Privatperson über pedantische Schreibregelungen im Duden hinwegsetzen. Beim öffentlichen Schreiben - schon hier auf einer ephemeren Webseite - kann ich es nicht. Schüler konnten es auch nicht, denn im Zweifelsfall schlug der korrigierende Lehrer im Duden nach. Als Englischdidaktiker habe ich die Meinung vertreten, eine bedenkliche Stelle in einer Schülerarbeit, die den Lehrer zur Überprüfung anhand von Nachschlagewerken zwingt, könne er nicht als Fehler bewerten. Die Aufsichtsbehörde wäre natürlich nicht begeistert gewesen, wenn sie davon erfahren hätte. Diese Fehlerbesessenheit ist in den letzten Jahren eher gefördert worden. Untersuchungen in unserem Lager über die unzulängliche "Umsetzung" der Neuregelung in der umgestellten Presse waren gewiß nicht zugleich ein Plädoyer für mehr Toleranz in Rechtschreibdingen.

Lieber Herr Markner, spektakulär war gewiß der Ausgang des schleswig-holsteinischen Volksbegehrens. Wir wissen aber alle, daß damals Frau Simonis einen Denkzettel bekommen sollte. Praktische Erfahrungen mit den Merkwürdigkeiten der Neuregelung gab es ja noch kaum. Andere Initiativen sind daran gescheitert, daß in den meisten Bundesländern die Latte viel zu hoch liegt. An die rechtsradikale Spitze der Berliner Initiative will ich lieber nicht erinnern. Spektakulär wäre dagegen 1998 ein eindeutiges Votum des Bundestags gegen die Rechtschreibreform gewesen, ebenso ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die Bestätigung der "Akzeptanzprognose" von einer Überprüfung abhängig gemacht hätte. Halten Sie andererseits die Gründung der Rechtschreibkommission der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit Harald Weinrich an der Spitze oder vor gar nicht allzu langer Zeit die Ausrufung eines Münchener "Rates für deutsche Rechtschreibung" für spektakuläre Aktionen? Keines dieser Gremien hat offenbar je getagt - alles übrige: Fehlanzeige. In der Stille hat Herr Ickler manches erreicht. Wir wissen es zwar nicht, haben aber unsere Vermutungen, daß hinter den beiden Rückumstellungen in der Presse seine geduldige Überzeugungsarbeit stand. Der erhoffte Dominoeffekt ist aber ausgeblieben, und wir sollten besser nicht alle Journalisten und Herausgeber für Dummköpfe halten, wenn sie sich mit den Umständen arrangieren. Bleibt die große Unterschriftenaktion der Professoren der Sprach- und Literaturwissenschaften vom Mai 1998, also unmittelbar vor der entscheidenden Verhandlung des Bundesverfassungsgerichts. Alle Briefe und Faxe sind damals über meinen Schreibtisch gegangen, außerdem besitze ich die Liste der zur Unterschrift Aufgeforderten. Es wäre gewiß spektakulär für die Gegenseite gewesen zu erfahren, wie gering der Rücklauf aus der Germanistik war. Spektakulär war immerhin der Anteil der Emeriti. Ein Loblied ist auch auf unsere Kaukasologen zu singen. Sie haben fast geschlossen unterschrieben, ebenso freilich die schwedischen Germanisten. Spektakulär wäre es außerdem gewesen, wenn Professor Meier am 12. Mai 1998 das Paket mit den 800 Bögen DIN A 4 in Karlsruhe auf den Richtertisch geknallt hätte. Ich weiß aber nicht einmal, ob er es irgendwann einem Bediensteten des Gerichts in die Hand gedrückt hat. Die Kopien in Herrn Icklers Spardorfer Archiv und auf unserem Dachboden sind alles, was von der spektakulären Aktion übriggeblieben ist.

Gewiß muß man Verständnis dafür haben, daß Sie die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht tut Ihnen ja ausgerechnet der milde Herr Rüttgers den Gefallen, daß er für Nordrhein-Westfalen die Rechtschreibreform aussetzt. Das wäre die erste wirklich spektakuläre Aktion, die das Land in dieser Angelegenheit gesehen hat. Da wir aber die Gepflogenheiten hierzulande kennen, wollen wir uns nicht zu früh freuen. Eines ist jedoch sicher: Mit "prädikativen Resultativen" und "idiomatisierten Gesamtbedeutungen" ist der deutschen Rechtschreibapathie nicht beizukommen.



Kommentar von Klaus Kolbe, verfaßt am 25.06.2005 um 15.45 Uhr   Mail an
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Hier der zeitgleiche Kommentar zu dem am 24. 6. in der Neuen Presse (Verlagsgesellschaft Madsack, Hannover) erschienenen Artikel "Ab 1. August müssen alle muss schreiben":
RECHTSCHREIBREFORM
Notbremse ziehen
VON ANDREAS HERHOLZ
Kommando hin, Kommando zurück? Das Tohuwabohu geht weiter. Hatte die Union die umstrittene Rechtschreibreform einst mit auf den Weg gebracht und ihre Einführung beschlossen, wollten CDU und CSU jetzt das mittlerweile zu einem Reförmchen reduzierte Projekt wieder stoppen und später wohl ganz auf Eis legen.
Ein Vorstoß, der mangels Zustimmung der SPD und der notwendigen Einstimmigkeit erfolglos blieb. Erst im April hatte der Rat für deutsche Rechtschreibung die Rücknahme verfehlter Teile der Reform angekündigt. Einmal mehr wurde deutlich, dass das Unternehmen gescheitert ist. Die mitunter absurde Veränderung der Sprache führt nicht zu mehr Klarheit und Vereinfachung. Sie hat vielmehr verkompliziert, gespalten und verwirrt.
Die unausgegorene Reform sorgt bereits jetzt für mehr Beliebigkeit in der Sprache. Überall, wo die Neuerung nicht verordnet werden konnte, hat sie sich nicht durchgesetzt und wird es auch in Zukunft nicht tun. Selbst diejenigen, die auf politischer Ebene dafür die Verantwortung tragen, wenden sie oft nicht einmal an. Schon jetzt steht fest: Die Reform ist ein Flop. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn das Werk in Kürze in Schulen und Behörden teilweise verbindlich wird.
Die Politik sollte die Kraft haben, die Notbremse zu ziehen, das jahrelange Durcheinander zu beenden und die Fehler zu korrigieren. Die Rechtschreibreform - ein Synonym für die Krise in Deutschland.


Kommentar von Klaus Kolbe, verfaßt am 25.06.2005 um 15.30 Uhr   Mail an
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Am 24. 6. 2005 erschien in der Neuen Presse (Verlagsgesellschaft Madsack, Hannover) folgender Artikel:
Neue Rechtschreibung
Ab 1.August müssen alle muss schreiben
VON ALEXANDER DAHL
HANNOVER. Die neun Jahre heftig umstrittene Rechtschreibreform ist am Ziel: Ab 1. August gelten für alle Schüler die neuen Rechtschreibregeln - ab dann muss man "muss" schreiben. Noch in letzter Minute hatten gestern die unionsregierten Bundesländer versucht, die Verbindlichkeit der Reform um ein Jahr zu verschieben. Vergeblich - die SPD-Länder ließen den Vorstoß auflaufen.
Die CDU-Länder hatten gefordert, zunächst alle strittigen Schreibregeln zu klären und die Reform als Gesamtpaket erst 2006 in Kraft zu setzen. Dies lehnten die SPD-Länder aber ab, womit die Unionsinitiative gescheitert war, da auf der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) Einstimmigkeit herrschen muss. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) erklärte, auch er habe für eine Verschiebung der Vollgültigkeit der Rechtschreibreform bis 2006 geworben. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) kritisierte, die Einführung einer nicht in allen Punkten geklärten Rechtschreibreform "ist nicht sinnvoll und stiftet unter Schülern mehr Verwirrung als Klarheit".
Mehrere Punkte sind bei der neuen Rechtschreibung noch offen: Dies betrifft die Zeichensetzung, die Silbentrennung und vor allem die Getrennt- und Zusammenschreibung: Hier gelten alte und neue Regeln nebeneinander weiter. Der "Rat für deutsche Rechtschreibung" soll diese Streitpunkte schnellstmöglich klären. "Ich gehe davon aus, dass die Unklarheiten bis Jahresende beseitigt werden", so Busemann gestern. Kommentar Seite 2


Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 25.06.2005 um 15.27 Uhr   Mail an
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Grausam ist das Lehrersein

Es wäre weder besonders mutig gewesen, noch hätte man es als fehlende Loyalität bezeichnen können, wenn Lehrerverbände die ureigenen Interessen ihrer Mitglieder vertreten hätten.
Im Gegenteil: Es hätte genügt, sich die Daseinsberechtigung sämtlicher Ausbilder zu verdeutlichen; denn Ausbilder sind dazu da, den Schützling zu befähigen, daß er das eigenständige Laufen lernt.
Ziel aller Ausbildung ist die „Mündigkeit“.

Statt dessen gab das Großteil der Lehrerverbände ihren mit Bildung und Erziehung beschäftigten Staatsangestellten (und nebenbei Verbandsmitgliedern) lediglich ein gerüttelt und geschüttelt Maß Rechtssicherheit: „Der Staat steht hinter Euch!“

Rühmliche Ausnahme war Josef Kraus, der Präsident des Lehrerverbandes. Als einziger unter allen (für die Erziehung und Bildung zuständigen) Funktionären präsentierte er Visionen; und solche haben bekanntlich nur dann Substanz, wenn sie ihren Ursprung haben in der kritischen Betrachtung von Vergangenheit und Gegenwart.
„Krausens Kenntnissen kann kein Kronprinz.“
(Aber: – und das muß auch einmal verdeutlicht werden – „Kraus ist lediglich ein Präsident unter vielen Präsidenten, Koch unter Köchen; und als Chefkoch ist er staatlicherseits eigentlich unerwünscht.“)

Die Visionen von Josef Kraus werden Realität mit dem Stichtag, 01.08.05. Das ist genau in 37 Tagen.
Wenig später (Ferientermine sind bundeslandabhängig) werden sich Lehrer wieder ihren Deutschstunden-Vorbereitungen widmen, mitnichten in ihren didaktischen Analysen sämtliche fachlichen Zweifelsfälle auszuschließen versuchen, was nicht gelingen wird ...
Und viele werden mit der Gewißheit ihre Stundenvorbereitung abbrechen, daß sie der Staat in jedem Falle heraushaut ...

Aber, was ist das für ein Lehrerleben, für jene, die das Motto „Erziehung des mündigen Bürgers“ auf ihre Fahnen geschrieben haben und selbst mündig bleiben wollen?




Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 25.06.2005 um 15.00 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1042

Reinhard Markner: »Im Gegenteil ist es doch so, daß die einzigen ernstzunehmenden Aktionen unweigerlich so spektakulär gerieten, daß ihre Überzeugungskraft darunter litt.«

Die Aktionen der Akademiepräsidenten, der Schriftsteller, der Rechtsprofessoren oder der FDS in den letzten Jahren litten doch wirklich nicht an mangelnder Überzeugungskraft. Im Gegenteil: ohne sie hätten die Reformer nicht so unendlich viele Mühe gehabt, ihr inzwischen ziemlich gerupftes Huhn doch noch über die Runden und schließlich wie geplant zum 1. August 2005 gebacken zu kriegen, unter welchen peinlichen Umständen und in welchem Zustand auch immer..

Vor zwei Jahren noch wurden die Bemühungen der Reformkritiker von Politikern und Journalisten ziemlich einhellig verspottet. Heute wären alle Ministerpräsidenten der CDU-Länder bereit, die offizielle Einführung der Reform um ein weiteres Jahr hinauszuschieben, und die Mehrzahl der Journalisten würde dies für vernünftig halten.

Damit ist doch eine ganz deutliche Wende eingetreten: Die politische Meinungsmehrheit betrachtet die Rechtschreibreform offen als unbefriedigend und als ein anhaltendes Problem, und unsere Journalisten dürfen dieser Ansicht auch wieder sein. Jetzt blamiert man sich nicht mehr, wenn man Reformmuffel ist, sondern wenn man, wie die Ministerpräsidentenminderheit der dahinsinkenden SPD, sich jeglicher Vernunft verschließt und eine Reform auf Biegen und Brechen durchpaukt, deren Untauglichkeit sich vor aller Augen dargetan hat.

Mit dieser Wende ist wieder alles offen. Vielleicht sogar der Weg zu einer wirklich seriösen Lösung des deutschen Rechtschreibproblems, bei der sich Sachverstand durchsetzt anstelle von »zementierter Dummheit« (Christian Meier) und unbeholfenen ideologischen, politischen oder wirtschaftlichen Spekulationen.



Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 25.06.2005 um 14.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1041

zu Hombach: Welche "demokratisch legitimierte Institution " mag er wohl gemeint haben? - Und: Man staunt, daß solch ein verfassungsrechtlich offenbar gänzlich unbedarfter Wirrkopf Kanzleramtsminister(!) werden konnte. Oder ist das ganze Geschwätz unter Volksverdummung für die Allerschlichtesten zu verbuchen?


Kommentar von F.A.Z., 25. 6. 2005, verfaßt am 25.06.2005 um 13.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1040

Belastung für die Schule
Kommt die Zwei-Klassen-Schreibung?

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, befürchtet angesichts des Streits um die Rechtschreibreform eine "Zwei-Klassen-Schreibung". Die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz seien nur für Schulen und Behörden verbindlich, sagte Kraus: "Jeder Staatsbürger, jeder Journalist, jeder Autor kann schreiben, wie er will." Dies könne zu einer anerkannten und einer weniger anerkannten Schreibung führen. Kraus betonte, welche "Belastung für die Schulen" darin liege, daß es zeitgenössische Autoren gebe, die im Unterricht gern behandelt würden, ihre Werke aber nicht in neuer Schreibweise verfaßten. Kraus hält eine Verschiebung der Reform für vernünftig: "Denn jetzt haben wir die Situation, daß halt wieder nichts endgültig Fertiges da ist." Für die Schulen wäre es "kein gewaltiges Problem" gewesen, wenn es nach einer siebenjährigen Übergangszeit noch ein achtes Jahr des Übergangs gegeben hätte. Für die Kinder bleibe der Eindruck bestehen: "Da kommt ja noch irgendwas, es ist ja wieder nicht ganz fertig." Der Antrag der von der Union geführten Bundesländer auf ein Moratorium scheiterte auf der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin am Donnerstag am Widerstand der SPD. (ddp)


Kommentar von Reinhard Markner, verfaßt am 25.06.2005 um 13.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1039

Wie man als langjähriger Beobachter der Geschehnisse behaupten kann, daß »spektakuläre Aktionen zur Beendigung der Farce . . . ausgeblieben« seien, ist mir nicht klar. Im Gegenteil ist es doch so, daß die einzigen ernstzunehmenden Aktionen unweigerlich so spektakulär gerieten, daß ihre Überzeugungskraft darunter litt.

Neben die Grundskepsis gegenüber der Reform ist eine Skepsis getreten, ob die Sache den fortwährenden Streit lohnt. Dem muß man entgegenhalten, daß Probleme nicht dadurch verschwinden, daß man sich mit ihnen arrangiert.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2005 um 13.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1038

Ich weiß nicht, ob es auf einen milden Widerspruch zu Herrn Jochems hinausläuft, aber weil er in letzter Zeit immer wieder einmal auf die Überkomplikation der Dudenrechtschreibung hingewiesen und sogar ohne Bezug auf den Duden von einem zu kompliziert gewordenen Schreibbrauch gesprochen hat, möchte ich meine Auffassung noch einmal deutlich machen. Ein Brauch selbst, zumal ein solcher, der von der FAZ über die WELT bis zur BILD geübt wird, kann wohl nicht zu kompliziert sein. Anders die Darstellung im Duden, bei der mir seit meinem Kritischen Kommentar eher noch mehr Haarspaltereien aufgefallen sind, und von der ich glaube, daß nicht 60 Prozent, sondern 99,9 sie nicht beherrschten. Aber gerade daraus folgt die Lösung des Problems: es gibt gar kein Problem! Belesene Menschen schrieben und schreiben, wie sie es für richtig halten, und wenn sie aus bestimmten Gründen im Zweifel sind, schlagen sie nach, wie andere schreiben, und das ist alles. Was kümmert uns der Kultusministererlaß?
Mein eigenes Rechtschreibwörterbuch, bestimmt weit von Vollkommenheit entfernt, kam mir schon bei der Anfertigung vor wie ein im Grund überflüssiges Anhängsel an meine ganz einfachen Grundsätze. Wenn ich hineinschrieb "abwärts+gehen" (mit dem Rundbogen), "Schneller Brüter" usw., dann habe ich mir ständig gesagt: Mein Gott, warum muß ich das alles lang und breit anführen, wo es doch sonnenklar ist! Nur weil es ein Wörterbuch sein soll, aber wer das Prinzip mal verstanden hat, der wird niemals im Leben mehr nachschlagen, wie man "beiseiteschieben" schreibt.
(Meine Beispiele sind hier absichtlich so gewählt, daß sie vom Duden abweichen.)
Zum alten Duden zurück? Das ist weder möglich noch wünschenswert, und die rückumgestellten Zeitungen sind auch nicht zum alten Duden, sondern zu ihrer früheren Schreibweise zurückgekehrt. Genau wie meine "Normale deutsche Rechtschreibung", mit der daher eine hohe Übereinstimmung besteht (Herr Wrase hat es vor Jahren aufwendig nachgewiesen).


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2005 um 12.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1037

Was die WAZ schreibt, kann nichts anderes sein als die Ausfüllung der Vorgabe, die Bodo Hombach – nicht ohne drohenden Unterton – klar genug gemacht hat:

»Hombach sagt Gegnern Niederlage voraus
Verlage könnten die Stimmung im Land nicht kippen

WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach hält die Rückkehr deutscher Verlage zur alten Rechtschreibung für einen „Akt der Selbstüberschätzung“. Das sagte er dem Politikmagazin „Cicero“.

„Ich möchte nicht in der Haut der Kollegen stecken, die geglaubt haben, dass sie die Stimmung im Land kippen können. Sie werden irgendwann zurückrudern und dabei ihr Gesicht wahren müssen“, so Hombach. Über die Rechtschreibreform lasse sich trefflich streiten. Mit der Ankündigung von „Spiegel“, „Welt“ und „Bild“, wieder zur alten Schreibweise zurückzukehren, sei aber eine Grenze überschritten worden. Regeln, die von einer demokratisch legitimierten Institution gesetzt werden, demonstrativ nicht zu befolgen oder aushebeln zu wollen, könne bei einem Staatsnotstand geboten sein. Den hätten die Kultusminister aber „sicher nicht ausgelöst“, betonte der ehemalige Kanzleramtsminister und SPD-Politiker in „Cicero“.«
(Börsenblatt 27. Oktober 2004)


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 25.06.2005 um 12.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1036

Wenn es nach dem märchenhaften "Schäuble-Plan" gegangen wäre, würden jetzt gerade die letzten Reste der verunglückten Rechtschreibreform abgeräumt. Ende 1997 kursierte das Gerücht, KMK-Präsident Wernstedt habe dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Schäuble in die Hand versprochen, in kleinen Happen werde die sog. Neuregelung bis zum 31. 7. 2005 zurückgenommen. Seine Bedingung: Der Bundestag müsse den Kultusministern die Blamage ersparen, daß die Reform noch vor ihrer Schuleinführung wieder in der Versenkung verschwinde. Vielleicht geschieht ja noch im letzten Augenblick ein Wunder, aber wahrscheinlicher ist, daß die bisherige Geschichte der Rechtschreibreform mit ihrer abgrundtiefen Verlogenheit und den immer wieder gebrochenen Versprechen weitergeht. Wer 1998 meinte, nun werde es zwanzig, dreißig Jahre dauern, bis Deutschland wieder eine einheitliche Rechtschreibung besitze, wird vermutlich recht behalten.

Wir sollten nicht selbstgerecht sein. Herr Ickler hat in seinem vernichtenden Kritischen Kommentar der Neuregelung doch auch im einzelnen dargelegt, wie überaus kompliziert, obgleich wohldurchdacht, die deutsche Rechtschreibung in der zuletzt im Duden dokumentierten Fassung war. Mit der Behauptung, daß 60 % der erwachsenen Deutschen dieser Kompliziertheit nicht gewachsen seien, hatte Herr Augst wohl recht. Dieses Problem hätte sich mit einer auf den relevanten Grundbestand unserer Schreibungen konzentrierten Schreibdidaktik lösen lassen, während die für kreative und professionelle Schreiber ebenfalls wichtigen Randbestände unter eine Toleranzklausel hätten fallen können. Diese Möglichkeit ist auch heute noch nicht verbaut. Wer ehrlich ist, macht sich aber in diesen letzten Wochen vor dem 1. August 2005 eines klar: Die Schreibzukunft gehört weder der ungerupften Neuregelung von 1996 noch abstrichslos der letzten Duden-Norm.

Erstaunlich bleibt, daß unsere Rechtschreibköpenickiade zwar seit neun Jahren die Öffentlichkeit interessiert hat, spektakuläre Aktionen zur Beendigung der Farce aber ausgeblieben sind. Selbst die Anrüchigkeit, die seit langem allen "Reformen" anhaftet, hat in diesem Falle nichts bewirkt. Vielleicht ist der Schlendrian, mit dem dieses Thema behandelt wird, inzwischen eine unserer Nationaltugenden geworden. Hinzu kommt, daß die Skepsis gegenüber der Allmacht des Staates bei uns nicht sonderlich ausbildet ist - trotz der 68er Bewegung. Staatliche Gewalt ist bei uns nur schlecht, wenn sie in den falschen Händen liegt. Despoten aus dem eigenen Gesinnungslager sieht man dagegen manches nach.

Wie wird die staatliche Rechtschreibgewalt nach dem 1. August 2005 aussehen? Werden deutsche Kultusminister es wirklich wagen, die Gegenwartsliteratur mit Hinweis auf deren rückschrittliche Orthographie aus den Schulen zu verbannen? Werden die Deutschlehrer sich zu Bütteln degradieren lassen und den Unsinn mit dem Rotstift durchsetzen? Werden in Ehren ergraute Oberstaatsanwälte es wortlos hinnehmen, wenn ihnen ihre Schriftsätze wegen "daß" zurückgereicht werden? Vielleicht landet die Rechtschreibung noch einmal vor den Gerichten, wenn im Laufe der Rückbaumaßnahmen Herrn Zehetmairs niemand mehr weiß, was richtig und was falsch ist - der Duden ausgenommen. Ist es nicht eine merkwürdige Umkehr der Absichten von 1996, daß heute und in Zukunft wiederum "im Zweifel" nichts ohne den Blick in das inzwischen voluminöse gelbe Ungeheuer läuft?

"Spitzenforschung" wird demnächst die deutschen Hochschulen auszeichnen. Davon wird die Rechtschreibproblematik wohl ausgenommen bleiben. Zum Glück. Das merkwürdige Wissenschaftsethos, das die Rechtschreibreform hervorbrachte, hat seine Vertreter vorläufig und noch lange auf den deutschen germanistischen Lehrstühlen. Eigentlich sollten wir wie die Zwischenstaatliche Kommission jetzt "die Aktendeckel schließen". Für unser Lieblingsproblem gibt es nämlich keine Lösung.



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2005 um 06.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1033

Viel besser als die meisten "Großen" hat die Augsburger Allgemeine die gegenwärtige Lage analysiert:

»Unsägliche Schreibreform
Von Günter Ott


Die Rechtschreibreform gleicht einem Flächenbrand. Die Löschzüge brausen von einem Ort zum anderen und lassen das Wasser los. Doch kaum hat sich ein Brandherd in Rauch aufgelöst, bricht das Feuer an anderer Stelle wieder aus. Nein, dieser Reform, so scheint es, ist nicht Herr zu werden.

Was hat die Neuregelung nicht schon an Zeit und Energie "gefressen"! Zehn Jahre haben die Experten beraten, dann - am 1. Juli 1996 - unterzeichneten Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein (und andere) die Erklärung zur Schreibreform. Am 1. August 1998 trat sie per kultusministeriellem Schnellschuss in Schulen und Behörden in Kraft - mit einer Bewährungsphase bis 1. August 2005. Man fasst es nicht - hier wurde einem Projekt, das sich je länger, desto mehr als Totgeburt entpuppt, so viel Zeit eingeräumt. Und jetzt, da diese Zeit fast aufgebraucht ist, befindet man sich - in Zeitnot!

Schuld an diesem Skandal tragen die Kultusminister. Sie haben andere an dieser Reform basteln lassen, haben ansonsten beidäugig weggeschaut, die Experten-Zwischenberichte meist abgenickt und überdies die immer heftiger anschwellenden (öffentlichen und fachlichen) Proteste in den Wind geschlagen. Bis ihnen die so in die Ohren gefahren sind, dass die Köpfe wackelten. Also steckten sie ihre Brummschädel zusammen und riefen Ende 2004 eine Eingreiftruppe ins Leben, den Rat für die deutsche Rechtschreibung. Der soll nicht alle, aber die besonders strittigen Reformteile kappen. Der Rat, und das war die hochwillkommene Überraschung, raufte sich unter seinem Vorsitzenden Hans Zehetmair rasch zusammen und einigte sich auf sinnvolle Korrekturen. Er räumte sogar den sperrigsten Fels, die Getrennt- und Zusammenschreibung, beiseite.

Die Empfehlungen des Gremiums verdienen allen Respekt. Es macht sich mit großen Scheren an die Reformauswüchse. Vor allem: Es ist mitten in der Arbeit! Deswegen war bei der Ratssitzung am 3. Juni Feuer unter dem Dach, als die Kultusminister in ihrer bornierten Selbstherrlichkeit verfügten, die "unstrittigen" Reformteile sollten vom 1. August an gelten, andere (wie die noch abzusegnende Getrennt- und Zusammenschreibung) entsprechend später. Dazu sagt der Volksmund: eine vor den Latz geknallt.

Warum traut man nicht weiter dem qua eigenem Beschluss installierten Rat, gibt diesem Zeit bis zu einer abschließenden Reform der Reform und setzt diese dann en bloc in Kraft? Weil das die Wirrungen im Unterricht nach dem 1. August mindern würde? Warum deklarieren die Kultusminister Teile der Neuregelung für "unstrittig", wo sich der Rat doch auch mit diesen noch eigens auseinander setzen will?

Aus (ursprünglichen) Expertenvorschlägen und kultusministerieller "Begleitung" ist ein Gipfel der Unsäglichkeit erwachsen. Die CDU/CSU-Länderchefs haben Recht mit ihrem - verspäteten - Vorstoß zum Reform-Aufschub. Aber warum haben sie nicht vorher mit ihren Kultus-Kollegen gesprochen? Tut man das nicht mehr in der Politik?«


( Augsburger Allgemeine, 24. Juni 2005 )



Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 24.06.2005 um 20.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1032

Th. Ickler: Das ist ein neuer Affront für den Rat und insbesondere für dessen Vorsitzenden, der ja erst kürzlich angekündigt hatte, daß sich der Rat noch im laufenden Jahr mit der Groß- und Kleinschreibung befassen werde. Eigentlich wäre nach diesem Angriff auf die Unabhängigkeit des Rates ein Rücktritt fällig.

Jene KMK-Presseerklärung (www.kmk.org/aktuell/pm050623.htm) sollte auf der nächsten Ratssitzung thematisiert werden. Zum mindesten sollte die Ankündigung bekräftigt werden, daß sich der Rat sehr wohl auch mit der Groß- und Kleinschreibung befassen werde. Und es sollte der Vorsitzende, wenn er schon nicht zurücktritt, kräftig Kontra geben, etwa indem er nicht nur die Unabhängigeit des Rates betonte, sondern auch erklärte, was das konkret bedeutet: daß eine Beschäftigung des Rates auch mit den anderen als unstrittig deklarierten Teilen wahrscheinlich ist und Änderungsvorschläge nicht a priori ausgeschlossen sind. Was das angesichts des KMK- (und MPK-) Beschlusses bedeutete, wäre ja sofort klar.


Kommentar von WAZ, verfaßt am 24.06.2005 um 18.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1031

»Ganz andere Sorgen
Von Birgitta Stauber-Klein


Wer in den Tiefen eines umfangreichen Regelwerkes lang genug sucht, der wird so manche Absurdität finden. Das gilt vor allem für die deutsche Rechtschreibung - ob vor oder nach der Reform.

Doch während die Nickeligkeiten der alten Rechtschreibung einfach gelernt wurden, bis man stolz darauf war, sie zu beherrschen, erhitzen viele neue - zweifelsohne sonderbare - Regeln seit Jahren die Gemüter. Und wo viele Emotionen sind, da tummeln sich auch gern Politiker, weil sich dann ein möglichst großer Effekt erzielen lässt.

So handeln auch die Ministerpräsidenten der unionsregierten Länder mit ihrem jüngsten Versuch, die Rechtschreibreform doch noch zu stoppen - wenige Wochen, bevor in Schulen und Behörden ein Großteil der neuen Regeln verbindlich werden soll. Gegenüber den Schülern und Lehrern jedenfalls ist ein solch populistisches Verhalten rücksichtslos. Inzwischen hat ein Großteil der Schüler die alten Regeln gar nicht mehr kennen gelernt und sich die neuen - wohl auch die nicht immer nachvollziehbaren - selbstverständlich angeeignet. Diese Schülergeneration braucht Verbindlichkeit und Verlässlichkeit.

Zumal sich die Schulen bundesweit mit ganz anderen Schwierigkeiten herumschlagen müssen - sei es Unterrichtsausfall, mangelnde Chancengleichheit oder schlechte Ausstattung.

Diese Mängel zu beheben, daran arbeiten die Länder, stellen Geld bereit und Konzepte vor. Dass der neue NRW-Regierungschef Jürgen Rüttgers für seine ambitionierten Bildungspläne (Einschulung mit fünf, Englisch ab Klasse 1, Noten ab Klasse 2) bereits kritisiert wird, ist voreilig.

Dass er wie seine Länderkollegen bei einem Nebenthema aber einen derartigen Aktionismus betreibt, ist unverständlich. Die bei den Pisa-Tests offen gelegte mangelhafte Lesekompetenz hat mit den Detailfragen der Rechtschreibreform jedenfalls nichts zu tun.«


( WAZ, 24. Juni 2005 )


Kommentar von Walter Matussat, verfaßt am 24.06.2005 um 18.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1029

In der KMK-Erklärung ist zu lesen: "Für jene Bereiche, zu denen der Rat noch mögliche Änderungen vorlegen könnte, werden die vor 1996 geltenden Schreibweisen bis auf Weiteres nicht als falsch markiert und bewertet."
Was wäre, wenn der Rat (so zeitlich schwierig machbar wie - wegen der personellen Besetzung - unwahrscheinlich das ist) in einer umgehenden Reaktion weitere Bereiche benennt, in denen mögliche Änderungen erforderlich sind. Vielleicht gibt es dann ja keine unstrittigen mehr.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.06.2005 um 16.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1028

"Für alle Bereiche, zu denen aus dem Rat keine Änderungswünsche zu erwarten sind, das sind die Laut-Buchstaben-Zuordnung, die Schreibung mit Bindestrich sowie die Groß- und Kleinschreibung, endet mit dem 31.07.2005 an Schulen der Übergangszeitraum bei der Fehlerkorrektur."

So die KMK-Vorsitzende. Das ist ein neuer Affront für den Rat und insbesondere für dessen Vorsitzenden, der ja erst kürzlich angekündigt hatte, daß sich der Rat noch im laufenden Jahr mit der Groß- und Kleinschreibung befassen werde. Eigentlich wäre nach diesem Angriff auf die Unabhängigkeit des Rates ein Rücktritt fällig.


Kommentar von Ruth Salber-Buchmüller, verfaßt am 24.06.2005 um 14.39 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1027

Auch FOCUS-online gibt seinen Senf dazu unter der Überschrift: »Schelte für Wulff / "Profilieren auf Schülerkosten" - Niedersachsens Grüne und SPD haben Ministerpräsidenten Christian Wulff nach dem gescheiterten Aufschub der Rechtschreibreform die Leviten gelesen«.


Kommentar von CDU/CSU-Fraktion, verfaßt am 24.06.2005 um 14.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1026

»SPD-Länder verhindern logische Rechtschreibung
Kultur- und bildungspolitische Katastrophe


24. Juni 2005 - Anlässlich des gescheiterten Versuchs der unionsgeführten Länder, bei der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin das Inkrafttreten der Rechtschreibreform zum 1. August zu verhindern, erklärt der kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Günter Nooke MdB:

Es ist eine kultur- und bildungspolitische Katastrophe, dass die verunglückte Rechtschreibreform nun zum 1. August 2005 für Schulen und Behörden verbindlich wird. Der Korrekturversuch, mit dem Rat für Rechtschreibung unter der Führung von Dr. Hans Zehetmair ein annehmbares Gesamtkonzept zu erzielen, welches den Namen 'Reform' auch wirklich verdient, wurde von den SPD-geführten Ländern kurz vor dem Ziel fahrlässig blockiert.

Es ist schlimm, dass der Vorschlag der unionsgeführten Länder, die Arbeit des Rates um ein Jahr zu verlängern, um wenige noch strittige Fragen mit Österreich und der Schweiz abzustimmen, an der SPD gescheitert ist. Die jetzt beschlossenen Schönheitskorrekturen sind viel zu wenig und sind eine Zumutung für Zehetmair und seine aus allen Lagern geschätzte Arbeit.«


( Pressemitteilung der CDU/CSU-Fraktion, 24.06.2005, 12:45 Uhr )



Kommentar von KMK, verfaßt am 24.06.2005 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1025

»Kultusminister erfreut: Weg für Rechtschreibreform ist frei

Die Rechtschreibreform kann wie von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgesehen zum 1. August in Kraft treten. Mit der heutigen Befassung der Ministerpräsidentenkonferenz zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung ist der Weg geebnet für die Umsetzung des Anfang Juni gefassten KMK-Beschlusses. Damit wird die Einheitlichkeit im deutschen Sprachraum gewahrt, und denkbare Konflikte mit Österreich und der Schweiz vermieden.

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Prof. Dr. Johanna Wanka, zeigte sich hierüber erfreut: "Die KMK hat sich auf Grundlage der Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz vom Herbst vergangenen Jahres dafür ausgesprochen, in jenen Bereichen die Fehlerkorrektur weiterhin tolerant zu behandeln, in denen der Rat Änderungen angekündigt hat. In den Ländern werden auf dieser Basis derzeit entsprechende Erlasse vorbereitet. Damit herrscht zum Schuljahresbeginn Klarheit für Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern."

Demnach bleibt die 1996 beschlossene Neuregelung (in der Fassung von 2004) Grundlage des Unterrichts an den Schulen, bis der Rat gegebenenfalls konkrete Änderungen in Teilbereichen vorlegt. Für alle Bereiche, zu denen aus dem Rat keine Änderungswünsche zu erwarten sind, das sind die Laut-Buchstaben-Zuordnung, die Schreibung mit Bindestrich sowie die Groß- und Kleinschreibung, endet mit dem 31.07.2005 an Schulen der Übergangszeitraum bei der Fehlerkorrektur. Für jene Bereiche, zu denen der Rat noch mögliche Änderungen vorlegen könnte, werden die vor 1996 geltenden Schreibweisen bis auf Weiteres nicht als falsch markiert und bewertet. Dies betrifft die Getrennt- und Zusammenschreibung, Worttrennung und Interpunktion. Für den Überschneidungsbereich von Getrennt- und Zusammenschreibung und Groß- und Kleinschreibung gilt diese Toleranzklausel ebenso.«


( KMK-Pressemitteilung, Bonn, 23.06.2005 )



Kommentar von Münchner Merkur, 24. 6. 2005, verfaßt am 24.06.2005 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1024

Aufbäumen gegen Reform der Rechtschreibung
Länderchefs düpieren Minister

Von Christian Deutschländer

München - Für die Kultusminister ist es eine leichte Watschn. Erneut haben sich die Unions-Ministerpräsidenten im Ringen um die Rechtschreibreform über das Votum ihrer Fachminister hinweggesetzt. Wesentliche Teile der ungeliebten Reform werden trotzdem in fünf Wochen in Kraft treten.

Die Attacke kam wenige Stunden vor der Ministerpräsidentenkonferenz: Die Regierungschefs von CDU und CSU machten sich dafür stark, die Übergangszeit für Schulen und Behörden um ein Jahr zu verlängern. Zu spät. Der Beschluss könnte nur einstimmig von allen Ministerpräsidenten gefasst werden, die SPD-Seite zog nicht mit.

Dennoch ist der Vorstoß bemerkenswert. Die konservativen Länderfürsten fallen damit zum zweiten Mal ihren eigenen Kultusministern in den Rücken. Die Minister, denen die Befassung mit Schreib-Details zuwider ist, hatten jüngst einmütig den 1. August 2005 als Starttermin abgenickt.

Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider hatte dorthin nur seinen Amtschef geschickt, der für das Inkrafttreten votierte. Dabei hätte Bayerns Gegenstimme genügt, um den August-Termin mühelos platzen zu lassen.

Schneider verteidigt das Votum: Die Ministerpräsidenten selbst hätten im Oktober 2004 die "Einführung der gesamten Reform zum August 2005 vorgesehen". Damals in der Annahme, der Rat für deutsche Rechtschreibung werde einzelne Bereiche nochmal überprüfen. Das sei noch nicht beendet, aber der unstrittige Teil der Reform könne jetzt in Kraft treten, sagte er unserer Zeitung.

Für die Schüler gilt nun: Ab 1. August dieses Jahres werden alte Schreibweisen bei der Groß- und Kleinschreibung als Fehler gewertet, ebenso bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung ("Stängel", "Gräuel", "aufwändig"). In den Streitfällen hingegen, wo in nächster Zeit Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung zu erwarten sind, sollen die Lehrer weiterhin "Toleranz" üben und keine Fehler werten. Dies gilt vor allem für die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Silbentrennung und die Zeichensetzung.
Schneider erwartet auch in diesen Fragen einen "großen Konsens" und vertraut dem Rechtschreibrat. Der Chef des Expertengremiums, Hans Zehetmair, sagte, er hätte einen kompletten Aufschub um ein Jahr begrüßt.


Kommentar von Süddeutsche Zeitung, verfaßt am 24.06.2005 um 12.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1023

Drei Wochen nach dem einstimmigen Beschluss der Kultusminister
Neue Verwirrung um die Rechtschreibreform
Unions-Ministerpräsidenten plädieren für Verschieben ins Jahr 2006 / Regelung tritt dennoch am 1. August in Kraft


tost, fine, burt Berlin -- Fünf Wochen vor der bereits beschlossenen verbindlichen Einführung der Rechtschreibreform haben die unionsgeführten Länder neue Verwirrung gestiftet. Kurz vor Beginn der Ministerpräsidentenkonferenz am Donnerstag in Berlin sprachen sich die Regierungschefs von CDU und CSU überraschend dafür aus, die verbindliche Anwendung der neuen Regeln komplett um ein Jahr zu verschieben. Trotzdem wird die Reform wie geplant am 1. August 2005 in Kraft treten.

Formal muss jedes Bundesland die Reform für sich in Kraft setzen. Die Ministerpräsidenten der unionsgeführten Länder verwarfen damit das Votum ihrer eigenen Kultusminister, die mit den SPD-Kollegen entschieden hatten, die unstrittigen Teile der Reform zum 1. August 2005 verbindlich werden zu lassen. Diese hatten ihren Beschluss am 3. Juni gefasst, dabei aber einige Teile der Reform ausgenommen. Zu diesen Ausnahmen hätte vor allem die Getrennt- und Zusammenschreibung gehören sollen. Der von den Kultusministern eingesetzte Rat für Rechtschreibung hatte eine weitgehende Rücknahme der entsprechenden Regeln auf den alten Stand gefordert, was erst im Lauf der kommenden Monate in das Regelwerk hätte eingearbeitet werden sollen. Auch gegen diese Aufweichung der Reform hatte es Widerspruch gegeben, weil die Kultusminister die Bereiche der Rechtschreibung, über die der Rat noch nicht beraten hatte, zu "unstrittigen" Regeln erklärt hatten.

In diesem Durcheinander nimmt sich das Votum der Ministerpräsidenten der CDU als letzter, politisch motivierter Versuch aus, durch eine Verlängerung der selbstgesetzten Frist doch zu einer eindeutigen neuen Regelung zu kommen. Dabei stellen sie sich nicht nur gegen die Konferenz der Kultusminister -- auch im bayerischen Kultusministerium zeigte man sich "überrascht" von diesem Vorschlag --, sondern auch gegen die SPD-geführten Länder. Diese wollen, wie sie umgehend verlauten ließen, an der Einführung der Reform zum 1. August festhalten. Rechtlich gesehen, könnten Länder, die die Teilreform nicht zum vereinbarten Termin umsetzen wollen, dies auch tun. Der Beschluss der KMK vom Juni ist eine Verabredung der Kultusminister "mit Selbstverpflichtungscharakter", wie das KMK-Sekretariat in Bonn auf Anfrage erläuterte. Er muss, wie alle Vereinbarungen der Fachministerrunde, in jedem Land einzeln umgesetzt werden. Das KMK-Sekretariat wies jedoch darauf hin, dass bislang noch kein Land von einer einstimmig getroffenen Vereinbarung wieder abgewichen sei. Außerdem wäre bei einem neuen Beschluss auf die Interessen Österreichs, der Schweiz, Lichtensteins sowie der deutschsprachigen Gruppen in Norditalien Rücksicht zu nehmen. Sie alle waren bislang mit der Reform konform gegangen.

Der Vorsitzende des Rats für deutsche Rechtschreibung, der frühere bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU), erachtet die komplette Verschiebung für sinnvoll. Dadurch würde auch die konstruktive Arbeit des Rates "nachhaltig gestärkt". Die Idee unterstreiche das Bemühen aller deutschsprachigen Länder, "zu einem guten Kompromiss bei der Rechtschreibung zu kommen". Auch Zehetmair sagt aber, es sei ein einstimmiges Votum der Regierungschefs nötig. Theoretisch könne zwar jedes Land aussteigen, praktisch sei dies aber nicht machbar.

Hätte sich der Unions-Vorschlag durchgesetzt, wäre vor allem auf die Schüler einige Verwirrung zugekommen. Schon heute entspricht keines der auf dem Markt erhältlichen Wörterbücher dem Stand der amtlichen Regelung. Die im vergangenen Jahr beschlossene Revision der Reform ist nur in Teilen bekannt und umgesetzt worden. Und wenn der Rat für Rechtschreibung weiterhin an einer weitgehenden Rücknahme der Reform arbeiten sollte, wäre nicht zu erwarten, dass vor Abschluss dieser Arbeit neue Wörterbücher erschienen. Eine verbindliche Rechtschreibung wäre in den deutschsprachigen Ländern damit für mehrere Jahre ausgesetzt.


( Süddeutsche Zeitung, 24. Juni 2005, Seite 1 )


Kommentar von Stuttgarter Zeitung, verfaßt am 24.06.2005 um 12.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1022

Rechtschreibreform bleibt
Orientierungslos


Von Michael Trauthig

Der Wahlkampf treibt immer kuriosere Blüten. Erst vergisst die SPD ihr Steuersenkungs- und Leistungskürzungsprogramm und gibt plötzlich den Anwalt der kleinen Leute. Dann verlieren die Ministerpräsidenten der Union die Orientierung und proben bei der Orthografie die Rolle rückwärts. Im vergangenen Jahr haben sie noch geschlossen die Rechtschreibreform abgesegnet. Jetzt wollen die Regierungschefs unisono einen Aufschub erreichen. Diese Forderung, die die eigenen Kultusminister düpiert, weil sie deren Beschlüsse kassiert, ist zweifellos dem wahlkämpferischem Kalkül geschuldet. Denn das Reformwerk mit seinen Ungereimtheiten ist im Volk immer noch höchst unbeliebt.

Die Begründung der Union, man wolle dem Chaos an den Schulen wehren, wirkt vorgeschoben. Sie geht an der Realität in den Bildungsstätten vorbei. Dort hat man sich längst an die neuen Regeln gewöhnt. Auch die Korrekturen, die es nach dem Ratschluss eines Expertengremiums irgendwann gibt, ändern daran nichts. Sie sind eher kosmetischer Art und sollen vor allem die Kritiker besänftigen. Den verabredeten Fahrplan jetzt wieder zu ändern würde nur die Verunsicherung schüren. Ein solcher Beschluss erhöhte auch die Gefahr, dass eine unsägliche Debatte wieder auflebt. Springer und "Spiegel" sowie viele Kulturschaffende sähen darin sicher ein Signal, erneut zum Frontalangriff auf das ganze Reformwerk zu blasen. Deshalb gebührt den SPD-Ministerpräsidenten für ihre Standhaftigkeit Anerkennung. Sie haben die Union ausgebremst und Verlässlichkeit bewiesen. So besteht Anlass zur Hoffnung: Der Vorhang im Rechtschreibtheater könnte einst fallen, das Publikum sich den wichtigen Problemen zuwenden.


( Stuttgarter Zeitung, 24. Juni 2005, Seite 3 )



Kommentar von rbi-aktuell, verfaßt am 24.06.2005 um 12.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1021

Es bleibt beim Falschschreiben
Union wollte wahlkampfgerechte Verschiebung der Rechtschreibreform

Von Cecilia Frank

Nun hat die Union auch die sog. Rechtschreibreform als Wahlkampfthema entdeckt. Am gestrigen Donnerstag kündigten die von ihr geführten Bundesländer an, sie wollten die verbindliche Einführung der neuen Regeln um ein Jahr auf den 1. August 2006 verschieben. Das passiert aber nicht, da, wie der saarländische Landesherr Peter Müller (CDU) bestätigte, die SPD-Länder nicht wollen. Und eine Änderung der bisherigen Pläne wäre nur einstimmig möglich gewesen.

Wirklich ernst gemeint hatten es die Christdemokraten ohnehin kaum. Bislang waren sie sich mit SPD, FDP, PDS und Grünen einig in ihrem Streben, das faktische Falschschreiben amtlich werden zu lassen. Erst einige Wochen ist es her, daß den Regierungschefs ganz offiziell auch die Einsprüche des handzahmen Rats für Rechtschreibung egal waren. Am 2. Juni bestätigten sie den schon 1997 festgelegten Fahrplan. Nun hat es sich die bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Katharina Reiche, anders überlegt. „Die Reform war ein großer Fehler und hat bisher in den Schulen und bei der Bevölkerung nur zu Verwirrung und Unsicherheit geführt“.

Dabei geht es auch dem Rat nicht darum, das einzig vernünftige zu tun und die bewährten Regeln, von denen die meisten deutschen Muttersprachler sowieso nicht abgerückt sind, auch für Schulen und Behörden wieder in Kraft zu setzen. Doch diese Blöße können sich jene, die mit fast inquisitorischer Wut schriftsprachliche Neuerungen durchsetzen wollten, offenbar nicht geben. Abgesehen davon fürchten sie vermutlich nicht abzusehende Schadenersatzforderungen, nicht nur von Verlagen.

So geht es gegenwärtig um die angeblich unumstrittenen Teile der sog. Reform. Zusammen- und Großschreibung, sowie etwas Silbentrennung. Im übrigen erfährt die „Reform“ eine Änderung nach der anderen. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, würde sich eigenen Angaben zu Folge bereits darüber freuen, wenn es überhaupt zu einer dann endgültigen Fassung käme.

Immerhin hat die Union so wieder eine Schlagzeile. An ihr liegt es nicht, wenn Schreibfehler ab August in deutschen Schulen als richtige Variante gelehrt werden und das schriftliche Wirrwarr die deutsche Sprache schlicht teilt. Daß die, jedem linguistischem Verstand eisern trotzende, Entscheidung der Kultusminister bislang einstimmig war, versucht sie vergessen zu machen. Einige, wie der bekennende „Reform“-Gegner Jürgen Rüttgers, mögen es ernst meinen. Das war es dann aber schon.

So bleibt es zunächst dabei: keine lebendige und vor allem einheitliche Weiterentwicklung des Deutschland als gemeinsamer, gepflegter und Realität wie Gedankenwelt angemessen widerspiegelnder Schriftsprache, sondern orientierungslose Verschlimmbesserung. Ewig hält das nicht. Aber bis die Vernunft sich wieder durchsetzt, wird genug Schaden angerichtet sein.

( „unabhängige Onlinezeitung“, 24.06.2005 )



Kommentar von Berliner Morgenpost, 24.06.05, verfaßt am 24.06.2005 um 10.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1019

Unwillig, aus Fehlern zu lernen
Von Dankwart Guratzsch

Die Mehrheit der Deutschen lehnt die Rechtschreibreform ab. Das ist in Dutzenden Meinungsumfragen erwiesen. Gäbe es morgen eine Volksabstimmung dazu, wäre der Reformpfusch vom Tisch. Aber führende Politiker dieses Landes können sich nicht damit abfinden, daß der Lehrsatz, der an Schulen gepredigt wird, auch in der Politik zu gelten hat: Aus Fehlern soll man lernen. Sie halten wider alle Vernunft an dem von der Fachwelt einmütig abgelehnten neuen Regelwerk fest und wollen es den Schülern vom 1.August an verbindlich und unter Androhung schlechter Noten vorschreiben.

Als gestern die Ministerpräsidenten der CDU-regierten Länder mit dem Vorschlag vorpreschten, die Gültigkeit der neuen Regeln um ein Jahr zu verschieben, bis der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Änderungsvorschläge vorgelegt hat, blockierten die sozialdemokratischen Ministerpräsidenten dieses Moratorium durch ihr Veto. Und es war Berlins Regierender Bürgermeister, der diesen Beschluß ausdrücklich guthieß. Damit soll obrigkeitsstaatlich auf dem Rücken der Kinder durchgeboxt werden, was die Gesellschaft ablehnt. Drastischer kann kaum vorgeführt werden, wie weit sich eine bestimmte Politikerkaste von den gesellschaftlichen Realitäten, aber auch von den guten demokratischen Sitten entfernt hat.

Wowereit muß sich entgegenhalten lassen, was der preußische Kultusminister Adalbert Falk bereits vor 130 Jahren, als es schon einmal um eine "Rechtschreibreform" und die teilweise Abschaffung des "ß" ging, den Reformanhängern ins Stammbuch geschrieben hat: Für ihn könne es nicht in Frage kommen, über den Schulunterricht eine Orthographie einzuführen, die "in dem Schreib- und Druckgebrauche außerhalb der Schule kaum oder nur beschränkte Aufnahme fände". Von solchem Anstand, der selbst in Zeiten der Monarchie zum Sittenkodex preußischer Bildungspolitik gehörte, sind Falks Nachfolger weit entfernt.

Falk kommt das geschichtliche Verdienst zu, die Einheitlichkeit der deutschen Schriftsprache wesentlich mitgeformt zu haben. Diese Errungenschaft ist von seinen Nachfolgern heute mutwillig zerschlagen worden. Noch nie seit dem 19. Jahrhundert war Deutschlands Orthographie so gespalten wie jetzt. Generationen von Schülern werden als Geiseln genommen, um diesen Widersinn politisch unumkehrbar zu machen.



Kommentar von WDR 5/ddp, verfaßt am 24.06.2005 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1018

«Jeder Journalist, jeder Autor kann schreiben, wie er will»

Köln (ddp). Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, befürchtet angesichts des Streits um die Rechtschreibreform eine «Zwei-Klassen-Schreibung». Die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz (KMK) seien nur verbindlich für Schulen und Behörden, sagte Kraus am Freitag im WDR-5-«Morgenecho». «Jeder Staatsbürger, jeder Journalist, jeder Autor kann schreiben, wie er will», betonte er. Dies könne zu einer anerkannten und einer weniger anerkannten Schreibung führen.

Es sei auch eine «Belastung für die Schulen», dass es zeitgenössische Autoren gebe, die im Unterricht gern behandelt würden, ihre Werke aber nicht in neuer Schreibweise verfassten.

Kraus sagte weiter, er persönlich hätte eine Verschiebung der Reform für vernünftig gehalten. «Denn jetzt haben wir die Situation, dass halt wieder nichts endgültig Fertiges da ist.» Für die Schulen wäre es «kein gewaltiges Problem» gewesen, wenn es nach einer siebenjährigen Übergangszeit noch ein achtes Jahr gegeben hätte. Für die Kinder bleibe der Eindruck bestehen: «Da kommt ja noch irgendwas, es ist ja wieder nicht ganz fertig.»

Die Unions-geführten Bundesländer hatten am Donnerstag bei der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin gefordert, die Reform um ein Jahr zu verschieben. Die SPD-Länder lehnten dies jedoch ab. Damit treten wie Anfang Juni von der KMK beschlossen zum 1. August die unstrittigen Teile des neuen Regelwerks in Kraft.



Kommentar von Gabriele Ahrens, verfaßt am 24.06.2005 um 08.44 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1017

Die Nordwest-Zeitung schreibt heute unter der Überschrift "Ringen der Länderchefs lässt Verlage kalt – Schulbuchhersteller haben sich an störende Hängepartie gewöhnt " unter anderem: "Die Schulbuchverlage in Deutschland, dies macht der Verlag Schroedel (Braunschweig) klar, haben es inzwischen gelernt, mit dem Problem zu leben: 'Die Hängepartie', so eine Sprecherin, störe alle. 'Aber wir sehen die Sache gelassen. Die neuen Bücher für das neue Schuljahr sind ohnehin schon gedruckt. Das lässt sich nicht mehr ändern.'

Ähnlich ruhig sieht es der 'Duden'-Verlag in Mannheim. Der 'Duden – Die deutsche Rechtschreibung' sei in seiner 23. Auflage das 'einzige deutsche Rechtschreibwörterbuch, das auf dem geltenden Regelungsstand aufbaut'. Dies sei völlig unabhängig von der Frage, ob die Übergangszeit noch um ein Jahr verlängert werde oder nicht. Die Änderungen, um die gestritten werde, seien zudem im Grunde marginal: Getrennt- und Zusammenschreibung, Worttrennungen am Zeilenende und Teile der Zeichensetzung."



Kommentar von Der Tagesspiegel, 24. 6. 2005, verfaßt am 24.06.2005 um 00.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1015

Notbremsung misslungen

Es schien am Donnerstag, als könne sich die Vernunft in Sachen Rechtschreibreform noch durchsetzen. Denn die CDU-Ministerpräsidenten stellten sich den Kultusministern entgegen, die kürzlich beschlossen hatten, die so genannten unstrittigen Teile der Rechtschreibreform ab 1. August verbindlich werden zu lassen für Schulen und Behörden. Doch die SPD-Ministerpräsidenten zogen nicht mit, und alles bleibt, wie es angekündigt war, leider. Denn der Beschluss der Kultusminister ist eine Verzweiflungstat, geboren aus der (verständlichen) Sehnsucht, wenigstens irgendetwas aus den endlosen Debatten um die Reform Realität und damit unumkehrbar werden zu lassen. Doch weder sind die angeblich unstrittigen Regelungen unstrittig, noch gibt es irgendein Schulbuch, in dem die Reformfassung von 2004, die jetzt partiell in Kraft treten soll, vollständig nachzulesen wäre. Die Lehrer müssen nun nach Fehlern unterscheiden, die sie nur kennzeichnen dürfen, und Fehlern, die sie werten müssen, und sie sollen diesen Unfug offenbar auf der Grundlage kopierter Seiten aus dem Internet oder dem Rundschreiben der Kultusmisterkonferenz vollziehen. Nur um einen winzigen Schritt nach vorn durchzusetzen, werden die Schulen wieder einmal als Reparaturwerkstatt für inkompetente Kulturpolitik missbraucht. Niemand weiß, ob das für den Sommer 2006 angekündigte komplett überarbeitete Reformwerk allen Anforderungen genügt. Aber es hätte Sinn gehabt, darauf zu warten, statt den Schaden durch administrative Geisterfahrten noch zu erhöhen. bm [Bernd Matthies]



Kommentar von Frankfurter Rundschau, 24. 6. 2005, verfaßt am 23.06.2005 um 22.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1014

Verkorkst
Von Harry Nutt

Die Satire-Zeitschrift Titanic macht ihr aktuelles Heft mit einer Montage auf, die einem bekannt vorkommt. Zonen-Geli (diesmal ist es Angela Merkel) hält stolz ihre erste Banane ins Bild. Der Titel ist ein "running gag" der bundesrepublikanischen Satire-Geschichte, die Banane ist noch immer eine Gurke.

Der "running gag" der Politik ist der Umgang mit der Rechtschreibreform. War deren Inkrafttreten zum 1. August 2005 bereits 1997 von den Regierungschefs der Länder einstimmig beschlossen worden, so sind die Landesfürsten der unionsregierten Länder ihrer Banane nun nicht mehr so sicher. Nachdem Teile der Reform noch einmal überarbeitet werden und nachträglich in das Regelwerk eingefügt werden sollen, schlugen die Ministerpräsidenten der Union nun eine Verschiebung der Reform auf den 1. August 2006 vor. Alles Gurke oder was?

Die Rechtschreibreform ist längst zum Inbegriff eines völlig verkorksten Reformprojektes geworden. Eine sinnvolle Neugestaltung der Regeln der geschriebenen Sprache steht schon lange außer Frage. Es kann nur noch um Orientierungssicherheit für Schüler und Eltern gehen. Stattdessen wird jedoch seit Jahren ein verbissener Kulturkampf ausgefochten. Die Union kann dabei nicht einmal auf veränderte Mehrheiten im Herbst hoffen, denn das Votum der Ministerchefs muss einstimmig ausfallen. Das hat, Kommando zurück, Unionsprimus Müller zu guter Letzt noch gemerkt. Der angerichtete Eintopf war ohnehin wohl nur populistisches Mus.



Kommentar von Märkische Oderzeitung, verfaßt am 23.06.2005 um 22.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1013

Chaos als Methode
Von Hans Krump

Braucht Chaos auf Deutsch einen weiteren Namen, kann man Rechtschreibreform einsetzen. Was hier seit dem Beschluss vor neun Jahren herumgedoktert und bisher vor allem auf dem Rücken der Schulkinder ausgetragen wurde, ist haarsträubend. Jetzt haben die Unions-Ministerpräsidenten im letzten Moment – vergeblich – versucht, die offizielle Einführung unstrittiger Reformteile in Schulen und Behörden kurz vor dem Beginn zu verschieben.

Das hat wohl einiges mit dem nahenden Bundestagswahlkampf zu tun und der Sucht, Pluspunkte bei jenen zu ergattern, die sich gegen die "Schlechtschreibreform" ereifern. Denn gerade zwei Wochen ist es her, dass die Kultusminister auch von CDU/CSU zugestimmt haben, Teile der Reform ab 1.August verbindlich umzusetzen. Über weiter Strittiges wie die Getrennt- und Zusammenschreibung will man sich mit dem Rat für Rechtschreibung später einigen. Immerhin sind die Kultusminister bei diesem Thema kompetent und nicht die Regierungschefs.

Bei der Rechtschreibreform, wo es gewiss viel zu kritisieren gibt, ist so viel Verwirrung angerichtet worden, dass die Maxime nur noch lauten darf, den "Rechtschreibfrieden" wieder herzustellen. Dem wäre aber ein weiteres "Kommando zurück" nicht dienlich gewesen.



Kommentar von Berliner Zeitung, 24. 6. 2005, verfaßt am 23.06.2005 um 22.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1012

Verpasste Chance für den Rechtschreibfrieden
Torsten Harmsen

Die endgültige Entscheidung der deutschen Ministerpräsidenten, Teile der neuen Rechtschreibung zum 1. August in Schulen und Ämtern verbindlich einzuführen, ist zu bedauern. Sie gibt dem Streit zwischen Gegnern und Verfechtern der Reform neue Nahrung, statt ihn zu entschärfen.

Dieser Rechtschreib-Streit ist unversöhnlich. Das hatte zehn Jahre nach seinem Ausbruch auch die Politik erkannt und einen "plural besetzten" Rat für deutsche Rechtschreibung ins Leben gerufen. Dieser sollte einen Kompromiss finden, mit dem die gesamte Sprachgemeinschaft leben kann. Nach ersten intensiven Verhandlungen schlug der Rat vor, einige Neuerungen wieder rückgängig zu machen, weil sie sinnentstellend seien. Nun wollte er sich auch jenen Teilen widmen, die zum 1. August eingeführt werden sollten. Akademiker und Juristen haben – wie sie jetzt mitteilten – grobe Fehler darin entdeckt, etwa in der Groß- und Kleinschreibung. Und sie sehen es als rechtlich höchst bedenklich an, dass Schüler künftig schlechte Zensuren für richtige Schreibweisen bekommen sollen, die zudem in weiten Teilen der Gesellschaft – bis hin zu Verlagen und Redaktionen – noch immer genutzt werden.

Dieses Chaos zu beenden, wäre Aufgabe des Rechtsstaats gewesen, der für die Einheitlichkeit der Sprache sorgen muss. Ein Stopp der Einführung der Reform zum 1. August – wie es die Unionsländer am Donnerstag gefordert haben – wäre das Mindeste. Und zwar so lange, bis jede Regel von dem extra dafür eingesetzten Gremium überprüft ist. Aber die kritischen Stimmen konnten sich leider nicht durchsetzen.



Kommentar von Die Welt, 24. 6. 2005, verfaßt am 23.06.2005 um 21.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=283#1011

Schreiben
Kommentar
von Dankwart Guratzsch

Als der Vorsitzende des Rates für Deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, unlängst sybillinisch erklärte, es sei nicht ausgemacht, daß die Rechtschreibreform tatsächlich zum 1. August an den Schulen verbindlich wird, da mag mancher ungläubig den Kopf geschüttelt haben. Denn bisher war jede noch so gut begründete Kritik, jeder noch so bescheidene Verbesserungsvorschlag von der Kultusministerkonferenz abgeschmettert worden. Jetzt aber keimte Hoffnung auf: Die Ministerpräsidenten der unionsregierten Länder verlangten, die Einführung der Reform komplett um ein Jahr zu verschieben. Das ist vernünftig. Auch die sozialdemokratischen Länderchefs sollten sich dieser Logik nicht entziehen. Leider tun sie es doch, die Sache geht ihren trostlosen Gang.

Dabei kann weder den Schulen, noch den Schulbuchverlagen zugemutet werden, jedes Jahr eine neue Version der von Anfang an mißglückten Reform umzusetzen. Wenn die deutschen Bildungsminister Teile des neuen Regelwerks nach eigenem Gutdünken für "unstrittig" erklären und die unfertige Fassung dieser Reform in obrigkeitsstaatlicher Manier gegen den Einspruch der Fachwelt in aller Eile noch für Schüler "verbindlich" zu machen versuchen, während der von ihnen selbst eingesetzte Rechtschreibrat bereits daran arbeitet, das gesamte Regelwerk in großen Teilen zurückzunehmen – dann sieht das verdächtig nach einer Panikreaktion aus. Vor allem aber zeugt es von einer bodenlosen Mißachtung jedes seriösen Begriffs von Pädagogik.

Längst stellt sich ja die Grundsatzfrage: Wenn die Vorschläge des Rates ernstgenommen werden sollen und danach ohnehin alle Wörter- und Schulbücher neu gedruckt werden müssen – wäre es da nicht besser, die bisherigen Konzepte gleich ganz zu kassieren? Sie haben die Einheit der deutschen Schriftsprache zerstört und sind von Übel.



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