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03.06.2005
 

Das Weltwissen der Wiesbadener
»Es gibt keine neuen Argumente«

Ganz besonders eigenwillig sind die Ansichten des Vorsitzenden der Gesellschaft für deutsche Sprache, Prof. Rudolf Hoberg. Der Wiesbadener Kurier hat ihn interviewt.

»„Es gibt keine neuen Argumente“
Professor Hoberg: Reformbeschluss belassen


WIESBADEN Professor Rudolf Hoberg ist Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache (mit Sitz in Wiesbaden) und als Sprachwissenschaftler Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung auch
[sic] Mitglied des Sprachrats, der über die Änderungsvorschläge entscheidet.

Frage: Herr Professor Hoberg, welche Position nehmen Sie in der Diskussion um die Reform der Reform ein?

Hoberg: Ich bin dafür, es beim ursprünglichen Reformbeschluss von 1998 zu belassen und nichts zu ändern.

Frage: Mit welchen Argumenten?

Hoberg: Die meisten Druckwerke sind auf dieser Grundlage jetzt erfasst, und auch die Grundschulen melden keine Probleme in der Handhabung.

Frage: Und was sagen Sie den Kritikern dieses Reformbeschlusses?

Hoberg: Dass es keine neuen Argumente in der Diskussion gibt. Sie sind seit 1998 ausgetauscht. Natürlich ist niemand so ganz glücklich mit dieser Reform, aber jetzt sollte einmal Ruhe in die Diskussion um das Regelwerk kommen.

Frage: Wie wird es Ihrer Erfahrung nach denn von der Bevölkerung angenommen?

Hoberg: Die Umfrage-Ergebnisse wechseln: Mal ist eine Mehrheit dafür, ein andermal dagegen. Aber so ist das immer, wenn sich eine Gewohnheit ändern soll. Die Schüler aber kommen damit gut zurecht.

Frage: Und wenn die Skepsis innerhalb der Bevölkerung bleibt?

Hoberg: Ich bin dafür, es beim Termin zur verbindlichen Einführung zum 1. August zu belassen, plädiere aber für eine Verlängerung der Erfahrungsphase. Der Sprachrat besteht ja fort und kann im Verlauf weiterer fünf Jahre Erfahrungen sammeln.

Frage: Wie wichtig ist es denn überhaupt, wie wir recht-schreiben?

Hoberg: Das ist schon wichtig, aber wird in Deutschland manchmal zu wichtig genommen.

Frage: Was würden Sie noch als spezifisch deutsch in der ganzen Diskussion bezeichnen?

Hoberg: Die Reform ist gut durchdacht und es ist ihr Vorteil, dass sie viele Varianten zulässt. Unsere Sprachteilnehmer/innen neigen allerdings dazu, Eindeutiges zu wollen. Das ist etwas sehr Deutsches.

Frage: Wie schreiben Sie denn selbst?

Hoberg: Ich wende eine Mischung an: Meine Sekretärin schreibt alles korrekt in der neuen Rechtschreibung. Wenn ich aber beispielsweise einen Brief verfasse, dann schreibe ich die Anrede in der Höflichkeitsform weiterhin groß.

Frage: Worauf wird sich der Rat denn heute einigen können? Welche Entscheidung sehen Sie voraus?

Hoberg: Ich weiß es nicht. Ich denke aber, dass es nicht so sehr um Fragen der Rechtschreibung geht - die Reformgrundlage ist ja bereits ein Kompromiss - als um einen Machtpoker.

Das Gespräch führte Viola Bolduan.«


( Wiesbadener Kurier, 03.06.05 )



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Kommentare zu »Das Weltwissen der Wiesbadener«
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Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 07.06.2005 um 08.25 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#827

Mit diesem Interview stehen alle Äußerungen Hobergs im Rat natürlich unter dem Generalverdacht, rein taktisch und nicht sachlich motiviert zu sein.

Typisch ist auch: "Ich wende eine Mischung an." Er ist also von der Neuregelung nicht überzeugt. Ähnliche Äußerungen gab es auch von Heide Simonis.

(Frau Simonis hat sich ja bitter beklagt über die Unfairneß eines SPD-Fraktionsmitglieds. Dabei hat dieser nur die demokratischen Regeln befolgt. Genau wie sie selbst, als sie das Referendum aushebelte.)

kratzbaum: "Vielleicht ermannen sich die Wulffs und Rüttgers doch noch und lassen ihren markigen Ankündigungen Taten folgen." -- Halte ich für sehr unwahrscheinlich. Hat doch z.B. Wulffs Kultusminister den Beschluß vom 3.6. mitgetragen und öffentlich verteidigt. Und Rüttgers' Stellungnahme war derart wachsweich, daß auch von seiner Seite trotz Wahlversprechens nichts zu erwarten ist.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2005 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#826

Hoberg würde es nie wagen, seinen Standpunkt („es beim ursprünglichen Reformbeschluss von 1998 zu belassen und nichts zu ändern“) im Rat selbst vorzutragen. Man würde ihn ja sofort fragen, was er dann überhaupt im Rat zu suchen habe. Etwas anderes als Obstruktion der Ratsarbeit ist unter diesen Umständen nicht zu erwarten.

Daß die Reform an den Schulen ohne Probleme umgesetzt werde, ist eine falsche Behauptung, die durch unermüdliche Wiederholung nicht wahr wird. Entweder sagt Hoberg bewußt die Unwahrheit, oder er hat den Kontakt zur Schule längst verloren. Einsichtige und ehrliche Schulminister geben zu: „Dass die Umsetzung der Neuregelung in den Schulen besondere Probleme mit sich bringt, ist den Beteiligten bekannt.“ (Berliner Schulsenat 6.7.1999)

Die Varianten sind erst nachträglich aus Verlegenheit eingeführt worden, weil die Reformer keinen Fehler zugeben wollten. Ihre ursprüngliche Absicht war gerade umgekehrt, die Zahl der Varianten („Zonen der Unsicherheit“) zu verringern. Daß Hoberg den „Sprachteilnehmer/innen“ (wie hat er dies im Interview eigentlich ausgesprochen?) als typisch deutsch unterstellt, sie wollten immer Eindeutiges, paßt zu den zahllosen verächtlichen Äußerungen Hobergs in den letzten Jahren über die sprachwissenschaftliche Ignoranz der Schriftsteller, Journalisten und sonstigen Bürger, die gleichwohl bei der Rechtschreibreform mitzureden beanspruchen. (Von Hobergs eigenen sprachwissenschaftlichen oder vielmehr elementargrammatischen Kenntnissen sollte man sich keine übertriebenen Vorstellungen machen, sprach er doch im ZDF (1.8.2003) einmal von „Verbindungen aus Substantiv plus Verb, zum Beispiel Leid tun oder Pleite gehen“! Die Zwischenstaatliche Kommission, der er auch schon angehörte, sollte nach seinen Worten „eine ständige Einrichtung sein“, wurde aber wenig später wegen Unfähigkeit aufgelöst.)

Wozu soll eine „Verlängerung der Erfahrungsphase“ dienen, wenn neun Jahre nicht ausgereicht haben – aber doch immerhin genug waren, um Hoberg von der problemlosen Umsetzung reden zu lassen? Übrigens war eine „Erfahrungsphase“ nie vorgesehen, lediglich eine Übergangsphase zwecks (für die Verlage) schonender Durchsetzung der Reform. Daß ausgerechnet der „Rat“ fünf weitere Jahre Erfahrungen sammeln soll, ist eine kuriose Perspektive. Vielleicht soll damit über das Fehlen wissenschaftlicher Begleituntersuchungen hinweggetäuscht werden, die unerwünschterweise ergeben könnten, daß die Reform ihre Ziele nicht erreicht hat.

Hoberg pflegt wie andere Reformer einzuflechten, daß auch er nicht so ganz glücklich mit der Reform sei – ein Hintertürchen, das es ihm nach dem Scheitern erlauben wird zu sagen, er sei ja auch immer reformkritisch gewesen. Zum Schluß kommt noch die übliche Floskel aller Reformer, wenn man sie auf Mängel anspricht: die Reform selbst sei bereits ein Kompromiß. Was kümmert das die Sprachgemeinschaft, die unter dem Ergebnis zu leiden hat?

Insgesamt muß man aber für solche Enthüllungen dankbar sein, gerade als Mitglied des Rechtschreibrates: Jetzt haben wir es schwarz auf weiß, daß Hoberg sämtliche Korrekturen, an denen die anderen Mitglieder arbeiten, von vornherein ablehnt, was auch immer er innerhalb des Rates zur Diskussion beisteuern mag.



Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 05.06.2005 um 12.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#801

Die absolute Unanwendbarkeit der beschlossenen Regelung wird sich sehr bald in der Schulpraxis erweisen. Insofern könnte doch bei den Dienstherren Einsicht einkehren.


Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 05.06.2005 um 10.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#800

Vermutlich werden auch die reformkritischen Ministerpräsidenten zu feige zum Handeln sein – aus Angst vor einem Kinderkreuzzug der gegnerischen Seite.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 05.06.2005 um 08.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#797

Jetzt wäre (wieder ) die Stunde der Ministerpräsidenten gekommen. Vielleicht ermannen sich die Wulffs und Rüttgers doch noch und lassen ihren markigen Ankündigungen Taten folgen. Gerade jetzt, wo die Republik in Aufbruch- und Neubeginnstimmung ist (aucb Illusionen können fruchtbar werden), wäre die Gelegenheit günstig, sich von einer Altlast zu befreien.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2005 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#796

Herr Zehetmair hat schon jetzt hohe Anerkennung verdient. Immerhin hätte er seine Ruhe haben können. Stattdessen setzt er sich der enormen Spannung aus, um wiedergutzumachen, woran er seinerzeit aus Unachtsamkeit oder wegen Unterschätzung der kulturschänderischen Unternehmung RSR mitschuldig geworden ist. Das ist ein ganz seltener Fall, mir fällt sonst nur Prof. Munske ein, der sich ja zunächst auch mit dem Vorwurf konfrontiert sah, die Reform mitgetragen zu haben und nun auf einmal dagegen zu sein. Seither hat er durch eine große Zahl von reformkritischen, ihn selbst nicht schonenden Beiträgen eine besonders hohe Glaubwürdigkeit erlangt, so daß die bösen Worte, die damals (u.a. in KMK-Kreisen) über ihn gefallen sind, nur noch albern wirken. Jeder macht mal einen Fehler, die aus Vertrauensseligkeit begangenen sind meiner Ansicht nach die verzeihlichsten. Das kann man auch bei Herrn Zehetmair sagen. Die KMK insgesamt ist noch nicht so weit, sich den Einflüsterungen ihrer Fachbeamten in ähnlicher Weise zu entziehen und zur Wahrheit und Klarheit zurückzufinden.

Hatte ich schon erwähnt, daß bei der vierten Ratssitzung Herr Stillemunkes als KMK-Beobachter dabeisaß? Er wirkte irgendwie unfroh.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.06.2005 um 13.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#791

Alle wissen, daß die Rechtschreibreform zum Untergang verurteilt ist. Am längsten hätte das Siechtum gedauert, wenn die KMK die Sturheit besessen hätte, das Gesamtwerk unverändert in Kraft zu setzen. Am schnellsten wäre das Ende durch ein Gesamtmoratorium herbeigeführt worden. Das wußten die Drahtzieher natürlich ganz genau: Aufgeschoben bedeutet in diesem Falle aufgehoben. Nun geht´s eben stückweise bachab.Warum sollten die noch unrevidierten Teile anders behandelt werden als der Rest - "unstrittig" hin oder her? Wenn der Vorsitzende des Rechtschreibrates durchhält, sollte man ihm Respekt zollen und seine früheren Sünden verzeihen. - Das Gesicht, das die KMK angeblich gewahrt hat, ist nur eine Clownsmaske bzw. die häßliche Fratze der Macht.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2005 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#786

Im Rat selbst wagt Hoberg seine Ansicht, man solle an der Fassung von 1998 (die er 2004 selbst mitrevidiert hat - aber das haben, wie sich gestern zeigte, alle Reformer vergessen) nichts ändern, nicht zu artikulieren. Auch sonst trägt er freilich nichts zur Sache bei. Seine Behauptungen über die Akzeptanz sind derart verlogen, daß einem die Spucke wegbleibt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache sollte ihn abwählen und sich einen neuen Vorsitzenden und einen neue Geschäftsführerin suchen. Ich werde mal anregen, der GfdS jede staatliche Unterstützung zu entziehen, bis das geschehen ist.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 03.06.2005 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#784

Es war und ist ein beliebter Roßtäuschertrick, die reformierte Schreibung als auch für die Behörden verbindlich hinzustellen. Eine gesetzliche Grundlage hierfür gibt es ganz sicher nicht. Auch und gerade das BVerfG hat die öffentliche Verwaltung ausdrücklich nicht erwähnt. Die Absicht, die hinter diesem Täuschungsversuch steht, ist leicht durchschaubar: Was in der Schule gelehrt wird ist bei weitem nicht so "amtlich" wie die Schriftstücke der Behörden. Und "amtlich" ist ja das Schlüssel - und Zauberwort, auf das die Reformer und die Nutznießer des Abenteuers so großen Wert legen. Die neue Rechtschreibung soll nicht durch ihre Qualität überzeugen, sondern dem Untertan per Staatsmacht aufgezwungen werden.


Kommentar von FDP, verfaßt am 03.06.2005 um 16.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#783

Aktuelle Pressemitteilung
Pressemitteilung vom 03.06.2005
Thema: Kulturpolitik

OTTO: Die Einheit der Rechtschreibung wahren

BERLIN. Anläßlich der Tagungen der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Rates für deutsche Rechtschreibung erklärt der kultur und medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, HansJoachim OTTO:

Es ist eine Absurdität, daß die Kultusminister einige, angeblich „unstreitige" Teilbereiche der Rechtschreibreform in Kraft setzen, während an anderen Bereichen noch gearbeitet wird. Dies gilt um so mehr, als die strittigen und die nur vorgeblich unstrittigen Bereiche mitnichten klar voneinander abzugrenzen sind. Vor allem aber zeugt die Entscheidung von einem erschreckenden Bild, das die KMK von der deutschen Sprache haben muß. Es handelt sich schließlich nicht um ein künstlich gesetztes Regelwerk, sondern um eine gewachsene Sprache, deren Regeln sich nicht nach bürokratischem Gutdünken teilen lassen.

Das Inkraftsetzen von Teilen der Rechtschreibreform zum 1. August 2005 ist eine Zumutung gegenüber den Lehrern und Schülen, die in erster Linie die Leidtragenden dieser fatalen Entscheidung sind. Darüber hinaus ist darin eine unglaubliche Arroganz gegenüber dem Rat für deutsche Rechtschreibung zu sehen, der dank seines besonnenen Vorsitzenden auf einem guten Weg war, Vernunft in die Reform der Rechtschreibreform zu bringen. Wenn dem Rat jetzt wichtige Bereiche der Rechtschreibreform entzogen werden, konterkariert die KMK dessen Einsetzung und belegt, daß der Rat für deutsche Rechtschreibung als nichts anderes gedacht war, als ein Feigenblatt zur vorübergehenden Besänftigung der Reformgegner.

Noch ist es nicht zu spät! Ich fordere die Kultusministerkonferenz auf, zur Vernunft zurückzukehren und das Inkrafttreten der Reform um ein Jahr zu verschieben und es so dem Rat zu ermöglichen, seine erfolgversprechende Arbeit fortzusetzen und damit die Chance zu waren, die deutsche Rechtschreibung nicht gänzlich zu verhunzen. Wir brauchen ein Moratorium, damit die Rechtschreibreform nicht im dauerhaften Chaos endet.

Knut Steinhäuser
Telefon: (030) 22752378




Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 03.06.2005 um 13.46 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#780

> Die Evaluierung ist wohl von der Prämisse ausgegangen, daß die politische Entscheidung zum IdS feststeht.

Das ist eine sehr scharfsinnige Feststellung, die das gesamte Evaluierungsverfahren der WGL betrifft.

Eigentlich gehört es nicht hierher, aber es gibt eine interessante Parallele zur RSR, über die es sich vielleicht nachzudenken lohnt. Im Grunde verdanken wir die RSR ja der DDR bzw. dem Bestreben, mittels gemeinsamer Kommissionen die gesamtdeutsche Einheit in der Nachkriegszeit aufrechtzuerhalten. Man hat nur vergessen, den Kommissionsmitgliedern zu sagen, daß diese Zeit vorbei ist. Die Blaue Liste war vor der Wiedervereinigung mangels Masse kein großes Problem. Allerdings hatte man sie zur Entsorgung der DDR-Institutionen umfunktioniert. Nach der Abwicklung von vielen wissenschaftlichen Instituten im Osten kam es zu der berechtigten Frage, ob - bei denselben Qualitätsmaßstäben - nicht auch im Westen das eine oder andere Institut abzuwickeln sei. In der FAZ erschien damals eine Artikelserie unter der Überschrift "Abwicklung West". Die Abwicklung der Abwicklungsidee erleben wir auf der Evaluationsseite der WGL, der Organisation der Blaue-Liste-Institute.


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 03.06.2005 um 13.25 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#779

Vielen Dank an Glasreiniger für diesen Hinweis, der meine Frage aber nur ansatzweise beantwortet.
Nach grober Durchsicht handelt es sich um einen sehr wohlwollenden Bericht, der in weiten Teilen der Selbstdarstellung des IdS folgt. Das mir immer noch rätselhafte Konnektionen-Handbuch wird explizit erwähnt: 300 bis 350 Einträge seien schon fertig. Das müßte doch eigentlich genau anzugeben sein - oder waren vielleicht 600 Einträge zur Hälfte fertig und weitere 200 zu etwa einem Viertel? (Also gar keiner fertig?)
Die Evaluierung ist wohl von der Prämisse ausgegangen, daß die politische Entscheidung zum IdS feststeht. Unter dieser Voraussetzung kann man sich auf ein paar allgemeine Hinweise beschränken.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 03.06.2005 um 10.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#778

> Für wen sind die Arbeiten am IdS not-wendig?

Eine amtliche Antwort auf diese berechtigte Frage finden Sie unter:

http://www.wgl.de/extern/evaluierung/index_6.html

als 10. der dort angeführten Senatsstellungnahmen (.pdf-Datei) der Leibniz-Gemeinschaft.


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 03.06.2005 um 10.06 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#777

"Für Schulen und Behörden endet an diesem Tag die Übergangszeit´."
Es ist Frau Dr. Güthert doch sicher nicht entgangen, daß es ein Bundesverfassungsgerichtsurteil gibt, das die Gültigkeit der Rechtschreibreform auf den Bereich der Schulen einschränkt. Wieso negiert sie das?
Wissenschaftler am IDS möchten bestimmt genauso ernst genommen werden wie die an Universitäten. Dazu gehörte - als Grundvoraussetzung - aber auch das Streben nach Erkenntnis, nach Wahrheit, auch nach Vollständigkeit. Man kann als Wissenschaftler natürlich auch etwas weglassen, aber man sollte sagen, was man wegläßt - und warum. Nun ist ein Interview mit der Wormser Zeitung keine wissenschaftliche Veröffentlichung, und da gelten natürlich andere Regeln. Für das IdS gelten aber offenbar generell andere Regeln. Es gibt dort drei Abteilungen, eine für Lexik (die z.B. das Aufkommen neuer Wörter, etwa "Dosenpfand", dokumentieren soll), eine für Pragmatik (die das Gesprächsverhalten von älteren Menschen, von Führungskräften oder türkischen Migranten analysiert), und Frau Dr. Güthert arbeitet an der Abteilung für Grammatik, in der 30 Mitarbeiter (darunter drei Professoren und ein Privatdozent) die deutsche Grammatik mit der anderer europäischer Sprachen vergleichen, ein Handbuch deutscher Konnektoren erstellen (das man gewiß gerne zur Hand nähme, nur: was ist das?), zwei grammatische Informationssysteme (darunter ein propädeutisches) betreiben und sich mit Texttechnologie für die Grammatik beschäftigen.
Kann sich jemand, der den heutigen Universitätsbetrieb kennt, vorstellen, für die geschilderten Aufgabenbereiche 140 Mitarbeiter (pardon: "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", Stand: 30.9.2004) an einer Universität finanzieren zu können? Für wen sind die Arbeiten am IdS not-wendig? (Und werden für diese notwendigen Arbeiten 140 Mitarbeiter benötigt? Ich mißgönne natürlich keinem einzigen seinen Arbeitsplatz, aber die Finanzierung, soweit ich es habe sehen können, geschieht doch weit überwiegend durch Bund und Land, da muß eine Nachfrage erlaubt sein.)


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 03.06.2005 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#776

> Wie verhält sich die unangepaßte Presse?

In der Tat die entscheidende Frage. Oder: Wie lange kann Herr Döpfner dem Druck standhalten, der sicherlich kommen wird? Daß auf seine Kollegen Aust, Rutz und Kilz kein Verlaß ist, wissen wir bereits. Die FAZ ist den Alleingang zwar gewohnt, aber irgendwann wird auch dort der Damm brechen. Gestern las man über Konfilkte im Verlag.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 03.06.2005 um 09.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#775

Der vielbeschworene "Kompromiß" soll offenbar darin bestehen, daß ein Teil des Regelwerks korrigiert wird, der andere dagegen unverändert bleibt. Es sind aber auch schon Leute in einem Teich ertrunken, der im Durchschnitt nur 1,50 m tief war. - Die wichtigste Frage bleibt angesichts der Beschlußlage: Wie verhält sich die unangepaßte Presse? Daß sie sich auf Linie bringen läßt, ist ja wohl noch unwahrscheinlicher geworden.


Kommentar von Jörg Metes, verfaßt am 03.06.2005 um 07.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#774

Vieles von dem, was Hoberg sagt, ist auch einfach geschwindelt. Daß es gerade an den Grundschulen Probleme gibt, weiß der Professor seit Jahren ganz genau. Umfragen, in denen sich eine Bevölkerungsmehrheit für die Reform ausgesprochen hätte, hat es nie gegeben, genausowenig wie einen »ursprünglichen Beschluß von 1998«. Was 1998 beschlossen wurde, und zwar von der KMK, war die Ablehnung aller Vorschläge zur Nachbesserung der Neuregelung. Die Vorschläge kamen von der Rechtschreibkommission und also auch Hoberg selbst. Seither wird bekanntlich inoffiziell nachgebessert, und zwar in einem solchen Umfang, daß die Gesellschaft für deutsche Sprache es für sinnvoll hält, Schulungsveranstaltungen »zum aktuellen Stand der Umsetzung der Neuregelung mit Berücksichtigung der Beschlüsse aus dem Jahr 2004« anzubieten - zu Preisen zwischen 250 und 900 Euro.


Kommentar von Wormser Zeitung, 3. 6. 2005, verfaßt am 03.06.2005 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=268#773


"Wir wollen eine saubere Lösung"
Rechtschreibrats-Geschäftsführerin im Gespräch

MANNHEIM Heute beschließt der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Änderungsvorschläge zur Getrennt- und Zusammenschreibung. Wir sprachen mit mit der Geschäftsführerin des Rates, Dr. Kerstin Güthert, über Ziele, Zeichensetzung und Zusammenschreibung.

Frage: Welche Teilbereiche und Punkte der Rechtschreibreform waren am heftigsten umstrittenen?

Güthert: Die größten Kontroversen gab es sicherlich um die Getrennt- und Zusammenschreibung wie auch um die Silbentrennung und die Zeichensetzung. In zwei Arbeitsgruppen haben wir nun Vorschläge erarbeitet, die beschlussfähig als Empfehlungen an die Politik weitergegeben werden.

Frage: Können Sie bitte ein Beispiel nennen?

Güthert: Bisher schrieb man abhanden kommen getrennt, zurechtkommen zusammen. Die Arbeitsgruppe schlägt vor, bei neuen Bedeutungen, wie dem Wort fertigmachen, was bedeutet, jemandem hart zu zu setzen [!], die Wörter zusammenzuschreiben.

Frage: Bisher war der Rat unvollständig, einige Plätze noch nicht besetzt ...

Güthert: Die bisherigen Vakanzen konnten geschlossen werden. Für die schweizerische Lehrerorganisation ist nun Dr. Roman Looser im Boot, die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung entsendet die Professoren Peter Eisenberg und Uwe Pörksen.

Frage: Dennoch gab es auch innerhalb der Arbeitsgruppen einige Strittigkeiten ...

Güthert: Wenn viele Menschen zusammenarbeiten, dann gibt es auch verschiedene Meinungen. Die größten Differenzen gab es im Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung von Verb und Verb wie beispielsweise baden gehen. Hier wurde an den Rat herangetragen, eine Altenativlösung zu erarbeiten, da beide Standpunkte, sowohl diejenigen, die die Verben zusammenschreiben wollen als auch die, die eine Getrenntschreibung befürworten, sehr plausibel waren.

Frage: Und wie lautet diese Alternativlösung?

Güthert: Diese Lösung wird erst noch bekannt gegeben, da darf ich der Entscheidung des Rates nicht zuvorkommen.

Frage: Wenn nun die modifizierte Rechtschreibreform in Kraft tritt, werden alle aktuellen Schulbücher hinfällig ...

Güthert: So drastisch möchte ich es nicht formulieren. Sicherlich werden Schulbücher neuangeschafft werden müssen, aber ich finde es besser, jetzt endlich eine gesamtdeutsche Rechtschreibung zu haben, als wieder in einem Jahr mit neuen Nachbesserungen und damit Neuanschaffungen von Duden und Rechtschreibbüchern zu beginnen. Viele Menschen werden sich nach und nach neue Bücher kaufen oder zu Weihnachten schenken lassen.

Frage: Der Rat hat nur eine beratende Funktion ...

Güthert: Natürlich haben wir keine Gesetzesgewalt. Dennoch hat uns die Politik damit beauftragt, zwischen verschiedenen Positionen, ob Schulen oder Behörden, aber auch zwischen Verlagen, die teilweise wieder zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt sind, zu vermitteln und einen Kompromiss auszuarbeiten. Doch ich gehe davon aus, dass die Politik unsere Empfehlungen übernehmen wird.

Frage: Und der 1. August steht weiterhin als Termin?

Güthert: Für Schulen und Behörden endet an diesem Tag die Übergangszeit. Bis zum Sommer wollen wir fertig sein. Jedoch gibt es keinen genauen Termin, denn wir wollen eine gute und saubere Lösung herausarbeiten und dafür braucht man eben Zeit.

Das Interview führte Jörg Böhm

( Wormser Zeitung, 03.06.05 )



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