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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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05.05.2005
 

Gleichgewichtsstörung
Eine Replik auf Michael Braun

»Unser Wissen über Schrift und Sprache folgt unbewußten Regeln, nicht expliziten Normen. Die Rechtschreibreform stört dieses Gleichgewicht.«

Mit klaren Worten tritt die Linguistin Ursula Enderle in der Wochenzeitung Freitag Michael Brauns Polemik entgegen, die vor zwei Wochen an gleicher Stelle erschien.



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Kommentare zu »Gleichgewichtsstörung«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 19.06.2005 um 00.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=252#980

Es steht Ihnen jederzeit frei, Ihren Leserbrief hier einzustellen.


Kommentar von Kunze-Obsieger, verfaßt am 18.06.2005 um 23.09 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=252#979

zu Herrn Günter Schmicklers Antwort auf meinen Leserbrief:
Ich finde es nicht fair, die Antwort auf meinen Leserbrief zu veröffentlichen, ohne meinen Leserbrief selbst hinzuzufügen. Herr Schmickler unterstellt mir nämlich Dinge, die ich nicht oder so nicht gesagt habe.


Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 15.05.2005 um 22.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=252#707

Nicht nur Schüler sind in der von Günter Loew beschriebenen Weise kreativ. Auch (Amateur-)Journalisten sind unerschöpflich. Von "wahr nehmen" liest man allenthalben. Vor wenigen Tagen fand ich in einem Magazin: Diese Idee wurde von Neidern zu Nichte gemacht. Vielleicht lassen auch "unter Wegs" und "alle Nase lang" nicht mehr lange auf sich warten. Wäre doch auch hübsch.


Kommentar von Günter Loew, verfaßt am 10.05.2005 um 11.53 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=252#704

Welche Schäden die Reform allein schon durch Analogiebildungen zu törichten Schreibungen anrichtet, kann man sehr schön am folgenden Beispiel veranschaulichen: Nach dem Muster von "hier zu Lande" entwickelte einer meiner Schüler in einer Klassenarbeit spontan die Schreibung "heut zu Tage" für "heutzutage". Weitere von der Reform ausgelöste (und durch Klassenarbeiten belegte) bemerkenswerte Neuschöpfungen sind z.B. "kurzer Hand" (kurzerhand), "dem zu Folge" (demzufolge), "zu recht kommen" (zurechtkommen) bzw. "zu Recht legen" (... hat sich eine Taktik zu Recht gelegt), "wahr haben" (Jürgen möchte es nicht wahr haben) oder "von statten gehen" (..., wie dieser Umschwung von statten ging).- Die Reform scheint die orthographische Kreativität der Schüler enorm zu beflügeln.


Kommentar von Fritz Koch, verfaßt am 09.05.2005 um 14.55 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=252#702

"Die impliziten Schreibregeln sind mit den impliziten Sprachregeln verknüpft." Dieser Satz von Ursula Enderle scheint mir besonders wichtig zu sein. Andernfalls müßten Schüler und ausländische Deutschlerner keinerlei Probleme mit der reformierten Rechtschreibung haben, weil sie ja noch nicht durch implizite Schreibregeln vorgeprägt sind. Aber sie stolpern trotzdem über die Widersprüche zwischen den Sprachregeln und den Schreibregeln, denn beide zusammen müssen als ein Gesamtsystem gesehen werden, und diese Widersprüche sind durch die Reform verstärkt statt abgebaut worden. Es stimmt eben einfach nicht, wenn die Reformer behaupten: "Schreibung ist nicht Sprache." Das geschriebene Deutsch ist die Hochsprache oder das Standarddeutsch, denn die meisten sprechen mehr oder weniger Umgangssprache, weil man sich in dieser verkürzter, weil weniger redundant, also ökonomischer, ausdrücken kann.


Kommentar von GA Bonn - Leserbriefe, verfaßt am 09.05.2005 um 13.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=252#701

Reform vermehrt Komplikationen

„Kennenlernen, heiligsprechen, verlorengehen" vom 25. April

Die Ausführungen des Herrn Kunze-Obsiegers zum umstrittensten Teilgebiet der Rechtschreibreform sind recht interessant, enthalten aber leider einige Irrtümer. Es trift nicht zu, daß es in der klassischen Rechtschreibung Regeln gäbe, nach denen „Wortzusammensetzungen dann zusammenzuschreiben sind, wenn sie in übertragenem Sinne gemeint sind", oder daß ein vom Verb getrennt geschriebenes Adjektiv sich grundsätzlich auf das Subjekt bezöge. Folglich konnten solche Regeln auch nicht, wie der Leserbriefschreiber meint, durch die Rechtschreibreform aufgehoben werden. Die herkömmliche Orthographie hat, insbesondere was die Getrennt- und Zusammenschreibung angeht, keinen präskriptiven, sondern einen rein deskriptiven Charakter, das heißt, sie enthält keine von irgendeiner Kommission konstruierten Vorschriften, sondern beschreibt die Schreibgewohnheiten, die sich im Verlauf der Sprachgeschichte - für die Getrennt- und Zusammenschreibung insbesondere im 19. Jahrhundert - herausgeschält haben. Als „verbindlich" sind nur Schreibweisen anzusehen, die sich in der Sprachgemeinschaft durchgesetzt haben und unbestritten sind. Für die Getrennt- und Zusammenschreibung sind seit etwa 200 Jahren hauptsächlich folgende Tendenzen zu beobachten:

1. Benachbarte Wörter schreibt man zusammen, um auf einen Bedeutungsunterschied aufmerksam zu machen. Bei der so entstandenen Zusammensetzung kann es sich - muß aber nicht zwangsläufig - um eine „übertragene" Bedeutung handeln.

2. Adjektive werden häufig mit dem nachfolgenden Verb zusammengeschrieben, wenn sie sich auf das Objekt beziehen. Dies ist besonders dann zu beobachten, wenn das Adjektiv kurz - nicht unbedingt einsilbig - und/oder betont ist (Beispiele: totschlagen, heiligsprechen, kaputtmachen)
.
Die Nachteile der Orientierung an einer laufenden, nicht abgeschlossenen Entwicklung sind unübersehbar und werden im allgemeinen auch von den Anhängern der klassischen Rechtschreibung nicht geleugnet. Da natürliche Entwicklungen nicht gleichmäßig und vorausschaubar verlaufen, kommt es zwangsläufig zu Unebenheiten, Widersprüchen und Überschneidungen. Trotz aller unleugbaren Schwächen der klassischen Rechtschreibung muß man ihr eines zugute halten: Die Entwicklungstendenz der Getrennt- und Zusammenschreibung geht dahin, daß sie grammatische Zusammenhänge erkennen läßt und Bedeutungsunterschiede klarmacht. Mir kann es jedenfalls nicht gleichgültig sein, ob ich eine „Handvoll Kirschen" oder eine „Hand voll Kirschen" esse, beim Gedanken an letztere Möglichkeit dreht sich mir der Magen um. Für einen Anthropologen dürfte es von erheblichem Belang sein, ob Menschen und Affen sich auseinanderentwickelt oder auseinander entwickelt haben.

Die Rechtschreibreform hat die in ihrer Tendenz bedeutungstragende Funktion der Getrennt- und Zusammenschreibung zugunsten rein formaler Festlegungen aufgegeben. Am verhängnisvollsten ist wohl die Regel, nach der ein Adjektiv vom folgenden Verb getrennt zu schreiben ist, wenn es steiger- oder erweiterbar ist. Wenig sinnvoll scheint mir auch die Vorschrift, daß eine Fügung aus Substantiv und Partizip zusammenzuschreiben ist, wenn gegenüber einer Wortgruppe ein Artikel oder eine Präposition eingespart wird. Mit Regeln dieser Art sind nicht nur Schulkinder, sondern - der tägliche Blick in einige Zeitungen erinnert immer wieder daran - auch Berufsschreiber völlig überfordert. Die Rechtschreibreform hat unnötige Komplikationen nicht, wie Herr Kunze-Obsieger meint, beseitigt, sondern in erheblichem Maße vermehrt. Darunter haben nicht zuletzt ausländische Studenten, die unsere Sprache erlernen wollen, zu leiden.

Günter Schmickler, Troisdorf


Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 08.05.2005 um 01.26 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=252#700

Wie gestört das Sprachgefühl der Deutschen inzwischen ist, kann man daran sehen, daß "Deutsch-Tests" sehr in Mode sind. Vor einem Jahrzehnt wäre so etwas wie der heutige RTL-Schreibwettbewerb in Doofdeutsch wohl kaum vorstellbar gewesen. Man stelle sich vor, derjenige, der die Fehler der Rechtschreibreform möglichst "fehlerfrei" wiedergibt, gewinnt!

In meiner Fernsehzeitschrift TV Hören & Sehen (die das Lektorat sicherheitshalber abgeschafft hat) war dazu zu lesen: "Am 31. Juli 2005 läuft die Frist ab. Dann ist die neue Rechtschreibung amtlich und verbindlich. Über 90 Mio. Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz müssen sie dann beherrschen - theoretisch. Bereits im letzten Jahr testete Harpe Kerkeling die Nation. Ergebnis: Keiner konnte fehlerfrei Deutsch."

Allein schon diese Erklärung sollte genügen, um die Reform abzuschaffen. Ich kann mich noch an vorreformatorische Zeiten erinnern, als Schreibfehler (vor allem bei den hier u.a. getesteten Journalisten) noch etwas ganz Seltenes waren ...



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