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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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12.04.2005
 

Aufstand der Unanständigen

Die KMK degradiert den Rat für deutsche Rechtschreibung zum Rat für Getrennt- und Zusammenschreibung.

Daß sie sich zu einem späteren Zeitpunkt auch noch einmal anhört, was er zu sagen hat, wird nicht ausgeschlossen. »Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, die 1996 eingeführt wurde«, wird zur verpflichtenden Grundlage des Unterrichts.



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Kommentare zu »Aufstand der Unanständigen«
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Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 19.04.2005 um 13.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#637

Die alten Hasen der Reformkritik werden sich an viele Wechselbäder der Gefühle erinnern, aber so dick wie in den letzten zwei Wochen kam es selten. Eine kleine Arbeitsgruppe des neuen Rates für deutsche Rechtschreibung legte Hand an das Renommierstück der Rechtschreibreform - die erste amtliche Regelung der Getrennt- und Zusammenschreibung in der deutschen Sprachgeschichte. Was die Reformer sich auch sonst noch an Skurrilitäten haben einfallen lassen - es sind Peanuts im Vergleich zu diesem Kernstück. Den eigentlichen Verdruß bei der morgendlichen Zeitungslektüre bereiten denn auch weniger die vielen neuen "ss" am Schluß als die abenteuerlich auseinandergerissenen Verbindungen mit Verben und Partizipien - ob im Sinne der Reform oder in leichtfertiger Anwendung ihres Slogans "Wieder mehr getrennt". Inzwischen ist dieser Bereich dreifach geregelt: bis 1996 durch den Duden, bis 2004 durch die Reformer und - wenn alles gutgeht - ab 2005 durch den Rat für deutsche Rechtschreibung. Geblieben ist freilich das Grundprinzip: Die GZS ist zu regeln. Wie wäre es, wenn man sich auf die Weisheit der Zweiten Orthographischen Konferenz von 1901 besänne: Die GZS läßt sich nicht regeln. Am Ende wird es darauf hinauslaufen, ob in Deutschland die Schreibwirklichkeit oder der Regelungsanspruch des Staates gelten soll.

Haben wir vergessen, wieviel Kritik an Professor Icklers Wörterbuch laut wurde, als er die meisten Belege für die GZS mit einem Bindebogen druckte - "Wortverbindungen, die in bestimmten Stellungen zusammengeschrieben werden können"? Grundlage für diese Entscheidung war der empirische Befund anhand "sorgfältig redigierter Texte", daß beide Schreibungen vorkommen. Unübliche Schreibungen wie die Neuregelung kreierte die Duden-Regelung zwar nicht, in beiden Fällen ging es aber immer um die Festlegung auf eine Schreibung. So funktioniert eben eine Norm, die Einheitlichkeit herstellen will. Wird die Schreibgemeinschaft mit der Revision der Paragraphen 34 und 36 besser fahren? Zweifel sind hier angebracht. Herr Gallmann verweist auf mehrere demnächst erscheinende linguistische Arbeiten zur GZS, die den Durchbruch bringen sollen. Wenn sie wirklich umfassend vom Schreibusus ausgehen, werden auch sie nicht mehr als Professor Ickler bieten können. Vielleicht wird das Fachvokabular noch einmal vermehrt, aber mit der "idiomatisierten Gesamtbedeutung" ist der Bedarf an dergleichen Gobbledegook wohl mehr als gedeckt. Wer aus gutem Grund die Rücknahme der Rechtschreibreform fordert, sollte nicht im gleichen Atemzug auf der Wiederherstellung der "einheitlichen deutschen Rechtschreibung" bestehen. Es kann kein richtiges Leben geben im falschen.


Kommentar von Freisinger Tagblatt / Sabine Dietrich, verfaßt am 19.04.2005 um 01.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#633

"Sprache ist beliebig geworden"
Rechtschreibung: Überwiegend Kritik an der "Reform der Reform"

Gehen wir künftig wieder Eislaufen oder, wie seit 1996, Eis laufen? Der Rat für deutsche Rechtschreibung will am 3. Juni einiges richtig stellen (oder richtigstellen?). Das Gremium wurde nach Streitigkeiten um die neue Rechtschreibreform von den Kultusministern ins Leben gerufen und hat nun dafür plädiert, die Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung wieder zurückzunehmen. Freisings Pädagogen und die schreibende Zunft stehen der "Reform der Reform" ziemlich kritisch gegenüber. Inzwischen sei eh eine sprachliche "Beliebigkeit" eingetreten.

Heiß diskutiert werden Wörter mit einer "idiomatischen Gesamtbedeutung", die also vom Sinn her eine Einheit bilden. Ein genauer Beschluss zu diesem Thema fällt bei der nächsten Sitzung des Expertengremiums am 3. Juni, jedoch gilt schon jetzt eine Mehrheit für die erneute Änderung als sicher.

Der Fachschaftsleiter für Deutsch des Dom-Gymnasiums ist von der aufkommenden Diskussion nicht überrascht. "Sprache ist lebendig, da kann es schon mal vorkommen, dass sie sich weiterentwickelt", erklärt Gerhard Schreiner. Dennoch sei es für die Kinder besser, es bei der ursprünglichen Rechtschreibung zu belassen. "Auch wenn die Schüler in dieser Hinsicht sehr flexibel sind, haben sie sich doch schon genau an die erste Fassung der Reform gewöhnt", betont Schreiner.

Als "sprachliche Unlogik" bezeichnet dagegen Erich Sonnemann, Schulleiter des Josef-Hofmiller-Gymnasiums, die momentan gültigen Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung. Es sei richtig, nun Korrekturen vorzunehmen. "Auch wenn es manchen Schülern schwer fallen wird, die erste Version wieder abzulegen".

"Jede Reform muss man mit äußerster Vorsicht genießen", meint Schriftsteller Horst Feiler. Die Rechtschreibreform sei eine "Verschlimmbesserung", bei der bald niemand mehr wüsste, was "richtig" ist. Kein Wunder, dass hier bereits eine gewisse "Beliebigkeit" eingetreten sei - "wie im 18. Jahrhundert, als man Buchstaben zusammenfügte wie man wollte", erklärt der Freisinger. "Reformbedürftig" sei jedenfalls die Groß- und Kleinschreibung". Mit diesem Thema setzte sich der FT-Autor auch bereits in einem Gedichtband auseinander - er schrieb alles klein.



Kommentar von Bernhard Schühly, verfaßt am 17.04.2005 um 23.55 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#625

Wer als Papst hereingeht...

Die ganze Geschichte mutet an wie ein großes Konklave:
Da haben die sterbenden Kultusminister noch schnell sorgfältigst ihre besten Rechtschreibkardinäle eingesetzt, aber bei der Entscheidung selber war dann doch der heilige (Sprach-) Geist im Spiel.
Nun bleibt nichts anderes übrig, als den Duden in den Ofen zu schmeißen, damit nach neun Jahren endlich weißer Rauch aufsteigt über Deutschland...


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 16.04.2005 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#619

Könnte es nicht sein, daß unsere Urenkel sich vor allem auch darüber wundern, wie willfährig die Presse "damals", im ausgehenden 21. Jahrhundert, die seltsamen Schreibweisen praktiziert hat? Wahrscheinlich werden sich die Aufgeweckten unter ihnen auch fragen, weshalb Kritiker der Rechtschreibreform, wie H.-J. Neubauer, im Jahre 2005 den Eindruck erweckt haben, diese Reform sei wie eine Naturkatastrophe über die Menschen gekommen, deren zerstörerischen Auswirkungen man in ohnmächtigem Entsetzen gegenübersteht.
Weshalb wagt sich dieser Journalist nicht, noch ein Stück weiterzudenken in Richtung Freiheit? Ist diese Reform kein Menschenwerk und als solches erstens fehlbar, zweitens angreifbar und drittens zurückweisbar? Niemand kann uns verbieten, nicht so zu schreiben, wie einige Politiker es für notwendig halten. Sicher, der Staat ist mächtig. Er kann uns bespitzeln, bis zur Schmerzgrenze ausbeuten und besteuern (und das "sozial" nennen), uns zu sinnlosen bürokratischen Tätigkeiten zwingen, ja sogar die physische Freiheit rauben. Aber eines kann die politische Gewalt nicht: Uns auf Dauer diktieren, wie wir denken und schreiben sollen.
Trotz seiner dankenswert kritischen Stellungnahme hat Herr Neubauer leider (noch?) nicht begriffen, daß er (und seine Kollegen) sich nicht zu grämen bräuchten. Sie sitzen nur in einer vermeintlichen Falle. Da ist eine breite Tür zwischen den Gitterstäben, und sie ist unverschlossen. Man muß sie nur öffnen und ins Freie gehen.


Kommentar von Rheinischer Merkur / H.-J. Neubauer, verfaßt am 16.04.2005 um 14.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#618

Lachende Enkel

Irgendwann werden sie in einem alten Duden blättern und lachen. „So haben die damals geschrieben, so haben die getrennt?“, werden sich unsere Urenkel fragen, und sie werden den Kopf schütteln über die absurden Regeln der reformierten Orthografie, über auseinander gerissene Wörter und verquaste Etymologien. Es kann sein, dass das letzte nach diesen seltsamen Regeln gesetzte Buch aus dem Jahr 2005 datieren wird. Denn unmittelbar vor dem 1. August, dem Datum ihrer endgültigen Einführung, geht der Rechtschreibreform auf den letzten Metern die Luft aus: Der jüngst von den Kultusministern berufene Rat für deutsche Rechtschreibung, die letzte orthografische Instanz, empfiehlt, die gröbsten Fehler der Reform vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung zu korrigieren. Bis zum Stichtag sind weitere Eingriffe geplant.

Die Reformer argumentierten zuletzt, nach der Erprobungsphase des Regelwerks stehe nun die Einheit der Rechtschreibung auf dem Spiel; eine Rücknahme verursache nur Chaos und Kosten. Die Opfer ihrer schlampig entworfenen und arrogant durchgesetzten Neuregeln aber sind die Kinder: Sie stehen vor einem Chaos aus Varianten und Versionen; von Einheit ist keine Spur, Geld hat das Ganze sowieso verschlungen, und nur noch Spezialisten wissen, welcher Duden gerade noch oder schon wieder gilt. Könnten also all unsere aktuellen Wörterbücher bald Antiquitäten sein, Souvenirs aus einer Zeit, die versucht, das wenige, was sie eint, über Bord zu werfen? Wenn die Kultusminister die Vorschläge des Rats nicht annehmen, wenn sie die Einführungsfrist nicht verlängern, bleibt die letzte Chance zur grundlegenden Reform der Reform aus. Das würde nicht nur den Kindern von heute schaden. Auch ihre Enkel könnten wenig zu lachen haben, blicken sie dereinst zurück auf diese letzten, kurzen Wochen vor dem fernen August des Jahres 2005.

Rheinischer Merkur, 14. 4. 2005



Kommentar von Thomas Wunderlich, verfaßt am 16.04.2005 um 11.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#617

Seifenblasen

Zu einer Posse wird nun endgültig auch die Rechtschreibreform. Jetzt soll sie im August nur teilweise in Kraft gesetzt werden, weil Unstimmigkeiten noch immer nicht geklärt werden konnten. Man will die Schüler nicht verunsichern, hieß es in dieser Woche bei den Kultusministern, als wäre das nicht längst geschehen. Selbst Kulturstaatsministerin Weiss sprach von "ärgsten und unsinnigsten Änderungen", die noch einmal zu bedenken seien - ein vernichtendes Urteil für eine Reform, die über Jahrzehnte von Experten ausgetüftelt und deren neue Regeln seit acht Jahren nach politischem Beschluss gelehrt werden.

Dabei hätte zumindest der wieder umstrittene Teil, die Getrennt- oder Zusammenschreibung, eigentlich keine Probleme bereiten dürfen. Dass bei genereller Getrenntschreibung Sinnentstellungen entstehen, ist nur allzu logisch und darauf haben Kritiker von Anfang an hingewiesen. Die alten Regeln, die gerade in dieser Frage wohl durchdacht waren, mussten jedoch der Reformwut zum Opfer fallen. Jetzt sollen also doch wieder Verben zusammengeschrieben werden, wenn sie eine Sinneinheit bilden. Welch weiser Entschluss! Der Rat für Rechtschreibung will dazu eine umfangreiche Liste mit Empfehlungen vorlegen. Wir dürfen also gespannt sein auf die reformierte Schreibreform.

Man hätte sich das sparen können. Doch dann wäre ja der Jahrzehnte lange ebenso aufopferungsvolle wie wissenschaftlich ausgeklügelte Reformismus in Expertengremien, in Schaltkonferenzen der Kultusminister und Anhörungen von Lehrer- und Elternverbänden zumindest teilweise unnötig gewesen. Man hätte bloß feststellen müssen, was sich im Laufe der Jahre in der Schreibpraxis veränderte, dies in modernisierte Sprachregeln aufnehmen und so seifige Schreibblasen vermeiden können. Das wäre dann zwar sinnvoller gewesen, aber doch wohl keine richtige deutsche Reform.

Ostthüringer Zeitung, 16. 4. 2005



Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 15.04.2005 um 13.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#613

"Politikfern" sollte nach den Aufwallungen des letzten Jahres die weitere Regelung der deutschen Rechtschreibung betrieben werden. Die Zwischenstaatliche Kommission, der scheinbar unersetzbare Kern des Reformerkreises der 80er Jahre, wurde unzeremoniös in die Wüste geschickt - ohne Abschiedsfeier und ohne Dankesworte. Ein handverlesener "Rat für deutsche Rechtschreibung" sollte statt dessen in Zukunft im Fünfjahresrhythmus kleine Veränderungen vornehmen, bis gegen 2030 die einheitliche Rechtschreibung wiederhergestellt sein würde - selbstverständlich auch mit Hilfe des natürlichen Alterungsprozesses in der schreibenden Bevölkerung. Dieser Plan hat das erste Halbjahr seiner Verwirklichung nicht überlebt.

Erst nachträglich wird bekannt, daß sich die Zwischenstaatliche Kommission in aller Form verabschiedet hat: "Die Zwischenstaatliche Kommission dankt allen, die sie in ihrer Arbeit unterstützt, konstruktive Kritik geübt und Verbesserungsvorschläge unterbreitet haben." (www.rechtschreibkommission.de) Sie ist ungeläutert abgetreten. "Konstruktive Kritik" stammt aus dem Wörterbuch der beiden deutschen Diktaturen, und "unterbreiten" klingt sehr nach dem Vokabular des Obrigkeitsstaates. Die sich so bis zum Schluß gerierten, waren seit 1988 kaum mehr als die Marionetten einer kleinen "Arbeitsgruppe" von Ministerialräten in der KMK, die über jeden Einzelzug der Rechtschreibreform bestimmte und heute noch die Sache fest im Griff hat. Zwischen jetzt und dem 1. August 2005 werden wir noch etliche blaue Wunder erleben, und danach wird die allgemeine Apathie wohl für den Rest sorgen.

Was wirklich gespielt wird, ist offenbar selbst "höheren Ortes" nicht bekannt. Wie könnte Kulturstaatsministerin Christina Weiss sonst mit Genugtuung feststellen, "dass sich Befürworter und Gegner des bisherigen Regelungspaktes aufeinander zu bewegen und die ärgsten und unsinnigsten Änderungen noch einmal bedenken". (dpa) Immerhin, "ärgste und unsinnigste Änderungen" der deutschen Rechtschreibung sind nach diesem Eingeständnis seit sieben, meistens neun Jahren Gegenstand des Deutschunterrichts an unseren Schulen, und wenn - wie sich abzeichnet - der harte Kern in der KMK sich erneut durchsetzt, wird das auch so bleiben. Die abgehalfterten deutschen Rechtschreibreformer haben wohl recht. Mit der Demokratie ist es an einigen Stellen in diesem unserem Lande nicht weit her.




Kommentar von rrbth, verfaßt am 13.04.2005 um 20.49 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#605

„Die neue Rechtschreibung hat sich in den Schulen bereits bewährt“

Mich würde ja _wirklich_ interessieren, womit diese Behauptung begründet wird. Sehr viele Lehrer, die _ich_ kenne, sind gegen die RSR, haben sich aber arrangiert, d.h. sie verwenden die „ss/ß“- und die Dreikonsonantenschreibung, vielleicht noch „Tollpatsch“ und „aufwändig“, und das war’s dann auch. Wenn Se ganz besonders willfährig sein wollen, schreiben sie bei Infinitiv-Erweiterungen grunsätzlich keine Kommas.

Schwierigkeiten wird es in den Schulen geben, wenn die ersten RSR-Fehler auch als solche gezählt werden.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 13.04.2005 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#604

Ich kann mir nicht helfen: Die ungeheure Komik, die darin liegt, daß ausgerechnet der mit so viel Sorgfalt zusammengeboßelte Rat die KMK derart in Bedrängnis bringt, erschüttert mein Zwerchfell (oder jetzt "Zwergfell" - nach Augst?) nachhaltig. Die Kultusminister sind wahrscheinlich dabei ganz froh über die Verlagerung der Verantwortung und womöglich zu weitreichenden Zugeständnissen bereit. Aber die Troglodyten aus der zweiten Reihe sind aufgeschreckt bis zur Kopflosigkeit. Jaja, die Schlauheit hat sie so weit gebracht, beneidenswert, wer frei davon...


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2005 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#603

Karin Wolff, die Pressesprecherin des VdS Bildungsmedien e. V., sorgt für Klarheit:

Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung bleibt wie beschlossen auch nach dem Ende der Übergangszeit am 1. August 2005 verpflichtende Grundlage für den Unterricht. Dies bekräftigte Kultusministerin Karin Wolff heute angesichts der erneuten Debatte um die Rechtschreibreform. "Es gibt keine Rolle und kein Röllchen rückwärts. Die Einsetzung des Rats für deutsche Rechtschreibung durch die Kultusministerkonferenz war richtig und hat sehr zur Versachlichung beigetragen", erklärte Wolff.

Die vom Rat für deutsche Rechtschreibung am 8. April 2005 vorgeschlagenen Änderungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung seien keine Rücknahme der Rechtschreibreform, sondern Modifikationen im Sinne der Schülerinnen und Schüler. "Die neue Rechtschreibung hat sich in den Schulen bereits bewährt. Jeder, der etwas entwickelt, weiß aber, dass nichts von Anfang an völlig perfekt ist", sagte die Ministerin. Die strittigen Fragen beträfen nur einige wenige Teilbereiche der Rechtschreibung. Änderungen in diesen Bereichen würden nach dem 1. August 2005 Eingang in den Unterricht finden. Bei der Getrennt- und Zusammenschreibung hält Wolff eine Verlängerung der Übergangsfrist für denkbar.

"Der überwiegende Teil der neuen Regeln bleibt von den Änderungen unberührt. Ab dem kommenden Schuljahr können alle Schulen auf einer verlässlichen Grundlage unterrichten", betonte die Ministerin.



Kommentar von F.A.Z., verfaßt am 13.04.2005 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#599

»Einmischung

12. April 2005 oll. Vor wem haben die Kultusminister eigentlich Angst? Vor Eltern, Lehrern oder Schulbuchverlegern? Offenkundig wollen sie um jeden Preis retten, was nicht mehr zu halten ist. Was in den Schulen schon so lange gelernt wurde, kann doch nicht falsch sein - so die kurzschlüssige Logik. Mit ihrer voreiligen Festlegung angeblich unstrittiger Teile der Reform wollen die Kultusminister offenbar schon wieder eine Diskussion beenden. Woher wollen sie wissen, daß der Rat für deutsche Rechtschreibung nicht schon in Kürze auch die Groß- und Kleinschreibung in Frage stellt? Vermutlich wissen manche Schulminister gar nicht, was ihre Schüler alles schreiben müssen: "Seit Langem, vor Kurzem, bei Weitem, das Meiste" - das ist sprachgeschichtlich ein Rückfall ins 19. Jahrhundert. Im Zuge der letzten Revision der Rechtschreibung wurde sogar eine sinnwidrige Schreibung wie "morgen Früh" eingeführt, vom ohnehin üblichen "heute Abend" und "morgen Nacht" ganz abgesehen. Doch die Kultusminister dekretieren, daß solche grammatikalisch falschen Schreibungen unumstritten seien. Eine unqualifizierte Einmischung in sprachwissenschaftliche Sachfragen kann sich der Rat für deutsche Rechtschreibung nicht gefallen lassen.«


( F.A.Z., 13.04.2005, Nr. 85 / Seite 12 )


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 13.04.2005 um 07.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#598

Wie sich die Bilder gleichen! Man erinnert sich: Seinerzeit befand die KMK gegen die Bedenken der von ihr selbst bestellten Experten, die reformierte Rechtschreibung halte allen Einwänden stand. Diesmal desavouiert und stranguliert sie abermals ein mit viel Getöse installiertes Gremium und zeigt noch deutlicher, bei wem die Regelungsgewalt liegt. Aber die Zeiten haben sich inzwischen geändert. Sollte der Vorsitzende des Rates zurücktreten oder sollten einige Mitglieder die Mitarbeit aufkündigen, so wäre der Ruf der Kultusminister endgültig ruiniert. In diesem Zusammenhag ist es durchaus denkbar, daß doch der eine oder andere Kultusminister ausschert, wie es aus dem Saarland schon angedeutet wird. Eine nur in Teilen in Kraft gesetzte Reformschrebung ist wohl wirklich das Ergebnis kopfloser Panik. Die KMK blickt gebannt aus das Datum 1. August, wohlwissend, daß eine Verschiebung das endgültige Ende der Reform bedeuten würde. - Noch einmal, ein letztes Mal vollendete Tatsachen schaffen, koste es, was es wolle, lautet die Devise. Die Gegner und Kritiker der Reform können, denke ich, ziemich gelassen und amüsiert zusehen, wie hier der letzte Akt der Posse Rechtschreibreform über die Bühne geht, bevor Darsteller und Kulissen für immer in der Versenkung verschwinden.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2005 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#597

Wenn es Thomas Groß nicht gäbe, müßte man ihn erfinden, als Komödienfigur des servilen Hofberichterstatters - auch wenn der Hof im Fürstentum Mannheim inzwischen etwas zerfleddert aussieht.

Aber lassen wir das, es ist nicht wichtig. Was die jüngste Entwicklung betrifft, so bin ich ziemlich sicher, daß es sich nicht um eine Verschwörung zwischen Duden, Zehetmair usw. handelt. Das wäre viel zu fein gesponnen und auch zu risikoreich. Denn die einmal ausgesprochenen Tatsachen stehen ja nun im Raum und werden nicht so leicht wieder vergessen. Dem Duden steht das Wasser bis zum Hals, er kann nur noch in einer weitgehenden Wiederherstellung der bewährten Orthographie eine Zukunft sehen.

Nein, es ist wohl tatsächlich anders gelaufen, als es geplant war. Die KMK hatte den Rat mit reichlich Personal aus den Verbänden und Unternehmen beschickt, die eine Fortsetzung des bisherigen Durchsetzungskurses zu garantieren schienen. Der VdS Bildungsmedien, wichtigster Drahtzieher im Hintergrund, hat ja völlig zutreffend festgestellt, daß Kommission und Beiräte nun im Rat "zusammengefaßt" sind. Herr Zehetmair wollte die einzigartige Chance wahrnehmen, schließlich doch nicht nur als der Minister in die Geschichte einzugehen, der maßgeblich die Verhunzung der deutschen Sprache betrieben hat. Nun kann er sich überlegen, ob er sein Amt niederlegt oder auf eine spätere Gelegenheit wartet.

In den letzten Tagen muß der VdS sehr aktiv gewesen sein. Es trifft ja zu, daß seine "Verbändeallianz" im Rat nicht vollzählig vertreten ist. Daher hat er der ahnungslosen Frau Wanka wohl eingeredet, die "Verbände" müßten noch gehört werden. Es handelt sich um die GEW (Stange), den Bundeselternrat, die stets marionettenhaft agierenden Schülervertreter und andere. Die Experten mögen im Rat sitzen, entscheiden sind die Interessen des Bestorganisierten, und das ist der Verband der Schulbuchverlage mit seinem rüden Geschäftsführer.

Natürlich gibt es auch im Rat Bremser. An erster Stelle ist die Mannschaft vom Österreichischen Wörterbuch zu nennen. Im Internet liest man bereits Probeseiten aus der 40. Auflage des ÖWB, die im August erscheinen soll, also im wesentlichen fertig sein dürfte. Dagegen hat der Duden alles schon hinter sich, auch die Pleite mit der 23. Auflage. Insofern ist die Interessenlage tatsächlich verschieden.


Kommentar von Süddeutsche Zeitung, verfaßt am 13.04.2005 um 06.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#595

»Dank und Tücke
Die Kultusminister regeln nun auch den Rat für Rechtschreibung


Knapp vier Monate ist der Rat für deutsche Rechtschreibung erst im Amt, da entziehen die deutschen Kultusminister dem von ihnen selbst eingesetzten Organ offenbar schon das Vertrauen. Gleich zweimal bedanken sich die Kultusminister in einer am gestrigen Dienstag veröffentlichten Pressemitteilung beim Rat und bei dessen Vorsitzenden, dem ehemaligen bayrischen Kultusminister Zehetmair: "für die von ihm in so kurzer Zeit geführte Diskussion sowie die erarbeiteten Vorschläge, vor allem zur Getrennt- und Zusammenschreibung". Tatsächlich aber bleibe alles, wie es ist: "Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung bleibt nach dem Ende der für die Fehlerkorrektur in den Schulen eingeräumten Übergangszeit am 1. August 2005 verpflichtende Grundlage des Unterrichts."

Das wird so einfach nicht sein. Tatsächlich hatte sich der Rat für deutsche Rechtschreibung auf seiner Sitzung am 8. April (siehe SZ vom 8. und 9. April) auf eine Rücknahme der neuen Regelungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung verständigt -- und dabei geht es keineswegs, wie die Kultusminister in ihrer Pressemitteilung behauptet, um "nur einen relativ geringen Teil des Gesamtumfangs" der Reform, sondern um deren entscheidenden Eingriff in den Wortschatz der deutschen Sprache. Und nicht genug damit, dass die Kultusminister die Bedeutung dieser Vorschläge herunterspielen: Sie setzen gleichzeitig eine Frist, die bislang nicht zu den Bedingungen des Rats gehörte: Bis Anfang Juni sollen alle Vorschläge ausgearbeitet sein. Dabei hatte der Rat mit seiner Arbeit gerade erst angefangen und nur den ersten der beiden für die Getrennt- und Zusammenschreibung relevanten Paragrafen der Reform diskutiert. Es wird Hans Zehetmair nicht leichtfallen, den Mitgliedern seines Rates zu erklären, in welchem Maße sie zur Willfährigkeit bestellt sind. tost«

(SZ vom 13.4.2005, Seite 13 - Feuilleton)


Kommentar von Mannheimer Morgen, verfaßt am 13.04.2005 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#594

»Reform-Konsequenz
Von Thomas Groß


Es gehört zum Schicksal der Rechtschreibreform, dass sie nicht nur viel Verwirrung gestiftet hat. Vieles, was mit ihr zusammenhängt, klingt zudem verwirrender, als es tatsächlich ist. Die Kultusministerkonferenz zieht mit ihrer Mitteilung, dass zum 1. August nur die unstrittigen Reformteile für den Schulunterricht verbindlich werden, lediglich die Konsequenz aus der bisherigen Arbeit des Rats für deutsche Rechtschreibung. Sie teilt dies nämlich für den allerdings wahrscheinlicher werdenden Fall mit, dass nicht alle Abstimmungsprozesse für eine Korrektur der strittigen Reformteile bis 1. August bewältigt sein könnten. Und was bis dahin noch strittig ist, kann ja wohl nicht verbindlich werden für den Unterricht an Schulen.

Die Beschlüsse des Rats müssen, wenn sie denn erfolgt sind, noch mit Lehrer- und Elternverbänden beraten werden, und was die Kultusministerkonferenz danach beschließt, muss auch länderübergreifend abgestimmt sein. Dieses Procedere hat den Reformprozess von Anfang an erschwert und erschwert ihn eben auch weiter.

Natürlich lassen sich gute Gründe dafür finden, gegen die Rechtschreibreform zu sein. Man mag ihr beispielsweise vorwerfen, über der Betonung von Lernerleichterungen für Schüler die Umstellungs-Erschwernisse für Erwachsene vernachlässigt zu haben. Bei der Beurteilung der neuesten Entwicklung sollte man aber eines berücksichtigen: Sie vollzieht sich deshalb so, weil auf (berechtigte) Kritik doch noch Rücksicht genommen wird.«


( Mannheimer Morgen, 13. April 2005 )



Kommentar von Badische Zeitung, verfaßt am 13.04.2005 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=238#593

»Wider die Verarmung
Der Rat für Rechtschreibung will wieder mehr Verben zusammenschreiben


Und sie bewegt sich doch. Die bislang festgefahrene Debatte um die Rechtschreibreform scheint wider Erwarten zu konkreten Ergebnissen zu führen. Der Rat für Rechtschreibung plädiert dafür, wieder mehr Verben zusammenzuschreiben. Die neuen Regeln, die in vielen Fällen die Getrenntschreibung vorsehen, sind ein Kernpunkt der Kritik. Endgültig beschließen will das Gremium im Juni.

Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich. Hatte es doch zunächst den Anschein, der Rat für Rechtschreibung, der an die Stelle der zuletzt handlungsunfähigen Zwischenstaatlichen Kommission getreten ist, sei nichts weiter als ein Feigenblatt der Kultusministerkonferenz - zu nichts anderem ins Leben gerufen, als die Reformgegner zu befrieden. Nun aber bekennt der Zusammenschluss von 36 Experten so deutlich Farbe, dass den Kultusministern nicht wohl dabei sein kann. Vorsorglich ließen diese nach einer eilig anberaumten Telefonkonferenz gestern verlauten, am 1. August - dem ursprünglichen Stichtag - sollten jetzt nur noch die unstrittigen Teile in Kraft treten, um eine, wie es in einer Pressemitteilung heißt, Verunsicherung der Schüler zu vermeiden.

Als ob diese nicht schon groß genug - und der Schaden, den das Hin und Her um die richtige Rechtschreibung des Deutschen angerichtet hat, nicht unabsehbar wäre. Gleichwohl: Die Entscheidung, die von der Reform vollstreckte Ausmerzung des semantischen Unterschieds zwischen "auseinander setzen" und "auseinandersetzen", "frisch gebacken" und "frischgebacken" - also zwischen der konkreten und der übertragenen Bedeutung - rückgängig zu machen, ist gut und richtig. Und seien wir ehrlich: Zucken wir nicht immer noch davor zurück, Sinneinheiten wie "krankschreiben" oder "kennenlernen" willkürlich auseinander zu reißen?

Das Bestreben der Reformer, die Orthographie der deutschen Sprache zu vereinfachen, mag von seinem Ansatz her nachvollziehbar sein. Auch wenn Sprachwissenschaftler zu Recht davor gewarnt haben, per Ordre de Mufti in ein gewachsenes, lebendiges Gewebe einzugreifen. Die Umsetzung allerdings hat stattdessen nur zu einer allgemeinen Verwirrung geführt, die inzwischen selbst eingefleischte Orthographie-Cracks erfasst hat. Wenn aber das Reformziel derart verfehlt wurde, kann die Folgerung nur lauten: Wieder mehr Differenzierung - wider die verordnete Sprachverarmung.

So jedenfalls ist der Vorstoß des Rates unter dem beherzten Vorsitz des ehemaligen bayerischen Wissenschaftsministers Hans Zehetmair zu verstehen. Dass die Bevölkerung die ihr aufgestülpte Reform nie so recht akzeptiert hat, dürfte dem Gremium Rückenwind geben. Und es sieht ganz so aus, als würde die Kultusministerkonferenz mit dem Rat zumindest in diesem Punkt zurückrudern.«


( Badische Zeitung vom Mittwoch, 13. April 2005 )




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