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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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08.03.2005
 

Die Quadratur des Quadrats
Forschung 2005

Wissenschaftler vom Arbeitsbereich Allgemeine Psychologie der Freien Universität Berlin wollen nachweisen, daß vertraute Schreibweisen vertraut sind, unvertraute dagegen nicht.

Die Wissenschaftler wollen es experimentell nachweisen. In einem Speziallabor messen sie Blickbewegungen und Pupillenveränderungen bei lesenden Kindern.

Die Kinder bekommen Texte in zwei Versionen zu lesen: einmal in der normalen, einmal in der reformierten Rechtschreibung. Schon vor Auswertung der Meßergebnisse hat Dr. Florian Hutzler den Eindruck, »dass viele bei Wörtern der alten Rechtschreibung irritiert reagieren« - denn: »bei unbekannteren Wörtern stockt die Pupille länger als bei geläufigen«.

Die Beweis dafür, daß »die neue Rechtschreibung das Lesen(lernen) erleichtert hat«, ist wenigstens für Hutzler damit fast schon erbracht. Doch wie gut sind seine Meßergebnisse wirklich? Wären nicht noch wesentlich stärkere Pupillenveränderungen erreichbar gewesen, wenn man den Kindern zum Vergleich Texte in Fraktur oder gar in chinesischer Schrift vorgelegt hätte?

Auf diese an sich nur folgerichtige Idee ist Hutzler nicht gekommen, genausowenig wie sein Vorgesetzter Prof. Dr. Arthur M. Jacobs, der überdies zu wissen glaubt, daß die Debatte über die Rechtschreibreform »bislang ( . . . ) fast ausschließlich von ästhetischen Argumenten dominiert« wurde. Die deutsche Bildungskatastrophe hat die Lehrstühle erreicht. Dr. Hutzler hat bereits einen Termin bei Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, damit er ihr seine Studie persönlich vorstellen kann. Wissenschaftler, die sich mit der Rechtschreibreform tatsächlich wissenschaftlich befassen, hatten einen solchen Termin in noch so vielen Jahren noch nicht.



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Kommentare zu »Die Quadratur des Quadrats«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2014 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#9776

Natürlich hat sich die Aussprache wie in allen Sprachen verändert, was man ja auch daran sieht, daß alte chinesische Gedichte in heutiger Aussprache oft den Reim verloren haben. Warum das alles so oft (ja, fast immer) in unseren nicht-sinologischen Einführungsbüchern falsch dargestellt wird, weiß ich auch nicht. Ich sehe nur, daß einer vom anderen abschreibt. Der Begriff "Bilderschrift" wird allgemein ziemlich gedankenlos verwendet. Auch größere Geister haben früher oft - und manchmal lobend - die chinesische Schrift so beschrieben, als verwirkliche sie das philosophische Hirngespinst einer Begriffsschrift. Das war sie zu keinem Zeitpunkt. Jedes chinesische Schriftzeichen hat (je nach Dialekt) eine bestimmte Aussprache, steht also für ein Morphem, früher praktisch = Lexem. (Ausnahmen, also nichteindeutige Zuordnungen, gibt es natürlich wie überall.) Die irrigen Deutungen werden unterstützt durch die weitverbreitete Zusammengesetztheit der Zeichen aus Lauter und Deuter.
Die koreanische Schrift kombiniert die aus indischen Schriften übernommene Alphabetschrift in geschickter Weise mit einer Silbenschrift, indem sie die auffälligen Blöcke bildet, die der agglutinierenden Sprache sehr gut entsprechen.


Kommentar von Kohl, verfaßt am 11.01.2014 um 17.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#9774

Mir fällt gerade auf, daß die Schriftzeichen nicht angezeigt werden. Bei dem Beispiel mit der Unterscheidungsschreibung handelt es sich um ran2 aus zi4ran2 (Natur) und ran2 aus ran2shao1 (brennen)


Kommentar von Kohl, verfaßt am 11.01.2014 um 17.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#9773

Eigentlich ist die chinesische Schrift nichts anderes als eine etymologische Silbenschrift ... der Gedanke liegt umso näher, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Schriftzeichen im Altchinesischen oft noch unterschiedlich ausgesprochen wurden. Man sieht an der ständigen Verwechslung von gleichgelesenen Zeichen in alten Texten (通假字), daß die Verwendung sehr phonetisch war. Mit dem Lautverfall in der Entwicklung der chinesischen Sprache wurde die Schrift immer etymologischer, also orthographischer. Außerdem wurden Unterscheidungsschreibungen hinzugefügt, wie bei 然 und 燃.

Professor Ickler, selbst in unserer Einführung in die Sprachwissenschaft steht unter anderem, die chinesische Schrift im Altchinesischen sei eine Bilderschrift, im modernen Chinesisch dann eine Logogrammschrift. Wieso machen denn Sprachwissenschaftler solche Fehler? Im gleichen Absatz wurde die koreanische Schrift auch als Silbenschrift bezeichnet ...


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2014 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#9772

Hier noch einmal eine andere Fassung von Ernst Pöppels falschen Ansichten über die chinesische Schrift (vgl. hier):

Irgendwann einmal in der Geschichte entdeckte man, dass man die Abfolge von Sprachlauten oder die Abfolge von Wörtern und Begriffen verbildlichen kann und damit eine visuelle Darstellung der gesprochenen Sprache erhält. Es haben sich im Wesentlichen zwei Formen des Lesens entwickelt:
Einmal sind es die Alphabetschriften, bei denen eine eins-zu-eins-Zuordnung von Sprachlauten und Buchstaben versucht wird. Diese Umwandlung von Ton in Bild ist prä-semantisch, also vor aller Bedeutung des Gesagten.
Und dann gibt es dagegen die bildlichen Schriften, früher einmal die Hieroglyphen und jetzt die Piktogrammschriften wie sie im Chinesischen oder im Kanji des Japanischen verwendet werden, oder auch die sehr konkrete Bildschrift Dongba, die im Süden Chinas an der Grenze zu Myanmar noch verwendet wird.
Hier wird durch das Schriftzeichen selber Bedeutung mitgeteilt, und es handelt sich um eine prinzipiell andere Abbildung von Ton, der gesprochenen Sprache also, und visuellem Symbol, seiner bildlichen Darstellung also. In diesem Fall trägt das Schriftzeichen anders als beim Buchstaben bereits Bedeutung.

In gewisser Weise kann man sagen, dass die Piktogrammschriften den Bedürfnissen des Gehirns näher kommen, da Bildliches bereits mit Bedeutung aufgeladen ist, was generell für Objekte der visuellen Wahrnehmung gilt, denn sonst könnten wir nicht sehen; das ist nur eine andere Formulierung einer These von Immanuel Kant:
„Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“. Piktogrammschriften sind aus meiner Sicht „natürlicher“, auch wenn sie offenbar relativ mühsam zu erlernen sind, weil es eben viele Tausende von Schriftzeichen gibt.
So nimmt es denn nicht wunder, dass die Hirnareale, die sich mit dem Lesen von Alphabetschriften und von Piktogrammschriften befassen, verschieden sind.
Piktogrammschriften beanspruchen in einem größeren Maße Areale der rechten Gehirnhälfte, während Alphabetschriften stärker die linke Gehirnhälfte beanspruchen.
Hierzu gibt es eindrucksvolle Belege aus Studien in Japan  mit Patienten, die Störungen einer Gehirnhälfte hatten. Im Japanischen gibt es neben der klassischen chinesischen Schrift des Kanji auch noch zwei alphabetartige Schriftsysteme, nämlich das Hiragana und Katagana.
Patienten mit Funktionsstörungen der rechten Gehirnhälfte im Hinterhauptsbereich verlieren nur die Fähigkeit, Kanji zu lesen, wobei die Kompetenz für die Alphabet-artigen Anteile der Schrift erhalten bleiben, während bei Läsionen der linken Gehirnhälfte die Kompetenz für Kanji verschont bleibt.
Solche Dissoziationen der beiden Gehirnhälften beim Lesen sind für Alphabetschriften nicht bekannt, bedeuten aber, dass in verschiedenen Regionen dieser Welt das Gehirn beim Lesen in sehr unterschiedlicher Weise ausgebeutet wird. (...) Nebenbei sei bemerkt, dass die Unkenntnis darüber, dass Piktogrammschriften und Alphabetschriften jeweils unterschiedliche Areale des Gehirns beanspruchen, zu Missverständnissen in der interkulturellen Kommunikation führen kann. Schriftliches in beiden Lesekulturkreisen führt jeweils zu unterschiedlichen Assoziationsfeldern, und häufig werde ich davon überrascht, wie verschieden Denkabläufe bei meinen Freunden in Japan oder China sind, mit denen ich wissenschaftlich zusammen arbeite. Dies liegt meines Erachtens an den unterschiedlichen Prägungen, wenn wir in der Kindheit das eine oder das andere Schriftsystem zum Ausdruck unserer Gedanken lernen.


Wenn aber nun die chinesische Schrift gar keine Bilderschrift ist – was folgt daraus für die ganze Theorie?


Kommentar von Badische Zeitung vom Samstag, 9. September 2006, verfaßt am 23.09.2006 um 18.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#4850

Lesetest mit dem "Guckometer"

Die Leseforschung ist kein bloßes Glasperlenspiel. Professor Arthur M. Jacobs, der an der Freien Universität (FU) Berlin Allgemeine und Neurokognitive Psychologie lehrt, kennt eine Fülle praktischer Anwendungen. Das "Guckomobil" , unter Jacobs´ Leitung entwickelt, ist eine davon. Das mobile Forschungslabor ist seit Februar 2005 an Berliner Grundschulen im Einsatz, um die Lesefähigkeit von Kindern zu testen.

Der Kleinbus ist mit einem Blickbewegungsmessgerät, dem sogenannten "Guckometer" , ausgestattet. Auf einem Bildschirm erscheint ein Satz. Während er von einem der Schüler gelesen wird, zeichnet eine Infrarotkamera die Bewegungen seiner Augen auf. Kein Mensch lässt die Augen während des Lesens kontinuierlich über einen Text gleiten, sondern in drei bis vier ruckartigen Sprüngen pro Sekunde. Wie oft und wie lange der Blick an einem Wort hängen bleibt, lässt Rückschlüsse zu auf die Lesekompetenz eines Kindes oder auf die Schwierigkeit eines Textes.

Von 2500 Kindern in zwölf Berliner Grundschulen, die zunächst mit Standardverfahren auf ihre Lese- und Rechtschreibfähigkeiten sowie ihr Textverständnis getestet wurden, erwiesen sich etwa 250 als förderungsbedürftig. Bei ihnen kam das "Guckomobil" zum Einsatz, weil es eine differenzierte Diagnose erlaubt. "Manche Kinder" , erzählt Projektmitarbeiterin Verena Thaler, "fixieren fast jeden einzelnen Buchstaben. Dies deutet darauf hin, dass die Kinder lautierend lesen, also noch keine Automatisierung des Leseprozesses erreicht haben."

Wer extrem langsam liest, muss eine höhere Geschwindigkeit trainieren. Die individuelle Diagnose erlaubt eine individuelle Förderung. Sie bietet sich auch bei Schlaganfallpatienten an. Von den 200 000 Patienten in Deutschland leiden laut Jacobs 70 000 unter Sprachstörungen in den unterschiedlichsten Ausprägungen. "Wir können den Kliniken ergänzend zu den herkömmlichen Tests mit Papier und Bleistift eine differenzierte Computerdiagnostik anbieten."

Empirische Studien hätten auch der kürzlich endgültig beschlossenen Rechtschreibreform gut getan, meint Jacobs. Die jahrzehntelange Diskussion darüber wurde vorwiegend emotional oder unter politischen und ästhetischen Gesichtspunkten geführt. Dabei hätten die Verantwortlichen auch auf die Ergebnisse der neurokognitiven Forschungen zurückgreifen können.

In einer Blickbewegungsstudie testete Jacobs´ Forscherteam die Auswirkungen der Rechtschreibreform auf die Leseleistung von Erwachsenen und Kindern. Über die "Balletttänzerin" oder die "Schifffahrt" stolpern alle, auch wenn die Schreibung nach dem Stammprinzip schon seit sechs Jahren gelehrt wird.

Zu Verwirrungen führten auch die Regeln zur Zusammen- und Getrenntschreibung. Während Erwachsene die zusammengeschriebenen alten Wörter besser verarbeiten, kommen Kinder mit den neuerdings auseinander geschriebenen besser zurecht. Arthur M. Jacobs bleibt unverständlich, wie "mehr als zehn Jahre über eine Rechtschreibreform diskutiert werden konnte, ohne danach zu fragen, wie sie sich auf die Leseleistung von Kindern auswirkt" . Anita Rüffer


Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 02.04.2006 um 20.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#3786

#2381
"Trotzdem (bzw. deshalb) geht von der Änderung des Schriftbilds von *Stengel* zu *Stängel* die Suggestion aus, man müsse das Wort jetzt anders sprechen." R.M.

Gerade viele Lehrende fallen auf so etwas herein. Im Englischen werden bei ganz natürlichem Sprechen "than" und "then" gleich ausgesprochen. Und das ist auch zu erwarten, denn beide gehen ja auf dasselbe Wort zurück. Sobald aber der Unterschied in der Schreibung "erklärt" wird, schleicht sich zur Begründung eine "eigentliche" Aussprache ein, die sich den Lernenden als (in Wirklichkeit unbegründetes Ballast-)Wissen aber auch ins Gedächtnis festsetzt. Dasselbe gilt auch für "man" und "men", wo derart Belehrte plötzlich ein dem kurzen "i" nahen Vokal in der Pluralform vorführen. (Wer diesen Vokal in der Pluralform in natürlicher Sprache gehört hat, sollte auch bei "can" genau hinhören; in einigen Dialekten findet der sich da nämlich ganz natürlich statt des kurzen "ä"-Lautes.) – Die "Suggestion", von der R.M. hier spricht, ist also durchaus real.


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 28.11.2005 um 12.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2382

Vielen Dank für die Klarstellung!


Kommentar von R. M., verfaßt am 28.11.2005 um 12.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2381

e und ä werden in der Standardaussprache nur unterschieden, wenn der Vokal lang ist (Herr Ludwig nannte schon das Beispiel Ähre vs. Ehre). Trotzdem (bzw. deshalb) geht von der Änderung des Schriftbilds von Stengel zu Stängel die Suggestion aus, man müsse das Wort jetzt anders sprechen.


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 28.11.2005 um 11.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2380

Ich spreche keine fränkische Mundart, sondern Standarddeutsch, das keinen Unterschied im Vokal von "schänden" und "senden" kennt.

Herr Ickler,

wenn sie einmal die Aussprache von "Bär" und "wer" vergleichen - sprechen Sie dann Bär mit dem e-Laut von "wer" (fast geschlosener Mund) oder sprechen Sie das e in "wer" wie das ä in "Bär" (Kiefer klappt nach unten)?

Ersteres würde ich als norddeutsch empfinden, letzteres als tiefschwäbisch.


Kommentar von Bardioc, verfaßt am 01.11.2005 um 17.58 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2214

''Ich sehe in dem vorgeschlagenen Kompromiß kein Zugeständnis, sondern eine Möglichkeit, die Tür wieder aufzumachen für das Bessere. Haben Sie einen besseren Vorschlag?'' (Karin Pfeiffer-Stolz am 27.10.2005 um 22:20 Uhr)

Ein Vorsc hlag -- ob er nun besser ist, weiß ich nicht -- wäre, die Kultusminister und die Öffentlichkeit immer wieder darauf aufmerksam zu machen, wo die Schwachstellen der Reform liegen und daß die klassische Rechtschreiung hier besser ist und warum.
Der Wahrheit können sich auch die Kultusminister auf die Dauer nicht verschließen.


Kommentar von Bardioc, verfaßt am 31.10.2005 um 18.58 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2193

Hiermit bestätigt sich wieder einmal das Sprichwort, wonach ''gut gemeint'' das Gegenteil von ''gut'' ist. Was ich aber nicht verstehen kann, ist, warum man nicht auch eine Art ''Erfolgskontrolle'' vorgesehen hat, falls sich herausstellen sollte, daß ihr Reformversuch nicht die gewünschte Wirkung zeitigt. Jeder halbwegs vernünftige und ''lebenserfahrene'' Mensch weiß doch, daß er eine Sache auch falsch einschätzen kann und dann vielleicht großen Schaden anrichtet. Wenn man also wirklich ''etwas Gutes für die aus ihrer Sicht Unterprivilegieirten'' tun wollte, dann müßte man doch schon im Interesse der eigenen Sache eine Art Notbremse für den Fall vorgesehen haben, daß sich die Sache nicht im gewünschten Sinne entwickelt. Immerhin sind ein Großteil der an der Reform beteiligten Professoren, als Menschen, von denen man gemeinhin erwartet, daß sie wissen, was sie tun, zumindest auf ihrem ureigensten Fachgebiet. In diesem Sinne haben die Professoren Eisenberg und Munske tatsächlich für sich persönlich die Notbremse gezogen und so ihr Gesicht gewahrt. Auch von den Kultusministern sollte man doch erwarten, daß sie die Verantwortung, die ihr Amt nun mal mit sich bringt, auch wahrnehmen. Sie wollen ihr Gesicht wahren, indem sie den als falsch erkannten Weg weitergehen. Auf diese Weise verlieren sie ihr Gesicht doch erst recht. Man könnte aber auch zum umgekehrten Schluß kommen, nämlich, daß es von Anfang an gar nicht das oben erwähnte Ziel war, das man verfolgte, sondern daß man dies nur vorgab, um den Widerstand von Anfang an auszuschalten.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 31.10.2005 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2191

Ja, Bardioc, das ist schon wahr: Das Ergebnis der Rechtschreibreform (man ist immer versucht, "sogenannt" dazuzusetzen...) ist mindestens teilweise die Vernichtung eines Kulturgutes. Prof. Ickler spricht ja auch irgendwo vom "Zerstörungswerk". Das war aber nicht das Ziel, wenn auch der antielitäre und bildungsfeindliche Touch nicht zu übersehen ist. Die Reformer wollten wirklich etwas Gutes für die aus ihrer Sicht Unterprivilegieirten tun. Daß das nicht geglückt ist, liegt vor allem an der ganz unzureichenden Vorstellung, die sie von Sinn und Zweck der Orthographie hatten. Sie haben einfach an ein paar Fädchen gezupft, die an den Rändern des hochkomplexen und immer nur teilverstandenen Gebildes Rechtschreibung heraushängen, und nun zeigt sich, daß dabei das ganze Gewebe in Unordnung und Auflösung geraten ist. Dies ist der eine Grund des Scheiterns: Dilettantismus. Der andere, den auch Sie hervorheben, ist die Art und Weise der Einführung, der "Durchsetzung", wie es immer so entlarvend hieß. Nicht nur der Sprache wurde Gewalt angetan, sondern - vielleicht schlimmer noch, weil an Wehrlosen = Schülern exekutiert - auch dem Sprachvolk. Daran hätte übrigens auch eine parlamentarische Debatte und Ermächtigung nichts geändert. Also, ob per Erlaß oder per förmliches Gesetz: Der Sündenfall besteht darin, daß der Staat sich erstmals und ausdrücklich der Sprache, eines das Menschsein konstituierenden Gutes, bemächtigt hat. Genau das ist es, was bis zum heutigen Tag das weitverbreitete Unbehagen auch beim "einfachen" Schreibvolk erzeugt. Die Leute fühlen, daß da in ihr Ureigenstes, man könnte fast sagen: in ihre Intimsphäre eingegriffen wurde.


Kommentar von Bardioc, verfaßt am 31.10.2005 um 17.12 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2190

Noch einmal zum Kommentar von kratzbaum am 28.10.2005 um 19:41 Uhr:

Die Reform würde nicht existieren, wenn Rechtschreibung nicht bewertet würde.

Meiner Meinung nach gibt es die Rechtschreibreform, weil Menschen, wenn sie einmal Lesen gelernt haben, Geschriebenes, dem sie gewahr werden, automatisch lesen müssen. Die Bedeutung des Geschriebenen wird sofort erfaßt, ich wüßte nicht, wie man dies abstellen oder unterdrücken könnte. Jedes durch ein Doppel-s ersetzte ß, jede andere Schreibung von Wörtern, die man noch einem nichtreformierten Schriftbild und damit einer Bedeutung zuordnen kann, macht dem Leser, der es anders gelernt hat, bewußt, daß andere über ihn und über seine in langen Jahren in der Schule erworbenen Fähigkeiten Macht ausüben können und dürfen. Ein solcher Leser kann sich nicht dagegen wehren, allenfalls verweigern. Aber dies kann man nicht auf Dauer. Rechtschreibreform heißt, Macht über andere Menschen zu haben. Rechtschreibreform heißt, anderen Menschen diejenigen Schreibungen zum Lesen aufzwingen zu können, die man selbst für richtig hält. Einen Kompromiß bezüglich einer Rechtschreibreform einzugehen heißt, anderen Macht über einen selbst zuzugestehen! Macht über einen, auf einem Gebiet, auf dem es keinen Grund gibt, warum man -- in einem demokratischen Staat -- Machtausübung guten Gewissens legitimieren kann. Letztlich ist eine Rechtschreibreform ein Akt der Sprachplanung. Aber warum sollen sich freie Bürger ''planen'' lassen? Dies mag gerechtfertigt sein, wenn aus einer Reihe von Dialekten eine Hochsprache und ihre Verschriftung entwicklet werden soll. Aber wir haben bereits eine Hochsprache -- und ich habe kein Problem mit diesem Begriff -- und eine gut funktionierende Rechtschreibung. Verbesserungen sind hier kaum noch möglich. Die Rechtschreibreform hat klar eine Zerstörung unserer Hochsprache zum Ziel. Wer hat das Recht, sowas zu tun? Woanders bemüht man sich, vom Aussterben bedrohte Sprachen wiederzubeleben, zu erforschen und zu beschreiben!


Kommentar von Bardioc, verfaßt am 31.10.2005 um 15.58 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2187

Im Zusammenhang mit der Diskussion um einen Kompromiß bezüglich der ß/ss-Schrebung ist dieser Beitrag von Wolfgang Wrase vom 31.10.2005 um 07:02:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=270#1292
besonders hervorzuheben:

[i]Thomas Steinfeld in der SZ: Bei der Trennung von Fremdwörtern soll es in Zukunft wieder möglich sein, deren Morphologie zu berücksichtigen - „Re-spekt“ anstatt heute „Res-pekt“.

Das ist nicht richtig, bisher lautete die Reform: Re-s-spekt und Kon-s-t-rukt, also Kon-strukt oder Kons-trukt oder Konst-rukt. Was hat denn der Rat hierüber entschieden?

Übrigens ein typisches Beispiel dafür, wie sich Neuerungen zwanghaft durchsetzen, die "nur" als Optionen eingeführt werden. Keineswegs weil jemand sie für gut hält, sondern der Mechanismus läuft wie folgt ab: Kaum sieht jemand eine neue Schreibweise, denkt er: "Alarm, das ist offenbar neue Rechtschreibung, das muß ich jetzt auch so schreiben." Deshalb erblicken wir massenhaft Delfin, aufwändig, selbstständig. Dazu regelmäßig die falsche Darstellung in den Zeitungen, auch schon in der Schule: Alt: Delphin. Neu: Delfin usw. Und hier ist Thomas Steinfeld reingefallen mit seiner Darstellung: Alt: Re-spekt. Neu: Res-pekt.[/i]

Ich habe manchmal den Eindruck, daß wir uns in der Diskussion um einen derartigen Kompromiß immer wieder im Kreise drehen.


Zu Pavel Nemec vom 28.10.2005 um 19:45 Uhr:

In alten Büchern kann man verfolgen, wie das nachgestellte "e" zuerst als richtiges "e" auf "a", "o" und "u" kletterte und dort dann zu Strichlein oder Pünktchen wurde.

Auf ähnliche Weise ist auch das Fragezeichen entstanden: Aus ''questio'' wurde ''qo'', dessen beide Buchstaben dann übereinandergestellt und schließlich zum Fragezeichen wurden. Deutschunterricht wäre viel interessanter, würden solche Hintergründe vermittelt. Stattdessen werden den Schülern nur Regeln als Selbstzweck vorgesetzt. (Aber offenbar akzeptieren sie, daß man Regeln zu lernen hat!) Kein Wunder, daß man die Schüler damit leicht für eine Reform vereinnahmen kann.

Der wohl unaufhaltbare allmähliche Wegfall des Dativ-e führt zwangsläufig zur Auslautverhärtung des Schluß-Konsonanten.

Siehe obiges Zitat von Herrn Wrase! Wenn man etwas als ''wohl unaufhaltbar'' darstellt, leistet man diesem Mechanismus Vorschub. Das Weglassen des Dativ-es (Sollte man da einen Apostroph schreiben oder nicht?) mag aus sprachökonomischen Gründen sehr oft erfolgen, es gibt aber auch einige Wendungen, in denen dies nicht schön klingt.


Zum Kommentar von kratzbaum am 28.10.2005 um 19:41 Uhr:

Die vielbemühte "Toleranz" wurde hier ja schon oft hin- und hergewendet. Ich wiederhole meine Überzeugung, daß es Toleranz nur gegenüber den Schreibern im Hinblick auf ihre unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten geben kann. Die Reform würde nicht existieren, wenn Rechtschreibung nicht bewertet würde.

Natürlich sollte man Verständnis für die unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten unterschielicher Schreiber haben, was aber nicht bedeutet, daß diese nicht doch noch etwas lernen könnten.

Die Muttersprache lernt man perfekt unabhängig vom Grad der jeweiligen Intelligenz, sollte es dann nicht auch möglich sein, die Schriftform seiner Muttersprache ebenso perfekt beherrschen zu können, ebenfalls unabhängig von Intelligenz oder Befähigung? Es wurden an anderer Stelle schon genügend Belege dafür genannt, daß es früher weniger Probleme mit der Rechtschreibung gab, d. h. daß auch Menschen, die nur z. B. die Hauptschule besucht hatten, sicher im Umgang mit der Rechtschreibung waren. Wenn es heute Rechtschreibschwierigkeiten gibt, dann sind das Folgen der Reform und auch Folgen unserer Mediengesellschaft. Die Reformer geben vor, Probleme zu lösen, die sie selbst mit geschaffen haben. Doch gerade wenn -- medienbedingt -- Menschen heute Schwierigkeiten mit ihrer Sprache haben, gerade dann ist eine qualitativ hochwertige Rechtschreibung besonders wichtig. Die Schreiber sind dafür verantwortlich, daß auch Menschen mit sprachlich nicht so gut ausgebildeten Fähigkeiten ihre Text verstehen. Das geht nicht mit einer Deformschreibung, in der
Unterscheidungsschreibungen abgebaut, dafür aber nutzlose Varianten en masse hinzugefügt werden. Das geht nicht, wenn man Kommata abschafft und Wörter auseinanderreißt oder durch veränderte Groß- und Kleinschreibung Wortarten vermischt. Das geht nicht, wenn man durch Abschaffung solch genialer Buchstaben wie dem ß die Silben- bzw. Wortgrenzen verwischt, so daß -- auch in bezug auf die fehlenden Kommatas -- ein Rekonstruieren des Sinns notwendig wird. Und das in vielen Sätzen. Dieser Zwang zum Rekonstruieren ermüdet selbst den geübten und sprachbegabten Leser. Schon aus diesem Grunde darf es keinen Kompromiß geben.

Wenn Rechtschreibung nicht bewertet werden würde, würde es bald keine bezüglich einer Rechtschreibnorm ''rechtgeschriebenen'' Texte mehr geben, einfach deshalb, weil sich niemand die Mühe machen würde, diese Normen zu lernen, da es ja eh egal wäre, ob man sie beherrscht oder nicht. Rechtschreibung gibt es ja nicht zum Spaß oder weil man die Schüler damit ärgern will. Rechtschreibung erfüllt einen Zweck, anderenfalls könnten und sollten wir darauf verzichten. Schüler können noch nicht ermessen, was für sie gut ist oder nicht. Sie können noch nicht ermessen, ob und warum eine bestimmte Schreibung nun besser ist als eine andere. Sie müssen experimentieren und Fehler machen können, aber es muß jemanden -- den Lehrer -- geben, der ihre Experimente bewertet, ihnen sagt, was falsch ist, anderenfalls sind sie wenig nutzbringend. (Es mag sein, daß der eine oder andere Schuler den Vor- oder Nachteil der einen oder anderen Schreibweise erkennt, wenn das aber nicht von ''höherer'' Seite anerkannt und belobigt wird, wird diese Erkenntnis im Alltag und in der Masse an Eindrücken untergehen.) Wenn es ein guter Lehrer ist, dann sagt er ihnen auch noch, warum etwas falsch ist.

Ansonsten, sehr geehrter kratzbaum, stimme ich Ihrem Beitrag gerne zu.


Kommentar von rrbth, verfaßt am 28.10.2005 um 20.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2180

Bardioc schreibt hier:
''Auch bei "zu Hause" und "zu Haus" haben wir diese "Verhärtung".''

Bei Wörtern mit ''d'' am Schluß tritt Auslautverhärtung ein, hat dies etwas damit zu tun?


Nicht nur dort: Es gibt im (Standard-)Deutschen nur stimmlose Verschlußlaute [p, t, k, s] am Wort- bzw. Silbenende. Deswegen sagt man [tsu: 'hauzə] aber [das haus], „Verhärtung“ also nur bei „Haus“, nicht bei „Häuser“.

Es gibt im (Standard-)Deutschen keinen Unterschied in der Aussprache zwischen dem „kurzen, offenen e“ in „Fest“ und dem „kurzen, offenen e“ in „Gänse“ – jeweils [ε]. Wohl aber wird „Bären“ anders ausgesprochen als „Beeren“ – nämlich der „Bär“ mit „langem, offenen e“[ε:] und die „Beere“ mit „langem, geschlossenen e“ [e:]. Es gibt also keinen Unterschied zwischen „Eltern“ und „älter“, wohl aber zwischen „Ehre“ und „Ähre“.

Und Klaus Achenbach schreibt hier:

Deshalb halte ich die übertriebene Fokussierung auf die Silbenlänge bei der ß/ss-Debatte für verfehlt.

Aber es läuft immer wieder darauf hinaus, denn mit der Reform hat die s-Schreibung eine Signalfunktion für die Aussprache des davorstehenden Vokals erhalten.
Ich habe ein paar Jahre (ist schon länger her) als Programmierer gearbeitet. Weil Umlaute und eben (vor allem) das „ß“ häufig (spätestens beim Drucken) Probleme bereiteten, wurde häufig „ae, oe, ue“ und eben „ss“ geschrieben. Das Lesen solcher Texte hat mir lange Zeit keine Schwierigkeiten bereitet. Inzwischen stelle ich bei mir fest, daß z.B. in Schweizer Texten ich über „Grüsse“ regelrecht stolpere, da ich vor „ss“ keinen langen Vokal mehr erwarte. Früher war das nur eine andere Schreibweise, jetzt ist es zum störenden (Lese-)Fehler geworden.

Übrigens, wie verhält es sich denn da mit der „Einheitlichkeit“ der deutschen Sprache, deren Herstellung und Gewährleistung doch mit ein Grund für die Rechtschreibreform gewesen sein soll?



Kommentar von Pavel Nemec, verfaßt am 28.10.2005 um 19.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2179

In alten Büchern kann man verfolgen, wie das nachgestellte "e" zuerst als richtiges "e" auf "a", "o" und "u" kletterte und dort dann zu Strichlein oder Pünktchen wurde.

Der wohl unaufhaltbare allmähliche Wegfall des Dativ-e führt zwangsläufig zur Auslautverhärtung des Schluß-Konsonanten.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 28.10.2005 um 19.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2178

Bardiocs Beiträge enthalten viele kluge und grundsätzliche Überlegungen. Die vielbemühte "Toleranz" wurde hier ja schon oft hin- und hergewendet. Ich wiederhole meine Überzeugung, daß es Toleranz nur gegenüber den Schreibern im Hinblick auf ihre unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten geben kann. Die Reform würde nicht existieren, wenn Rechtschreibung nicht bewertet würde. Die Reformer sahen sich in erster Linie als Wohltäter, vor allem gegenüber den "Wenigschreibern" und Schülern. Sie wollten die Rechtschreibung und deren Erwerb erleichtern. Die Bedürfnisse der kompetenten Sprachteilhaber wurden nicht berücksichtigt, und von daher kommt ja auch der Widerstand. Um sie zu beruhigen, sagt man: "Was wollt ihr denn? Ihr könnt doch weiter schreiben wie bisher." Bei der Vorbildlichkeit der Schule und ihrer prägenden Kraft natürlich ein billiges Scheinargument. In Wirklichkeit war auch Volkspädagogik im Spiel, der Ehrgeiz, eine ganze Sprachgemeinschaft umzuerziehen und sich bleibenden Ruhm zu sichern. (Alles bei Ickler und Kuhlmann nachzulesen.) Die Reform wird kaum noch wegen ihrer angeblichen überlegenen Qualität verteidigt. Sprachwissenschaftlich ist sie längst erledigt, sie gehört auf den Müll (P. Eisenberg).
Was bleibt, sind Machtspiele, Geschäftsinteressen und Mitläufertum ("me too"-Effekte). So mancher güßt nicht nur den Hut Geßlers, sondern leckt ihm auch hingebungsvoll die Stiefel


Kommentar von Bardioc, verfaßt am 28.10.2005 um 18.24 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2177

Letztlich geht es um die Frage, wo die Grenze der Toleranz zu ziehen ist: Warum nur tolerant zur Heyse-Schreibung sein, warum nicht auch zum ''Leid tun'' etc.? Oder warum tolerant gerade zur Heyse-Schreibung sein, die man auf keinen Fall tolerieren sollte, wohl aber zur vermehrten Getrenntschreibung? Wenn ein Kompromiß diesbezüglich genauso umstritten wäre wie der bezüglich der Heyse-Schreibung, letztere aber nicht?

Machen wir mal ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, die Reformer hätten ihre ursprüngliche Forderung nach der gemäßigten Kleinschreibung durchsetzen können und es deshalb nicht nötig gehabt, sich nach einem anderen Geßlerhut für ihren Reformschrieb umsehen zu müssen. Dann würde die Diskussion hier in den Foren der Reformgegner heute ganz anders aussehen. Dann würden wir uns nicht über die Vor- und Nachteile von Heyse bzw. Adelung streiten, oder inwieweit diesbezüglich ein Kompromiß vonnöten ist. Heyse bliebe in der Versenkung, vermutlich würden viele der Diskutanten – einschließlich mir – diesen Namen gar nicht kennen. Da am Anfang auch die Abschaffung der Umlaute vorgeschlagen wurde, würden viele Reformenthusiasten die Schreibung ae, oe, ue genauso verteidigen wie in der Realität das Doppel-s und wir uns über einen Kompromiß über die Zulassung der entsprechenden Ersatzdarstellung auseinandersetzen.
Wir streiten uns also über etwas, was willkürlich oder zufällig irgendwann einmal so entschieden wurde. Hätte es die Reform nicht gegeben, würde sich keiner von uns heute Gedanken über die oben aufgeführten Vor- und Nachteile machen, wir würden die einmal gelernte Schreibung einfach hinnehmen bzw. darauf vertrauen, daß die Evolution von Sprache und Schrift ein für unsere Bedürfnisse optimales Ergebnis hervorgebracht hätte. Diesen Zustand gilt es wieder zu erreichen!


Kommentar von Bardioc, verfaßt am 28.10.2005 um 17.24 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2176

''Wer den Hut ziehen will, soll das tun. Was niemand darf: allen die Heysesche s-Schreibung als einzig richtige kraft Staatsgewalt diktieren. Das ist es doch, was uns erhitzt: Intoleranz und Zwang.''

Außerhalb von Schule und Amt ist jedem verfassungsgerichtlich freigestsellt, ob er den Hut zieht oder nicht.

Ja, Intoleranz und Zwang sind abzulehnen. Das bedeutet aber nicht, daß man alles tolerieren muß, denn das wäre dann auch ein Zwang für denjenigen, der die Toleranz üben muß. Man würde gezwungen, Toleranz zu üben! Wenn man dem Geßlerhut gegenüber Toleranz zeigt, warum dann nicht auch seinen Stiefeln? Dies könnte man dann fast beliebig weitertreiben.


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 28.10.2005 um 17.06 Uhr  
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"Schon aus diesem Grund darf es keine ''Toleranz'' gegenüber dem Geßlerhut geben!"

Wer den Hut ziehen will, soll das tun. Was niemand darf: allen die Heysesche s-Schreibung als einzig richtige kraft Staatsgewalt diktieren. Das ist es doch, was uns erhitzt: Intoleranz und Zwang.



Kommentar von Bardioc, verfaßt am 28.10.2005 um 16.49 Uhr   Mail an
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Wie kann man ein Gesicht wahren, das man schon verloren hat?

''Ich weiß nicht, ob diese Unterscheidungsmöglichkeit immer anwendbar ist, denke aber, daß dies doch eine sehr anschauliche und leicht anzuwendende Methode ist.''

''Die Aussprache allein hilft uns also nicht, für das stimmlose /s/ die richtige Verschriftung aus "s", "ss" und "ß" auszuwählen.''

Es würde schon genügen, wenn die Unterscheidung stimmhaft/stimmlos nur bei Wörtern wie den von Frau Pfeiffer-Stolz genannten (heißen, außer, beißen) anwendbar wäre, denn alle anderen Fälle sind ja von der Regel, daß ß am Wortende und vor Konsonanten geschreiben wird, abgedeckt. Möglicherweise war das auch gemeint, als mir damals diese Unterscheidungsmöglichkeit beigebracht wurde.

''Auch bei "zu Hause" und "zu Haus" haben wir diese "Verhärtung".''

Bei Wörtern mit ''d'' am Schluß tritt Auslautverhärtung ein, hat dies etwas damit zu tun?

Die Lösung des Problems (Wann ist ß zu schreiben, wenn der /s/-Laut von Vokalen umgeben ist.) wäre dann einfach das Lernen der entsprechenden Schreibungen. Da es nicht allzuviele davon geben dürfte, ist das auf jeden Fall akzeptabel, es muß ja nicht alles aus Regeln ableitbar sein. Im übrigen ist es nicht die schlechteste Lösung, wenn man von den Buchstaben zu den Lauten geht, statt umgekehrt. Natürlich gilt auch hier, daß es Ausnahmen geben kann oder daß manche Fälle in der Schrift nicht bzw. nicht immer festgelegt sind. Derartige Festlegungen sind auch nicht immer nötig:

''Hat man erkannt, welches Wort gemeint ist, weiß man als Deutscher auch, wie es auszusprechen ist, einschließlich der Silbenlänge.'' (Klaus Achenbach)

Von den Reformern lernen zu wollen ist ziemlich problematisch, wenn man bedenkt, wie diese ihre Reform durchgesetzt haben. Horst Ludwig spricht von Lug und Trug! Das ist nicht die Art, wie demokratisch gesinnte, verantwortungsbewußte Menschen miteinander umgehen sollten. Auf dieses Niveau möchte ich mich als Reformgegner nicht begeben! (Letztlich beweist die Rechtschreibreform, daß Deutschland eben keine Demokratie ist.)

Meiner Meinung nach wissen die Reformer sehr genau, was sie wollen. Wir dürfen sie nicht unterschätzen. Unsere einzigen Möglichkeiten, gegen die Reform vorzugehen, sind Rechtschaffenheit in unseren Vorgehensweisen und Aufklärung über die Probleme der Reformschreibung und ihre Folgen. Dabei dürfen wir das, was wir zu schützen versuchen, nicht verraten: Die klassische Rechtschreibung. Schon aus diesem Grund darf es keine ''Toleranz'' gegenüber dem Geßlerhut geben!

Das permanente Gezwungensein, auch reformierte Texte lesen zu müssen, dürfte auf die Dauer auch zur Verunsicherung von Leuten führen, die gegen die Reform sind, schließlich ist nicht jeder ein Sprachexperte. Und selbst diese dürften früher oder später – vielleicht auch unbewußt – reformierte Schreibweisen übernehmen. Wir wissen, daß man Schreiben nur durch vieles Lesen lernt. Je länger reformierte Schreibweisen, auch als Folge des von Frau Pfeiffer-Stolz vorgeschlagenen Kompromisses, anzutreffen sind, desto tiefgreifender wird die entsprechend Verunsicherung werden. Letztlich bestimmt nicht das aktuell gültige Regelwerk die verwendete Schreibung, sondern die Schreibweisen, denen man tagtäglich begegnet. Dies ist ja auch die Grundlange des deskriptiven Ansatzes, den Herr Prof. Ickler verfolgt.

Die Schüler können in der Schule ja alles selbst ausprobieren, ihre praktischen Erfahrungen sammeln, die positiven wie die negativen. Aber damit sie das können, muß es jemanden – den Lehrer – geben, der dies als positiv oder eben negativ bewertet. Gibt es das nicht, so entsteht der Eindruck, daß alles gleichgültig sei, und damit ist es unwahrscheinlich, daß sich die Adelungsche Schreibung als die bessere durchsetzt. Die Schulkinder können mangels Erfahrung doch noch gar nicht ermessen, was besser ist, insbesondere wenn man mein Argument von der heutigen Mediengesellschaft in Betracht zieht.

Früher gab es neben der Schrift kaum ein anderes Medium, so daß sich Schüler sehr viel intensiver damit auseinandersetzen mußten. Gut mit Sprache und Schrift umgehen zu können brachte Vorteile. Heute leben wir nicht mehr im 19. Jahrhundert, heute gibt es neben Büchern noch weitere Medien, insbesondere elektronische, die einen Großteil der Aufmerksamkeit und Zeit der Menschen für sich beanspruchen und deren möglichst perfekte Beherrschung gesellschaftliche Anerkennung und Vorteile verspricht. Damit ist klar, daß dem Lesen von Büchern, Romanen, etc. heute eine wesentlich geringe Bedeutung zukommt. Damit wird sich auch kein wirkliches Sprachgefühl mehr entwickeln können und Betrachtungen, ob nun Heyse oder Adelung besser sind, werden gar nicht erst angestellt.
Man übernimmt halt was man sieht. Aus diesem Grund kann der Weg des Kompromisses nicht zum von uns erhofften Erfolg führen.

Auch ich möchte Adelung zurückhaben. Dies kann aber nicht im Rahemen eines Kompromisses in vielen kleinen Schritten geschehen, denn das würde bedeuten, daß am Ende eine mehr oder weniger chaotische Mischung aller möglichen Schreibweisen herauskommt. Begriffe wie Toleranz klingen zwar gut, können aber auch mißbraucht werden. Nicht umsonst gibt es bei den Reformern die sog. Megatoleranzregel. Sie wissen genau, daß diese Toleranz ihrer Sache nur zuarbeitet. Die Reformschreibung ist ja kein konsistentes Regelwerk, sondern in sich widersprüchlich. Vielleicht ist das ja Absicht! Wenn erst einmal ein gewisser Grad an Verunsicherung erreicht ist, kann man dann ''behutsam'' und ''völlig unaufgeregt'' sprachplanerisch mit dem Ziel der Angleichung an das Englische tätig werden. Letztlich geschieht das aber schon heute. Die erzeugte Verunsicherung ist nur eine flankiertende Maßnahme. Wollte ich Sprachmanipulation betreiben, so würde ich auf diese Weise vorgehen.



Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 27.10.2005 um 23.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2171

"Die Reform wurde vorschnell eingeführt, warum sollte es da nicht möglich sein, sie genauso schnell wieder abzuschaffen, ohne irgendwelche Kompromisse oder Zugeständnisse?" (Bardioc) Gute Frage! Aber allen Anscheins können wir sie in der gegebenen politischen Situation nicht in Bardiocs Sinne beantworten! Denn die für die Reform Verantwortlichen nehmen eben aus Gründen, die nur sie selbst verstehen und auch billigen, das Durcheinander, das sie geschaffen haben, in Kauf. Und sie haben eine gewisse Macht in unserer Gesellschaft. Und sie wollen ja auch ihr Gesicht wahren, auch wenn das nur auf Kosten des Gemeinwohls geht.
Ickler hat recht, wenn er den Reformbetreibern Lug und Trug (das sind meine Worte für deren Unsauberkeit) vorwirft: "Die Kultusminister interessieren sich auch bei der RSR nicht für die Einzelheiten und haben keine Überzeugungen. Sie verließen sich damals auf ihre Mitarbeiter: Krimm, Pohle, Besch, Niehl, Funk, Habedank, Stillemunkes ... Inzwischen verfluchen sie allesamt die Reform (wie mir jemand aus der KMK bestätigte), kämpfen aber weiter für ihre verlorene Sache, mit den bekannten, auch unlauteren Mitteln."

Und warum "in dieser Diskussion überhaupt nicht auf die Unterscheidung der 'Schärfe' des Konsonanten eingegangen wird, obwohl es doch das 'scharfe S' heißt", hat seinen guten Grund. Mit dem Finger an der Kehle oder der flachen Hand fest auf die Schädeldecke gepreßt stellt man nur fest, ob der /s/-Laut stimmhaft oder stimmlos ist, d.h., ob die Stimmbänder bei der Aussprache des Lautes vibrieren oder nicht. Sowohl bei "müssen" als auch bei "muß" ist der /s/-Laut stimmlos, und das ist er auch bei "das" (Artikel, Demonstrativpronomen, Relativpronomen) und "daß" (subordinierende Konjunktion), — und das ist er auch bei "Hast", "hast" und "lies", "liest" und "las", selbst wenn die letzteren Formen mit "lesen" und "lasen" zusammenstehen. (Auch bei "zu Hause" und "zu Haus" haben wir diese "Verhärtung".) Dazu kommt noch, daß in manchen deutschen Dialekten kein stimmhaftes /s/ gesprochen wird.
Die Aussprache allein hilft uns also nicht, für das stimmlose /s/ die richtige Verschriftung aus "s", "ss" und "ß" auszuwählen. Aber auch das System hier läßt sich besser und genauer beschreiben, als es mein Grammatik-Duden (1984) tut, der auf die "s"-Schreibung von "das" und andere interessante Einfach-s-Schreibungen fürs stimmlose /s/ [des Mannes, Erlebnis, Autos] gar nicht erst eingeht. Und der 1959er Grammatik-Duden hat noch überhaupt nichts zu diesem Problem und nennt in der Lautlehre das relevante Kapitel bezeichnenderweise "Von den Buchstaben zu den Lauten" und nicht umgekehrt. Kein Wunder, daß so viele auf die überhaupt nicht durchdachte Regelung der "ss"- und "ß"-Schreibung der Reformer hereinfallen! Aber daß die keine Lösung des Problems ist, führen uns die vielen Fehler in den Druckmedien heute ja täglich vor Augen.



Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 27.10.2005 um 22.20 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2170

Lieber Bardioc,
es gibt nichts, worin ich Ihnen nicht inhaltlich zustimmen würde. Meine Position bezüglich der s-Schreibung darf ich als bekannt voraussetzen.
Das Problem ist die geschickte Verpackung der Forderung. Da haben uns die Reformer etwas voraus. Muß man nicht davon lernen?
Ich möchte Adelung zurückhaben. Nicht nur für mich als Schreiber (das halte ich ohnehin wie ich will), sondern vor allem als Leser. Der erste Schritt ist, die gute Rechtschreibung der minderwertigen Schulorthographie gleichzustellen. Wäre das nicht ein erster Schritt?
In die Zukunft schauen kann keiner, aber wir können Hypothesen aufstellen. Manchmal sind sie falsch, dann haben wir uns geirrt. Bezüglich der s-Schreibung glaube ich persönlich, daß sich tatsächlich auf längere Sicht die Adelungsche Schreibweise wieder durchsetzen wird. Oder aber es kommt zur Eliminierung des Eszetts, was sehr bedauerlich wäre. Heyse wird sich nach meiner Ansicht nicht durchsetzen, weil nicht praktikabel und fehlerträchtig.
Ich sehe in dem vorgeschlagenen Kompromiß kein Zugeständnis, sondern eine Möglichkeit, die Tür wieder aufzumachen für das Bessere. Haben Sie einen besseren Vorschlag?



Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 27.10.2005 um 19.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2169

Bei dem "kleinen Vorteil" der s-Schreibung nach Heyse für Ausländer hält sich das Muster durch, das Theodor Ickler als generelles Merkmal der Reformschreibung ausgemacht hat: auf einen Schreiber berechnet zu sein, der das Wort nicht kennt, das er richtig schreiben soll. Im Fall des Fremdsprachlers heißt das auch: auf einen Leser angelegt zu sein, der das Wort nicht kennt, welches er richtig aussprechen will. Aber wozu soll das gut sein? Schließlich will er ja Deutsch lernen und nicht als Stimmenimitator glänzen. Und bei der Suche nach einem Hotel oder einer Sehenswürdigkeit hat es zur Not noch immer geholfen, dem Ortskundigen einen Zettel hinzuhalten.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.10.2005 um 18.29 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2168

Man könnte immerhin sagen, daß die Schreibung floss/Floß auch für deutsche Leser einen sehr kleinen Vorteil bietet, allerdings weniger wegen der Silbenlänge, als wegen der Unterscheidungsschreibung, vergleichbar mit mahlen/malen. Natürlich könnte man sagen, daß in diesem Fall schon die Groß- und Kleinschreibung zur Unterscheidung ausreicht.

Überhaupt ist es ja bemerkenswert, daß die herkömmliche ss/ß-Schreibung trotz der häufig fehlenden Unterscheidung der Silbenlänge dem Deutschen so gut wie keine Probleme bereitet. Mir fällt nur ein Beispiel ein, wo dies doch eine Rolle spielen könnte: die schwankende Aussprache von Löß/Löss. Das Wort gehört ja nicht zum Alltagswortschatz, viele kennen es nur aus Büchern. Da davon normalerweise auch weder Plural noch sonstige Ableitungen gebildet werden, hat der Leser ja tatsächlich keinen Anhaltspunkt für die Silbenlänge.

Ich möchte noch weiter gehen und vermuten, daß generell die Bedeutung der Konsonantenverdopplung gar nicht so sehr in der Kennzeichnung der Silbenlänge als in der Unterscheidungsschreibung als solcher liegt. Hat man erkannt, welches Wort gemeint ist, weiß man als Deutscher auch, wie es auszusprechen ist, einschließlich der Silbenlänge. Es gibt ja viele andere Fälle, wo die Silbenlänge nicht gekennzeichnet wird, vor allem vor mehreren Konsonanten: Küste/Wüste, latschen/patschen, brechen/brachen. Kein Deutscher hat bei gängigen Wörtern damit Probleme. Bei Eigennamen ist es schon problematischer, weil die Aussprache nicht jedem bekannt ist. So hört man recht häufig die Aussprache von "Bochum" mit kurzem o.

Ich vermute deshalb auch, daß beim s die Unterscheidung zwischen stimmhafter und stimmloser Aussprache eine wesentlich größere Rolle spielt, als die Silbenlänge. Im Gegensatz zu rate/Ratte unterscheiden sich Rose/Rosse auch durch die Stimmhaftigkeit/-losigkeit. Man könnte vielleicht sagen, daß die Unterscheidung von Fliesen und fließen wichtiger ist als zwischen fliessen und fließen. Anders liegt es natürlich bei Maße/Masse, aber das Wichtige ist eben nicht, daß die Silbenlänge gekennzeichnet wird sondern daß beide Wörter überhaupt unterschiedlich geschrieben werden. Und das liegt wiederum daran, daß man als einigermaßen geübter Leser nicht mehr phonetisch liest, sondern einfache Wörter unmittelbar als ganze erfaßt. Die Aussprache ergibt sich dann von selbst.

Deshalb halte ich die übertriebene Fokussierung auf die Silbenlänge bei der ß/ss-Debatte für verfehlt. Nur daraus ergibt sich ja die von vielen empfundene Plausibilität der Heyse-Schreibung. Hat man sich einmal von dieser Fixation auf die Silbenlänge gelöst, fallen die Nachteile der Heyse-Schreibung (Missstand, bisschen, Messergebnis) ja noch viel mehr ins Gewicht.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2005 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2167

Ich spreche keine fränkische Mundart, sondern Standarddeutsch, das keinen Unterschied im Vokal von "schänden" und "senden" kennt.


Kommentar von Bardioc, verfaßt am 27.10.2005 um 18.03 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2166

Sehr geehrte Frau Pfeiffer-Stolz,

aus meiner Sicht ist das gleichberechtigte Nebeneinander zweier Schreibungen, besonders in bezug auf Doppel-s und Eszett, problematisch Ich kann mich noch erinnern, daß ich als Kind verwirrt war, weil ich eine Schreibweise mit Doppel-s gesehen habe, wo doch Eszett stehen sollte.

Was ich nicht verstehe ist, daß in dieser Diskussion überhaupt nicht auf die Unterscheidung der ''Schärfe'' des Konsonanten eingegangen wird, obwohl es doch das ''scharfe S'' heißt. Als Kind lernte ich, daß man nur seinen Finger an die Kehle legen und das entsprechende Wort aussprechen müsse, um zu erspüren, ob mit Doppel-s oder Eszett geschrieben werden muß. Ich weiß nicht, ob diese Unterscheidungsmöglichkeit immer anwendbar ist, denke aber, daß dies doch eine sehr anschauliche und leicht anzuwendende Methode ist. Damit stellt sich das Problem der Längenunterscheidung erst gar nicht. Dieses Problem ist sowieso nicht für den gesamten Sprachraum eindeutig lösbar. Damit wären auch heißen, außer, beißen weniger problematisch. In einen anderen Bereich der Rechtschreibung gibt es ein ähnliches Problem: Die Länge des Buchstaben i in Wörtern wie mir, dir, wir etc. Auch heute noch schreibe ich diese Wörter schon mal mit ie, wenn auch eher selten. Letztlich gibt es in einer Sprache bzw. in ihrer Rechtschreibung immer Ausnahmen, so daß es akzeptabel ist, wenn man die Schreibweisen bestimmter Wörter einfach lernen muß. Im Englischen geht es gar nicht anders.

Was ich damit sagen will, ist: Fehler machen wir alle, sie sind unvermeidbar, auch eine Rechtschreibreform wird sie weder vermeiden noch ihre Zahl verringern, auch keine Vereinfachungen oder Modifikationen klassischer Schreibweisen. Der von Ihnen vorgeschlagene Kompromiß wird nicht die Lösung bringen, sondern nur die vollständige Rückkehr zur klassischen Schreibweise. Daß außerhalb der Schule jeder schreiben kann, wie er will, ist ja verfassungsgerichtlich bestätigt. Es ist also nicht nötig, den Reformern Zugeständnisse zu machen, nur weil die meisten Leute von der Reform nicht mehr verstanden haben als die Umlernregel bezüglich der Doppel-S-Schreibung. Die Schüler jedoch, die ja von dieser Umlernregel zu Falschschreibungen veranlaßt werden, sollten in der Schule von Anfang an die bessere Alternative lernen. Einen Lehrer, der Heyse unterrichtet, darf es also nicht geben. Er darf natürlich den Kindern die Existenz dieser Regel und ihre Rolle in der Reformschreibung erklären, sollte aber nur die klassische ß-Regel als korrekt anerkennen.

''Heyse ist eine künstliche Regel gegen das Sprachgefühl.''

''Ob sich die Heysesche s-Schreibung langfristig bewähren wird, muß angesichts der bisherigen Entwicklung bezweifelt werden.''

Diese beiden Zitate zeigen sehr deutlich, wo das wirkliche Problem liegt:
Solange noch genügend Menschen ein hinreichend intaktes Sprachgefühl haben, kann wirklich bezweifelt werden, ob sich die Heysesche s-Schreibung langfristig bewähren wird. (Auch dann würde ich dem von Ihnen skizzierten Kompromiß nicht zustimmen.) Die Frage ist nur, ob und wie lange noch genügen viele Menschen ein hinreichen intaktes Sprachgefühl haben, angesichts des massiven Verfalls sprachlicher Fähigkeiten in der heutigen schnellebigen multimedialen Mediengesellschaft. Sprachgefühl kann sich nur durch vieles Lesen herausbilden, die heutigen Schüler werden wohl eher mit dem Computer spielen oder im Internet surfen. Gerade deswegen wäre aber eine Rechtschreibung, die gut und leicht les- und verstehbare Texte erzeugt, so wichtig.

Leider ist es so, daß sich nicht immer das Bessere durchsetzt, z. B. hat sich früher VHS gegen das bessere Video 2000 durchgesetzt. Was die Rechtschreibreform anbetrifft, so wurden die Menschen ja psychologisch geschickt auf die Reform vorbereitet, längst veraltete Schreibweisen wurden mit dem Nimbus der Modernität und Fortschrittlichkeit versehen. Kann das Bessere gegen psychologische Konditionierung ankommen? Kurzfristig sicher nicht. Langfristig will ich nicht denken, da alles bloße Spekulation wäre. Die Reform wurde vorschnell eingeführt, warum sollte es da nicht möglich sein, sie genauso schnell wieder abzuschaffen, ohne irgendwelche Kompromisse oder Zugeständnisse?


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 27.10.2005 um 12.29 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2165


Wie könnten wir dass auch wieder lassen?

Als ich während der Frankfurter Buchmesse über das ausgedehnte Ausstellungsgelände ging, las ich auf einem Lieferwagen in großen Lettern den Namen „Kirchgäßner“.
Spontan fiel mir ein, daß Kinder, die in der Schule lernen, Eszett folge ausschließlich auf langen Vokal, diesen Namen anders aussprechen werden als vormals gewöhnt: „Kirchgääässner“. Die Träger von Namen der Kategorie Eßer, Kußmaul, Nußbaumer, Roßmeier werden sich daran gewöhnen müssen, daß sich ihre Namen fremd anhören. Es sei denn, sie beantragen eine Änderung der Schreibweise. Sie werden wählen müssen zwischen gewohnter Schreibweise und gewohnter Aussprache. Beides können sie nicht behalten. Ist dies im Rahmen der Reform jemals bedacht worden?
Die Entscheidung zwischen ß oder ss sei keine Frage Rechtschreibung, sondern eine der Typographie, so las ich es vor kurzem. Es handele sich beim ß um eine Ligatur, also eine Buchstabenverbindung, die das Schreiben schneller und das Lesen angenehmer mache. Dem werden jene kaum zustimmen, die sich allein deshalb freuen, weil sie erstmals in der Schule eine so griffige (aber falsche) Regel zum Unterrichten des Nichtunterrichtbaren geschenkt bekommen haben: „ss nach kurzem Vokal, ß nach langem“. Eine Regel für die Pädagogik ist, wie man sieht, immer gut, auch wenn sie in der Praxis wenig taugt. (Am Versagen sind dann stets die Umstände schuld.)

Der Mensch will alles selbst ausprobieren. Er will seine praktischen Erfahrungen machen, die positiven wie die negativen. Und da nun einmal die Reformschreibung da ist, brauchen wir einen Kompromiß; einen, der weder zu Lasten der einen noch der anderen Schreibweise geht. Wir wollen dem politischen Richtungsstreit – und was sonst ist der Zank um die Rechtschreibreform schon als eine politische Angelegenheit – nicht einen Teil der Schrifttradition opfern für einen berauschenden Reformsieg mit anschließendem Schriftsprachenkater. Ob Heyse die bessere Alternative ist, nur weil sie das Etikett „Reform“ trägt, muß sich in langjähriger Praxis erst noch beweisen. Die ersten Ergebnisse jedoch sind niederschmetternd – siehe die Untersuchungen von Dr. Harald Marx.

Nicht um richtig oder falsch geht es, sondern um besser oder schlechter. Und da die s-Schreibung eine Frage der Typographie ist, sollte es den Parteien nicht schwerfallen, sich darauf zu einigen, das jeweils von der anderen Seite Bevorzugte zu tolerieren und beide Systeme im Schulunterricht gleichberechtigt nebeneinander stehenzulassen.
Wie auch Horst Haider Munske vorschlägt, sollten wir nun endlich eine Vernunftregelung anstreben. Beide Seiten müssen einander entgegenkommen und sich auf diesen Kompromiß einlassen. War nicht ein lockerer Umgang mit der Orthographie angestrebt? Jetzt können die Reformer zeigen, daß sie es ernst meinen mit der Toleranz, die sie den Reformkritikern schon oft genug abgesprochen haben.

Der genannte ss/ß-Kompromiß hätte unter anderem folgende Vorteile:

1. Die Bücher – gleich ob reformierte oder unreformierte – müssen nicht neu gedruckt werden. Es ist dann endlich Schluß mit der ständigen Zeit- und Geldvernichtung durch fortlaufende Updates der Schreibweisen in Druckwerken. Das werden die Verlage zu schätzen wissen und sich wieder mehr den Inhalten als der Form zuwenden können.

2. Ein Kulturbruch kann vermieden werden. Die künstliche Veraltung von Büchern mit „daß“ findet nicht statt. Millionen von nicht mehr aufzulegenden Werken in Bibliotheken bleiben aktuell. Darüber freut sich, wer auf Bildung Wert legt.

3. Die unerträgliche und nur noch als schizophren zu bezeichnende Situation, nach der in der Schule „Fehler“ angestrichen werden, die nur dort solche sind, bleibt unseren Kindern erspart. Auf Jahrzehnte hinweg nämlich werden wir alle mit Schriftbildern konfrontiert, die der Reformschreibung zuwiderlaufen. Fahrenheit 451 ist Gott sei Dank (noch) eine Fiktion.

Wir können also das Heyse-ss akzeptieren – unter der Voraussetzung, daß auch Adelung gleichberechtigt danebenstehen darf. Das Praktikablere und Lesefreundlichere, es wird sich mit der Zeit durchsetzen. Wir müssen die Entwicklung vorerst offen lassen. Wer hat davor Angst? Schluß des Glaubenskriegs! Es ist viel gestritten worden, und alle sind müde.
Noch mag vielen die Heysesche s-Schreibung als modern und gut erscheinen. Doch warten wir es ab: das reformierte Eszett muß sich in einer neuen Rolle einfinden. Leser und Schreiber werden dadurch irritiert. Das Eszett hat nun die Aufgabe, die Länge des vorausgehenden Vokals zu bezeichnen, obwohl es nicht dafür geschaffen wurde (siehe „Kirchgäßner“). Es wehrt sich gegen diese konstruktivistische Zumutung mit der Provozierung falscher Analogien. Man spürt das zum Beispiel bei: heissen, ausser, beissen ... diese Diphtonge klingen kurz und man möchte sie mit ss schreiben. Viele tun das dann auch, weil wir nicht nach dem Kopf, sondern nach dem Bauch schreiben. Heyse ist eine künstliche Regel gegen das Sprachgefühl.

Ob sich die Heysesche s-Schreibung langfristig bewähren wird, muß angesichts der bisherigen Entwicklung bezweifelt werden. Ist es tatsächlich klug, diese Schreibung zum jetzigen Zeitpunkt für allgemeinverbindlich zu erklären? Ein politischer Kompromiß, wie ihn auch Horst Haider Munske vorschlägt, hülfe auch den Reformern, das Gesicht zu wahren. Lassen wir die Lehrer nach Heyse unterrichten, wenn sie das möchten. Eins gilt es jedoch unter allen Umständen zu verhindern: daß die klassische, gut handhabbare und lesefreundliche s-Schreibung nach Adelung in den Schulstuben mit einem notenwirksamen Verbot belegt wird. Ich appelliere an alle Reformfreunde: laßt Toleranz walten, im Namen unserer Sprachkultur und zum Nutzen unserer Kinder!



Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 27.10.2005 um 10.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2163

Zu einer vielleicht möglichen verschiedenen Aussprache von "Stängel" und "Stengel" ("Bei 'Stängel' klappt mein Unterkiefer deutlich nach unten - bei 'Stengel' preßt er die Zunge ein wenig gen Gaumen." [Tobias Bluhme]): Wenn überhaupt noch ein Unterschied in der Aussprache festzustellen wäre, wäre das in Dialekten im Süden des deutschen Sprachraums der Fall. Selbst bei "Ehre" und "Ähre" hört man doch einen klaren Unterschied nur bei Sprechern, die auf Ihre Aussprache besonders achten, aber nicht im normalen Gespräch. Der Umlaut setzte sich ja im deutschen Sprachraum von Nordwesten nach dem Süden durch (engl. bridge, dt. Osnabrück, Innsbruck und andere Orte Bruck in den Alpen); 1455 war er noch nicht in Mainz, sonst würden wir heute Bücher drücken, aber wir drucken sie immer noch.

Zu "Der kleine Vorteil für Ausländer besteht darin, daß sie besser auf die Aussprache schließen können (floss / Floß)": Theoretisch stimmt das. Nur haben wir a. die Interferenz durch alles in der bewährten Schreibung Gedruckte, und gerade daraus wollen ja viele Ausländer etwas lernen, wenn sie Deutsch lernen, und das ist eben nicht nur die Sprache! Und b. funktionierte dieses Lernen der Aussprache nur, wenn man durch und durch verstanden hat, daß doppelte Schreibung eines Konsonanten Kürze des vorausgehenden Vokals anzeigt. Aber ich stelle immer wieder fest, daß viele meiner (amerikanischen) Studenten "er kamm" statt "er kam" schreiben, obwohl sie die Verbform richtig aussprechen und ihnen also daher und auch wegen engl. "came", mit langem Vokal, neben "come", mit kurzem, die fehlerhafte Schreibung ganz fern liegen müßte. Meine Erfahrung bestätigt also "auch [, daß der sog.] unstrittige Punkt der neuen Regeln, die Schreibung von «ss» nach kurzem Vokal und «ß» nach langem Vokal, [...] für Ausländer problematisch" ist. Die meisten besitzen "eben nicht die phonetischen" und theoretischen "Kenntnisse zur Unterscheidung."



Kommentar von J. M., verfaßt am 27.10.2005 um 10.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2162

Ich verstehe den Einwand noch immer nicht. Wer den Unterschied zwischen langem und kurzem Vokal nicht kennt, muß ihn natürlich erst lernen. Aber von da an bietet ihm die Heyse-Schreibung sehr wohl den besagten kleinen Vorteil.


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 27.10.2005 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2161

J.M.: Der kleine Vorteil für Ausländer besteht darin, daß sie besser auf die Aussprache schließen können ( floss / Floß ).

Genau. Und zu diesem Thema heißt es in dem angeführten Beitrag:

Aber auch der unstrittige Punkt der neuen Regeln, die Schreibung von «ss» nach kurzem Vokal und «ß» nach langem Vokal, sei für Ausländer problematisch. Diese besäßen nicht die phonetischen Kenntnisse zur Unterscheidung. «In slawischen Sprachen zum Beispiel sind Vokale immer kurz», sagte Ruckteschell.

Konkret heißt das, daß dieser theoretische Vorteil in der Praxis nicht stattfindet.


Kommentar von J. M., verfaßt am 26.10.2005 um 21.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2159

Tobias Bluhme: Daß sich dieser theoretische Vorteil in der Praxis nicht bestätigen läßt (...)

Der kleine Vorteil für Ausländer besteht darin, daß sie besser auf die Aussprache schließen können ( floss / Floß ).


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 26.10.2005 um 20.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2158

"Stengel" und "Stängel" werden zwar gleich ausgesprochen (man täuscht sich!)

Bei "Stängel" klappt mein Unterkiefer deutlich nach unten - bei "Stengel" preßt er die Zunge ein wenig gen Gaumen. Vielleicht ist die gleiche Aussprache, lieber Herr Ickler, eine fränkische Eigenart? Oder ist die unterschiedliche Aussprache eine Eigenart anderer Gegenden?

Für Ausländer bietet die Heysesche s-Schreibung einen kleinen Vorteil, weil es eindeutiger auf die Vokalquantität hinweist, allerdings war bei der Reform (mit Recht) gar nicht an deren Bedürfnisse gedacht worden.

Daß sich dieser theoretische Vorteil in der Praxis nicht bestätigen läßt, zeigt diese Meldung.



Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 26.10.2005 um 18.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2157

Noch einmal zu Herrn Wagner: Das war mir ganz neu, daß die Reform erfunden wurde, um Erstkläßlern das L e s e n zu erleichtern. Findet sich dazu irgendetwas in den Veröffentlichungen der Reformer? Im übrigen ist es natürlich schon bemerkenswert, daß Sie den Erstkläßler als Maßstab für gravierende Eingriffe in eine alte, hochentwickelte Kulturtechnik nehmen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2005 um 17.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2156

"Stengel" und "Stängel" werden zwar gleich ausgesprochen (man täuscht sich!), aber die etymologisierende Schreibweise nach Augst galt gleich bei ihrem ersten Aufkommen als besonders weit hergeholt, wie sonst nur noch "behände". Das Befragen ist keine gute Methode, die "synchrone etymologische Kompetenz" herauszufinden, wie man ja an Augst Wortfamilienwörterbuch sehen kann. In die Enge getrieben, wird man mancher Zusammenhänge herstellen, auf die er unter normalen Umständen nie gekommen wäre. Relevanter sind die tatsächlich vorkommenden Fehlschreibungen und -aussprachen. "Stängel" war aber praktisch unbekannt. Es ist ja auch nach heutigen Regeln gar nicht von "Stange" herleitbar, weil jetzt alle Diminutiva Neutra sind (anders als im Lateinischen). Störend auch das Hochselektive der etymologisierenden Schreibweisen.
Für Ausländer bietet die Heysesche s-Schreibung einen kleinen Vorteil, weil es eindeutiger auf die Vokalquantität hinweist, allerdings war bei der Reform (mit Recht) gar nicht an deren Bedürfnisse gedacht worden. Auch überwiegen die Nachteile.


Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 26.10.2005 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2155

Lieber Herr Wagner, da ist Ihnen leider einiges durcheinandergeraten.

1. Nußschokolade vs. Nussschokolade ist kein Beispiel für den Erhalt des Stammes.

2. Die Reformer wollten nicht das Schließen von der Schreibung auf die Aussprache erleichtern, sondern umgekehrt die Schreibung von der Aussprache ableiten (sog. Lautprinzip). Dies ist besonders am Paradebeispiel s/ß/ss zu sehen.

3. Daß Kinder Stengel/Stängel von Stange ableiten, ist eine unbewiesene Behauptung. Oder kennen Sie empirische Untersuchungen hierzu?


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 26.10.2005 um 16.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2154

Kinder lernen zuerst den Unterschied zwischen "floß" und dem "Floß" - und sie lernen es unterschiedlich auszusprechen. Erst viel später müssen sie die Wörter auch schreiben, und zu diesem Zeitpunkt sind die Regeln für die Umsetzung der Wörter in die Schrift hervorragend eindeutig.

Die Aussprache von "Stengel" (mit schmalem "e") ist von "Stängel" (mit breitem "ä") und damit von "Stange" so weit entfernt, daß mir noch niemand begegnet ist, der das alles irgendwie in Verbindung gebracht hätte.


Kommentar von David Wagner, verfaßt am 26.10.2005 um 15.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#2153

Die Rechtschreibreform wurde jedoch nicht nur im Bereich "Erhalt der Stammschreibung bei Zusammenschreibung", wie beim Beispiel Nussschokolade vs. Nußschokolade, durchgeführt, sondern u.a. auch in der s-Laut-Schreibung. Erklären sie ihrem Kind bitte mal warum floß (von fließen) anders gesprochen wird als das Floß, obwohl es identisch geschrieben wird (von Großschreibung am Anfang mal abgesehen). Die neue Rechtschreibung führt hier eindeutigere Regeln ein, so dass man leichter von der Schreibweise auf die Aussprache schließen kann.
Ähnliches gilt für Stängel vs. Stengel. Wenn sie Kinder fragen, woher das Wort kommt, werden sie in den meisten Fällen Stange hören...
Es gibt also durchaus Teile der Reform, die meiner Meinung nach sehr von Vorteil sind, Kindern richtiges Schreiben beizubringen. Was das Lesen betrifft, kann man unterschiedlicher Ansicht sein. Fakt ist jedoch, dass es bei der ganzen Reformdebatte nicht darum gehen sollte, wie Erwachsene und Kinder, die bereits lesen können, mit der neuen Rechtschreibung umgehen, sondern wie man Erstklässlern einfach und sicher Lesen beibringen kann. Hierzu noch mal der Verweis auf das Beispiel floß vs. Floß...


Kommentar von Berliner Zeitung, verfaßt am 16.06.2005 um 20.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#959

»Die Balletttänzerin lässt andere stolpern
FU-Forschungsprojekt hat Lesefreundlichkeit der neuen und alten Rechtschreibung geprüft


Antje Lang-Lendorff

Eine Balletttänzerin und eine Schifffahrtsgesellschaft haben eines gemeinsam: Sie bremsen. Bei Wörtern mit drei gleichen Buchstaben in der Mitte bleibt das Auge des Lesers länger hängen, als wenn man nur zwei Buchstaben benutzt. Kinder verweilen bei einer "Balletttänzerin" 0,91 Sekunden. Bei der "Balletttänzerin" mit zwei "t" dagegen lesen sie nach 0,83 Sekunden weiter. Auch Erwachsene stolpern über die drei Buchstaben in Folge. Die neue Rechtschreibung ist in diesem Fall also für alle Leser schwieriger als die alte Regelung.

Das ist nur eines der Ergebnisse eines empirischen Forschungsprojekts der Freien Universität zur Lesefreundlichkeit der alten und der neuen Rechtschreibung. Professor Arthur Jacobs vom Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie präsentierte gestern die Auswertung der Untersuchungen.

Infrarotkamera filmt Pupille

42 Erwachsene und 39 Kinder zwischen elf und 13 Jahren haben in den letzten vier Monaten den Test des Instituts mitgemacht. Sie kletterten in einen von Fiat gesponserten Kleinbus, Guckomobil genannt, um dort einen Text zu lesen, in dem sowohl Wörter in der alten als auch in der neuen Rechtschreibung auftauchten. Eine im Bus montierte Infrarotkamera filmte dabei die Bewegungen ihrer Pupille. So konnten die FU-Forscher genau feststellen, wie lange das Auge bei welchem Wort verweilte.

Die Sechstklässler, die nur die neue Rechtschreibung gelernt haben, kommen dabei auf andere Ergebnisse als die erwachsenen Testpersonen. Mit den neuerdings getrennt geschriebenen Wörtern wie "glühend heiß" haben Erwachsene beispielsweise sehr viel größere Probleme als Kinder, die es nicht anders kennen. Den Sechstklässlern fällt es auch leichter, "Kuss" zu lesen, als "Kuß" - was all denen zu denken geben sollte, die am liebsten wieder die alte Rechtschreibung einführen würden.

Laut Jacobs gab es bisher so gut wie keine empirischen Daten zur Lesefreundlichkeit der alten und neuen Rechtschreibung. "Seit zehn Jahren wird über die Rechtschreibung gestritten, doch kaum einer ist auf die Idee gekommen, empirisch zu untersuchen, was wir da eigentlich tun", sagte er.

Obwohl es eindeutig ist, dass Wörter wie "Balletttänzerin" den Lesefluss bremsen, heißt das noch nicht, dass dieser Teil der Reform unsinnig ist. "Beim Lesen können drei Buchstaben stören, aber das Schreiben vereinfachen sie vielleicht doch", sagte Verena Engl, die die Daten für ihre Diplomarbeit erfasst hat. Die Schreibfreundlichkeit der alten und neuen Rechtschreibung sei noch nicht erforscht. Ob Jacobs und seine Leute das ändern wollen? Jacobs: "Wenn wir Sponsoren finden und die nötigen Gelder bekommen - gerne."«


( Berliner Zeitung, 17. Juni 2005 )


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 16.06.2005 um 13.33 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#949

Wie es nicht anders zu erwarten war: Schüler können sich an die Schreibweisen gewöhnen, die ihnen jahrelang vermittelt werden. Wenngleich ich den Verdacht hatte, die Berliner Untersuchung sei deshalb ohne jeden Wert, sehe ich mich teilweise widerlegt: Die unter Schriftsprachen einmaligen Konsonanten-Verdreifachungen der deutschen Rechtschreibreform ("Schifffahrt") haben sich als nicht antrainierbar erwiesen - und sollten deshalb schleunigst aufgegeben werden.
Weitere Schlußfolgerungen aus der Gucko-Studie zu ziehen, die dazu noch "die Diskussion versachlichen" könnten, ist aufgrund methodischer Mängel der Studie höchst problematisch.
"Kennenlernen" soll den Schülern "im Bereich weniger hundert Millisekunden" mehr Zeit abverlangt haben als "kennen lernen". Legen wir diese Verzögerung einmal willkürlich auf 300 Millisekunden fest, so würde sich für einen Schüler wie den genannten Roland die Lektüre dieses ZEIT-Artikels um vielleicht eine Sekunde verlängern, etwa ein Drittel der Zeit, die er zum Lesen des Satzes mit der Baletttänzerin brauchte.
Das ist ziemlich unerheblich. Dazu kommt noch, daß junge Menschen sich bekanntlich besonders schnell umgewöhnen können. Eine kurze Einführung in die Orthographie - und diese wenigen hundert Millisekunden Verzögerung werden sich verlieren.
Im Gegenteil ist zu erwarten, daß die Lesegeschwindigkeit bei Nutzung der bewährten Rechtschreibung in kurzer Zeit die beim Lesen von RSR-Texten übertreffen wird. Die RSR war ja gerade keine Veranstaltung zur Vereinfachung des Lesens; es sollte ganz im Gegenteil das Schreiben erleichtert werden - selbst, wenn dies auf Kosten der Lesefreundlichkeit ging.
Solange sie dies auch nicht einmal ansatzweise untersucht haben, hängen die Schlußfolgerungen der Herren Jacobs und Hutzler völlig in der Luft.


Kommentar von rrbth, verfaßt am 16.06.2005 um 12.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#944

Ich bin gespannt:

FU-Psychologen stellen die Ergebnisse der Guckomobil-Studie vor

Die Ergebnisse der Studie präsentiert der Psychologe und Leseforscher Prof. Dr. Arthur Jacobs mit seinem Team bei einer Pressekonferenz am Donnerstag, dem 16. Juni 2005, um 10.30 Uhr im Präsidialamt der Freien Universität Berlin


http://www.fu-berlin.de/presse/fup/fup05/fup_05_104.html


Kommentar von Die Zeit, verfaßt am 16.06.2005 um 11.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#942

Ein Blick sagt mehr als tausend Regeln
Mit dem »Guckomobil« vergleichen Berliner Leseforscher die alte und die neue Rechtschreibung


Von Anke Weidmann

Roland starrt auf den Bildschirm. Der Zehnjährige hat Stirn und Kinn an Stützvorrichtungen aus Plastik gelehnt und blickt durch einen Apparat, der die Bewegungen seiner Augen misst. Dann erscheint auf dem Schirm ein Satz: »Die berühmte Balletttänzerin brach sich ein Bein.« In weniger als drei Sekunden huschen Rolands Augen über die Buchstaben. Er kichert: »Oh, Mann, das ist lustig.« Unterdessen hat eine Infrarotkamera seine Augenbewegungen aufgezeichnet, ein Computer die Signale umgewandelt, sodass Versuchsleiterin Verena Engl sie exakt verfolgen kann.

Unter Federführung des Leseforschers Arthur Jacobs von der Freien Universität Berlin haben Engl und ihr Kollege Florian Hutzler Berliner Sechstklässler und Erwachsene getestet, um eine Antwort auf die Frage zu finden: Was ist einfacher zu lesen, die neue oder die alte Rechtschreibung, »Balletttänzerin« oder »Ballettänzerin«?

Das Projekt soll der Diskussion um die neue Rechtschreibung eine empirische Grundlage verschaffen. In einer von Polemik und Hysterie geprägten Debatte wurden sprachgeschichtliche, ästhetische oder politische Argumente hin- und hergespielt. Gegner und Befürworter der Reform spekulierten fantasievoll, was die Schüler wohl am meisten verwirren könnte.

Die Berliner Studie zeigt: Zusammengesetzte Substantive, deren »Stammschreibung« nach der neuen Rechtschreibung erhalten bleibt, wie »Balletttänzerin« oder »Schifffahrt«, irritieren die Kinder beim Lesen – obwohl sie genau diese Schreibweise über sechs Jahre gelernt haben.

Wer liest, dessen Blick läuft nicht kontinuierlich über die Buchstaben – er springt. Psychologen sprechen von sakkadischen Augenbewegungen. Nur in den kurzen Momenten, in denen der Blick still steht, kann das Gehirn den Sinn verschiedener Buchstabenansammlungen erfassen. Wie oft und wie lange der Blick an einem Wort hängen bleibt, ist für die Neuropsychologen ein Indiz dafür, wie leicht es gelesen werden kann.

Mit dem »Guckomobil«, einem mobilen Blickbewegungslabor, zogen die Forscher in den vergangenen Monaten von Pausenhof zu Pausenhof. Sie ließen die Kinder 138 verschiedene Sätze lesen: Die Hälfte der Test-Sätze orientierte sich an den Regelungen der alten Rechtschreibung, die andere Hälfte an der neuen. Die Forscher prüften neben den zusammengesetzten Substantiven auch die s-Lautschreibung (»Fass« oder »Faß«), die Schreibung nach dem Stammprinzip (»Stängel« oder »Stengel«) oder die viel diskutierte Zusammen- und Getrenntschreibung (»kennen lernen« oder »kennenlernen«).

Derzeit steht gerade diese Regelung auf der Kippe. Zum 1. August soll nicht, wie geplant, die ganze Rechtschreibreform, sondern nur ein Teil umgesetzt werden, ließen die Kultusminister jüngst verlauten. Welche Verwirrung eine Rücknahme der Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung stiften könnte, lässt sich aus der Berliner Studie ablesen: In keinem Fall waren die Kinder so irritiert, wie wenn sie Wörter, die sie getrennt zu schreiben gelernt hatten, zusammengeschrieben lesen mussten (»Man sollte sich kennenlernen, bevor man heiratet«).

Die zeitlichen Unterschiede beim Lesen der einen oder anderen Schreibweise liegen zwar nur im Bereich weniger hundert Millisekunden – doch diese Größenordnung mache bei hoch automatisierten Prozessen einen gravierenden Unterschied, sagt Arthur Jacobs, der sonst die Leseschwierigkeiten von Legasthenikern erforscht. Stolpert der Blick über ein Wort, summiert sich das bei einigen Seiten Text schnell auf. Und wird den Kindern das Lesen auf diese Weise erschwert, verlieren sie schnell auch die Lust, glaubt Jacobs.

»Es ist notwendig, Entscheidungen über die Rechtschreibung an empirische Fakten zu knüpfen«, sagt Psychologe Florian Hutzler. »Wir wollen die Diskussion versachlichen.«


( DIE ZEIT Nr.25, 16.06.2005 )


Kommentar von R. M., verfaßt am 14.03.2005 um 23.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#457

Es sei hier noch nachgetragen, daß Prof. Dr. Arthur Jacobs (Freie Universität Berlin) eine Stellungnahme zu unserer Meldung in Aussicht gestellt hatte. Sie ist bislang nicht bei uns eingegangen.


Kommentar von Erika Schäfer, verfaßt am 10.03.2005 um 13.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#452

Interessant wäre doch einmal ein Experiment mit dem Knobelmobil. Man setze Kinder in ein lustiges Auto und lasse sie, wie bei einer Schnitzeljagd, an verschiedenen Orten der Stadt Rechenaufgaben unterschiedlichen Schwierigkeitsgrads lösen.
Die Forscher werden zu dem für die Behebung unserer Bildungskrise überaus nützlichen Ergebnis kommen, daß, sofern die Aufgaben überhaupt gelöst werden, die Dauer bei schwierigeren Rechenaufgaben höher ist als bei einfacheren. Und daß die Dauer außerdem variiert je nachdem, ob es sich um rechenbegabte oder rechenschwache Kinder handelt. Wir werden anhand dieser Ergebnisse eine Rechenreform einführen, die sich nach den Rechenleistungen unserer jüngsten und außerdem unter den jüngsten schwächsten Mitbürgerinnen und Mitbürger ausrichtet. Alles, was darüber hinausgeht, ist Herrschaftswissen und gilt künftig als "veraltet".


Kommentar von Karl-Heinz Isleif, verfaßt am 10.03.2005 um 08.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#451

Ja, der Kommentar von Ernst Pöppel ist mit genügend Sicherheitsabstand zu lesen.

Die ‘genetisch angelegten neuronalen Möglichkeiten’ lösen bei mir Alarm aus, wenn sie Sprache beeinflussen wollen.
Ich kenne in Deutschland geborene Japaner: Die sprechen genauso gutes oder schlechtes Deutsch wie ich. Und ich kenne Deutsche, die in Japan aufgewachsen sind: Deren Japanisch unterscheidet sich nicht von dem der Einheimischen. Entweder haben beide ihre genetischen Anlagen raffiniert ausgetrickst, oder (viel wahrscheinlicher) es gibt sie nicht, die genetischen Anlagen.

‘Unterschiedliche Hirnorganisation’ ist gar noch abenteuerlicher: Welcher Art ist die ‘Hirnorganisation’ bei den Millionen Leuten (und die gibt es), die beide Schriften lesen können?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2005 um 05.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#448

Vor vielen Jahren war ich mit Ernst Pöppel und dem leider verstorbenen Otto Joachim Grüsser in einem interdisziplinären Projekt verbunden. Von Grüsser stammen wertvolle skeptische Äußerungen über die neurologische Deutung von Verhaltensbeobachtungen, Pöppel hat Verdienste um die Popularisierung der Neuropsychologie. Übrigens irrt er bezüglich des "piktographischen" Charakters der chinesischen Schrift. Auch ist nicht klar, was es heißen soll, daß Lesestörungen bei Angehörigen von Buchstaben- bzw. Morphemschriftsystemen "verschieden" aussehen. Was wird da eigentlich verglichen?

Die Ergebnisse bildgebender Verfahren der Hirnforschung werden oft überschätzt und vorschnell gedeutet.


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 09.03.2005 um 23.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#446

Von der wissenschaftlichen Erforschung des Leseverhaltens anhand von Untersuchungen der Augenbewegungen habe ich zum ersten Mal 1976 in einem Vortrag von Prof. Dr. O.-J. Grüsser gehört: »Neurobiologische Grundlagen des Lesens nebst einigen Bemerkungen zur optimalen Typographie«. Die Kernpunkte dieses Vortrags sind mir noch in guter Erinnerung, da sie mir den wissenschaftlichen Nachweis für das erbrachten, was mir ohnehin schon immer als auf der Hand liegend erschien. Der Vortrag war interessant, denn er erklärte sehr anschaulich, weshalb leserliche Texte leserlich sind. Das Auge kennt ja nicht die Gründe, es tut sich nur leichter - oder eben nicht.

In der Broschüre »Lesen Erkennen«, die die Vorträge eines Symposions der Typographischen Gesellschaft München aus dem Jahr 2000 enthält, beschäftigen sich mehrere wissenschaftliche Beiträge mit diesem Thema. Es ist wieder dasselbe Erlebnis: Diese Vorträge sind durchaus sehr lesenswert, erklären aber nur, weshalb Sachverhalte, die bei einigermaßen pragmatischem Nachdenken völlig außer Zweifel stehen, so sind wie sie sind. Ein Beispiel aus dem Beitrag »Visuelle und phonologische Prozesse beim Lesen« von Prof. Dr. Rüdiger Weingarten: Der Autor beschreibt zunächst, daß das Lesen kein linearer Vorgang ist, der Buchstabe für Buchstabe oder Wort für Wort abarbeitet, sondern in Saccaden vor sich geht, die von Sprungstelle zu Sprungstelle (Fixationen) stattfinden und von Regressionen unterbrochen werden, bei denen das Auge an eine bereits überflogene Stelle des Textes zurückgeht, weil es irritiert wurde, um hier erneut einzusetzen.

Weingarten:
»Gut bestätigt in der Forschung ist, dass Wortarten einen Einfluss ausüben. So werden 80% der »Inhaltswörter« (Adjektive, Adverbien, Nomen, Verben) fixiert, aber nur circa 40% der Funktionswörter (Konjunktionen, Artikel, Präpositionen etc.)
Aus der im vorigen Abschnitt entwickelten informellen Analyse wurde schon deutlich, dass Augenbewegungen von der Textschwierigkeit beeinflusst werden. Diese Schwierigkeit kann auf grammatischer oder auf inhaltlicher Ebene liegen. [Folgt die graphische Darstellung eines Untersuchungsergebnisses.]
Die Ergebnisse zeigen, dass mit steigender Textschwierigkeit die durchschnittliche Dauer der einzelnen Fixationen zunimmt. (Es sollte unstrittig sein, dass »Light fiction«-Texte einfacher sind als naturwissenschaftliche Texte.) Die Länge der Saccaden wird hingegen kürzer, der Anteil der Regressionen steigt und die Lesegeschwindigkeit nimmt ab. Somit schlägt sich die Textschwierigkeit differenziert und in den Ergebnissen auch sehr konsistent in den Augenbewegungen nieder. Dies kann nur so interpretiert werden, dass die Augenbewegungen zumindest hinsichtlich der Textschwierigkeit mit den kognitiven Prozessen beim Lesen zusammenhängen.
Augenbewegungen werden nicht nur von Eigenschaften des Textes bestimmt, sondern auch von solchen des Lesers, insbesondere seiner Lesekompetenz. Just und Carpenter (1987) berichten von einer Untersuchung, in der gute und schlechte Leser hinsichtlich ihrer Augenbewegungsmuster verglichen wurden. Es ist deutlich, dass der gute Leser weniger und kürzere Fixationen benötigt als der schwächere … « »Eine besondere Form der Beeinträchtigung der Lesefähigkeit findet man bei den sogenannten Dyslektikern …«

Alles hochinteressant, aber doch eigentlich wenig überraschend. Nun soll es mit dem Guckomobil, das die kognitiven Reaktionen von Kindern messen soll, wenn sie mit vertrauten bzw. weniger vertrauten Schriftbildern konfrontiert werden, etwas wissenschaftlich doch ganz Spezielles auf sich haben, wie mir Herr Dr. Hutzler, der unseren Eintrag hier zu Gesicht bekam, am Telefon wissen ließ. Worin dies besteht und weshalb unser Moderationstext unangemessen polemisch ist, will uns Herr Dr. Hutzler demnächst mitteilen. Er versicherte mir jedenfalls nachdrücklich, es handele sich beim Guckomobil sehr wohl um eine wissenschaftlich ernstzunehmende Forschungsmaßnahme.



Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 09.03.2005 um 23.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#445

Fundsache hierzu:

»Nicht alle Schriften sind jedoch Buchstabenschriften wie die unsere; das Repräsentationsrepertoire im Chinesischen und Japanischen sieht vermutlich ganz anders aus. Da Lesen aber ein universeller Prozess ist, sind auch Sprachwissenschaftler und hier speziell Phonetiker gefordert, die die Abbildung gesprochener Sprache auf Schriftzeichen verständlich machen. Eine Piktogrammschrift zu lernen (wie die japanischen Kanji-Zeichen) führt zu einer anderen Ausprägung der neuronalen Strukturen, die für das Sehen zuständig sind, als eine Buchstabenschrift. Entwicklungsbiologen versuchen hier eine Antwort zu geben. Entdeckt wurde in diesem Zusammenhang, was für die Pädagogik von größter Bedeutung ist, dass das Gehirn des Kindes durch ein hohes Maß von neuronaler Funktionsplastizität gekennzeichnet ist. Genetisch vorgegebene Strukturen müssen in sensiblen Phasen der individuellen Entwicklung durch Nutzung bestätigt werden, um dann für die Informationsverarbeitung bereitzustehen; entfällt die Bestätigung durch Nutzung, gehen die genetisch angelegten neuronalen Möglichkeiten verloren. Was aber bestätigt wurde, bleibt endgültig erhalten. Durch die neuronale Bestätigung wird die Mikrostruktur des Gehirnes geändert. Dies bedeutet für das Lesen, dass unsere Gehirne, die wir Buchstabenschriften lesen, strukturell anders geformt sind, als die Gehirne jener, die Piktogrammschriften lesen, wo es darauf ankommt, einige Tausend Schriftzeichen zu beherrschen.
Die These über unterschiedliche Hirnorganisation bei Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, die jeweils eigene Schriftsysteme benutzen, bestätigt sich in Untersuchungen an Patienten mit Störungen des Gehirns. Die Typen von Lesestörungen nach einem Schlaganfall sind in den verschiedenen Kulturkreisen durchaus verschieden. Selektive Ausfälle des Gehirns bei Patienten aus unserem Kulturkreis können dazu führen, dass ein Patient noch Buchstaben erkennen kann, dass ihm aber der Sinn des Wortes verschlossen bleibt. Solche Patienten werden von Neurologen und Neuropsychologen untersucht, wobei eine wesentliche Erkenntnis ist, dass es offenbar bestimmte neuronale Programme im Gehirn gibt, die aus detaillierten Informationen - den einzelnen Buchstaben - Wörter zusammenbauen, die Grundlage des begrifflichen Wissens sind. Hier sei auf die typische Arbeitsmethode in dieser Forschungsrichtung hingewiesen. Aus der Analyse des Ausfalls bei einem Patienten lernt man für den Normalfall; wenn eine Leistung selektiv und mit inter-individueller Konstanz verloren gehen kann, muss normalerweise ein neuronales Programm vorhanden sein, das diese Leistung bereitstellt.Wie das Wissen, das wir über das Lesen gewinnen, strukturiert ist, untersuchen Psychologen; mit dem Problem, wie Wissen erworben wird, quälen sich die Pädagogen; und was Wissen eigentlich ist oder sein könnte, fragen sich Philosophen.«

Ernst Pöppel, Lesen, Sprechen und andere Tätigkeiten: Ein synoptischer Kommentar aus der Hirnforschung. In: Lesen Erkennen. Ein Symposium der Typographischen Gesellschaft München. Typographische Gesellschaft München, 2000.



Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 09.03.2005 um 21.06 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#443

Der Eindruck, daß viele der heutigen Schüler "bei Wörtern der alten Rechtschreibung irritiert reagieren", ist durchaus plausibel: Man könnte das auch erfolgreiche "Gehirnwäsche" nennen. Interessant und aufschlußreich wäre ein Vergleich mir einer entsprechenden Untersuchung Ende der neunziger Jahre, als die zwangsreformierten Schreibungen für Schüler noch neu waren. Er hätte vermutlich deutlich mehr stockende Pupillen erbracht als heute, da etliche der Neuerungen damals nicht nur unbekannt waren, sondern das Lesen zwangsläufig erschweren – etwa bei Sätzen ohne Kommata, Wörtern mit drei "s" etc. Zu Beginn der Reform ist man allerdings nicht auf die Idee gekommen, eine solche Untersuchung durchzuführen - oder man wollte es nicht.
Ihr Wert hängt also davon ab, inwieweit sie von der jeweiligen Vorprägung eines Lesers abstrahiert: Was man kennt, liest man ja flüssiger als das, was man nicht kennt. Wer hingegen hier einen Beweis für die Überlegenheit der "Rechtschreibreform" ausmacht, wird uns sicherlich bald auch "beweisen" wollen, daß die chinesische Schrift leichter zu lernen sei als die lateinische: Millionen von Chinesen sind schließlich der lebende Beweis …


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.03.2005 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#441

Fast alles, was Psychologen und Neurologen über Sprache sagen, ist falsch. Sie kennen die Fachliteratur nicht oder können sie nicht beurteilen. Man konnte das an der begeisterten Übernahme der generativen Grammatik studieren. Damals erklärte der bedeutende Sprachpsychologe Hans Hörmann die Partnerschaft von Chomsky und Psychologie für "kongenial" - ein kapitales Mißverständnis, das uns Jahrzehnte gekostet hat. In der Wissenschaftsbeilage der heutigen FAZ steht ein kurioser Artikel über Legasthenie. Einerseits soll sie eine erblich mitverursache Krankheit sein, andererseits im Englischen und Deutschen häufiger auftreten als im Finnischen usw. Aber weder das englische noch das finnische Schriftsystem sind angeboren oder haben irgendetwas mit dem Gehirn zu tun. Es könnte also höchstens eine unspezifische Krankheit sein, deren Auswirkungen allerdings in verschiedenen Schriftsystemen verschieden sind. Außerdem wird die beigefügte Abbildung eines Testbogens falsch interpretiert. Mit wenigen Ausnahmen (Fremdwörter) zeigt er eine ziemlich genaue phonetische Umschrift der beim zehnjährigen Probanden zu vermutenden tatsächlichen Aussprache. Kein Buchstabensalat und keine legasthenietypische Auslassung wichtiger Buchstaben. Mit zehn Jahren könnte der Knabe etwas weiter von der phonetischen zur phonologischen Schreibung übergegangen sein, aber krankhaft ist seine Leistung nicht. Vielleicht wird bei ihm zu Hause wenig gelesen, oder der Unterricht hat was versäumt.
Die fatale Liebe der Psychologen zur Sprache erklärt sich, wie Skinner gezeigt hat, aus der leichten Handhabbarkeit sprachlicher Einheiten bei Gedächtnisexperimenten (Ebbinghaus) usw. Die Verhaltensabschnitte sind leicht abgrenzbar, jederzeit reproduzierbar; man braucht sie nicht nach standardisierten Verfahren zu beschreiben, sondern führt sie einfach vor, das ist schon sehr verlockend und gaukelt eine Einfachheit vor, die der Gegenstand keineswegs besitzt.


Kommentar von R. M., verfaßt am 08.03.2005 um 19.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=217#440

Tatsächlich ist zu Hochzeiten des Frakturstreits versucht worden, die Lesegeschwindigkeit im Schriftvergleich zu messen. Da das Gros der deutschsprachigen Texte in Fraktur gedruckt wurde (Ausnahmen waren naturwissenschaftliche und medizinische Arbeiten, aber auch die Wirtschaftsteile der wichtigsten Zeitungen), schnitt diese besser ab als die Antiqua, die uns Heutigen viel übersichtlicher und schneller erfaßbar erscheint. Den Berliner Wissenschaftlern sind diese Forschungen vermutlich unbekannt. Das ist auch gut so, denn nur mit einer gewissen unbekümmerten Naivität kann man ein Forschungsprojekt verfolgen, welches von der Prämisse ausgeht, daß Wörter wie Nussschokolade usw. leichter zu lesen sind als Nußschokolade usw.



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