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04.03.2005
 

Stefan Stirnemann
Kein Führer durch „Falsch und Richtig“
Ein Reformer der Rechtschreibung überarbeitet Walter Heuers Standardwerk

Wer richtig und gut sprechen und schreiben will, braucht gute Ohren, gute Augen und, wenn er ein Buch über den vorbildlichen Sprachgebrauch wählt, eine gute Hand.

Eines der Bücher, welche die Wahl lohnen, stammt von Eduard Engel, den man zu Unrecht vergessen hat: «Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig» (1918); ein anderes von Walter Heuer: «Richtiges Deutsch. Eine Sprachschule für jedermann». 1960 erstmals erschienen, hat es sich in fünfundvierzig Jahren bewährt; es wird seit 1983 von Max Flückiger und Peter Gallmann betreut und liegt seit dem letzten Jahr in 26. Auflage vor (Verlag Neue Zürcher Zeitung).

Von seinen Vorgängern führt Heuer unter anderen Theodor Matthias («Sprachleben und Sprachschäden», 1892) an; der Überlieferungszusammenhang, in dem er steht, zeigt sich aber auch an seiner Auswahl der Schwierigkeiten und Beispielsätze. So wird, noch in der neuesten Ausgabe, die Frage behandelt, ob «Wir Freisinnige» richtig sei oder «Wir Freisinnigen». Anlaß ist Bismarcks Satz: «Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt.» Dazu schrieb Eduard Engel, der lange Stenograph im Reichstag war: «Daß Bismarck unzweifelhaft ‹Wir Deutsche› gesprochen hat, dessen bin ich selbst einer der letzten lebenden Zeugen und wohl der beste: ich habe es neben ihm sitzend in amtlicher Pflicht des genauesten Aufmerkens und Vergleichens so gehört, sogleich niedergeschrieben, und Bismarck hat es nach der Durchsicht so in den Druck gehen lassen.» Soll man heute wie Bismarck sprechen? Zweifellos kann man es, zweifellos ist es nicht falsch, und schlecht auch nicht. Wo ist überhaupt die Grenze zwischen richtig und gut? Engels Begriffsbestimmung lautet so unscharf, wie es die Sache fordert: «‹Richtig› bedeutet: zurzeit gilt dies nach dem übereinstimmenden oder überwiegenden Gebrauch der sorgfältigen Schriftsteller als gute Schriftsprache.» Ähnlich wie bei Engel ist auch bei Heuer Sprachgefühl spürbar und eine Vorsicht, die sich aus langer Erfahrung im Umgang mit den Schwierigkeiten nährt.

Schauen wir die Folgen der Rechtschreibreform in Heuers Buch an. Seit 2001 erhebt es im Untertitel den Anspruch, eine «vollständige Grammatik und Rechtschreiblehre» zu sein. Was aber soll der vorsichtige Zusatz «unter Berücksichtigung der aktuellen Rechtschreibreform»? Der Bearbeiter Peter Gallmann vertrat die Schweiz in der Rechtschreibkommission und brachte, wie es in der Vorlage für die amtliche Regelung heißt, «den Regelteil in die endgültige Form»: warum berücksichtigt er ein Werk lediglich, an dem er maßgeblich beteiligt war? Zum Komma etwa schreibt er: «Die neue Regelung gibt die Kommasetzung bei Infinitivgruppen mit ‹zu› weitgehend frei. Für die grafische Industrie, wo ein sprachlich sauberes und einheitliches Produkt hergestellt werden soll, dürfte diese Lösung aber wenig praktikabel sein. Wir schlagen daher eine Regelung vor, die sich am bisherigen Schreibgebrauch orientiert.» Wenn die neue Kommaregel kein «sauberes Produkt» hervorbringt, warum führte man sie 1996 ein und warum verbesserte man sie nicht längst?

Geändert wurde doch in den vergangenen acht Jahren viel; einschneidende Änderungen der Reformer billigten die Politiker im Juni 2004. Dazu schreibt Gallmann im Vorwort nur, daß nun einige Fehler behoben und einige Präzisierungen vorgenommen worden seien. Warum gibt er keinen Überblick über die Änderungen und warum nimmt er nicht einmal alle auf? Das Vorwort stammt vom August 2004; war die Zeit zu knapp? Daß nun, nach acht Jahren es tut mir Leid, plötzlich es tut mir leid wieder richtig sein soll, verbucht er so: «leidtun (daneben auch: Leid tun)». Bemerkenswert ist der Titel, unter dem das geschieht: «Die folgende Liste enthält die gebräuchlichen Verbindungen dieser Art». In der letzten Auflage (2001) war leidtun keine «gebräuchliche Verbindung»; Gallmann stellt also nicht den Sprachgebrauch dar, sondern das Gutdünken der Reformkommission. Dieselbe Willkür steckt im Satz: «Die Schreibung ‹heute Früh› wird nur in Österreich gebraucht.» Ursprünglich wollten die Reformer diese Schreibung gar nicht. 1997 schrieben sie: «Zwar gibt es das süddt. und österr. Substantiv ‹die Früh,› aber nur in der Wendung ‹in der Früh›. Es besteht mithin in der Wendung ‹morgen früh› keinerlei Verlockung zur Großschreibung von ‹früh›.» Wenig später gaben sie dieser nicht bestehenden Verlockung nach; der Satz über Österreich soll dieses Nachgeben rechtfertigen.
Nicht aufgeführt hat Gallmann zum Beispiel, daß seit Juni 2004 Wendungen wie bei weitem, seit langem auch groß geschrieben werden dürfen. Nach wie vor ist in Übung 38 der Satz zu verbessern: «Er erfand binnen ‹Kurzem› den Füllfederhalter.» Die Lösung lautet: binnen ‹kurzem›. Die Käufer des Buches werden also angeleitet, etwas als falsch zu betrachten, was nach der heutigen Einsicht der Reformer richtig ist. Es geht nicht um Äußerlichkeiten; im Buch selbst wird festgehalten: «Ob ein Groß- oder ein Kleinbuchstabe gesetzt werden muss, hängt vor allem von grammatischen Gesichtspunkten ab.»

An einer Stelle ändert Gallmann, dem Beschluß vom Juni folgend, ausführlich, aber wieder stillschweigend. War 2001 nur richtig: abhanden gekommen, Fleisch fressend, sitzen geblieben, so fügt nun eine verlegene Klammer an: abhandengekommen, fleischfressend, stehengeblieben. Verlegenheit ist angebracht, denn Gallmann hat im Duden-Taschenbuch 26 zusammen mit seinem Kollegen Horst Sitta bewiesen, daß nur das getrennte Fleisch fressend angemessen sei. Nach der neuen Theorie sind in solchen Fällen Getrennt- und Zusammenschreibung gleichwertig. Ein Blick auf die Wirklichkeit: Im Buch «Sprachleben und Sprachschäden» verwarf Matthias den Satz: «Die Luft war Gesundheit erhaltend.» An der Seltsamkeit solcher Fügungen hat sich seither nichts geändert, und mit Recht schrieben Gallmann und Sitta vor acht Jahren: «Wenn Verbindungen aus Substantiv und Partizip I mit ‹sein› verbunden werden können, so ist das ein Hinweis darauf, dass keine Wortgruppe vorliegt, sondern eine Zusammensetzung: ‹die Investition war gewinnbringend›.» Damals schloß Gallmann den Satz «Die Investition war Gewinn bringend» aus, nun hält er für möglich: «Dieses Vorgehen ist Zeit sparend.» Soll man also schreiben: «Ich war ein Leben lang Geld sparend»? Der Mißklang in Gallmanns Satz ist nur deswegen nicht so schrill, weil wir das Adjektiv zeitsparend im Ohr haben und auch dann hören, wenn es getrennt geschrieben wird. Bisher galt, daß das Partizip I nicht so verwendet wird. Wer wäre denn solche Sätze schreibend und wer wäre nicht, wenn er sie lesen muß, einen Schnaps brauchend? Gallmanns Theorie widerspricht dem Sprachgebrauch; der Sprachgebrauch soll nachgeben.

Erwähnt sei noch, daß die «Neue Zürcher Zeitung» manches nicht übernimmt, was hier «Richtiges Deutsch» ist: Stängel, gräulich u.a. Der Verlag veröffentlicht also ein Buch, das seine eigenen Mitarbeiter nicht ohne Einschränkung brauchen können, und der Käufer, der einen vollständigen Überblick haben will, muß es mit Hilfe des neuesten Dudens überarbeiten. Die mühsame Arbeit ist fruchtlos, denn unterdessen plant ein «Rat für Rechtschreibung» – die bekannten Reformer machen wieder mit – weitere Änderungen. Eduard Engel meinte: «Kein Lehrbuch der Rechtschreibung darf beanspruchen, die wahrhaft richtige Sprache, nämlich das richtige Sprechen zu beeinflussen.» Wer für die Sprache kein Gefühl hat, hat es vielleicht für das Geld. Verlag und Bearbeiter wollen offenbar, daß Schulen und Bibliotheken, die heute sparen müssen, dennoch Geld ausgeben für eine unvollständige Rechtschreiblehre und für falsches Deutsch.

Stefan Stirnemann, Lehrer am Gymnasium Friedberg, Gossau (Schweiz), ist Mitglied der Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS).


Quelle: Schweizer Monatshefte 2/2005


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Kommentare zu »Kein Führer durch „Falsch und Richtig“«
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Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 10.03.2005 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=216#453

Entmündigung führt zu Gleichgültigkeit

Wenn der Staat aus ideologischen Gründen willkürlich in organisch gewachsene gesellschaftliche Strukturen eingreift, um sie grundlegend zu verändern, tauchen im Gefolge der erzwungenen Umschichtungen immer auch Personen auf, welche die Gunst der Stunde nutzend, im Windschatten der staatlichen Einmischung unbehelligt ihre kleptomanischen Neigungen ausleben können. Sie bieten uns ihre Dienste an als „Führer durch Falsch und Richtig“ und lassen sich dafür gut entlohnen.

Bevor die sogenannte Rechtschreibreform über uns hereinbrach, fühlte sich jeder Schreiber selbst verantwortlich für seine niedergeschriebenen Texte. Diese spiegelten sein eigenes Können sowie seine Sorgfalt im Umgang mit der Materie wider.
Heute ist das grundlegend anders. Der Staat ordnet an: „Schreibe „Schloß“ und „im Allgemeinen“ und „Hundert Mal“. Damit wird der Schreiber seiner Eigenverantwortung enthoben, insbesondere, weil die unausgegorenen „Schreibbefehle“ widersprüchlich sind und daher nicht bis ins letzte befolgt werden können. Der Schreibende sieht sich in einer ausweglosen Notlage:
– Entweder er bemüht sich um Schreibgehorsam; das gelingt ihm nicht, er macht trotzdem immer wieder Fehler. Das stürzt ihn in Verwirrung.
– Oder er schreibt weiter wie bisher und ignoriert die staatlichen Anordnungen.
Beides ist unbefriedigend: ein Dilemma ohne Ausweg. Egal, welcher Weg gewählt wird, er endet immer in Ungehorsam.
Im zweiten Fall droht dem „Befehlsverweigerer“, sofern er Staatsdiener ist, sogar die Entlassung. Ein Lehrer bekommt gesagt: „Entweder zu verwendest die Reformschreibung, oder du verlierst deinen Job!“ Wider bessere Einsicht muß er so tun, als funktioniere die Reformschreibung. Man stelle sich einmal bewußt die Frage: Wäre es früher denkbar gewesen, daß ein Lehrer aufgrund seiner persönlichen Auffassung in Fragen Rechtschreibung seine Kündigung riskiert? Zumal er sich – und das ist besonders pikant! – mit seiner Auffassung in Übereinstimmung mit der Tradition und einer satten Bevölkerungsmehrheit weiß? Das war undenkbar! Es ist unglaublich!

So haben sich die Reformer das nicht vorgestellt. (Man fragt sich, was sie sich überhaupt vorgestellt haben.) Sicher haben sie nicht darüber nachgedacht, daß sie mit ihrer mutwilligen Veränderung des bisher allgemein und zu aller Zufriedenheit praktizierten Schreibusus das Sprachvolk seiner Schriftsprache entfremdet und somit enteignet haben. Aus dem (überwiegend unbewußten) inneren Widerwillen gegen die obrigkeitliche Zumutung, Unsinn schreiben zu müssen, erwächst ein mehr oder weniger latenter Widerwille, der sich bei den zum Gehorsam gezwungenen Schreibern in Nachlässigkeiten und Verantwortungslosigkeit gegenüber der unschuldig geschändeten Sprache ausdrückt. Sollen „die da oben“ doch sehen, wie sie damit zurechtkommen! Meine Angelegenheit ist das nicht! Der „Neuschreiber“ wälzt die Verantwortung ab auf jene, die ihn dazu zwingen, er läßt sich gehen, vielleicht sogar mit klammheimlicher Freude und unverhohlenem Grimm. Wo des Menschen redlich Bemühen, regeltreu zu handeln, ständig von Mißerfolg gekrönt ist, wendet er sich bald voller Grausen vom Schlachtfeld seiner Niederlagen ab. Das Ergebnis dieser tiefenpsychologischen Weisheit können wir täglich nachlesen: in Büchern, in der Zeitung, in Speisenkarten und Katalogen, in Briefen und auf Straßenschildern ...

Auch für diejenigen, die meinen, daß sich die Zwangskollektivierung der Schriftsprache für sie in barer Münze ausgezahlt hat und noch weiter auszahlen wird, könnten bald aufwachen. Der Mensch wendet sich nun einmal ab von Dingen und Handlungen, die ihm zuwider sind, weil sie nicht selbst darüber bestimmen dürfen. Viel Freude am Lesen und Schreiben erwächst daraus nicht. Es könnte aber auch passieren, daß die Abkehr von der Schriftsprache nur einer vorübergehenden Protesthaltung entspringt, die einer fundamentalen Einsicht Platz macht: So geht es nicht weiter! Wenn dann auch der letzte den Versuch aufgibt, gehorsam sein zu wollen und wieder so schreibt, wie es ihm Tradition und Sprachgefühl vorgeben, dann brauchen wir die „Führer durch Falsch und Richtig“ nicht mehr – jedenfalls nicht jene, die uns ohnehin in die Irre geführt haben.


Kommentar von R. M., verfaßt am 04.03.2005 um 17.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=216#424

Walter Heuer war Chefkorrektor der NZZ und hatte nicht unbeträchtlichen Anteil am Scheitern der Wiesbadener Empfehlungen (einem Remake der Stuttgarter Empfehlungen) in den sechziger Jahren. Man kann sich ungefähr denken, was er von dem Versuch gehalten hätte, ausgerechnet sein Buch auf eine wie auch immer geartete Reformrechtschreibung umzustellen.



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