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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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24.02.2005
 

Heike Schmoll
Ohne Zehetmair
Kritiker der Rechtschreibreform in München

MÜNCHEN, 23. Februar. Zum ersten Mal seit acht Jahren hatte sich ein für die Rechtschreibreform verantwortlicher Kultusminister bereit erklärt, sich dem Gespräch mit den Kritikern zu stellen.

Darauf hatten Germanisten, Schriftsteller und Journalisten lange gewartet. Der Vorsitzende des Rates für die deutsche Rechtschreibung, der frühere bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU), war jedoch plötzlich erkrankt. So fand in der bayerischen Akademie der Wissenschaften eine Gesprächsrunde mit einigen der profiliertesten Kritiker ohne den eigentlichen Adressaten statt. Der Mitschnitt des Gesprächs werde Zehetmair zugestellt, wurde versichert, nicht ohne die großherzige Bereitschaft des Vorsitzenden des Rechtschreibrates zu würdigen. "In welchem Land leben wir eigentlich, wo es eigens gewürdigt werden muß, daß ein verantwortlicher Politiker sich dem Gespräch mit Fachleuten stellt", wandte einer der Zuhörer ein.

Die "Anmaßung", Sprache politisch reglementieren zu wollen, hatte Zehetmair schon zu seiner Amtszeit als Fehler erkannt. Das hatte aber kaum Folgen für die Schulpraxis in Bayern, wo die Rechtschreibreform schon zwei Jahre vor dem offiziellen Beginn Einzug in den Grundschulen hielt. Um so mehr weckte Zehetmairs Äußerung, der Rat für die deutsche Rechtschreibung sei in "größtmöglicher Staatsferne" zu organisieren, das Mißtrauen des DDR-erfahrenen Schriftstellers Reiner Kunze. Denn Zehetmair hatte gleichzeitig bekundet, es könne keine Rückkehr geben. "Staatsnäher geht es doch gar nicht", sagte Kunze und bemängelte, daß der Rat sich nicht damit zufriedengeben dürfe, "einige Schwachstellen zu beseitigen". Die Getrennt- und Zusammenschreibung bezeichnete Kunze als "Vergehen an der Sprache". Der Rechtschreibkritiker Hans Krieger nannte die Bezeichnung einer Rechtschreibreform eine "grobe Irreführung". Es gehe nicht um Orthographie, sondern um Sprache, denn Bedeutungsentscheidungen seien verwischt, Worte gestrichen und die Grammatik dereguliert worden. Die sogenannte Reform sei ein Salto rückwärts, die Rücknahme der Regeln ein Schritt nach vorn. "Wieso erlauben wir es Politikern, ihre Feigheit, Probleme zu lösen, als Stärke auszugeben?" fragte Krieger.

Der Erlanger Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske war während der Rechtschreibdebatte selbst vom Saulus zum Paulus geworden. Seine frühe wissenschaftliche Untersuchung der Orthographie und Reformneigung führte 1987 zum Auftrag, an der Reform mitzuarbeiten. Munske war zunächst auch Mitglied der sogenannten Zwischenstaatlichen Kommission, des Vorläufergremiums des heutigen Rates. Angesichts der heftigen Proteste von Schriftstellern und Journalisten hatten ihn aber Zweifel beschlichen. 1997 trat er aus der Kommission aus. Bis heute sei es der Politik nicht gelungen, die Sprachgemeinschaft von der Notwendigkeit der Rechtschreibreform zu überzeugen, sagte er. Der Rat sei zu groß, inkompetent und unausgewogen. Unter den deutschen Mitgliedern sei kein einziger Fachmann für Orthographie, auch kein Kritiker. Der ganze Rat sei als Erfüllungsgehilfe der Konferenz der Kultusminister (KMK) konzipiert. Kaum einer der Kultusminister benutze die neue Schreibung, aber alle stünden zu ihrer Entscheidung, um ihr Gesicht zu wahren. Der schnellste und kostensparendste Weg sei, die Reform kurzerhand zu beenden. Munske bat Zehetmair, Transparenz bei den Beratungen zu schaffen und die Stellungnahmen der einzelnen Ratsmitglieder sowie die Protokolle der Sitzungen im Internet zu veröffentlichen.

Im Statut festgelegte Mehrheitsentscheidungen des Rates provozierten den besonderen Zorn der Kritiker. Die im Duden inzwischen zugelassene Zahl von insgesamt 3000 Varianten sei keine Lösung, meinte Kunze und verwies auf das Beispiel "es tut mir Leid/leid". Die Großschreibung sei grammatikalisch falsch und könne deshalb kein Gegenstand einer Mehrheitsentscheidung sein. Munske forderte die Duden-Redaktion auf, wieder den Sprachgebrauch darzustellen, anstatt den Sprachwandel zu diktieren. Die Politik lebe bis zum Ende der Legislaturperiode, die jetzt in der Sprache vorgenommenen Eingriffe seien aber noch in 50 Jahren sichtbar.

Wenn schon kein Fürsprecher der Reform auf dem Podium saß, so heizte wenigstens der Chef der Duden-Redaktion, Matthias Wermke, die Diskussion mit seinem Vorwurf an, solche "sinnlosen" Debatten mündeten in "Larmoyanz und Politikverdrossenheit". Wieso die Kritik nicht im Rat vorgebracht werde, fragte er, wohl wissend, daß sie dort niemand vorbringen wird und den Kritikern nur das zahnlose Minderheitsvotum bleibt. Wermke, der Änderungen allenfalls bei der Interpunktion zulassen will, sagte überdies, Deutschlehrer hätten zur Rechtschreibung ebensowenig zu sagen, wie Physiklehrer Einsteins Relativitätstheorie umkrempeln könnten. So wird am 1. August der vierte Reformduden vorliegen, während inzwischen 400 Zeitschriften und Zeitungen, dazu viele Verlage und Schriftsteller in Deutschland zur bisherigen Schreibung zurückgekehrt oder gleich dabei geblieben sind.

( F.A.Z., 24.02.2005, Nr. 46 / Seite 5 )



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Kommentare zu »Ohne Zehetmair«
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Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 09.03.2005 um 22.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=211#444

»Handlungsanweisung

Zum Beitrag "Ohne Zehetmair" (F.A.Z. vom 24. Februar): Der Chef der Duden-Redaktion – sein Name falle der damnatio memoriae anheim – macht sein fundamental irriges Verständnis dessen, was Rechtschreibung sein kann, öffentlich: Der Deutschlehrer habe "zur Rechtschreibung ebensowenig zu sagen, wie Physiklehrer Einsteins Relativitätstheorie umkrempeln könnten".

Das klassische Regelgebäude der deutschen Rechtschreibung ist das Ergebnis eines 200jährigen konsensualen Prozesses, in dem die Gewichtung phonologischer, morphologischer und syntaktischer Faktoren sorgfältig austariert und sukzessive explizit konventionalisiert wurden. Demgegenüber ist die Formel E = mc² Teil einer physikalischen Theorie, die prognostische Kraft hat. Im strengen Sinne können orthographische Regeln keine Theorie sein, sondern eine Menge von praktischen Handlungsanweisungen, deren linguistische und didaktische Qualität von Fachleuten (auch von gut ausgebildeten, erfahrenen Deutschlehrern) einer kritischen Würdigung unterzogen werden können. Dem Chef der Duden-Redaktion gebricht es an minimalen wissenschaftstheoretischen und sprachwissenschaftlichen Kenntnissen.

Professor Dr. Herbert E. Brekle, Regensburg«


( Frankfurter Allgemeine Zeitung /Briefe an die Herausgeber, 10.03.2005, Seite 8 )

Mein Kommentar:

Leser dieser Internetseite erinnern sich an Herrn Markners Mitteilung, daß nicht Herr Wermke, sondern ein unbekannter Teilnehmer an der Münchener Podiumsdiskussion den unpassenden Vergleich von Physik- und Deutschlehrern vorbrachte. Man konzentriere sich also auf die von mir hervorgehobenen Aussagen Prof. Brekles, denn die haben es in sich - kürzer kann man die sprachwissenschaftliche Kritik an der Rechtschreibreform nicht ausdrücken. Zugleich gibt Prof. Brekle aber auch einen Fingerzeig, wie man aus dem gegenwärtigen Dilemma herauskommen könnte, wenn der Wille dazu vorhanden wäre.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 01.03.2005 um 22.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=211#410

Ministerialrat Albrecht Pohle wie auch sein Amtskollege Stillemunkes in Wiesbaden haben die politischen Richtungswechsel in ihren Ländern unbeschadet überlebt und sorgen für die Kontinuität der Reformdurchsetzung. Ursprünglich beriet Herr Pohle den SPD-Kultusminister Wernstedt, worüber die WELT am 5. 9. 1997 eine amüsante Anekdote zu berichten wußte [Hervorhebungen hinzugefügt]:

Nach einer Anhörung von Verfassungsjuristen im Rechtsausschuß war deutlich geworden, daß auch in diesem Gremium die Gegner der Reform in der Überzahl sind. Der Riß geht quer durch die Parteien. In der SPD hat sich besonders der frühere Verfassungsjurist und ehemalige niedersächsische Kultusminister Mahrenholz, klar gegen die Reform ausgesprochen. Auf die Einwände von Mahrenholz hat dessen Nachfolger in Niedersachsen, der derzeitige Präsident der Kultusministerkonferenz Rolf Wernstedt (SPD), auf diskrete Weise antworten lassen. Der in seinem Ministerium angestellte und für die Durchsetzung der Rechtschreibreform in Niedersachsen zuständige Ministerialrat Albrecht Pohle antwortete Mahrenholz in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung mit einer allgemeinen Juristenschelte. Von den Bundesrichtern sei "nichts Gutes zu erwarten. Sie werden blind bei einer ihrer größten Autoritäten, dem ehemaligen Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts, abschreiben", meint der Beamte. Unterdessen haben Buchverlage, Eltern und Lehrer die zügige Einführung der umstrittenen Rechtschreibreform verlangt.

Nun dient Pohle natürlich dem CDU-Kultusminister Busemann. In dessen Auftrag schrieb er am 9. 7. 2004 an Frau Astrid Schleicher:

Inzwischen hat sich Ministerpräsident Wulff mit der Anregung zu Wort gemeldet, die Reform gänzlich zurückzunehmen. Herr Minister Busemann unterstützt diesen Vorschlag, weist aber auf die Schwierigkeiten eines abgestimmten Vorgehens hin. Niemand wird einen Alleingang Niedersachsens in dieser Frage wollen. Es bleibt abzuwarten, welche Resonanz der Vorstoß des Ministerpräsidenten in der Öffentlichkeit finden wird. Ob es eine Rückkehr zum Privileg des Duden geben kann und wird, ist zurzeit noch nicht abzusehen. Der Duden ist ein Privatunternehmen, der immer starke Konkurrenten hatte und auch heute noch hat.

Alles was recht ist, aber eine gewisse Leutseligkeit ist Herrn Pohle nicht abzusprechen So plauderte er bei der Übersendung des Wernstedt-Papiers ganz ungeniert über dessen Entstehungsgeschichte:

Ihr o.g. Schreiben hat Herr Minister Prof. Wernstedt mit Interesse zur Kenntnis genommen und mich gebeten, Ihnen zu antworten. Diese Antwort erfolgt erst jetzt, nachdem ich zuvor die von Ihnen erwähnte Streitschrift von Theodor Ickler beschafft und zugleich Herrn Augst und Herrn Schaeder um eine Stellungnahme dazu gebeten habe. Herr Prof. Augst hat sich auch zu den von Ihnen vorgetragenen Beispielen geäußert. In der Anlage übersende ich Ihnen diese Unterlagen. Sie mögen daraus ersehen, dass die Reformer gute Gründe vorzubringen haben. Es ist immer nützlich, bevor man urteilt, die andere Seite gehört zu haben. "Auditur et altera pars", haben schon Seneca und Augustinus gelehrt.

Es muß jedoch heißen "Audiatur et altera pars" - PISA ließ schon 1997 grüßen.


Kommentar von Johannes Hauberger, verfaßt am 01.03.2005 um 12.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=211#406

Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung hat von 1995 bis heute weder die wechselnden Präsidenten der Kultusministerkonferenz noch irgendeinen der Länderkultusminister zu genauer Lektüre gereizt. Das Ausbleiben von negativen Berichten aus den Schulen und die Benutzung der neuen Schreibungen in der Presse genügen ihnen, um sich vom Gelingen ihrer Rechtschreibreform zu überzeugen. Im Frühjahr 1997 war jedoch dem damaligen KMK-Präsidenten Wernstedt (SPD) aus Niedersachsen zu Ohren gekommen, ein Professor Ickler aus Erlangen erhebe in seiner Broschüre Die Rechtschreibreform auf dem Prüfstand massive Einwände gegen das neue Regelwerk. Er bat daraufhin den Chefreformer Augst, sich mit dieser Kritik auseinanderzusetzen. Das Ergebnis war eine Ausarbeitung (zusammen mit Burkhard Schaeder, Hauptautor des Teils GZS der Neuregelung), die damals natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war und auch später nicht veröffentlicht wurde. Ministerialrat Pohle, Wernstedts Fachbeamter für die Rechtschreibreform, war sich seiner Sache so sicher, daß er triumphierend eine Kopie an einen Kritiker schickte. Prof. Ickler zitiert daraus einige der abenteuerlichen Rechtfertigungsversuche Augsts und Schaeders als "Wernstedt-Papier" in seinem Kritischen Kommentar. Ministerialrat Pohle, der jetzt einen CDU-Kultusminister berät, ist offenbar über seinen damaligen Erkenntnisstand nicht hinausgekommen. Dafür spricht sein Hinweis auf die Ziele der Rechtschreibreform. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, nach acht Jahren noch einmal die Einleitung des "Wernstedt-Papiers" zu lesen:

Herr Icklers Irrtum besteht darin, dass er fast jede Rechtschreib-Nuance, die in der deutschen Rechtschreibung existiert, als unabdingbar verteidigt. Demgegenüber sind die Reformer der Ansicht, dass alle Rechtschreib-Regeln genau dann auf den Prüfstand gestellt werden können und müssen, wenn sie dem Leser zwar einen kleinen Vorteil bescheren, dem Schreiber aber große Probleme machen. Es muss zu einem Interessenausgleich kommen! Dies gilt umso mehr, wenn die Rechtschreibung in den letzten 100 Jahren durch die Normierung mit einer großen Fülle feinsinniger Unterscheidungen befrachtet worden ist, deren Sinn für den Leser kaum einzusehen ist, für den Schreiber aber subtile Regelkenntnis - teilweise auf der Basis einer sehr genauen grammatischen Analyse - bedeutet. [...] Genau diese vielfach nutzlose Kasuistik zu beseitigen, war und ist in der Mehrzahl aller Fälle ein Ziel der Reformer. Dies ist besonders dann geboten, wenn der Staat durch eine Normierung die Rechtschreibung für die Schreiber verbindlich festlegt. Diese Festlegung muss u. E. so gestaltet sein, dass ein Schreiber nach dem Ende der allgemeinen Schulpflicht in der Lage ist, diese Norm befolgen zu können. Die Rechtschreib-Norm darf auf keinen Fall große Teile des Volkes von dem Gebrauch der richtigen Schreibung ausgrenzen, und dies erst recht nicht in einem demokratischen Gemeinwesen, wo jeder Bürger das grundgesetzlich verbriefte Recht hat, sich in Wort und Schrift frei zu äußern. [...] Bei dem ungeheuren gesellschaftlichen Stellenwert, den die Rechtschreibung hat, ist es auch nicht möglich, eine einfache Rechtschreibung für das einfache Volk und eine sophistizierte Rechtschreibung für die Gebildeten zuzulassen. [...] Eine Rechtschreibung für jedermann muss bestimmt sein durch klare Grundregeln, die möglichst wenig Ausnahmen oder gar Ausnahmen von den Ausnahmen haben.

Vielleicht haben die Reformer tatsächlich ihre Umgestaltung der deutschen Rechtschreibung als ein emanzipatorisches Unternehmen gesehen. Herr Pohle müßte sich heute aber zweierlei fragen: 1. Ist ein solcher Eingriff in eine "gewachsene" Rechtschreibung überhaupt zulässig? und 2. Haben die Reformer - unabhängig von der Antwort auf diese Frage - ihr Ziel auch nur annähernd erreicht? Wir werden in den nächsten Monaten die merkwürdigsten Versuche erleben, geringfügig etwas zu ändern und dabei den Schein des Gelingens zu wahren. Vergessen wir aber eins nicht: Die Fachberater der KMK sind und bleiben jene verbohrten Ministerialräte, die die Rechtschreibreform nach den Vorgaben der Mannheimer Kommission durchgesetzt haben. Da der politische Wille zu einer Lösung des deutschen Rechtschreibdilemmas fehlt, werden sie auch weiterhin im Hintergrund alle Fäden in der Hand behalten.



Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 28.02.2005 um 20.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=211#402

Herr und Frau Ahrens von der Volksinitiative Niedersachsen haben am 23. Februar Post aus Hannover erhalten. Der Präsident des Niedersächsischen Landtags teilte ihnen mit, ihre Petition sei ablehnend beschieden worden. Grundlage der Ablehnung waren zwei Gutachten aus dem Kultusministerium, vermutlich also von Ministerialrat Albrecht Pohle verfaßt. Letzter gehört mit MR Stillemunkes in Wiesbaden und MR Dr. Krimm in München zum harten Kern des Schulausschusses der KMK. Alle Entscheidungen in Sachen Rechtschreibreform beruhen auf ihren Vorschlägen, auch in Zukunft wird sich die KMK stets nach ihnen richten. Deshalb sollte man sich die Argumente aus Hannover ansehen. Der vollständige Text steht auf dem Nachrichtenbrett von www.rechtschreibreform.com. Hier ein Auszug (ohne Kennzeichnung der Auslassungen):

Bei allem Verständnis für die Sorgen und Ängste von Teilen der Bevölkerung wird deutlich, dass es sich um Probleme der Erwachsenen handelt, die Schwierigkeiten haben, sich umzustellen. In den Schulen wird die neue Rechtschreibung seit 1998, in einigen Ländern seit 1996, ohne Probleme vermittelt.

Eine Rücknahme der Reform würde großen wirtschaftlichen Schaden verursachen. Der Verband der Schulbuchverleger hat sich in den vergangenen Wochen mehrfach mit Schreiben an die Kultusminister gewandt und vor einer Rücknahme der Reform gewarnt.

Die Duden-Redaktion hatte 1950 und noch einmal 1955 unter dem Druck der Konkurrenz, besonders des Wörterbuchs von Knaur, heute Bertelsmann, die KMK um eine verbindliche Erklärung gebeten, welche Rechtschreibung gelten sollte. In Erwartung der Rechtschreibreform in kurzer Frist, die die KMK damals bereits in Auftrag gegeben hatte, versah sie den Duden mit dem Privileg, dass sein Wörterbuch in Zweifelsfällen maßgebend sein sollte. Eine erneute Ausstattung des Duden mit diesem Vorrecht würde sofort von den Konkurrenten gerichtlich angegriffen werden. Im Übrigen hat die Duden-Redaktion seit 1915 alle fünf Jahre eine neue Ausgabe des Wörterbuchs herausgebracht, dabei aber die Änderungen der Schreibweisen, die jedesmal hunderte von Wörtern betrafen, geheim gehalten. Das war psychologisch besonders geschickt, wie man heute sieht.

Mit Schreiben vom 21. Mai 2004 hat Rechtsanwalt Dr. Wasmuth eine Stellungnahme der Rechtswissenschaftler übermittelt, die eine Replik auf die Stellungnahme der Kultusverwaltung des Landes Mecklenburg-Vorpommern darstellt, ergänzt durch ein sprachwissenschaftliches Gutachten von Prof. Theodor Ickler. [...] Das Gutachten von Ickler führt insofern nicht weiter, als es die Schwächen der früheren Duden-Regelungen ebenso unerwähnt lässt, wie es eine sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Zielen der Reform vermissen lässt.

Es ist derzeit nicht absehbar, wie man zur alten Duden-Rechtschreibung zurückkehren könnte und welche Folgen das hätte. Auszuschließen ist ein Alleingang Niedersachsens.

Die Diskussion um die Rechtschreibreform ist nach stürmischem Verlauf in den Sommermonaten 2004 auch heute noch nicht beendet. Anfang Juni 2004 nahmen die Kultusminister den 4. Bericht vom Dezember 2003 sowie den ergänzenden Bericht vom 18. Mai 2004 der Zwischenstaatlichen Kommission zur Kenntnis und beschlossen damit, dass die in diesen Berichten enthaltenen Änderungen zum 1. August 2005 in Kraft treten.

Das entsprechend überarbeitete Regelwerk und das Wörterverzeichnis liegen inzwischen vor. Sie sind unter folgender Adresse im Internet zugänglich: www.rechtschreibkommission.de .

Die Anregung des Niedersächsischen Ministerpräsidenten, die Reform zurückzunehmen und auf der Grundlage der alten Duden-Regeln erneut über Reformen nachzudenken, konnte sich nicht durchsetzen. Im Oktober 2004 empfahl die Konferenz der Ministerpräsidenten den Kultusministern, einen neuen Rat für deutsche Rechtschreibung einzusetzen mit dem Auftrag, auf der Grundlage der Reform über Verbesserungen zu beraten und Änderungsvorschläge zu erarbeiten, die der Reform eine breitere Akzeptanz in der Bevölkerung verschaffen. Eine Verlängerung der Übergangsfrist über den 31. Juli 2005 hinaus, die Niedersachsen befürwortet hatte, war nicht durchzusetzen.

Die Konferenz der Kultusminister beschloss Mitte Oktober 2005, einen international besetzten Rat für deutsche Rechtschreibung mit 36 Mitgliedern und einem Vorsitzenden einzurichten.

Der Rat soll möglichst zeitnah Vorschläge zur Veränderung der besonders umstrittenen Bereiche der Rechtschreibreform vorlegen, damit die Kultusminister noch vor Ablauf der Übergangsfrist darüber entscheiden können. Diese Bereiche sind die Groß- und Kleinschreibung sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Integration von Fremdwörtern und die Zeichensetzung. Im Übrigen soll der Rat die Entwicklung der Schreibgewohnheiten beobachten und alle fünf Jahre einen Bericht an die staatlichen Stellen erstatten, in dem er Änderungen des Regelwerks oder veränderte Einzelschreibweisen vorschlagen kann. Der Rhythmus von fünf Jahren entspricht der Praxis in den Nachbarländern und dem Vorgehen des Duden, der seit 1915 ebenfalls alle fünf Jahre eine neue Ausgabe herausgebracht hat.

Was in der Schule verbindlich sein soll und durch die Fehlerbewertung Konsequenzen für die Schullaufbahn bzw. die Schulabschlüsse haben kann, muss von den Kultusministern genehmigt werden.

Meine Zusammenfassung:

MR Pohle stellt die seit 1996 stereotyp verwendeten Uraltargumente an den Anfang: Die Rechtschreibreform könne nicht zurückgenommen werden, weil sie in der Schule ohne Probleme vermittelt werde und ihre Rücknahme besonders den Schulbuchverlagen großen wirtschaftlichen Schaden zufügen würde. Patina hat auch sein zentrales Argument inzwischen angesetzt: Wer die Rechtschreibreform zurückgenommen sehen möchte, plädiere für die Rückkehr zu den alten Duden-Praktiken. Bei der Privilegierung des Duden (1950/1955) habe die KMK einseitig in den wirtschaftlichen Wettbewerb auf dem Wörterbuchmarkt eingegriffen. Gegen eine erneute Privilegierung des Duden würde sich die Konkurrenz jedoch gerichtlich wehren. Der Duden habe im übrigen seine bevorzugte Stellung stets gewinnbringend ausgenutzt. Bei den Gegnern der Reform fehle die Einsicht in die Schwächen der Duden-Regelungen ebenso wie die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Zielen der Reform - was wohl auch an die Adresse von Ministerpräsident Wulff gesagt ist. Natürlich gebe es umstrittene Bereiche, eigentlich alle, deren sich die Reformer besonders angenommen hätten, aber um die kümmere sich jetzt der neue Rat für deutsche Rechtschreibung unter der Leitung von Herrn Zehetmair. Alle fünf Jahre - besser sei das Rechtschreibvolk mit dem Duden auch nicht gefahren - werde er berichten. Aber, damit es keine falschen Hoffnungen gibt: Ohne die Genehmigung der Kultusminister läuft nichts, d. h. das letzte Wort haben weiterhin die Ministerialräte Krimm, Pohle und Stillemunkes.


Kommentar von R. M., verfaßt am 24.02.2005 um 16.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=211#388

Der unidentifizierte "Zuhörer" war Christian Meier, und die Attacke gegen die Deutschlehrer ritt nicht Wermke, sondern ein anderer Fragesteller.



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