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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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29.01.2005
 

Hans Krieger
Zur Rücknahme gibt es keine Alternative
Entgegnung auf Prof. Helmut Jochems und Prof. Theodor Ickler

Zu der in den Kommentaren seines Beitrags vom 26.1.2005 „Rechtschreibung: nicht Zwang, sondern Chance“ entstandenen lebhaften Diskussion schickt uns Hans Krieger seinerseits eine Stellungnahme, die schon von ihrem Umfang her mehr als ein weiterer Kommentar zu diesem Thema ist und deshalb hier – auch der Übersichtlichkeit wegen – als neuer Beitrag wiedergegeben wird.

Ich bitte Herrn Professor Jochems und Herrn Professor Ickler, mich besser zu verstehen. Daß die übliche Schreibung einen Zwangscharakter weder hat noch haben darf, war der Kern meiner Aussage; ihre Kodifizierung ist vielmehr eine nachdrückliche Zweckmäßigkeitsempfehlung, deren sorgfältige Beachtung der Nuancendeutlichkeit dient und damit eine hochdifferenzierte schriftliche Kommunikation erst möglich macht. Der Sinn der Norm ist nicht, das eine zu erzwingen und das andere zu verbieten, sondern Orientierung am als zweckmäßig Bewährten und Üblichen zu ermöglichen. Die „deutsche Anpassungsmanie“, die Jochems beklagt, ist nicht in der orthographischen Norm oder den ihr zugrundeliegenden Denkstrukturen verankert, sondern im gewohnheitsmäßig zwanghaften Umgang mit dieser Norm, der die Norm zum Fetisch macht, zu einem heiligen Gesetz, dessen Mißachtung einen Mangel an Bildung, an sprachlicher Disziplin oder an Gehorsamsbereitschaft verrät und darum irgendwie geahndet werden muß. Dieser absurde Korrektheitswahn, der den Sinn der Rechtschreibung vollkommen verkennt, ist das eigentliche Problem und hat dem ganzen Reformkrampf erst den Boden bereitet. Und in diesem Korrektheitswahn und nicht in der kodifizierten Rechtschreibung selber sehe ich den „deutschen Sonderweg“ (Jochems); in keiner mir bekannten Sprache ist das orthographisch „Richtige“ so fetischisiert wie im Deutschen. (Gewisse Sonderentwicklungen der deutschen Orthographie, die spezifischen Eigentümlichkeiten der deutschen Sprache Rechnung tragen wie der Möglichkeit zur schier unerschöpflichen Neubildung von Komposita, sind davon sorgsam zu unterscheiden; zu Wortbildungen wie „wohlbekannt“, „kennenlernen“ oder „spazierengehen“ gibt es Analogien, die heute noch produktiv wären, weder im Englischen noch im Französischen, das zwar Bildungen wie „bienvenu“ kennt, aber nach diesem Muster nichts Neues mehr hervorbringt.)

Ich rede also keiner zwanghaften Überregulierung das Wort, sondern plädiere für eine Regelung, die den Spielraum für Ausdrucksnuancen so weit offen hält, wie nur irgend möglich. Weil aber meiner Erfahrung nach kaum eine Schreibvariante frei von semantischen Implikationen ist (zumindest im Ausdruckswert oder der emotionalen Färbung, die nicht zur Semantik zu rechnen ein verkürztes Verständnis von Semantik verriete), kann ich einen Freiraum der Beliebigkeit nur in minimalen Randbereichen akzeptieren. Die Rundbögen in Icklers Wörterbuch, die wahlweise Getrennt- oder Zusammenschreibung anbieten, können mir darum nur in seltenen Fällen genügen, denn sie geben keine Entscheidungshilfe, sondern suggerieren lediglich, daß es egal sei, wie man schreibt. Es geht aber immer um die Entscheidung: was will ich eigentlich sagen, und wie sage ich es so, daß es für den Leser optimal deutlich wird? Im Alltagsgebrauch mag es relativ egal sein, wie man schreibt, und es gibt keinerlei Grund, von jedem Büroleiter und jeder Einzelhandelskauffrau die Spezialkompetenz vollkommener orthographischer Sattelfestigkeit zu erwarten. In der avancierteren Sprachkultur aber ist es nicht egal, ob zwischen „alles mögliche“ und „alles Mögliche“, zwischen „im allgemeinen“ und „im Allgemeinen“, zwischen der „heißersehnten“ und der „heiß ersehnten“ Kartoffel unterschieden werden und in einem Satz wie „er startete als vierter und ging als Erster ins Ziel“ der logische Kategorienunterschied zwischen den beiden Zahlwörtern markiert werden kann. Es kann und darf also nicht egal sein, ob das Sensorium für solche Feinunterscheidungen noch gebildet und geschult werden kann oder durch orthographische Nivellierung abgetötet wird. Darum darf es eine Zwei-Klassen-Orthographie nicht geben, wohl aber ein gelassenes Hinnehmen der Tatsache, daß es in der Nutzung der gerade durch ihre Regelhaftigkeit gesicherten Freiheitschancen der Rechtschreibung ebenso krasse Niveauunterschiede gibt wie in der Beherrschung der Grammatik und der Ausschöpfung des schier unendlichen Reichtums des Wortschatzes.

In meiner Zeit als Zeitungsredakteur habe ich jahrelang einen alltäglichen und nicht immer erfolgreichen Kampf mit den Korrektoren um die damals vom Duden nicht zugelassene Kleinschreibung nach dem Doppelpunkt ausgefochten – nicht weil ich die Großschreibung generell für einen Fehler gehalten hätte und die Kleinschreibung jedem hätte vorschreiben wollen, sondern weil die Großschreibung meinem syntaktischen Denken im Weg stand und meine stilistische Absicht empfindlich beeinträchtigt hätte. Beide Schreibweisen sind vertretbar, für beide gibt es Gründe. Es ist aber weder egal noch pure Geschmackssache, welche man wählt, denn die Wahl hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Satzgefüges. Und ich bleibe überzeugt, daß die meisten Gymnasiasten und sogar aufgeweckte Grundschüler für solche Wahrnehmungsdifferenzierungen potentiell empfänglich sind; das Gespür ist ihnen nur ausgetrieben worden durch einen völlig von der Angst vor dem Fehlermachen beherrschten Unterrichtsdrill.

In den Jahren, in denen ich an einem journalistischen Fortbildungsinstitut „Spracharbeit“ unterrichtete, habe ich zu meinen Studenten nie gesagt: „Dies ist richtig“ oder „Dies ist falsch“. Sondern ich habe immer versucht, das Bewußtsein dafür zu schärfen, was genau anders wird, wenn man einen Satzbau anders wendet, ein Wort anders wählt, ein Satzzeichen anders setzt oder eine andere Schreibweise benützt. Das lief meist erstaunlich gut, war in aller Regel sehr produktiv, machte den meisten Spaß und hat mir viel Dankbarkeit eingebracht. So ähnlich würde ich mir auch den Sprachunterricht an der Schule vorstellen: als Einladung, den Reichtum der Sprache denkend zu erkunden und ihre Chancen kreativ zu nutzen, statt sich vor der vermeintlichen Heimtücke ihrer Fehlerquellen zu fürchten. Die ganze heutige Rechtschreib-Diskussion scheint mir immer noch daran zu kranken, daß die meisten Erwachsenen in ihrer Kindheit einen traumatisierenden Rechtschreib-Drill erlitten haben und darum Orthographie für ein Zwangsinstrument halten, das keine andere Wahl zuläßt als gehorsame Unterwerfung, trotziges Aufbegehren oder verächtliche Gleichgültigkeit.

Natürlich setze auch ich nicht allein auf eine vernünftigere Didaktik. Ich wünsche mir einen Einstellungswandel durch Rückbesinnung auf den eigentlichen Sinn der Rechtschreibung: nicht Selbstzweck, sondern Hilfsmittel der klaren Verständigung, nicht Zwang, sondern Chance, nicht Drangsalierung beim Schreiben, sondern Service für den Leser, ohne dessen detailgenaues Verständnis das Schreiben seinen Zweck verfehlt.

Was die Darstellung im Wörterbuch angeht, so räume ich gerne ein, noch nicht auf alle Fragen eine komplette und befriedigende Antwort zu haben. Der Hinweis, daß Rechtschreibung einzig und allein der Deutlichkeit der Verständigung dient und ohne verläßliche Geregeltheit diesen Zweck nicht erfüllen kann, sollte in keinem Wörterbuch fehlen. Nützlich wäre auch der Hinweis, daß es neben einer beruhigten Kernzone der dauerhaften Stabilität („Kaiser“, „Boot“ etc.) fluidere Randbereiche gibt, wo die Dinge ein wenig im Fluß bleiben. Hierzu gehören neben der Fremdwortschreibung vor allem die Groß- und Kleinschreibung und die Getrennt- und Zusammenschreibung: der Prozeß der Neubildung von Univerbierungen ist unabgeschlossen und unabschließbar, und auch das „Verblassen“ von Substantiva zu adverbialen Wendungen kann weitergehen (ich weiß, daß „Verblassen“ ein linguistisch anfechtbarer Begriff ist, aber jeder weiß, was gemeint ist.) In diesen Bereichen unabgeschlossener Entwicklung kann es „das Richtige“ und „das Falsche“ nicht geben, sondern nur „das Richtigere“ und „das weniger Richtige“, noch besser wäre es, vom „Zweckmäßigeren“ und „weniger Zweckmäßigen“ zu sprechen. Bloße Beliebigkeit aber sollte aus den genannten Gründen auch hier nicht herrschen. Dem Ratsuchenden sollten klare Präferenzen angeboten werden: eine hervorgehobene Hauptvariante (die in aller Regel auf der Linie dessen liegt, was Ickler die „progressive“, also im Trend der spontanen Sprachentwicklung liegende Schreibung nennt), zu der in Klammern eine Nebenform angegeben werden kann. Wo der Bedeutungsunterschied einigermaßen erheblich ist, sollte dies mit einem Beispiel erläutert werden; wo er exemplarisch ist, dürfte einer der bewährten „Kästen“ hilfreich sein. Zusätzlich empfiehlt sich eine Faustregel: „im Zweifelsfall zusammen, im Zweifelsfall klein“. Die Kleinschreibung von „auf dem laufenden“ ist problemlos als zweckmäßig zu begründen nach dem gleichen Muster wie bei „des weiteren“ oder „im übrigen“. Denn wenn ich „auf dem laufenden“ bin, so heißt dies nichts anderes, als daß ich aktuell informiert bin, und nicht, daß ich mich auf einem Ding befinde, das man „das Laufende“ nennen könnte. Wenn die Großschreibung der Hervorhebung dessen dient, „wovon eigentlich die Rede ist“, also den Satzbau verdeutlicht, wie auch Jochems meint, so ist die Großschreibung „auf dem Laufenden“ für den Leser störend. Im Wörterbuch sollte die Kleinschreibung als Regelfall markiert und die Großschreibung als wenig zweckmäßig, aber möglich in Klammer gesetzt werden.

Die Einführung der Rechtschreibreform mit ihrer abstrusen Mischung aus Zwanghaftigkeit und Beliebigkeit, aus Pedanterie und Unverstand war ein kulturschädigender Gewaltakt der Politik und Administration, für den es keine Legitimationsgrundlage gibt. Die minimalen Unstimmigkeiten und Rigiditäten der alten Rechtschreibung sind damit nicht im entferntesten zu vergleichen, und ich halte es für gefährlich, mit unserer Diskussion auch nur den Anschein eines Anscheins zu erwecken, als kämen wir bei einer Rücknahme der Reform von der Traufe in den Regen. Zur Rücknahme gibt es keine Alternative, denn nur so kann die Anmaßung des Staates beendet werden; jedes Nachbessern, selbst ein einschneidendes, ist Fortsetzung dieser Anmaßung. Erst wenn der Staat die angemaßte Regelungsgewalt niedergelegt und an die Sprachgemeinschaft zurückgegeben, also den status quo ante wiederhergestellt hat, kann ein „Auskämmen“ (Ickler) der alten Rechtschreibung stattfinden. Es hat äußerst behutsam zu sein, und übermäßige Eile hat es damit nicht.

Ich persönlich habe aber nicht dafür gegen die Rechtschreibreform gekämpft, um mir von einer vereinfachten Altschreibung ebenfalls, wenn auch weniger rigoros, die Differenziertheit des schriftsprachlichen Ausdrucks beschneiden zu lassen.



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Kommentare zu »Zur Rücknahme gibt es keine Alternative«
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Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 26.06.2005 um 16.47 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#1060

Hin und her

„Was war wohl die Begründung für das Hin und Her?“ fragt Peter Müller in untenstehendem Beitrag.
Dazu die schlichte Antwort: „Ein Richtungswechsel!“ (entweder motiviert oder unmotiviert).

Versuch einer Erklärung: Die sanften Richtungswechsel des Duden sind möglicherweise motiviert durch das Hinzukommen neuer sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse. Dadurch fand zeitweise eine Korrektur von Wortbildern durch den Duden-Privatverlag statt, seinerzeit aber noch unter der Prämisse der Einzelwortfestlegung, die damals noch gang und gebe war. Alternativschreibungen gab es nämlich noch nicht in dem Ausmaße, wie sie die Reformschreibung zuhauf produzierte. Allerdings gab es auch nicht jene strengen externen Normierungen, wie sie ebenfalls durch die Rechtschreibreformer ins Leben gerufen wurden und nahezu einen Wortbilddarstellungszwang auslösten. (Ein seltsames „Hüh und Hott“.)

Überhaupt ist dem gegenwärtigen Richtungswechsel – der ideologisch motivierten Rechtschreibreform – zu unterstellen, daß sie das Merkmal der Betonung von Fall zu Fall zurücknimmt zugunsten der Gedächtnis- und Ableitungsakrobatik, daß aber an anderer Stelle der Hörsinn favorisiert wird zuungunsten anderer Sinne und sensorischer Fähigkeiten. Das ist grob formuliert: „Ein Knallen mit der Peitsche“.

Unabhängige Schreiber sind keine Zugtiere! Insofern werden sie zu keinem Zeitpunkt auf ein „Hott“ reagieren. Sie sind es gewohnt, flüssig zu schreiben, weil sie sich auf ihre eigenen „sieben Sinne“ verlassen können, die sie völlig gleichberechtigt von Rechtschreibfall zu Rechtschreibfall einsetzen. Sie gebrauchen ihren Instinkt und ihr im Bildungsprozeß erworbenes Sprachgefühl und benötigen nicht im entferntesten jenen selbstgerechten Bauern, der seine Kuh angeblich daran hindert, einen Abgrund hinunterzustürzen.


Kommentar von Peter Müller, verfaßt am 26.06.2005 um 15.11 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#1059

Theodor Ickler: GZS - kleine Beobachtung

Der Fall bitterkalt ist vielleicht exemplarisch für die gelegentlichen Irrungen des Dudens. Bis ca. 1970 wurden nämlich alle drei ähnlichen Fälle mit bitter- sowohl attributiv wie prädikativ zusammengeschrieben: bitterböse, bitterernst und auch bitterkalt.

Aus Band 9, 1. Auflage (1965): „Die verstärkten Adjektive ,bitterböse’ und ,bitterernst’ werden heute sowohl in attributiver Stellung als auch in der Aussage zusammengeschrieben: ein bitterböser Blick; er ist bitterböse; eine bitterernste Situation; es ist bitterernst. Auch ,bitterkalt’ wird heute lediglich als Verstärkung aufgefaßt und kann auch in der Aussage zusammengeschrieben werden: ein bitterkalter Januarmorgen; es war bitterkalt.“

Nach dem Text zu schließen, ist bitterkalt neu zu bitterböse und bitterernst gestoßen. „Kann“ deutet darauf hin, daß eigentlich auch Getrenntschreibung richtig wäre.

Erst in den siebziger Jahren hat Duden bitterkalt wieder „zurückgestuft“. Aus Band 9, 3. Auflage (1985): "Die verstärkten Adjektive bitterböse und bitterernst werden heute sowohl in attributiver Stellung als auch in der Aussage zusammengeschrieben: ein bitterböser Blick; er ist bitterböse; eine bitterernste Situation; es ist bitterernst. Das Adjektiv bitterkalt dagegen wird nur in attributiver Stellung zusammengeschrieben: ein bitterkalter Januarmorgen. Sonst schreibt man getrennt: es war bitter kalt."

Was war wohl der Hintergrund des Hinundhers? Veränderter Sprachbrauch? Wohl eher Einsicht in einen Irrtum, sonst wäre dies das vielleicht einzige Beispiel für eine Tendenz von der Zusammen- zur Getrenntschreibung. bitter nötig wird nie erwähnt; d.h. nach Duden ist es immer getrennt zu schreiben.


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 20.02.2005 um 20.30 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#376

Lieber Herr Professor Jochems,

ich habe ja in der Tat nicht alles kommentieren wollen, aber ich sehe mit Freude, daß Sie meiner Schlußsequenz "nicht vehement" widersprochen haben. Einen langjährigen Kampf (mit der Hoffnung auf eine "Siegesfeier" - Sie erinnern sich gewiß) ficht niemand ohne Emotionen. Kunzes "Mikroläsionen" sind ja auch ernst zu nehmen, wenn er damit die rein sachliche Ebene verläßt.
Ich halte die von Herrn Krieger geschilderten Zielsetzungen, die er zur Grundlage des Bemühens um Orthographie gemacht hat, für vernünftig und für pragmatisch.


Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 20.02.2005 um 11.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#365

Herr Jochems möchte doch gar nichts "verbessern" in dem Sinne, daß bisherige Schreibungen geändert werden. Wenn ich es richtig sehe, tritt Herr Jochems in Einzelfällen für eine noch größere Liberalität ein als Herr Ickler, das ist aber schon alles. (Auch Herr Ickler erlaubt recht viel, z. B. Getrenntschreibung bei weiterempfehlen, und müßte von Herrn Isleif wohl gleichermaßen angeklagt werden.) Inwieweit man mit den Reformbefürwortern "Kompromisse" eingehen kann, wurde hier noch nicht konkretisiert. Die formalistischen Auswüchse der Reform (z.B. Großschreibung bei Artikel) lehnen wir ja einvernehmlich und kompromißlos ab. Aber in manchen Punkten ist auch ein Entgegenkommen möglich. Herr Ickler hatte unlängst eine Liste mit Vorschlägen präsentiert. Vom Heyse-s will ich lieber nicht reden -- ich hatte mir ja genügend Unmut eingehandelt. Wir müßten einmal einen Diskussionsstil entwickeln, in dem wir uns einerseits deutlich die Meinung sagen, andererseits aber nicht zu fest auf Grundsatzpositionen beharren -- so daß wir zu einer etwas "leidenschaftsloseren" Auseinandersetzung kommen. Wenn wir so früh schon "feststecken", werden wir viele notwendige Diskussionen nicht führen können.


Kommentar von Karl-Heinz Isleif, verfaßt am 19.02.2005 um 23.35 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#361

Sehr geehrter Herr Jochems,

Ich finde es anmaßend, etwas natürlich Gewachsenes verbessern zu wollen, besonders dann, wenn dieses Etwas anderen gehört.

Daß es Verstümmelung sei, was die 'reformierenden' Eingriffe mit der Sprache tun, wollte ich sagen, möglichst drastisch.

Der 'Hundezüchter-Vergleich' war dazu ungeeignet, weil zu grob. Das habe ich hinterher auch gemerkt.

Ich entschuldige mich.

Karl-Heinz Isleif


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 19.02.2005 um 19.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#359

Lieber Herr Scheuermann, nicht zum ersten Mal greifen Sie ein, um einen Dissens in unseren Reihen zu schlichten. Herzlichen Dank. Nun muß man jedoch zwei Dinge unterscheiden: die Argumente in der Diskussion und den Ton, in dem diese geführt wird. Was den letzteren Punkt angeht, da sollten nicht nur die Damen einen Anspruch auf höfliche Umgangsformen haben, sondern alle Mitglieder eines aus Bildungsbürgern zusammengesetzten Klubs - allesamt mit guter Schulbildung, aber auch mit Hochschulabschlüssen und akademischen Graden. Lebens- und Berufserfahrung wären auch zu bedenken und natürlich die grauen Schöpfe, die in diesem Klub mitmachen. Das Internet kennt dergleichen Rücksichtnahmen nicht, und wir erinnern uns alle an die schlimme Zeit, als sich ausgesprochene Lümmel auf Herrn Drägers Webseiten tummelten. "Schrift und Rede" ist keine Webseite für zwangshafte Schwätzer, sondern von ernsthaft am Erhalt einer intakten Rechtschreibung Interessierten, die im sachlichen Gedankenaustausch nach Lösungen für das gegenwärtige Dilemma suchen. Wer sich als "sprachlichen Hundezüchter" bezeichnet sieht, sollte auf der Stelle dem Unternehmen den Rücken kehren. Man könnte sich aber auch vorstellen, daß die führenden Freunde so etwas mit einem Mausklick auf den Müller beförderten.

Nun aber zu den Argumenten. Bei uns diskutiert niemand mit, der nicht die Neuregelung selbst wie auch die Form ihrer politischen und bürokratischen Durchsetzung für eine Zumutung hielte. Wer sich also in dieser Gesinnungsgemeinschaft als überlegen in der Verteidigung der guten Sache fühlt, muß die Bodenhaftung verloren haben. In unserem Kreise gibt es nur einen, dessen Kompetenz außer Frage steht, Herr Ickler. Wenn er für die unbeschädigte Beibehaltung der seit hundert Jahren üblichen deutschen Schreibungen eintritt, meint er damit nicht den letzten unreformierten Duden und auch nicht das damit verbundene Regelwerk. Unsere Orthographie ist eben schwieriger als die der anderen großen Kultursprachen, weil mehr noch im Fluß ist als sonstwo, und weil die empirische Bestandsaufnahme auf einen hohen Grad von Varianz in den Problembereichen hinweist.

Das wirft einerseits die Grundsatzfrage auf, wie einheitlich eine Rechtschreibung überhaupt sein muß, läßt andererseits aber auch an die soziologische Stratifizierung der Schreibgemeinschaft denken, in der unterschiedliche Grade der Beherrschung immer üblich waren und es auch in Zukunft sein werden. Es muß erlaubt sein, Überlegungen darüber anzustellen, wie dieser Zustand demokratisch abgefedert werden könnte.

Im übrigen sollten sich die Verteidiger der üblichen deutschen Rechtschreibung darüber im klaren sein, daß in den letzten acht Jahren auch Fakten geschaffen wurden. Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger empfinden den von uns so sehr beklagten Zustand der Beliebigkeit als sehr angenehm. Sie würden nicht begeistert sein, wenn ein fehlendes Komma und eine falsch geschriebene partizipiale Verbindung wieder zum Anlaß genommen würden, Gebildete vom Plebs zu trennen.

Zum Glück sind in unserem Kreise seit einiger Zeit die nationalistischen Töne verstummt. An der Rechtschreibung hängt nicht unsere nationale Existenz, aber auch nicht die Sprachfähigkeit der Kinder und Jugendlichen. Es geht um viel einfachere und konkretere Fragen. Wenn die sich nicht lösen lassen, sagt das ja auch etwas über die Befindlichkeit der Deutschen aus. Es lenkt nur ab, für alles Versagen die Schuld stets bei inkompetenten Popanzen zu suchen, von denen man sich vortrefflich unterscheidet.

Sie schließen Ihren Beitrag mit dem Satz: "Da stößt nüchterner Pragmatismus - eine gute Verhaltensleitlinie in vielen Fällen - an seine Grenze." Das wirft die Frage auf, ob unsere Seite sich in diesem Streit gesprächs- oder vielleicht sogar kompromißbereit zeigen sollte. Ich habe es immer als ein Armutszeugnis für die Urheber und Durchsetzer der Rechtschreibreform angesehen, daß sie sich beharrlich dem Gespräch mit uns entzogen haben. Gewiß drückte sich darin nicht nur ihre Arroganz aus, sondern auch ihre Schwäche. Darin wollen wir es ihnen nicht gleichtun. Vermutlich gibt es viele unter uns, die Herrn Zehetmairs Scheitern mit ein klein wenig Schadenfreude herbeiwünschen. Und dann? Wenn es ihm gelänge, sowohl den Paragraphen 34 wie den Paragraphen 36 wieder in Ordnung zu bringen, und zwar so, daß ihn auch die Schulen und die Presse übernähmen, wären wir dann nicht ein gutes Stück weiter? Uns wird ohnehin niemand fragen, aber nüchtern oder emotional wird man unserer Rechtschreibung doch wohl eher Gesundung als jahrzehntelange Verluderung wünschen.


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 19.02.2005 um 15.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#356

Zwar bin ich mir nicht sicher, ob es gelingen wird, aber ich will einmal den Versuch unternehmen, die zuletzt etwas auseinandergerückten Positionen von Frau Pfeiffer-Stolz (die ich vielleicht deshalb meine, nachvollziehen zu können, da ich - in kleinstem Maßstab - selbst als Verleger tätig bin) und Herrn Professor Jochems (die mir in meiner Funktion als Wissenschaftler ebenso als nachvollziehbar erscheinen) wieder etwas einander anzunähern.
Professor Jochems betont sehr die Nüchternheit, die ihm half, auch in politisch wirren Zeiten gute Englischlehrer auszubilden. Mit dieser Nüchternheit geht er auch an Probleme unserer Muttersprache heran und ist grundsätzlich kritisch gegenüber jedermann, der eine Lösung zu haben behauptet. Mit nüchternem Pragmatismus ließe sich eine Lösung finden - auch in der Rechtschreibproblematik. Jedenfalls wäre der Zustand vor der Rechtschreibreform nicht zurückzuwünschen. Und hier beginnt der Dissens. Frau Pfeiffer-Stolz hält den Zustand vor der Reform für weit besser als nach der Reform, und außerdem hält sie es für den pragmatischsten Weg, an genau diesen Ausgangspunkt zurückzukehren - immerhin ist er gut beschrieben.
(Ich selbst habe hier ja etwas ähnliches vertreten, bis ich meinen "verrückten" Vorschlag wieder zurückzog. Das heißt aber nicht, daß ich die Idee für sozusagen entwertet halte.)
Frau Pfeiffer-Stolz geht die Sache anders an - mit Mut, sogar mit Wagemut. Sie ist bereit, ein ziemlich hohes Risiko für das als besser Erkannte einzugehen. Wenn Professor Jochems einräumte, daß eine solch kämpferische Attitude der Wissenschaft keineswegs fremd ist - dann wäre das schon einmal ein Verbindungsglied.
Wir trennen die Wissenschaft ja überwiegend noch in die Geistes- und in die Naturwissenschaften. In den Naturwissenschaften strebt man im Ideal zu immer vollkommeneren Wahrheiten, während die Geisteswissenschaften sich häufiger dem Problem zu stellen haben, daß der untersuchte Gegenstand fortwährender Veränderung unterzogen ist. Zumindest für die Medizin kann man mit dieser Unterteilung nichts anfangen, und ich denke, das gilt für die Sprache in ähnlicher Weise. Nüchternheit mag bei ihrer wissenschaftlichen Untersuchung vielleicht eine conditio sine qua non empfunden werden, wird aber dem Gegenstand sicher nicht voll gerecht. Es gibt ja nichts, das stärker auf unsere Emotionen wirken könnte als gerade Sprache, und häufig möchte ich mit einem Text ja auch nicht einfach eine Sachinformation weitergeben, sondern auch eine Stimmung oder eine Empfindung. Das kann der Wissenschaftler kaum untersuchen, der diese Stimmungen nicht nachempfinden kann. Als Schriftsteller habe ich vielleicht die Fähigkeit, selbst ganz nüchtern bleibend, die Empfindungen meiner Leser durcheinanderzuwirbeln. Dazu verhilft eine möglichst gute Beherrschung der Sprache - in Diktion, aber auch in Orthographie. Das ist ähnlich dem Erlernen eines Instruments: Man kann auf ihm in völlig unterschiedlicher Vollkommenheit spielen - aber grobe Mißklänge wird jeder zu vermeiden versuchen. Der Anfänger spielt langsame Übungsstücke (und lotet dabei nicht einmal 1% der Möglichkeiten der Sprache aus - unsere Putzfrau zu meinen Kinderzeiten, Minna Machura, schrieb uns lebenslang fehlerfreie Briefe auf diesem Anfängerniveau), und z.B. ein Günter Grass hat den Klangraum dieses Instruments erweitert, weil ihm die schon erprobten Möglichkeiten nicht ausreichten, um seine "Blechtrommel" zu schreiben. Ich kann das - wie Frau Pfeiffer-Stolz - auch nicht nüchtern sehen, wenn ein solcher Meister der deutschen Sprache vor dieser Reform warnt und Bürokraten (und selbst ein so genannter Journalist) ihn dann schlicht für zu alt halten, um den Fortschritt noch nachvollziehen zu können.
Vielleicht ist das mit dem Musikinstrument gar kein schlechtes Bild. Wie eine Minna Machura - einfach, aber tadellos - zu schreiben lernte (also quasi eine C-Blockflöte zu spielen), das ist eine Frage an die Didaktik, weniger an die Wissenschaft "an sich". Eine Anforderung an die Wissenschaft aber ist es, zu verhüten, daß klare Fehler gelehrt werden. (Eine Anforderung an die Juristerei ist, daß sie sich nicht zum Gespött machen läßt. Nach Ickler ist diese Rechtschreibreform verfassungswidrig.) Da stößt nüchterner Pragmatismus - eine gute Verhaltensleitlinie in vielen Fällen - an seine Grenze. Und dem, so denke ich, wird auch Professor Jochems nicht vehement widersprechen.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 18.02.2005 um 11.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#337

Liebe Frau Pfeiffer, auf einem Lehrstuhl habe ich als PH-Professor für Didaktik der englischen Sprache nie gesessen, und über das wissenschaftliche Getue meiner universitären Kollegen habe ich mich in den Gesamthochschul-Jahren in Siegen oft genug geärgert. Die gleiche Nüchternheit, mit der ich früher meine Studentinnen und Studenten zu tüchtigen Englischlehrern auszubilden versuchte, wende ich jetzt als 77jähriger auf den Streit um die Rechtschreibreform an, aber das war in den letzten acht Jahren nicht anders. Ich habe mich nie für irgend etwas vereinnahmen lassen, aber stets im Hintergrund meinen Beitrag geleistet. In diesen Jahren gab es auch in unserem Lager manches, worüber man nur den Kopf schütteln konnte. Wer bei uns den Boden der Sachlichkeit verläßt, schadet unserem Anliegen. Nur mit hieb- und stichfesten Argumenten kann man andere überzeugen, aber dazu ist natürlich eine unvoreingenommene Beschäftigung mit dem Gegenstand der Auseinandersetzung vonnöten. Gefühlsbetonte Ausbrüche oder Schmähreden auf inkompetente Sprachwissenschaftler oder ideologiebesessene Politiker helfen nicht weiter.

Es ist durchaus praktisch und zeitsparend, „kleine „Schnitzer und richtige Verschreiber" durch ein Korrekturprogramm ahnden zu lassen. Exzessiv betrieben, hat es jedoch auch einen nachteiligen Effekt. "Ahnden" ist aus dem Wortschatz der deutschen Obsession mit der Rechtschreibung. Nein, ich bin froh, daß mich der Computer darauf aufmerksam macht, daß in "Rechschreibung" ein "t" fehlt. Außerdem nehme ich die kleine rote Schlangenlinie unter "irgendetwas" gerne an. Ich möchte halt so schreiben, wie es üblich ist. Eine "Automatik" hat mein uraltes "Winword" nicht; sonst hätte ich sie längst ausgeschaltet. Wenn ich früher ein Aufsatzmanuskript einreichte, nahm ich ja auch die Korrekturen eines aufmerksamen Lektors gerne an. Ich habe aber auch gelegentlich erlebt, daß mein Text hinterher Verschlimmbesserungen enthielt. Am Anfang der Rechtschreibreform war häufig die Rede davon, nun könnten die Lehrstellenbewerber mit oder ohne Hauptschulabschluß endlich einen orthographisch einwandfreien Bewerbungsbrief schreiben. Herr Denk konterte damals mit dem Hinweis, jeder Schulabgänger kenne freundliche Lehrer, die ihn gern beim Abfassen der Bewerbung berieten. Mit dem Computer kann heute auch ein in der Rechtschreibung nicht sehr sattelfester junger Mensch einen fehlerlosen Brief schreiben. Ist das kein Fortschritt? Man kann doch die Rechtschreibproblemtik nicht ausschließlich aus der Sicht kreativer und virtuoser Berufsschreiber angehen.

Und besser kann das nicht werden, weil Sprache etwas Lebendiges ist, das niemals von Maschinen beherrscht werden wird, nicht auf menschliche, auf lebendige Weise. Um Sprache richtig anwenden zu können, muß man denken, muß man ein Mensch aus Fleisch und Blut sein. Das ist eine schöne poetische Aussage, an der man sich so richtig aufrichten kann - die aber im Alltag nicht weiterhilft.

Wen meinen Sie mit „machtlos"? Meinen Sie die Reformer oder die Reformkritiker? Ich bezog mich nicht auf die „Reformer", sondern auf einige der „Reformkritiker". Gemeint sind, um deutlich zu werden, gerade auch Ihre jüngsten Äußerungen, Herr Jochems, und die dahinter deutlich werdenden Begehrlichkeiten in Richtung neuerliche und „bessere Reform" – nicht nach den Vorstellungen von Augst und Co., nein, vielmehr nach Ihren eigenen. Bitte, reformieren Sie dann aber nur IHRE eigene Sprache, die ja, wie Sie mir erklärt haben, weder MEINE, noch UNSERE ist. Das dürfen Sie tun. Zu Hause. Das erinnert mich in der Wortwahl und im Ton an die Sit-ins, Walk-ins, Teach-ins und dergleichen, die ich in den 70er Jahren selbst an unserer provinziellen Siegener Hochschule bis zum Überdruß miterleben mußte. Wer fremde Texte nur in der Absicht liest, Ansatzpunkte für eine die eigene Psyche entlastende Gefühlsexplosion zu finden, sollte sich trivialeren Themen widmen. Verschonen Sie damit vor allem diese Webseite. Sie hat zwar wie so manches im Internet keine Breitenwirkung, aber den hier Diskutierenden sollte es um sachliche Argumente, nicht aber um verbale Exzesse gehen.

„Wer ein Herz für schreibende Menschen hat, sollte sich nicht die alte Rechthaberei und den alten besserwissenden Rigorismus zurückwünschen." Und das sagen ausgerechnet Sie, Herr Jochems? Ich glaube, mit solchen Äußerungen sollten Sie besser die Seiten wechseln. Und was die Unvollkommenheit unserer Sprachbeherrschung betrifft, so möchte ich diese geschützt wissen. Nichts wäre schlimmer, als eine amtlich beförderte moralische Rechtschreibung, in deren Besitz sich einzig einige Möchtegerngelehrte wähnen, die immer nur das Richtige und das Falsche im Auge haben. Ihre Sicht der Dinge ist leider alles andere als liberal. Schade. In meinen Studentenjahren hörte man häufig den Rat: "Gehen Sie doch in die DDR, wenn es Ihnen hier nicht paßt." Die von den 68ern verführten Studenten drehten den Spieß um und nannten Menschen wie mich "liberale Sch...er". So ist das halt, wenn man für Sachlichkeit und Nüchternheit eintritt. Vielleicht sollte ich mich im Alter auch - wie Kollege Augst - der Dialektforschung widmen.



Kommentar von Michael Krutzke, verfaßt am 18.02.2005 um 10.30 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#336

Zwischenruf

Liebe Frau Pfeiffer-Stolz,

ich habe großen Respekt vor Ihrem persönlichen Einsatz gegen die Rechtschreibreform, der für Sie als Schulbuchverlegerin ja auch mit hohen wirtschaftlichen Risiken verbunden ist. Die letzten beiden Absätze Ihrer Antwort auf Herrn Jochems (18.2. / 8:20) möchte ich aber nicht unkommentiert lassen. Daß Herr Jochems die Machtlosigkeit der Reformkritiker meinte, liegt doch auf der Hand. Vor allem der Kritiker, die eine Wiederherstellung des 1996er Standes wollen. Davon hat sich die inzwischen eingetretene Schreibwirklichkeit nach meiner Wahrnehmung nämlich weit entfernt. Und dabei dürfte es ziemlich gleichgültig sein, was der Hohe Rat so alles beschließen wird. Viele erwachsene Schreiber haben die eingetretene Lage nämlich als Liberalisierung aufgefaßt, offensichtlich gegen die Absichten der Reformer mit ihrem gängelnden Regelwerk. Und diese Freiheit werden sich viele nicht mehr nehmen lassen. Die Sache ist halt in der Welt, wenn man es mal so betrachten will, man mag es bedauern (ich tue es), aber das wird nichts ändern - siehe "Machtlosigkeit".

Und noch etwas. Heiliger Zorn mag manchmal nützlich sein, um unheilige Zustände zu verändern. Aber er birgt die große Gefahr, daß er die Wahrnehmung verzerrt und Abweichungen von der eigenen Linie, die einem Orientierung und Halt gibt, gar als Bedrohung empfinden läßt. In dieser Gefahr befinden Sie sich, Ihre Auslassungen zu "... deutlich werdenden Begehrlichkeiten" Herrn Jochems’ nebst der Empfehlung, er möge ob seiner Äußerungen besser die Seiten wechseln belegen das - leider.

Zum Schluß: Ich bin sprachwissenschaftlich völlig ungebildet, könnte auch kein Schulbuch schreiben, sondern nutze das, was mir Schule und Leben mitgegeben haben, um meine Arbeit zu tun, zu der auch das Verfassen von Texten gehört. So gesehen bin ich durchaus noch im Fadenkreuz unserer Reformer (wenn auch etwas am Rande), gehöre also zu der Schreiber-Zielgruppe, der so vieles erleichtert werden sollte. Ahnungslos wie ich also bin, verfolge ich mit Interesse die Diskussion hier. Und da möchte ich Herrn Jochems’ Beiträge weder missen, noch dem gegnerischen "Lager" zugeordnet sehen; ich halte seine Überlegungen für äußerst nützlich und auch notwendig. Allzu festgefügte Gewißheiten gehören nämlich kritisiert und gelegentlich auch erschüttert, das hat mich mein bisheriges Leben gelehrt. Und daß es von solcherart Gewißheiten in der Reformgegnerschaft einige gibt, darf man durchaus annehmen.

Herzliche Grüße,

Michael Krutzke


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 18.02.2005 um 08.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#332


Lieber Herr Jochems,

entschuldigen Sie, daß ich als Nichtinhaberin eines Lehrstuhls es wage, Ihnen zu widersprechen. Und so will ich denn „eigenwillig“ und vielleicht auch „provozierend“ auf Ihre Antwort eingehen. Vorher noch eine Frage:

„... daß wir alle im entscheidenden Augenblick als Vertreter unreflektierter Meinungen überrascht werden.“ Was heißt das bitte? Das habe ich nicht verstanden.

Vorausstellen möchte die Frage: Soll an Siegen ein zweites Mal die (Rechtschreib-)Welt genesen?

Nein, lieber Herr Jochems, meine Texte tippe ich nicht auf einer „Reiseschreibmaschine“, wie Sie zurecht vermuten, aber – horribile dictu! – ich habe das automatische Rechtschreibprogramm ausgeschaltet. Ich schreibe mich also selbst, nicht die Maschine mich.
Mit der „Reiseschreibmaschine“ wollen Sie suggerieren, daß heute niemand mehr die Rechtschreibung beherrsche und sich den Korrekturprogrammen von Maschinen ausliefere. Das halte ich für einen großen Irrtum. (Außerdem wird wohl das Schreiben mit der Hand auch niemals ganz aus der Mode kommen.) Wir wollen das richtige Schreiben nicht so überbewerten. Ich bestehe ausdrücklich darauf, meine eigenen Fehler (und Richtigkeiten) produzieren zu dürfen. Und deshalb schreibe ich ohne automatisches Korrekturprogramm. Ich will nicht selbst zur Maschine mutieren. Ich will Freude an der Sprache haben.

Es ist durchaus praktisch und zeitsparend, „kleine „Schnitzer und richtige Verschreiber“ durch ein Korrekturprogramm ahnden zu lassen. Exzessiv betrieben, hat es jedoch auch einen nachteiligen Effekt. Wie alle Maschinen, die Handlungen beschleunigen, verführt uns auch das automatische Korrekturprogramm zu Oberflächlichkeit. Heraus kommen Texte ohne „kleine Schnitzer und Verschreiber“; sind sie aber wirklich besser? Wer seine eigenen Texte auf Richtigkeit überprüft, stellt oft genug auch Brüche stilistischer und inhaltlicher Art fest. Diese werden zusammen mit den Verschreibern geglättet. Das fordert uns heraus, fordert Geduld und Sorgfalt. Dazu benötigt man Zeit.
Gerade in der Pädagogik sind die Annehmlichkeiten des automatisch korrigierten Schreibens für Schülern zwar praktisch, aber auch nachteilig. Darauf hier einzugehen, führte in diesem Rahmen zu weit.

Im übrigen lenken Sie ab, wenn Sie jetzt von „kleinen Schnitzern und Verschreibern“ reden. Darf ich Sie daran erinnern, was Sie in Ihrem vorletzten Beitrag geäußert haben? Ich zitiere:

„Entsprechende Computerprogramme aus einem linguistisch kompetenten Software-Haus würden dafür sorgen, daß alle zur Veröffentlichung bestimmten Texte die Feinheiten der Hochform unserer Orthographie aufwiesen.“

Sie sprechen von den „Feinheiten der Hochform unserer Orthographie“. Von „kleinen Schnitzern und Verschreibern“ ist nicht die Rede. Sicher sind Sie mit mir der Meinung, daß gerade im gehobenen Schriftsprachenbereich die Korrekturprogramme völlig versagen. Diese können ss gegen ß austauschen und den „Stengel“ unterringeln. Mehr aber auch nicht. Sie glauben jedoch, daß der Mensch der Technik schon Sprache wird einhauchen können:

„Ein kluger Programmierer hat ja das Programm umgesetzt, was er in gedruckten Quellen als mustergültige Vorlage fand.“

Wie ist das gemeint? Soll damit gesagt sein, daß es einzig eine Frage der Klugheit des Programmierers einer Maschine sei, um alle Schwierigkeiten der (lebendigen) Sprache unter den (technisch-maschinellen) Hut zu bekommen? Doch wohl eher nicht, denn eine Zeile tiefer sagen Sie:

„Vielleicht wird das einmal besser [?], immer aber reproduzieren Computer lediglich, was ihnen menschlicher Sachverstand eingegeben hat.“

Eben! Und besser kann das nicht werden, weil Sprache etwas Lebendiges ist, das niemals von Maschinen beherrscht werden wird, nicht auf menschliche, auf lebendige Weise. Um Sprache richtig anwenden zu können, muß man denken, muß man ein Mensch aus Fleisch und Blut sein.

Leider bin ich noch nicht fertig mit meiner Replik. Denn besonders der letzte Abschnitt aus Ihrem Schreiben wirft Fragezeichen auf. Sie schreiben:

„Was die "Versuchung der Machtanmaßung" seitens "einiger der Kritiker der Rechtschreibreform" angeht - forget about it. Eine marginalere und machtlosere Gruppe kann man sich hierzulande nicht vorstellen.“
Es folgen einige Auslassungen über die jüngsten Aktivitäten des Herrn Augst.

Wie ist das gemeint? Wen meinen Sie mit „machtlos“? Meinen Sie die Reformer oder die Reformkritiker? Ich bezog mich nicht auf die „Reformer“, sondern auf einige der „Reformkritiker“. Gemeint sind, um deutlich zu werden, gerade auch Ihre jüngsten Äußerungen, Herr Jochems, und die dahinter deutlich werdenden Begehrlichkeiten in Richtung neuerliche und „bessere Reform“ – nicht nach den Vorstellungen von Augst und Co., nein, vielmehr nach Ihren eigenen. Bitte, reformieren Sie dann aber nur IHRE eigene Sprache, die ja, wie Sie mir erklärt haben, weder MEINE, noch UNSERE ist. Das dürfen Sie tun. Zu Hause.

„Wer ein Herz für schreibende Menschen hat, sollte sich nicht die alte Rechthaberei und den alten besserwissenden Rigorismus zurückwünschen.“ Und das sagen ausgerechnet Sie, Herr Jochems? Ich glaube, mit solchen Äußerungen sollten Sie besser die Seiten wechseln.
Und was die Unvollkommenheit unserer Sprachbeherrschung betrifft, so möchte ich diese geschützt wissen. Nichts wäre schlimmer, als eine amtlich beförderte moralische Rechtschreibung, in deren Besitz sich einzig einige Möchtegerngelehrte wähnen, die immer nur das Richtige und das Falsche im Auge haben. Ihre Sicht der Dinge ist leider alles andere als liberal.
Schade.


Kommentar von Karl-Heinz Isleif, verfaßt am 18.02.2005 um 02.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#330

Sehr geehrter Herr Jochems,

Sie formulieren fein, aber die inhaltlichen Obertöne dringen laut genug durch. Sie klingen wie Argumente 'sprachlicher Hundezüchter' (Pardon), die sich befugt fühlen, ihren Objekten Schwanz und Ohren zu verstümmeln, weil sie meinen, es sei notwendig, die Natur zu reparieren.

Erklären, kategorisieren, auflisten, analysieren, verschubladen, beschreiben und dergleichen: Ja. Eingreifen von außen, ändern, Unterhaus, Oberhaus, Zweiklassensystem: Nein.

Karl-Heinz Isleif


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 17.02.2005 um 12.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#322

Liebe Frau Pfeiffer-Stolz,

Ihre eigenwilligen und häufig provozierenden Äußerungen auf den beiden für die Sache unserer Rechtschreibung eintretenden Internetseiten regen immer wieder das Nachdenken neu an und verhindern so, daß wir alle im entscheidenden Augenblick als Vertreter unreflektierter Meinungen überrascht werden. Darf ich aus Ihrem letzten Beitrag ein paar herausnehmen?

Sind wir denn immer noch dem Irrglauben verhaftet, der Mensch könne gewachsene Strukturen, die er nicht selbst geschaffen hat, durch willkürliche Eingriffe neu konstruieren und damit etwas Besseres schaffen?

Die Sprachwissenschaft spricht etwas nüchterner von ihrem Gegenstand. Von einem "System" ist meistens die Rede, das in seinem jeweiligen Zustand die Kommunikation unter den Sprachteilhabern ermöglicht, ohne jedoch starr festgelegt zu sein. Es hat eine von der historischen Sprachwissenschaft aufklärbare Entwicklung hinter sich und entwickelt sich weiter. Obwohl dieses System Kollektivbesitz ist, verfügen die einzelnen jedoch nur über einen Ausschnitt. Andererseits beginnen Weiterentwicklungen immer bei eben diesen einzelnen. Das ist die "unsichtbare Hand", von der in bezug auf die Schreibung Herr Ickler gelegentlich spricht. Da die Sprache in allen ihren Zügen ein sehr komplexes Gebilde ist, umfaßt sie stets Phänomene unterschiedlichsten Entwicklungsfortschritts. Lediglich die Funktionstüchtigkeit des Ganzen darf nicht gefährdet sein. Etwas anderes ist das individuelle Verhältnis der Sprachteilhaber zu ihrer Sprache. Sie empfinden sie als Teil ihrer Persönlichkeit, als Ausweis ihrer Gruppenzugehörigkeit, als das Band, das sie mit ihrer Welt verbindet.

Wollen wir uns – technikgläubig – ganz den Maschinen ausliefern? Was für ein Menschenbild steckt hinter diesem Wunsch? Wer programmiert diese Maschinen, die uns alle lenken sollen?

Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie Ihre Texte auf einer alten Reiseschreibmaschine schreiben. Die Computer haben heutzutage aber ein Rechtschreibprogramm, und das ist gut so. Liefern wir uns - technikgläubig - den Maschinen aus, wenn wir uns dankbar auf kleine Schnitzer und richtige Verschreiber aufmerksam machen lassen? Wo wir uns in bezug auf weniger häufig gebrauchte Schreibungen nicht sicher sind, half früher nur der Blick ins Rechtschreibwörterbuch. Mit dem Korrekturprogramm geht das jetzt schneller, und das ist doch wohl nichts Menschenunwürdiges. Übrigens geht es auch um eine mitmenschliche Hilfe. Ein kluger Programmierer hat ja in das Programm umgesetzt, was er in gedruckten Quellen als mustergültige Vorlage fand. Allerdings sind hier auch die begrenzten Möglichkeiten des Computers zu bedenken. Bei unserem Sorgenkind Getrennt- und Zusammenschreibung versagt er bekanntlich häufig (weshalb die Zeitungen oft abenteuerliche Versionen bieten), und völlig hilflos ist er dann, wenn die Bedeutung bei der Auswahl der Varianten im Spiel ist. Vielleicht wird das einmal besser, immer aber reproduzieren Computer lediglich, was ihnen menschlicher Sachverstand eingegeben hat.

Die Versuchung der Machtanmaßung ist anscheinend immer noch vorhanden ... es sind ihr zum Leidwesen der gesamten Sprachgemeinschaft doch eben erst eine Handvoll „Wissenschaftler" und Politiker erlegen. Wollen wir diesen Irrtum denn nun fortsetzen? Täte nicht etwas mehr Bescheidenheit und Demut not? Es drängt sich der Eindruck auf, daß jetzt einige der Kritiker der Rechtschreibreform selbst in den Startlöchern hocken.

Was die "Versuchung der Machtanmaßung" seitens "einiger der Kritiker der Rechtschreibreform" angeht - forget about it. Eine marginalere und machtlosere Gruppe kann man sich hierzulande nicht vorstellen. "Bescheidenheit und Demut" ist ohnehin ihr Markenzeichen, aber auch nicht in Exklusivität. Selbst Herr Augst sammelt jetzt als Emeritus den Dialektwortschatz seiner Westerwälder Heimat und gibt entsprechende Wörterbücher heraus. Was jetzt not tut, ist zweierlei: realistische Vorstellungen, wie die Verwerfungen der Neuregelung menschenfreundlich aus der Welt geschafft werden könnten, und die aufgeklärte Einsicht, daß es mit der Rückkehr zu radfahren/Auto fahren nicht getan ist. Sie kennen meinen Vorschlag: Mit einer gestuften Obligatorik ließe sich vermeiden, daß normale Schreiber sich den Kopf darüber zerbrechen müssen, ob man "statt dessen" wie "infolgedessen" zusammenschreibt, oder nicht.

Meine Sprache gehört mir. Ich lasse sie mir weder von Wissenschaftlern noch von irgendwelchen Maschinen VORschreiben – und mich dadurch entmündigen. Ich möchte mich mit Sprache bewußt auseinandersetzen, meine eigenen Fehler machen und mich selbst entscheiden, welchem Schreibgebrauch ich folgen möchte. Und das möchte ich auch den Kindern gönnen, die nach uns mit ihrer Sprache kommunizieren werden.

"Meine Sprache" ja, "unsere Sprache" dagegen nicht. Öffentliche Sprache und die Sprache der Schule verlangen einen Grad an Einheitlichkeit, der einerseits von den Sprachteilhabern aller Art zu beherrschen ist, und den sie andererseits für sinnvoll halten. Wer ein Herz für schreibende Menschen hat, sollte sich nicht die alte Rechthaberei und den alten besserwissenden Rigorismus zurückwünschen.

Außerdem sollte man sich davor hüten, die deutsche Rechtschreibung durch wiederholte rhetorische Schlenker „kompliziertzureden", wie dies in letzter Zeit vermehrt geschieht. Auf intellektuell nicht ganz redliche Weise soll bewußt der Eindruck von „Schreibnot" erzeugt werden. Wenn dann, wie gewollt, der allgemeine Ruf nach einer„Lösung des Problems" erschallt – wer wird diesem Locken folgen und sich als „Erlöser aus der (nicht vorhandenen) Not" anbieten?

Dazu noch einmal meine Sicht: Die Schreibung der deutschen Stammwörter ist nicht einfach (Vieh, viel, ihm, Maschine - vier Schreibungen für langes "i") , aber von jedermann zu beherrschen. Im Spanischen kann man fast jedes Wort nach der Lautung schreiben ("ritmo" vs. "Rhythmus), was dorten nicht die Entstehung einer großen Literatur verhindert hat. Soviel zum Unterhaus. Die eigentlichen Problembereiche der deutschen Rechtschreibung, das Oberhaus, sind die Getrennt- und Zusammenschreibung sowie die Groß- und Kleinschreibung. In beiden Fällen ist eine Erfassung in leicht einzusehenden Regeln nicht möglich. Unsere Schriftsteller, die Crème der beruflichen Schreiber also, beherrschen die für die Bedeutungsdifferenzierung benötigten Feinheiten oft nur unvollkommen. Den letzten Schliff erhalten die zur Publikation bestimmten Texte im Korrektorat der Literaturverlage. Dorthin hat uns der "deutsche Sonderweg" gebracht. Halten wir uns, was die künftige Verbindlichkeit dieses Teils unserer Rechtschreibung angeht, an Herrn Kriegers Formel: eine Chance, aber kein Zwang. Wenn Herrn Zehetmairs Rechtschreibrat diese "Lösung des Problems" aufgriffe, würde er ohne großen Aufwand als "Erlöser aus der (nicht vorhandenen) Not" dastehen.



Kommentar von Karl-Heinz Isleif, verfaßt am 17.02.2005 um 11.08 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#320

Sehr geehrter Herr Jochems,

Das, was als 'Reform' MEINER Muttersprache existiert, lehne ich aus den zur Genüge angeführten Gründen ab.

Wer ist "wir"? Wer "weiß im Grunde" daß eine andere Reform nötig ist? Ich gehöre jedenfalls nicht zu den in dieses Wissen Eingeweihten.

Verzeihen Sie, ich kann gar nicht anders, als von Anmaßung zu sprechen, denn an MEINER Sprache lasse ich ungern herumreformieren. Ich habe mich schon gegen die jetzige Reform aufgelehnt, weil sie eben nicht "längst überfällig" war, sondern unnötig. So sehe ich auch jede weitere Reform. Es ist 1996 nicht versäumt worden, eine bessere Reform zu machen. Es ist versäumt worden, die Finger überhaupt davon zu lassen.

Karl-Heinz Isleif


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 17.02.2005 um 08.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#319

Lieber Herr Jochems,

Sie schreiben:

„Im Grunde wissen wir jetzt, was 1996 versäumt wurde, nämlich die längst überfällige wirkliche Rechtschreibreform.“

Und weiter unten:

„Wenn die Deutschlehrer, Germanisten mit einem Hochschulabschluß, die Freiheit bekämen, im Unterricht die ihnen aus ihrem Umgang mit der deutschen Literatur geläufigen Schreibungen umzusetzen, wäre schon alles gewonnen.“

Der zweite Satz verhält sich widersprüchlich zum ersten.

Sind wir denn immer noch dem Irrglauben verhaftet, der Mensch könne gewachsene Strukturen, die er nicht selbst geschaffen hat, durch willkürliche Eingriffe neu konstruieren und damit etwas Besseres schaffen?

Diese Aussage von Ihnen, Herr Jochems, aber bereitet mir das größte Unbehagen:

„Entsprechende Computerprogramme aus einem linguistisch kompetenten Software-Haus würden dafür sorgen, daß alle zur Veröffentlichung bestimmten Texte die Feinheiten der Hochform unserer Orthographie aufwiesen.“

Wollen wir uns – technikgläubig – ganz den Maschinen ausliefern? Was für ein Menschenbild steckt hinter diesem Wunsch? Wer programmiert diese Maschinen, die uns alle lenken sollen? Die Versuchung der Machtanmaßung ist anscheinend immer noch vorhanden ... es sind ihr zum Leidwesen der gesamten Sprachgemeinschaft doch eben erst eine Handvoll „Wissenschaftler“ und Politiker erlegen. Wollen wir diesen Irrtum denn nun fortsetzen? Täte nicht etwas mehr Bescheidenheit und Demut not? Es drängt sich der Eindruck auf, daß jetzt einige der Kritiker der Rechtschreibreform selbst in den Startlöchern hocken.
Meine Sprache gehört mir. Ich lasse sie mir weder von Wissenschaftlern noch von irgendwelchen Maschinen VORschreiben – und mich dadurch entmündigen. Ich möchte mich mit Sprache bewußt auseinandersetzen, meine eigenen Fehler machen und mich selbst entscheiden, welchem Schreibgebrauch ich folgen möchte. Und das möchte ich auch den Kindern gönnen, die nach uns mit ihrer Sprache kommunizieren werden.

Außerdem sollte man sich davor hüten, die deutsche Rechschreibung durch wiederholte rhetorische Schlenker „kompliziertzureden“, wie dies in letzter Zeit vermehrt geschieht. Auf intellektuell nicht ganz redliche Weise soll bewußt der Eindruck von „Schreibnot“ erzeugt werden. Wenn dann, wie gewollt, der allgemeine Ruf nach einer„Lösung des Problems“ erschallt – wer wird diesem Locken folgen und sich als „Erlöser aus der (nicht vorhandenen) Not“ anbieten?


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 16.02.2005 um 23.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#318

Im Grunde wissen wir jetzt, was 1996 versäumt wurde, nämlich die längst überfällige wirkliche Rechtschreibreform. Nachdem die Verballhornung eines Teiles unserer Rechtschreibung dem schulischen Rechtschreibuntericht nichts gebracht und allgemein nur für Verwirrung gesorgt hat, stehen wir jetzt vor dem Problem, wie es denn mit unserer komplizierten Rechtschreibung weitergehen soll. Herr Krieger mag sich an dem Ausdruck stoßen, aber eigentlich sind es doch nur Randbereiche ohne große Relevanz für die allgemeine schriftliche Kommunikation, in denen es hakt. Hier benötigt man jedoch kein bis ins kleinste Detail ausgefeiltes Regelwerk, das zu beherrschen niemand in der Lage wäre. Entsprechende Computerprogramme aus einem linguistisch kompetenten Software-Haus würden dafür sorgen, daß alle zur Veröffentlichung bestimmten Texte die Feinheiten der Hochform unserer Orthographie aufwiesen. Etwas anderes haben die Lektoren und Korrektoren unserer Literaturverlage ja auch nicht gemacht, denen wir die makellose Textgestalt des neueren Schrifttums verdanken. So etwas bleibt, wie Herr Krieger sagt, für alle eine Chance. Der "Zwang" bezieht sich nur auf den wirklich traditionellen Teil unserer Rechtschreibung, nämlich auf Formen wie "empfiehlt", "Lärche" und "Wildbret". Wahrscheinlich wäre es nicht einmal nötig, die Rechtschreibreform zurückzunehmen. Wenn die Deutschlehrer, Germanisten mit einem Hochschulabschluß, die Freiheit bekämen, im Unterricht die ihnen aus ihrem Umgang mit der deutschen Literatur geläufigen Schreibungen umzusetzen, wäre schon alles gewonnen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2005 um 13.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#275

Lieber Herr Scheuermann,
ja, so ist es in der Tat, und die kleine Zugabe der Bedeutungshinweise, die eigentlich meiner Überzeugung - was den Zweck eines Rechtschreibwörterbuchs betrifft - widerspricht, hat mich weit über tausend Arbeitsstunden gekostet. Zu diesem Teil gehören auch die eigentlich hier nicht zu suchenden Grund-Lebensdaten der vielen Personen, deren Namen ich aufgenommen habe, wohl wissend, daß man damit immer eine willkürliche Auswahl trifft. (Wen es interessiert: Ich habe ursprünglich diejenigen Personen aufgenommen, die in einem einbändigen Universallexikon mit einer Abbildung geehrt worden waren. Willkürlicher geht es nicht, natürlich!) Aber was soll's! "Schad't nix!" (Gerhard Augst)


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 11.02.2005 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#273

Lieber Herr Jochems,
keine Einwände zu Ihren Ausführungen. Auch nicht zu diesem Satz:
„Wer es besser weiß, müßte aber auch die Toleranz aufbringen, den Anblick weniger zweckmäßiger Schreibungen in Alltagstexten hinzunehmen. Insbesondere aber müßte die gegenwärtige und angesichts der Verwerfungen verständliche Reizbarkeit in Rechtschreibfragen wieder einer besonneneren Haltung weichen.“

Doch das Problem ist doch das: Die Schulen sind gezwungen, die Reformschreibung zu unterrichten. Alle, die mit Schule zu tun haben, sind des daher auch. Gerade die Lehrer bringen die wenigste „Orthographie-Toleranz“ auf. Die Folge ist, daß ich mich seit Jahren - wider meinen Willen und mit wachsendem Abscheu - entweder der Vermeidungsschreibung widmen oder den amtlich verordneten Unsinn selbst anwenden muß.
So ergeht es auch allen professionellen Übersetzern und in ähnlichen Berufsbildern Tätigen.

Jeder, der nicht mit Schule zu tun hat, kann dagegen lockerer an das Problem herangehen. Er kann sogar lächeln und sagen: Na und?
Wenn in der Schule die Vielfalt blühen dürfte, würde auch ich das Treiben mit Gelassenheit betrachten, im Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte unserer Sprache.

Der „Neuschrieb“ DARF in der Schule nicht amtlich vorgeschrieben werden! Alles weitere würde sich - vermutlich zu unser aller Zufriedenheit - weiterentwickeln.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 11.02.2005 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#272

Liebe Frau Pfeiffer-Stolz, glauben Sie mir, daß ich den biederen Bürgersinn und die Widerstandskraft der Freundinnen und Freunde in unserem Lager zutiefst bewundere. Wir sind ein kleines Häufchen Freiwilliger, während die beruflich zum Schutz der deutschen Sprache Verpflichteten sich feige drücken. Eine Sonderstellung nimmt Professor Ickler ein. Eigentlich vertritt er seiner Denomination nach nur einen Randbereich der Germanistik, von dem die meisten seiner Berufskollegen nichts wissen wollen. Ausgerechnet er hat sich im Sommer 1996 der Verteidigung der deutschen Rechtschreibung angenommen und bis heute ohne zu wanken durchgehalten. Ohne ihn wäre die Rechtschreibreform eine in den Ministerien und in der Öffentlichkeit längst abgehakte Sache. Den Reformbefürwortern der anderen Seite ging es übrigens ähnlich. Ohne Herrn Augst hätte es keine Neuregelung und keine Wiener Absichtserklärung gegeben. Herr Nerius aus der DDR hätte diese Rolle nicht übernehmen können. Wir wollen Herrn Augst nicht nur eigensüchtige oder ideologische Motive unterstellen. Entschuldigen dürfen wir aber nicht, daß er unverantwortlich gehandelt hat. Inzwischen hat er längst eingesehen, daß er der Sache nicht gewachsen war, und eigentlich war schon der erste Kommissionsbericht das Eingeständnis seines Versagens. Nun hat er sich ganz von der Sache abgewandt, von ihm werden wir nichts mehr hören. In diesen kritischen Monaten und in der dann noch zu erwartenden Verschärfung des Rechtschreibdilemmas ist Professor Ickler der einzige deutsche Germanist, der die schwierigen Probleme der deutschen Rechtschreibung umfassend im Griff hat und vernünftige Lösungen anzubieten weiß. Wir können ihm eigentlich nur das Gefühl geben, daß er nicht völlig einsam dasteht - mehr können wir nicht.

Wer heute von "klassischer deutscher Rechtschreibung" spricht, die wieder in ihre alten Rechte einzusetzen sei, schuldet seinen Zuhörern gewiß eine Erklärung, was damit gemeint ist. Da es vor 1996 kein anderes ernstzunehmendes Rechtschreibwörterbuch gab, liegt es nahe, auf den Duden des Jahres 1991 zu verweisen. Aus Professor Icklers Untersuchungen wissen wir aber, daß dort besonders in den problematischen Bereichen die Darstellung des üblichen deutschen Rechtschreibwortschatzes unvollständig und zum Teil willkürlich war. Hinzu kommt, daß die darauf bezogenen Duden-Regeln vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt viele Unzulänglichkeiten aufwiesen. Von 1955 bis 1996 genossen die Schreibungen wie die Regeln des Duden staatliche Anerkennung. Beides ist erloschen. Die anachronistischen und teilweise sprachwidrigen Neuschreibungen haben sich seitdem jedoch nicht durchsetzen können. Ohne die Rechtschreibprogramme der Computer wäre das Bild noch eindeutiger, aber Rechtschreibung ist bekanntlich ein Teil der sprachlichen Kompetenz von Schreiberinnen und Schreibern, und Automaten lassen sich von einem Augenblick zum andern umstellen. Wie heute tatsächlich geschrieben wird, weiß niemand, es gibt schlichtweg keine Untersuchungen. Es ist aber davon auszugehen, daß der Grundbestand der deutschen Schreibungen die letzten acht Jahre unbeschädigt überlebt hat, in den vor und nach 1996 vorhandenen Problembereichen die Breite der Variation aber größer geworden ist. Eine ehrliche Lösung des Rechtschreibdilemmas müßte dies anerkennen und davon ausgehen, daß künftig eine große Anzahl von Varianten als "üblich" anzusehen sind. Da alle Regelungsversuche zu nichts geführt haben, können Empfehlungen sich hier nur auf den jeweiligen statistischen Befund berufen. Üblich ist eben, was die Mehrheit schreibt (wie wir auf diesen Seiten gerade gelesen haben). Dies erfordert ein Umdenken in der Beurteilung von ungewöhnlichen Schreibungen. "Weniger gebräuchlich" wird häufig an die Stelle von "falsch" zu treten haben. Dabei wird im übrigen von den Möglichkeiten normaler Schreiber auszugehen sein. Wer es besser weiß, müßte aber auch die Toleranz aufbringen, den Anblick weniger zweckmäßiger Schreibungen in Alltagstexten hinzunehmen. Insbesondere aber müßte die gegenwärtige und angesichts der Verwerfungen verständliche Reizbarkeit in Rechtschreibfragen wieder einer besonneneren Haltung weichen.


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 11.02.2005 um 14.09 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#271

Lieber Professor Ickler!

Offensichtlich habe ich Ihren Fleiß unterschätzt und nicht erwartet, daß sich Ihr Wörterbuch bereits so entscheidend gewandelt hätte.

Ich werde mir umgehend eine Neuauflage beschaffen und kann nur um etwas Nachsicht bitten ob meiner Uninformiertheit. Ich ziehe meinen "verrückten" Vorschlag aber schon einmal zurück.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2005 um 13.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#270

Da die ersten Auflagen meines Wörterbuchs ausdrücklich nur als reine Orthographie-Wörterbücher konzipiert waren (mit gelegentlichen Zutaten), kann man sie nicht mit dem Duden vergleichen (soweit es eben nicht nur um dessen orthographischen Teil geht). Mit der Neubearbeitung ist das anders geworden.

Einen einfachen Neudruck des alten Dudens würde wohl selbst die heutige Dudenredaktion für untunlich halten, da sie dessen Schwächen kennt. Und wenn wir uns die Zufälligkeiten einer ständig wechselnden Redaktion vor Augen halten und dazu das buntscheckige Ergebnis ihrer Arbeit, dann kommt wohl die Forderung "Wir wollen den alten Duden wiederhaben!" nicht ernsthaft in Betracht. Er müßte sich schon gründlich mausern, ungefähr auf der Linie meines Wörterbuchs ... Ich sage dies auch aus der Erfahrung längerer Gespräche, zu denen ich auf Einladung der Redaktion mal in Mannheim war. Leider hat die Verlagsleitung damals anders entschieden, als die netten und kompetenten Redakteure (Wermke, Scholze-Stubenrecht) es für richtig hielten. Dafür zahlt sie nun teures Lehrgeld.


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 11.02.2005 um 11.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#269

Lieber Herr Professor Ickler!

Ich verstehe, daß ich Sie verwirrt habe - ich bin es selbst.
Ich habe Marante als eines der Wörter anführen wollen, die mir nichts sagen, aber zu denen es in Ihrem Wörterbuch keine Erläuterung gibt. (Wenn man ganz streng nur die orthographischen Schwierigkeiten angeben wollte, müßte man es zwingend dann aufnehmen, wenn es tatsächlich mit th geschrieben würde, aber dazu habe ich - der ich nie den Ehrgeiz hatte, ein Wörterbuch zu verfassen, mir kaum Gedanken gemacht.)
Ich habe hier momentan vorliegen einen Rechtschreib-Duden von 1980, das "Deutsche Universal-Wörterbuch" von Duden von 1983, die Bertelsmann-Rechtschreibung von 1996 und den "Ickler" von 2000 (1. Aufl.). Nur in letzterem findet sich das Stichwort Marante überhaupt, allerdings ohne Erläuterung. ("Pfeilwurz" hätte mir insoweit geholfen, als ich von Berufs wegen dann gewußt hätte, daß es dafür irgendwann einmal eine medizinische Anwendung gegeben hat - eine Vorstellung von der Pflanze habe ich aber schlichtweg nicht.)

Den Irrtum, die Darstellung im "Duden" entspräche der herkömmlichen Rechtschreibung haben Sie mir schon vor Jahren ausgetrieben - aber das Resultat einer Duden-gemäßen Schreibweise war in jedem Falle äußerst lese(r)freundlich - im Gegensatz zu den heutigen Verwerfungen in Schulbüchern oder in weiten Teilen der Presse. Mir geht es da auch eher so wie Frau Pfeiffer-Stolz (und offenbar weniger so wie Professor Jochems): Für mich war die Rückkehr der FAZ zur Rechtschreibung eine körperlich spürbare Erleichterung, und auch heute noch breche ich gelegentlich entnervt die Lektüre ab, wenn ich mehrfach in einem Text hängenbleibe, weil es mir aufgrund (meist reformbedingter) Skurrilitäten schwerfällt, dem Inhalt zu folgen. (Das ist häufiger mal bei Doktorarbeiten der Fall, und da habe ich nach einigen Jahren allerdings den Eindruck, daß Doktoranden, die versuchen, reformiert zu schreiben - was keinem wirklich gelingt - sich bei ihren Formulierungen [noch] weniger Mühe geben.)

Ansonsten habe ich versucht, auf Professor Jochems Frage, was wir denn vorschlagen sollten, wenn "wir" gefragt würden, wie die Rechtschreibung künftig aussehen sollte, eine pragmatische Antwort zu geben. Was also könnte schnell geschehen?
Professor Jochems Antwort ist: völlige Freigabe.
Dafür spricht, daß im Angelsachsen-Land (ab einer gewissen Stufe) kein orthographisches Chaos herrscht, dagegen die starke hiesige Gewöhnung an so etwas wie den Duden. (Wie könnten unsere Lehrer ohne dergleichen auskommen?)
Eine Alternative wäre "der Ickler" - der ist fertig und gut (würde aber vermutlich nicht breit akzeptiert).
Und da habe ich jetzt eben den verrückten Vorschlag gemacht, den alten Duden mit dem Icklerschen Regelteil zu koppeln (wodurch überkandidelte Festlegungen im Wörterverzeichnis des letzteren relativiert würden).
(Von mir aus kann natürlich auch Herr Dräger eine Lizenz bei Duden einholen, das alte Wörterverzeichnis nachdrucken zu dürfen).

Dieser Vorschlag hat zumindest den Vorteil, daß man nicht verstummen müßte, wenn die von Professor Jochems vorhergesehene Frage "uns" tatsächlich gestellt würde. (Ob er "realistisch" ist, weiß ich nicht, aber er ist in meinen Augen sachgerecht.)


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 11.02.2005 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#268

An Herrn Jochems:
Eben! Welchen „normalen“ Menschen haben die Ungereimtheiten der „klassischen“ Rechtschreibung denn wirklich gestört? Haben wir uns nicht eher an üblichen oder wahrscheinlichen Schreibweisen ausgerichtet? Haben wir uns um die Spitzfindigkeiten, die uns gar nicht bekannt waren, wirklich gekümmert? War es wirklich ein Problem mit „Dergleichen“ oder „dergleichen“? Ich persönlich habe meine Schüler mit solchen Dingen nie gepiesackt. Es gab keinen Regeldrill. Ich habe die Kinder einfach viel lesen und schreiben lassen, darauf vertrauend, daß sich durch ständiges Umgehen mit dem Gegenstand eine gute Gewohnheit herausbildet. So drücken Sie es auch aus:
„Eine gute Rechtschreibung zeichnet sich dadurch aus, daß man sie bei der Lektüre nebenbei erwirbt. Der beständige Blick ins Wörterbuch oder gar in den Regelteil sind ein Indiz dafür, daß mit einer Rechtschreibung etwas nicht stimmt.“ Genau!

Niemals aber vor 1996 wurde so penetrant und schulmeisterlich umgegangen mit der Orthographie wie seit diesem Jahr. Da gilt die erste Frage der Orthographie in Lernheften. Die Frage des Inhalts ist zweitrangig. Da bekomme ich Rüffel von Lehrern, weil in unseren Heften „Es tut mir leid“ zu lesen ist. Die neueste Entwicklung kann oder will man nicht wahrhaben. Da muß ich mich mit übel Spott und Hohn von einigen Kunden überschütten lassen, weil ich privat der klassischen Rechtschreibung treu bleibe. Da wollen Lehrerkunden aus dem Verteiler unseres Verlages gestrichen werden, allein weil wir es wagen, die Reformschreibung (sachlich!) zu kritisieren, zum Nachdenken anregen wollen. DAS ist es, was mich umtreibt. Das Problem ist vielschichtiger als einer beim oberflächlichen Hinschauen meinen möchte. Und mit der Freiheit der Entscheidung ist es ohnehin so etwas. Sie besteht nur auf dem Papier, dem geduldigen.

„Das Wesen der Rechtschreibung ist Einheitlichkeit“, schreiben Sie, und so sehe ich es auch. Eine vollkommene Einheitlichkeit kann wegen der Lebendigkeit der Sprache doch niemals erreicht werden, sondern immer nur eine mehr oder weniger starke Annäherung an diese. Vor 1996 hatten wir mehr Übereinstimmung als es heute der Fall ist – oder etwa nicht?
Noch einmal: willkürliche Einzelfestlegungen sind Unsinn, die zu verteidigen kommt mir nicht in den Sinn. Deshalb – siehe oben – nahm ich die Rechtschreibung von jeher nur als Mittel der Kommunikation wichtig, nicht als Mittel der intellektuellen Selbstdarstellung oder zwanghaften Einteilung der Menschen in gute und schlechte Rechtschreiber. Grundsätzlich schlage ich nicht jedes Wort im Duden nach, schreibe meist nach Gefühl und Verstand – und mache dabei gelegentlich Fehler, die möglicherweise dem Leser ins Auge springen. Was ich mir selbst erlaube, gestatte ich ab er auch anderen. Wichtig ist das BEMÜHEN um das allgemein Verständliche und Richtige. Auch das ist einem geschriebenen Text zu entnehmen. Nichts ist ärgerlicher als hingeschluderte Schriftstücke, die dem Leser ihr Geheimnis zumuten. Der Verständlichkeit wegen entwickelt sich ein Regelsystem und jeder Schreiber entwickelt daran mit. Die Sprachwissenschaft ist m.E. nur obenaufgesetzt. Sie darf betrachten, feststellen und einteilen, aber sie hat nicht das Recht, sich vorschreibend einzumischen.

Ihre jüngsten Beiträge erwecken bei mir persönlich den Eindruck, als hielten Sie die Rechtschreibung, die vor 1996 von uns allen praktiziert wurde (nennen Sie sie klassisch oder üblich) für so schlecht, daß wir keinesfalls zu ihr zurückkehren dürften. Und das, das ist es, was mich irritiert.
Meine Meinung ist nach wie vor: Die beste Lösung wäre ein Zurück zum Ausgangspunkt, danach eine lockerere Einstellung zur Orthographie – etwa so, wie sie die Engländer haben. Aber ob das überhaupt in Deutschland möglich wäre, kann man nicht wissen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2005 um 06.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#267

Marante

Das Argument von Herrn Scheuermann ist mir in diesem Punkt nicht ganz klar geworden. Wer ein Rechtschreibwörterbuch machen will, überlegt sich wohl vorher immer, ob es nicht genügen würde, die orthographisch schwierigen Wörter aufzulisten. Das hat sich als undurchführbar erwiesen, deshalb sind praktisch alle Rechtschreibwörterbücher davon abgekommen. Man nimmt also alle (Stamm-)Wörter auf. Damit wird das Wörterbuch ein Verzeichnis, dem man leicht die Aufgaben eines allgemeinen (d. h. vorwiegend Bedeutungs-)Wörterbuches zutraut. Nun folgt der Schritt, Bedeutungsangaben aufzunehmen (bei mir als Gefälligkeit, beim Duden in der Absicht, tatsächlich ein sei es auch kümmerliches allgemeines Wörterbuch zu verkaufen). Dann ist aber die Beschränkung auf Stammwörter nicht mehr zu begründen, es werden also auch Unmengen Zusammensetzungen aufgenommen, und im Nu ist man bei 125.000 Einträgen. 90 Prozent davon sind orthographisch unergiebig.
Nun zur Marante. Das Wort ist orthographisch nicht trivial, denn es könnte ja auch mit th geschrieben werden, wie ich es beim vergleichbaren Amarant schon des öfteren gesehen habe. Der Duden gibt Bedeutung und Herkunft, bei anderen Pflanzennamen verfährt er inkonsequenterweise wieder anders, man vergleiche "Klematis", "Glyzinie" usw. Auch ist der Rechtschreibduden nicht gerade für Herkunftsangaben berühmt, man wird so etwas nicht ohne weiteres dort nachschlagen. In meinem Wörterbuch ist die Bedeutung "Pfeilwurz" angegeben, das müßte doch dem normalen Benutzer erst einmal genügen. Wichtiger als die Wortherkunft wäre manchem Benutzer wohl eine Pflegeanleitung für Maranten, aber das würde ja wirklich zu weit führen. (Warum übrigens nicht "zuweit"? Und warum nur "Du kannst soviel essen, wie du willst", aber nicht: "Du kannst sofett essen, wie du willst"? Zwischen der Konjunktion "soviel du willst" und dem demonstrativen Korrelat "so viel wie du willst" ist für mich ein großer Unterschied, daher mein Zähneknirschen.)

Mir scheint, daß auch in dieser Diskussion Mißverständnisse aufkommen, weil immer wieder die bisherige Rechtschreibung (oder "übliche Schreibung", wie Herr Jochems sehr richtig sagt) mit ihrer Darstellung im Duden verwechselt wird. Damit hängt zusammen, daß gar leicht in die Überlegungen zu beidem ein stiller oder auch lauter Wunsch nach eigenen Reformen hineinrutscht. Dessen versuche ich mich seit je zu enthalten, verfolge vielmehr unbeirrt meinen deskriptíven Ansatz. Wenn wir feststellen, daß es in gewissen Bereichen eine nennenswerte "qualifizierte" Variation gab (also einen offenbar unauffällige in guten Texten, nicht auf Klowänden ["Votze" usw.], dann halte ich das fest und bin der Meinung, daß hier eine gewaltsame "Eindeutigkeit" keine Voraussetzung darstellt, überhaupt von "Rechtschreibung" zu reden.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 10.02.2005 um 21.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#266

Liebe Frau Pfeiffer-Stolz, nein, "klassisch" schreibe ich nicht, halt nur so, wie man es hierzulande immer getan hat und die meisten es wohl noch immer tun. Morgens fallen mir bei der Zeitungslektüre drei "dass" auf der ersten Seite ins Auge, dazu vielleicht ein etwas merkwürdig geschriebenes erweitertes Partizip. Häufig ist es nach der neuen wie nach der alten Rechtschreibung falsch, Folge der Sonderrechtschreibreform der Nachrichtenagenturen. "Dass" hat ein verstorbener Studienfreund, in seinen aktiven Jahren Grundschulrektor, sein ganzes Leben lang privat geschrieben. Andererseits wundern wir uns, wenn unsere Enkelkinder "Du" klein schreiben, aber wir nehmen's nicht weiter tragisch. Wenn ich mir nach Jahr und Tag die Peilsche Liste noch einmal vornehme, gerät mein Glaube an die Vernunft der Germanisten ins Wanken, aber lange Auflistungen von "Duden-Ungereimtheiten" hat die Gegenseite ja auch zusammengetragen. Zum Glück geht dergleichen in wirklichen Texten (fast) unter.

Nehmen Sie meinen letzten Satz. Während ich französische oder englische Sätze spontan niederschreibe, muß ich hier nachdenken: Wie war das doch mit "dergleichen"? Mein altes Korrekturprogramm von 1995 zeigt kein rot (Rot?), trotzdem verändere ich versuchsweise den Anfangsbuchstaben, aber wieder nichts. Nun werde ich doch neugierig und gucke in den Duden, und zwar den Leipziger aus dem Jahre 1964: Nur klein, übrigens auch im neuesten von 2004. Glück gehabt. Selbst "derartiges" schreibt mein Duden von 1964 klein, "etwas Derartiges" dagegen groß, aber immer "etwas anderes". Will ich mir merken, lobe mir aber Katia Mann, die 1950 Thackeray's "Vanity Fair" ins Deutsche übersetzt hat, ohne auch nur einmal in den Duden zu gucken, und bei List in Leipzig hat das niemanden gestört. Eine Blütenlese hat jemand auf diese Internetseite gesetzt.

Nun stehe ich mit meinem Unbehagen an der deutschen Rechtschreibung nicht alleine da. Herr Ickler hat in mühseliger Arbeit für eine Riesenzahl von Wörtern die Archiv-CDs großer deutscher Tageszeitungen von vor 1999 durchgearbeitet und dabei eine enorme Varianzbreite der Schreibungen festgestellt. Das Ergebnis nennt er "übliche deutsche Rechtschreibung". Eigentlich sollte man in letzterem Kompositum das erste Glied, Recht-, auslassen. Das Wesen der Rechtschreibung ist Einheitlichkeit, und Abweichungen davon sind Fehler. In den Problembereichen waren die meisten vereinheitlichenden Schreibungen jedoch willkürliche Dudenfestlegugnen. Dahin will Herr Ickler nicht zurück, und ich auch nicht. Zum Glück führt die längst nachgewiesene Unregelbarkeit der Getrennt- und Zusammenschreibung und einiger Bereiche der Groß- und Kleinschreibung zu der Einsicht, daß das frühere Dogma, jede Abweichung vom amtlichen Wörterbuch sei ein Fehler, künftig nicht mehr gelten kann. Hier kann nur Toleranz weiterhelfen. Das gilt auch für solche "Reformschreibungen", die nicht der Sprachlogik widersprechen und tatsächlich von Schreiberinnen und Schreibern praktiziert werden. Die künstlichen Kreationen der Reformer gehören dagegen auf den Müll, wie Herr Eisenberg schon 1997 riet. Das meinte ich damals mit "Verhöhnung", und das meine ich heute mit dem "alten und dem neuen Unsinn". Es wäre ja so leicht, zu einer konsensfähigen deutschen Rechtschreibung zurückzukommen, denn das meiste ist unbeschädigt. Was die Reformer systematisch in Unordnung gebracht haben, war auch vorher alles andere als problemlos. Eine gute Rechtschreibung zeichnet sich dadurch aus, daß man sie bei der Lektüre nebenbei erwirbt. Der beständige Blick ins Wörterbuch oder gar in den Regelteil sind ein Indiz dafür, daß mit einer Rechtschreibung etwas nicht stimmt.



Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 10.02.2005 um 19.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#265


Sehr geehrter Herr Jochems,
ehrlich gesagt, ich kann Ihren Ausführungen nicht mehr folgen. Ihre Beiträge habe ich bislang immer mit Zustimmung gelesen, doch inzwischen irritiert mich ihr Inhalt. Noch 1999 nannten sie die Reform eine „Verhöhnung der deutschen Schreibkultur“. Sie schreiben selbst klassisch. Trotzdem stellen Sie dieser klassischen Rechtschreibung neuerdings ein schlechtes Zeugnis aus („alter Unsinn“). Wenn einige Einzelfestlegungen im Duden Unsinn waren und die Zustimmung der Schreibgemeinschaft nicht fanden/finden, so muß man doch nicht gleich das ganze gewachsene System als „alten Unsinn“ bezeichnen!

Oder verstehe ich etwas falsch?

Ich bin für Deutlichkeit im Gedankenaustausch. Vielleicht bin ich nicht gut genug informiert. Dann bitte ich um erstens um Nachsicht, zweitens um Aufklärung.

Was mich allerdings wirklich verwundert, ist Ihr Satz: „Freie Bürgerinnen und Bürger sind ohnehin von den staatlichen Entscheidungen nicht betroffen.“ Nicht betroffen? Ich bin in erster Linie Leser. Ich muß die Reformschrift lesen! Ob ich will oder nicht: Ich bin sehr betroffen! Und mit mir alle anderen Leser! Ich kann zwar für mich selbst schreiben, wie ich will, aber schon bei den meisten Arbeitgebern hört diese Toleranz auf: Niemandem bleibt verborgen, wie eine Art verstümmelter „Reformschreibung“ um sich greift! Auch bei sogenannten „freien Bürgerinnen und Bürgern“! Besonders bei solchen, die mit dem ss ihre Fortschrittlichkeit zeigen wollen. Vor allem auch bei jenen, die den Kindern „ein gutes Werk“ tun wollen. Und so weiter. Machen wir uns doch nichts vor: die meisten meinen auch, die Rechtschreibung werde im August „Gesetz“.
Mir ist überhaupt nicht klar, worauf Sie, sehr geehrter Herr Jochems, mit diesen Argumenten hinauswollen.


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 10.02.2005 um 14.27 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#263

Lieber Herr Markner!

Das mit dem Zürcher Überschwang war mir nicht bewußt; vielen Dank für diesen Hinweis!
Den von Herrn Jochems gesehenen Gegensatz zwischen der Zweckmäßigkeit und der Ästhetik sehe ich noch nicht so ganz.
Was ästhetisch ist, kann durchaus unterschiedlich gesehen werden, das ist mir klar; ich habe aber in den vorangegangenen Beiträgen schon ein wenig darauf aufmerksam gemacht, worauf es mir ankommt: ich möchte einerseits in Übereinstimmung stehen mit den Usancen meines sozialen Milieus und andererseits dem Empfinden des Lesers z.B. meiner Briefe entsprechen, soweit es mir möglich ist.
Da ich jetzt weiß, daß die NZZ schon seit jeher "überschwänglich" geschrieben hat, könnte ich mir vorstellen, in meinem nächsten Leserbrief zum Thema Überschwang an die NZZ mich zu dieser Schreibweise hinreißen zu lassen, um beim zuständigen Redaktor keine Mißempfindung zu verursachen.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 10.02.2005 um 12.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#262

Offenbar sind unsere Freunde Scheuermann und Jochems einer Meinung: Wo sich beim Schreiben überhaupt Wahlmöglichkeiten auftun, verweist die Aussageabsicht auf die zweckmäßigste Lösung. Sie wollen sich nicht über den anerkannten herkömmlichen Schreibbrauch hinwegsetzen, halten aber nichts davon, sich von Wörterbuchredaktionen oder sonst jemand gängeln zu lassen. Die beiden Freunde unterscheiden sich wohl nur darin, in welchem Maße sie ihre bessere Einsicht angesichts historischer Schreibformen hintanstellen wollen. Daß "überschwänglich" eine Ableitung von "Überschwang" ist (wie "länglich" von "lang"), also ein in unserer Sprache lebendiges Baumuster repräsentiert, steht außer Frage. Andererseits machen Antiquitäten wie "überschwenglich" ja auch den Reiz unserer Rechtschreibung aus (die englische ist voll davon), so daß hier Freund Scheuermanns "ästhetisch" in Gegnerschaft zu "zweckmäßig" gerät. Gäbe es nicht Lehrer mit Rotstiften und Zeitgenossen mit hämischen Blicken auf Rechtschreibschnitzer, ja dann wäre das alles kein Problem. Aber die deutsche Welt ist nun mal so.


Kommentar von R. M., verfaßt am 10.02.2005 um 12.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#261

Die NZZ und manch anderer hat immer schon "überschwänglich" geschrieben, was ja auch vernünftig und naheliegend ist, sehr im Unterschied zu "aufwändig".


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 10.02.2005 um 12.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#260

Liebe Frau Pfeiffer-Stolz, mit der Unzulänglichkeit der Rechtschreibregelung verhält es sich wie mit der Unsicherheit des Straßenverkehrs. Die hohe Zahl der heute zu beklagenden Unfallopfer läßt keine Alarmglocken schrillen. Erst wenn sie sich aus irgendeinem Grunde über Nacht vervielfachen würde, könnte man mit einem allgemeinen Aufschrei und mit einem Eingreifen der Politik rechnen. Was normale Leser heute in Zeitungen und ähnlichen Druckerzeugnissen geboten bekommen, finden sie zwar nicht ideal, aber andererseits auch nicht so katastrophal, daß sie auf schnelle Abhilfe dringen würden. Wir sollten in diesem Jahr nicht auf Wunder hoffen. Vielleicht tun sich ja genügend Politiker zusammen, die in der Rücknahme oder durchgreifenden Reparatur der Rechtschreibreform einen parteipolitischen Vorteil wittern, aus sachlichen Gründen aber oder gar aus Sorge um die Zukunft der deutschen Sprache wird sich keine Hand rühren.

Natürlich gab es vor 1996 und selbst vor 1987 ein offizielles Unbehagen an der Rechtschreibung. Die Reform wurde ja schon 1954 angekündigt und dann angesichts der Probleme an den Schulen und des drohenden Sonderwegs der DDR immer dringender. Daß der Auftrag an das Institut für deutsche Sprache in Mannheim ging, war durchaus sinnvoll. Diese mit Länder- und Bundesmitteln unterhaltene Einrichtung sollte sich ja seit 1964 in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls in Mannheim ansässigen Bibliographischen Institut (Duden-Verlag) um praktische Sprachpflege kümmern. Herr Augst hat seine Tätigkeiten auf dem Haardter Berg in Siegen und beim IdS in Mannheim R 5 immer säuberlich getrennt, ebenso Herr Schaeder. Dessen Anteil an der Neuregelung wurde selbst unter Kollegen erst im Sommer 1997 bekannt. Die Rechtschreibreformer waren unter den deutschen Linguisten eher Außenseiter. Daß sie eine von jedermann sonst gemiedene Nische besetzen konnten, sollte man ihnen nicht als Vorwurf ankreiden.

Der Schulausschuß der KMK bzw. die daraus für die Verhandlungen mit dem Arbeitskreis für deutsche Orthographie gebildete Kommission trifft eher die Schuld, ihre politischen Vorgesetzten nicht nur nicht gewarnt zu haben, sondern im Gegenteil kräftig an der Förderung des Unternehmens beteiligt gewesen zu sein. Sie ist weiterhin im Hintergrund tätig und hat es in der Hand, ob Vorschläge des neuen Rates überhaupt zur Entscheidung angenommen werden.

In diesem Monat wird bei drei Gelegenheiten über die Rechtschreibreform verhandelt, in zwei Wochen werden wir also wahrscheinlich mehr wissen. Unsere Seite wäre schlecht beraten, trotz aller ungünstigen Vorzeichen auf ein Wunder zu warten. Freie Bürgerinnen und Bürger sind ohnehin von den staatlichen Entscheidungen nicht betroffen. Wer aber Vorschläge machen möchte, müßte sagen können, wie man den neuen Unsinn abschaffen soll, ohne alten Unsinn wieder einzuführen. Das Problem ist wahrscheinlich nicht zu lösen. Dann wäre Rechtschreibfreiheit wie bei unseren westlichen Nachbarn immer noch der beste Weg.



Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 10.02.2005 um 11.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#259

Lieber Herr Professor Jochems!

Entschuldigen Sie, aber ich habe versäumt, auf einen zentralen Punkt Ihrer Argumentation einzugehen (an dem unsere Sicht sich auch etwas unterscheidet).

Sie fragen, was an "im trüben fischen" zweckmäßig und ästhetisch und an "überschwänglich" unzweckmäßig oder unästhetisch sei.
Die Antwort ist ganz einfach und entscheidet sich an dem, was ich in meinem vorletzten Beitrag unterschiedliches Maß an Sprachteilhabe genannt habe. Überschwänglich ist solange unzweckmäßig (und, wenn es keinen besonderen Grund gibt, diese Schreibweise zu wählen, auch störend), solange diese Schreibweise sich bei den Sprachteilhabern nicht durchgesetzt hat. (Vor der Reform hat niemand so geschrieben.)
Genauso ist auch "im trüben fischen" Ausdruck einer besonderen Regelungsfreude im Hause Duden, die den Sprachteilhabern gar nicht bekannt wurde. Norm ist - das kränkt die rigorosen Moralisten - was die meisten tun. (Wobei nicht notwendig - das ist wichtig! - für alle die gleiche Norm gilt: sie kann sehr wohl z.B. schicht- oder milieuabhängig sein.) Wenn das Haus Duden Regeln ersonn, wurden die dadurch noch lange nicht zur Norm. Die tatsächliche Norm bildete sich feiner heraus - indem die Sprachteilhaber sich bemühten, so zu schreiben, daß die Erwartungen ihrer Leser zumindest erfüllt (wenn nicht übertroffen) würden. Diese Normerfüllung (an einen Schulanfänger schreibe ich natürlich ganz anders als in einem wissenschaftlichen Beitrag) ist je zweckmäßig und ästhetisch - und das war es, was ich zum Ausdruck bringen wollte.


Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 10.02.2005 um 10.30 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#258

Lieber Herr Professor Jochems!

Vielen Dank für Ihren Hinweis auf trübe Fischgründe! Die hatte ich - wie Herr Isleif - noch nie aufgesucht.
(Überhaupt habe ich in den Duden früher wohl häufiger durchstöbert, um merkwürdige Wörter zu finden - und eher selten, um orthographische Zweifelsfälle zu klären.)

In der Tat meine ich, daß Icklers "Kurze Anleitung zum rechten Schreiben" - ergänzt von Fall zu Fall noch um seine "Hauptregeln der deutschen Orthographie" - ausreichen, um das Ziel "sinnvoll schreiben, trennen, Zeichen setzen" zu erreichen. Daher würde ich lieber "den Ickler" als den Ausweg aus der deutschen Rechtschreibkrise empfehlen als den Wiedervereinigungs-Duden. Das Icklersche Rechtschreib-Wörterbuch war aber nicht dazu gedacht, den Duden zu ersetzen, es kann das auch gar nicht. Der Dudenverlag hat mit seinem Band "Die Rechtschreibung" die Erwartungen an ein solches Buch so nachhaltig geprägt, daß man davon kaum (oder nur radikal) würde abweichen können.
Ein (zufälliges) Beispiel: Im "Ickler" finde ich das Wort "Marante". Wer dieses Wort kennt(ich gehöre nicht zu den Glücklichen), wird es zweifellos auch richtig schreiben können (wobei es dem, der es nicht kennt, genauso geht - es bietet nicht die geringsten orthographischen Schwierigkeiten). Einen Eintrag wie Marante müßte man also entweder nach Dudenmuster erläutern - oder (die radikale Lösung) streichen. Denn das könnte die Alternative sein: das Rechtschreibwörterbuch der Zukunft enthielte wirklich nur noch die Wörter, über deren Schreibweise man tatsächlich in Zweifel geraten könnte. Wenn diese Auswahl nur streng genug erfolgte, hätte man einen schmalen Band, der über Tücken der Rechtschreibung (besonders z.B. bei fremdsprachigen Wörtern oder Namen) hinweghelfen könnte.
Ob das wirklich für eine genügende Zahl von Menschen wünschenswert wäre, weiß ich nicht.

Diese Alternative liegt aber nicht vor. Sie erforderte auch noch zu leistende Arbeit.

Jetzt mein neuer Vorschlag: Herr Dräger erteilt dem Dudenverlag die Lizenz, die Ickler-Regeln (anstelle der Duden-Regeln) dem (alten) Rechtschreib-Duden voranzustellen.

Ein (von Ickler formuliertes) Vorwort dazu dürften z.B. die Herren Grass und Zehetmair unterschreiben.

Der wahrscheinlich offenkundigste Vorteil: (fast) alle Computer könnten innerhalb von Augenblicken auf eine vernünftige Rechtschreib-Prüfung umgeschaltet werden.


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 10.02.2005 um 08.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#257

Zitat Herr Jochems: „Wir übersehen heute zu leicht, daß sich die deutschen Kultusminister lediglich in ihrer Hoffnung getäuscht haben, ausgerechnet der Mannheimer Kleingärtnerverein des Herrn Augst könne die aus den Fugen geratene deutsche Rechtschreibung in Ordnung bringen.“

Es fällt mir schwer zu glauben, daß unsere Kultusminister davon geträumt haben, die Rechtschreibung zu reformieren und daß von ihnen die Initiative ausging. Das obige Zitat erweckt aber gerade diesen Eindruck. Herr Jochems, stand denn die Reform der Orthographie auf der politischen Agenda? War es nicht vielmehr das Lebensziel der ideologisch inspirierten Zirkel um Professor Augst herum, den weiten Horizont einer Sprachgemeinschaft auf den kleineren Siegener Mittelgebirgshorizont einzuschrumpfen? Womöglich hat der junge Augst in der Schule oft rote Striche für seine Schreibweisen wie „Recht haben“ und „Menschenverachtend“ kassiert. Daraus wurde eine zwanghafte Beschäftigung mit der Orthographie, die um die Frage kreiste: Und was, wenn nun ich „Recht“ hätte und alle anderen „Unrecht“?
Sind die Politiker nicht vielmehr selbst Opfer dieser fehlgeleiteten Regelungshybris geworden? Nachdem nun aber der Weg eingeschlagen ist, gehen sie ihn natürlich weiter, ohne nach rechts oder links zu sehen, na ja, nach links gucken sie gelegentlich schon, weil da immer noch Applaus herkommt.

Im übrigen glaube ich, daß es bei einer Verirrung im Gelände nur eines gibt: an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Danach mag man neue Wege suchen.

Täglich kann ich erleben, daß die meisten Menschen - vor allem auch Lehrer - nach den bereits überholten Regeln von 1996 schreiben. Sie werden weiter so verfahren, denn die Änderungen kommen „unten“ nicht an. Sie haben den Blödsinn der ersten Stunde adoptiert und lassen ihn nun nicht mehr laufen - es sei denn, jemand bläst zum Rückmarsch. Das würden sie alle hören. Man muß die Realität in seine Planungen einbeziehen, sonst verläuft man sich immer nur noch tiefer im Dickicht.


Kommentar von Karl-Heinz Isleif, verfaßt am 10.02.2005 um 02.00 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#256

Im 'Trüben fischen' habe ich noch nie klein geschrieben, egal, was der Duden sagte oder sagt. Aber ich nehme dem Duden nicht übel, daß er hier Kleinschreibung vorschlägt. Deshalb nicht, weil so etwas in der Sprache passieren kann und die Redaktion in der Vergangenheit Reparaturbereitschaft gezeigt hat. Denn das ist das Dilemma der Sprachwissenschaftler: Anders als die Mathematiker, die nach fünf Minuten Gespräch ganz unter sich sind, und kein Außenstehender mehr beurteilen kann, ob das, was sie von sich geben, Geniestreich oder Mist ist, haben Philologen, Germanisten & Co. ein paar Millionen ziemlich ebenbürtiger Mitspieler. Das wurmt sie hörbar. Von den Konkurrenten haben viele die mit der Muttersprachenmilch eingesogene Kompetenz so weit verfeinert, daß sie in dem ‘Trüben’ leicht einen Teich mit Forellen nachweisen können. In hundert Jahren, wenn Fische und Wasser aus der Mode sind und in dem Ausdruck nur noch die Metapher übrig, wird man ‘im trüben’ berechtigt klein schreiben dürfen. So wie ‘im übrigen’, hinter dem sich schon lange kein Restehaufen mehr verbirgt.

Aber was hindert eigentlich die Wörterbuchmacher daran, das zu erklären? (in linguistisch akzeptierter Diktion, also ohne Forelle, Restehaufen & Co.). Warum den Leuten, die unsicher sind, nicht sagen, wo es im Zweifelsfall langgeht? Wozu, wenn nicht zur Orientierung, braucht man sonst ein Wörterbuch?


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 09.02.2005 um 21.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#255

Lieber Herr Scheuermann, warum ist es zweckmäßig und zugleich ästhetisch, "Unsere Politiker werden weiterhin im trüben fischen" zu schreiben? Natürlich soll hier die übertragene Verwendung der Substantivierung ausgedrückt werden, aber wie dumm muß jemand sein, der diese Nachhilfe benötigt? Vielleicht kann man in irgendeiner Geschichte der deutschen Rechtschreibung nachlesen, wer diese absurde Pedanterie erfunden hat. Dem Leser bringt sie nichts, und für Schreiber ist sie eine unnötige Last. Schauen Sie im alten Duden nach, ob man tatsächlich "Die Kurse stürzten ins bodenlose" schreibt. Man tut es nicht - na also. Wir übersehen heute zu leicht, daß sich die deutschen Kultusminister lediglich in ihrer Hoffnung getäuscht haben, ausgerechnet der Mannheimer Kleingärtnerverein des Herrn Augst könne die aus den Fugen geratene deutsche Rechtschreibung in Ordnung bringen.

In den Jahren der Hoffnungslosigkeit haben wir mit unermüdlichem Eifer die Verfehltheit der neuen Schreibungen kritisiert. Vergessen haben wir darüber, daß die Kultusminister vielleicht einmal einlenken und uns fragen könnten, was denn nach der Rücknahme der "Neuregelung" kommen sollte. Der alte Duden natürlich. Wenn das unsere Antwort ist, war die ganze Aufregung umsonst. Zugegeben, Sie fügen hinzu, außerdem sei Herrn Icklers "Kurze Anleitung" für die Übergangszeit zugrunde zu legen. "Dann käme man zu einem unverkrampfteren Umgang mit der Orthographie und gewönne beides: eine deutlich zweckmäßigere Rechtschreibung und zugleich ihre Zurückstufung auf ein adäquates Maß." Nun gehört Herr Ickler aber der in Deutschland sehr seltenen Gattung der empirischen Orthographieforscher an, und als solcher hat er längst dargelegt, daß sich die Problembereiche unserer Rechtschreibung der Regelung und natürlich auch der Normierung weitgehend entziehen. Dann also doch zurück zur Willkür und zum Duden? Sagen Sie nun nicht, "Da Norm das Zweckmäßige (und Ästhetische) war, geht es in der herkömmlichen Rechtschreibung um genau diese Frage: Was ist zweckmäßig?" Wer "fertigstellen" getrennt schreibt, setzt sich über die Bedeutung und die Betonung hinweg. Aber was hat das mit Zweckmäßigkeit und Ästhetik zu tun? Ist andererseits "überschwänglich" unzweckmäßiger und unästhetischer als "überschwenglich"? Für die deutsche Rechtschreibkrise gibt es keine Patentlösungen. Haben wir nicht immer den Reformern entgegengehalten, ihre teils absurden Neuerungen seien nicht konsensfähig? Nun kommt der Bumerang zu uns zurück. Am besten wäre es noch, unsere Kultusminister gewährten ihren Schulen und uns allen Rechtschreibfreiheit. Dann würde es sich schnell erweisen, was konsensfähig ist. Es würde gewiß nicht die Dudenorthographie von 1991 in toto sein.



Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 09.02.2005 um 11.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#254

Vor einigen Tagen habe ich auf den Seiten von Herrn Dräger einige vermutete Eigenheiten der Professoren Augst und Ickler einander gegenübergestellt -
(http://rechtschreibreform.de/php/einzelner_Datensatz.php?BeitragNr=28492).
Dabei habe ich herausgestellt, daß Professor Icklers sprachliche Autorität (u.a.) darauf fuße, daß er der deutschen Sprache diene, während Professor Augst sich trickreich der Regelungsgewalt des Staates bedient habe, um seiner mangelnden Sprachkompetenz aufzuhelfen.
Nun lerne ich hier - in seinem Beitrag vom 2.2., 6:08 Uhr -, wie schwer Professor Ickler dieser Dienst an der Sprache bisweilen wird: Die Schreibweise "Iß soviel, wie du willst!" könne er nur "zähneknirschend" akzeptieren. Ich nehme an, daß sie vielen (wahrscheinlich den meisten) leicht aus der Feder fließt - ganz ohne solch selbstzerstörerische Anwandlungen.
Kurz davor stellt Ickler aber fest, ihm ginge es in den meisten Fällen wie solchen "Beiträgern", die klare semantische Unterschiede zwischen unterschiedlichen Schreibweisen ausmachten, nur: die Sprachgemeinschaft mache da nicht mit. (Damit bezog er sich wahrscheinlich auf Roland Wagner, der am Vortag ausgeführt hatte, diese Unterscheidungen ergäben sich für ihn völlig mühelos, "ohne jedes Nachdenken".)
Zähneknirschen hier, Leichtigkeit dort. Und dabei läßt der Zähneknirschende erkennen, daß er die semantischen Unterschiede genauso sieht wie andere.

Icklers Beispielsatz ist natürlich mit Geschick gewählt. Durch das "wie" wird das "so viel" ja eigentlich erzwungen. Aber der semantische Unterschied zu "Iß soviel Du willst" ist hier derart geringfügig (man müßte ihn geradezu erst hineingeheimnissen), daß eine Unterscheidung durch eine gesonderte Schreibweise sich einfach nicht lohnt.

Also ist dies in Wirklichkeit erneut ein Beispiel für die frappante Zweckmäßigkeit der herkömmlichen Rechtschreibung: So, wie Herr Wagner völlig mühelos Klippen umschifft (die für die Nachbarin von Frau Pfeiffer-Stolz gar nicht existent sind), existierte vor der Rechtschreibreform eben eine Norm des möglichst Zweckmäßigen (und Ästhetischen!), die dem Schreiber sich nicht über Regeln (die teilweise auch noch gar nicht formuliert sind) vermittelte, sondern über das unterschiedliche Maß seiner Sprachteilhabe.

Professor Jochems hat das Schreckgespenst eines wahrhaft gigantischen orthographischen Regelwerks in die Diskussion gebracht und dies in Beziehung gesetzt zu einem sehr engen Normbegriff.
Das geradezu Begeisternde an der Rechtschreibung ist, daß sie eines solch überfrachteten Regelwerks überhaupt nicht bedarf. Da Norm das Zweckmäßige (und Ästhetische) war, geht es in der herkömmlichen Rechtschreibung um genau diese Frage: Was ist zweckmäßig?
Die Antwort ist natürlich kontextabhängig, und die Zahl möglicher Antworten wird geringer, je spezifischer die Anforderungen an einen Text sind.
Das Haus Duden hatte viele Einzelfestlegungen getroffen, die in vielen Fällen nachvollzogen werden können (aber für manchen Sprachkontext auch in die falsche Richtung wiesen); aber insgesamt sind sie viel zu spezifisch für allgemeine Anforderungen.

Trotzdem erscheint es mir als pragmatisch, in einem ersten Schritt zum letzten Vor-Reform-Duden zurückzukehren. Dazu sollte aber Icklers "Kurze Anleitung zum rechten Schreiben" möglichst weit verbreitet (und zum Beispiel im Schulunterricht genutzt) werden. Dann käme man zu einem unverkrampfteren Umgang mit der Orthographie und gewönne beides: eine deutlich zweckmäßigere Rechtschreibung und zugleich ihre Zurückstufung auf ein adäquates Maß.

Auf dieser Basis könnte dann - in aller Ruhe - der erste Nach-Reform-Duden entstehen.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 08.02.2005 um 10.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#251

Das eigentliche Fiasko der Rechtschreibreform ist die Getrennt- und Zusammenschreibung. Das hat bekanntlich selbst die Zwischenstaatliche Kommission in ihrer Abschiedsverlautbarung anerkannt: Darüber hinaus möchte die Kommission festhalten, [...] dass der Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung äußerst schwierig in Regeln zu fassen ist, weil sich ständig neue Entwicklungen ergeben. [...] In diesem Sinne muss der Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung in ganz besonderer Weise [...] sowohl offen als auch außerhalb jeder rigiden Ahndung im schulischen Bereich bleiben. Getrennt- und Zusammenschreibung kann auf Grund ihrer Komplexität, Kompliziertheit und Offenheit nicht Gegenstand eines eng normierenden schulischen Rechtschreibunterrichts bzw. schulischer Fehlerkorrektur sein. [Mai 2004, Schnitzer korrigiert] Karl Blüml, der letzte zwischenstaaatliche Vorsitzende, geriet am 21. 2. 2004 mächtig ins Schleudern als er im Deutschlandfunk aus dem Stegreif das Dilemma zu erklären suchte:

Tatsache ist, daß es in der Orthographie zwei Grundregeln geben muß. Auf der einen Seite ist es, daß es für den Leser so leicht wie möglich sein soll und so klar und eindeutig wie möglich. Auf der anderen Seite kommt aber auch die Lehrbarkeit zu tragen, und gerade im Bereich der sogenannten Getrennt- und Zusammenschreibung ist es so, daß sich die Regelmacher von 1901 überhaupt nicht drübergetraut haben, das heißt, sie haben damals die Getrennt- und Zusammenschreibung nicht geregelt. Die ist in lauter Einzelfällen in den Wörterbüchern seit 1901 geregelt worden, von Fall zu Fall. Und wir haben nun versucht, ein Grundgerüst in diese Getrennt- und Zusammenschreibung, die natürlich ein unendlich schwieriges Kapitel ist, hineinzubringen. Aber von bewußter Wortzerstörung oder Sprachzerstörung zu sprechen ist etwas weit hergeholt. Und Peter Eisenberg weiß das auch, daß das niemals der Zweck war oder die Absicht war, aber wenn mir zum Beispiel irgend jemand das deutlich machen könnte, was denn den Unterschied ausmacht zwischen „dicht besiedelt" (getrennt geschrieben) und „dichtbesiedelt" (in einem geschrieben). Was wird dabei zerstört, wenn man das grundsätzlich zum Beispiel getrennt schreibt? Bis jetzt konnte mir das noch niemand erklären. [...] Normalerweise finden Sie es getrennt geschrieben in der Form „der Raum ist hier dicht, in diesem Bereich dicht besiedelt", „ich besiedele den Raum dicht" - Sie haben’s von vornherein getrennt. Also, das ist nur eine Frage, wenn es zusammentritt und sozusagen zum Eigenschaftswort wird. Dann ist es, nennen’s die Fachleute, tritt hier Univerbierung ein oder nicht, und das ist ein langsamer Prozeß. Wörter, die gelegentlich oder über lange Zeit nebeneinander gestanden sind, tendieren dazu, zusammengeschrieben zu werden. Da gibt’s kein Gesetz dafür, sondern das ist eine Tendenz, die sich im Laufe der Zeit entwickelt, und wir haben ja ganz deutlich gesagt, daß wir das beobachten wollen, wie sich das entwickelt.

Unsere Diskussion geht fast ausschließlich um diese Problematik, an der - sagen wir es ehrlich - ganze Generationen von Dudenredakteuren wie auch unsere unberatenen Rechtschreibreformer gescheitert sind. Nun sieht Herr Ickler eine Minimalregelung vor und überläßt es im übrigen den Schreibern, was sie aus dem Fluß der Entwicklung aufgreifen wollen. Wer auf orthographische Bedeutungsdifferenzierungen erpicht ist, erhält hier genügend individuellen Freiraum. Das widerspricht natürlich der normativen Vorstellung, ein Rechtschreibwörterbuch habe stets einheitliche Schreibungen zu bieten. Rechtschreibpuristen sollten aber nicht übersehen, daß Einheitlichkeit in der Getrennt- und Zusammenschreibung nur mittels willkürlicher Entscheidungen herstellbar ist.

Herr Blüml hätte das Dilemma auch an seinem eigenen Satz erläutern können, nämlich ...wenn mir zum Beispiel irgend jemand das deutlich machen könnte - Getrenntschreibung wie auch in einsichtig machen, verständlich machen, begreifbar machen; aber: klarmachen! Herr Schaeder hat aus solchen Fällen eine Regel abgeleitet, die sprachwidrig ist, was uns aber auch nicht weiterhilft. Warum verfährt die deutsche Rechtschreibung hier so? Angenommen, die Rechtschreibreform würde am 31. 7. 2005 zurückgenommen, wäre das der Sieg der Einheitlichkeit über die Beliebigkeit? Wir alle würden bald eines Besseren/besseren belehrt: Dann ginge die Diskussion erst richtig los, es sei denn, jedermann wäre dieses Themas endlich überdrüssig.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2005 um 05.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#250

GZS - kleine Beobachtung

Der Duden schrieb lange Zeit vor, daß Zusammensetzungen von Adjektiven mit "bitter-" sowohl attributiv als auch prädikativ zusammengeschrieben werden, nur "bitterkalt" nicht: dies sollte attributiv zusammen- und prädikativ getrennt geschrieben werden; vgl. auch Duden Bd. 9, der hierzu etwas ausführlicher war als der Rechtschreibduden. Ich möchte bis auf weiteres behaupten, daß diese Regel aus den Fingern gesogen war und nicht den tatsächlichen Gebrauch widerspiegelte. Sie ließ sich auch nicht begründen. Im Reformduden ist das nun beseitigt, aber mit der Reform hat es eigentlich nicht viel zu tun. Ich jedenfalls empfinde einen deutlichen Unterschied zwischen "das ist bitter nötig" und "die Nacht war bitterkalt".


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 07.02.2005 um 22.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#249

Den Schüler, die Schreibkraft oder den Setzer möchte ich sehen, dem man sagt, »daß ein Rechtschreibwörterbuch eine Einladung zur Achtsamkeit ist und kein Marschbefehl unter Androhung von Zwangsmaßnahmen«. An diejenigen, die am meisten auf ein verläßliches Wörterbuch angewiesen sind, das keine sprachgestalterischen oder Deutungsleistungen von ihnen verlangt, wird bei derlei Rechtschreibphilosophien vielleicht doch ein wenig zu selten gedacht.


Kommentar von Hans Krieger, verfaßt am 07.02.2005 um 21.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#247

Zum Beitrag von Theodor Ickler (07.02.05, 16.34 Uhr)

„Rede nicht so viel!“ würde ich, anders als im Duden 91 vorgesehen, getrennt schreiben; bei „du kannst so viel haben, wie du willst“, wäre ich ein wenig unschlüssig, würde aber eher zur Getrenntschreibung tendieren. Alles in allem aber scheint mir gerade der Artikel „soviel“ mit seinen vielen Beispielen ein zwar noch optimierbares, aber doch recht gutes Muster für die Handreichung zum zweckmäßigen Schreiben, klarer als Icklers Angaben zu „Acht geben / achtgeben“ und weniger rigide als seine Anweisung zu „weichgezeichnet“. Und wenn wir uns mal darauf verständigen können, daß ein Rechtschreibwörterbuch eine Einladung zur Achtsamkeit ist und kein Marschbefehl unter Androhung von Zwangsmaßnahmen, dann läßt sich mit dem Duden 91, ausgekämmt oder auch nicht, ganz gut leben.
„Im Zweifelsfall zusammen“ bleibt als Faustregel richtig. Zusammenschreibung ist nicht in allen Fällen die zweckmäßigste Schreibung, aber – im Unterschied zur Getrenntschreibung – auch dort, wo sie unüblich ist, nie wirklich sprachwidrig.



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2005 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#246

Es läßt sich doch nicht leugnen, daß unser "Streit", bei dem es ja nur um geringfügige Meinungsverschiedenheiten unter Freunden geht, äußerst nützlich ist, weil er dazu zwingt, genauer hinzuschauen und nachzudenken. Da wir mit Rechtschreibung weder Geld verdienen noch uns einen Namen machen wollen, ist es ein richtig edler Wettstreit und bringt uns alle voran. Aufhören kann er nur, wenn einer der Streitenden japsend am Boden liegt, sich geschlagen gibt und um Gnade bittet. Die werde ich ihm großmütig gewähren ... (Mangels poetischer Fähigkeiten ist dies meine Gegengabe für Hans Kriegers hübsche Verse.)

Nun noch was zur Sache: Irre ich mich, oder ist bei "so viel" usw. die Dudensche Zusammenschreibung eher zu weit (!) gegangen und in Wirklichkeit schon vor der Reform eine Neigung zur Getrenntschreibung festzustellen gewesen? Dann wäre unsere alte Maxime "Im Zweifel zusammen" für diese Gruppe zu revidieren.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 07.02.2005 um 10.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#244

Hans Krieger hat gerade in seiner charmanten Eselei das verkannte Grautier rehabilitiert. Mit Delphine et Marinette, den beiden Heldinnen aus Marcel Aymés Contes du chat perché, bitten wir selbiges vielmals um Verzeihung und geloben Besserung. Hätten wir doch wissen müssen, daß die Eselsbrücke bei Wesel nicht nur zum sprichwörtlichen Bürgermeister dieses Landstädtchens führt, sondern auch zu Conrad Duden, der allhier geboren wurde. Dieser wiederum hat sich nie Verwechslungen ausgesetzt gesehen, selbst der Chefreformer hat sich der reimenden Assoziation enthalten, dafür aber um so derber auf sein Büchlein eingedroschen. Den Sack schlägt er , doch ... Nein, er meinte wirklich den Sack. Und nun Roma locuta? Liebe Freundinnen und Freunde, es geht erst richtig los. Unser Nachdenken ist noch nicht sehr weit gediehen. Hoffentlich fragt Hans Zehetmair uns nicht, wie unsere Brücke ins Rechtschreibparadies für alle denn aussehen soll.


Kommentar von Hans Krieger, verfaßt am 07.02.2005 um 09.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#243

Zu etlichen Beiträgen und einigen anderen auch:

Regeln sind nur Eselsbrücken,
und die Brücken haben Tücken:
mal am Pfeiler, mal am Joch
hat die Brücke eine Lücke,
und schon fällt man durch das Loch.

Und dann denkt der kluge Esel
(auf dem Rhein vielleicht bei Wesel,
oder, das ist fast dasselbe,
nah bei Dresden auf der Elbe):
hätt‘ ich doch, statt nachzuschauen
und den Regeln zu vertrauen,
bloß ein wenig nachgedacht,
hätt‘ ich mich nicht naßgemacht.
Oder naß gemacht vielleicht?
Ehe uns das Hirn erweicht,
enden wir den Streit: es reicht!


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2005 um 06.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#242

Hier zunächst noch ein Auszug aus dem unveröffentlichten Dudenkommentar, den ich vor Anfertigung meines eigenen Wörterbuchs geschrieben habe:

R 207
Kommentar:
Die ersten Beispiele ("wetterleuchtet", "hohnlacht") gehören nicht hierher, da es sich teils um "untrennbare Verben", d. h. echte Komposita handelt, für die keine Getrenntschreibung in Frage kommt ("wetterleuchten", "schlußfolgern"), teils um Halbkomposita ("hohnlachen", "notlanden"), die in den infiniten Formen durch "ge-" und "zu" aufgespalten, jedoch immer noch zusammengeschrieben werden ("hohngelacht", "notzulanden").
Für radfahren usw. wird auf die subjektive Bedingung zurückgegriffen, daß das inkorporierte Substantiv "verblaßt" ist. Daraus leitet sich für die im Wörterverzeichnis entsprechend gekennzeichneten Gefüge die Lizenz der Zusammenschreibung ab. Doch ist andererseits die Getrenntschreibung nicht ausgeschlossen, da sie einem produktiven syntaktischen Muster gehorcht, und andererseits kann Zusammenschreibung auch für andere, noch nicht im Wörterbuch verzeichnete Verbindungen in Betracht kommen, sobald die Bedingung des Verblaßtseins erfüllt ist.

R 208
Kommentar:
Da es sich hier um den allmählichen Übergang zur Zusammensetzung handelt, ist eine kasuistische Festlegung aller Einzelfälle über das Wörterverzeichnis kaum durchzuführen.
Aus den Beispielen läßt sich erschließen, daß Zusammenrückungen wie "instand", "zustande", "beiseite" u.ä. ihrerseits nicht mit Verben zusammengeschrieben werden. Diese Folgerung zieht zum Beispiel Mentrup (1968, R 274), der jedoch als Ausnahmen "überhandnehmen" (das etymologisch in der Tat nicht hierher gehört, denn es enthält das Substantiv "Überhand" = "Oberhand"), "zurechtkommen" und "zurechtstellen" erwähnt. Bei der Häufigkeit solcher Fälle hätte dies in eine eigene Regel aufgenommen werden müssen. Besser wäre jedoch die Freigabe; sie entspricht dem tatsächlichen Gebrauch.


Nun zu den aktuellen Fragen:

Gegen Herr Isleifs Rekonstruktionen ist einzuwenden, daß sie (wenigstens in einigen Fällen) nicht mit den sprachlichen Tatsachen übereinstimmen, so sinnvoll sie auch sein mögen.

Herr Krieger wiederum sieht in meinem Wörterbuch etwas,was nicht drinsteht. Mein Paragraph 10 muß natürlich im Zusammenhang mit den ziemlich detaillierten Ausführungen der "Vorbemerkung" und des Paragraphen 8 ("Allgemeines über Verbzusätze") gelesen werden. Dies ist vorangestellt, damit es nicht ständig wiederholt werden muß. Eine vergleichbare Darstellung gibt es im Duden nicht. § 10 ist also keineswegs so "vage", wie es bei isolierter Betrachtung erscheint.
Es trifft nicht zu, daß ich bei "achtgeben" im Wörterverzeichnis nur die Zusammenschreibung angebe und damit einen Widerspruch zum Regelwerk erzeuge.
Die unterschiedliche Darstellung von "weichkochen" und "weichzeichnen" entspricht den Tatsachen und ist außerdem genau erklärt. Man wolle doch bitte auch auf die Betonungszeichen achten.
"schlechtreden" ist natürlich wie "schlechtmachen" zu behandeln, das geht ja aus dem Eintrag klar hervor. Ich weiß selbst, daß mein Wörterbuch Lücken enthält ("Schabernack", "Mozzarella", leider auch "im trüben/Trüben fischen"), aber doch nicht so viele, wie mancher etwas voreilig unterstellt. Die mit "usw." angedeuteten Muster produktiver Wortbildung wollen durchaus ernst genommen werden.


Kommentar von Hans Krieger, verfaßt am 06.02.2005 um 16.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#241

Eine Anfrage an Herrn Ickler

Warum ist in Ihrem Wörterbuch „weichgekocht“ gleichberechtigt neben „weich gekocht“ möglich, für „weichgezeichnet“ aber ausschließlich Zusammenschreibung vorgesehen? Darf es die „weich gezeichnete Skizze“ nicht geben? Ich würde sie bevorzugen, weil ja die Art und Weise des Zeichnens und nicht, wie beim gekochten Ei, sein Ergebnis charakterisiert wird.

Warum gibt es für die Unterscheidung von „wiedersehen“ und „wieder sehen“ (der Rundbogen suggeriert Austauschbarkeit) zwar einen Hinweis auf § 10 des Regelteils, dort aber nicht die Spur einer Erklärung?

Warum wird in § 9 die Getrenntschreibung „Acht geben“ und „gibt Acht“ in Parallele zu „Maß halten“ und im Gegensatz zu „achthaben“ oder „fehlgehen“ ausdrücklich hervorgehoben, während das Wörterverzeichnis, wie der alte Duden, nur die Zusammensschreibung „achtgeben“ empfiehlt?

Mir zeigt die Diskussion: wir sind alle miteinander zwar viel gescheiter als die Reformer, aber auch nicht klüger als der alte Duden. Wir sollten uns hüten, ihn ganz aus Versehen schlechtzureden.

(„Schlechtreden“ ist ein Wort, das bei Ihnen, lieber Herr Ickler, nicht vorkommt. Soll man es analog zu „schlechtmachen“ behandeln, für das Sie mit dem Rundbogen Wahlfreiheit signalisieren und auf § 10 verweisen, wo nichts Präzises zu finden ist? Die Analogie wäre eine unvollkommene, weil „schlecht machen / schlechtmachen“ in beiden Bedeutungen und jeweils passenden Schreibungen transitiv gebraucht wird.)



Kommentar von Karl-Heinz Isleif, verfaßt am 06.02.2005 um 16.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#240

Zu Herrn Icklers Wunsch nach Konkretisierung:

Was spricht gegen eine Behandlung etwa in dieser Form?

anstelle = anstatt, für, siehe auch > an Stelle
an Stelle = seltener für > anstelle

infrage (+ kommt) = berücksichtigt, in Betracht gezogen, zugelassen, für betrachtenswert gehalten

in Frage (+ stellen) = anzweifeln, kritisieren, überprüfen

auf seiten = jm, etw. betreffend, bei ...
(aufseiten gibt es nicht)

zugrunde (+ liegen) = Basis sein (von etwas), Ursache, Ausgangspunkt

zugrunde (+ gehen) = verenden, sterben,

zu Grunde = seltener für > zugrunde

Karl-Heinz Isleif


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2005 um 16.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#239

R 207 des alten Duden ist insofern mißlungen, als völlig verschiedene Dinge vermischt werden. Die Zusammenschreibung von "wetterleuchten" usw. - fast immer Rückbildungen aus Substantiven - ist grammatisch zu erklären und nicht mit dem "Verblassen" oder der "Vorstellung der Tätigkeit". Es gibt eben grammatisch keine "es Wetter leuchtet". Ganz anders bei "kopfstehen" usw. Und was ist so überzeugend an der Festlegung: "er hat Kegel geschoben" vs. "er will kegelschieben"? Soll bei der geplanten Handlung die Vorstellung der Tätigkeit vorherrschen, bei beendeter aber nicht mehr? Und wenn einer noch so konkret auf dem Kopf steht, steht er laut Duden "kopf", schiebt aber "Kegel". In solchen Vorschriften war der Wurm drin, das kann man doch wohl nicht leugnen. Auf Befragen geben auch Anhänger des alten Duden immer wieder zu erkennen, daß sie schlechterdings nicht wissen, was dort alles drinstand. Der tatsächliche Gebrauch war gemischt, gestört hat es niemanden.

Muß man noch einmal an "Rad fahren" erinnern, das die Dudenredaktion kurzerhand verboten hat? Ich selbst habe ausführlich und wiederholt auf gewisse Unterschiede zwischen Radfahren und Autofahren hingewiesen, die eine unterschiedliche orthographische Behandlung rechtfertigen. Aber der Duden war in Willkür und Dogmatismus erstarrt (wie die Redakteure ohne weiteres zugaben). Es lief darauf hinaus, daß die Bezeichnung dieser gesunden Fortbewegungsart im Hauptsatz getrennt und groß, im Nebensatz aber zusammen und klein geschrieben werden mußte. Mußte - wohlgemerkt! Da blieb für gewollte Nuancen kein Spielraum. Und im Wörterverzeichnis stand ausdrücklich "Auto und radfahren", das und nur das sollte zulässig sein. Natürlich war der Duden kein Gesetzgeber, und wer wollte, konnte anders schreiben. Aber man täusche sich nicht! Solche Vorschriften wirken in der Schule und über die Schule hinaus. Ich möchte erreichen, daß jemand, der so schreibt, wie es üblich ist, sich keine Orthographie zweiter Klasse nachsagen lassen muß - wie es unweigerlich eintritt, wenn die Kodifikation davon abweicht.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 06.02.2005 um 13.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#238

Warum sagt es eigentlich niemand? Unsere Diskussion läuft doch auf die Frage hinaus: "Wann ist eine Schreibung richtig, wann ist sie falsch?" Die Rechtschreibreformer haben die Sache ein wenig verkompliziert mit ihren Bezeichnungen "veraltet" bzw. "überholt" für solche Schreibungen, die nur noch in der Übergangs- oder Einführungsphase bis August 2005 gültig sein sollten. Inzwischen sind viele davon jedoch zu weiterhin gültigen Varianten erhoben worden, und ein ganzer Schwung wird noch hinzukommen.

Das ist freilich nur eine Verlegenheitslösung, und es bleibt das Problem der orthographischen Richtigkeit. Herr Augst hat einen wichtigen Hinweis gegeben, indem er die Blickrichtung umkehrte: "Eine linguistische Theorie, die nicht die üblichen Schreibungen erzeugt, ist falsch." Man beachte: "Übliche" (nicht etwa "gültige") Schreibungen sind das Primäre, die "Theorie", schlichter gesagt das "orthographische Regelwerk", ist daraus abgeleitet und folglich sekundär. Vor den Tagen der digitalen Textanalyse war es praktisch unmöglich, die üblichen Schreibungen überzeugend zu ermitteln. Herr Ickler hat auf diesem Gebiet bei der Vorbereitung seines Rechschreibwörterbuchs Pionierarbeit geleistet. Im Zentralbereich der deutschen Rechtschreibung, nämlich bei der orthographischen Wiedergabe der Wortstämme und der Ableitungs- und Flexionssilben, ist die Sache relativ einfach. Hier sind die Schreibungen eindeutig und fest, andererseits aber auch nicht der Erfassung in Schreibregeln zugänglich. Man kann zwar wortgeschichtlich begründen, warum man "Saite" und "Tolpatsch" schreibt, eine Schreibregel läßt sich daraus jedoch nicht ableiten. Wer diese Wörter anders schreibt, schreibt sie falsch. Nun könnte es sich bei freiem Spiel der Kräfte dennoch ergeben, daß sich allmählich abweichende Schreibungen durchsetzen. Dann gilt wieder das im Grunde deskriptive und zugleich statistische Prinzip: Was die meisten Schreiber tun, ist richtig. Hier merkt man jedoch, daß die "Übergangszeit" konfliktgeladen ist: Vorübergehend schreiben die Neuerer eigentlich falsch, was ihnen die Rechtschreibkonservativen auch laut genug sagen. Wenn eine Orthographie zudem amtlich, nämlich von Staats wegen festgelegt ist, geht es sogar um einen Akt von Illoyalität. Die Wächter der amtlichen Rechtschreibung ahnden deshalb mit dem Rotstift jeden Fall, der ihnen unter die Augen kommt.

Alphabetschriften waren anfänglich Lautschriften und sind es in fossilierter Form heute noch. Mehr oder minder gibt die Buchstabenabfolge eines Wortes also die Lautabfolge wieder. Zu den phonetischen (und zugleich phonemischen) Charakteristika gehört jedoch auch die Betonung. "Übersetzen" (nämlich einen Text aus einer fremden Sprache) und "übersetzen" (über ein Gewässer mittels einer Fähre) sind unterschiedliche Wörter, obgleich die Schreibung das nicht ausdrücken kann. Der Leser hat keine andere Wahl, als sich an der kontextuell ermittelbaren Bedeutung zu orientieren. Für "echte" Wortzusammensetzungen gilt generell, daß sie zusammengeschrieben werden. Da im Deutschen Zusammensetzungen wie einfache Wörter auf dem Anfang betont werden, ist die Sache einfach: "Bruderkuß" ist ein Wort, "Gevatter Tod" (mit schwebender Betonung) sind dagegen zwei. So etwas wird im Deutschen durch die Getrenntschreibung angezeigt. Aus dem Beispiel läßt sich leicht eine Theorie der üblichen Schreibungen ableiten, und wer anders schreibt, schreibt falsch.

Das gilt uneingeschränkt für den nominalen Bereich unseres Wortschatzes, während im verbalen Bereich die Verhältnisse komplizierter sind. Im Verlauf der Rechtschreibdiskussion haben viele Gebildete, unter ihnen solche, die ein philologisches Fach studiert und beruflich ausgeübt haben, zum erstenmal gehört, daß es Verbzusammensetzungen eigentlich gar nicht gibt, sondern nur Univerbierungen (Zusammenrückungen). Während die eigentlichen Grundschreibungen längst festliegen, sind hier Entwicklungen im Gange, die derart unterschiedliche Kriterien berücksichtigen, daß eine einigemaßen handhabbare Fassung in deskriptiven Regeln nicht möglich ist. Alle Welt regte sich vor einiger Zeit auf, als die Süddeutsche Zeitung den Nobelpreis für Günter Grass "wohl verdient" nannte. Hier sagt die Betonung selbst dem Schreibanfänger, daß Zusammenschreibung angezeigt ist. Wer nachdenkt, wird darauf kommen, daß Verbindungen mit Partizipien in attributiver Stellung Adjektive sind, die den Schreibregeln für Nomina folgen. Wie steht es aber mit diesem Satz: "Diese Auszeichnung war längst schon wohl verdient." Herr Denkt pflegte früher zu sagen: "Man hört's ja." Bleibt es prädikativ also bei Adverb + Partizip, obwohl bedeutungsmäßig die Varianten sich nicht unterscheiden? Man vergleiche: "eine dichtbesiedelte Gegend" / "die Gegend ist dicht besiedelt" - kann es hier Zweifel geben? Aber das ist nicht alles. Herr Stirnemann hat bei Erich Kästner eine interessante Textstelle gefunden: "Die Wirtschafterin kämpfte in der Küche wie ein Löwe. Doch sie brachte die heißersehnten und heiß ersehnten Bratkartoffeln trotzdem nicht zustande." Die differenzierenden Schreibungen leiten zum richtigen Lesen an, aber: setzt die getrenntgeschriebene Variante nicht emphatische Betonung voraus? "Ein heißgeliebtes Mädchen" läßt sich ebenso unterschiedlich betonen und schreiben, nur an der Bedeutung ändert sich nichts.Immerhin: Als Faustregel hilft die Betonung schon weiter, besonders solchen Schreibern, denen eine genaue grammatische Analyse nicht zuzumuten ist. Dann aber geht das doch noch in die Brüche: "Bei unserem Besuch trafen wir sie Tomaten pflückend / tomatenpflückend an." Nach der Betonungsregel ist nur die zweite Variante richtig, aber hat da nicht jeder feinfühlige Schreiber Bedenken? Bei Präsenspartizipien liegen die Dinge offenbar besonders kompliziert. Das echte Adjektiv, die zusammengeschriebene Variante, scheint auf eine dauernde Eigenschaft zu verweisen, die getrennt geschriebene auf einen vorübergehenden Vorgang. Bescheidene Frage: Sind normale Schreiber wohl in der Lage, dieses komplizierte Bedingungsgefüge zu durchschauen? Herr Augst bzw. Herr Schaeder haben sich die Sache leicht gemacht. Aufgrund einfacher formaler Kriterien werden die Verbindungen mit Partizipien in zwei Gruppen eingeteilt, getrennt oder zusammen, ohne Rücksicht darauf, was sprachlogisch geboten ist. Wenn die Kultusminister mit ihrer staatlichen Machtfülle falsche Schreibungen für richtig erklären, sind sie es eben - für den amtlichen Gebrauch. Außerhalb des Bereich der staatlichen Regelungsgewalt gilt natürlich weiterhin der aufgeklärte Gerhard Augst: Ein amtliches Regelwerk, das zu unüblichen Schreibungen führt, ist falsch.

Derartige Verhältnisse herrschen auch in der deutschen Groß- und Kleinschreibung. Ähnlich wie die Betonung im bisher besprochenen Sonderbereich unserer Orthographie gilt der (mögliche) Artikelgebrauch hier als Eselsbrücke zur üblichen Schreibung, und genauso oft geht die Sache schief. Wer bei der GKS versucht, alles "bis ins kleinste" zu regeln, erzielt ebenfalls nur eine reduzierte Trefferquote, selbst die Rechtschreibreformer, die ja manches durchgehen lassen wollten.

Fazit: Während das Unterhaus der deutschen Rechtschreibung übersichtlich ist und von jedermann beherrscht werden kann, läßt sich das vom orthographischen Oberhaus nicht sagen. Wo derart chaotische Verhältnisse herrschen, bleibt nur eins übrig: Leben und leben lassen - orthographisch gesprochen: mit Varianten leben. Nun kommen aber die Anwälte der Normsprache und fordern: Nur eine Schreibung darf richtig sein, und die kreativen Benutzer der deutschen Sprache fügen hinzu: Das ist die Voraussetzung dafür, daß wir mit Abweichungen von dieser Norm ungewöhnliche Bedeutungsnuancierungen ausdrücken können. Was nicht geregelt werden kann, muß aufgelistet werden. Das Ergebnis sind Wälzer vom Umfang der deutschen Rechtschreibwörterbücher, denen die zum Teil willkürlich privilegierten Varianten als die "rechten Schreibungen" zu entnehmen sind. Etwas schneller geht das per Computer.

Wie kommt das gewöhnliche Schreibvolk dabei weg? Schlecht. Ihm wird die Chance eingeräumt, es genau so zu halten wie die Virtuosen. Gelingt ihm das nicht, will man tolerant sein. Aber Fehler bleibt Fehler. Was ist also falsch im Sinne der deutschen Rechtschreibung? Einzelne Schreibungen, einzelne Regelungen oder gar ganze artifizielle Regelwerke? Da kommt es nur auf den Standpunkt an. Eins wird aber völlig übersehen: Falsch ist das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Rechtschreibung. Kein rechtschaffener Mensch wird sich in seinen Lebensgewohnheiten Vorschriften machen lassen - von wem auch immer. Habt doch endlich den Mut, Euch von der Rechtschreibbevormundung zu befreien! [Hört sich ein bißchen nach Karl Marx an und ist auch so gemeint.]



Kommentar von Hans Krieger, verfaßt am 06.02.2005 um 11.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#234

Zum Beitrag von Theodor Ickler (6.2., 6.39 Uhr)

Das „Verblassen“ eines Substantivs (so die Formulierung in R 208 des alten Duden) ist prozeßhaft, ein fließender Übergang. Jeder kann ein Kind von einem Erwachsenen unterscheiden, aber niemand kann den Tag benennen, an dem das eine zum andern geworden ist. Der Prozeß läuft aber unumkehrbar nur in einer Richtung. Starre Festlegung ist in diesen Bereichen unzweckmäßig, also sinnlos. Das Gespür aber für das, was in diesem Prozeß eigentlich geschieht, ist für den Schreiber, dem es auf die Nuancen ankommt, unerläßlich und sollte nicht verlorengehen. Der Unterschied zwischen „zu Grunde“ und „zugrunde“ ist nicht im strengen Sinne einer der Bedeutung, sondern einer der Konnotationen oder der Gewichtungen; es verblaßt hier ja nicht nur ein Substantiv, sondern eine Bildvorstellung, um die es in der Mehrzahl der Fälle längst nicht mehr geht, so daß ihre Evozierung beim Lesen eher störend wirkt. Die Zusammenschreibung ist insofern ökonomisch, sie entlastet von Unwesentlichem. Es kann aber Fälle geben, wo es dem Schreiber auf die Bildvorstellung doch ein wenig ankommt, und dann ist die Getrenntschreibung sinnvoll.
Regelschreibung sollte die Schreibung sein, die dem Normalfall besser entspricht; die andere darf nicht als „Fehler“ gelten. Das Wörterbuch als Handreichung zum Finden des Zweckmäßigen sollte Entscheidungshilfen in der Art von R 207 des alten Duden bieten (R 207 ist besser geglückt als R 208). Daß es sich bei „anstelle“ ähnlich verhält wie bei „zugrunde“, völlig anders aber bei „in Frage“, weil man hier wirklich noch an die zu entscheidende Frage denkt, spürt wohl jeder Sprachsensible (oder vielleicht besser: jeder im bewußten Wahrnehmen seiner unbewußten Sprachsensibilität Geübte).



Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 06.02.2005 um 11.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#233


Das rationalistische Denken, dem die Linken anhängen, hat der sogenannten Rechtschreibreform den Weg bereitet. Man hängt dem hybriden Irrglauben an, das ganze Leben könne nach den Regeln der Vernunft von einzelnen Menschen neu konstruiert werden.
Roland Baader: „Implizit steckt hinter all dem die Annahme, alle Institutionen menschlicher Kultur und Zivilisation wir Moral, Sitten, Recht, Religion, Sprache, Eigentum, Ehe, Familie, Staat [und Rechtschreibung! K. Pf.] – seien bewußte Verstandesschöpfungen (und deshalb oft eben nur Mißgeburten eines unzureichenden, veralteten und böswilligen Verstandes).
Daß dieser Irrtum fatale Folgen zeitigt, erkennen die Veränderungs- und Verbesserungsfanatiker zwar, bringen es jedoch nicht mit ihren eigenen „Bemühungen“ in Verbindung.

Der Frühsozialist Auguste Compte bemerkte einmal, er habe nur Verachtung für die Bewunderer der „Weisheit der Natur“. Ein paar fähige Ingenieure hätten diese Natur wesentlich besser planen und entwerfen können. Wer denkt bei diesen Sätzen nicht an unsere Rechtschreibreformer?

In den folgenden Zitaten aus dem Buch „Kreide für den Wolf“ von Roland Baader gibt es deutliche Parallelen zur Rechtschreibreform. Man braucht nur statt „Marktwirtschaft“ das Wort „Orthographie“ einsetzen, statt „Existenzerhaltung“ den Begriff „Kommunikation“, statt „klassische Natioalökonomie“ „gebildete Oberschicht“, statt „Gesellschaftsordnung“ „Schriftsprache“ und so weiter. Hier die Zitate:

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Eine Marktwirtschaft ergibt sich immer und überall spontan, wo Menschen ohne Zwang und ohne willkürliche Gewaltanwendung ihren Bedürfnissen nach Existenzerhaltung und -gestaltung nachkommen dürfen. ...

Marktwirtschaft ist keine „Erfindung“ der klassischen oder liberalen Nationalökonomie, sondern nur deren Entdeckung. Adam Smith, der Vater dieser klassisch-liberalen Lehre, hat etwas Vorgefundenes durchdacht und darüber philosophiert, was denn die Wirkmechanismen der so überraschend erfolgreichen Abläufe seien. Er – und seine Nachfolger – haben interpretiert, und nicht indoktriniert.

Helmut Schoeck: „Es gab wirtschaftlich blühende Länder und Städte, lange bevor verbissene Schöngeister am Schreibtisch den Sozialismus erfanden und dazu dann um 1840 das Etikett „Kapitalismus“ als Schimpfwort für jede Art von Wirtschaft, die sich an Märkten und an Wünschen von Menschen orientiert.“

Ludwig von Mises: Eine Gesellschaftsordnung hat keine „Auswüchse“, die man beliebig beschneiden kann. Wenn eine Erscheinung sich notwendig aus dem Wirken des ... Gesellschaftssystems ergibt, kann keine ethische oder ästhetische Laune sie verurteilen.“

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Der ganze Streit um richtig und falsch ist zwar nachvollziehbar, auch ich bin daran beteiligt. Trotzdem führt es in die Irre, von „richtig“ und „falsch“ im Sinne von „logisch“ und „unlogisch“ zu sprechen. Was dem Menschen abgeht, ist die Ehrfurcht vor dem Gewachsenen und die demütige Einsicht, daß des Menschen Verstand nicht hinreicht, um „das gewordene Ganze“ zu begreifen, geschweige denn nach seinem Gutdünken verändern zu wollen. Versuche in diese Richtung scheitern. Aber vorher erzeugen sie Ärger, Leid und manchmal auch Elend.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2005 um 09.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#232

Die Belegsammlung von Herrn Jochems ist Gold wert. Das sind eben die Tatsachen, und vor ihnen haben wir uns zu bewähren, nicht umgekehrt.
Nochmals zum Beispielwort "genau":
Wo "genau" als Adverb (Fokuspartikel) gebraucht wird, kommt Zusammenschreibung kaum in Frage: "genau drei" – das wird man ja immer getrennt schreiben. Die Betonung ist allerdings je nach Kontext schwankend.
Die Unterscheidungen, die Herr Isleif einführen will, sind zwar nachvollziehbar, aber nur auf einem sehr hohen Niveau. Normale Menschen werden den Unterschied zwischen "exakt" und "so und nicht anders" nicht erkennen. In der Praxis hilft das sowieso nicht. Die wirklichen Textbeispiele sind ja immer noch etwas unklarer als die hübsch ausgedachten Beispiele.
Es ist richtig, von einer "kaltschnäuzigen Normierung" zu sprechen, denn Schaeder hat tatsächlich – nach jahrzehntelangen fruchtlosen Diskussionen im Arbeitskreis, die ziemlich ähnlich wie unsere gegenwärtige Diskussion ausgesehen haben müssen – mit einem Gewaltstreich den gordischen Knoten durchzuhauen versucht (ig/isch/lich-Regel usw.), mit der nachgelieferten Begründung, auch die unsinnigste, aber eindeutige Regelung sei besser als gar keine. Das hatte der Duden ja im Prinzip genauso gemacht, nur mit größeren Respekt vor dem Üblichen, gerade im Kernbereich. Man braucht sich ja bloß "fertigstellen", "jedesmal" usw. anzusehen, um zu erkennen, was daraus geworden ist, als die Dezisionisten das Ruder in die Hand nahmen.
In meinem Wörterbuch habe ich mich von dem Gedanken leiten lassen, erstens den Usus nicht anzutasten und zweitens die Gruppe der unbezweifelbaren Zusammenschreibungen möglichst klein zu halten. Wer dies verstanden hat, braucht sich um "fertigstellen", "genauso" usw. keine Gedanken zu machen: er wird in jedem Fall so schreiben, daß ein normaler belesener Deutscher keinen Anstoß nimmt. Was will man mehr? Der Leser ist gut bedient und der Schüler erst recht.
(Vieles in Katia Manns eigenwilliger Schreibweise – wie "zustandebringen" und "zuwege bringen" – ist von meinem Wörterbuch durchaus gedeckt. Wie immer brauche ich nicht zu betonen, daß Verbesserungen im Detail jederzeit möglich sind. Hauptsache, die Richtung stimmt. "Schreiben wie die anderen" – das ist es! Natürlich ist die Versuchung groß, die Gelegenheit zu eigenen Reformplänen zu nutzen; davor kann man nur warnen, es siechen schon genug gebrannte Kinder dahin ...)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2005 um 06.39 Uhr  
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Ich habe es gern konkret. Also wie ist es zum Beispiel bei jener Gruppe von Wörtern, die im alten Duden unter R 208 standen? Im neuen sind sie unter K 63 behandelt. "anstelle, in Frage, auf seiten, zu Grunde" usw. Man schrieb sie vor der Reform unterschiedlich, und man schreibt sie nach der Reform unterschiedlich - allerdings nun ohne Rücksicht auf einen sich immerhin abzeichnenden Usus. Bedeutungsunterschiede kann ich nicht entdecken. Wie sind diese Fälle zu behandeln?


Kommentar von Karl-Heinz Isleif, verfaßt am 06.02.2005 um 02.36 Uhr   Mail an
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Zum Beitrag von Herrn Krieger

Mein ideales Wörterbuch

In Japan, wo ich seit 20 Jahren lebe, gibt es numerierte Bundesstraßen wie in Deutschland auch. Anders als in Deutschland jedoch, haben dort manchmal zwei verschiedene Straßen dieselbe Nummer, sogar in den Straßenkarten sind sie so eingezeichnet. Japaner scheinen damit kein Problem zu haben, meine zaghaften Beschwerden rufen bei meinen Bekannten meistens Gesichtsausdrücke hervor, die ‘na und?’ sagen. Mich, als Deutschen, stört das aber, auch nach 20 Jahren noch. Ich mag eindeutige Verhältnisse, wo sie sich herstellen lassen. In der Sprache ebenfalls.

Die Problematik der Zusammen- und Getrenntschreibung ist mit derjenigen der Straßennummern verwandt. Ich plädiere für Angaben, eindeutige. Nicht, weil ich auf meine alten Tage den latenten Untertanengeist in mir oder die Regulierungswut beleben möchte, nein, ich möchte mich im Zweifelsfall orientieren können. Ich möchte nämlich möglichst gut verstanden werden. Mißverständnisse haben, soweit ich das sehe, nicht mit Stil, sondern hauptsächlich mit Bedeutung zu tun. Wenn die unterschiedlich ist, muß man den Unterschied erklären können.

In meinem idealen Wörterbuch käme ganz vorne eine Art ‘deduktiver’ Begründung (nicht zu Ende gedacht):

Zusammenschreibungen bedeuten etwas anderes als die getrennte Schreibung der Wortbestandteile ... man muß die Bedeutung dieser Wörter lernen, sie sind nicht aus einer Regel ableitbar. Punkt.

Bei Getrenntschreibungen modifiziert ein Wortbestandteil den zweiten. Man muß die Bedeutung dieser Kombinationen lernen, sie sind nicht aus einer Regel ableitbar. Punkt.

In diesem Wörterbuch werden die zusammengeschriebenen Ausdrücke als selbständige Stichwörter ‘normal’ in alphabetischer Reihenfolge aufglistet. Die Getrenntschreibungen hingegen sind als mögliche Kombinationen unter dem jeweiligen ersten Wort des Ausdrucks angeführt.

So etwa:
genau:......treffend, exact, präzise usw.
genau so : keinesfalls anders usw.
genau wie : identisch usw.
....
....
genauso: ebenfalls, auch usw.

Oder:

weiter :......in größerer Ferne als..., fortgesetzt usw.
weiter leiten : weiterhin führen, über einen Punkt hinaus führen usw.


weiterleiten: umleiten, nicht unterbrechen usw.


Fälle, bei denen kein Bedeutungsunterschied nachgewiesen werden kann, könnte man behandeln, wie mein Webster’s (unabridged, 2nd edition,1960) das mit einigen vergleichbaren Schwierigkeiten im Englischen tut. Beispielsweise im Fall der beiden Verben to inquire und to enquire (nachfragen):

Unter inquire werden Wortart und -stamm, Bedeutungsvarianten usw. ausführlich dargestellt. Dann kommt ein Verweis: Also spelled enquire.

Unter enquire ist nur das Nötigste aufgeführt. Auch dann kommt ein Verweis: Also spelled inquire.

Damit erschließt sich dem Nachschlagenden indirekt, daß inquire die geläufigere Version ist, daß aber beide gelten und auch dasselbe bedeuten.

Die Substantive enquiry und inquiry sind selbständige Stichworte; mit ihnen verfährt Webster’s genauso. (und eben nicht genau so; das würde ich gebrauchen, wenn ich einem gegen meine Beispiele erhobenen Widerspruch entgegnen wollte: so und nicht anders.)

Wo es um rein stilistische Aspekte geht, die Bedeutung aber nicht unterschiedlich ist, weist der Webster’s darauf hin und verhält sich neutral:

“...alright wird zwar immer häufiger verwendet, aber es gibt viele, die all right für stilistisch besser halten.”

Daß Muttersprachler zu bestimmten Zweifelsfällen eine abweichende Meinung haben können, muß man in Kauf nehmen. Aber aus Furcht davor keine Angaben zu machen wäre falsch. Verbesserungen und Erweiterungen erfolgen eben in der nächsten Auflage...


Kommentar von Hans Krieger, verfaßt am 05.02.2005 um 17.17 Uhr  
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Zum Beitrag von Helmut Jochems (04.02.2005, 00.37 Uhr)

Freyheit der Waal ist ein hoher Werd; Regulierung aber ist nicht der Feint der Freiheid und muß nicht kaltschneuzig sein. Wo das Ergebniß der Entschaidung egaal ist, wird sie nicht frey, sondern wilkürlich getroffen. Ich plediere führ Genauigkeit one Zwang. Nehmen wir gelassen hin, daß die Feinheiten einer diferenzirten Ortogravieh manchen Läuten schnurz sind, und sichern sie für jene, die sie brauchen und nuzen wolen. Die „alte“ Rechtschreibung könte voorbildlich sein, wenn wir sie als Einlaadung zur Achtsamkeit statt als Nöthigung zum Kadaavergehorsam verstehen.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 04.02.2005 um 00.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#228

... setzten sich hin und schrieben Briefe an ihre besorgten Eltern zu Hause, - Briefe voll Liebe und Herzlichkeit und Mut und schlechter Orthographie. 219

"Oh du alter Pinsel", sage Rebekka, kniff ihn ins Ohr und sah ihm über die Schulter, um festzustellen, ob er keine Schreibfehler gemacht hätte - "Flehen schreibt man nicht mit ä, wohl aber älteste!" Er verbesserte die beiden Wörter, voll Nachgiebigkeit gegen das überlegene Wissen seiner kleinen Gattin. 234

Du kannst Dir meinen Zustand denken, als ich Deinen armen, lieben, alten Brief las mit all seinen orthographischen Schnitzern.498

... entwarfen Rawdon und sein Sekundant mit vieler Mühe und unter Zuhilfenahme von Johnsons Wörterbuch, das ihnen viele gute Dienste leistete, einen Brief ... 508


Thackerays Vanity Fair (veröffentlicht 1848) setzt 1815 kurz vor Waterloo ein und reicht bis 1830. Um die Rechtschreibkünste junger und älterer britischer Offiziere dieser Zeit geht es natürlich nur am Rande, aber immerhin. Katia Manns deutsche Übersetzung Jahrmarkt der Eitelkeit entstand gegen Ende des Amerikaaufenthalts und erschien in Leipzig im Jahre 1950 - eine Neuübersetzung nach hundert Jahren, so wie gerade die Buddenbrooks in einem ähnlichen zeitlichen Abstand englischsprachigen Lesern in einer kongenialen Neufassung vorgelegt werden. Das aber nur nebenbei. Auf diesen Seiten ging es letztlich um die Wiederherstellung bzw. Erhaltung einer hohen orthographischen Norm, die - ihre Möglichkeiten ausschöpfend oder über sie hinausgehend - kreative Schreiber auch künftig als ihr Handwerkszeug zur Verfügung haben müßten. Es ist nicht überliefert, ob in Pacific Palisades im Hause Mann ein Duden existierte, noch weniger, ob Katia ihn beim Abtippen der oft eigenwilligen Manuskripte ihres Mannes oder aber bei der Arbeit an Vanity Fair eifrig benutzte. Es gibt Indizien, daß man in Leipzig den Text aus der Emigration sehr nachsichtig lektoriert hat. Wir dürfen also annehmen, daß alle orthographischen Besonderheiten der Übersetzung von Katia so niedergeschrieben wurden. Ich drucke hier unkommentiert eine kleine Blütenlese ab:

Man kann schon sagen, daß unsere Freunde mit als Erste zu jener Brut von hartgesottenen englischen Abenteurern gehörten, die in der Folgezeit den Kontinent überfielen und in allen europäischen Hauptstädten Schwindel trieben. 345
"Das ist einmal eine brave und gutmütige Seele", sagte ein anderer. "Eine geschickte kleine Person!" sagte ein Dritter. 474

"Er hat die Armeen auseinander gerissen", hieß es. 289
"Wozu müssen Sie heute abend spazieren fahren?" antwortete die Dame. 290
... so daß die vierköpfige Familie ... behaglich leben und immer noch den Kopf hoch halten konnte. 430
... schmeichelnd bewogen, einen Teil seiner Forderungen entgegen zu nehmen ... 495
... mit Amelia zur Seite war er bereit, so viele Tassen Tee zu trinken wie weiland Dr. Johnson. Amelia, die bald dahinter kam, ermutigte ihn lachend ... 548
Auch die Wirtin wolle sie nicht wieder sehen, die sie tyrannisch behandelt hatte ... 557
... und auf diese Weise Gregory wieder näher zu kommen. 562

... Raggles hatte seine Beziehungen zum Hause Crawley immer aufrechterhalten. 348
... aber sie hat sich schon mit Fräulein Binney gezankt, die die Heirat zustandgebracht hat ... 546
... daß der Major das wahrscheinlich zuwege bringen könne, sagte sie. 563

Möge er glücklich werden nach Verdienst mit seinem übelerworbenen Profit! 372
... im Laufe seines wohl angewandten Lebens, das ihn mit mancher menschlichen Schwäche hatte bekannt werden lassen. 491
Sir Pitt war über diese Mitteilung natürlich hocherfreut ... 521
... (der alte Osborn war freilich hochentzückt), als Georg einmal in Russel Square ihren dritten Jungen verprügelte ...526
"Ich sage es ganz offen", pflegte Waterloo-Sedley seinen Freunden gegenüber zu bemerken, "ich bin ein gutangezogener Mensch." 552

So dumpf war sie geworden unter dem Druck ihres Kummers, daß Gut und Böse ihr einerlei waren. 334
Becky tröstete sich, indem sie die Möglichkeiten des Daseins gegeneinander abwog und die Verteilung von Gut und Böse in dieser Welt gleichstellte. 397

... und die Damen trugen Bauschärmel ..., an Stelle der einfachen Ärmel und der hübschen Kränze, die gegenwärtig Mode sind. 478

Aber Lord Steyne besuchte sie genau so oft wie vorher ... 493

Seine Mutter tat nicht das geringste, um ihr Kind zu sehen. 523

... wenn Sonne und Mond zuhäupten leuchteten ... 539

... und bewunderte sich in den Spiegeln, die einst ihre guten hübschen Gesichter wiedergestrahlt hatten. 561

Ich geniere mich ein wenig, diese Sätze einer brillanten Schreiberin und aus einem köstlichen Buch hier in einem auf Orthographie beschränkten Zusammenhang vorzustellen. Der Streit der letzten Jahre hat uns nicht nur die Freude am naiven Lesen genommen, ein wenig hat er uns auch rechthaberisch gemacht, wo wir uns eigentlich freuen sollten, welche Weite persönlicher Wahlentscheidungen unsere Rechtschreibung jedem Schreiber bietet. Gerhard Augst hat zum Schluß eingestehen müssen, daß diese Lebendigkeit des Schreibens (worin sich natürlich die Lebendigkeit unserer Sprache ausdrückt) sich der kaltschnäuzigen Regulierung widersetzt. Wäre unsere Literatur weniger bedeutend, wenn nicht immer schon Lektoren, Korrektoren und selbst Setzer sich das Recht herausgenommen hätten, das gedruckte Kunstwerk mit Blick auf eine vermeintlich eindeutige Norm zurechtzustutzen? Der Abschied von den Banausereien der Neuregelung von 1996 sollte doch nicht der Anlaß sein, die ungute deutsche Tradition des Regulierens, Vorschreibens und Durchsetzens fortzuführen, als habe im letzten Jahrhundert nicht auch bei uns die Freiheit einige Fortschritte gemacht.


Kommentar von Borghild Niemann, verfaßt am 02.02.2005 um 13.05 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#227

"Viel wäre schon erreicht, wenn die anmaßende Umflaggung am 1. August 2005 unterbliebe, also die amtliche Feststellung, die vor 1996 gültigen Schreibungen seien nun nicht nur veraltet, sondern falsch. Da wir nicht in einer Diktatur leben, würde das zwar nur für den staatlichen Bereich gelten, also innerhalb der "Regelungsgewalt", aber das wäre schlimm genug." Zitat aus Helmut Jochems' Beitrag vom 1.2. 18,41 Uhr.

Sehr geehrter Herr Jochems, es ist nicht zutreffend, daß die Regelungsgewalt "nur für den staatlichen Bereich" gilt, sie gilt laut Verfassungsgerichtsurteil nur für den Bereich der Schulen. Umso schlimmer, daß sich die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die nicht an Schulen unterrichten, den Schwachsinn der RSR ganz offensichtlich gefallen lassen. Ich arbeite in der Staatsbibliothek zu Berlin-Preußischer Kulturbesitz und habe vor einigen Jahren auf dem schriftlichen Dienstweg bei meinem Dienstherrn um Rücknahme des Rundschreibens zur Einführung der neuen Regeln der Rechtschreibung gebeten. Ich habe damals neun Varianten der Reform der Rechtschreibreform aufgezählt, mit der Bitte, ein Rundschreiben zurückzuziehen, in dem keine klare Dienstanweisung erteilt wird. Eine Art Antwort aus dem Kulturstaatsministerium (der Kulturstaatsminister ist als Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mein Dienstherr) erhielt ich erst, nachdem ich die Tatsache der Nicht-Antwort in einem Leserbrief in der FAZ dargelegt hatte. Diese "Antwort" war rein formalistisch und belehrend, daß ich nicht zuständig sei. Das eigentliche Politikum ist nicht der hier geschilderte Vorgang, sondern das relative Desinteresse meiner Berufskollegen, immerhin als Bibliothekare dem Lesen verpflichtet.

Selbst in der Schule kann nach dem 1.8. nur eine klare Anweisung für die esszett und doppel s Schreibung erteilt werden, alle anderen Anweisungen gehen in der Reform der Reform der Reform der RSR unter. Und selbst die einzige klare Anweisung beruht auf der Kenntnis der früheren esszett-Schreibung, wie ich von Frau Pfeiffer-Stolz gelernt habe.

Eigentlich sind fast alle meine Gesprächspartner auch gegen die RSR, finden den Eingriff des Staates blöd, "aber ich schreibe sowieso wie ich will, und wegen meiner e-mails ins Ausland schreibe ich sowieso kein esszett". Ein Interesse, das über die eigene Schreibung hinausgeht, habe ich festgestellt, wenn es gelingt, die Verheerungen der RSR in der jetzigen und den kommenden Schülergenerationen darzulegen. Daß man jetzt sogar offiziöse (Bewerbungs-) Schreiben von jungen Leuten aus gebildetem deutsch-muttersprachlichem Milljöh auf elementare Rechtschreibfehler und Zeichensetzung durchsehen muß, das findet Interesse. Ein Anteil der RSR an dieser Misere wird auch noch akzeptiert, ich zitiere dann ein Wort von Herrn Ickler, etwa so: "Die Rechtschreibreform ist nicht die Ursache, aber aus dem gleichen Holz geschnitzt", wie andere Bestandteile der Bildungsreformen, von denen gerade die Schwächeren geschädigt werden.

Nun praktische Fragen/Vorschläge: Können Teilnehmer an der Podiumsdiskussion und aus dem Publikum Herrn Zehetmair fragen, nach WELCHER Rechtschreibung denn ab dem 1.8. geschrieben werden soll?
Können Bedienstete im öffentlichen Dienst (nicht Lehrer) auf dem schriftlichen Dienstweg nachfragen, welche der vielen Varianten denn ab 1.8. gültig ist und auf welcher Rechtsgrundlage konkret der Erlaß, das Rundschreiben beruht?
Können selbst Lehrer auf dem schriftlichen Dienstweg bei ihrem Dienstherrn nachfragen, welche Variante denn nun die ab 1.8. gültige ist?
Frage in die Runde: Könnten die hier lesenden Sachverständigen die exzellenten Darlegungen von Frau Pfeiffer-Stolz zum esszett in ein Faltblatt ähnlich den "Sehstörungen" umformen?


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 02.02.2005 um 10.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#226

Heute schreibt die FAZ über ein neues Spracherkennungsprogramm:

Ein weiterer Nachteil von Version 8: Sie arbeitet nicht mit der alten deutschen Rechtschreibung. Während allein ein halbes Dutzend englischer Dialekte (unter anderem "indisches Englisch") in der deutschen Version berücksichtigt werden, ignoriert man die Schreibgewohnheiten der großen Mehrheit der Bevölkerung. Indes denkt der Hersteller über ein Update nach, das spätestens im Sommer nach den politischen Entscheidungen zur deutschen Rechtschreibung ohnehin ansteht. Die entsprechende Funktionalität ist bereits in Dragon eingebaut. Das Ganze läuft dann automatisch über eine Internet-Verbindung.

Vor acht Jahren hat jemand die neue deutsche Rechtschreibung als ein Produkt aus dem linguistischen Elfenbeinturm bezeichnet. Vielleicht wäre "Bunker" die bessere Wortwahl gewesen, vor allem im Hinblick auf die weitere Geschichte der abgeschotteten Mannheimer Kommission. Von verlorener Bodenhaftung war übrigens auch die Rede, von Verlust des Realitätssinns und dergleichen. Dies immer mit dem Unterton: Bei uns gibt es so etwas nicht. Machen wir die Probe aufs Exempel. Was ergibt sich aus der oben zitierten Meldung in puncto Realitätssinn seitens der Hersteller eines verbreiteten Spracherkennungssystems a) hinsichtlich der Rechtschreibvariante der potentiellen Käufer und b) hinsichtlich des weiteren Entwicklungsbedarfs? Auf diesen Seiten war schon mal vom Verteilen des Bärensfells die Rede. Daran sollten wir denken, wenn wir uns über unsere Updates den Kopf zerbrechen. Immerhin: Die deutsche Rechtschreibung wird schon nicht ins Bodenlose stürzen. Ins "Bodenlose"? Verlangt die Norm nicht "ins bodenlose" wie auch "im trüben (fischen)" und "ins reine (schreiben)"? Was ist aber hier (wie auch in den zweifelsfreien Fällen) "uneigentlich", was "eigentlich"? Völlig verwirrt, zugebenermaßen in solchen Subtilitäten nicht "auf dem laufenden", greift der Schreiber zum klassischen Duden aus der Voraugstzeit. Auskunft: "ins Bodenlose stürzen"! Liebe Freunde, nun bin auch ich ganz der Bodenhaftung bar und ziehe mich in den Elfenbeinturm zurück. Sagt mir rechtzeitig Bescheid (bescheid?), wenn das neueste Update installiert ist...


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2005 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#225

Zum Kern der Sache
Typischerweise argumentieren einige Beiträger mit Figuren wie "A ist für mich semantisch etwas völlig anderes als B". Ich halte dagegen: Für Sie vielleicht (und sogar in den meisten Fällen auch für mich, wenn auch nicht unbedingt "völlig anders"), aber für die Sprachgemeinschaft offenbar nicht: "kennen lernen" ist dasselbe wie "kennenlernen". Ich greife zwecks Zuspitzung ein Element aus der von mir und Herrn Krieger diskutierten Wortkette heraus: "soviel". Meiner Ansicht nach wird die Konjunktion hinreichend oft zusammengeschrieben, so daß mein Rechtschreibwörterbuch hier auch nichts anderes vorsieht. Das hinweisende "soviel/so viel" wird jedoch uneinheitlich geschrieben, und ich möchte gern mal eine Begründung für die Zusammenschreibung lesen. "Iß soviel, wie du willst!" Mir leuchtet die Zusammenschreibung besonders bei der Korrelation überhaupt nicht ein, ich akzeptiere sie nur zähneknirschend, weil sie (auch!) üblich ist.


Kommentar von Hans Krieger, verfaßt am 01.02.2005 um 20.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#224

Zum Beitrag von Helmut Jochems (31.1.2005, 22.39 Uhr)

Das Gundolf-Zitat ist außerordentlich lehrreich, weil die von Jochems hervorgehobenen Getrennt- bzw. Zusammenschreibungen sehr unterschiedliche Fragen aufwerfen.

„Ebensogut“: die Zusammenschreibung ist zwingend, weil Gundolf offenbar nicht sagen will, daß Shakespeare im Atmosphärischen ebenso gut, d.h. mit der gleichen Qualität, der gleichen Genauigkeit etc. denkt wie in Charakteren, sondern daß er sowohl in atmosphärischen Qualitäten als in Charakteren denkt; jedenfalls suggeriert er diese Lesart durch die Zusammenschreibung und würde durch die Getrenntschreibung die andere mehr als nahelegen.

„Genau soviel“: die Getrenntschreibung ist zwingend, weil nicht mehrere Phänomene verglichen werden, für die Lessing „genausoviel“ Aufmerksamkeit, also die gleiche Aufmerksamkeit hat, sondern es wird gesagt, daß er für einen bestimmten Zweck soviel verwendet, als er braucht, und zwar nicht ungefähr, sondern genau.

In beiden Fällen haben wir es mit klaren Bedeutungsnuancen zu tun, die unterscheidbar sein müssen.

Bei „dahinter steht“ und „vorwärts drängt“ ist die Sachlage weniger eindeutig; beim Lesen wird aber eine minimal differierende Akzentuierung erlebt (also auch dann registriert, wenn sie nicht bewußt wahrgenommen wird), die eine nachvollziehbare stilistische Absicht vermuten läßt. Nach kurzem Nachdenken bin ich geneigt, Gundolfs Entscheidung für die Getrenntschreibung für ausgesprochen sinnvoll zu halten, weil das „dahinter“ und das „vorwärts“ ein leicht verstärktes Gewicht erhalten, und ich kann mir die Schreibsituation vorstellen, in denen ich genauso (oder genau so; das ist nicht ganz identisch) entscheiden würde wie Gundolf.

Die Getrenntschreibung „weiter zu leiten“ halte ich für ausgesprochen unzweckmäßig, weil das Verständnis erschwerend (die Getrenntschreibung ist zwingend in dem Satz „Der abgewählte Vorsitzende ist nicht mehr befugt, die Sitzung weiter zu leiten“).

Das Gundolf-Zitat zeigt, daß Herr Jochems natürlich recht hat, wenn er Feinheiten dieser Art der Stilistik zurechnet; es zeigt aber auch, daß die Rechtschreibung das Unterscheidungsvermögen offenhalten muß, wenn der Stilistik solche Feinheiten zur Verfügung stehen sollen.

Daß in diesem sensiblen Bereich keine „Fehler“ angestrichen werden dürfen, ist mir eine Selbstverständlichkeit. Ich habe in meinen Veröffentlichungen immer wieder geschrieben, daß ich die Fixierung auf die Fehlervermeidung für DAS Grundübel der Pädagogik halte. Noch einmal: es gibt in diesem Bereich kein simples „richtig“ oder „falsch“; für die Unterscheidung des Zweckdienlicheren vom weniger Zweckdienlichen muß es aber Kriterien geben, und die erkennt man in der Regel, wenn man fragt, was sich durch veränderte Schreibung an der Bedeutung und an der Ausdrucksqualität ändert. Das Verständnis dafür muß in der Schule (zumindest für die Begabteren) angebahnt werden, und die Muße dafür hat man, wenn man den sinnlosen Korrektheitsdrill aufgibt.

P.S.: Merkwürdig bei Gundolf ist die Willkür der Kommasetzung.


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 01.02.2005 um 19.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#223


Meiner Nachbarin, der Frau G., war es bis 1996 völlig gleichgültig, wie man „des öfteren“ schrieb. Es schert sie heute, am 1. Februar 2005, keinen Deuterling, daß irgendeine komische Rechtschreibkommission meint, ihr eine Schreiberleichterung bescheren zu wollen mit „des Öfteren“. Sie versteht den Unterschied nicht. Auch verschwendet sie keinen Gedanken auf orthographische Feinheiten, schreibt ihren Einkaufszettel wie eh und je, „des öfteren“ kommt nicht darauf vor. Deshalb tut es ihr auch kein bißchen „Leid“ um irgendwelche Einbußen und Vergröberungen bei der schriftlichen Kommunikation.

Es muß einmal gesagt werden: Denjenigen, für welche die Reformer vorgaben, eine Schreibreform zum Zwecke größerer Schreibsicherheit durchführen zu müssen, geht das ganze Getöse am verlängerten Rücken vorbei.
Die Sprachsensiblen aber, diejenigen, deren Heimat die Sprache ist, die sich beim Schreiben der feinen Nuancierungen bedienen und sie auch verstehen, benötigen keine Vormundschaft durch welche Rechtschreibkommissionen auch immer. Sie werden sich das Denken und Schreiben im gewohnten Niveau nicht verbieten lassen. Das nun einmal vorhandene Wissen und Können werden sogar selbstherrliche Kultusminister nicht aus der Welt schaffen können!

Schaden wird dennoch zugefügt. Den Kindern von Frau G. zum Beispiel. Und meinen Kindern und wiederum deren Kindern. Sie werden mehr Zeit als nötig damit verbringen müssen, das ruinierte Flußbett der Sprache wiederherzurichten (nicht: „wieder herzurichten“!), um all die versprengten Nebenarme und Rinnsale wieder ins Hauptbett leiten zu können, damit Nachrichten störungsfrei fließen können – im gehobenen Sprachgebrauch.



Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 01.02.2005 um 18.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#222

Lieber Herr Krieger, vielleicht habe ich mich ungenau ausgedrückt - "Wer Norm sagt, muß auch Regelungsgewalt sagen" wäre besser gewesen, und auch das ist noch zu ungenau. Unsere in den Randbereichen über die Maßen schwierige Schreibung verlangt nämlich dreierlei, um zur Norm aufzusteigen: ein detailliertes Regelwerk, das - um zuverlässig zu sein - im Umfang weit über das von 1996 hinausgeht; ein Wörterbuch, das dieses bis ins kleinste umsetzt und auch in Zweifelsfällen eindeutige Lösungen bietet; und schließlich eine Autorität, die diesen schwierigen Komplex wenigstens einem Teil der Schreibgemeinschaft zur Pflicht macht. In dieser Funktion kann man sich hierzulande nur den Staat vorstellen, der ja auch ganz konsequent von 1901 bis auf den heutigen Tag diese Aufgabe wahrgenommen hat. Vor 1996 hat sich die deutsche Schreibgemeinschaft widerstandslos dem staatlichen Schreiboktroi gebeugt. Hätten nicht inkompetente oder ideologisch verblendete Kultusminister die Modernisierung der deutschen Rechtschreibung einer Laienspielschar anvertraut, gäbe es auch heute keine Einwände. Übrigens fehlen die drei Komponenten unserer Schreibnorm in den Ländern mit Englisch oder Französisch als Landessprache. Es fehlt dort aber auch der Ruf nach einer justitiablen Rechtschreibung. Was als angemessene Schreibung in Schülerarbeiten anzusehen ist, wird jenseits unserer westlichen Landesgrenzen der pädagogischen Verantwortung des dafür zuständigen Berufsstandes überlassen.

Nun gibt es ja die einhellige Meinung in unserem Kreise, daß Gerhard Augsts Unsinn vollständig verschwinden muß. Ob die gesamte Schreibgemeinschaft dabei mitzieht, muß sich noch erweisen. Wer in den letzten Jahren freiwillig die ach so innovativen Schreibungen übernommen hat, wird sie so schnell nicht wieder aufgegeben. Wenn dann aber noch der Ruf nach subtilen Schreibungen für jedermann ertönt, könnten sich die Gegner der Rechtschreibreform schnell in einer Außenseiterrolle wiederfinden. Für die Umstellung auf die Neuregelung hat es keine staatlichen Gelder gegeben, und so würde es natürlich auch bei der Rückumstellung sein. Schadenersatzansprüche hat das Bundesverfassungsgericht ohnehin schon ausgeschlossen. Das ist aber nur die materielle Seite. Da Rechtschreibung in Deutschland immer ein Reizthema war, wird der Sieg der Reformgegner auch in der Öffentlichkeit keinen allgemeinen Jubel auslösen. Man verlasse sich nicht auf die Umfragewerte.

Viel wäre schon erreicht, wenn die anmaßende Umflaggung am 1. August 2005 unterbliebe, also die amtliche Feststellung, die vor 1996 gültigen Schreibungen seien nun nicht nur veraltet, sondern falsch. Da wir nicht in einer Diktatur leben, würde das zwar nur für den staatlichen Bereich gelten, also innerhalb der "Regelungsgewalt", aber das wäre schlimm genug. Ich wage eine Prognose: Mehr als das Weiterbestehen einer deutschen Rechtschreibung mit einer ungewöhnlich großen Zahl von Varianten wird es nicht geben. Ich sage bewußt nicht: zwei Rechtschreibungen. Wäre dem so, würde die Lektüre der umgestellten Zeitungen jetzt schon Schwierigkeiten machen. Davon kann nicht die Rede sein, wobei weiter zu bedenken ist, daß sich ein Teil der Verwerfungen nicht einmal aus den neuen Regeln ergibt. Wer hält denn die freien Menschen hierzulande davon ab, so zu schreiben, wie sie es für richtig halten? Natürlich kann es Eltern nicht gleichgültig sein, was in der Schule geschieht, daß zum Beispiel ein Teil der Gegenwartsliteratur nicht mehr im Deutschunterricht erscheint und andere Literaturwerke sinnentstellend verändert werden. Warum gehen sie aber nicht jetzt schon gegen solche Praktiken auf die Barrikaden? Die Auseinandersetzung mit der Rechtschreibreform hat offengelegt, daß es bei uns schlimme demokratische Defizite gibt, nicht nur bei der "Flussschifffahrt". In dieser Situation die Forderung nach vollständiger Restauration zu erheben könnte der berühmte Schuß sein, der nach hinten losgeht.



Kommentar von Roland Wagner, verfaßt am 01.02.2005 um 15.14 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#219

Zu „ebensogut – ebenso gut“

Ich erlaube mir, Herrn Ickler hier ein wenig zu widersprechen, wenn er schreibt: „Das alles ist kaum nachvollziehbar. Die Feinheit der Unterscheidungen übersteigt das lernbare Maß und entspricht auch nicht dem tatsächlichen Gebrauch.“

Wenn ich ausdrücken möchte, daß es ganz egal ist, ob ich nach Hause gehe oder z.B. an dieser fruchtlosen Stammtischdebatte weiter teilnehme, würde ich ohne jedes Nachdenken „Ich kann ebensogut nach Hause gehen“ schreiben. Und wenn ich sagen möchte, daß mein Bruder exakt so befähigt am Klavier ist wie ich, käme ich niemals auf die Idee, „Er spielt ebensogut Klavier wie ich“ zu schreiben – denn das hieße für mich höchstens: „Er kann Klavier spielen, genau wie ich Klavier spielen kann“. Um aber auszudrücken, daß seine Fähigkeiten am Klavier an meine eigenen heranreichen, kann es nur heißen: „Er spielt ebenso gut Klavier wie ich“. Und der Satz „Er könnte ebensogut Klavier spielen“ würde für mich nicht bedeuten, daß er exakt so befähigt Klavier spielt wie er z.B. Klarinette spielt, sondern daß er – statt z.B. seine Zeit mit Kreuzworträtseln zu verplempern – doch lieber Klavier spielen sollte. Und um zu sagen, daß er diese bestimmte musikalische Phrase, die er so ausdrucksstark auf der Klarinette spielt, in gleicher Qualität auf dem Klavier wiedergeben könnte, würde ich andererseits „Er könnte dieses Stück ebenso gut auf dem Klavier spielen“ schreiben – all das ohne jedes Nachdenken, wie gesagt. „Ebensogut“ ist semantisch für mich etwas völlig anderes als „ebenso gut“ – auch wenn formale Grammatik hier vielleicht keine Unterschiede dingfest machen kann.

Ich kann mich nicht erinnern, diese Schreibungen jemals abstrakt oder theoretisch als „Regel“ „gelernt“ zu haben. Ich kann mich auch nicht erinnern, diese Schreibungen jemals im Duden nachgeschlagen zu haben (ich habe noch nie viel Gebrauch vom Duden gemacht). Wenn aber der Duden solche Unterscheidungen festgehalten hat und ich (ohne Dudenkenntnis) solche Unterscheidungsschreibungen intuitiv ganz selbstverständlich ohne nachzudenken und in Regeln zu wühlen benutze, so scheint mir dies nun doch auf eine gewisse innere Systematik der Sprache und Schreibung zu deuten, die meiner Ansicht nach nicht ganz übergangen werden sollte - wie immer unzulänglich der alte Duden sie auch in Betonungsregeln gefaßt haben mag.


Kommentar von Hans Krieger, verfaßt am 01.02.2005 um 14.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#217

Zu den Beiträgen von Helmut Jochems vom 29.1.2005 (13.01 und 18.11 Uhr)

Feinheiten, verehrter Herr Jochems, sind keine „Randphänomene“, und „eher in die Stilistik als in die Rechtschreiblehre“ können sie nur gehören, wenn sie durch geregelte Rechtschreibung gesichert sind. Wenn niemand weiß, wie verschiedene Schreibungen des scheinbar Gleichen sich bedeutungsmäßig unterscheiden, kann ich die Differenz nicht stilistisch nutzen, und auch „kreativer Umgang mit der Rechtschreibung“ ist kaum möglich, weil bei ungesicherter Norm die Abweichung von der Norm nicht als bewußt gewollt und bedeutungsvoll erkannt wird.

Wenn ich dafür plädiere, Rechtschreibsicherheit nicht von jedem zu fordern (also für eine „abgestufte Obligatorik“ nicht der Orthographie selber, sondern ihrer perfekten Beherrschung), so eben darum, um sprachbewußten und sprachsensiblen Schreibern eine Nuancierungsfähigkeit zu erhalten, die Sie ohne Not zu opfern bereit sind und unter das Verdikt eines „obsessiven Starrens auf orthographische Besonderheiten“ stellen.

Sie schreiben: „Herr Krieger sagt jetzt auch“, der Korrektheitswahn verkenne den Sinn der Rechtschreibung. Hätten Sie einmal in mein Buch „Der Rechtschreib-Schwindel“ geguckt, so wüßten Sie, daß ich das nicht „jetzt auch“ sage, sondern seit 30 Jahren immer wieder gesagt habe.

Wenn die staatlichen Stellen nicht etwa „ihre Regelungsgewalt“ (die haben sie gar nicht), sondern die angemaßte Regelungsgewalt niedergelegt haben, dann haben wir erst mal wieder, was wir hatten. Wie wir pfleglich umgehen können mit diesem Erbe, das wir nahezu vollständig nicht der Pedanterie von Präzeptoren, sondern der kollektiven Weisheit vieler Generationen verdanken, lernen wir nicht von den Franzosen und Engländern. Die haben ganz andere Probleme als wir und kennen weder unsere Feinheiten der Wortbildung noch unsere Flexibilität des Satzbaus und müssen dafür z.B. die völlig gleich klingenden Worter „sot“, „saut“, „seau“ und „sceau“ graphisch distinguieren, was auch nicht für jeden ganz einfach ist.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2005 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#216

Es ist in der Tat so, daß vieles, was der Duden "eindeutig" vorschrieb, ganz jungen Datums war. Zum Problem wurde es nur deshalb nicht, weil die meisten Leute gar nicht wußten, was eigentlich alles im Duden stand. Gerade sehe ich, daß der große Grammatiker Sütterlin noch 1924 "wiederspiegeln" schrieb, und das bringt mich noch einmal auf den Punkt zurück, daß die Reform die eigentlichen Schwierigkeiten des Deutschen gar nicht berührt. Bei "wider" und "wieder" handelt es sich ja um dasselbe Wort. Die graphische Unterscheidung ist in dem Maße überflüssig geworden, wie die Präposition durch "gegen" ersetzt wurde. Bei einer Reflexion wird etwas widergespiegelt und wiedergegeben, das ist ja fast dasselbe. Kein Wunder, daß selbst Erwachsene hier oft "falsch" schreiben. Ich plädiere damit nicht für eine Änderung, wollte aber doch einmal das Willkürliche und Abseitige des gegenwärtigen Eingriffs gekennzeichnet haben.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 31.01.2005 um 22.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#215

Wer Norm sagt, muß auch Regelwerk sagen. Es genügt nicht, das Scheitern der Neunormierung der deutschen Rechtschreibung festzustellen, man muß auch klar aussprechen, woran sie gescheitert ist. Dafür gibt es keinen besseren Kronzeugen als den Chefreformer Augst. Nach den Gesprächen mit der Kommission aus Darmstadt (18. 5. 2004) schrieb er:

Darüber hinaus möchte die Kommission festhalten, dass die Diskussion in den Jahren seit der Einführung des neuen Regelwerkes und nicht zuletzt auch die Gespräche mit Vertretern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gezeigt haben, dass der Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung äußerst schwierig in Regeln zu fassen ist, weil sich ständig neue Entwicklungen ergeben. Eine fortlaufende Beobachtung der Sprachentwicklung ist ebenso unerlässlich wie weitere gelegentliche Anpassungen des Regelwerks. In diesem Sinne muss der Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung in ganz besonderer Weise (ähnlich wie die Entwicklung der Fremdwortintegration) sowohl offen als auch außerhalb jeder rigiden Ahndung im schulischen Bereich bleiben. Getrennt- und Zusammenschreibung kann auf Grund seiner Komplexität, Kompliziertheit und Offenheit nicht Gegenstand eines eng normierenden schulischen Rechtschreibunterrichts bzw. schulischer Fehlerkorrektur sein.

Hervorhebung hinzugefügt. Manchmal freilich ergibt sich überhaupt keine neue Entwicklung, und dennoch stehen die Regelmacher vor einer unlösbaren Aufgabe - was einzugestehen offenbar unklug ist. Die Zwischenstaatlichen jedenfalls hat dies um Amt und Würden gebracht. Möchte sich aus unserem Kreise jemand die Finger verbrennen bei dem Versuch, in diesem Gestrüpp die Subtilität des Denkens zu retten? Friedrich Gundolf wird man doch dieses Attribut nicht absprechen wollen, und dennoch schrieb er 1914 folgende Sätze nieder, die der Cheflektor bei Bondi in Berlin unbeanstandet passieren ließ:

[...] wenn Shakespeare ebensogut in Atmosphären denkt wie in Charakteren, [...] so sieht Lessing nichts als seinen Zweck und nimmt von allem Stofflichen was ihm Erlebnis, Fabel, Geschichte bieten immer nur genau soviel als er für die Entwicklung seiner Gedanken brauchen kann. 145

Was daran für uns symbolisch ist, das ist Lessings Wille der dahinter steht und das klare, mächtige Wort Lessings, das er seinem Helden in den Mund legt. 146

Betrachten wir kurz den Hamlet-monolog! Der erste Vers enthält eine rein begriffliche Feststellung, kein Bild, wenngleich freilich schwer von einer rhythmischen Wucht die vorwärts drängt. 152

Jedesmal, wenn Shakespeare ein Wort wieder aufnimmt, geschieht es, um ihm neue Vostellungsmassen anzugliedern, zugleich klanglich weiter zu leiten. 153

Hervorhebungen hinzugefügt. Hoffentlich ist auch bemerkt worden, daß Gerhard Augst sich kurz vor seinem wenig ehrenvollen Abschied zu dem auf diesen Seiten diskutierten Prinzip der gestuften Obligatorik bekannt hat. 1997 wollte er davon nichts wissen. Nun wird man bald sehen, wie es weitergeht. Die Schreibung des Deutschen ist unverwüstlich. Ob die nächste Generation der Rechtschreibexperten es ebenso sein wird, läßt sich jetzt schon bezweifeln.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2005 um 18.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#214

Eine weitere Fallstudie (weil das Problem ja die verschiedensten Bereich der GZS berührt):
Der neue Duden kennt als zulässige Variante „genausovielmal“. Ob das der amtlichen Regelung entspricht, läßt sich nicht feststellen. Sonst werden aber „genauso“und „ebenso“ immer getrennt geschrieben: „ebenso gut, genauso gut“.
Der Duden 1991 hatte komplizierte Regeln der Getrennt- und Zusammenschreibung, auch für „genauso“ und „genau so“. Für letzteres wurde eine andere Betonung in Anspruch genommen, aber zu Unrecht: „es waren genau so viele Mädchen, daß ....; aber: „genauso viele Freunde“. Für „ebenso“ sah er vor: „er hätte ebensogut zu Hause bleiben können“; aber: „er spielt ebenso gut Klavier wie ich“ (mit zweitem Ton auf „gut“, was sicher nicht sein muß). Das alles ist kaum nachvollziehbar. Die Feinheit der Unterscheidungen übersteigt das lernbare Maß und entspricht auch nicht dem tatsächlichen Gebrauch.
In Zeitungen fand sich „genausogut“ neben „genauso gut“; dabei überwog für die erste Schreibweise die redensartliche Bedeutung, aber keineswegs mit überwältigender Eindeutigkeit.
In meinem Wörterbuch steht angesichts dieses Befundes „genauso“ mit dem Rundbogen, und an „ebenso“ (nur zusammengeschrieben) wird mit fakultativer Zusammenschreibung ein Adjektiv oder Adverb angehängt, wenn es nicht zu umfangreich ist.
Die Neuregelung ist vom Usus noch weiter entfernt als die alte; dabei ist sie zwar auf den ersten Blick klarer, aber es gibt wiederum unbegreifliche Ausnahmen.

Zu "auseinandersetzen": Wenn man Schüler auseinandersetzt, handelt es sich um einen Richtungszusatz, der geradezu nach Zusammenschreibung schreit (wie "darunterschieben, abwärtsgehen" usw.). Wenn man sich mit einer Sache auseinandersetzt, ist aus anderen Gründen ebenfalls Zusammenschreibung verlockend (weil gar nicht zweierlei Größen beteiligt sind, so daß die von der anderen getrennt werden könnte). Verwunderlich ist übrigens eher, daß "voneinander" usw. in sich nur zusammengeschrieben werden durften und dürfen. Alle diese Fälle wurden von mir überprüft und wirklichkeitsgerecht neu dargestellt.
Augsts Standardargument, jetzt werde endlich erlaubt, was wir schon immer gemacht haben, gilt eigentlich nur für mein Wörterbuch (abgesehen davon, daß es nichts "erlaubt", sondern bloß beschreibt).



Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 31.01.2005 um 12.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#213

Vielleicht darf man gegen Ende dieses Diskussionsabschnitts an unseren Ausgangspunkt erinnern: Die "Schreibung" einer Sprache weist immer eine mehr oder minder große Variationsbreite auf; "Rechtschreibung" dagegen besteht auf Einheitlichkeit. Das bedeutet natürlich, daß es jemanden geben muß, der die Auswahl trifft und über die Autorität verfügt, das Ergebnis seiner Festlegungen auch durchzusetzen. Wenn dies der Staat ist, entsteht so eine "Norm", an die sich alle Weisungsgebundenen zu halten haben. Dieser Zustand wurde in Deutschland nicht erst durch die Rechtschreibreform von 1996 eingeführt. Zwar stellten die zwischenstaatlichen Experten das Wesen der Normierung auf den Kopf, indem sie Regeln formulierten, die bisher völlig unbekannte oder längst überholte Schreibungen produzierten, jedoch ebenfalls als "Norm". Genaugenommen standen und stehen sich in der Auseinandersetzung mit der Neuregelung im wesentlichen die Anhänger der neuen und der alten Norm gegenüber. Daneben gibt es aber das Häuflein klein derjenigen, die zum Zustand der "üblichen Schreibungen" zurückwollen und die Wurzeln der deutschen Rechtschreibmisere schon in der kaiserlichen Amtsanmaßung von 1901 sehen. Sie könnten sich auf die in der angelsächsischen Welt beachtete Maxime berufen, die dem Schreiber rät, selber unter den üblichen Schreibungen auszuwählen, mit dieser Auswahl aber konsequent umzugehen: "Be consistent".

Machen wir uns nichts vor: Auch ohne die Verschärfung des Dilemmas durch die karnevaleske Rechtschreibreform von 1996 wäre es wohl so weitergegangen, wie es in Deutschland guter Brauch geworden war: Man schreibt spontan mit schlechtem Gewissen, oder aber man schlägt nach, schlägt nach, schlägt nach. Dieses Problem hat selbst die Rechtschreibreformer nach getaner Untat nicht kaltgelassen, wie folgende Stelle aus ihrem 3. Kommissionsbericht bezeugt:

Auch von denen, die die Neuregelung in den genannten Teilbereichen der Getrennt- und Zusammenschreibung bzw. der Groß- und Kleinschreibung skeptischer beurteilen, wird eine Lösung in noch stärkerer Systematik, im Abbau von Ausnahmen, in einer "Weiterführung" der Neuregelung gesehen. Die einzelnen Anregungen werden jedoch in aller Regel unkonkret geäußert, d. h. es werden nicht bestimmte Maßnahmen gewünscht, sondern pauschal Veränderung in Richtung einer einfachen Praktikabilität. Dabei verlangt niemand z. B. eine Rückkehr zur früheren völligen Unübersichtlichkeit der Getrennt- und Zusammenschreibung mit ihren zahlreichen Einzelfestlegungen. Wo sich die Wünsche konkreter artikulieren, gehen sie tendenziell in Richtung einer vermehrten Freigabe der Schreibung. ("Wünsche nach weiteren Reformmaßnahmen")

Man höre und staune: Auch die handverlesenen Gesprächspartner der Rechtschreibreformer plädierten dafür, sowohl Arafattuch wie Pickelhaube in die Rumpelkammer zu verbannen. Wenn Herr Zehtmair sich im neuen Rat für deutsche Rechtschreibung durchsetzt, wird es erneut eine Ausweitung der zulässigen Wahlfreiheit geben - eine Lösung, auf die nur Deutsche kommen können: die Vereinigung von Zwang und Freiheit zur orthographischen Dialektik. Für den besonders umstrittenen Paragraphen 34 der Neuregelung könnte das folgendermaßen aussehen:

Für die Entscheidung, ob Adjektiv + Verb getrennt oder zusammengeschrieben wird (§ 34), wird nun auch das Kriterium der Betonung wichtig. Tragen beide Bestandteile einen Akzent, wird stets getrennt geschrieben (herzlich danken, schnell laufen, gut schreiben). Ist nur das Adjektiv betont und die Verbindung lexikalisiert, wird zusammengeschrieben (einen Betrag gutschreiben). Die Lexikalisierung ist in der Regel daran zu erkennen, dass sich das Adjektiv hier nicht steigern lässt. Ist das aber dennoch der Fall, kann sowohl getrennt (jemandem nahe stehen) als auch zusammengeschrieben werden (jemandem nahestehen).

So steht es schon in Klaus Hellers Zusammenfassung des 1. Berichts der Zwischenstaatlichen Kommission. Freilich sollten wir uns nicht auf diesen Problembereich konzentrieren. Was die Reformer an wirklich kabarettreifen Schreibungen zurückgelassen haben, muß vom Tisch. Danach ist die gesamte deutsche Schreibgemeinschaft aufgefordert, über ihren eigenen Schatten zu springen - nicht nur die KMK.



Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 31.01.2005 um 11.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#212

Daß möglichst wenig strittige Fälle verzeichnet sein sollen - in unserem Fall Festlegung der Zusammenschreibung bei einigen VZ-Konstruktionen -, erscheint mir plausibel. Vielleicht sollte man da aber auch nicht "übervorsichtig" sein. Andererseits stellt sich natürlich das Problem der Abgrenzung: Welche Zusammenschreibungen sollen festgelegt werden, welche nicht? Ich könnte mir einen zum Duden hin modifizierten Ickler vorstellen. Ich zwar nicht, daß damit viel gewonnen wäre (wer schlägt schon wiedersehen oder dergl. nach?). Es wäre auch ein gewisser Verlust am Systematik, doch immerhin ein Zugeständnis an die Kritiker. Ratschläge innerhalb der Einträge sind wahrscheinlich nicht immer möglich. Wie sollte ein solcher z.B. nei ernst_nehmen lauten?
Mit der Darstellung der GZS im Regelwerk habe ich noch Schwierigkeiten. Kriterien für VZ sollen Betonung und Unterbrechbarkeit sein. Das zweite ist wohl bedingt durch das erste (der Hauptakzent eines Satzes - die Silbe, bei der der Redner aufs Pult haut - liegt ja im Normalfall möglichst weit rechts - oft also unmittelbar vor dem Ende der Satzklammer). Diese Kriterien zielen auf den prädikativen Charakter der Verbzusätze. (Meines Erachtens können auch ganz normale Adverbien als Prädikativ interpretiert werden, nämlich genau dann, wenn sie betont werden: er läuft gerade - er läuft gerade - mit Bedeutungsunterschied. Ebenso weil er gerde läuft - weil er gerade läuft - und aus letzterem könnte sich theoretisch ein VZ-Verb entwickeln ...) Was aber fehlt, ist nun der Versuch, dasjenige zu charakterisieren, das durch die Zusammenschreibung ausgedrückt wird. Im Kritischen Kommentar gibt es reichlich Beispiele dafür, wie Unterschiede in der GZS der VZ-Konstruktionen erkärt werden können. Es fällt auf, daß immer wieder die Begriffseinheit von VZ und Verb ins Spiel kommt, ohne daß diese jedoch selbst auf einen Begriff gebracht wird. Es gibt auch Gegenbeispiele, bei denen eher grammatische Kriterien eine Rolle spielen. Z.B. Reziprozität im Fall (Schüler) auseinander setzen - auseinanderbrechen[. Aber ich habe hier Zweifel. Im ersten Beispiel scheint mir ein prädikativer Charakter fortzuwirken (die Schüler sind auseinander), während im zweiten dieser Charakter gerade verlorengegangen ist - nicht vom "logischen" Standpunkt aus gesehen, sondern vom Ausdrucksbedürfnis her. Ich will darauf hinaus, ein allgemeines Kriterium für die Zusammenschreibung zu formulieren (das nicht durch eine formale Analyse operationalisierbar ist, aber doch "verstehbar").


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2005 um 06.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#211

Ja, natürlich, ich hatte mich verschrieben, was die Schreibweise von "klarmachen" laut Duden betrifft.
Im Rechtschreibwörterbuch war es meine Absicht, die praktisch unstrittigen Fälle zusammengeschriebener Verbzusätze möglichst klein zu halten. Dabei kann nur der Usus leitend sein.
Niemand hat bisher definieren können, was ein Verbzusatz ist, aber der Begriff ist trotzdem unentbehrlich. Der Kern ist jedenfalls, daß das Element, das zum Verbzusatz wird, allmählich seine Zugänglichkeit für die Syntax verliert. Die "Erweiterbarkeit oder Steigerbarkeit" ist ein Teil davon. Gegebenenfalls kommen Artikelfähigkeit usw. hinzu. Wir haben ja auch schon mit der Erfragbarkeit experimentiert ("wie fertig hat er es gestellt und wie lahm gelegt?"). All dies führt aber nicht zwingend zur Zusammenschreibung, denn Phraseologismen zeigen dieselben Merkmale.


Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 30.01.2005 um 15.48 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#210

Mit klarmachen verhielt es sich, soweit ich weiß, andersherum: in "eigentlicher" Bedeutung getrennt. Das Beispiel zeigt aber dennoch die ganze Problematik: Was ist überhaupt ein Verbzusatz? Ein anderes Beispiel sich wichtig fühlen - sich wohlfühlen - sich wohl dabei fühlen - sich wichtig dabei fühlen sind das alles VZ-Fügungen? (Bei der vorletzten kann man die Betonung auf wohl nicht durch orthographische Mittel absichern.) Eigentlich kommt man nicht darum herum, die "begriffliche Einheit" zum Kriterium der Zusammenschreibung zu machen, also stellungsbedingte "Komposita" (oder so etwas ähnliches) zu postulieren. Vergleichbar sind vielleicht Fügungen wie tief_bewegt, die genau dann zu einem Wort verschmelzen, wenn die Satzmelodie es gerade erlaubt (attributiv zusammen, wohl wegen der Betonungsverschiebung auf den ersten Bestandteil; die Sache ist noch komplizierter, denn es gibt ja noch die - stets zusammenzuschreibenden - Kopulativkomposita mit den gleichen Betonungswechseln).

Problematisch ist wohl auch, daß einzelne VZ-Gefüge eigentlich nur noch zusammengeschrieben werden und daß man diese Fälle kennen muß, wenn man orthographisch unauffällig schreiben will. wieder sehen - unser Paradebeispiel - läßt Herr Ickler ausdrücklich zu, ebenso los gehen und vieles mehr. Ich möchte aber die Darstellung im "Ickler" deshalb nicht anfechten. Gerade in den Fällen, bei denen tatsächlich Nachschlagebedarf besteht, dürften Ratschläge schwerfallen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2005 um 06.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#209

Es ist klarer als je, daß unsere Standpunkte nicht allzu weit auseinanderliegen. Vielleicht sollte ich noch einmal sagen, daß mein Wörterbuch hauptsächlich den Korrektor (vor allem den korrigierenden Lehrer) im Auge hatte. Ich habe aber gar nichts dagegen, zusätzliche Hinweise von ratgebender Natur beizufügen, sozusagen den stilistischen Freiraum mit Hinweisen zu füllen, die aber aus der Beobachtung stammen müßten. Das habe ich schon bei den Positionsverben versucht (hängen bleiben), auch an einigen anderen Stellen. Auf die entsprechenden Regeln wird unter den Einträgen verwiesen. Was auf jeden Fall verhindert werden muß, ist die Haarspalterei des Duden von 1991, und damit gewinnt der Begriff der "Rückkehr" einen Sinn, der jeweils ganz deutlich gemacht werden sollte. Ich verstehe darunter nie die Wiedereinsetzung des Duden in seinen alten Stand, sondern die Wiederherstellung des orthographischen Brauchs von damals (und heute, in besseren Texten). Mein Vorgehen ist im Kern statistisch, wenn auch nicht "exakt" (was hier gar nicht möglich ist). Das ist der Hauptgrund, warum ich mir empfehlende Hinweise im allgemeinen weder erlaubt noch zugetraut habe. Aber ausgeschlossen sind sie natürlich nicht.
Abgesehen davon, daß es eine Heidenarbeit ist, wollte ich immer vor der Gefahr warnen, in diese Empfehlungen etwas hineinzuarbeiten, was (noch) nicht dem allgemeinen Brauch entspricht.
Diese Forderung wird nicht ernst genug genommen. Wenn man stattdessen durch Räsonieren zum Ziel zu kommen versucht, kommt man im Gegenteil zu reinem Dezisionismus. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn man den alten Duden beim Wort nimmt, wird "klarmachen" zusammengeschrieben, wenn es im eigentlichen Sinn gebraucht wird. (Wo endet der übrigens?) Nun überlegen wir, daß die Zusammenschreibung deshalb eintritt, weil es sich um einen Resultativzusatz handelt. Folglich sollte man doch wohl erwarten, daß auch "deutlichmachen" zusammengeschrieben wird. Das ist aber eher selten und nach dem alten Duden überhaupt nicht zulässig. Wie ist damit umzugehen? Das wüßte ich gern, dann klar wie Kloßbrühe hat es mir noch keiner machen können.
Außerdem besteht die Gefahr, daß es doch wieder als Vorschrift mißverstanden werden könnte. Daher meine schon ziemlich früh geäußerte Überlegung, solche Hinweise und Feinheiten insgesamt der Didaktik zu überlassen (worunter ich auch Stilkunde für Erwachsene verstehe) und folglich aus der immer normativ verstandenen Wörterbuchdarstellung herauszuhalten.


Kommentar von Reinhard Markner, verfaßt am 29.01.2005 um 21.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#208

Kann man wirklich von einem »früheren Rigorismus« sprechen? Angesichts einer Ausgangslage, die ja einer der Reformer (war es Schaeder? oder Nerius?) seinerzeit auf denkwürdige Weise zu beschreiben versuchte, indem er sagte, daß die Deutschen im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung laufend Fehler machten, ohne es zu merken?


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 29.01.2005 um 13.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=194#206

"Schrift und Rede" steht in der Verantwortung der Forschungsgruppe Deutsche Sprache, was sowohl einen andernorts nicht üblichen Grad von Seriosität wie eine echte Bemühung um Klarheit impliziert. Der Gedankenaustausch der letzten Tage bezeugt dies, und es ist nur zu hoffen, daß dieser hohe Anspruch in den kommenden entscheidenden Monaten der Auseinandersetzung mit der Rechtschreibreform bewahrt werden kann. Herr Krieger hat durch seine Überlegungen unsere Position verdeutlicht, und ganz gewiß wird er sie im Gespräch mit Herrn Zehetmair demnächst so vertreten. Sehr erfreut bin ich über die nun vorliegende Verdeutlichung meines immer wieder mißverstandenen Vorschlags einer "gestuften Obligatorik"

Der Hinweis, daß Rechtschreibung einzig und allein der Deutlichkeit der Verständigung dient und ohne verläßliche Geregeltheit diesen Zweck nicht erfüllen kann, sollte in keinem Wörterbuch fehlen. Nützlich wäre auch der Hinweis, daß es neben einer beruhigten Kernzone der dauerhaften Stabilität („Kaiser", „Boot" etc.) fluidere Randbereiche gibt [...] In diesen Bereichen unabgeschlossener Entwicklung kann es „das Richtige" und „das Falsche" nicht geben, sondern nur „das Richtigere" und „das weniger Richtige", noch besser wäre es, vom „Zweckmäßigeren" und „weniger Zweckmäßigen" zu sprechen. Bloße Beliebigkeit aber sollte aus den genannten Gründen auch hier nicht herrschen.

Erst zum Schluß der Ausführungen Herrn Kriegers taucht noch einmal das Mißverständnis auf:

Ich persönlich habe aber nicht dafür gegen die Rechtschreibreform gekämpft, um mir von einer vereinfachten Altschreibung ebenfalls, wenn auch weniger rigoros, die Differenziertheit des schriftsprachlichen Ausdrucks beschneiden zu lassen.

Sollte es wirklich gelingen, die staatlichen Stellen zur Aufgabe ihrer "Regelungsgewalt" zu bewegen, würde die deutsche Rechtschreibung natürlich nicht im Chaos versinken. Der erreichte Entwicklungsstand der Schreibungen bestünde weiter, auch wenn sich niemand fände, diesen für jedermann verständlich zu beschreiben. Mein Vorschlag läuft lediglich darauf hinaus, die "Kernzone der dauerhaften Stabilität" deutlich von den "fluideren Randbereichen", nämlich den "Bereichen unabgeschlossener Entwicklung" abzuheben - in den Wörterbüchern und in den didaktischen Anleitungen für den Unterricht. Wenn das gelingt, hat die verfehlte Rechtschreibreform am Ende doch noch einen Sinn gehabt. Der frühere Rigorismus ist nach der Erfahrung der tatsächlichen oder vermeintlichen Beliebigkeit in der deutschen Schreibgemeinschaft nicht mehr konsensfähig.



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