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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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13.01.2005
 

Von der allgemeinen Schreibverwüstung
Die Zeit erinnert an einen Vorschlag zur Güte

Gottfried August Bürger versuchte sich 1782 an einem Rechtschreib-Kompromiß.

Ohne rechten Erfolg, wie sich schon daran zeigt, daß sein Vorschlag erst aus dem Nachlaß des Dichters veröffentlicht wurde. Es ist eben nicht so einfach, die deutsche Orthographie an ihren eigenen Zöpfen aus den Reformsümpfen herauszuziehen.



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Kommentare zu »Von der allgemeinen Schreibverwüstung«
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Kommentar von Gil Blas, verfaßt am 15.01.2005 um 14.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=182#172

L’Homme des Forêts, bei Giono so instinktsicher, hat sich in der Person des Gil Blas getäuscht, was für diesen, der mit dem von ihm gewählten Pseudonym nichts anderes antönen wollte als die dreiklapprige Blas-Trompete seines Jugendfreundes, einerseits schmeichelhaft ist, da er für den eminenten Träger des Armenkragens oder für den ehrwürdigen Eremiten vom Armenpaß gehalten worden ist, andererseits für diesen wiederum hochnotpeinlich sein muß, gehört er doch zum erlauchten Kreise derer im klassischen Olymp der Rechtschreibgralshüter, die, anders als der dort seiner Minderwürdigkeit wegen nicht gelittene Gil Blas, dem ebenso gnaden- wie hirnlosen Regiment des böotischen Cerberus Bönhase immer noch standhalten und ihren Beitrag für die nur kräftigen Frohnaturen erträgliche überdimensionale Spanne zwischen Zeus’scher Weisheit und mentaler Vierschrötigkeit des Bodenpersonals leisten, die einen Olymp nun mal zu einem Olymp macht. Einem echten Zeus ist das alles wurscht, das hält die Sache zusammen. Doch damit soll es mit diesem erkennungsdienstlichen Hinweis sein Bewenden haben.

Was Helmut Jochems von der polnischen Orthographie sagt, hat doch für unsere deutsche vor der Reform auch gegolten. Es genügte, daß jemand die tagtäglichen Botschaften aus Zeitungen, Werbeplakaten oder gar Bücher las, einigermaßen regelmäßig mit Schreiben befaßt war und den Ehrgeiz hatte, möglichst wenig Fehler zu machen, dann war für ihn die Rechtschreibung kein Problem. Wobei genau dieser Ehrgeiz ein ganz wichtiger Gesichtspunkt war und nach meiner Einschätzung die Rechtschreibproblematik erst dann eine solche wurde, wenn man meinte, richtiges Schreiben als eine überflüssige und lästige Sekundärtugend betrachten zu müssen. Aus meiner Praxis erinnere ich mich an sowohl kalligraphisch wie orthographisch wunderbare Schriftstücke von Leuten aus »einfachen Verhältnissen«, die damit auch so etwas wie eine Ehrerbietung an den Leser oder eine persönliche Visitenkarte bieten wollten, an professionell völlig tadellose, unendlich lange Schriftstücke von »Schreibkräften«, die ebenfalls ihren Berufsehrgeiz darin sahen, die von ihnen erwartete Arbeit gut zu leisten, und andererseits auch an nicht wenige Originalmanuskripte von namhaften Schriftstellern und Wissenschaftlern, die es ganz offensichtlich unter ihrer Würde fanden, sich mit den Niederungen der Orthographie zu befassen. Überlassen sie es heute dem Computer, wie ihre Texte geschrieben werden, so überließen sie es damals den Schreibkräften oder dem Setzer.
Das könnte die These Jochems' ja bestätigen, daß die Orthographie so schwierig war, daß sie selbst von hochgebildeten Autoren nicht beherrschbar war und ihre korrekte Anwendung deshalb nur speziell dafür ausgebildeten Fachleuten anvertraut werden mußte. Das ist aber allenfalls ein Körnchen der Wahrheit, denn die Qualität der Texte, die von ihren Autoren in bewußter und gekonnt angewandter Orthographie geschrieben wurden, waren in der Regel um ein Vielfaches besser als die hingeschluderten oder hindiktierten Texte derer, die sich über derart Handwerkliches erhaben fühlten (Anschauungsbeispiel, bei allem Respekt: Thomas Mann vs. Heinrich Böll). Diese Schluderei vieler Autoren war mit die Ursache für die Wasserkopfbildungen in den Verlagslektoraten, wo zahllose Germanistinnen ihre teuere Zeit damit vergeudeten, unverständliche Satzstellungen und Rechtschreibfehler verschiedenster Ursachen in einen in sich einigermaßen verständlichen Text zu verwandeln, in dem dann allerdings gelegentlich nicht mehr das drinstand, was der Autor eigentlich sagen wollte. Je sais de quoi je parle.

Das Orthographieideal Jochems' ist schön, keine Frage. Aber wie könnte es in Lehr- und Wörterbüchern dargestellt und von uns deutschen Rechtschreibbürgern praktiziert werden? Wir sind nun mal keine Franzosen und keine Polen. Ohne so etwas ähnliches wie einen Duden wird es bei uns keinen Rechtschreibfrieden geben. Ob es noch Hardliner gibt, die nichts anderes als den von 1991 zurückhaben wollen, sei dahingestellt. Der wird es bestimmt nicht mehr sein können. Aber um überhaupt zu einem Punkt zu gelangen, von dem aus welches Orthographieideal auch immer ins Werk gesetzt werden könnte, müßte die Reform mit Stumpf und Stiel verschwinden – auch dies ist ja schon eine Idealvorstellung. Und die brauchen wir, um überhaupt in die richtige Richtung zu gelangen.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 15.01.2005 um 00.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=182#170

Lieber Gil Blas alias Col des Pauvres, die Antwort steht in den Kommentaren, die sich unterhalb des Silvesterspaßes der guten Tante ZEIT angesammelt haben. Wenn ich als Außenstehender die innerdeutsche Diskussion richtig verstehe, geht es doch nur darum, an dem Riesenberg deutscher Rechtschreibbesonderheiten irgendwo eine Markierung anzubringen, bis wohin von jedermann die uneingeschränkte Beherrschung verlangt wird, und was darüber hinaus für jede Art von öffentlicher Schreibe verbindlich sein soll. Hier wäre an literarische und an fachliche Texte zu denken, an Zeitungen und Zeitschriften und natürlich an alles Geschriebene und Gedruckte, das in Wirtschaft und Verwaltung eine Rolle spielt. Diktat ist im übrigen nicht gleich Diktat. In der Heimat Ihres Künstlernamens gibt es alljährlich einen großen Diktatwettbewerb, bei dem niemand fehlerlos bleibt. Natürlich nicht in den Niederungen der Rechtschreibung, sondern in der Gipfellage. Kennen Sie nicht auch gebildete Deutsche, denen merkwürdige orthographische Mißgriffe unterlaufen? Lektoren einer deutschen Fachzeitschrift haben mir schon mal "strenggenommen" getrennt und ein Komma nach einer satzeinleitenden Infinitivgruppe gesetzt. Ich will mich nicht loben. Als ich noch Fachaufsätze veröffentlichte, mußte ich mindestens dreimal auf jeder Manuskriptseite im Duden nachsehen. Meine Frau, die das Deutsche besser als ich beherrscht, fand dann immer noch etwas. Ausgesprochene Rechtscheibwörterbücher gibt es nur in Deutschland. Wir Polen haben eine so einfache Rechtschreibung, daß jeder einigermaßen gescheite Mensch ohne Mühe mit ihr zurechtkommt. Kommafehler in Privatbriefen sind jedoch an der Tagesordnung. Ich leugne keineswegs, daß die Rechtschreibreform die deutsche Rechtschreibmisere verschlimmert hat, wer aber ohne Wenn und Aber zum Duden des Jahres 1991 als Richtschnur für alle zurück will, erweist dem Rechtschreibfrieden in diesem Ihrem Land einen Bärendienst.


Kommentar von Gil Blas, verfaßt am 14.01.2005 um 22.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=182#169

Zur Frage nach der Schwierigkeit der Rechtschreibung vor der Reform fällt mir ein, wie ich in sehr jungen Jahren einen Schulkameraden, der mich damit beeindruckte, daß er auf seiner Trompete, die ja nur drei Klappen hatte, so viele Töne spielen konnte, daß es ganze Melodien wurden, fragte, ob das denn nicht schwierig sei.
»Wemmerska it«, war die Antwort.
Er wunderte sich umgekehrt darüber, daß ich, anders als er, kaum Fehler in den Diktaten machte.
Wie eine leichtere Rechtschreibung als diejenige, die vor der Reform von so gut wie allen, die durchschnittlich viel lasen und schrieben, ziemlich problemlos beherrscht wurde, aussehen könnte, das möchte man vom Männlein aus dem Walde schon ganz gerne wissen.



Kommentar von Wolfgang Steinbrecht, verfaßt am 14.01.2005 um 20.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=182#168

Alle Zeichen der Zeit deuten darauf hin, daß in Sachen Rechtschreibung nichts so bleiben wird, wie es einmal war und wie es derzeit ist. Die Deutschen werden in den kommenden Jahren weiterhin mit zwei Systemen umgehen, die miteinander konkurrieren und die sich wechselseitig beeinflussen werden. Durchsetzen wird sich das System, das die größere Folgerichtigkeit und die größere Ausstrahlung hat. Bis das geschehen sein wird, wird noch ein Stück Weg vor uns liegen. Diejenigen, die von Amts und Berufs wegen gehalten sind, die reformierte Rechtschreibung zu benutzen, stehen nun nicht mehr unter dem moralischen Druck der totalen Anpassung, in der viel Überanpassung enthalten war. Unbefangenheit ist angesagt. Speziell die Lehrer haben eine Verantwortung für das Kulturgut Sprache. Die Freiräume, die durch die Erosion der Reform entstanden sind, sind dehnbar geworden. Wir sollten sie zum Wohl unserer Schüler nutzen. Jeder von uns ist mitbeteiligt an der Entwicklung. In weiteren zehn Jahren wird man erneut Bilanz ziehen.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 14.01.2005 um 20.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=182#167

Auch Zuwanderer haben in der deutschen monokulturellen Gesellschaft ihren Stolz, zumal wenn ihr östlicher Familienname wörtlich "aus dem Walde" bedeutet. Nur dorten steht man nämlich nicht in der Gefahr, denselbigen vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Es mag zwar leitkulturell arrogant anmuten, aber ein paar Dinge in der Argumentation der verehrten Frau Vorrednerin wären doch richtigzustellen.

Nichts gegen unverkrampften Umgang mit Sprachregeln und Normen – das ist dort zu begrüßen, wo es nicht auf Punkt und Komma ankommt, und da hätten die Deutschen auch vor 1996 Nachholbedarf gehabt.

Will besagen: Auch schlichte Schreibe hat ihre Würde, und wer könnte von sich schon behaupten, über die Virtuosität professioneller Textverfasser zu verfügen. Selbst die deutschen Schriftsteller stehen nicht auf dem höchsten Podest. Die Kompetenz der Cheflektoren literarischer Verlage und der dort tätigen Korrektoren ist unerreichbar. Vor 1996 war das deutsche Rechtschreibreglement eine deskriptive Darstellung dieser Höchstkompetenz, freilich mit der unseligen präskriptiven Wendung, so habe jedermann zu verfahren, sonst... Das konnte nicht gutgehen. Daß der wirkliche Widerstand gegen die sogenannte Rechtschreibreform so schwächlich ausgefallen ist, hat in der Erinnerung an die Verhältnisse vor 1996 seinen Grund. Der verehrten Frau Vorrednerin ist also recht zu geben.

Aber im Diskurs um die sogenannte Rechtschreibreform geht es nicht um die Auslegung oder den Umgang mit bestehenden Regeln und Normen, sondern um die Regeln und Normen selbst, deren mutwillige Neufassung alles andere als flexibel ausgelegt wurde und wird.

Hier kommt Ihr sehr ergebener Hinterwäldler aus dem Osten nicht mehr recht mit. Sollten wir nicht lieber den gerade amtlich abgehalfterten Herrn hören, den die Kritiker der "Neufassung" aus gutem Grund nicht sonderlich schätzen? Er schrieb vor ein paar Jahren in seiner Rechtschreibdidaktik: Im Normalfall führen die Eigenregeln der Schreiber und die (Fremd)Regeln (und Ausnahmen) der linguistischen oder sprachpsychologischen Theorien zu denselben Schreibresultaten. Eine linguistische Theorie, die nicht die üblichen Schreibungen erzeugt, ist falsch. Man kann daher von Theorien fordern, dass sie zumindest beschreibungsangemessen (deskriptiv-adäquat) sind. So sprechen moderne Linguisten und tun so, als wäre die Sprache eine Eigentümlichkeit mechanischer Vorrichtungen. Schon die "Eigenregeln der Schreiber" sind ein "Konstrukt" aus Wolkenkuckucksheim, wenn man damit etwas anderes als vage Vorstellungen von Regularitäten meint. Die dialektische Sprachdidaktik geht von dem Miteinander von "Kennen" und "Können" aus, und das will für die Rechtschreibung besagen: Hier handelt es sich um eine Fertigkeit. Herr Augst wollte also eigentlich sagen: Wer uns weismachen will, woran sich die Schreiber beim richtigen Schreiben halten, und dann zu ungewöhnlichen Resultaten kommt, ist offenbar auf dem Holzweg. Dies wäre die allerbeste Beschreibung der sogenannten Neuregelung - auf der Grundlage der theoretischen Vorgaben ihres Chefideologen. Das sollte uns aber doch nicht davon abhalten, auch die vorgegebene traditionelle Rechtschreibung kritisch zu sehen, ganz wie das Eingangsargument es besagt. Wo liegt dann aber die Logik dieser Sätze:

Wir können uns jederzeit dafür entscheiden, uns im praktischen Handeln von bestehenden Regeln – welchen auch immer – zu entfernen. Ich halte es aber für folgenschwer, bestehende Regeln selbst der Willkür zu unterwerfen. Und geradezu fatal ist der Versuch, das einmal erreichte Niveau der sprachlichen Präzision für die gesamte Sprachgemeinschaft absenken zu wollen.

Es geht doch überhaupt nicht um Regeln, sondern um Schreibungen. Die Regeln sind weiter nichts als Etikettierungen der Ordner, in die wir letztere einsortieren können. Die Frage ist also: Soll die deutsche Rechtschreibung konkret für jedermann so schwierig bleiben, wie sie es zuletzt vor 1996 war? Hilfe ist weder von den abgewirtschafteten Reformern noch von dem neuen Rat für Rechtschreibung noch von den Hardlinern in unseren eigenen Reihen zu erwarteten. Jetzt müßten sich kompetente Germanisten und Sprachdidaktiker zusammentun und behutsam die Grenze ziehen, die orthographische Virtuosität von allgemeinem Schreibgebrauch trennt. Die Sprachgemeinschaft aber könnte nichts besseres tun, als den Neuanfang mit einem nie vorher gekannten Grad von Toleranz zu unterstützen. Jeszcze Polska nie zginela - Niemcy auch nicht.


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 14.01.2005 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=182#166

Flexibilität im Umgang mit Sprache?

Nichts gegen unverkrampften Umgang mit Sprachregeln und Normen – das ist dort zu begrüßen, wo es nicht auf Punkt und Komma ankommt, und da hätten die Deutschen auch vor 1996 Nachholbedarf gehabt. Aber im Diskurs um die sogenannte Rechtschreibreform geht es nicht um die Auslegung oder den Umgang mit bestehenden Regeln und Normen, sondern um die Regeln und Normen selbst, deren mutwillige Neufassung alles andere als flexibel ausgelegt wurde und wird.
Wir können uns jederzeit dafür entscheiden, uns im praktischen Handeln von bestehenden Regeln – welchen auch immer – zu entfernen. Ich halte es aber für folgenschwer, bestehende Regeln selbst der Willkür zu unterwerfen. Und geradezu fatal ist der Versuch, das einmal erreichte Niveau der sprachlichen Präzision für die gesamte Sprachgemeinschaft absenken zu wollen.


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 14.01.2005 um 12.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=182#165

Offenbar ist es Helmut Jochems entgangen, daß im Forum einer befreundeten Webseite gerade eine interessante Diskussion zum Thema "Unrevidierbar schwierige deutsche Rechtschreibung" im Gange ist. Zur Zeit geht es um die umstrittene Schreibung von Verbindungen mit Partizipien, ausgelöst durch Meldungen über einen aufsehenerregenden (neudeutsch auch: Aufsehen erregenden) Fossilienfund in China. Unser Gesinnungsfreund Fritz Koch meint dazu:

Anscheinend ist die Südd. Zeitg. sich nicht sicher, ob das Säugetierfossil ausschließlich Fleisch fraß oder nur bei Gelegenheit. Demnach ist auch ein Grislybär kein fleischfressendes, sondern ein gelegentlich Fleisch fressendes Tier. Nur bei dem Dinofossil ist die S. Z. sich wohl sicher, daß es ausschließlich Pflanzen fraß, also ein pflanzenfressendes Tier war. Feine Unterscheidung.

Was uns allen vor Augen führt, daß es mit der Reform der neuesten Reformregel von "adjektivisch gebraucht" zu "attributiv gebraucht" nicht getan ist. Hans Thoma nennt eines seiner Bilder "Hühnerfütterndes Mädchen" (1870) - was eine Schwierigkeit mehr enthält: Läßt der ontologische Status eines Kunstwerks die Unterscheidung von "ausschließlich" und "gelegentlich" überhaupt zu?

Werfen wir einen Blick über den Tellerrand und schauen wir uns an, wie man in einer altehrwürdigen Orthographie mit diesem Problem umgeht. Vorweg: Unbedingt die amerikanische AP-Meldung (mit Bild!") lesen, die unter http://www.cnn.com/2005/TECH/science/01/12/belly.of.the.best.ap/index.html zu finden ist. Sogar die New York Times hält heute die Geschichte für leitartikelwürdig - "Our Dinosaur-Eating Predecessors" - und schreibt unter anderem:

The supposedly meek mammals of that era actually dined out on the flesh of the reptilian lords of the land. But before we hoist ourselves up the ancient food chain, it is worth noting that the victim was a teeny tiny baby, only five inches long, and a plant eater at that. It was not one of those fearsome man-hunting carnivores that turned "Jurassic Park" into a nightmare. And while scientists cite some reasons for believing that the dino-eating mammal was a real predator (read: tough), it remains possible that it was only a skulking scavenger that gobbled up a dead baby dinosaur (read: garbage eater).

"Dinosaur-eating predecessors", "man-hunting carnivores"; aber: "plant eater", "garbage eater". AP hat übrigens
"meat-eating mammals", "plant-eaters", "dinosaur-eater" und "this common, fast-moving plant-eater". Im Englischen droht offenbar nicht das Chaos, wenn der Bindestrich mal steht und mal nicht. Im übrigen sollten wir uns auch bei der Erklärung von Schreibungen ein Beispiel an der Flexibilität der angelsächsischen Paläontologen nehmen:

Originally, scientists believed that mammals remained small because larger dinosaurs were hunting them. Only after dinosaurs went extinct by 65 million years ago did surviving mammals begin to grow larger, they reasoned. Now, the presence of larger mammals is reversing some of the speculation. The Liaoning region already is famous for its trove of small feathered dinosaurs and early birds. "Maybe small dinosaurs got larger or got off the ground to avoid rapacious mammals," wonders Duke University paleontologist Anne Weil.

PS. Gibt es im Deutschen "dinosaurierfressende Säugetiere" - alt oder neu?


Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 13.01.2005 um 18.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=182#164

Ich für mein Theil hielte dafür, daß es sehr wohl gethan sey, diesen Zeitpunct der Anarchie dahin zu nutzen, daß man eine Regierungsform festsetzte, welche, wo möglich, das Gute aller Meinungen in sich vereinigte, und dagegen ihr Unnützes, ihr Schädliches vermiede. Viele von unsern Besten, welche Anfangs den Neuerungen auch nachhingen, aber hernach sahen, daß sie zu gar zu großen Thorheiten und Abgeschmacktheiten mit fortgerissen wurden, ergriffen die Partie, lieber ganz auf ihren vorigen Stand zurück zu kehren. Und es ist fast wahrscheinlich, daß auf die Art die so genannte gewöhnliche Orthographie wieder die Oberhand gewinnen werde. Das ist gut, aber doch nicht allzu gut. Die Thorheiten werden freilich auf solche Weise endlich gedämpft; wir erhalten wieder Gleichförmigkeit; aber bewahren dabei auch unsere alten Mängel und Gebrechen.

Herrlicher Silvesterulk vom Hamburger Speersort! Die Lösung des Rechtschreibdilemmas ist tatsächlich eine Aporie, und die Beauftragten für die revidierte Regierungsform unter der Leitung des bairischen Staatsministers a. D. werden sich daran noch die Zähne ausbeißen. Hoffentlich behält der Satiriker recht, daß am Ende die so genannte gewöhnliche Orthographie wieder die Oberhand gewinnt. Leider trifft auch zu, daß wir mit der Rückkehr zur Gleichförmigkeit im Grunde nur die neuen Thorheiten und Abgeschmacktheiten gegen unsere alten Mängel und Gebrechen austauschen. Vielleicht gibt es ja viele Zeitgenossen, die die Anarchie gar nicht so übel finden. Eines steht jetzt schon fest: Was auch immer der entscheidende Zeitpunct 31. Julius 2005 für uns in petto hält: Aporie bleibt Aporie. Das ist gut, aber doch nicht allzu gut.



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