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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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17.12.2004
 

Die Schweiz schickt Gallmann und Sitta
Und Zehetmair bildet „Arbeitsgruppen“

»Ich hoffe sehr«, schreibt Doris Ahnen (ihr Deutsch wird und wird nicht besser), »dass die plurale Zusammensetzung des Rates (...) eine breite Akzeptanz sicherstellt.«

Aber immerhin: Der Rat für deutsche Rechtschreibung steht. Vier Plätze sind noch unbesetzt. Die Nominierung Peter Gallmanns und Horst Sittas von Schweizer Seite kommt – Hans Zehetmair kann das nicht wissen – einer endgültigen Ausladung Peter Eisenbergs und damit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gleich.

Zehetmair will »Arbeitsgruppen bilden«, die dann – so Ahnen – »auf der Basis der einmaligen systematischen Veränderungen, die am Ende eines jahre- und jahrzehntelangen Diskussionsprozesses standen, nunmehr in einem politikfernen Prozess die kontinuierliche Weiterentwicklung der Schreibregelungen übernehmen«.

Und das ist seine Mannschaft:

Mitglieder im Rat für deutsche Rechtschreibung

Deutschland
Prof. Dr. Ludwig Eichinger, Institut für Deutsche Sprache
Prof. Dr. Norbert Richard Wolf, Institut für Deutsche Sprache
N.N., N.N., Akademie für Sprache und Dichtung
Dr. Matthias Wermke, Dudenredaktion des Bibliographischen Instituts & F.A. Brockhaus AG
Frau Dr. Krome Wissen, Media Verlag/Wahrig-Wörterbuch
Prof. Dr. Rudolf Hoberg, Gesellschaft für deutsche Sprache
Prof. Dr. Werner Besch, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften
Prof. Dr. Jacob Ossner, Symposion Deutschdidaktik e.V.
Fritz Tangermann, Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband
Dr. Edmund Jacoby, Börsenverein des deutschen Buchhandels
Michael Banse, VdS Bildungsmedien
Ulrike Kaiser, Deutscher Journalistenverband/Deutsche Journalistinnen- und Journalistenunion
Jürgen Hein, Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen
Anja Pasquay, Bundesverband deutscher Zeitungsverleger – BDZV
Wolfgang Fürstner, Verband deutscher Zeitschriftenverleger e.V .
N.N., P.E.N.-Zentrum Deutschland
Dr. Ludwig Eckinger, Deutscher Beamtenbund/Deutscher Gewerkschaftsbund

Österreich
Landesschulinspektor Dr. Karl Blüml, Didaktik
OStR Prof. Günter Lusser, Didaktik
o.Univ.-Prof. Dr. Richard Schrodt, Wissenschaft
Mag. Ulrike Steiner, Österreichisches Wörterbuch
Bundesminister a. D. Dr. Helmut Zilk, Pädagogik
Obersenatsrat Dr. Kurt Scholz, Pädagogik
Dr. Hans Haider, Journalismus
Dir. Georg Glöckler, öbv&hpt
Dr. Ludwig Laher, Autoren

Schweiz
Prof. Dr. Horst Sitta, Fachwissenschaft
Prof. Dr. Peter Gallmann, Fachwissenschaft
Prof. Dr. Thomas Lindauer, Fachdidaktik
Max A. Müller, Lehrerorganisationen
Dr. Werner Hauck, Öffentliche Verwaltung
Peter Feller, Schulbuchverlage
Stephan Dové, Zeitungs- und Zeitschriftenverlegerverband
Dr. Monique R. Siegel, PEN-Zentrum Schweiz
1 Sitz vakant«



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Kommentare zu »Die Schweiz schickt Gallmann und Sitta«
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Kommentar von Bergsträßer Anzeiger, verfaßt am 27.05.2005 um 14.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#730

»Ein Germanist an der Spitze
Wer ist "Die Gesellschaft für deutsche Sprache"?


Lorsch. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) mit Sitz in Wiesbaden ist eine politisch unabhängige Vereinigung zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache. Seit ihrer Gründung im Jahre 1947 sieht sie es als ihre Aufgabe an, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die deutsche Sprache zu vertiefen und ihre Funktion im globalen Rahmen sichtbar zu machen.

Die GfdS hat sich zum Ziel gesetzt, die Sprachentwicklung kritisch zu beobachten und auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschung Empfehlungen für den allgemeinen Sprachgebrauch zu geben. Gefördert wird die GfdS von der Bundesregierung (Beauftragte für Angelegenheiten der Kultur und der Medien) und von den Regierungen der Bundesländer.

Der Vorsitzende Professor Dr. Rudolf Hoberg ist der erste Germanist, der der Gesellschaft vorsteht. Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt ist die Beratung von Privatpersonen, Firmen, Behörden und Institutionen, die mit Fragen und Bitten um Auskünfte oder Gutachten an die Gesellschaft herantreten. "Wir haben etwa 12 000 Anfragen jedes Jahr", sagte Hoberg am Freitag zum Auftakt der Jahresversammlung im Lorscher Paul-Schnitzer-Saal. Die Sprachberater beantworten Fragen zu Rechtschreibung und Grammatik, zu Stil und Ausdruck, sie prüfen Texte und erarbeiten Gutachten. Die Gesellschaft hat 60 Zweige, unter anderem an der Bergstraße, und unterhält einen Redaktionsstab am Deutschen Bundestag in Berlin. Zurzeit hat die Einrichtung etwa 2600 Mitglieder im In- und Ausland.

Vor zwei Jahren gründete die GfdS zusammen mit dem Goethe-Institut und dem Institut für deutsche Sprache in Mannheim den Deutschen Sprachrat. Ziel des Sprachrats ist es, die Aktivitäten all derer, die sich mit Sprache beschäftigen, zu bündeln und Einfluss auf die Medien zu nehmen. Der Deutsche Sprachrat setzt sich außerdem dafür ein, dass die deutsche Sprache in Europa und in der Welt nicht an Bedeutung verliert und setzt sich mit der Rechtschreibreform auseinander. dr«


( Bergsträßer Anzeiger - 23. Mai 2005 )


Kommentar von gü., verfaßt am 23.12.2004 um 10.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#141

Neue Zürcher Zeitung, 20. 12. 2004, Nr. 297, S. 20 Feuilleton

Keineswegs politikfern
Der Rechtschreib-Rat hat sich konstituiert

Bei seiner konstituierenden Sitzung am vergangenen Freitag hat der Rat für Rechtschreibung den ehemaligen bayrischen Kultusminister Hans Zehetmair zu seinem Vorsitzenden gewählt. Der Rat tritt an die Stelle der Zwischenstaatlichen Reformkommission und ist mit 36 Mitgliedern dreimal so gross wie sie, was für Pluralismus und gesellschaftliche „Akzeptanz“ sorgen soll. So sitzen auf Wunsch der Politik neben Wissenschaftern und Ministerialbeamten jetzt auch Vertreter der Schul- und Wörterbuchverlage, Journalisten, Pädagogen und Autoren in diesem Gremium. Auf deutscher Seite verzichteten stark angefeindete Reformer aus der alten Kommission darauf, sich erneut berufen zu lassen; hingegen sind die vorigen österreichischen und Schweizer Vertreter auch jetzt wieder dabei. Zu den neuen Gesichtern der Schweizer Abordnung gehört der Chefkorrektor der NZZ, Stephan Dové, der vom hiesigen Zeitungs- und Zeitschriftenverlegerverband nominiert worden war.
Als vordringliche Aufgabe des Rates hat sein frischgebackener Vorsitzender die Beseitigung von „Schwachstellen“, der Rechtschreibreform bezeichnet. Diskussionsbedarf sehe er, meinte Zehetmair, „vor allem bei der Zusammen- und Getrenntschreibung sowie bei der Gross- und Kleinschreibung, bei der Eindeutschung von Fremdwörtern, der Interpunktion und der Silbentrennung“. Bis zum 15. Januar sollen ihm die Ratsmitglieder ihre orthographischen Vorschläge vorlegen. Unbestimmt ist, wie stark die Reform revidiert werden darf, ohne dass dabei die Wiener Erklärung von 1996, also die grundlegende Reformvereinbarung nebst Regelwerk, hinfällig wird. Die hohe Politik redet die notwendigen Änderungen vorsorglich klein. So deklariert die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, es könne nur noch darum gehen, „einen laufenden Prozess abzuschliessen“. Irreführend ist die Aussage der Präsidentin der deutschen Kultusministerkonferenz, die Weiterentwicklung der Schreibregeln geschehe „nunmehr in einem politikfernen Prozess“. Wie seine Vorgängerin, die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung, steht auch der neue Rat in der Pflicht, für Änderungen am Regelwerk den Segen der Politik einzuholen.


Kommentar von SPIEGEL - Zwiebelfisch, verfaßt am 22.12.2004 um 22.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#140

lahm legen / stilllegen

Warum schreibt man nach der Rechtschreibreform "lahm legen" in zwei Wörtern, "stilllegen" aber nach wie vor in einem (dafür aber jetzt mit drei I)?

Diese Frage stellen sich viele, und sie liefert den Gegnern der Rechtschreibreform ständig neue Munition.

Wir wissen, dass die Rechtschreibreform voller Ungereimtheiten steckt, aber selten treten sie deutlich zu Tage wie an dieser Stelle: Der Verkehr wird lahm gelegt, die Fabrik wird stillgelegt. Das soll sich nun einer merken und womöglich auch noch begründen können.

"Ist der erste Bestandteil ein Adjektiv, das gesteigert oder erweitert werden kann, schreibt man getrennt." Diese in ähnlichen Fällen gewöhnlich herangezogene Begründung greift hier nicht. Zwar ist "lahm" ein Adjektiv, das theoretisch gesteigert werden kann ("Heute arbeitet sie noch lahmer als gestern"), doch nicht im Zusam-menhang mit "legen"; denn noch lahmer als lahm kann man einen Verkehr nicht legen.

Oder sendet Ihr Radiosender Meldungen wie diese:

"Liebe Verkehrsteilnehmer, heute morgen hat schon wieder ein Ampelausfall den Verkehr an der Ernst-Habicht-Allee zum Erliegen gebracht, und ich würde sagen, diesmal hat er ihn sogar noch lahmer gelegt als beim letzten Mal."

Freilich kann "lahm" erweitert werden, zum Beispiel kann man schreiben: "Der Verkehr wurde total lahm gelegt." Aber das müsste doch ebenso für die komplett stillgelegte Fabrik gelten. Tut es aber nicht, "stilllegen" ist nach wie vor nur in der Zusammenschreibung erlaubt.

Ob solcher Unstimmigkeiten mag mancher das Gefühl haben, sein Verstand sei vorübergehend lahmgelegt [Achtung: alte Rechtschreibung!], und sich wünschen, die Rechtschreibreform würde doch noch still(und heimlich zu den Akten)gelegt.



Kommentar von Südtirol Online, verfaßt am 20.12.2004 um 21.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#139

Südtirol im Rat der deutschen Rechtschreibung

Im Rat der deutschen Rechtschreibung, der vor wenigen Tagen neu eingesetzt wurde, sitzt erstmals auch ein Vertreter aus Südtirol. Der Rat ersetzt die zwischenstaatliche Kommission und soll Vorschläge für die Weiterentwicklung der deutschen Rechtschreibung ausarbeiten. Im Rat für die deutsche Rechtschreibung sind Deutschland mit 18 Mitgliedern, Österreich und die Schweiz mit je neun Mitgliedern vertreten. Der Direktor des Pädagogischen Instituts, Rudolf Meraner, wird als Vertreter Südtirols im Rat sitzen.

Derzeit hat Meraner kein Stimmrecht; zu einem späteren Zeitpunkt soll er jedoch als vollwertiges Mitglied mit Stimmrecht aufgenommen werden. Dazu müssen aber auf zwischenstaatlicher Ebene erst die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden.

Der Rat der deutschen Rechtschreibung soll sich vorrangig der Bereiche Getrennt- und Zusammensetzung, Kommaregeln und Eindeutschung von Fremdwörtern annehmen. Der Rat wurde auch mit dem Ziel eingesetzt, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschsprachigen Raum zu wahren.

Dem Rat gehören Personen aus der Sprachwissenschaft, der Schule, der Verlage, der Wörterbuchredaktionen, der Schriftsteller und der Journalisten an. Durch diese Zusammensetzung wird versucht, diejenigen, die tagtäglich mit der Rechtschreibung zu tun haben, einzubinden und ihnen die Möglichkeit zu geben, bei der Weiterentwicklung der Rechtschreibung mitzureden. Eine der Hauptaufgaben des Rates der Rechtschreibung wird es sein, die Diskussionen zu versachlichen und das Vertrauen der Bürger zu gewinnen.

Auf der ersten Sitzung des Rates für Rechtschreibung wurde der frühere bayerische Kultusminister, Hans Zehetmair, zum Vorsitzenden gewählt. Die deutschen Schriftsteller, die im PEN-Club organisiert sind, haben die Mitarbeit verweigert, aber die österreichischen und schweizerischen Schriftsteller sind im Rat der deutschen Rechtschreibung vertreten.



Kommentar von FAZ, verfaßt am 20.12.2004 um 21.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#138

»Herkulesaufgabe

Lange war nicht sicher, ob sich Hans Zehetmair doch noch seiner Zusage erinnerte, nach seinem Abschied aus der Politik für den Rechtschreibfrieden tätig zu werden. Nun steht der langjährige bayerische Kultusminister vor der herkuleischen Aufgabe, einen Augiasstall auszumisten.

Als Philologen müßten ihm Trennungen wie "A-nekdote" und ähnliche Fälle ein Dorn im Auge sein. Doch mit punktuellen Änderungen der Rechtschreibreform ist es nicht getan. Ob Zehetmair den Mut haben wird, die Axt an die Wurzel der Reform zu legen, wird sich erst zeigen. Jedenfalls müßte er dann die Neuregelung der Silbentrennung über Bord werfen, zahllose abwegige Etymologien korrigieren, die gesamte Getrennt- und Zusammenschreibung einer Prüfung unterziehen und die Interpunktionsregeln wieder in Kraft setzen. Jetzt, da Zehetmair Amt und Loyalitätszwänge los ist, hätte er die Chance, einen mutigen Schnitt zu tun - wenn der neugebildete Rat für deutsche Rechtschreibung ihn gewähren ließe. Sein Balanceakt, von der Kultusminister-konferenz zur Wahl vorgeschlagen und vom Rat auftragsgemäß gewählt worden zu sein und sich dennoch nicht als Erfüllungsgehilfe der Minister zu bewähren, darf mit Spannung beobachtet werden.

In der Kultusministerkonferenz hat Zehetmair nicht nur wegen seiner langen Amtszeit hohes Ansehen genossen. Zehetmair gehörte bei der Einführung der Rechtschreibreform zu den Vorreitern, so daß sich die Behauptung, nun lasse sich nichts mehr ändern, weil die Schüler schon nach den neuen Regeln lernten, von Süden nach Norden ausbreiten konnte. Nicht erst am Ende seiner Amtszeit hat er eingestanden, daß die Sprache nicht von Politikern geregelt werden dürfe. In entwaffnender Ehrlichkeit stellte er schon im Jahr 1995 fest, daß die breite Öffentlichkeit in Deutschland überhaupt nicht wisse, was auf sie zukomme. Schon damals warnte er davor, im Kabinettsstil des 18. und 19. Jahrhunderts zu entscheiden.

Johannes Baptist Zehetmair wurde am 23. Oktober 1936 in Langengeisling geboren, der Vater war Wag-nermeister und Landwirt. Er hat in München klassische Philologie, Germanistik, Alte Geschichte und Sozial-kunde studiert und unterrichtete von 1964 an zehn Jahre lang am Freisinger Dom-Gymnasium. Zwei Jahre später wurde er Stadtrat in Erding, Kreisrat und schließlich stellvertretender Landrat.

Nach der Landtagswahl 1986 berief ihn der damalige Ministerpräsident Strauß zum Kultusminister. 1989 wurden Schul- und Hochschulministerium zusammengelegt, und Zehetmair führte das größte Kultusministerium. Er widersetzte sich der Gesamtschule, auch der zwölfjährigen Schulzeit, trug die Vereinbarung zur Schulzeit-verkürzung als Präsident der Kultusministerkonferenz aber doch mit. Auch dem Mainzer Kompromiß über das Abitur hat er sich schließlich nicht widersetzt. In Bayern indes kämpfte er für einen allgemeinverbindlichen Kanon von Pflichtfächern und ein höheres Niveau des Abiturs.

Während der immer noch jungenhaft wirkende blonde Bayer im persönlichen Gespräch Witz und klare Worte nicht scheute, waren seine politischen Äußerungen häufig auf Ausgleich bedacht. Seine Äußerungen vor der konstituierenden Sitzung des Rates für deutsche Rechtschreibung lassen indessen darauf schließen, daß er nicht nur den faulen Kompromiß sucht. Vom Rat selbst ist nichts zu erwarten, von Zehetmair schon eher. Heike Schmoll«

( Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004, Nr. 297 / Seite 10 )


Kommentar von Hans Zehetmair, verfaßt am 20.12.2004 um 11.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#137

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 1. Juli ist die gemeinsame Erklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung von den Vertretern aus den deutschsprachigen Staaten unterzeichnet worden. Ich bin überzeugt, daß die Vereinfachungen, die die Neuregelung aufgrund ihrer stärkeren Systematik, der Beseitigung von Ausnahmen und der Betonung des Entscheidungsbereichs der Schreibenden mit sich bringt, den Rechtschreibunterricht günstig beeinflussen wird.

Besonders kommt es mir darauf an, daß die Schulen die Neuregelung zum Anlaß nehmen, sich mit der Bedeutung von Rechtschreibung und Zeichensetzung für das Schreiben als eine der wichtigsten Kulturtechniken eingehend auseinanderzusetzen. Ich möchte Sie und die von Ihnen beauftragten Lehrerinnen und Lehrer daher ermuntern, die Vereinfachung, die mit der Neuregelung verbunden sind, als positiven Impuls zu nutzen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen bei der Einführung viel Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen

Hans Zehetmair

München, 1. Juli 1996



Kommentar von F.A.Z., verfaßt am 19.12.2004 um 18.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#135

»Verraten

Hans Zehetmair ist nunmehr das, was er nach eigenem Bekunden gar nicht sein wollte: der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, der am Freitag in Mannheim zu seiner konstituierenden Sitzung zusammenkam und sich mit der Sachlage auseinandersetzte. Oder muß es heißen: sich auseinander setzte? Wir wissen, daß dem Vorsitzenden die Getrennt- und Zusammenschreibung an der Rechtschreibreform, die er doch selber mit auf den Weg gebracht hat, inzwischen besonders mißfällt, weil sie wichtige Unterscheidungen tilgt. Deswegen soll sie ja auch rückreformiert werden, bevor die Übergangsfrist am 1. August 2005 endet und es den Schülern als Fehler angestrichen wird, wenn sie statt "auseinander setzen" "auseinandersetzen" schreiben. Was den Rat für deutsche Rechtschreibung betrifft, so durfte man die Worte, die sein Vorsitzender auf der Pressekonferenz wählte, so interpretieren, daß seine Mitglieder fürs erste nur sich auseinander gesetzt haben - und dies, obwohl die gewichtigsten Kritiker aus dem PEN-Zentrum Deutschland und der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung noch nicht einmal dabeiwaren, weil sie nicht mitmachen wollen bei einem Vorhaben, dessen Erfolgsaussichten der Vorsitzende selber in ein äußerst zweifelhaftes Licht rückte: Das werde "kein einfacher Ritt", sagte Zehetmair und lächelte sympathisch. Es gebe im Rat nämlich "einige festgelegte Positionen". Nun, wenn es die richtigen sind, ist es ja nicht weiter schlimm. Aber das war es nicht, was Zehetmair eigentlich sagen wollte. Es war vielmehr dies: Es gehe bei der ganzen Sache auch ums "Prestige". Ums Prestige! Damit ist es heraus: Bei der Arbeit des Rates für deutsche Rechtschreibung, der spät genug installiert worden ist, gelten Maßstäbe, die außerhalb der Sache liegen. Zum ersten Mal hat das nun jemand zugegeben. Man müßte von einer in ihrer Offenheit fast schon begrüßenswerten Bankrotterklärung sprechen, wäre der Rat nicht schon deshalb so wichtig, weil nur er zu retten vermag, was noch zu retten ist. Viel ist das nicht. Eine Rückkehr zur alten, bewährten Schreibung wird es nicht geben, das stand schon vorher fest. Man will vielmehr "die Gesellschaft mit der Rechtschreibreform versöhnen", indem man die "Schwachstellen" beseitigt. An die Frage, ob Prestige dabei ein guter Ratgeber ist, sollte man keine Zeit mehr verschwenden; jetzt heißt es: nach vorne diskutieren! Diskutieren will man im Rat auch, und das nicht zu knapp. Zunächst, so Zehetmair, werde man "die Hauptkritik an der bestehenden Reform diskutieren", jedes Ratsmitglied solle sich, vermutlich ganz im Sinne des Prestiges, bis Mitte Januar positionieren; am 18. Februar wird man dann, natürlich unter vollständiger Gesichtswahrung jedes einzelnen der offiziell sechsunddreißig Mitglieder, zur nächsten Sitzung zusammenkommen und sich, je nachdem, mit der Sache auseinandersetzen oder sich auseinander setzen und dann - was dann? Sprache ist, das haben wir in den vergangenen Monaten nun wirklich oft genug gehört, ein dynamischer Prozeß. Vom Rat für deutsche Rechtschreibung kann man das vorläufig nicht sagen. Seine Zielsetzung ist defensiv und trägt einem Faktor Rechnung, der für Zehetmair, der ihn nun, womöglich aus Versehen, ausgesprochen hat, noch am allerwenigsten gilt: Eitelkeit. edo.«


( Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004, Nr. 297 / Seite 31 )


Kommentar von Berliner Zeitung, verfaßt am 19.12.2004 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#134


Reformer der Reform

"Wir hätten die Rechtschreibreform nicht machen sollen. Ich sage: Politik, Hände weg von einer Rechtschreibreform!" Der Mann, der vor einem Jahr mit dieser Äußerung zitiert wurde, steht seit Freitag an der Spitze des neuen 36-köpfigen Rates für deutsche Rechtschreibung. Der CSU-Politiker Hans Zehetmair war fast zwei Jahrzehnte lang bayerischer Kultus- und Wissenschaftsminister. Sein Name hat bundesweit Klang. Nun wird er untrennbar mit der letzten Phase der umstrittenen und unbeliebten Rechtschreibreform verbunden sein.

Was hat ihn bewogen, sich dieser undankbaren Aufgabe anzunehmen? "Ein ausgeprägter Hang zum Hedonismus" sei es nicht gewesen, sagt er. Aber schwierige Fälle reizen ihn. So war es zum Beispiel auch vor drei Jahren, als er - noch vor dem Pisa-Schock - im Forum Bildung gemeinsam mit der Bundesbildungsministerin dafür wirkte, ideologische Gräben zu überwinden. Offenbar kommt jetzt noch die Erkenntnis hinzu, dass vieles bei der Rechtschreibreform schief gelaufen ist. Eine Erkenntnis, die Zehetmair 2003 zu der Aussage veranlasste, heute würde er "die Sache ganz zum Scheitern bringen". Aber er ist pragmatisch genug, um zu wissen, dass das nicht geht. Er würde sich auch völlig unglaubwürdig machen. Für die Reformgegner gehörte der 1936 geborene frühere Gymnasiallehrer - als Kultusminister - zu den Hauptverantwortlichen für die politische Durchsetzung der Reform.

Es ist zu bezweifeln, dass es tatsächlich bis zum 1. August 2005 - dem Tag des Inkrafttretens - zu einem Konsens zwischen den Reformern und ihren erbitterten Gegnern kommt. Doch Zehetmair scheint es ernst zu sein mit dem Versuch, "die deutschsprachigen Menschen mit der Rechtschreibung zu versöhnen". Was die nötigen Korrekturen betrifft, hat er sofort Vorschläge parat. Man müsse wieder mehr Kommas setzen, weil sie "den Sinnzusammenhang strukturieren". Trennungen wie "A-bend" oder "durcha-ckern" findet er absurd. Die Eindeutschung von Fremdwörtern ("Portmonee") grenze manchmal ans Lächerliche. Die Regeln der Getrennt- und Zusammenschreibung müssten korrigiert werden, etwa bei Wörtern wie "auseinandersetzen": "Streitende Schüler muss ich auseinander setzen, mit dem politischen Gegner sollte ich mich auseinandersetzen".

Und Letzteres will er auch mit aller Vehemenz tun. Er machte klar, dass es eine völlige Rückkehr zur alten Rechtschreibung nicht geben werde; zugleich erteilte er den "Extremisten" beider Seiten eine Absage. Den Rechtschreibrat sähe er gerne als dauerhaftes Gremium, das die Entwicklung der Sprache begleiten soll. Torsten Harmsen

( Berliner Zeitung, 18.12.2004, S. 1 )



Kommentar von Deutschlandfunk, verfaßt am 18.12.2004 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#133


Für den orthographischen Frieden

"Rat für die deutsche Rechtschreibung" nimmt seine Arbeit auf
Von Antje Allroggen


Seit dem vergangenen Sommer ist unter deutschen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen der Krieg ausgebrochen. Die Kämpfenden zielen mit Buchstaben und Zeichen, großen und kleinen, runden und scharfen, Bindestrichen und Kommas. Der Großteil der Bevölkerung sieht sich den Übergriffen hilflos ausgesetzt. Nun soll der neue Rat für die deutsche Rechtschreibung den orthographischen Frieden wieder herstellen.

Mit dem öffentlich ausgetragenen Angriff wollten die Medien die kultusbürokratische und insofern selbst reformresistente KMK-Behörde endlich entmachten. Diese hatte vor symbolischen sieben Jahren die "Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung" als Vorgängermodell des neuen Rechtschreibrats ins Leben gerufen. Ein sperriges Ungetüm, um dessen frühe Auflösung es allein des Wortes wegen nicht schade gewesen wäre. Auch die Mitglieder dieser Kommission, allesamt in die Jahre gekommene Sprachwissenschaftler und Altachtundsechziger-Germanisten, galten als unbeweglich und wenig volksnah: Im Laufe der Jahre tagten sie immer seltener, waren aber davon überzeugt, dass allein der Staat die Kompetenz habe, die deutsche Rechtschreibung zu reformieren.

Eine solch autark arbeitende Einrichtung musste über kurz oder lang den Groll der Intellektuellen, Schriftsteller und Liebhaber der Sprache dieses Landes auf sich ziehen. Sie taten es geschickt; lancierten ihr Anliegen über die mächtigen Medien und nutzen die gute alte Rechtschreibung als Geschoss gegen die in ihren Augen sowohl politisch als auch sachlich verhunzte Reform. Damit wollten sie der Politik endlich zeigen, wer in Sachen Orthographie eigentlich die größere Macht hat.

Die Schärfe des verbalen Widerstands kam an. Noch im August ließ Doris Ahnen, Präsidentin der KMK, mitteilen, dass die Kommission aufgelöst werde. Stattdessen gibt es nun also den "Rat für die deutsche Rechtschreibung". Auf seiner heutigen konstituierenden Sitzung wurde, wie erwartet, der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair zum Vorsitzenden gewählt. Als grau melierter Pensionär und durchaus anerkannter Kritiker der Rechtschreibreform scheint er für viele genau der richtige zu sein, um mit kühlem Kopf nach konsensfähigen Lösungen Ausschau zu halten. Sein Amt könnte man am ehesten mit einem kulturellen Blauhelmeinsatz der Vereinten Nationen vergleichen: Man ist zwar da, will aber keinem wirklich etwas tun. Der Rat soll und darf nicht noch mehr spalten - die sprachliche Verwirrung ist bereits groß genug. Stattdessen ist man um Schadensbegrenzung bemüht: Das Gremium setzt sich nicht mehr nur aus traditionsbewussten, mitunter auch spröden Sprachwissenschaftlern zusammen, sondern bezieht auch Schriftsteller, Verleger, Journalisten und Lehrer mit ein. Damit soll dem Gremium mehr Staatsferne und mehr Volksnähe als bisher zugesprochen werden.

Doch wie das mit pluralistisch zusammengesetzten Gesellschaften so ist - sie bereiten eigentlich von Anfang an Probleme: Schon früh begann das kriegerische Gezerre, als man nach Mitgliedern für das neue Gremium Ausschau hielt. Der Rat sollte nämlich auch Einrichtungen aus dem feindlichen Lager - reformkritische Institutionen - an seiner Arbeit beteiligen. Diese Friedensmission misslang: Die einen wollten nicht oder gingen sofort wieder, und die anderen zerstritten sich untereinander und machten einen Rückzieher.

Inhaltlich wünscht sich die KMK nun vom Rat vor allem neu erarbeitete "Vorschläge zur Weiterentwicklung". Was mag sich hinter diesem bemüht politisch korrekten Vokabular verbergen? Von Hans Zehetmair selbst wird keine Reform der Reform mehr verlangt, sondern nur noch der Versuch, besonders umstrittene Regeln zu entschärfen. Dazu gehören vor allem die neue Schreibweise von Fremdwörtern, die Groß- und Kleinschreibung und die Getrennt- und Zusammenschreibung. Der Rat startet also einen letzten Rettungsversuch. Vielleicht gelingt es ihm, das wirkliche und vielleicht einzige Unding der Rechtschreibreform, die semantische Verarmung der deutschen Sprache, durch die neue vermehrte Getrenntschreibung zu verhindern. Das täte er zurecht. Als Dauereinrichtung könnte der neue Rat sogar einen anhaltenden Frieden erreichen, den Zustand der Nichtgeregeltheit also über das kommende Jahr hinaus erhalten. Das wäre doch eine willkommene diplomatische Lösung auch über den 1. August 2005 hinaus.



Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.12.2004 um 21.23 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=171#132

Erstaunlich, daß nicht nur die Österreicher, sondern auch die Schweizer dreist genug sind, sämtliche Mitglieder der abgehalfterten zwischenstaatlichen Kommission wieder ins Rennen zu schicken. Kontinuität ist also gesichert. Die deutsche Liste liest sich eher noch deprimierender. Ich sehe nicht, daß irgend jemand hinzugekommen wäre, der die Reformer mit ihren grammatischen Schnitzern frontieren könnte. N. R. Wolf findet bekanntlich "Pleite gehen", "Not tun" usw. ganz in Ordnung.

Übrigens hat sich Eisenberg, wie mir mitgeteilt wurde, heftig gegen den Rat ausgesprochen und wollte keineswegs mitmachen.



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