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05.12.2004
 

Reiner Kunze
„Gnadenlos für die Kinder …“

Den Brief von Andreas Digeser an Marcel Reich-Ranicki – siehe dort – zitiert und kommentiert Reiner Kunze so:

»Die Meinung, man könne mit der Getrennt- bzw. Zusammenschreibung Bedeutungsunterschiede suggerieren, ist ein Irrglaube.«

Da kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Und über den Rest des Briefes auch.

Müsste ich entscheiden: ein Herz für Kinder oder Zurschaustellung meines ›hohen‹ Bildungsgrades, so würde ich mich gnadenlos für die Kinder entscheiden.«

Als ginge es darum, den eigenen Bildungsgrad zur Schau zu stellen, oder ein Herz für Kinder zu haben. Demagogischer geht es nicht.

Der Schluß ist unglaublich. Hat dieser Mann noch nie etwas davon gehört, daß es zwei Arten von Schreibweisen gibt, eine auf Konvention beruhende (seyn/sein), deren Veränderung weder die Bedeutung noch die grammatische Funktion des Wortes betrifft, und eine, die mit dem Ausdruck eines bestimmten Sinnes verbunden ist?



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Kommentare zu »„Gnadenlos für die Kinder …“«
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Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 08.12.2004 um 22.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=156#112

Orthographische Modernisierung literarischer Texte

Die Kritiker der Rechtschreibreform schwächen ihre argumentative Position keineswegs, wenn sie sich sachlich mit ernstgemeinten und unpolemisch formulierten Äußerungen der Gegenseite auseinandersetzen. Andreas Digesers "Offener Brief an Marcel Reich-Ranicki" scheint mir diese Bedingungen zu erfüllen. Wer in den letzten acht Jahren mit ihm korrespondiert hat, kennt auch andere Töne aus Schopfheim. Immerhin muß man Digeser zugute halten, daß er im Unterschied zum arroganten engeren Reformerkreis stets zu einem brieflichen Gedankenaustausch bereit war. Reiner Kunze mißfällt verständlicherweise Digesers Behauptung, Rechtschreibreformen griffen nicht in die Substanz literarischer Texte ein. Wörtlich heißt es im "Offenen Brief":

Erstens haben orthografische Veränderungen keinerlei Einwirkungen auf die Inhalte der Texte. Der ganze Mythos des unerlaubten Eingriffs von Reformen dieser Art in die lebendige Sprache und ihre Entwicklung ist blühender Unsinn. [...] Zweitens werden alle literarischen Texte, sofern sie eine gewisse Lebensdauer haben, unweigerlich automatisch modernisiert und dem gerade gängigen Rechtschreibsystem angepasst..

Wir sollten die beiden Argumente in umgekehrter Reihenfolge lesen. Was Digeser zu der automatischen Modernisierung und Anpassung klassischer Texte sagt, trifft zweifellos zu. Zu untersuchen wäre also, ob es dabei in der Vergangenheit ohne Verluste abgegangen ist, um dann das auf die gegenwärtige Situation bezogenen erste Argument zu prüfen.

Ein außerordentlich instruktives Beispiel ist die gerade hundertjährige Textgeschichte von Thomas Manns Buddenbrooks. Das (leider nicht erhaltene) Manuskript ist in den Jahren 1897 bis 1900 entstanden, also vor der Zweiten Berliner Orthographischen Konferenz von 1901. Dies ist die Textform des Romans in seiner Erstausgabe von 1901, die jetzt wieder zugänglich ist, nachdem die Herausgeber der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe sich für diese Version entschieden haben, freilich mit einer grundsätzlichen Ausnahme: Die Fraktur der Erstausgabe ist durch die Antiqua ersetzt, was zur Folge hat, daß die Auszeichnung der fremdsprachigen Einschübe durch den Typenwechsel entfällt. Schreibungen wie "Meubles" sind jedoch beibehalten, ebenso wie bewußt archaisierende deutsche Schreibformen in Zitaten aus älteren Texten. Ab 1910 greifen die Schreibungen des Rechtschreiberlasses von 1902 auf den Romantext durch, "Thür", "That", "thun" usw. verlieren ihr "h", aus "Cylinder" wird "Zylinder", Schreibungen wie "die Übrigen", "die Beiden", "aufs Prächtigste" werden verändert, fremdsprachige Schreibungen eingedeutscht, u. a. "Douche" zu "Dusche" und "Bouquet" zu "Bukett". Viele Bindestrichschreibungen werden aufgehoben, aus "Gedanken-Übertragung" wird "Gedankenübertragung". Die Herausgeber der GKFA vermuten, daß dies alles ohne Thomas Manns Zutun geschah, der sich auch später um die graphische Textgestalt schlichtweg nicht mehr kümmerte. Die Stockholmer Gesamtausgabe von 1945 hob einige Modernisierungen wieder auf, führte dafür aber auch unsinnige Änderungen ein. Heutigen Lesern sollte auffallen, daß die jüngeren Taschenbuchausgaben bei Fischer eine "archaischere" Textform bieten als die vor einigen Jahrzehnten vorgelegten. Wer ein Gespür dafür hat, bemerkt Unterschiede in der "atmosphärischen" Wirkung der beiden Versionen, nicht jedoch in deren semantischem Gehalt.

Hat Andreas Digeser also recht mit seiner ersten Behauptung, orthographische Veränderungen hätten keinerlei Einwirkungen auf die Inhalte der Texte? Die Praxis der Anpassungen scheint seinen Standpunkt zu bestätigen, allerdings mit einer Einschränkung: In der bisherigen spontanen und jeweils durch Normierung nur bestätigten Entwicklung der deutschen Rechtschreibung wurden nie einmal ausgebildete Möglichkeiten der Bedeutungspräzisierung zurückgenommen, wodurch natürlich trotz allen "Modernisierens" der semantische Gehalt unbeschädigt blieb. Die Rechtschreibreform von 1996 hat zum erstenmal diesen Grundkonsens durchbrochen, ohne freilich Schreibanfängern und Wenigschreibern damit wesentliche Erleichterungen zu verschaffen. Mehr noch: Da viele der neueingeführten Schreibungen dem natürlichen Sprachgefühl widersprechen, hat sich deren Situation eher verschlechtert. Gerade wird bekannt, daß sich die amtliche deutsche Orthographie ab 2005 wieder stärker an der Betonung und der Bedeutung der Wörter orientieren soll, womit die meisten der unsinnigen Neuerungen aus der Welt geschafft wären. Es bleibt aber die 1996 ganz anachronistisch eingeführte ss/ß-Regel aus dem frühen 19. Jahrhundert, die den Texten ebenso ein verändertes Aussehen gibt wie 1901/02 der Wegfall des "h" in "th" und die Ersetzung des "c" in Fremdwörtern durch "z" oder "k". Graphische Physiognomien sind jedoch unübersehbare Indikatoren der Epochengebundenheit von Texten. Durch die endgültige Einführung der einen "neuen" Schreibregel würde also nicht so sehr die Rechtschreibung des 20. Jahrhunderts als "veraltet" abgestempelt, sondern alle vorhandenen Texte, die vielmillionenfach weiterhin zur Verfügung stehen.

Andreas Digeser hat natürlich recht, wenn er auch für die Zukunft die Weiterentwicklung der Sprache und mit ihr der Rechtschreibung vorhersagt. Er hätte nur hinfügen sollen, daß pseudowissenschaftliches Rabaukentum, wie es sich bei uns in den letzten Jahrzehnten austoben durfte, nach den jüngsten Erfahrungen der Schreibgemeinschaft keine Zukunft hat.

A propos Buddenbrooks: 1869 korrigieren Hanno und Kai, Schüler des Lübecker Katharineums, gemeinsam ein schwieriges Diktat: "Unsere Hedwig ist zwar sehr willig, aber den Kehricht auf dem Estrich fegt sie niemals ordentlich zusammen." John E. Woods hat in seiner neuen Übersetzung (1993) versucht, englischsprachigen Lesern einen Eindruck von den orthographischen "Versuchungen und Fußangeln" in diesem Satz zu vermitteln - indem er ein gleichrangiges englisches Problem vorführt: "Eve received word that she must leave the garden and grieved that she had believed the serpent and deceived Adam." Wie fragt doch Andreas Digeser zum Schluß? "Müsste ich entscheiden: ein Herz für Kinder oder Zurschaustellung meines 'hohen' Bildungsgrades, so würde ich mich gnadenlos für die Kinder entscheiden." Und wo bleibt ein "Herz für Sprache"? Die Antwort hätte einen echt Pisaner Klang.



Kommentar von Michael Krutzke, verfaßt am 07.12.2004 um 11.07 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=156#106

Eine sehr gelungene Entgegnung auf das Bekenntnis eines "gnadenlosen" Anwalts unserer Kinder, Frau Schleicher.

Eines möchte ich nur ergänzen: Bildungshunger und Freude am Lernen wohnen den kleinen Kindern ja inne und brauchen kaum geweckt zu werden. Wichtig ist es doch, die Kleinen bei ihrer Inbesitznahme der Welt möglichst wenig zu behindern. Korrekterweise muß man aber anmerken, daß dies meist schon im Elternhaus geschieht, und die Möglichkeiten der Schule (ganz gleich, welcher Art) zur Beseitigung schwerer, derartiger Schäden grundsätzlich sehr begrenzt sind.

Gerade hörte ich von einer Kollegin, daß ihr Neffe (5. Klasse, Gymnasium) zwar einen großen Wortschatz habe, aber keinen Aufsatz schreiben könne. Das habe er bis zur vierten Klasse nie gemacht. Nun kenne ich die Lehrpläne nicht, aber nach meinen Beobachtungen entspricht es doch kindlichen Bedürfnissen, die mehr oder weniger, oft auch im Übermaß vorhandene Phantasie auch mitzuteilen, und zwar in Bild und Schrift. Was mag in Schulplanern vorgehen, daß sie Dritt- und Viertkläßlern das "ersparen" wollen?


Kommentar von Astrid Schleicher, verfaßt am 07.12.2004 um 03.22 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=156#105

Nur wenn ich einen hohen Bildungsgrad "zur Schau stelle", kann ich einen hohen Grad von Bildung vermitteln. Wenn Wissen erst in der Welt ist, gibt es stets Menschen, die es sich auch aneignen, auf welchem Wege auch immer. Wo es als Bildungsgut unterschlagen wird, betrügt man nur die, die Bildung erwerben sollen und wollen.

Die Folgen einer langjährigen allgemeinen Absenkung der Bildungsanforderungen belegt nun die PISA-Studie. Der Bildungsgrad war lange nicht mehr so abhängig von der Herkunft. Das ist ja kein Zufall, sondern unausweichlich. Gnadenlos gegen die Kinder.

Es gibt keinen Weg, auf dem einfach Gebildete "produziert" werden könnten. Man muß Bildungshunger und Freude am Lernen wecken, indem man eigenes Wissen "zur Schau stellt" und für sein Fach brennt und begeistert. Daran entzündet braucht der Mensch aber kaum Regeln, sondern er spürt von sich aus Regelmäßigkeiten auf. Semantische Feinheiten in der Schreibung sind dann auch keine Hürde, sie sind vielmehr ein spannendes Land für kleine Sprachentdecker.



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