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17.11.2004
 

Wilhelm Hüttermann
Über die Verkehrung unserer Sprachtugend
Eine Rezension

In der Novemberausgabe der Branchenzeitschrift »Buchhändler heute« findet sich eine Rezension des Buches »Deutsch. Eine Sprache wird beschädigt«. Daraus ist eine eigene, leidenschaftliche Klageschrift des Rezensenten gegen die Rechtschreibreform geworden.

Deutsch.
Eine Sprache wird beschädigt

Zur neuen Rechtschreibung.
Eine Diskussion, eine Bilanz und ein “Kompromiss³
Oreos-Verlag 2003, EUR 12,80


Die Bayerische Akademie der Schönen Künste hat den Mut aufgebracht, einigen Kritikern der sogenannten Rechtschreibreform ein bibliophiles, durch vom Diogenes-Verlag übernommene Zeichnungen von Paul Flora veredeltes Büchlein von 117 Seiten zu widmen. Gedruckt mit Unterstützung der Firma Friedrich Baur, Burgkunstadt.

Wenn wir uns auch wünschen, der weiteren Verbreitung möge die Aufnahme in die Walhalla der schönsten deutschen Bücher förderlich sein, so darf die Aufmachung nicht darüber hinwegtäuschen, daß man es mit vorzüglichen, vorzüglich brisanten Diskussionsbeiträgen zu tun hat, mit denen Literaten wie der Erzgebirgler Reiner Kunze, der Neissener Peter Horst Neumann, der Bozener Herbert Rosendorfer und andere nicht minder leuchtende Wissenschaftler und Poeten die gemeinsame Stirn haben, die unbestritten idiotische »Reform« unserer Sprache in den Orkus zu verfluchen. Überall drückt sich der Volkscharakter aus. Er findet seinen Niederschlag auch in der Sprache eines Volkes (Der Große Duden, Band 1, S. 37, Mannheim 1967.16A., DM 18,50). Im stringenten Unterschied zu 1967 ist der Niederschlag, einst allenfalls ein (w)armer Regen, annitzo zum Hagel reformiert. Unsere Staatsform macht es, dank nicht stattfindender Volksabstimmungen oder -befragungen (im Wennfall unterdrückter Meinungsäußerungen) möglich, daß »von oben herab«, also schlimmstenfalls nicht vom Herrn selbst, sondern von Allerhöchsten Kapazitäten jedem Untertanen vorgeschrieben (im Wortsinn) wird, werden darf, wie er sich schriftlich, später wohl auch mündlich, auszudrücken hat.

Da möchten wir doch gern wissen, wer sich hinter diesen allerheiligsten Herrschaften verbirgt. Es sind die Damen und Herren Kultusminister. Man kann verstehen, daß sie sich die geistige Umerziehung unseres volksschulgängigen Volkes zu eigen gemacht haben. Kultus ist Ländersache. Kultur ist Bundessache. Wie war das? Kultus? Das sind also die Vertreter mit dem direkten Draht, nehmen wir mal an. Denn Kultus hat doch wohl mit Religion zu tun. Etwa damit, daß die konkordativ festgelegten Gehälter auch dann an die Stellvertreter überwiesen werden, wenn die Zahl der Steuerpflichtigen mehr und mehr ins Rote abdriftet, was man auch übertragen sehen darf. Wenn jemand es für wichtig und richtig hält, daß unsere Hauptstadt (gemeint ist Berlin) drei Opernhäuser »spielen« läßt, dann heißt diese Person »Kulturminister«. Schließlich geht es in diesem Fall um das Ansehen der ganzen Republik und um das geistige Niveau (Level) nicht von Silicon Valley, sondern der Hauptstadt des größten Staates Europas. Deswegen. So ein Kulturminister ist natürlich erhaben über das provinzielle Meinungsgelege, das da nach Belieben Wörter zerreißt oder zusammenflickt, sie mal Groß, mal klein schreibt, das Komma, dessen Anbringung und Benutzung ein gewisses geistiges Format voraussetzt (das man aber auch nur dann erkennt, wenn man darüber verfügt), eliminiert und weitere makabre Späßchen mit unserer deutschen Sprache treibt, hin zum satanischen Spiel mit dem Buchstaben »s«, der bevorzugt als ss (groß oder klein geschrieben) zu verwenden ist und nicht mit »sz« verwechselt werden darf. Den Sparsamkeitsappell unserer Behörden unterstützt musterhaft der triplide Einsatz von Buchstaben, die oft als Singles schon fehl am Platze sind.

So wollen auch wir mit dem Platz geizen und uns der bekannten Äußerung eines großen deutschen Malers anschließen, der im Blick auf eine andere Reform, die keine war, sagte: Man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen möchte. Warum mußte eigentlich diese Reform kommen? Die schulischen Fehler (bitte, wessen Fehler, die der Lehrkräfte oder die der Schüler/innen jedweder Nationalität?) müßten verringert werden. Warum das? Sind die Besatzungen unserer Schulen wegen der vielen freien Tage in ihrer spärlichen Unterrichtszeit überfordert? Ist rote Tinte zu teuer geworden? Was mag es doch sein, das Kommissionen zur Ab-, Um- und Überstellung bildet, bloß womöglich, weil Konrad Duden (zu Goethes Endzeit geborener Gutsherrensohn bei Wesel) seine grammatischen Regeln für unseren Jetztverstand zu mißverständlich formuliert hat? Wahrlich, was bald 125 Jahre alt wird, bedarf häufiger changierender Regierungen bis nach der Wiedervereinigung man sich genötigt sah, den Bürgern aufs Schreibgerät zu schauen. Heute, wo, schon wegen der hohen Portokosten, kaum noch schriftliche Mitteilungen angewandt werden, wo sich Millionen Menschen freuen, von der scheußlichen Verpflichtung befreit zu sein, ihre Gedanken in Buchstaben zu verwandeln, wobei einer immer den kürzeren zieht, baut man ein üblicherweise lückenhaftes Konglomerat aus Unsachlichkeit, mangelnder Kompetenz und Heimtücke zusammen. Überflüssig; wollte man doch nur das geistige Niveau absenken. »Für jeden dieser Eingriffe würde gelten, daß er die Entwicklungsrichtung der Sprache umkehrt vom Hochentwickelten zum Primitiveren, vom Unmissverständlichen zum Missverständlicheren, vom Feinen zum Gröberen.« (Reiner Kunze)

Und: »Wer das Niveau der geschriebenen Sprache senkt, senkt das Niveau der Schreibenden, Lesenden und Sprechenden.« Wenn Jorge Luis Borges meint: »Du, deutsche Sprache bist dein eigenes Meisterwerk«, so ist dieses Bekenntnis eines argentinischen Autors ganz sicher nicht bis zu jenen Deutschen gedrungen, die ihre eigene Sprache zerstückeln und veralbern, nur um im »Gespräch« mit des Deutschen unkundigen Ausländern nicht als gebildet zu erscheinen.

Legion ist die phantasielose und unlogische Verkehrung und Annullierung unserer bislang auch von unseren besten Autoren geübten Sprachtugend. Nur ein Beispiel des revisionistischen Wörterbuchs, das wir uns alle paar Jahre je nach Laune unserer Kritiker neu anschaffen dürfen. »Eine ›Handvoll‹ bedeutet eine betont kleine Menge, eine ›Hand voll‹ dagegen eine Hand voll von etwas, also exakt das Gegenteil. Ein Zusammenschreibverbot würde Wörter wie Handvoll aus der geschriebenen Sprache eliminieren und es künftig unmöglich machen, ähnlich zusammengesetzte Wörter zu bilden - eine der Wortquellen im Deutschen, um die wir beneidet werden.« (Kunze) Gewiß, die Älteren unter uns kennen politische »Sprachregelungen«; sie haben das Einbringen neuer Wörter, Wortverbindungen und Abkürzungen verflucht. Seltsamerweise wurde der Sprachkern aber weder von Nazis noch von Bolschewisten in Frage gestellt. Dazu mußte erst eine ganz besondere Mischung aus Ignoranz und Arroganz angerührt werden. Gar nicht seltsam ist die Feindschaft gegenüber der Mutter der meisten zivilisierten Sprachen, dem Lateinischen. Gerät doch unsere, aus ihr geborene Grammatik mehr und mehr in Unkenntnis. »Eine Unterrichtsministerin äußerte, wir würden den Kindern nicht gönnen, daß sie es leichter haben.« (Natürlich muss es heißen »hätten«.) (Zitat) »Ob ich annähme, daß die Kultusminister darüber jemals nachgedacht haben, fragte er.« (Auch hier ist »hätte« richtig.)

Neben solchen »Reformen« ist die Verballhornung unserer Sprache und der Austausch durchaus verständlicher deutscher Wörter durch englische für eine Muttersprache nicht gerade ideal. Zu den unläßlichen Sünden wider das Wort gehört auch dessen falsche Akzentuierung oder Betonung (Paradebeispiel »Notwendigkeit«). Alle diese Attentäter dürften es auch künftig allen, die mit oder ohne zwingenden Grund unsere Sprache erlernen möchten, noch schwerer, wenn nicht gar unmöglich machen. Solche Eingriffe mit dem Skalpell unbefriedigter Mäkelpsychose sind absolut letal für eine Sprache.

»Si tacuisses, philosophus mansisses« lehrt uns Boethius, und Novalis (Friedrich v. Hardenberg) meint: »Vieles ist zu zart um gedacht, noch mehres um besprochen zu werden.«


Quelle: Buchhändler heute Heft 11/2004
Link: http://www.vva.de/index.php?id=354


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Kommentare zu »Über die Verkehrung unserer Sprachtugend «
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Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 17.11.2004 um 18.47 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=138#49

Ich denke, daß der Text aus Platzgründen an einigen Stellen gekürzt worden ist und hier nicht sorgfältig genug nachredigiert wurde. Was gemeint ist, kann ich auch nicht sicher rekonstruieren. Vielleicht daß über 125 Jahre wechselnde Regierungen nie so weit gegangen waren wie diejenige, die wir nach der Wiedervereinigung bekommen haben.
Die Präzision des Textes hat unter dem temperamentvollen Zorn des Autors wohl hier und da etwas gelitten.
Der Originaltext ist in neuer Rechtschreibung gedruckt. Diese Schmach wollte ich dem Autor wenigstens hier ersparen und habe ihn deswegen transponiert.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 17.11.2004 um 16.13 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=138#48

»Wahrlich, was bald 125 Jahre alt wird,
bedarf häufiger changierender Regierungen bis nach der Wiedervereinigung
man sich genötigt sah, den Bürgern aufs Schreibgerät zu schauen.«

Diesen Satz verstehe ich nicht. Fehlt hier ein Stück Text?



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