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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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14.10.2004
 

Walter Lachenmann
Kulturkampf? Kulturkampf!
Wie die deutschen Schulbuchverlage die Rechtschreibdiskussion versachlichen wollen

Im September-Rundschreiben (12/2004) an seine Mitglieder (»nur zum internen Gebrauch«) widmet der VdS Bildungsmedien (der Branchenverband der Schulbuchverlage) dem Thema Rechtschreibreform 5½ Seiten, in denen er abschließend verspricht, sich »weiter um eine Versachlichung der Diskussion« zu bemühen.

Was unter »Versachlichung« hier verstanden wird, geht aus folgendem, erfrischend unbekümmerten Bekenntnis hervor: »In seinen Stellungnahmen und Interviews hat der VdS weiterhin darauf geachtet, dass er sich nicht an einer Diskussion um Reforminhalte beteiligt …«

Nun geht es bei dieser Diskussion im Ernst doch um nichts anderes als eben die »Reforminhalte«, die nach allgemeiner Erkenntnis so schlecht und unhaltbar sind, daß selbst der VdS und die dort vereinigten Schulbuchverleger sie nicht mehr verteidigen mögen.

Deutlicher konnte nicht dargestellt werden, daß es sich bei der Rechtschreibdiskussion um eine Auseinandersetzung auf zwei völlig verschiedenen Ebenen handelt. Die Reformkritiker lehnen die Reform wegen ihrer unzulänglichen Qualität und ihrer Schädlichkeit für die deutsche Sprache und Literatur ab, fordern deshalb – und aus keinem anderen Grunde! – die Rückkehr zu den »alten« Regeln, während die Verteidiger so gut wie ausschließlich Argumente vortragen, die das eigentliche Thema überhaupt nicht berühren. Dazu gehören die bei einer Rücknahme der Reform angeblich entstehenden Millionenkosten, eine unzumutbare Verunsicherung der Schüler oder – wie in dem Rundschreiben ebenso erfrischend unbekümmert berichtet wird – daß die Rückkehr schon als »Trotzreaktion« abzulehnen ist: »Allein schon aus prinzipiellen Gründen will man sich durch populistische Medien wie die ›Bild‹-Zeitung keine politischen Entscheidungen diktieren lassen.«

Auch wenn man einmal die Bemerkung beiseite läßt, daß populistische Medien wie die »Bild«-Zeitung den Politikern in anderen Zusammenhängen durchaus willkommen sind, so bleibt doch die Frage offen, warum man sich gegen eine Presse empört, die nichts anderes in die Tat umsetzt als das, was zur Beschwichtigung der Reformgegner immer wieder ins Feld geführt wird: Sie darf schreiben, wie sie will, und muß den Reformregeln nicht folgen. Die Antwort allerdings ist klar: Wenn hier die sogenannte »Vierte Gewalt« von ihrem Recht der bürgerlichen und der Pressefreiheit Gebrauch macht, stellt sich auf einmal die Machtfrage, und da hört die liberale Gesinnung der amtierenden Politiker und Verbandsfunktionäre auf.

Die »Rechtschreibung« sei »von den reformfeindlichen Medien und ihren Vertretern in den Rang eines ›Kulturkampfes‹ erhoben« worden (gemeint ist natürlich die Diskussion um die Rechtschreibreform). Diesen Rang hat die Diskussion, ohne daß sie jemand hierzu eigens hätte hochstilisieren müssen, in der Tat. Denn es geht – noch einmal – nur in zweiter Linie um Machtkämpfe, im Kern geht es um nun wirklich »Wichtigeres«, nämlich um ein wertvolles, durch die Reform gefährdetes Kulturgut: den Reichtum der hochentwickelten schriftlichen Ausdrucksform unserer Sprache.

Dem VdS-Bildungsmedien gebührt Dank für die Erinnerung an das bisher kaum in Erscheinung getretene Bild vom »Kulturkampf«, da dieses deutlich macht, daß es sich hierbei schon lange nicht mehr um eine demokratisch geführte Auseinandersetzung handelt, sondern um Frontenbildungen. Sehen wir uns diese Fronten einmal genauer an:

Da stehen auf der Seite der Befürworter: Politiker, Kommissionen, Behörden, Verbände, die schon von ihrer Aufgabenstellung her von einer inhaltlichen Beurteilung der Rechtschreibreform überfordert sind und sich nach eigenem Bekunden damit auch gar nicht befassen wollen, kurz: die Bürokratie.

Auf der anderen Seite stehen so gut wie alle deutschsprachigen Schriftsteller, die deutschen Akademien der Wissenschaften und der Künste, der PEN-Club, die Verleger literarisch und wissenschaftlich anspruchsvoller Literatur, namhafte Sprachwissenschaftler und hochrangige Rechtsprofessoren, – ganz abgesehen von der Mehrheit der Bevölkerung.

Betrachtet man diese Frontenbildung, so sieht sich der Begriff vom »Kulturkampf« absolut bestätigt: Bürokratie steht gegen Bildung.

Angesichts der Machtverhältnisse kann dieser Kampf natürlich, wie es sich kurioserweise ausgerechnet diejenigen wünschen, die in unserem Staat für die Bildung verantwortlich sind, zugunsten der Bürokratie ausgehen. Der VdS-»Bildungs«medien selbst will dazu engagiert beitragen, indem er einen Sitz in dem von den Kultusministern geplanten »Rat für deutsche Rechtschreibung« (über die er, wie wir lesen konnten, in Wirklichkeit gar nicht diskutieren will) beantragt hat. Für diesen Sitz qualifiziert er sich in seinem Schriftstück schon jetzt durch zahlreiche Rechtschreibfehler (»schnellst möglich«, »zurück geschreckt«, »zurück zu kehren«, »zusammen gefasst«, »zu Recht gewiesen«, »zurück gehalten«).

Man mag über solche Erscheinungen trauern, aber wenn der Lauf der Dinge in diese Richtung geht, wird man sich wohl ein weiteres Mal vor die Tatsache gestellt sehen, daß Bildung und Kultur in unserem Land auf der Verliererseite stehen, dank kräftiger Nachhilfe derselben Instanzen, die sich über PISA und andere kulturelle Degenerationserscheinungen, für die sie durchaus mitverantwortlich sind, beklagen. Mag sich dann über einen solchen »Sieg« im »Kulturkampf« freuen, wer außerstande ist, sich dafür zu schämen.



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