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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.04.2026 um 17.57 Uhr verfaßt.

Der bekannte Rechenkünstler Holger Douglas legt dar, daß Wärmepumpen „teuer und ineffizient“ sind. Viel Zustimmung von Lesern, die auch keine haben; manche bezweifeln, daß Wärmepumpen überhaupt funktionieren. Solaranlagen, Windräder und E-Autos funktionieren ja auch nicht. - Unsere Nachbarn sind größtenteils bei Siemens oder in vergleichbaen Verhältnissen. Sie rüsten alle auf Wärmepumpen um oder versehen ihre Neubauten gleich mit solchen; wir bekommen auch bald eine.
Das Komische an Leuten wie Douglas ist, daß sie nicht um sich schauen und anerkennen, was es schon alles gibt (nämlich fast 2 Mill. Wärmepumpen in Deutschland), sondern vom Sessel aus entscheiden, daß es nicht existiert oder nicht funktioniert, also insbesondere die Energiewende, die denn auch durchweg als deutscher Sonderweg (der Grünen natürlich, obwohl auch das falsch ist) dargestellt wird, obwohl Deutschland keineswegs führend ist, auch nicht bei Wärmepumpen (das sind die skandinavischen Länder).

Zum 40. Jahrestag von Tschernobyl feuert die Atomlobby aus allen Rohren, um die Vorzüge der wunderbaren Kernenergie zu preisen. Aber warum stimmen Journalisten ein? Zum Beispiel Florian Harms (t-online.de), der damals noch ein Kind war. Er übernimmt die Beschwichtigungsrhetorik, die mir insbesondere von der bayerischen Staatsregierung noch im Ohr ist („Hysterie“ usw.) - es hörte sich an, als sei die Regierung die Pressestelle der Atomindustrie.

Auch der Bundesumweltminister lehnt übrigens ein Tempolimit ab: Es sei unnötig, weil die Leute wegen des hohen Benzinpreises ohnehin langsamer fahren (heilige Einfalt!). Aber warum dämpft dann seine Bundesregierung diesen Anreiz durch einen Tankrabatt? Anderswo hört man, wegen des schlechten Straßenzustandes könne man in Deutschland ohnehin nicht schnell fahren (scheinheilige Einfalt!).


Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.04.2026 um 07.28 Uhr verfaßt.

Georg Steinhauser, Professor für Radioökologie an der TU Wien zieht laut „Heute.at“ ein zugespitztes Fazit: Solarenergie sei „deutlich gefährlicher“ als Kernkraft. (BILD 24.4.26)

Und wissen Sie, warum? „Bei der Installation der Solaranlagen fallen jedes Jahr Menschen vom Dach.“

Der witzige Autor ist übrigens der namhafteste Vertreter der Erforschung von Bauchnabelfusseln. Weiteres bei Wikipedia.


Theodor Ickler zu »Was ist ein Substantiv?«
Dieser Kommentar wurde am 24.04.2026 um 07.08 Uhr verfaßt.

Ich fasse mal meine verstreuten Bemerkungen über Abstrakta zusammen:

In der sprachwissenschaftlichen Literatur werden verschiedene Begriffe von Abstraktheit und Konkretheit nebeneinander benutzt und manchmal gegeneinander ausgespielt.
1. ein ontologischer Begriff. Man setzt voraus, daß „abstrakt/konkret“ einer Zweiteilung der Gegenstände, Erscheinungen, Entitäten, Phänomene – oder wie immer man die Welt auf allgemeinste Art in Worte fassen will – entspricht. Dabei werden die konkreten Gegenstände als sinnlich wahrnehmbar, die abstrakten als nicht sinnlich wahrnehmbar, sondern nur gedacht oder denkbar angesehen. Manchmal werden zwei Welten einander gegenübergestellt: die Sinneswelt (mundus sensibilis) und die Verstandeswelt (mundus intelligibilis).
2. ein logisch-epistemologischer Begriff. Durch eine gedankliche Operation werden vom konkreten Gegenstand (dem aristotelischen „Synolon“) bestimmte Eigenschaften oder Merkmale „abgezogen“ und ihrerseits bezeichnet. Sie kommen auch vielen anderen Gegenständen zu und können von ihnen ausgesagt werden. Man kann auch sämtliche wesentlichen Merkmale abstrahieren, z. B. die Tierheit von Tieren. Alle Appellativa sind abstrakt, Eigennamen und andere Deiktika konkret.
3. ein populär-logischer Begriff. Danach ist Abstraktheit ein gradueller Begriff und mit der Allgemeinheit einer appellativischen Bezeichnung identisch. Tier ist abstrakter als Hund, dieses abstrakter als Dackel usw. Damit ist die oben diskutierte Lehre von Intension und Extension eines Begriffs verbunden, die in reziprokem Verhältnis zueinander stehen sollen: je mehr Merkmale, desto weniger Exemplare.
4. ein morphologischer Begriff. Bezeichungen von abstrakten Gegenständen im Sinne von 1. oder 2. werden durch eine Reihe von Wortbildungsverfahren, meist Suffigierung, erzeugt. Die Wortbildung ist jedoch keine Gewähr dafür, daß das Ergebnis wirklich abstrakt ist, da es zum Konkretum geworden sein kann (z. B. Zeitung, Jugend); vgl. auch Sie war eine Schönheit; umgekehrt das Schöne usw.
5. ein Komplexbegriff, der mehr oder weniger verwickelte Sachverhalte oder typische Geschichten schlagwortartig zusammenfaßt: Neid, Scham, Verlegenheit (weiteres zur Wortbildung bei Hermann Paul: Deutsche Grammatik IV, § 340). Hierher gehören auch die bereits besprochenen fehlerhaften Hypostasierungen.
6. ein linguistisch-semantischer Begriff. Nach Walter Porzigs Einsicht sind Abstrakta „Namen für Satzinhalte“, d. h. ein redetechnisches Mittel, etwas prädikativ Gesagtes oder Sagbares in substantivischer Form aufs neue zu nennen. Um das bereits erwähnte Beispiel noch einmal aufzugreifen: Die Eroberung Karthagos ist die nominale Wiedernennung des Inhalts von Karthago wird erobert (als „Satzradikal“, also ohne die verbspezifische Markierung von Tempus und Modus). Als Zwischenstufe könnte man den Gliedsatz daß (wenn, wann, ob...) Karthago erobert wurde betrachten, der bereits zum Aktanten eines Matrixsatzes geworden und gegebenenfalls seiner Assertionsfunktion entkleidet, daher auf dem Wege zur Nominalisierung ist.
Fügt man einen interpretierenden Ausdruck wie Tatsache ein, so wird angezeigt, welche Rolle die Abstraktion im Argumentationszusammenhang spielen soll: die Tatsache der Eroberung Karthagos oder die Tatsache, daß Karthago erobert wurde geht in dieser Hinsicht über die Eroberung Karthagos hinaus. Man könnte nach dem gleichen Muster auflösen: daß es wahr ist, daß Karthago erobert wurde...
7. Im Alltag sagt man auch Das ist mir zu abstrakt im Sinne von „zu schwierig, zu fachlich“. In unbestimmter Weise nennt man auch Verallgemeinerungen, Regeln und Gesetze abstrakt, im Gegensatz zu den konkreten Einzelfällen:
Gewachsene Sprache ist eben nicht auf abstrakte Normen festzulegen. (Duden Ratgeber „Korrekt und stilsicher schreiben“. Berlin 2013:76)
Die vereinfachte Übersicht zeigt, daß Abstrakta sich grundsätzlich auf zwei Weisen deuten lassen: ontologisch als Klasse von Gegenständen und semiotisch als Bezeichnungstechnik. Die ontologische Auffassung wirft offensichtlich Probleme auf.
„Mit Nomen bezeichnet man Lebewesen, Pflanzen und Gegenstände. Diese Nomen nennt man Konkreta, weil sie etwas benennen, das sichtbar, hörbar oder anfassbar ist. (...) Mit Nomen bezeichnet man auch etwas Nichtgegenständliches. Diese Nomen nennt man Abstrakta, weil sie etwas benennen, was man fühlt, denkt oder sich vorstellt.
die Freude, das Glück, die Klugheit, die Kunst, die Wut, der Traum, die Musik, die Jugend“ (Duden: Die Grundschulgrammatik. Berlin 2013:9)
Aufgeweckte Kinder könnten fragen, wieso man Musik nicht hören kann. Nicht zu weit hergeholt sind auch Schülerwitze wie: „Ofen ist abstrakt, weil den kann man nicht anfassen“. Vgl.:
„Abstrakta dagegen bezeichnen sinnlich nicht wahrnehmbare Erscheinungen wie Vorgänge, Eigenschaften, Beziehungen u. ä.“ (Gerhard Helbig/Joachim Buscha: Deutsche Grammatik. Leipzig1985:230)
Ähnlich:
„Zu den Abstrakta zählen Substantive, die etwas Nichtgegenständliches ausdrücken (...) Seele, Geist“ (Klaus Mackowiak: Grammatik ohne Grauen. München 1999:37).
Sprachwissenschaftlich gedacht ist das nicht. Geist und Seele werden sprachlich durchaus wie Gegenstände, nämlich Körperteile behandelt: das geht mir auf den Geist (wie: auf die Nerven); das liegt mir auf der Seele (wie: auf der Zunge1).
Es verbietet sich, daraus mehr herauszudeuten, als der Sprecher hineinsteckt. Tote Metaphern können wiederbelebt werden; das gilt auch für die „transgressiven“ Ausdrücke und erschwert die Beschreibung des ohnehin heterogenen Sprachgebrauchs. Aus sprachanalytischer Sicht verwechselt die ontologische Deutung die abstrakte Rede über Gegenstände mit einer Rede über abstrakte Gegenstände. Wie jemand geht, ist sein Gang; das ist nach allen Definitionen ein Abstraktum. Man kann aber den Gang eines Menschen sehen, wie man eben auch sehen kann, daß oder ob oder wie er geht. Liebe ist ein Standardbeispiel für Abstrakta; man kann Liebe nach gängigem Sprachgebrauch aber z. B. fühlen. Diskussionen darüber führen ins Unwegsame. Der linguistisch-semantische Begriff (oben Punkt 6) ist am unverfänglichsten. Ehe und Freundschaft sind nicht deshalb abstrakt, weil man das damit Bezeichnete nicht wahrnehmen kann, sondern weil sie als Nominalisierungen der Ausdrücke, daß/wenn/ob jemand verheiratet bzw. befreundet ist, aufgefaßt werden können und in Texten tatsächlich so fungieren. Nominalisierung ist hier nicht im Sinne der Wortbildung zu verstehen; suppletiv können ganz andere Lexeme verwendet werden, wie das Beispiel Ehe/verheiratet sein zeigt. Ähnlich Preis/kosten, Tod/sterben; dazu kommen halbdurchsichtige Beziehungen wie Jugend/jung sein, Diebstahl/stehlen.
Wenn eine bloße Umformulierung die vermeintlichen „abstrakten Entitäten“ zum Verschwinden bringt, sind es offensichtlich entbehrliche Hypostasierungen:
Bewirkt die Zahngesundheit im Alter Demenzerkrankungen?
Die unverfängliche Umschreibung lautet etwa so: Wirkt es sich auf das Demenzrisiko aus, ob die Zähne gesund sind/wie gesund die Zähne sind?


Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.04.2026 um 07.00 Uhr verfaßt.

„Angriffe auf Lehrer: Beleidigungen und Bedrohungen als wachsendes Problem“ (Überschrift)

„Die Gewalt gegen Lehrkräfte in Berlin und Brandenburg ist im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen. In Brandenburg sank auch die Zahl der Straftaten an Schulen insgesamt. (...)
Insgesamt sind Lehrerinnen und Lehrer deutlich mehr Bedrohungen und Gewalt ausgesetzt als noch vor zehn Jahren.“ (Text)

Mehr als vor zehn Jahren, aber weniger als voriges Jahr - so kann sich jeder aussuchen, was ihm paßt. Das war schon bei der Bundes-Kriminalstatistik so. Schlimm sind natürlich die Ausländer!

Jetzt nennt es auch die SZ einen „Fehler“, die „vergleichsweise klimafreundlichen Atomkraftwerke“ abzuschalten, und verteidigt die Kraftwerkspläne Katherina Reiches (Björn Finke 24.4.26). Damit folgt sie dem Zeitgeist, dessen Wehen man beinahe körperlich spürt. Was gegen die AKWs sprach und spricht, wird ausgeblendet. Man ist wieder „realistisch“. Wir bleiben auf unseren alten Argumenten sitzen, obwohl sie richtig sind, und kommen uns ziemlich wunderlich vor.

Ein anderes unangenehmes Thema, das ebenfalls mit Kopfrechnen zu tun hat: Für den einzelnen gibt es keine Pflicht zur Fortpflanzung, aber für das ganze Volk kann man sie rechtfertigen, und früher verstand sie sich von selbst. Auch der Brahmane, der sich zuletzt als Asket in die Einsamkeit zurückzog, hatte seine Pflichten als Hausvater erfüllt, bevor er sie hinter sich ließ.
Ein hypothetisches Gebot, kinderlos zu bleiben („Antinatalismus“), würde auch vor dem Maßstab des kategorischen Imperativs nicht bestehen: es hätte alsbald keinen Adressaten mehr. So wird auch unser Sozialstaat in absehbarer Zeit seine biologische Lösung (Auflösung) finden.
Eine Möglichkeit wäre, die Fortpflanzung attraktiver zu machen. Dagegen werden regelmäßig Stimmen laut, die darin eine Bestrafung der Kinderlosen sehen.
Wie gesagt: Darüber denkt man in unserer Gesellschaft nicht gern nach, eigentlich überhaupt nicht, und das macht mich oft fassungslos. Die Kosten der Kinderaufzucht werden auf je 180.000 bis 250.000 € geschätzt. Diese Summen fehlen den Eltern beim eigenen Konsum und der Altersvorsorge. Dazu kommen die Nachteile in der Karriere; die Wirtschaft bevorzugt strukturell den mobilen, ungebundenen Arbeitnehmer, aber müssen wir uns das als "Zeitgeist" zu eigen machen? Nur mal so ins Unreine gesprochen, man müßte natürlich weiter ausholen.


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 24.04.2026 um 05.22 Uhr verfaßt.

Woher kommt diese Verwirrung? Einen Teil der Ursachen hat vor langer Zeit der Philosophiehistoriker Theodor Gomperz identifiziert:

„Als Sokrates zuerst sein forschendes Auge auf die Welt der Begriffe richtete, da harrten seiner nicht wenige und nicht geringe Überraschungen. Diese bisher unerforschte Welt mußte kaum weniger als das stoffliche Universum den Eindruck eines Kosmos hervorbringen. Der wohlgefügte Bau über- und untergeordneter Begriffe, der sich nach unten in der Annäherung an die konkrete Wirklichkeit immer mehr ausbreitet, nach oben in der Annäherung an die meistumfassenden Abstraktionen immer mehr zuspitzt — dieser Wunderbau mußte durch seine Großartigkeit nicht minder als durch das Geheimnis seines Ursprungs den Sinn des Beschauers fesseln und bezaubern. Das Ergebnis vielhundert-, ja mehrtausendjähriger unscheinbarer, den Wahrnehmungsstoff durch Trennung des Unähnlichen und Vereinigung des Ähnlichen gliedernder Denkarbeit, das sich in der Sprache niedergeschlagen hat, mußte um so imponierender wirken, als die Gefahren, denen das Denken hierbei ausgesetzt ist, noch so gut als völlig unbemerkt waren. Das Wort ist der hilfreiche Diener des Gedankens, aber ein Diener, der auch die Irrungen seines Herrn sorglich hegt und treu behütet. Die Griechen kannten nur eine, die eigne, Sprache, und auch diese bloß in einer späten, literarischen Phase ihrer Entwicklung. Es fehlten ihnen daher die Mittel, sich von dem drückenden Joch der Sprache zu befreien. Man wußte nichts von dem, was wir „das Leben der Wörter“ nennen, nichts von den Launen des Sprachgebrauchs, der hier, auf den Schrittsteinen der Analogie fortwandelnd, einen Wortbegriff weit über die Grenzen des Zulässigen hinaus verallgemeinert, dort wieder ebenso willkürlich den umgekehrten Prozeß der verengenden Besonderung vollzieht. Kurz, es gebrach an jeder Einsicht in die Naturgeschichte der Sprache wie des Denkens und damit an jedem Korrektiv für den bald bis zum Aberglauben gesteigerten Kultus der Begriffe.“ (Theodor Gomperz: Griechische Denker Bd. 2. 4. Aufl. Berlin, Leipzig 1922:275)

Diese Ausführungen gehören zur Darstellung des „Gorgias“, in dem Platon zwischen den überlieferten Begriffen herumtappt und seinen Sokrates zahlreiche Fehlschlüsse begehen läßt (die Platon selbst nicht durchschaute). Gomperz spricht auch von der „Tyrannei der Sprache“. Die Historizität und Kulturgebundenheit macht Sprachen unvergleichbar, grundsätzlich unübersichtlich und unübersetzbar. (Das spürt der Synonymiker. Gomperz bedauert, daß Prodikos so wenig Nachfolge gefunden hat; die Klage ist heute noch berechtigt. Was die logischen Fehlschlüsse berifft, hat Aristoteles Klarheit geschaffen.)


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 24.04.2026 um 05.06 Uhr verfaßt.

Zum vorigen Eintrag: Im "exzellenten" Wikipedia-Artikel heißt es:

Die wissenschaftliche Erforschung des Ekelphänomens ist nicht abgeschlossen. Im Gehirn ist Ekel im limbischen System lokalisiert. Hier werden bei Ekelgefühlen und bei Angst der so genannte Mandelkern (Amygdala) und der orbitofrontale Cortex aktiviert. Das sind Ergebnisse von Untersuchungen mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT). Die Amygdala entscheidet auf Grund früherer Erfahrungen, ob ein Reiz für den Organismus als schädlich einzustufen ist oder nicht. Die Reizbewertung kann durch neue Erfahrungen und neue Bewertung verändert werden. Werden die entsprechenden Gehirnregionen bei einer Operation gezielt gereizt, treten Brechreiz und Würgereflexe auf wie bei realem Ekel. Die Aktivierung der entsprechenden Regionen allein durch das Beobachten angeekelter Personen wurde ebenfalls in wissenschaftlichen Experimenten nachgewiesen.


Bewerten ist kein Verhalten und erst recht nichts, was Hirnteile tun. Hirnteile machen auch keine Erfahrungen und fällen keine Urteile über die Schädlichkeit eines Reizes für den Organismus. Und was heißt „werden aktiviert“? Von wem? Sie sind etwas stärker durchblutet, aber es geht um die Steuerung des Verhaltens, bei Ekel ein Vermeidungsverhalten, den Fluchtreflex usw. Wir sehen wieder einmal die durchschnittliche Hilflosigkeit der Psychologie, auch bei „exzellentem“ Bemühen. (Übrigens: Das „Ekelphänomen“ ist einfach der Ekel, nicht wahr?)

Man korreliert alltagspsychologisch definierte "Phänomene" mit technisch beobachtbaren physiologischen Sachverhalten, aber ohne eine (verhaltensbiologische) Revision jener alltagpsychologischen Begriffe kann nichts dabei herauskommen. Anders gesagt: Jene zu korrelierenden Phänomene, hier den Ekel, gibt es gar nicht als definierbare Einheiten.


Wolfram Metz zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 23.04.2026 um 21.59 Uhr verfaßt.

Artikel auf spiegel.de, »Gefahrenzone Zebrastreifen«, über die hohe Zahl getöteter Fußgänger in Deutschland. Der junge Autor (Jahrgang 1995) schreibt erfreulich normal und verwendet fast durchgängig das generische Maskulinum. So spricht er von Fußgängern (9 x) und hat auch keine Scheu vor Verkehrsteilnehmern (2 x), Senioren (2 x), Fahrern (2 x), Unterstützern (1 x), Kraftfahrern (1 x) und Autofahrern (1 x). An einer Stelle erwähnt er den Zufußgehenden, wohl um abzuwechseln, aber eben auch im Maskulinum. Einmal wird er schwach und schreibt »Politiker und Planerinnen«. Wer mit 31 Jahren in einem Artikel 19mal das generische Maskulinum verwendet, dem sei zugestanden, daß er einmal zum alternierenden Gendern des Musters »Ärztinnen und Pfleger« greift, und sei es nur, um vorzuführen, daß ihm die Debatte um die »Sichtbarmachung« von Frauen nicht völlig entgangen ist. Das ändert zwar nichts daran, daß es im Deutschen kein generisches Femininum gibt, schon gar nicht parallel zum generischen Maskulinum, aber man ahnt, warum er es getan hat. Leider hat er sich entschieden, dieses Signal noch an einer weiteren Stelle abzugeben, und dort kann man es ihm nicht verzeihen: »Das häufigste Unfallmuster: Situationen, in denen Fußgänger außerhalb von Kreuzungen die Fahrbahn überqueren und Autofahrerinnen sie übersehen.« Also doch Frau am Steuer: Ungeheuer? Ob ihm klar ist, was er da gemacht hat? Oder wollte er den Lesern vielleicht nur demonstrieren, wohin die Experimente mit dieser Spielsprache führen können?


Theodor Ickler zu »Abfall für alle«
Dieser Kommentar wurde am 23.04.2026 um 06.23 Uhr verfaßt.

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1044#32738, letzter Absatz:

Zehn Jahre später stelle ich fest, daß etwa in Zeitungen die Kommasetzung in dieser Hinsicht wieder vollkommen die alte ist. Die angeblich so segensreiche Weglaßbarkeit des Kommas zwischen konjunktional verknüpften Hauptsätzen ist schlicht nicht angenommen worden. – Wie es in Schulbüchern und überhaupt in der Schule aussieht, kann ich nicht sagen.

Man würde nach 30 Jahren Rechtschreibreform ganz gern mal ein Bekenntnis der überlebenden Verantwortlichen hören, etwa: Wir haben fast nichts erreicht, jedenfalls nichts Gutes.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 23.04.2026 um 04.32 Uhr verfaßt.

„Freiheit beginnt beim Ich“ (= Freiheit beginnt bei mir). Die österreichische Querdenkerin Anna Schneider will keine Kinder, weil sie der „Inbegriff von Unfreiheit“ sind. Die WELT läßt sie auf Annalena Baerbock los, die vorgestern bei Jon Stewart zu Gast war und viel spontanen Beifall bekam. Gegensätzlicher können Frauen nicht sein.


Theodor Ickler zu »Friede sei mit euch!«
Dieser Kommentar wurde am 23.04.2026 um 04.22 Uhr verfaßt.

Über die Zehn Gebote als vermeintliche Grundlage unserer Moral wird viel geredet; ich staune, wenn ich bei Wikipedia lese, wer alles Bücher geschrieben hat, die den Dekalog für unsere Zeit aktualisieren wollen. Dabei ist doch klar, daß die ersten Gebote sich nur an das jüdische Volk richten und moralisch indifferent sind, während die zweite Hälfte universale Regeln ausspricht, für die man keine göttliche Offenbarung braucht.

Wenn die Zehn Gebote an der Wand texanischer Klassenzimmer hängen, könnte die Mehrheit der Schüler sich Gedanken machen, wieso der liebe Gott sie aus Ägypten geführt hat, woher ja weder sie selbst noch ihre Vorfahren stammen dürften. Das erinnert an Söders Kruzifixe in bayerischen Schulen.


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 23.04.2026 um 04.14 Uhr verfaßt.

Eine Liste der Basisemotionen, die u. a. "Ekel" und "Überraschung" umfaßt, weckt von vornherein Zweifel. Überraschung ist kein Gefühl. Ekman hat sich offenbar von den Gesichtsausdrücken leiten lassen, die er glaubte unterscheiden zu können, und sie pauschal als Ausdruck von Gefühlen zusammengefaßt. In Wirklichkeit kommunizieren wir mit unserer Mimik auch noch anderes.

"Ekel" hat bei Wikipedia einen (sogar "exzellenten") Eintrag, "Überraschung" kaum mehr als eine Worterklärung.

"Gefühl" ist wahrscheinlich kein universal anwendbarer Begriff. Schon im Deutschen ist die Abgrenzung schwierig ("Empfindung", "Stimmung" usw.). Weder im Altgriechischen noch im Sanskrit wüßte ich eine genaue Entsprechung.


Theodor Ickler zu »Friede sei mit euch!«
Dieser Kommentar wurde am 22.04.2026 um 08.15 Uhr verfaßt.

Die geschichtliche Erfahrung lehrt, daß es den Religionen nicht gut bekommt, wenn sie sich zu eng mit dem Staat verbinden. Die einzigartige Lebendigkeit der Religion in den USA wird auf die Trennung von Staat und Kirche zurückgeführt. Insofern dürfte die religiöse Rechte sich verkalkuliert haben.

Wie es bei uns steht, zeigt eine beiläufige Beobachtung, die ich gerade gemacht habe:

Baerbock ist evangelisch-lutherischer Konfession. Zu ihrem Verhältnis zu Kirche und Glauben äußerte sie sich 2021 so: „Ich bin nicht gläubig, aber trotzdem in der Kirche, weil mir die Idee des Miteinanders extrem wichtig ist.“ (Wikipedia)

Das Beispiel zeigt, daß „Konfession“ genau im Gegensatz zur ursprünglichen Bedeutung heute rein formal „Mitgliedschaft in einer Religionsgesellschaft“ heißt. So dürfte es auf Millionen Bürger zutreffen. Das ist bequem für die Kirchen als Wirtschaftsunternehmen, aber auf die Dauer tut es ihnen nicht gut, zuletzt auch wirtschaftlich nicht.


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