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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 12.07.2026 um 07.32 Uhr verfaßt.

Anläßlich der Neuverfilmung der Odyssee (http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=196#11187) bringt die SZ (11.7.26) einen schlechten und einen besseren (letzteren von Johan Schloemann) über den Mann, den Homer „polytropos“ nennt. Schloemann spricht sich für die These aus, die homerischen Epen seien schriftlich verfaßt. „Die Anlage der beiden Epen ist so kunstvoll, beziehungsreich und ausgreifend, dass man eine rein mündliche Komposition heute eher für unwahrscheinlich hält.“ Ich habe schon oft darauf hingewiesen, daß diese Einschätzung aus der Luft gegriffen und nach allem, was wir über die frühen Griechen und über andere mündliche Kulturen wissen, unrealistisch ist. Man kann sich einen Homer nicht vorstellen, wie er 10 m lange Papyrusrollen immer wieder auf- und zusammenrollt, um „Beziehungen“ herzustellen. Großepen entstehen anders und werden anders überliefert (und dabei ständig weiter umgeformt). Gerade wenn man alles im Kopf hat, kann man Verweisungen und Entsprechungen herstellen.


Theodor Ickler zu »Besser abschreiben!«
Dieser Kommentar wurde am 12.07.2026 um 06.48 Uhr verfaßt.

Während einerseits die KI uns die sprachliche Kommunikation aus der Hand nimmt, wächst auf der anderen Seite eine Überempfindlichkeit für Plagiate, auch durch die Kommerzialisierung der Plagiatsjagd (die wiederum durch die maschinelle Suche erleichtert wird). So leiden manche schon unter dem Vorwurf des „Selbstplagiats“, weil sie manches sagen, was sie so oder ähnlich schon einmal gesagt haben. Das ist natürlich absurd. Vorwerfbar ist allenfalls, wenn ein Autor ein Buch verkauft, das die Käufer unter anderem Titel schon einmal gekauft haben. In wissenschaftlichen Kreisen ist es auch unabhängig vom kommerziellen Aspekt ganz nett, wenn der Leser darauf hingewiesen wird, daß er den Inhalt eines Textes schon in anderen Zusammenhängen rezipiert hat und seine Zeit nicht auf einen neuen verschwenden muß. Seit je wird in der Titelei darauf hingewiesen, ob eine neue Auflage unverändert, erweitert oder wesentlich erweitert ist. Das ist nur fair, aber weiter braucht man nicht zu gehen.


Theodor Ickler zu »Kindesmißhandlung«
Dieser Kommentar wurde am 12.07.2026 um 05.48 Uhr verfaßt.

Hier sieht man, was psychoanalytische Konfabulationen anrichten können: https://idw-online.de/de/news?print=1&id=488890

Milliarden traumatisierte und im Grunde behandlungsbedürftige Männer wehren sich nicht, weil sie sich mit dem Aggressor identifiziert haben, nicht wahr? Das weiß seit Freud jedes Kind.


Manfred Riemer zu »Silbentrennung«
Dieser Kommentar wurde am 11.07.2026 um 20.03 Uhr verfaßt.

Man kann einen Verschlußlaut sehr wohl zweimal schreiben, aber nur einmal sprechen, ohne zu stottern. Die ganze Silben(gelenk)theorie rein phonetisch zu erklären scheint mir unmöglich.


Theodor Ickler zu »Silbentrennung«
Dieser Kommentar wurde am 11.07.2026 um 16.05 Uhr verfaßt.

Gegen "Schreibsilbe" (Eisenberg) habe ich was: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1542#45817 und http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=508#4931


Manfred Riemer zu »Silbentrennung«
Dieser Kommentar wurde am 11.07.2026 um 16.00 Uhr verfaßt.

Ich bestreite nicht Silbengelenk und Ambisyllabizität, ich meine aber, daß man zwischen Sprech- und Schreibsilben unterscheiden muß. So langsam ich auch Hecke, hätte oder Heppenheim ausspreche, ich höre niemals zwei gleiche Plosive nacheinander oder einen mit doppelter Länge.

Daß Kinder beim Silbenklatschen den Plosiv zweimal sprechen, liegt einfach daran, daß sie schon die Schreibweise gelernt haben. Sonst würden sie genauso begeistert auch Rak-kete, Pak-ket oder eben her-ran klatschen.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 11.07.2026 um 13.20 Uhr verfaßt.

„Manchmal will ich nur noch kündigen“: Lehrerin darf keinen Ventilator im Klassenzimmer aufstellen (FR 10.7.26)

Das ist billige Polemik. In Wirklichkeit geht es darum, daß in Klassenzimmern usw. (natürlich!) nur ordnungsgemäß geprüfte Elektrogeräte installiert werden dürfen. Gerade in Schulen, wo es oft wild zugeht, ist die Betriebssicherheit wichtig; man denke nur an die herumliegenden Kabel. An der Uni ist es übrigens nicht anders, auch wenn da niemand so genau hinsieht.
Ich erinnere mich an die Deckenventilatoren in den Unterrichtsräumen in Delhi; ohne die war Unterricht kaum möglich, und ich fände es gut, wenn sie allmählich auch in Deutschland eingebaut würden. Sie brauchen viel weniger Strom als Klimaanlagen. Aber auch diese (Air conditioner) könnte man mit dem sommerlichen Stromüberschuß aus der PV-Anlage betreiben; es muß ja nicht gleich die eisige Temperatur amerikanischer Innenräume sein. Unendliche Arbeit wartet auf unser Handwerk.
Warum wird bei uns nicht so gebaut, daß die Häuser sich selbst klimatisieren? In unserem Wohndorf ist kürzlich ein ganzes Neubaugebiet, vielleicht 100 Einfamilienhäuser so gebaut worden, daß es von vornherein fast unmöglich ist, PV-Anlagen zu installieren: Pultdächer nach Norden, große verglaste Südfronten für die sonnenhungrigen Mallorca-Urlauber.


Theodor Ickler zu »Nature, Nurture und Skinner«
Dieser Kommentar wurde am 11.07.2026 um 13.16 Uhr verfaßt.

Once a sufficiently elaborate simulation apparatus is in place in a brain, emergent properties spring up. The brain that can imagine how alternative futures might affect survival can also, in the skull of a Dante or a Hieronymus Bosch, imagine the torments of Hell. The neurons of a Dalí or an Escher simulate disturbing images that will never be seen in reality. Non-existent characters come alive in the head of the great novelist and in those of her readers. Albert Einstein, in imagination, rode a sunbeam to his place among the immortals with Newton and Galileo. Philosophers imagine impossible experiments—the brain in a vat (‘Where am I?’), atom-for-atom duplication of a human (which ‘twin’ would claim the ‘personhood’?). Beethoven imagined, and wrote down, glories that he tragically could never hear. The poet Swinburne happened upon a forsaken garden on a sea cliff, and his imagination revived a pair of long-dead lovers whose eyes went seaward, ‘a hundred sleeping years ago’. Keats reconstructed the ‘wild surmise’ with which stout Cortez and all his men stared at the Pacific, ‘silent upon a peak in Darien’. 
The ability to perform such feats of imagination sprang, emergently, from the Darwinian gift of vicarious internal simulation within the safe confines of the skull, of predicted alternative actions in the unsafe real world outside. The capacity to imagine, like the capacity to learn by trial and error, is ultimately steered by genes, by naturally selected DNA information, the genetic book of the dead.
(Richard Dawkins: The genetic book of the dead. London 2024:175)

Dawkins spricht hier nicht als Biologe, sondern schließt sich einem populären Stil des Psychologisierens und Philosophierens an. Das Gehirn stellt sich nichts vor, simuliert nichts usw. Auch die traditionelle Lehre vom mentalen Probehandeln ist sehr fraglich. Was immer in uns geschieht, wenn wir sagen, daß wir uns etwas vorstellen – natürlich ist es von unserer genetischen Vorgeschichte bestimmt, aber das ist eine vorerst leere Behauptung. (Das Sonett von Keats zitiert übrigens auch Skinner in „Verbal behavior“.)


Theodor Ickler zu »Silbentrennung«
Dieser Kommentar wurde am 11.07.2026 um 13.15 Uhr verfaßt.

Sie irren sich, aber das haben wir vor Jahren schon unter "Silbengelenk" usw. besprochen. (Ich habe auch gerade nicht von he- als Sprechsilbe gesprochen.)


Manfred Riemer zu »Silbentrennung«
Dieser Kommentar wurde am 11.07.2026 um 11.30 Uhr verfaßt.

Die Sprechsilbe [hɛ] kommt außerdem auch z. B. in Hecke, Hetze, hätte, Heppenheim vor.

Es wird nicht unbedingt nach Sprechsilben getrennt. Bei doppelten Verschlußlauten wird der erste nicht separat mitgesprochen, aber schriftlich nach Sonderregeln herkömmlich immer, reformiert immer außer bei ck abgetrennt:
Hek-ke/He-cke, Het-ze, hät-te, Hep-penheim


Manfred Riemer zu »Silbentrennung«
Dieser Kommentar wurde am 11.07.2026 um 08.17 Uhr verfaßt.

Ja, genauso spreche ich es auch aus, deshalb schrieb ich, das "he-" von heran, ... (nicht das "he-" von heben), und ich denke, das ist die allgemein übliche Aussprache.

Wenn es also mindestens acht Wörter mit dem kurzen "he-" gibt (herum habe ich in der Liste noch vergessen), dann gibt es doch diese Sprechsilbe im Deutschen. Warum schreiben Sie, es gebe sie nicht?

Wo steht die Regel, das Abgetrennte müsse immer ein im Deutschen vorhandener Wortanfang sein?


Theodor Ickler zu »Silbentrennung«
Dieser Kommentar wurde am 11.07.2026 um 07.39 Uhr verfaßt.

Aktuell ist für mich die Frage, ob ich hom-onym trennen oder ho-monym stehen lassen soll. Es gibt keine rundum befriedigende Lösung. In solchen Fällen kann man wohl die deutsche Trennung nach Sprechsilben durchführen und die Bildungshuberei beiseite lassen.


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