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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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06.07.2008
 

Rhetorik
Der neue Renner – wieder einmal

Beinahe jede Woche werden wir Hochschullehrer aufgefordert, uns hochschuldidaktisch weiterzubilden.
Gegen gutes Geld, das wir privat zahlen müßten, wollen uns junge freiberufliche Rhetorik-Trainerinnen das überzeugende Reden (und manches andere) beibringen. Ob solche Veranstaltungen je zu einer Verbesserung der Lehre geführt haben, weiß ich nicht, wahrscheinlich ist es nie untersucht worden (wie ja auch die Evaluierer, die das Land heute bevölkern, nie evaluiert werden). Es wundert mich ja schon ein bißchen, daß die jungen Damen, von denen sonst weiter nichts bekannt ist, sich anheischig machen, zu unseren Vorlesungen etwas Nahrhaftes beizutragen. Nun, mich betrifft es nicht, ich werde bald pensioniert und ändere mich sowieso nicht mehr.

Das Ganze erinnert mich an einen Gedanken, den einer meiner akademischen Lehrer vor über vierzig Jahren einmal äußerte: Die abendländische Bildungsgeschichte läßt sich als ununterbrochener Konkurrenzkampf von Wissenschaft (Platon) und Rhetorik (Isokrates) auffassen. Das muß man sich mal durch den Kopf gehen lassen. In den Geisteswissenschaften und in der Hochschulpolitik haben im Augenblick die Rhetoriker den Fuß in der Tür. Daher auch die "Schlüsselqualifikationen" in den neuen Studiengängen. Wer hier nachliest, wird sofort die Richtigkeit jenes Gedankens erkennen: Die Versprechungen gleichen aufs Haar denen der alten Sophisten. Bei uns in Erlangen heißt es klipp und klar, daß alles im Dienst der "Employability" steht. Das ist etwas so Erhabenes, daß es kein deutsches Wort dafür gibt.



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Kommentare zu »Rhetorik«
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Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 06.07.2008 um 21.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#12504

Dies scheint mir aber auch eine Folge der durch Picht angestoßenen Akademikervermehrung zu sein. Wozu werden die vielen Hochschulabsolventen denn wirklich gebraucht? Die "Intelligenzia" schafft sich mangels echter Betätigungsfelder eigene Wolkenkuckucksheime. So wächst unerbittlich der Wasserkopf der Gesellschaft. Dabei werde ich unwillkürlich an "Das Riesenspielzeug" von Adelbert Chamisso erinnert. Na gut, so lange wir es bezahlen können und trotzdem satt werden ...
 
 

Kommentar von Ballistol, verfaßt am 07.07.2008 um 08.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#12507

Ein wenig gleicht das auch der Autolegitimation des Fundraisings, einer auch in Zeiten stagnierender Spendeneinnahmen stets prosperierenden Branche.
 
 

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 07.07.2008 um 18.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#12522

Bei uns in Erlangen heißt es klipp und klar, daß alles im Dienst der "Employability" steht.

Ob's ein Engländer oder Amerikaner versteht? Ich habe da so meine Bedenken...
 
 

Kommentar von Philip Köster, verfaßt am 07.07.2008 um 23.08 Uhr  
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Lieber Herr Ickler,

Sie schrieben "Nun, mich betrifft es nicht, ich werde bald pensioniert und ändere mich sowieso nicht mehr." Das ist einerseits sehr sympathisch, andererseits aber auch Wasser auf die Mühlen derer, die das Problem des Protests gegen die NDR vornehmlich als ein rein biologisches betrachten. Seien Sie versichert, daß es auch Nachkommen geben wird, die im Kampf gegen den Anfängerschrieb nicht lockerlassen werden. So gesehen könnten Sie ruhig in den wohlverdienten Ruhestand treten. Nicht nur ich, wir alle haben Ihnen viel zu verdanken. Hoffentlich bleiben Sie uns noch eine lange Weile erhalten.

Grüße
Ph.

PS: Himmel, das klang jetzt fast schon wie ein Nachruf. Dabei ist Herr Ickler lebendiger denn je.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.07.2008 um 18.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#12550

Ergänzend möchte ich dazu einladen, sich einmal die Personen näher anzusehen, die zum Beispiel in unserer Region von den Hochschulleitungen dazu eingeladen werden, den Professoren usw. Didaktik und Rhetorik beizubringen: siehe dazu hier.

Man kann natürlich verstehen, daß die Universitäten selbst etwas ratlos sind, was die plötzlich über sie gekommenen "Schlüsselqualifikationen" betrifft. So sieht man sich eben auf dem blühenden Markt um.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.01.2011 um 10.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#17860

Der Vorsitzende des Verbandes der Redenschreiber hat vor zwei Jahren wissenschaftlich ("semiometrisch") bewiesen, daß Westerwelle ein ausgezeichneter Redner ist. Zugleich ist Westerwelle aber, wie wir heute wissen, einer der erfolglosesten Politiker aller Zeiten.
Irgendwie auch tröstlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2011 um 06.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19244

Wenigstens als rhetorische Meisterleistung soll doch auch die Rede des Papstes vor dem Bundestag erwähnt werden. Benedikt brachte immerhin die Grünen dazu, der katholischen Sexualmoral zu applaudieren. Sie haben nämlich vor lauter Freude über das Lob der ökologischen Bewegung gar nicht verstanden, was mit dem Hinweis auf die unabänderliche Natur des Menschen gemeint war.
Außerdem beruhte die Rede, typisch rhetorisch, auf zwei Äquivokationen: Der Positivismus als wissenschaftstheoretische Position hat nichts mit Kelsens Rechtspositivismus zu tun. Die zehnmalige (!) Erwähnung des Positivismus hat diesen Unterschied ein wenig zugedeckt. Und der Naturbegriff der Naturrechtsphilosophie ist ein ganz anderer als der Naturbegriff der Naturschützer.

Insofern könnte die Rede im Schulunterricht behandelt werden, als lehrreiches Beispiel rhetorischer Sprachbehandlung.

(Der naturalistische Fehlschluß, den Benedikt mitsamt dem Naturrecht zu rehabilitieren versuchte, wird in der Oberstufe der Gymnasium bereits behandelt, bei meiner jüngsten Tochter ist die Erinnerung noch ganz frisch, und die Papstrede ist die erste Gelegenheit, den langweiligen Ethikunterricht überhaupt mit dem Leben zu verbinden.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2011 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19256

Die Pius-Bruderschaft ist nicht ganz fair gegenüber dem Papst, denn sie deckt den rhetorischen Trick auf:

»Die Bedeutung der Ökologie sei heute unbestritten, sagte der Papst, aber: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“
Als Beispiel rief der Heilige Vater die Vorgänge im Dritten Reich an, aber natürlich ging es ihm letztlich um das, was heute fast für selbstverständlich gehalten wird: Homosexualität und empfängnisverhütende Mittel und Praktiken galten von alters her als „Sünden gegen die Natur“. Ebenso sind Abtreibung, Genmanipulation und die Genderideologie mit dem Naturrecht nicht vereinbar. Hätte der Papst diese Dinge beim Namen genannt, wäre es zum Eklat gekommen. So aber wussten selbst die schärfsten Gegner des Papstes zunächst nicht viel mehr, als das zu kritisieren, was ihrer Meinung nach fehlte: der Hunger und die Kriege in der Welt, die Stellung der Frau, der Zölibat, die Missbrauchsfälle usw.
In den Anmerkungen zur Rede beruft sich Papst Benedikt übrigens mehrmals auf das Buch von Wolfgang Waldstein: Ins Herz geschrieben, das man auch im Sarto-Verlag bestellen kann.«



Nachtrag: In manchen Wiedergaben der Papstrede fehlen die fünf Anmerkungen, von denen sich drei auf Waldstein beziehen, dessen Buch im Verlag der Pius-Bruderschaft erschienen ist und auch erklärt, warum Benedikt ausgerechnet Hans Kelsen so sehr in den Mittelpunkt stellt. Man könnte Benedikts Rede geradezu in die Reihe der Plagiate stellen, aber wie gesagt: er gibt ja seine Quelle ausdrücklich an. Den Sarto-Verlag konnte er in seinem Vortrag auch nicht gut erwähnen, sonst wäre es vielleicht tatsächlich zum Eklat gekommen. Die Rede und ihr Hintergrund gehören zur extremsten konservativen Seite des katholischen Spektrums.
Es bleibt dabei: Die meisten Abgeordneten wußten wohl wirklich nicht, welchen Thesen sie da Beifall spendeten, und die Journalisten haben größtenteils überhaupt nichts verstanden, weshalb sie die Rede vorsichtshalber erst einmal als "tief" bezeichneten.
(Waldstein wurde erst kürzlich vom Papst empfangen.)
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.09.2011 um 15.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19257

Ganz hilfreich zum Verständnis der Reaktion auf die Rede des Papstes im Bundestag ist die Analyse der Freiburger Papstrede von Daniel Deckers in der FAZ. Hier das vermeintliche Lob der Ökologie, dort der Hinweis des Verzichts auf Privilegien. Und alles sehr mißverständlich, wenn man die Vokabeln nur aus dem eigenen Umfeld heraus deutet.

www.faz.net/artikel/C32826/benedikt-xvi-professor-papst-30724320.html
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 28.09.2011 um 19.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19259

Die Grünen um den Finger zu wickeln, ist ja auch nicht schwer, die verstehen sowieso nichts mehr. Ich erinnere mich noch, wie eine Bonner Lokalpolitikerin der Grünen mir rundheraus erklärte, sie finde die Rechtschreibreform gut. Das sind die Leute, die auch schon mal (kein Witz!) zu "MitgliederInnenversammlungen" einladen, dort "DelegiertInnen" wählen oder bei einer Angelegenheit im Stadtrat "eine optimalere Lösung" fordern.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.09.2011 um 23.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19260

Als Ergänzung zum Beitrag von Herrn Ickler (1024#19244) sei hier noch der Verweis auf die Bundestagsrede des Papstes gegeben, weil ich mir nicht sicher bin, ob die überregionalen Zeitungen die von Hefty und Prantl so pauschal gelobte Rede überhaupt abgedruckt haben.

www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/benedict/rede.html

(Immerhin hat der Bundestag die Rede in der Rechtschreibung veröffentlicht, in der sie womöglich verfaßt wurde.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2011 um 09.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19263

Aber auch hier fehlen die fünf Anmerkungen, von denen drei auf die Quelle (Waldstein) verweisen. Inzwischen bin ich zu der Vermutung gelangt, daß die Rede hauptsächlich von Wolfgang Waldstein verfaßt wurde.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 30.09.2011 um 00.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19266

Die offizielle Version der Papstrede vor dem Bundestag ist (mit Anmerkungen) auf der Internetseite des Vatikans hier zu lesen.

Die Version auf der Internetseite des Bundestages weicht davon zumindest darin ab, als es dort in der Begrüßung "Herr Bundesratspräsident" heißt. In der Version des Vatikans heißt es richtig "Frau Bundesratspräsidentin". Was der Papst nun wirklich gesagt hat, geht daraus natürlich nicht hervor. Daß die Bundestagsversion aber kein stenographisches Protokoll ist, geht aus dem Vermerk "Es gilt das gesprochene Wort" hervor. Wahrscheinlich enthielt der ursprüngliche, dem Bundestag zugeleitete Entwurf diesen Fehler. Man kann nur hoffen, daß der Papst rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht wurde.

Mündlich gehaltene Reden enthalten im allgemeinen keinen Anmerkungsapparat. Auch nur andeutungsweise von "Plagiat" zu reden, erscheint mir deshalb als unangemessen.

Das zitierte Werk von Wolfgang Waldstein ist nicht im Sarto Verlag, sondern (so die Deutsche Nationalbibliothek) im Sankt-Ulrich Verlag erschienen, so wie auch Bücher von Papst Benedikt, einschließlich seiner Enzykliken. Daß man das Buch von Waldstein "auch im Sarto-Verlag bestellen kann", heißt nicht, daß es dort erschienen wäre.

Daß der "wissenschaftstheoretische" Positivismus "nichts mit Kelsens Rechtspositivismus zu tun" habe, daran kann man füglich zweifeln. Eine gewisse Ideenverwandtschaft liegt jedenfalls durchaus nahe.

Ebenso kann man darüber verschiedener Meinung sein, ob der Papst einem primitivem "naturalistischen Fehlschluß" erlegen sei. Natürlich trennen ihn in der Sexualmoral Welten von den Grünen; was allerdings "Genmanipulation", PID usw. betrifft, liegen beide durchaus nahe beieinander. Der "naturalistische Fehlschluß" ist jedenfalls hierzulande weit verbreitet. Warum sollte es bei "unserem Papst" anders sein?
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 30.09.2011 um 08.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19267

Er hat »Frau Bundesratspräsidentin« gesagt. Siehe und höre hier.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.10.2011 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19273

Tatsächlich ist mir beim "Sarto-Verlag" ein kleiner Irrtum unterlaufen, allerdings macht es keinen großen Unterschied, wo Waldstein veröffentlicht. (Mit seinen Schriften sollte man sich auf jeden Fall befassen!)

Wesentlich scheint mir die richtige Einsicht der Piusbrüder, daß es, hätte der Papst "die Dinge beim Namen genannt", zum Eklat gekommen wäre, während es nun, weil er sich undeutlich ausgedrückt hat, zu allgemeinem Beifall gekommen ist. Die Bundestagsabgeordneten sind regelrecht vorgeführt worden, und das geht denn doch uns alle an.

“Ich muß gestehen: daß ein schönes Gedicht mir immer ein reines Vergnügen gemacht hat, anstatt daß die Lesung der besten Rede eines römischen Volks- oder jetzigen Parlaments- oder Kanzelredners jederzeit mit dem unangenehmen Gefühl der Mißbilligung einer hinterlistigen Kunst vermengt war, welche die Menschen als Maschinen in wichtigen Dingen zu einem Urteile zu bewegen versteht, das im ruhigen Nachdenken alles Gewicht bei ihnen verlieren muß.“ (Kant)

Inzwischen ist es ja bei vielen zu ruhigem Nachdenken gekommen, und die Gesichter werden lang und länger.

Seltsam ist nur, daß der Papst sich über einen Beifall freut, der nur auf einem Mißverständnis beruht (was er natürlich auch genau wußte). Fürchtet er denn gar nicht die Wut der Leute, sobald sie merken, daß sie ausgetrickst worden sind? Die taz fragt mit Recht: „Warum nutzt Ratzinger die Chance nicht, in verständlichen Worten ernsthaft zu den Leuten zu sprechen?“ Leider muß man annehmen, daß auch die Antwort zutrifft: „Weil ihm das Event reicht, weil es ihm gar nicht um die Vermittlung von klerikalen Überzeugungen geht, sondern um den Auftritt an prominenten Orten.“

Sonst hätte er doch in allgemeinverständlichen Worten auf die Fragen antworten können, die der Bundespräsident durchaus stellvertretend für Millionen Katholiken aufgeworfen hat. Und geantwortet hat er ja auch, aber so, daß praktisch niemand ihn verstand. Und der Bundespräsident muß sich nun von einem Prälaten Imkamp abkanzeln lassen, daß es eine Art hat!

Ahi wie kristenliche nu der babest lachet ...(Walther von der Vogelweide)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.10.2011 um 23.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19278

Man mag ja die Bundestagsabgeordneten und die grünen insbesondere für blöd halten; daß sie aber so blöd wären, nicht zu verstehen, worauf der Papst hinaus wollte, kann ich nicht glauben. Ebensowenig kann ich glauben, daß jemand so blöd gewesen wäre zu glauben, der Papst werde ausgerechnet vor dem deutschen Bundestag eine Umwälzung der nicht von ihm erfundenen katholischen Sexualmoral verkünden.

Es gibt auch gewisse Regeln der Höflichkeit und der diplomatischen Courtoisie. Wenn die Mitglieder des Bundestags applaudiert haben, so sicherlich auch aus Höflichkeit gegenüber einem hohen Gast. Diejenigen, die nicht einmal zu dieser Höflichkeit bereit waren, waren ja gar nicht anwesend - vielleicht sogar eine weise Entscheidung, denn Buhrufe wären ja wirklich ein Eklat gewesen.

Es ist auch eine Regel privater wie staatlicher Gastfreundschaft, bei Besuchen das Gemeinsame und nicht das Trennende hervorzuheben. Das bedeutet nicht, daß man Gegensätze gänzlich verschweigt, sondern nur, daß man sie nicht in provozierender Form vorträgt. Vom Papst zu verlangen, bei einem Staatsbesuch „die Dinge beim Namen zu nennen“, hieße doch, von ihm eine Unhöflichkeit und einen Verstoß gegen die diplomatische Courtoisie zu verlangen.

Man kann auch durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob es geschickt war, daß der Bundespräsident ausgerechnet in der Begrüßung des von ihm eingeladenen Staatsgastes gewisse heikle Punkte angesprochen hat, die zudem den Beigeschmack höchstpersönlichen Interesses hatten. Es mag sein, daß diese Äußerungen mehr an eine bestimmt deutsche Öffentlichkeit als an den Papst gerichtet waren. Das macht es aber keineswegs besser.

Daß die Pius-Bruderschaft ein Interesse daran hat, Äußerungen des Papstes in ihrem eigenen Interessen zu vereinnahmen und daß die taz so oder so nichts von christlichem oder jedem andern religiösen Glauben hält, versteht sich von selbst. Als Argumentationshilfen taugen beide nichts.

Über Wolfgang Waldstein und Prälat Imhof weiß ich so gut wie nichts. Jedenfalls ist es nicht zulässig, ihre Haltungen generell mit dem Papst in Verbindung zu bringen. „Guilt by association“ ist kein Argument.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2011 um 06.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19280

Imkamp, nicht Imhof. Von guilt by association kann keine Rede sein, und das Nichtverstehen der Rede durch die Abgeordneten und viele sonstige Zuhörer ist überwältigend deutlich aus Äußerungen, die ich gesammelt habe. Aber das kann hier nicht ausgebreitet werden, weil es wirklich zu weit wegführen würde. Ich hatte bloß wieder mal die Rhetorik mit einem ihrer glänzendsten Beispiele vorführen wollen; in der theologisch-politischen Sache selbst werden wir uns ja kaum einig werden.

Nur eins noch, weil es mich geradezu vor den Kopf gestoßen hat: Warum sollte der Papst nicht die Dinge beim Namen nennen, an denen ihm gelegen ist und die er ja trotzdem "an den Mann bringen" wollte, um es mal salopp auszudrücken? Ist die Forderung, Europa müsse die katholische Morallehre als ihr naturrechtliches Erbe und Fundament anerkennen, so skandalös, daß man sie aus Höflichkeitsgründen nicht aussprechen darf - oder nur verklausuliert?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2011 um 16.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19281

Nachtrag: Die Freiburger Rede des Papstes war für meine Begriffe viel deutlicher als die Bundestagsrede. Trotzdem diskutieren die deutschen Bischöfe darüber, was er eigentlich gesagt hat. Erzbischof Zollitsch war dabei und kennt den Papst nach eigener Aussage seit 40 Jahren. Auch er kann vorläufig nicht sagen, was der Papst gemeint hat. Dies deutet doch sehr darauf hin, daß Benedikt sich entweder nicht klar ausdrücken kann oder es nicht will. Muß das sein? Wäre es auch in Fragen der "Entweltlichung" indezent gewesen, die Dinge beim Namen zu nennen? Warum bittet niemand um Erklärungen, ist das etwa grundsätzlich unhöflich? Ich finde, es ist ein Menschenrecht. Nun quält sich alles mit Rätselraten ab, und das kann dauern.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 03.10.2011 um 12.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19282

Unklarheiten scheinen ständige Begleiter des Pontifikats von Benedikt zu sein. Im Jahr 2006 gab es Interpretationsprobleme der Regensburger Rede (siehe hier). Und nun gibt es offensichtlich Probleme bei der Auslegung (Exegese) von zwei Reden.

Lehmann scheint übrigens damals die Rede des Papstes auch nicht verstanden zu haben. Viel mehr als Gemeinplätze hat er danach nicht verbreitet (siehe hier).

Dazu noch eine Randbemerkung, die beim Lesen der Beiträge des Eintrags "Maschinelle Übersetzung" entstand. Seit geraumer Zeit ist ja nun wieder ein Deutscher Papst, dessen Reden und Vorträge in Deutschland deshalb auch in seiner Muttersprache verbreitet werden. Wir sind folglich bei der Interpretation der Texte mit diesen allein. Zuvor hat nicht bereits ein Übersetzer (maschinell oder menschlich) eine erste Interpretation oder doch zumindest Textklärung für uns geleistet.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.10.2011 um 14.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19283

Mündliche Zitate sind heimtückisch, wenn nicht jedem Satz des Zitats vorangestellt wird, daß er nicht die Meinung des Sprechers, sondern eines anderen darstellt. Vermutlich erfaßt das Gedächtnis des Hörers einer Rede immer nur den jeweiligen Satz. (Bei langen deutschen Sätzen ist allein das schon schwierig genug.)
Auch ein deutscher Regierungssprecher ist mit zu langen Nazi-Zitaten darüber gestürzt, daß die Hörer Zitat und Sprecher-Meinung nicht auseinanderhalten konnten.
Bei Zitaten aus der Zeit des Klassischen Islams muß man vorsichtig sein, weil sie nicht dem heutigen Ideologie-Islam entsprechen und deshalb auch von heutigen Muslimen nicht mehr verstanden werden könnten.
Für den Vatikan ist es wohl heute noch unvorstellbar, daß die mittelalterlichen Eroberungskriege der Araber und Türken keine Religionskriege waren und Andersgläubige damals nicht zwangsbekehrt oder getötet und andersgäubige Wissenschaftler nicht verbrannt wurden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2011 um 08.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19285

„Ganz ehrlich sprach eine junge Kollegin das Dilemma an. Also, sie brauche mindestens drei Tage, um hinter den Sinn der päpstlichen Rede im Bundestag zu kommen. Sie konnte sich das leisten, weil auch sie für eine Wochenzeitung schrieb.“ (ZEIT 29.9.11)

„Die Abgeordneten hörten und staunten – wenn sie der anspruchsvollsten Rede, die je in diesem Hohen Haus gehalten wurde, überhaupt folgen konnten. Immerhin lernten sie, dass Hans Kelsen, der große Theoretiker des Rechtspositivismus, im Angesicht des Todes den ‚Dualismus von Sein und Sollen‘ aufgegeben und damit von Leugnung einer ‚schöpferischen Vernunft‘ in Gestalt eines Schöpfergottes Abstand genommen habe. Leider ist diese Geschichte zu schön, um wahr zu sein. Der Papst, so hieß es später, war einem Autor aufgesessen, der nicht verstanden hatte, dass Kelsen nicht seine eigene Meinung wiedergab, sondern den Advocatus Diaboli spielte.“ (Daniel Deckers FAS 3.10.11)
(Gemeint ist Wolfgang Waldstein.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2011 um 09.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19756

Ein Germanistentag in München diskutiert über das Thema „Was der Fall ist“: „Dem Bochumer Germanisten Nicolas Pethes war es vorbehalten, die große Frage zu stellen, wann ein Fall ein Fall sei.“ (SZ 19.12.11)

Das ist der Grund, warum ich nicht zu Germanistentagen gehe. Ich will nicht wissen, was der Fall ist, wenn etwas der Fall ist. Natürlich wurde auch Foucault ständig erwähnt.

I demand that the profession go cold turkey on the conferences! There must be an accounting. Every college, every university, we must ask for an accounting. The funds that are being used to send people on plane trips to Monte Carlo and around the world should be going to the students and to development. You should give the money to a young faculty member for course development, not to go to a conference. Do you know the hundreds of thousands of dollars that are wasted on these plane tickets and these hotel reservations and all that? It's appalling. It's a scandal. It's mini-vacations, boondoggling. No more conferences! (Camille Paglia: Crisis In The American Universities. Vortrag 19. 9. 1991)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2012 um 12.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20268

Die SZ widmet ihr Jobmagazin Berufsziel (17.3.12) dem Thema Volition bzw. Volitionskompetenz. Das ist, wie auch offen erklärt wird, nichts anderes als Willenskraft. Durch die Nichtübersetzung der englischen Ausdrücke wird der Schein der Fachlichkeit erzeugt. Aber wenn man das Siegerlachen von Prof. Waldemar Pelz auf dessen Homepage sieht, fühlt man sich schon halb gerettet. Er bemüht übrigens auch die "Hirnforschung", als könne die etwas über Volition sagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2012 um 09.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20832

Rechtsradikale sind gewiß verabscheuungswert, aber was sich einige Zeitungen an rhetorischen Tricks erlauben, ist es auch:

Bilanz nach der Neonazi-Demo: 38 verletzte Polizisten

Randale bei Neonazi-Aufmarsch in Hamburg
Elf Polizeifahrzeuge und Barrikaden in Brand gesteckt. 4500 Polizisten im Einsatz

Neonazis erschrecken Hamburg - Ein Aufmarsch von 700 Neonazis legte den Hamburger Osten einen Tag lang weitgehend lahm
Ein Aufmarsch von Neonazis hat am Sonnabend zu schweren Ausschreitungen in Hamburg geführt.


Usw.

In Wirklichkeit waren es ja nicht die Neonazis, die so getobt haben, sondern deren Gegner. Das wird im weiteren Text nicht verschwiegen, aber dann haben die Überschriften ihre Wirkung schon getan.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2012 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20840

SPD-Vize Manuela Schwesig sagte, das Betreuungsgeld wirke wie eine schädliche „Fernhalteprämie“, weil es Eltern ermuntere, Kinder von frühkindlicher Bildung in der Kita fernzuhalten. (HA 6.6.12)

Unterstellt wird, daß die Unterbringung der Kinder in Kindertagesstätten der "frühkindlichen Bildung" dienlich ist. Kinder, die zu Hause erzogen werden, gelten ja im Sprachgebrauch dieser Politiker als "nicht betreut". Nur Fremdbetreuung ist Betreuung (weil sie bezahlt wird, wenn auch schlecht). Eltern, die ihren Kindern solche "frühkindliche Bildung" vorenthalten, sind schon fast kriminell, jedenfalls handeln sie unverantwortlich; man sollte überlegen, ob man ihnen das Erziehungsrecht nicht ganz verweigern müßte.

Ich will zur Sache selbst nicht Stellung nehmen, aber es fällt doch auf, daß die pädagogische und entwicklungspsychologische Forschung nun herausfinden mag, was sie will – es kommt nicht gegen die Vorentscheidung an, die in Schwesigs Aussage zum Ausdruck kommt. Der rhetorische Nebel ist fast undurchdringlich geworden.

(Fachleute, die auch viel Erfahrung mit skandinavischen Einrichtungen haben, betonen immer wieder, es komme sehr auf die Qualität der Kitas an.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2012 um 18.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20847

Ich denke an Forschungen, wie sie Annette Leßmöllmann in der ZEIT referiert hat (einer Zeitung, die, wenn ich recht informiert bin, durchaus zum Chor der Fremdbetreuungspropaganda gehört):

„Klann-Delius konnte zeigen, dass die Beziehung zur Mutter Auswirkungen auf den Spracherwerb hat. Eine schlechte Bindung kann bewirken, dass ein Kind weniger Vokabular ansammelt als seine Altersgenossen. Besonders deutlich wird der Effekt aber, wenn es um die Kunst des Kommunizierens und Interagierens geht, auch das will schließlich gelernt sein. Kinder mit einer unsicheren Mutterbindung tun sich da schwer. Wenn auf Mamas Schutz und Behütung kein Verlass ist, zeigt sich das in den Dialogen. »Die beiden reden systematisch aneinander vorbei, wenn es um Gefühle geht«, sagt Klann-Delius. Sie beziehen sich gar nicht richtig aufeinander, und die Mutter-Kind-Gespräche geraten zu einem Quell ständiger Beunruhigung. Sicher gebundene Kinder dagegen lernen, klar zu sagen, wenn sie traurig sind, und die Worte der Mutter können sie trösten.“ (Annette Leßmöllmann in der ZEIT vom 10.11.2009)

Solche Forschungen kann man sich sparen. Die Politik hat entschieden, daß frühe Fremdbetreuung (besser Verwahrung) das Richtige für die Kinder ist, und so wird es also kommen, wie die Rechtschreibreform, bei der auch niemand mehr nachsieht, was wirklich erreicht worden ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2012 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20852

Inzwischen wird auch deutlicher, wie die frühkindliche Bildung aussehen wird. Ministerin von der Leyen will ja die Schlecker-Frauen zu Erzieherinnen umschulen lassen.

„Bundesfamilienministerin Kristina Schröder begrüßte die Ankündigung von der Leyens. 'Es geht hier nicht darum, jemanden in eine Umschulung zu pressen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass unter diesen lebenserfahrenen Frauen viele mit Freude und Engagement diese neue berufliche Chance ergreifen wollen', sagte sie der Süddeutschen Zeitung. 'Bei der Suche nach qualifizierten Erzieherinnen und Erziehern müssen wir möglichst breit aufgestellt sein', sagte Schröder.“

„Von der Leyen wie auch Bsirske betonten, dass die Standards der Berufe gewahrt bleiben sollten. Niemand rede hier von einer 'Schmalspurausbildung', sagte Bsirske. Die Ministerin wiederum warnte indirekt davor, die arbeitslosen Frauen als untauglich abzustempeln. 'Sie sind selbstverständlich so gut wie jeder andere geeignet, als Erzieherinnen zu arbeiten.'“

Freilich, Kinder erziehen kann jeder, nur die Eltern können es nicht; die enthalten den Kindern etwas vor, wenn sie es selbst versuchen.

Sprachlich bemerkenswert ist noch das schöne Bild von der "breiten Aufstellung" Schröders.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2012 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21463

„Doch der OECD-Bericht enthält auch gute Nachrichten: Bei Vorschulen und Kindergärten sei Deutschland ausgesprochen gut. So besuchten 2010 rund 96 Prozent der Vierjährigen einen Kindergarten. Die Zahlen variieren innerhalb der Bundesländer kaum. Bemerkenswert auch: Deutschland hat sich gesteigert, denn 2005 waren es nur 93 Prozent. Die deutsche Quote ist weit höher als der internationale Durchschnitt. In Griechenland etwa besucht gerade einmal die Hälfte der Vierjährigen einen Kindergarten, in Polen nur knapp 60 Prozent. Der OECD-Schnitt beträgt 79 Prozent.“ (Verschiedenen Medien am 13.9.12)

Man setzt undiskutiert voraus, daß es besser sei, die Kinder in den Kindergarten zu schicken, als sie zu Hause zu erziehen. Nach eigenen Erfahrungen mit dem Kindergarten möchten wir das bezweifeln.
Die Bertelsmann-Stiftung findet die Entwicklung gut (SZ) - kein Wunder, denn es ist ja ihre Bildungspolitik, die da umgesetzt wird.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 14.09.2012 um 08.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21466

"Man setzt undiskutiert voraus, daß es besser sei, die Kinder in den Kindergarten zu schicken, als sie zu Hause zu erziehen." - Und sie sich selbst erziehen zu lassen. In der altersgemischten Gruppe ohne Erwachsene oder gar Pädagogen. In der verkehrsreichen Großstadt ist das heute schwierig. Man kann es jedoch noch z.B. bei türkischen Kindergruppen beobachten.

So sind auf den von diesen genutzten Spielplätzen nur Kinder, während auf den Spielplätzen der Deutschen häufig mehr Erwachsene als Kinder zu sehen sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2012 um 16.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21468

Ganz meine Meinung! Aber wir haben ja schon gesehen, daß die Politiker uns einreden, wir vergingen uns gegen die "frühkindliche Bildung", wenn wir die Kinder nicht in pädagogische Einrichtungen geben.
Ich bin nicht in den Kindergarten gegangen, der war damals noch so eine Art Ersatzunterbringung, wenn es aus irgendwelchen Gründen nicht anders ging. Ich habe mir also auch meine frühkindliche Bildung anderswo geholt. Das scheint ganz gut gegangen zu sein.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.09.2012 um 19.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21470

Meine Kinder sind in einen katholischen Pfarrkindergarten mit Klosterschwestern gegangen und fanden den Erziehungsstil schrecklich. Mein Sohn sagte immer, daß er eigentlich gar keine Zeit dafür habe.
Meine Enkelkinder sind in einen evangelischen Kindergarten gegangen und fanden es sehr schön. Sie haben z.B. gelernt, sich mit anderen Kindern zusammenzutun, um sich gegen böse Kinder zu wehren.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 14.09.2012 um 19.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21471

Ich war im Kindergarten. Besonders in Erinnerung sind mir die durchweg stark versalzenen Suppen zu Mittag geblieben. Das Grauen dieses ekeligen Geschmacks kann ich bis heute abrufen! Und, wir mußten über Mittag immer schlafen, was mir überhaupt nicht gefiel. Aufbegehren nutzte nichts, ich mußte mich fügen und wußte nie, wie ich diese Langeweile ertragen konnte, zumal auch viele andere nicht schlafen wollten. Man mußte aber so tun, als schliefe man, sonst gab es Ärger.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 14.09.2012 um 21.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21472

Platz zum Spielen

Weißt Du wieviel Kinder spielen?
Auf dem Platz für Kinderspiel?
Sind nicht viele, die da spielen
Nicht mehr wirklich infantil?

Es sind Eltern
Die da kucken
Wie der Hahn und wie die Henne
Über Ihren Kindern glucken

Um sie zu bewahren
Vor vielen Gefahren
Doch ist das Leben nicht bar
Der Gefahr

~

Auf den Spielplätzen, die von muslimischen Einwanderern genutzt werden, können wir es noch beobachten, wie Kinder seit Jahrtausenden lernend aufwachsen:
In der altersgemischten Gruppe ohne Erwachsene.

~

aus: Karl Hainbuch: Gelobt sei Theseus
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2012 um 08.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21690

"Zum Volkstrauertag 2012 liefern wir Ihnen hier 3 fertige Muster-Reden sowie weitere Rede-Entwürfe und Tipps für Ihre Rede zum Volkstrauertag: (...)

Archiv: Reden zum Volkstrauertag

Diese Muster-Reden stammen aus den Vorjahren. Mit leichten Anpassungen (z. B. die geschichtlichen Bezüge) können Sie sie natürlich auch für Ihre Volkstrauertagsrede 2012 nutzen: (...)"

(http://www.reden-und-praesentieren.de/volkstrauertag.php)

Mal sehen, was den Bundestagsabgeordneten dieses Jahr geboten wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2012 um 07.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21847

Außer einem erstaunlich pragmatischen Herangehen an solche rhetorischen Aufgaben bietet die Seite auch noch ein grammatisches Schmankerl. Man kann sich die Musterreden herunterladen, aber:

Der Zugang zu diesem Download-Bereich ist den Abonnenten von dem Ratgeber 'Die BESTEN Reden von A bis Z' vorbehalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2012 um 16.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21890

An die Argumentation Schwesigs (siehe hier) knüpft auch Steinbrück an:

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück nannte das Gesetz in der Debatte  „schwachsinnig“. Es sei bildungs-, finanz-, gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch falsch. Steinbrück kritisierte, dass das Betreuungsgeld für Frauen Anreize schaffe, nach der Geburt eines Kindes länger dem Beruf fernzubleiben. Das werde ihre späteren Berufschancen mindern. „Weniger Frauen werden eine eigene Berufsbiografie schreiben, weniger Kinder werden Chancen auf frühe Bildungsförderung haben“, sagte der SPD-Politiker. (FAZ 9.11.12)

Man muß die zugrunde liegenden Annahmen, die für die SPD Axiome zu sein scheinen, deutlich herausarbeiten:

1. In Kindertagesstätten werden schon Kleinstkinder gebildet, zu Hause nicht.
2. Frauen lassen sich durch 100 Euro davon abhalten, in ihren Beruf zurückzukehren.

(Steinbrück selbst hat sich freilich selbst durch 2 Millionen nicht davon abhalten lassen, weiterhin Bundestagsabgeordneter zu sein. Wie schätzt er eigentlich die deutschen Frauen ein?)

3. Die Erziehung der eigenen Kinder ist keine achtenswerte Beschäftigung. (Gerade WEIL sie nicht entlohnt wird – oder?)

(In der "Berufsbiografie" läßt man sie am besten unerwähnt.)
 
 

Kommentar von MG, verfaßt am 10.11.2012 um 00.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21892

| Man muß die zugrunde liegenden Annahmen ... deutlich herausarbeiten:

| 1. In Kindertagesstätten werden schon Kleinstkinder gebildet, zu Hause nicht.

Das ist in so mancher Migratenfamilie* mit Sicherheit so.
(*Nein, das n fehlt nicht.)

| 2. Frauen lassen sich durch 100 Euro davon abhalten, in ihren
| Beruf zurückzukehren.

Das vermutlich eher nicht, aber für so manches Paar aus obigem Bevölkerungskreis könnte der Betrag hinreichend Anreiz sein, das (oder die) Kleinstkinder aus dem Kindergarten abzumelden. Bei sechs oder acht Geschwistern sind auch zuhause genug Spielkameraden da.

Bei hinreichend viel Nachwuchs kommt allein durch Kindergeld ein flottes Sümmchen zusammen; ab dem 1. August 2013 wird nun die Herdprämie dazukommen.

Aber das ist ja eigentlich mehr ein politisches Thema und keine Sprachfrage.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 10.11.2012 um 01.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21893

In Steinbrücks Argumentation fehlt auch eine wichtige Konsequenz. Wenn jeder im Beruf bliebe, auch während die Kinder klein sind, macht das unter dem Strich Millionen (oder wie viele?) Personen mehr auf dem Arbeitsmarkt. Will die SPD die Arbeitslosenzahlen in die Höhe treiben? Sobald ein einzelner dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, steigen zwar seine eigenen Chancen auf eine "Berufsbiografie" und mehr Einkommen für den Haushalt. Aber sobald er eine Stelle ergattert, wird dann eben ein anderer das Nachsehen haben und von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe leben.
Das Ganze liefe auf einen Verschiebebahnhof hinaus: kein Erziehungsgeld, dafür mehr Leistungen für Arbeitslose. Und wenn sehr viele Leute zusätzlich auf den Arbeitsmarkt drängen, werden sie sich gegenseitig bei der Konkurrenz unterbieten. Die Arbeitgeber können ihnen größere Zumutungen auferlegen und die Löhne und Gehälter niedrig halten. Letztlich muß man also damit rechnen, daß die Arbeitnehmer insgesamt schlechter dastehen, wenn die Ideologie erfolgreich wäre, daß möglichst niemand der Kinder wegen zu Hause bleibt und alle "arbeiten" sollen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 10.11.2012 um 08.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21894

"Man muß die zugrunde liegenden Annahmen, die für die SPD Axiome zu sein scheinen, deutlich herausarbeiten:

In Kindertagesstätten werden schon Kleinstkinder gebildet, zu Hause nicht."

Dies arbeitet mitnichten eine Annahme oder gar ein Axiom heraus, sondern verhehlt den Mißstand schwindender familiärer Kindesförderung und den Vorzug deutschen Spracherwerbs in Kindertagesstätten. Daß viele Kinder bei der Einschulung nicht Deutsch sprechen, ist eine Tatsache.

"Die Erziehung der eigenen Kinder ist keine achtenswerte Beschäftigung."

Diese Haltung ist wohl die letzte, die ausgerechnet der SPD vorzuwerfen wäre. Dank jahrzehntelanger linker Frauenpolitik sind alleinerziehende Mütter doch heute geradezu Ikonen der Emanzipation. Eine krasse Geringschätzung elterlichen Förderbemühens gibt es zwar, doch sie äußert sich anders. Sie zeigt sich, wenn engagiert erzogene, aufgeweckte, bücherlesende Kinder mitsamt ihren Eltern als privilegiert verunglimpft werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2012 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21895

Ich weiß schon, daß es eigentlich um Migrantenfamilien geht. Man weiß ja, was die mit den 100 Euro machen. Aber das wagt niemand auszusprechen.

In anderen Familien wird die Sprachentwicklung natürlich besser gefördert als in jeder Kita.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2012 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21896

Die Zeitungen hatten sich ziemlich geschlossen gegen das Betreuungsgeld gewandt, aus welchen Gründen auch immer (vielleicht wirtschaftliche Hintergründe der Zeitungsunternehmen?). Sie haben auch das gemeine Wort "Herdprämie" gern aufgegriffen, oder "Zuckerl für die CSU" (obwohl die das Betreuungsgeld nicht erfunden hat). Nun stellt sich heraus, daß die Mehrheit der jungen Frauen eine Auszeit und eine Unterstützung recht gern annehmen würde, und nun wird das Ganze als "Wahlgeschenk" umetikettiert, damit die Zustimmung in der Bevölkerung samt sinkender Umfragewerte für Steinbrück eine Erklärung finden.

Wie gesagt, zum Betreuungsgeld selbst habe ich gar keine begründete Meinung, mich interessiert nur die Argumentation. Es wird daran erinnert, daß Steinbrück selbst als Finanzminister ziemlich dasselbe unterzeichnet hat, was er jetzt "Wahnsinn" nennt. (Übrigens wieder ein viel zu krasser Ausdruck, denn das Betreuungsgeld ist schlimmstenfalls ein unzureichender Teil des Flickwerks, das einen wirklichen Familienlastenausgleich ersetzen soll, an den sich niemand ranwagt.)

In den letzten Stunden habe ich mich auch noch einmal gefragt, wie Politiker ticken, die von den Stadtwerken (!) für ein Plauderstündchen 25.000 Euro annehmen – immerhin das Jahreseinkommen vieler anständiger Leute.

Manche glauben wohl wirklich an den Bildungswert der Kinderkrippen, andere tun nur so, als glaubten sie daran.
 
 

Kommentar von Aculeatus, verfaßt am 10.11.2012 um 19.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21897

»... was er jetzt "Wahnsinn" nennt. (Übrigens wieder ein viel zu krasser Ausdruck ...«
Mit Verlaub, Herr Ickler, er nannte es "Schwachsinn", was nicht weniger kraß ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2012 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21898

Danke für die Korrektur meines Versehens! Und Sie haben recht, es bleibt natürlich kraß.

Wir haben uns seinerzeit ausführlich über Guttenberg unterhalten, auch weil Plagiate uns hier besonders interessieren, dann über Wulff, bei dem unser Interesse an seinem weiteren Weg von seiner Verstrickung in die Rechtschreibreform herrührt. Steinbrück ist als Medienereignis interessant. Die Süddeutsche Zeitung behandelt ihn unter der originellen Überschrift "Graf Zahl".

Mich überrascht, wie überrascht die Zeitungen wegen mancher Ereignisse sind. Sie scheinen immer weniger zu spüren, was die Bevölkerung denkt. (Stichwort Betreuungsgeld.) Und die Politiker glauben vielleicht nach und nach, was sie in den Medien zu lesen und zu hören kriegen, statt die Leute selbst zu befragen, auf deren Stimmen sie hoffen. Die Deklassierung von Claudia Roth gehört auch dazu.

Vor Obamas Wahl wurde uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen eingeredet, nach der Wahl erklären uns dieselben Zeitungen, warum Romney nie eine Chance hatte.

Bei uns hier in Bayern streitet sich die Regierungskoalition gerade über die Abschaffung der FDP, äh, ich meine der Studiengebühren.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 11.11.2012 um 11.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21899

Grundsätzlich ist die Kritik in Abs. 3 richtig — und sollte mit Leserbriefen den Zeitungen immer wieder unter die Nase gehalten werden.

Zu "Vor Obamas Wahl wurde uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen eingeredet, nach der Wahl erklären uns dieselben Zeitungen, warum Romney nie eine Chance hatte" jedoch: Vor der Wahl fehlte zur Analyse des Wahlausgangs eine wichtige Information, die erst die Befragung an der Ausgangstür der Wahllokale zu haben war, nämlich die Antwort auf die Frage "Wie haben Sie gewählt?"
(Dazu eine Anekdote: "Ich stand in der Schlange zur Wahl mit wem zusammen, der sich immer noch nicht ganz sicher war, wie er wählen würde." [Die "still undecided" bestimmten ja jene Staaten, auf die sich die Präsidentenkandidaten noch bis in die letzten Stunden konzentrierten.])
Mit der Information zu "Wie haben Sie gewählt?" lagen aber dann diese Voraussager des Wahlergebnisses mit ihren "declared winners" richtig, obwohl noch nicht alle Stimmzettel ausgezählt waren, ja manchmal noch nicht mal ausgefüllt und abgegeben (!) worden waren. Amazing!
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 12.11.2012 um 10.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21900

In den letzten Stunden habe ich mich auch noch einmal gefragt, wie Politiker ticken, die von den Stadtwerken (!) für ein Plauderstündchen 25.000 Euro annehmen – immerhin das Jahreseinkommen vieler anständiger Leute.

Richtig. Steinbrück hat ja nun einen ordentlichen Denkzettel bekommen. Was mir bei der Empörung über ihn zu kurz kommt: Völlig daneben ist nicht Steinbrück, wenn sein Marktwert so hoch ist und er der Reihe nach von allen möglichen Veranstaltern zu ähnlichen Honoraren engagiert wird. Mehr Empörung als er hätten die Verantwortlichen bei den Stadtwerken verdient. Erstens, weil sie ihre finanzielle Situation und den Mangel in der ganzen Region ständig vor Augen haben. Zweitens, weil sie jede Menge "hochkarätiger" Diskutanten zu diesen unanständigen Preisen verpflichtet haben; der Schaden geht weit über den Betrag hinaus, der für Steinbrück anfiel. Drittens, weil sie das Angebot machen, während Steinbrück nur auf das Angebot einging, wie sonst auch.

PS: Ich halte nichts von Steinbrück, schon gar nicht von seinem Auftreten, von diesem belehrenden, demonstrativ energischen Tonfall. In meinen Augen produziert er viel heiße Luft, und die Leute fallen darauf herein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2012 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21912

Manche stört es, daß Steinbrück seine Netzkarte auch zu privaten Fahrten benutzt hat. Unser alter Freund Wieland hat auch dazu Stellung genommen:

Der Staatsrechtler Joachim Wieland von der Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer verwies gegenüber der Bild-Zeitung auf das im Grundgesetz verankerte Recht für Abgeordnete zur freien Benutzung aller staatlichen Verkehrsmittel. "Steinbrück durfte seine Abgeordneten-Bahncard auch dann einsetzen, wenn es eine Fahrt zu einer bezahlten Vortragsveranstaltung war." (ZEIT online)

Wir haben immer gewußt, daß die Abgeordneten das so machen, aber es kann nie falsch sein, mal auf die geldwerten Vorteile für Politiker hinzuweisen. Das will ich auf sich beruhen lassen. Früher kannte ich Leute, die kostenlos mit der Bahn fuhren, weil ein Verwandter Bahnbeamter war. Das schien mir sehr großzügig vom Arbeitgeber. Wie genau ich später immer meine Dienstreisen beantragen und abrechnen mußte!

Nun zur Rechts- und Argumentationslage, soweit ich es als Laie durchschaue.

GG Art. 48:

(3) Die Abgeordneten haben Anspruch auf eine angemessene, ihre Unabhängigkeit sichernde Entschädigung. Sie haben das Recht der freien Benutzung aller staatlichen Verkehrsmittel. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

(Welches Gesetz ist das?)

Reisekosten
Wenn ein Abgeordneter eine Dienstreise unternimmt, trägt der Bundestag die Kosten, genau wie ein Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter auf Geschäftsreise schickt. Fahrten in Ausübung seines Mandats – zum Beispiel im Wahlkreis – muss der Abgeordnete hingegen selbst aus der Kostenpauschale bezahlen. Eine Ausnahme gilt für Fahrten mit der Deutschen Bahn AG. Hier stellt der Bundestag eine Netzkarte zur Verfügung, die für das Mandat, nicht aber privat genutzt werden darf. Benutzt ein Abgeordneter im Inland für Mandatszwecke ein Flugzeug, den Schlafwagen oder sonstige schienengebundene Beförderungsmittel außerhalb des öffentlichen Personennahverkehrs, so werden ihm solche Kosten nur gegen Nachweis im Einzelfall erstattet.

www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete17/mdb_diaeten/1334a.html

Ähnlich auf weiteren Seiten des Bundestages, z. B.:

Fahrtkosten in Ausübung des Mandats
Mitglieder des Deutschen Bundestages dürfen alle staatlichen Verkehrsmittel frei benutzen (Artikel 48 Abs. 3 Satz 2 GG). In diesem Zusammenhang erhalten sie eine Freifahrkarte der Deutschen Bahn AG, die auch für die Berliner S-Bahn gilt. Kosten für Fahrausweise der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) werden auf Antrag für die Dauer des Mandats erstattet (§ 12 Abs. 4 Nr. 2, § 16 AbgG). Außerdem können Abgeordnete die Dienstwagen des Deutschen Bundestages (Fahrbereitschaft) im Stadtgebiet von Berlin nutzen (§ 12 Abs. 4 Nr. 3 AbgG).


Wiki sieht das auch so:

Reisekostenerstattung
Art. 48 Abs. 3 Satz 2 GG sichert den Abgeordneten die freie Nutzung aller staatlichen Verkehrsmittel. Zurzeit erhält jeder Bundestagsabgeordnete im Rahmen der Amtsausstattung eine Netzkarte der Deutschen Bahn als Freifahrtschein, die aber nicht privat genutzt werden darf. Zudem werden die Kosten für Flüge und Schlafwagen gegen Nachweis bei Mandatsreisen im Inland gemäß § 12 Abs. 4 i. V. m. § 16 Abs. 1 Satz 2 AbgG erstattet.
(Wiki Abgeordnetenentschädigung)

Nun ist natürlich die Frage, ob die Bahn ein staatliches Verkehrsmittel ist. Auch wenn der Bund alleiniger Aktionär ist, scheint die Deutsche Bahn AG doch kein Staatsunternehmen zu sein.

Pragmatisch gesehen, dürfte es allerdings schwer sein, bei Abgeordneten zwischen Dienst- und Privatreisen zu unterscheiden, weil auch das Privatleben hier automatisch dienstliche Bedeutung hat (Wahlkreispflege usw.).

Die "Grauzone" ist allerdings an sich schon erstaunlich. Wie kann etwas so Alltägliches jahrzehntelang ungeregelt bleiben? Daß die Begünstigten nicht gerade auf eine Klärung brennen, kann man ja verstehen.
 
 

Kommentar von ein Firmenwagenbenutzer, verfaßt am 14.11.2012 um 19.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21914

zu geldwerten Vorteilen:

Diese betreffen nicht nur Politiker. Ich habe als Angestellter einen Firmenwagen zur dienstlichen und freien privaten Verfügung, auch Familienangehörige, die in meinem Haushalt wohnen, dürfen ihn benutzen. Alle das Fahrzeug betreffenden Kosten (Steuern, Versicherung, Inspektionen, Reparaturen, Winterreifen, Kraftstoff, Wäsche außer Innenreinigung) bezahlt die Firma.

Als verkehrte Welt empfinde ich es, daß ich ausgerechnet die täglichen Fahrten zwischen Wohnort und Arbeitsstelle als geldwerten Vorteil pauschal versteuern muß, aber alle Privatfahrten (einschließlich Urlaubsfahrten quer durch ganz Deutschland und Europa) als unversteuertes Einkommen erhalte. Allein den Kraftstoff und die vorgeschriebenen Inspektionen gerechnet, entspricht das monatlich durchschnittlich etwa 500 Euro unversteuertem Einkommen. Ist das nicht verrückt? Aber so ist es wirklich. Ich beschwere mich natürlich nicht. Wie viele Firmenwagenfahrer gibt es in Deutschland? Wieviel Steuergeld geht dem Staat dadurch verloren?
 
 

Kommentar von ein Firmenwagenbenutzer, verfaßt am 14.11.2012 um 22.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21915

Natürlich ist der Wagen nicht ganz umsonst. Das wird wohl unterschiedlich gehandhabt. Bei uns zahlt man monatlich einen gewissen Prozentsatz vom Kaufpreis, dazu einen Steuerbetrag. Aber in die Steuer geht nur die Entfernung zum Arbeitsort ein, die privat gefahrenen Kilometer bleiben ganz unberücksichtigt. Mit dieser Pauschale ist dann meines Wissens nach dem geltenden Recht alles abgegolten. Vielfahrer sparen natürlich so am meisten Steuern, wieviel, das kann sich jeder selbst ausrechnen.

Man sollte sich also weniger auf Einzelfälle wie hier Steinbrück konzentrieren, sondern lieber die allgemeine Gesetzgebung überprüfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2012 um 05.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21920

Mir ist die Sache selbst nicht wichtig. Was interessiert mich die Netzkarte der Politiker! Aber die jüngsten Stellungnahmen zeigen doch, wie brüchig die ganze Argumentation um Nebeneinkünfte usw. ist. Hans Herbert von Arnim verlangt (erwartungsgemäß), daß Politiker den privaten Anteil ihrer Reisekosten, den sie als geldwerten Vorteil kassieren, versteuern wie andere Leute, zum Beispiel Dienstwagennutzer. Dagegen heißt es in der Rheinischen Post vom 15.11.12:

"Welche Tätigkeiten mandatsbezogen und welche nebenberuflich sind, ist in der Praxis schwer zu trennen. Die Politiker werden für Vorträge als Abgeordnete angefragt, nie als Privatperson.".

Genau das hatte ich im Sinn, als ich schrieb, daß Steinbrück seine Honorare ja nicht dem gewichtigen Inhalt seiner Vorträge verdanke, sondern seiner Position als MdB usw. Die Honorare hat er aber privat eingesteckt. Bei den Professoren ergibt sich eine ähnliche Problematik: Sollen sie privat kassieren für Errungenschaften, die ihnen der staatlich finanzierte Apparat überhaupt erst ermöglicht hat? Patente gehören der Firma, nicht wahr?

Wenn ein Politiker unter solchen Umständen keine Vorträge mehr halten wollte – um so besser! Die Parlaments- und Regierungsarbeit sollte ihm und uns genügen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2012 um 06.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22079

Gestern brachte die Süddeutsche Zeitung einen größeren Beitrag über die Honorare von Rednern, meistens ehemalige Politiker wie Clinton, Genscher und der russische Gas-Industrielle Gerhard Schröder. Agenturen vermitteln Hunderte von solchen Leuten, wir haben ja hier schon mit dem Gedanken gespielt, Gertrud Höhler zu mieten. Der "Philosoph" Precht steht auch auf der Liste. Sonst ganz Unbekannte wie ein gewisser Reinhard K. Sprenger haben es auch zu begehrten Vortragskünstlern gebracht; der Genannte hat offenbar auch den Wiki-Artikel über sich selbst geschrieben, toller Kerl!

Die mediengestützte Prominenten-Inzucht ist eine Geldmaschine, auf die man schon neidisch werden könnte. Wer einmal auf der Liste steht, wird eingeladen, weil er schon mal eingeladen worden ist. Was er vorträgt, ist natürlich völlig egal, es hört ja auch keiner zu, man sitzt bloß ordentlich gekleidet da und bietet den Kameras ein artiges Bild. Eine gute Figur zu machen ist auch für den Redner das Wichtigste. Insofern besteht die alte Aufgabe der Rhetorik zwar fort, ist aber leichter geworden: "Über jeden beliebigen Gegenstand überzeugend zu reden." Überzeugen muß heute der Auftritt, nicht das rhetorische Argument.

Insgesamt aber eine zweischneidige Sache. Dem Kandidaten Steinbrück hat es gutes Geld gebracht, aber politisch ist er praktisch schon tot. Jetzt wird auch eine altbekannte Tatsache wieder hervorgezogen. Unter Finanzminister Steinbrück haben die Banken die sie betreffenden Gesetze selbst geschrieben. Das gehört alles zur Nachruf-Literatur.

Laut Stern-Umfrage halten ihn die meisten Deutschen für den richtigen Kandidaten, würden ihn aber nicht wählen. Rätselhaftes Volk ...

Jetzt soll Steinbrück auf seinen letzten Vortrag bei einer mutmaßlich kriminellen Bank "verzichtet" haben. Verzichten kann man nur auf eine Vergünstigung, nicht auf eine Leistung, die man selbst zu erbringen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2012 um 06.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22087

Nachträglich weiß man oft nicht, wieso ein Politiker mit seiner Rhetorik so viel Erfolg bzw. Mißerfolg haben konnte. Die gesamte Situation, auf die es ankommt, läßt sich eben historisch meist nicht mehr rekonstruieren. Deshalb einige Bemerkungen zu Steinbrück und zu den Medien im Dezember 2012.

Die Journalisten stehen ratlos, geradezu sprachlos vor der Tatsache, daß Merkel nirgendwo so beliebt ist wie bei Jugendlichen – geradezu eine „Kultfigur“, wie eine Zeitung schrieb. Und das nicht nur als Gag. Umgekehrt befindet sich Steinbrück in einer schwierigen Lage. Die SPD will einen „Neustart“ mit ihm und für ihn, was an sich schon schwer genug sein dürfte, denn es ist ja immer noch der gute alte Steinbrück, von dem niemand etwas umwerfend Neues erwartet. So ist es denn auch ein ziemlich gewagter Einfall, ihn auf „Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt“ zu trimmen, wie es für die Parteitagsrede geplant ist. An dieser Rede soll der Kandidat mitsamt der Partei genesen, aber das kann nichts werden. Jeder weiß, daß die Rede der Schadensbegrenzung dient und daß ein Team in diesem Sinne daran herumgefeilt hat. Das kann man von vornherein nicht ernst nehmen, und je mehr vorab darüber gesprochen wird, um so weniger. Steinbrück wird viele Parteitagsstimmen bekommen, aber nur, weil die Partei es versäumt hat, sich rechtzeitig einen besseren Kandidaten zu suchen, und nun gezwungenermaßen alles auf diese Karte setzen muß. Das weiß auch in der Partei jeder.
Interessant ist auch das rhetorische Verhalten Steinbrücks selbst. Steinbrück hat im Interview gesagt, er würde nicht das Kindergeld erhöhen, sondern das Geld lieber in Kindertagesstätten stecken. Soweit entspricht das der SPD-Ideologie, Fremdbetreuung von kleinen Kindern von vornherein für die bessere Lösung zu halten. (Familie ist für Linke schon immer eine Brutstätte konservativen Verhaltens gewesen.)

Dazu BILD:
Überraschendes Bekenntnis von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (65)! Bei einer Diskussionsveranstaltung des Politmagazins „Cicero“ ging es um die Frage, ob das Kindergeld erhöht werden müsse.
Steinbrück klar dagegen: „Schon zehn Euro Erhöhung würden den Staat eine Milliarde kosten. Und man weiß dann auch nicht, wo das Geld hingeht.“
Und: „10 Euro sind ja auch zwei Schachteln Zigaretten, zweieinhalb Bier oder 2 Pinot Grigio – also zwei Gläser Pinot Grigio, denn eine Flasche, die nur 5 Euro kostet, würde ich nicht kaufen.“
Überraschung im Publikum! BILD fragte Weinexpertin Cordula Eich (42): Taugt ein Pinot Grigio unter fünf Euro/Flasche wirklich nichts? Eich: „Es gibt auch viele gute Tropfen für weniger als fünf Euro!“ – Beispiele sehen Sie in der Galerie unten.
(BILD 3.12.12)

Mit diesen unbedachten Äußerungen hat Steinbrück seine wirkliche Meinung durchblicken lassen: Man sollte Eltern kein Geld geben, die versaufen es doch bloß; nur der Staat kann verantwortungsvoll mit Geld umgehen.

(Wir haben schon gesehen, daß auch Akademiepräsident Klaus Reichert die "sozial Schwächeren" im Grunde seines Herzens auch für sprachlich inkompetent hält [siehe hier]. Arme Leute taugen eben nicht viel.)

Das Überraschende ist die Unlogik in Steinbrücks unbedachter Äußerung: Die armen Leute, die er beschuldigt, jeden zusätzlichen Euro zu versaufen, würden doch gerade den billigen Wein kaufen. Es geht doch nicht darum, ob Steinbrück selbst ihn trinkt. Er hat hier einen logischen Purzelbaum geschlagen, von der eigenen Redebegeisterung hingerissen.

Wie ein Leser im ND treffend bemerkt, würde Merkel nie so etwas sagen, obwohl sie vielleicht genau so denkt. Damit ist der Unterschied benannt und auch die Ursache für Steinbrücks Scheitern. Jemand, der sich praktisch jeden Tag solche Blößen gibt, dem traut man auch nicht zu, international Politik zu machen oder auch nur ein Kabinett zu führen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2012 um 04.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22095

Steinbrück hat in seiner Bewerbungsrede als Kanzlerkandidat eine Frauenquote für Aufsichtsräte gefordert. Ob er damit nennenswerte Erfolge bei der weiblichen Wählerschaft erzielt? Nur sehr wenige Frauen wollen in Aufsichtsräte, und den meisten anderen dürfte es egal sein, wie der Aufsichtsrat ihres Unternehmens sexuell besetzt ist, solange alles gut läuft.
Steinbrück kündigte auch an, im Kanzleramt eine Staatsministerin für Frauen einzurichten. Zeitungen erinnerten ihn daran, daß im Kanzleramt bereits eine Frau regiert, der außerdem lauter Frauen zuarbeiten. Auch versteht sich von der Leyen bereits als Frauenministerin. Das war also auch nicht so geschickt. Sogar bei der ZEIT äußern sich die Leser fast ausnahmslos ablehnend zu Steinbrücks Rede. Die Begründungen sind gar nicht mal schlecht. Im Rückblick wird man wohl erkennen, daß es nicht gut war, Steinbrück auf Themen festzulegen, die gerade er am wenigsten glaubwürdig vertreten kann. Freilich könnte er zu anderen wichtigen Fragen kaum etwas anderes sagen, als was die Regierung (meist unter Zustimmung der SPD) ohnehin tut.
Übrigens stand schon 1988 in unserer Zeitung: SPD will Sterbegeld erhalten (EN 13.9.88). War zwar nicht so gemeint, aber ich stutzte doch einen Augenblick und habe es deshalb notiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2012 um 18.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22232

In den Kommentaren zu Steinbrück wird unermüdlich wiederholt, daß weder Merkel noch Schröder oder Schmidt sich über ihr Einkommen als Kanzler beklagt haben. Nur für Kohl wird das behauptet: „Helmut Kohl jammerte auch schon darüber, dass jeder Zahnarzt mehr Geld verdiene als er.“ (Hamburger Abendblatt 31.1.12)
Alle diese einander ähnlichen Behauptungen scheinen auf einen SPIEGEL-Artikel von 1990 zurückzugehen (www.spiegel.de/spiegel/print/d-13501827.html). Dort beklagt sich Kohl aber gar nicht und jammert auch nicht, das ist vielmehr die Interpretation der Journalisten. Der Zusammenhang, in dem sich Kohl über das Gehalt von Zahnärzten geäußert hat, bleibt unerwähnt. Vielleicht war er gefragt worden, ob er seiner Ansicht nach zuviel verdiene.

Es ist oft mit Recht gesagt worden, daß die Gehälter von Politikern eher mit denen des (übrigen) öffentlichen Dienstes verglichen werden sollten, nicht mit denen von Wirtschaftsführern. Es ist doch ein Unterschied, ob man aus Steuermitteln alimentiert wird oder das Geld selbst erwirtschaftet. Wenn die Aktionäre meinen, ihr Vorstand sei ihnen einige Millionen wert, dann zahlen sie das eben, genauso wie Sportler und Unterhaltungskünstler das verlangen, was sie eben erwirtschaften können, auch wenn uns bei den Zahlen schwindlig wird. "Obszön", wie es gern heißt, kann ich das nicht finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.01.2013 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22242

Dazu passend:

Trotzdem hat Steinbrück recht, mit jedem Wort. (...) Es gibt Wirtschaftszweige, in denen für dieses Gehalt nicht mal ein Abteilungsleiter seinen Hintern aus dem Bett bewegen würde. (Christian Jakubetz in Cicero)

Jakubetz denkt also genau so wie Steinbrück: Er sucht die vergleichbaren Jobs selbstverständnlich in der Wirtschaft. Weder der amerikanische Präsident, der kaum mehr bekommt als Merkel und in dessen Land die Wirtschaftsleute noch viel mehr verdienen als bei uns, noch sonst ein Regierungschef würde so denken. Es geht doch nicht darum, für welchen Betrag Merkel bereit ist, ihren Hintern zu bewegen und Kanzler zu machen. Kein Deutscher hat das je von M. oder einem anderen Kanzler angenommen. Aber Jakubetz fährt fort, daß Steinbrück authentisch und undiplomatisch seine wirkliche Meinung gesagt habe und daß wir solche Kerle brauchten. Operation gelungen, Patient tot.

Wie weit auch immer man das ganze Desaster Steinbrück selber zuschreiben muß – es spielt keine Rolle mehr –, jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, daß die SPD bereit ist, ihm bis zum bitteren Ende Gefolgschaft zu leisten. Er kann ja nun sagen, was er will, es wird immer falsch sein; das erinnert ein bißchen an Wulff. Aber wie findet man einen anderen Kandidaten und wie wird man den alten los? Viel Zeit bleibt ja nicht.

Gestern schrieb Kurt Kister in der SZ, ebenfalls zu Steinbrück: In Deutschland gibt es viele Menschen, die es für verwerflich halten, wenn einer mehr Geld hat als sie.

Kennen Sie solche Menschen? Ich nicht, Kister wahrscheinlich auch nicht.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 01.01.2013 um 13.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22243

Gehälter richten sich nach der Ersetzbarkeit der Personen, die den betreffenden Arbeitsplatz innehaben. Deshalb verdient Zlatan Ibrahimovic mehr als Angela Merkel. Denn es gibt viele, die genauso schlecht Bundeskanzler mimen könnten wie Frau Merkel, aber fast niemanden, der einen Fallrückzieher aus dreißig Metern aufs Tor bringt.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 01.01.2013 um 14.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22244

Leider stellt sich die Notwendigkeit, Wirtschaftslenker zu ersetzen, oft erst nach ihrem Unfähigkeitserweis heraus. Bis dahin richtet sich die Bezahlung gern nach ihrem Posten.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 01.01.2013 um 15.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22245

Nein, die Bezüge von »Wirtschaftslenkern« werden individuell ausgehandelt. Es gibt keine Gehaltstabelle, aus der sich sich der Vergütung ablesen läßt, die ein »Topmanager« erzielen kann – und das ist ja wohl die Liga, in der sich der bescheidene Herr Steinbrück sieht. Fragt sich nur, ob sich ein zahlungskräftiges Unternehmen findet, das ihn nach seiner nächsten Wahlniederlage anheuern möchte. Bisher war das offenbar nicht der Fall.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.01.2013 um 18.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22247

Warum vergleicht Peer Steinbrück das Kanzler-Gehalt ausgerechnet mit dem von Bankdirektoren? Die einzige Erklärung kann nur die sein, daß beide als Geschäftsmodell die Falschberatung der Bürger bei der privaten Altersvorsorge haben.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 02.01.2013 um 12.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22250

Es ging um die vermeintliche Bezahlung nach Ersetzbarkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2013 um 19.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22330

In den letzten Wochen ist Steinbrück von allen Seiten kritisiert worden, so daß seinen Verteidigern zuletzt nur noch einfiel, er sei wenigstens "authentisch". ("Ich sage, was ich denke.") Der Inhalt zählt nicht mehr.

Nun klagt Sigmar Gabriel zum Steinerweichen über seine schwere Kindheit (von vielen Bloggern als nicht ungewöhnlich schwer eingeschätzt) und rechnet mit seinem glücklicherweise toten Nazi-Vater ab. Die Zeitungen nennen es "authentisch". Manche sehen darin den Versuch der ZEIT, hinter Steinbrück eine zweite Kandidatenfigur aufzubauen. Beim Lesen dachte ich ständig: das letzte Aufgebot!

In besseren Kreisen glaubt man schon lange nicht mehr, daß es so etwas wie Authentizität überhaupt gibt. Dasein heißt eine Rolle spielen. Öffentliche Authentizität ist geradezu ein Widerspruch.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.01.2013 um 11.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22441

Apropos Hochschule und Schlüsselqualifikationen. Ich finde heute einen Aufruf zur Teilnahme am Volksbegehren gegen Studiengebühren im Briefkasten, wie er derzeit wohl in ganz Bayern mit der Post verteilt wird. Im erklärenden Text heißt es:

Es ist auch Aufgabe des Staates für vernünftige Studienbedingungen zu sorgen. Diese Aufgabe darf nicht auf die Studierenden und Ihre abgewälzt werden.

Nanu? Das hieß wohl mal und Ihre Eltern. Eine Google-Recherche zu dem verunglückten Satz bringt nur wenige Treffer. Einer ist dasselbe Dokument, das vor mir liegt. Ein weiterer führt zur Homepage der Grünen in Puchheim. Dort steht:

Diese Aufgabe darf nicht auf die Studierenden und ihre eltern abgewälzt werden.

Immerhin, ihre ist richtig geschrieben. Erlösung bringt der dritte und letzte Treffer, die SPD Tuntenhausen mit dem SPD-Bundestagskandidaten und Jura-Studenten Abuzar Erdogan:

... darf nicht auf die Studierenden und ihre Eltern abgewälzt werden.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 23.01.2013 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22442

Es fehlt noch mehr als bloß »Eltern«, nämlich das Satzende: »sondern muss allen Steuerzahlenden aufgehalst werden«.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2013 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22500

Auf einem Pressefoto steht Bill Gates ganz normal und zivil da, flankiert von Steinbrück und Gabriel, beide mit der Hand irgendwo in den Raum des Betrachters weisend. Diese Ikonographie sieht man fast täglich. Die Geste erinnert ein wenig an Kaiser Augustus oder Marc Aurel (auf dem Campidoglio), auch wenn sie nicht ganz so ausladend ist wie bei den Imperatoren. Ich habe mich oft gefragt, ob die Politiker eigens für den Fotografen so posieren oder die Fotografen umgekehrt diesen göttlichen Augenblick abwarten. Gab es denn wirklich etwas zu zeigen, so daß die beiden SPD-Männer im selben Augenblick den Arm heben mußten? Jedenfalls scheinen die Herren Politiker uns stets den Weg zu weisen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2013 um 07.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22517

Die SPD hatte sich vorgenommen, Steinbrücks Rhetorik stärker zu kontrollieren, damit er nicht so viele Fehler macht. Aber was die ZEIT gerade berichtet, ist auch wieder bedenklich:

»Peer Steinbrück fordert die Kanzlerin heraus: "Ich plädiere dafür, dass es mindestens zwei Duelle mit Frau Merkel gibt." Er sei gespannt, ob sich die Kanzlerin dem stelle, oder ob sie kneife. Im Bundestagswahlkampf 2009 hatte es nur ein Fernsehduell zwischen Merkel und dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier gegeben.
Die Kanzlerin werde sicher versuchen, weiter auf roten Teppichen und Gipfeln zu glänzen und die heiße Wahlkampfphase so weit es geht nach hinten zu schieben, sagte Steinbrück.
In den letzten 15 Jahren habe es eine massive Umverteilung gegeben – "und zwar stramm von unten nach oben", sagte der SPD-Politiker.« (zeit.de, 31.1.13)

15 Jahre? Sollten die Deutschen vergessen haben, wer vor genau 15 Jahren Bundeskanzler wurde und wer seither auch mal Finanzminister war? Auch könnten die Deutschen lieber sehen, daß Merkel auf Gipfeln glänzt als in TV-Duellen wie Hiltibrant enti Hadubrant. "Kneifen" (was für ein Ausdruck!) wäre nicht die schlechteste Idee.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2013 um 13.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22719

"Steinbrück hat mit dem, was er gesagt hat und wie er es gesagt hat, völlig Recht.“ (Rheinische Post online 28.2.13)

Journalisten, die solche Großschreibung hinklatschen, können nicht geholfen werden, um es mal so auszudrücken

Das sagte übrigens der stellvertretende Chef der SPD im Bundestag, Axel Schäfer: »"Mit der Absage des Abendessens hat Napolitano aus meiner Sicht bedauerlich und unverständlich reagiert", sagte Schäfer unserer Redaktion. Schäfer verteidigte Steinbrück: "Steinbrück hat mit dem, was er gesagt hat und wie er es gesagt hat, völlig Recht."«
Nachdem Steinbrück die Hälfte der Italiener für Vollidioten erklärt hatte, konnte der italienische Präsident Napolitano schlechterdings nicht mehr mit ihm zusammentreffen, das ist doch nicht unverständlich. Vielleicht hätte jemand das Steinbrück erklären können, aber der sagt trotzig, er stehe zu seinem Wort.
»Andere Sozialdemokraten zeigten Befremden. Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD), mahnte, den politischen Willen der italienischen Wähler zu respektieren."Mein wenig gutes Verhältnis zu Silvio Berlusconi ist bekannt. Wir sind bei der Betrachtung der Wahl alle gut beraten, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Italiener diese Parteien und ihre Führer gewählt haben", sagte Schulz der "Passauer Neuen Presse".«
Steinbrück sollte sich rhetorisch an Papst Benedikt ein Beispiel nehmen, der dem Bundestag ins Gesicht sagte, daß er ihn wegen der Sexualstraf- und Ehegesetzgebung für eine Räuberbande hält, dies aber mit so geschickten Worten, daß sogar die Grünen Beifall klatschten, die ja, wenn sie das Stichwort „Natur“ vernehmen, sofort den Verstand verlieren. Nur die Pius-Brüder haben damals durchschaut, was der Papst wirklich gesagt hatte, denn sie waren mit dessen Diktion bestens vertraut und wissen natürlich auch, was er unter „Natur“ versteht. Aber gesagt ist gesagt, jeder kann es nachlesen. Das war wirklich professionell, ich habe es ehrlich bewundert.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.02.2013 um 15.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22720

Kann man eigentlich »bis zu einem gewissen Grad entsetzt« sein? Klingt doch reichlich »halbschwul«.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.02.2013 um 15.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22721

Das muß ich mir merken, Herr Markner. Ich sage sonst immer, man kann nur schwanger sein, nicht ein "bißchen schwanger", aber "halbschwul" ist auch sehr schön.

Um wieder zur Sache zu kommen, geht es natürlich nicht, "bis zu einem gewissen Grad" entsetzt zu sein. Entsetzen ist ein Gefühl, das sich nur unvorbereitet einstellen kann. Natürlich schwadronieren Politiker gerne vor Mikrophonen von den spontanen Gefühlen, die sie natürlich immer erst beim Sprechen entwickeln. Auch wenn die Themen, um die es geht, schon mehrere Tage alt sind. Alles geschenkt! Naturkatstrophen, Geiselnahmen, Flugzeugkatastrophen, Amokläufe und andere schreckliche Dinge sind Anlässe, bei denen wir Politikern das mitunter gar nicht so echte Entsetzen immer gerne abnehmen und es zur Beruhigung ja womöglich auch brauchen. Dieses extreme Gefühl verträgt jedoch keine Einteilung in Grade. Damit hat Steinbrück sich wieder um seine von der eigenen Partei so gefeierte kantige Authentizität gebracht. Ich kann nicht bis zu einem gewissen Grad begeistert, entzückt, überrascht, schockiert, betroffen, enttäuscht oder verliebt sein. Darüber hinaus klingt der logisch damit verbundene "Begeisterungsgradmesser" für mich doch sehr nach einem Applausmeßgerät.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2013 um 11.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22885

Gestützt auf eine UN-Vorgabe, wird zur Zeit Inklusion als Fahnenwort hochgespielt, das Gegenteil als Aussortieren heruntergemacht. Es geht um gemeinsame Klassen für Behinderte und Nichtbehinderte. Es geht wahrscheinlich auch ums Einsparen von Geld und Personal.
Manche behinderten Schüler können in Regelklassen untergebracht werden. Man sollte sich aber für das "soziale Lernen" der anderen nicht zuviel versprechen, das nutzt sich ab.
Viele von uns dürften aus der täglichen Erfahrung oder aus der Bekanntschaft wissen, daß zahlreiche Arten der Behinderung eine überaus intensive Versorgung und Zuwendung erfordern. Warum das in Regelklassen gegen alle zusätzlichen Schwierigkeiten geleistet werden soll, ist mir nicht verständlich.
Ich habe Contergan-Opfer gesehen, die in einer Telefonzelle den Hörer mit dem Fuß hielten und sogar das Geld mit den Zehen in den Schlitz steckten. Welche Arbeit dahintersteckte, konnte man nur ahnen.
Ich kenne Menschen mit Down-Syndrom, die ausgezeichnet gefördert worden sind und sich fast wie unsereins verhalten.
Früher galten Schwerhörige oder Taube einfach als blöd und blieben dann auch dumm, weil man sie eben so behandelte. Mit richtiger Betreuung durch sehr gut ausgebildete Lehrer kann ein Behinderter heute viel erreichen.

Andererseits kenne ich Grund- und Hauptschullehrer, die völlig ausgebrannt sind wegen der täglichen Belastung durch verhaltensgestörte Schüler, die keineswegs mal eben neben der normalen pädagogischen Arbeit in der Klasse betreut werden können.

Angesichts der Tatsachen kommt einem die Rhetorik der Inklusionsideologen völlig verfehlt und auch unmenschlich vor.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2013 um 08.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22929

Die FAZ kritisiert im Wirtschaftsteil die inhaltsleeren Phrasen des Managerdeutschs. Das erinnert mich an die Plakate, mit denen die "EliteAkademie" der bayerischen Wirtschaft an den Universitäten wirbt; sie sind gänzlich mit Dutzenden von Schlagwörtern (Leadership usw.) bedeckt. Nichts, was heute gut und teuer ist, fehlt, und es wirkt lächerlich. Ich wundere mich jedesmal, wenn ich daran vorbeigehe, wie unempfindlich manche Leute in sprachlichen Dingen sind und wie gering sie von ihren Mitmenschen denken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2013 um 06.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23123

In der "Welt" kreidet Torsten Krauel es dem Bundespräsidenten an, daß er Steuerhinterzieher asozial genannt hat. Asozial ist heute schlimmer als kriminell. Man sollte meinen, Straftaten seien eo ipso auch asozial, und gerade Steuerhinterziehung ist ein Akt der Entsolidarisierung, der dieses Prädikat noch eher verdient als ein gelegentliches Gewaltverbrechen aus Eifersucht oder persönlicher Rache.

Der Bedeutungswandel ist wohl so zu verstehen: Das Soziale ist heute das Gute, und asozial ersetzt böse. Es soll also gesagt werden, daß der Steuerhinterzieher zwar einen Fehler macht (gegen eine Klugheitsregel verstößt, wie Kant sagen würde), aber nicht böse ist.

Die Solidarität, irrig genug als Grundwert angesehen, wird demnächst wohl so ausgelegt werden, daß gerade die Steuerhinterzieher solidarisch gegen den ungerechten Steuerstaat handeln. Das ist auch der Tenor der Leserzuschriften: gegen diesen Staat kann man gar nicht genug sein, und am besten ist es, dem Fiskus ein Schnippchen zu schlagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.05.2013 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23181

Einige Bücher über Merkel sind der Anlaß für allseitiges Munkeln und Raunen. Die "wirkliche" Merkel scheint ganz unbekannt und auf jeden Fall eine ganz Schlimme zu sein. Ein SPD-Sprecher weiß schon, was für ein Desaster das für die CDU bedeutet: "Die jüngsten Berichte über Frau Merkel kommen für die Union jetzt zur Unzeit", sagte Stegner mit Blick auf den Bundestagswahlkampf.“ (ZEIT 10.5.13)

Reuth und Lachmann werfen die Frage auf, ob Merkel eine „Reformkommunistin“ gewesen sei. Hauptsache, das Wort Kommunistin kommt irgendwie vor. Merkel kam vor 23 Jahren in den Bundestag; in dieser Zeit hätte man doch feststellen können, ob sie kommunistische Politik macht.

Um die Wendezeit war sie für einen "demokratischen Sozialismus". Die Hälfte der heutigen Deutschen hat diese Zeit wohl nicht bewußt erlebt und weiß nicht, daß damals fast jeder (in Ostdeutschland) für einen demokratischen Sozialismus war, weil man sich etwas anderes kaum vorstellen konnte.

Merkel war auch in Moskau und sprach gut Russisch – sehr verdächtig. In der FDJ hatte sie auch ein Pöstchen. Wahrscheinlich hat sie die halbe DDR-Jugend agitiert, leider erinnert sich kein Opfer mehr daran. Warum konnte sie überhaupt studieren? Warum will sie nicht mit Biographen sprechen? Das ist vielleicht überhaupt das, was man ihr am wenigsten verzeiht.

Weder war sie eine unpolitische Wissenschaftlerin, noch schlug ihr Herz für die deutsche Einheit. Vielmehr gehörte die ehrgeizige und systemkonforme Physikerin der sowjetisch geprägten Wissenschaftselite des SED-Staates an und trat 1989 für einen demokratischen Sozialismus ein – eine erstaunliche Ausgangsposition für die spätere Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende. (WELT über Reuth/Lachmann)

Wieso denn? Das zeigt bloß die erwähnte Vergeßlichkeit oder spekuliert darauf. Und wie präzise ist der Vorwurf "sowjetisch geprägt"? War irgend etwas in der DDR nicht "sowjetisch geprägt", wo man täglich ML-Lippenbekenntnisse ablegen mußte?

Reuth hat ja fast alles schon bei Langguth gelesen, dessen Buch er vor acht Jahren rezensierte. (Wie sehr viele Leser bemerkt haben, erscheint solches Zeug alle vier Jahre.)

Die Kampagne wird die Merkel-Fans nicht abschrecken, die Merkel-Feinde nicht versöhnen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.05.2013 um 22.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23185

Daß um die Wendezeit fast jeder in der DDR für einen "demokratischen Sozialismus" war, würde ich nicht sagen. Wäre es so gewesen, dann hätte das an der Utopie zwar nichts geändert, aber es hätte zumindest noch ein paar ernsthafte neue Versuche gegeben, eine Art demokratischen Sozialismus zu errichten.
Eine Wiedervereinigung hat bis zum Mauerfall fast niemand für möglich gehalten, das stimmt. Deshalb waren die Menschen natürlich für jede Art Demokratisierung, für jede Änderung, die sie dem Westen ein Stück näher brachte. Mit solche schrittweisen Demokratisierungswünschen wollte man erstmal die richtige Richtung einschlagen, man darf das aber nicht mit einem allgemeinen Wunsch nach demokratischem Sozialismus gleichsetzen. Das hat man Ende 89 sehr schnell gesehen, je mehr man sich in die Öffentlichkeit wagen konnte. Da wurde schnell klar, daß die Verfechter eines "demokratischen Sozialismus" eine sehr kleine Minderheit darstellten. Die Masse hatte genug von sozialistischen Experimenten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2013 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23186

Natürlich war das nur eine Verlegenheitsformel, unter der man sich Verschiedenes vorstellte, wie es ja auch im Westen mancher vertrat (und heute noch vertritt). Ich erinnere mich noch sehr gut, wie viele auch bei uns hier die schlichte "Wiedervereinigung" entweder ablehnten oder für unmöglich hielten. Es war eine gigantische Aufgabe und vieles schien offen, was man sich aus heutiger Siicht kaum noch vorstellen kann. Die Westdeutschen waren ja auch in Selbstkritik geübt (worden) und zum Teil durchaus aufgeschlossen, wenn man ihnen vorschlug, das kapitalistische "System" bei dieser Gelegenheit zu reformieren usw.

Merkels Mitgliedschaft in FGDG und DSF war das absolute Minimum an "gesellschaftlicher Aktivität" und taugt nicht einmal zum Vorwurf des Opportunismus. Das muß man den Jüngeren heute vielleicht auch noch sagen.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 13.05.2013 um 15.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23188

Daß beträchtliche Teile des sozialistischen Kults die "Friedliche Revolution" überlebt haben, hätte ich damals, 89/90, nicht für möglich gehalten. Die Jugendweihe ist geblieben. Straßennamen sind nur wenige geändert worden, vor allem Lenin mußte weichen. Die übrigen sozialistischen Heiligen sind geblieben. Rosa, Ernst und Karl zieren jedes kleine Dörfchen in Brandenburg. Auch Pieck und Grotewohl sind vertreten, allerdings seltener.

In Sachsen-Anhalt habe ich vor einigen Jahren eine Straße der Bodenreform gesehen. In Rostock gibt es sogar eine Ilya-Ehrenburg-Straße.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.05.2013 um 17.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23190

Ich habe von Anfang an geglaubt, daß Helmut Kohl die "blühenden Landschaften" ganz wörtlich meint, nämlich als ent-industrialisierte, und daß die Bundesregierung nur einen neuen Absatzmarkt für unsere Industrie dazubekommen will und an Ost-Produkten hier kein Interesse besteht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.05.2013 um 23.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23192

Zu den u.g. (#23181) Journalisten schreibt DER SPIEGEL, Nr. 20/13.5.13, S. 15:

Die Autoren Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann haben sich eine Tschekisten-Ehrenspange wirklich verdient, oder wenigstens eine wuschelige Russen-Tschapka.

Der bissigen Kritik würde ich wohl zustimmen, aber was ist eine Russen-Tschapka?
Mütze heißt auf russisch Schapka und auf polnisch Tschapka. Vielleicht wäre dieser kleine Unterschied vernachlässigbar, wenn nicht das polnische Wort Tschapka für eine pickelhaubenähnliche militärische Kopfbedeckung stünde, während das russische Wort Schapka für die auch zivil genutzte wuschelige Pelzmütze mit herunterklappbarem Ohren- und Nackenteil steht.

Na ja, die Jugendweihe. Was ist davon geblieben? Nur das Wort. Ich meine, für mich wäre allein das schon ein Unding, aber sie wird halt immer noch von einigen als Grund zum Feiern gebraucht, keineswegs von allen.
Daß nur wenige Straßennamen geändert wurden, trifft sicher nicht zu. Ich bin oft im Osten, und da, wo ich mich auskenne, wurde alles geändert. Mag sein, daß es noch ein paar vergessene Restbestände gibt, die fallen aber nicht ins Gewicht. Vielleicht haben sich auch wo ein paar Wendegeschädigte zusammengetan und die Umbenennung verhindert. Wir sind halt jetzt demokratisch.

Warum werden Kohl eigentlich die "blühenden Landschaften" immer vorgeworfen? Wenn man durch die östlichen Bundesländer fährt, sieht man sie doch auf Schritt und Tritt, seit nun über 23 Jahren, als es mit den wehenden schwarz-rot-goldenen Fahnen mit dem Loch in der Mitte anfing! Als ob keiner mehr wüßte, wie es früher dort aussah. Vom kleinsten Dorf bis zu den größeren Städten. Wie habe ich gestaunt, als ich nach der Wende zum ersten Mal Städte wie Celle und Hameln sah. Nun sehe man sich jetzt mal Görlitz und Bautzen und viele andere an, es sind die reinsten Schmuckkästchen geworden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.05.2013 um 23.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23193

Ein kleiner Lapsus ist mir hier unterlaufen, wenn man fährt, macht man natürlich weder Schritte noch Tritte, was ich aber meinte, man soll ruhig auch mal aussteigen.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 14.05.2013 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23194

In Sachsen, wo ich sehr selten bin, scheint ein etwas anderer Wind zu wehen. Hier in Berlin/Brandenburg sind die sozialistischen Namen keine Randerscheinung. In Städteatlas „Berlin mit Umland und Potsdam“ des RV-Verlags ist Karl Liebknecht, nach dem in Potsdam sogar ein Bundesligastadion benannt ist, 33mal im Straßenverzeichnis vertreten, Ernst Thälmann 31-, und Rosa Luxemburg 25mal.

Die Karl-Liebknecht-Straße ist in Berlin die Fortsetzung der Straße Unter den Linden, ebenfalls zentral gelegen ist der Ernst-Thälmann-Park und der Rosa-Luxemburg-Platz nebst -Straße.

Bemerkenswert ist auch, daß die Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" ihren Namen behalten hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.05.2013 um 18.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23195

Man kann sich auch den Titel des Buches von Reuth/Lachmann auf der Zunge zergehen lassen: Das erste Leben der Angela M. – Wieso M.? Offenbar soll hier schon suggeriert werden, es gebe da ein Geheimnis zu enthüllen, als sei die Frau irgendwo verschlüsselt zugange gewesen.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 15.05.2013 um 09.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23196

Eine Stimme aus einer anderen Zeit:

"Wenige Wochen vor seinem Tod hatte ich eine Hoffnung in Franz Josef Strauß gesetzt. Der unerschrockene, vielfältig interessierte, vielfältig gebildete Mann möge doch drastisch in die Diskussion um die Rechtschreibreform eintreten – 'ein kräftiges Wort von Ihnen, und es ist mit dem Spuk vorbei'. In welchem anderen wohlerzogenen Land dürfen obrigkeitlich bestallte Sachwalter als Sprachfunktionäre reformistisch tätig werden? 'Der neueste Vorschlag dieser Menschen ist weniger radikal, aber genauso verwerflich wie die vorhergehenden. Es ist nicht erforderlich, in die Erörterung des Wertes einzelner Vorschläge einzutreten, der von diskutabel bis nichtswürdig reicht. Verächtlich ist die Überzeugung, auf der diese regelmäßig auftretenden Peinigungen der Öffentlichkeit beruhen: die Meinung, Schrift und Sprache stünden zur Disposition von Manipulatoren, die einen Auftrag von Unterrichtsministern oder wem auch immer haben. Sie werden vielleicht nicht meine Auffassung teilen, daß auch den Kultusministern selbst eine solche Disposition nicht zusteht, sondern daß auch sie im Schulunterricht den überkommenen kulturellen Bestand zu respektieren haben, weil nur die communis opinio im Gefolge der edelsten Geister der deutschsprechenden Völker solche Veränderungen bewirken darf. Es genügt zum Beleg, die Reformwut der Kommissionen, die ohne die edelsten Geister auskommen, wahrzunehmen. Unsere Sprache ist von dem Reformator, von Dichtern und Philosophen, von gebildeten Soldaten, von Wissenschaftlern vieler Disziplinen entwickelt, gefördert worden; eine besonders erhabene Rolle der Germanistik ist nicht auffällig gewesen.' Der Versuch, die Grenzen des Staates zu bestimmen, stammt aus einer edlen deutschen Feder, ist aber in Deutschland folgenlos geblieben. Selbst solche, die konservativ genannt werden, mögen nicht einsehen, daß der Staat die custodes bestellt, die Gesellschaft sich ihre innovatores wählt und daß ein sehr großer Mann vonnöten ist, die Unterscheidung aufzuheben. – Strauß hat nicht mehr antworten können, doch der Nachfolger Streibl hat auf seine eigene Weise das Richtige getan."

(Johannes Gross, Das neue Notizbuch, 1985-1990, Stuttgart 1990, Eintrag vom 23. Dezember 1988, S.225)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2013 um 14.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23198

Worauf dann Dieter E. Zimmer antwortete und seine grundfalsche Auffassung von der Herkunft der deutschen Orthographie verbreitete, wiederabgedruckt in "Die Elektrifizierung der Sprache" und die falsche Ansicht noch unzählige Male in der ZEIT.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2013 um 17.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23202

Nachdem Merkel von führenden Grünen und Linken (Gysi) Unterstützung bekommen hat, die sich mit der DDR wirklich auskennen, könnte man den Fall Reuth/Lachmann zu den Akten legen. Die FAZ hat eine Glosse dazu veröffentlicht, woraus ich doch ein wenig zitieren muß:

Die mächtigste Frau der Welt lernte erst relativ spät laufen und mutmaßte dazu: „Vielleicht lag es daran, dass ich als kleines Kind meistens im Laufstall saß.“ Die Autoren kommentieren: „Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vermutlich war es so. Aber es könnte auch anders gewesen sein.“

Überschrift der Kolumne: "Der KGB im Laufstall".

Reuth hat eine lahme Rechtfertigung versucht, aber wer solches Zeug schreibt, ist nicht ernst zu nehmen. Ich weiß nicht, ob schon in diesem Buch selbst die geniale Frage aufgeworfen worden ist, wieso die talentierte Merkel eigentlich so gut Russisch kann ...
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.05.2013 um 18.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23204

Reuth hat es nicht so mit der Redlichkeit. Vor wenigen Jahren kommentierte er in der Bild die dem Springer-Verlag angedrehten »sensationellen« Baupläne von Auschwitz I und II und unterschlug dabei u. a. die Kleinigkeit, daß identische Exemplare dieser Pläne der Forschung seit Jahrzehnten bekannt waren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.05.2013 um 00.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23206

Nach meinem persönlichen Eindruck gab es in der DDR etwa 3% Aufrechte, die sich zu nichts nötigen ließen, sogar Benachteiligungen in ihrer beruflichen Kariere in Kauf nahmen, dann etwa 12% von der offiziellen Ideologie Überzeugte oder solche, die sich ganz bewußt nach dem Wind drehten, um Vorteile zu erlangen. Schließlich gab es etwa 85% Insassen, zu denen ich mich auch zähle, die das System zwar ablehnten, aber nach außen taten, was verlangt wurde. Wenn man was lernen und studieren wollte, wenn man einen Beruf nach seinen Fähigkeiten haben wollte, dann ging es nicht anders. Das tut mir gegenüber den 3% sehr leid.

Um nicht in staatliche Ungnade zu fallen, mußte man je nach Alter den Jungen Pionieren, der FDJ oder dem FDGB (Gewerkschaft) angehören, und das waren diese ca. 85% + 12% dann eben auch, außerdem gehörte spätestens ab etwa 11. Klasse meistens noch die DSF dazu. Wer vorhatte, eine höhere Schule oder Uni zu besuchen oder im Beruf weiterzukommen, mußte ein bestimmtes Maß an "gesellschaftlicher Aktivität" vorweisen.

Beispielsweise gab es einmal jährlich eine FDJ-Versammlung, wo die neue FDJ-Leitung des Klassen- oder Seminargruppenkollektivs gewählt wurde. Manchmal half es stillzusitzen, den Blick zu senken, nicht aufzufallen, man hoffte, die alten "Funktionäre" würden es vielleicht noch mal machen. Aber die wollten auch nicht ewig, da war eben mal jemand anders dran. Kaum jemand, der studiert hat, war nie in einer Pionier- oder FDJ-Leitung. Es klingt zwar heute total bescheuert, wenn man zugeben muß, man war einmal in der FDJ verantwortlich für Agitation und Propaganda. Aber genau diese Funktion war doch neben dem stellvertretenden Vorsitzenden der ideale Abduckposten. Der stand so auf dem Papier, damit war man offiziell "gesellschaftlich aktiv", brauchte aber am wenigsten zu tun. Am meisten Arbeit hatten der Vorsitzende und der Verantwortliche für Kultur und Sport, an denen hing immer viel Organisatorisches. Andere schöne Posten waren Kassierer, wer gut malen konnte, war "Wandzeitungsredakteur" oder Schriftführer (des Gruppenbuchs), und wo die FDJ nichts mehr abgab, gab es ja noch Pöstchen in der DSF oder in der GST, irgendwas mußte jeder machen. Jeder! Wer gar nichts vorweisen konnte, galt als politsch desinteressiert, inaktiv, hatte keinen gefestigten Klassenstandpunkt. Das war gefährlich, konnte einen den Studienplatz kosten.

Die Kanzlerin sagt, sie kann sich nicht mehr erinnern, was sie genau gemacht hat. Es klingt, als ob sie es nur nicht zugeben will. Aber ich (gleicher Jahrgang) kann heute auch nicht mehr genau sagen, ob ich nur in meiner Schulzeit oder auch während des Studiums mal in der FDJ-Leitung war. Ich meine zumindest, nie Vorsitzender gewesen zu sein, aber zum Stellvertreter oder Agit-Prop habe ich mich schon ab und zu breitschlagen lassen. Ich als kommunistischer Agitator! Pfff! Aber klar, die Bonzen waren mit mir zufrieden und ich konnte in Ruhe Abitur machen und zu Ende studieren. Bald danach habe ich dann mit meiner Familie einen Ausreiseantrag gestellt.

Daß die DDR abgesoffen ist, geschah nicht trotz, sondern eher weil Angela Merkel in der FDJ mal zuständig für Agit-Prop war!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2013 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23394

Ich will keinen neuen Faden anfangen, deshalb bringe ich es hier unter:

Die ZEIT bringt unter dem Titel: Ein Wohnheim für die größten Streber Bayerns einen Beitrag über das Münchner Maximilianeum. Nun war ich da noch nie drinnen und kenne auch keinen, der es absolviert hat. Ich selbst wäre nie reingekommen, obwohl ich ein ganz guter Schüler war, und meine Kinder hätten es selbst dann nicht geschafft, wenn sie fleißiger gewesen wären. (Hoffentlich lesen sie dies nicht!) Ich nehme also eine ganz bescheidene Froschperspektive ein, bin allerdings auch nicht für übertriebene Demut vor den Großkopferten bekannt.

Aber nun: Die Überschrift stößt mich schon mal ab. Wie kindisch, die besonders Begabten oder Leistungsfähigen als "Streber" herabzusetzen! Das war bei uns schon in der Oberstufe nicht mehr üblich. Was man dann über einzelne Stipendiaten erfährt, bestätigt die Verurteilung auch nicht. Mathematik studieren und daneben Klavierkonzerte zu geben – das scheint die Vorstellungskraft des Journalisten zu übersteigen.

Im Maximilianeum fehlt es den Studenten an nichts. Sie wohnen mietfrei und das Konto der meisten wird durch ein zusätzliches Stipendium befüllt.

Tja, es gibt noch andere Stipendien, bei denen es nicht viel anders ist. Warum sollte es den jungen Leuten an etwas fehlen? Das ist doch der einzige Sinn der Förderung, daß es ihnen an nichts fehlt. Über befüllen hatte ich mich schon anderswo geäußert, ein interessantes Verb. Colaflaschen werden in Befüllungsmaschinen befüllt, und dann ab damit!

Aber nun der Gipfel: Das Essen ist besonders exquisit: Neben Frühstück und Abendessen werden die Maximer jeden Mittag mit einem Drei-Gänge-Menü verwöhnt. Diese Schnösel! Mittags Suppe, Würstl mit Kartoffelbrei, Schokopudding, und als wäre das nicht genug, auch noch Frühstück und Abendbrot!

Aus denen kann nichts werden, wahrscheinlich lesen sie nicht einmal die ZEIT.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.06.2013 um 05.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23396

Zum Tod von Walter Jens erlaube ich mir einen Text einzurücken, den ich vor zehn Jahren schon unter www.rechtschreibung.com gebracht habe:

Auch wenn man Walter Jens keinen schwereren Vorwurf daraus machen sollte, daß er als junger Mann NSDAP-Mitglied war, so hätte man doch wenigstens erwarten können, daß er, der über alles und jedes geredet und geschrieben hat, den bedauerlichen Umstand wenigstens einmal zum Gegenstand einer Betrachtung oder wenigstens Erwähnung gemacht hätte. Daß im Verschweigen eine Schuld liegen könnte, scheint ihm gar nicht in den Sinn zu kommen, wenn er sich jetzt öffentlich darüber ausläßt, er sei doch gar kein „Germanist“ und gehöre nicht ins Germanistenlexikon. Auch sein sonstiges Leugnen und Bestehen auf weiteren Beweisen wirkt kläglich.
Aber bei Walter Jens wundert mich gar nichts, denn die Rhetorik ist ja nichts anderes als die zur akademischen Disziplin überhöhte Gesinnungslosigkeit. Das Allerkomischste ist wohl, daß Jens sich seit je als „Radikalen“ bezeichnet, „Radikalrepublikaner“. Das unerträgliche Wortgeklingel, mit dem er alle seine Texte ausstaffiert, wurde sogar von seinem Freund Peter Härtling einmal getadelt (FAZ vom 12.11.1977). Es erinnert an den nicht sehr geschmackvollen Gorgias, den man aber sympathischer finden muß, weil er in einer naiven Frühzeit wirkte und außerdem ziemlich lustig war. Der große Philologe J. D. Denniston schrieb über ihn: „Starting with the initial advantage of having nothing in particular to say, he was able to concentrate all his energies upon saying it.“ (Greek Prose Style. Oxford 1952, S. 12) Paßt genau, auch auf unseren Radikalrepublikaner.

Mein kürzlich verstorbener akademischer Lehrer, der Indogermanist Bernfried Schlerath, charakterisierte Jens, den er als Student, nur ein Jahr jünger als der vom Militärdienst befreite Jens, in Lateinseminaren erlebte, folgendermaßen:

»Jens, immer auf Wirkung bedacht, setzte sein Asthma gekonnt als rhetorisches Mittel ein: genau an der richtigen Stelle ein rasselnder Atemzug. Ich bewunderte ihn, hatte er doch gerade das, was mir fehlte: Selbstbewußtsein und Schlagfertigkeit. – Dann war es ein einziger Satz von ihm, der mich auf Distanz gehen ließ, der mich unangenehm berührte: „Nestle, dieser bedeutende Philologe – von Russen am Straßenrand erschlagen“. Schlagartig sah ich, daß dieser erschütterte Blick, erst in die Runde, dann gen Himmel, diese effektvoll berechnete Pause in der Mitte des Satzes, dieser langsam erhobene Arm, die Handfläche nach oben, der Mund blieb halb geöffnet stehen, pures Theater war. Nicht daß Jens geheuchelt hätte, daß er nicht etwa wirklich betroffen war, aber er konnte offenbar um der Wirkung willen über seine Gefühle verfügen, sie nach Belieben hervorrufen. Mein Gefühl wurde mir zur Gewißheit, als Jens einige Tage später – ich war später hinzugekommen – den gleichen Satz vor anderen Gesprächsteilnehmern in genau der gleichen Weise wiederholte, exakt genau, bis in die kleinsten Einzelheiten. „Nestle, dieser bedeutende Philologe – von Russen am Straßenrand erschlagen“. „Ekelhaft“, dachte ich. Sein weiterer Lebensweg bestätigte meinen damaligen Eindruck. Seine letzte wichtige Leistung war sein Buch „Hofmannsthal und die Griechen“ von 1955, vielleicht noch „Bauformen der griechischen Tragödie“ von 1971. Dann verließ er die Klassische Philologie und produzierte sich von nun an mit allen möglichen Modeströmungen, auch politischen, als Vehikel seiner Eitelkeit und wurde so zu einer einflußreichen Figur des Geisteslebens, d. h. vor allem der Feuilletons.« (Das geschenkte Leben. Dettelbach 2000, S. 141f.)

Und nun noch eine Kleinigkeit, die unser gemeinsames Thema, die Rechtschreibreform, berührt:
Bei Rowohlt ist die Biographie „Frau Thomas Mann“ von Inge und Walter Jens erschienen (2. Aufl. 2003): „Die Schreibweise entspricht den Regeln der neuen Rechtschreibung.“ Was sind die Folgen? allgemein bildende Vorlesungen ...Trotzdem hatte Hedwig Pringsheim Recht... Katia hatte Recht usw.; obwohl der Empfang sich nicht sehr viel versprechend angelassen hatte... An beiden Orten waren die materiellen Verhältnisse durchaus zufrieden stellend... Gustaf Gründgens war übrigens nicht der Einzige aus der Gilde der alten Arcisstraßenbesucher ... Quäntchen ... fürs Erste ... wenn es Not tat ... Mir tun die Deutschen kein bißchen Leid... Besorgnis erregende Erkrankung. Daneben unterlaufen herkömmliche Orthographie: Abschluß, daß, zeitraubend und konservative Silbentrennung: Jüng-ste usw. Es ist erstaunlich, daß Jens sich eine solche Textverhunzung gefallen läßt. Denn es ist noch nicht lange her, daß er sagte: „Ich bestehe darauf, daß meine Bücher in der alten Rechtschreibung gedruckt werden, ja selbstverständlich!“ ('Sabine Christiansen / Man spricht Deutsch – aber wie?' ARD, 29.07.2001) Übrigens schrieb Peter Wapnewski in schönster Neuschreibung über seinen Freund Jens: Er tut uns Not. (Die Welt 7.3.03)



Ich möchte noch hinzufügen, daß Jens und die Tübinger Schule der Rhetorik niemals mit dem Problem fertig geworden ist, daß die Bestimmung "vir bonus" in der Definition des vollkommenen Redners ein überschießender Bestandteil ist. Geht man auf Gorgias zurück, so ist der gute Redner ein erfolgreicher Redner, sonst nichts. Jens und seine Schüler kommen zu dem Ergebnis, daß Hitler und Goebbels überhaupt keine richtigen Redner, geschweige denn gute gewesen seien. Das ist absurd, aber das Gegenteil dürfen diese Herren nicht einmal in Erwägung ziehen, weil sonst ihre fragwürdige Kunst bloßgestellt wäre, wie sie es seit Platon und Kant immer schon war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.06.2013 um 04.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23407

Gert Ueding schreibt zum Tod seines Lehrers und Vorgängers Jens:

Mit Walter Jens, der nun am Sonntag mit 90 Jahren in Tübingen gestorben ist, nimmt ein Schriftstellertypus seinen endgültigen Abschied, den die deutsche Literatur erst im 18. Jahrhundert hervorgebracht hat, in ihr aber immer ein Fremdling geblieben ist. (Tagesspiegel 10.6.13)
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 13.06.2013 um 12.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23411

Versteht sich von selbst, daß in der taz weder beim Büchnerpreis noch bei W. Jens das Bemühen der Betreffenden um gute Rechtschreibung Erwähnung findet. Stattdessen wird ihnen sogar zitatweise ein Heysesches "muss" untergejubelt. Der Deutschlandfunk traute sich immerhin noch, wenn auch etwas nebulös, zu sagen "Er äußerte sich auch zur Rechtschreibereform."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2013 um 12.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23439

Die neueste Wendung der Steinbrückschen Rhetorik (Ehefrau, Tränen) ist durchaus nicht so unklassisch, wie die marmorweiße Antikenillusion nahelegen könnte. Es gibt eine ganze Reihe Stellen wie etwa diese:

Nec vero miseratione solum mens iudicum permovenda est – qua nos ita dolenter uti solemus ut puerum infantem in manibus perorantes tenuerimus, ut alia in causa excitato reo nobili, sublato etiam filio parvo, plangore et lamentatione complerimus forum –, sed est faciendum etiam ut irascatur iudex mitigetur, invideat faveat, contemnat admiretur, oderit diligat, cupiat fastidiat, speret metuat, laetetur doleat; qua in varietate duriorum accusatio suppeditabit exempla, mitiorum defensiones meae. (Cicero, Orator 38, auch 37 gehört dazu)

Das kommt uns nicht besonders geschmackvoll vor und weckt Verständnis für die Rhetorikschelte von Platon bis Kant. Paßt auch zu Jens' komödiantischer Existenz.

(Ich käme mir selbst arrogant vor, weil ich dem lateinischen Text nicht die deutsche Übersetzung beigefügt habe, aber ich weiß ja, daß man sie im Internet in Nullkommanichts findet ...)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2013 um 13.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23451

Eigentlich bin ich kein großer Freund von Oscar Wildes Witzmechanik, aber manchmal trifft es schon ganz hübsch: “The amount of women in London who flirt with their own husbands is perfectly scandalous. It looks so bad. It is simply washing one's clean linen in public.”
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2013 um 12.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23499

Viele Medien feiern Steinbrücks jüngste Rede als rhetorische Glanzleistung:

Peer Steinbrück punktet gegen Merkel (SZ online Schlagzeile 27.6.13)

Steinbrück schickt Merkel in die Wüste

(wegen des kleinen Witzes)

usw.

Nun, wie gesagt: die Qualität einer Rede mißt sich am Erfolg, sonst nichts. Wenn Steinbrücks Rede seine Beliebtheit oder seine Wahlchancen nicht erhöht hat, war die Rede nicht gut. Die Tübinger Schule der Rhetorik hat versucht, die Bewertung vom Erfolg abzukoppeln. Eine Rede wurde nach ihrer formalen schulmäßigen Geschliffenheit oder nach ihrer demokratischen (= sozialdemokratischen) Gesinnung beurteilt. Das ist alles Unsinn und vollkommen unklassisch, ganz im Gegensatz zum Selbstbild der Tübinger Rhetoriker (die denn auch niemals selbst etwas durch eine Rede bewirkt haben, außer sich selbst zu feiern).

Natürlich kann es vorkommen, daß eine Rede, die unter anderen Umständen erfolgreich wäre, ganz untergeht, trotz aller Durchdachtheit, Schlagfertigkeit usw. Aber die genaue Berücksichtigung der Umstände gehört eben mit zur rhetorischen Leistung, auch das ist klassische Lehrmeinung. Was in der Situation A mitreißt, wirkt in der Situation B als störender Lärm.

In gewisser Weise freut es mich, daß die Rhetoriker, die ich nie ausstehen konnte, durch das Phänomen Merkel zur Verzweiflung getrieben werden. Deren berüchtigte Null-Rhetorik bei gleichzeitiger Höchstbeliebtheit, das ist schon ein harter Brocken. (Nicht daß ich sie wählen würde, Gott bewahre!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2013 um 11.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23527

In Wahlkampfzeiten melden sich natürlich auch die Kommunikations-Quatschköpfe, die immer ganz genau wissen, wie man Wahlen gewinnt. Aber darum geht es mir diesmal nicht:

Körpersprache des SPD-Kanzlerkandidaten: „Steinbrück achtet nicht auf die Menschen“- Wenn Peer Steinbrück auf Menschen trifft, schenkt er ihnen zu wenig Beachtung, sagt Kommunikations-Experte Michael Moesslang. (focus.de 2.7.13)

In normalem Deutsch würde man hier erwarten Wenn Peer Steinbrück auf andere Menschen trifft.... Das ist logisch nicht zu begründen, es gehört zur Pragmatik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2013 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23642

„Wir gewinnen dieses Ding, wenn wir mobilisieren“, so Steinbrück. (Bericht über Wahlkampfrede in Bochum, 6.7.13)

Warum wirkt das abstoßend? Vielleicht weil das unspezifischste Substantiv anzeigt, daß der Sprecher sich nicht die geringste Mühe gibt, den eigentlichen Gegenstand, also die Wahl, in der üblichen Weise zu benennen. Das wirkt geringschätzig, wenn man bedenkt, daß es um die Zukunft des Landes geht. Die erscheint hier als so'n Ding unter anderen Dingen (oder besser Dingern). Vielleicht wirkt auch das Pathos des Ärmelhochkrempelns (im "Ruhrpott", wie man so sagt) aufgesetzt kumpelhaft. Oder soll die Anbiederung der Wiedergutmachung dienen, Stichwort Bochumer Stadtwerke?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2013 um 06.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23712

Das "Ding" gefällt Steinbrück so gut, daß er immer wieder erklärt, er wolle es gewinnen. Außerdem sagte er in Bayern:

Im Jahr 1999 habe es mit Gerhard Schröder (SPD) einen Kanzler gegeben, der sich schriftlich die Bestätigung des US-Geheimdiensts NSA habe geben lassen, dass keine deutschen Interessen und Rechte verletzt würden und dass die Daten nicht der Wirtschaftsspionage dienten. "Das war ein Bundeskanzler, der sich durchgesetzt hat", sagte Steinbrück. "Das erwarte ich auch von Frau Merkel, und zwar so schnell wie möglich." (Spiegel 20.7.13)

Viele Leser finden es überhaupt ungeschickt, den russischen Gasindustriellen Schröder als Vorbild zu preisen, aber am meisten Heiterkeit hat der Hinweis auf die schriftliche Zusicherung der USA hervorgerufen, nun auch ganz gewiß brav zu sein. Eine solche Bescheinigung kann sich auch Merkel ausstellen lassen, aber die Deutschen wissen, daß niemand die Amerikaner daran hindern kann und wird, ihrer Tätigkeit nachzugehen. Die Rhetorik (auch von Nahles usw.) geht auf eine schon wieder faszinierende Weise am Publikum vorbei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2013 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23720

Nur wenige Kommentatoren sagen klar, was ja ganz offensichtlich hinter dem jüngsten Gerede um den "Soli" steckt: Merkel will ihn 2019 "nicht abschaffen" – obwohl er doch von selbst ausläuft und es gar keiner Abschaffung bedarf. Es kann ja höchstens darum gehen, eine neue Sonderabgabe mit anderem Namen und anderer Zweckbindung einzuführen. Das wird aber nicht gelingen, und warum sollte Merkel jetzt schon über solche Vorhaben in der übernächsten (!) Legislaturperiode sprechen? Nein, es geht einzig darum, der FDP die Gelegenheit zur Profilierung zu geben, damit sie über die 5-Prozent-Hürde kommt und Merkel in der jetzigen Konstellation weiterregieren kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2013 um 05.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23735

Deutschland ist ein Überwachungsstaat – so ist ein Offener Brief überschrieben, den 32 "Schriftsteller" (von Ulrich Beck bis Feridun Zaimoglu) in der FAZ vom 26.7.13 abdrucken lassen.

Ist die Bundesregierung dabei, den Rechtsstaat zu umgehen, statt ihn zu verteidigen? (...) Das Grundgesetz verpflichtet Sie, Schaden von deutschen Bundesbürgern abzuwenden. Frau Bundeskanzlerin, wie sieht Ihre Strategie aus?

Der Text (in Reformorthographie) ist sprachlich schwerfällig und inhaltlich nicht verschieden von den Sprechblasen im Bundestag. Er macht es der Adressatin leicht, staatsmännisch zu antworten und damit einen guten Eindruck zu machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2013 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23954

In unserer Ferienwohnung steht ein Fernsehapparat, aber wir werden ihn auch zum "Duell" zwischen Merkel und Steinbrück nicht einschalten. Was soll ein rhetorischer Schlagabtausch denn zeigen? Im Grunde ist es die Entpolitisierung der Politik. Es ist schon schwer genug, die Entwicklung der Positionen und Maßnahmen über die Jahre hin zu verfolgen, wenn man auf die Medien angewiesen ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.09.2013 um 06.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23971

Gegen meine Absicht habe ich das "Duell" nun doch gesehen, dazu etwas Beiwerk. Es hat meine Abneigung gegen das Genre (und gegen das Fernsehen) verstärkt. Die "Moderatoren" habe ich allesamt erstmals leibhaftig gesehen. Sollen anscheinend die Elite des Journalismus sein. Wozu gleich so viele, was haben der vor sich hin nuschelnde Herr Alexander, der auf mich wie ein Schuljunge wirkte, und der fast nicht anwesende Herr Kloeppel eigentlich beigetragen. Die Frau Will schien es darauf angelegt zu haben, die Frau Merkel keinen Satz zu Ende bringen zu lassen, dieses unbeirrte Dreinreden hat mich schon sehr genervt. Daß Politiker ihre Redestücke auswendig lernen, ist verständlich, aber bei Journalisten wirkt es stumpfsinnig. Der Herr Raab hatte sich auch was zurechtgelegt, was am Tag danach als Großtat gefeiert wird; die Ansprüche sind eben sehr niedrig.
Ich hatte jahrelang gelesen, was für eine großartige Journalistin die Will sei. Na, ich weiß nicht. Die gedruckten Zeitungen sind schon ziemlich dürftig geworden, aber Fernsehen ist wirklich nicht der Rede wert. (Es war noch eine andere Frau dabei, aber den Namen habe ich schon wieder vergessen.)
In einer Zeitung wird heute moniert, daß die Politiker nicht auf den deutschen Osten eingegangen sind und damit dieses Thema dummerweise der Linken überlassen haben. Aber diesen Vorwurf müßte man den Journalisten machen, die schließlich den Themenkatalog zusammengestellt und dann brav abgefragt haben.

Die Politik ist das Schicksal, aber nicht diese.

Ach so, ja: Ich werde Merkel zwar nicht wählen, fand sie aber unvergleichlich besser als Steinbrück. Den kann ich nun mal nicht leiden, darum mißfiel mir alles, was sagte. Für diesen Mechanismus beanspruche ich Allgemeingültigkeit. Er wird in der Theorie der Rhetoriker meist vernachlässigt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2013 um 07.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24016

Der unsterbliche Hund des Alkibiades kommt mir wieder in den Sinn, nachdem die Süddeutsche Zeitung Steinbrücks Mittelfinger zum Hauptgegenstand der politischen Diskussion erhoben hat. Die Halskette, der Finger, zwischendurch die existentielle Frage, wie gut sich Herr Raab geschlagen hat...

Es gibt sehr große Probleme zu lösen – welche waren es noch mal?
 
 

Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 13.09.2013 um 18.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24018

Zit.: Vielleicht wirkt auch das Pathos des Ärmelhochkrempelns (im "Ruhrpott", wie man so sagt) aufgesetzt kumpelhaft.

Hierzu fällt mir ein, daß auch der Herr Gabriel, wenn er vor Leuten spricht, die er für Industrieproletariat hält, allzu kräftig kumpelt, wenn er sich beispielsweise zwischen zwei Sätzen in den Ärmel schneuzt.
 
 

Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 13.09.2013 um 18.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24019

Zu 23971 (Berührungen mit dem Fernseher):

Bei Klemperer ist in den Tagebüchern zu lesen, wie offen, neugierig, staunend, interessiert, affirmativ er sich dem neuen Medium Rundfunk nähert. Hier in diesem Blogeintrag hingegen erleben wir einen Hang zum Phobischen. Der Autor läßt diesem Medium doch gar keine Chance.

Dabei war alleine der Frau Illner bei einer ZDF-Jubelgala prächtig adularblaues Ballkleid Legitimation genug für die Entwicklung des Farbfernsehens. Diese eher seltene, aber ganz passende Farbe gibt es sogar als Tinte. Erinnern wir uns: Frau Illner war in einer ihrer Sendungen auch mal blau – ich glaube sogar, mehrmals.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2013 um 13.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24025

"Ulrich Sollmann arbeitet als Coach und Berater mit Führungskräften und Politikern. Er ist Medienexperte für Körpersprache und nonverbale Kommunikation, Buchautor und betreibt einen Blog. Zudem leitet Sollmann eine körperpsychotherapeutische Praxis in Bochum. Für FOCUS Online analysiert er die Körpersprache der Politiker zur Bundestagswahl."

Dieser Parawissenschaftler gibt bei Focus online gleich eine umfassende "Analyse" der Politik, wie sie sich kein seriöser Politikwissenschaftler zutrauen würde. Das machen die Körperpsychotherapeuten mit links. Ein Blick auf die "meditativ wirkende, selbstsichernde, Rautenförmige Handhaltung" genügt ihnen.
 
 

Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 15.09.2013 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24028

Gewiß, aber Samy Molcho ist wirklich gut! Und zwar nicht etwa deshalb, weil er sich auf Politikinterpretationen heraushält.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.09.2013 um 18.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24029

Der Begriff »Medienexperte« ist schön. Also jemand, der nur in den Medien als Experte gilt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.09.2013 um 03.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24030

Warum war der Wahlsieg der CSU eigentlich eine Niederlage? Weil es der Unionspartei zum dreizehnten Mal nacheinander mißlungen ist, eine Koalition mit der FDP zu erreichen (oder so ähnlich). Das hat Steinbrück herausgefunden. Sollte die Union also eines Tages in Bund und Ländern überhaupt keinen Koalitionspartner mehr benötigen, wäre sie völlig am Ende.

In Bayern gibt es keine Opposition. Die anderen Parteien wetteifern bloß darin, die bessere CSU zu sein. Das haben wir schon bei der Rechtschreibreform gesehen: Alle fanden sie gut, SPD und Grüne hatten nur auszusetzen, daß Zehetmair nicht weit genug ging, Kleinschreibung hätte ihnen noch besser gefallen, und das war's.
 
 

Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 16.09.2013 um 10.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24032

Tritt eigentlich die AfD für eine Neuabwägung der Rechtschreibreform ein?
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 16.09.2013 um 15.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24033

@Herrn Glück: Meinen Sie, daß die Beschäftigung mit einem Thema, für das der Bund praktisch nicht zuständig ist, eine gelungene Idee wäre?
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 16.09.2013 um 16.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24035

Die AfD hat nichts dazu verlautbaren lassen, soweit ich es überblicke. Ihre Wahlwerbung ist in gängiger Reformschreibung gehalten.
Meines Wissens ist die einzige Partei, die die Rechtschreibreform ablehnt, die NPD (trotz Rust – oder wegen?). "Die Partei" der Titanic wendet gewohnheitsmäßig die bewährte Rechtschreibung an, allerdings ohne Sendungsbewußtsein.
Bei West-Linken und Grünen tummeln sich alte K-Gruppen-Kader mit Siebziger-Jahre-GEW-Gesinnung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2013 um 07.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24093

„Wenn die Linke ans Ruder kommt, wird's richtig teuer“, giftete die CSU-Frau. Kein Vorbild im Fairplay. (Aigner gegen Gysi in einer Politiker-Talkshow laut Welt vom 22.9.13)

Ein harmloser Satz, im gleichen Zusammenhang tausendmal gehört, kommt dieser Journalistin schon unfair vor. Von welchem Planeten ist sie zugewandert?
 
 

Kommentar von Alexander Glück an Glasreiniger, verfaßt am 23.09.2013 um 15.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24096

Die von den Bürgern gefühlte Zuständigkeit liegt ganz klar beim Bund, beim Gesetzgeber, bei Mutti oder bei Friedrich Barbarossa.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.09.2013 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24098

A propos "Mutti". Wer auch immer diesen Spitznamen für Merkel in die Welt gesetzt haben mag (der SPIEGEL erwähnte mal Michael Glos) – die Journalisten, die es so ungemein geistreich finden, daß sie es täglich nachsprechen, sind möglicherweise ein Opfer ihrer eigenen Sprache. Sie sehen die so Benamste wohl mehr oder weniger tatsächlich als Mutti und damit vermutlich ziemlich falsch. Für meine Frau und mich hatte der Beiname von Anfang an etwas Herablassend-Frauenfeindliches. Es ist auch ein Kleinreden einer Politikerin, vor der man sich nicht gern fürchten möchte. Wer von den unterlegenen Politikern wird nun mit schlotternden Knien in eine Koalition mit der Mutti gehen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2013 um 10.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24180

Die geheimnisvolle Angela M. hat gerade einen Nachfolger gefunden:

Die verlorene Ehre des Peer S (Frankfurter Rundschau 27.9.13)

Wer mag sich hinter dem S. verbergen? Mit seinem Verschwinden hatten wir ja gerechnet, daß er so bald schon anonymisiert werden würde...

Kurioserweise ist das ja bei der Böllschen Vorlage nicht so.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.10.2013 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24206

Jemand glaubt etwas über den bekannten Rechtsmediziner Otto Prokop herausgefunden zu haben, FOCUS berichtet:

Später nahm er als Wehrmachtssoldat am Überfall auf die Sowjetunion teil (Unternehmen „Barbarossa“), bei dem Millionen Menschen starben. (focus.de 9.10.13)

Die Teilaussagen sind richtig, aber die Nebeneinanderstellung suggeriert: Prokop hat die Sowjetunion überfallen und ist mitschuldig am Tod von Millionen Menschen.

Das ist nicht fair. Der 19jährige Medizinstudent hat in der Wehrmacht gedient (und hat wie alle anderen vermutlich getötet), mehr scheint der neue Entlarver nicht herausgefunden zu haben.

Ich habe vor einigen Jahrzehnten das schätzenswerte Buch über den modernen Okkultismus (Prokop/Wimmer) gelesen, sonst weiß ich nichts Näheres über Prokop, aber so geht es wirklich nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2013 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24575

Reich klingt nach „Eigentum ist Diebstahl“, erfolgreich nach Verdienst. Armut adelt, Erfolglosigkeit nicht. Man sollte sich, wenn es zum Beispiel um den Länderfinanzausgleich geht, die Wortwahl gut überlegen. Das sage ich als egoistischer Bürger Bayerns.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2014 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24822

Neulich wurde meine Frau eingeladen zu einem "Ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm". Die Kirchen sind etwas unentschieden, ob sie diese Form der "Spiritualität" dulden oder gar unterstützen sollen.
Der Kern ist wieder einmal eine Typenlehre. Wie alle anderen reduziert sie Komplexität und verschafft damit ein Gefühl der Orientiertheit (des Bescheidwissens). All diese Lehren haben ihre eigene Beredsamkeit, aber es ist im Grunde immer dasselbe, nur die esoterischen Vokabeln wechseln.

 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.01.2014 um 16.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24827

Ein Enneagramm wiegt 10 % weniger als ein Dekagramm.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2014 um 08.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24885

zum Enneagramm s. auch hier: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=57#1176
Und noch dies:

"Am Mittwoch der Karwoche haben sich 30 Männer (davon 8 Firmlinge) in der Abenddämmerung am Ufer des Traunsees eingefunden, um dort ihre Rucksäcke mit 5 Steinen zu füllen. Diese Steine bedeuten, dass es in unserem Leben schweres, Hartes und Unverarbeitetes gibt, das wir nicht so ohne weiteres loswerden. Wir tragen es in unserem alltäglichen Leben mit. Es beschwert uns, nimmt uns Freude und Leichtigkeit. Schweigend zogen wir dann durch den Bergwald am Fuße des Traunsteins, die Kaltenbachwildnis und legten dort an 5 Stellen mit unseren Steinen Kreuze aus. Bei jeder Station stellten wir uns Fragen zu Schuld, Verletzung, Vergebung und Verantwortung und legten ein Stein ab. So haben wir Gott gebeten uns von Unversöhntem und Belastendem zu befreien. 30 Männer gemeinsam in der Abenddämmerung unterwegs auf der Suche nach dem heiligen Schauer der Gotteserfahrung, den erdige, kraftvolle Rituale Männern immer wieder vermitteln." (maennergruppen.at)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2014 um 15.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24976

Manche Redensarten vermehren sich in der Presse plötzlich, und dann kann man einige Monate lang keine Zeitung mehr aufschlagen, ohne ihnen zu begegnen. Wenn mich nicht alles täuscht, ist es im Augenblick sich neu erfinden: die Schweiz, die Bundeswehr usw., alle müssen sich neu erfinden.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 30.01.2014 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24977

Zu #24976: "Culture is language, and language is culture." (Henry Lee Smith)

 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 30.01.2014 um 18.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24978

Täusche ich mich, oder ist derzeit besonders viel "verstörend"? In den letzten Tagen waren beispielsweise Kardinal Meisner, Christian Wulff und Florian Eichingers Film "Nordstrand" verstörend. Überhaupt wird für Kunst jedweder Form der Kommentar "verstörend" als Prädikat vergeben.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 30.01.2014 um 19.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24979

Auch verstörend: die überbordende Emotionalität. "Umgehungsvarianten für Wetterburg wurden emotional diskutiert“, wird gemeldet, die "EU findet Debatte um Einwanderer zu emotional“. Die Sportpresse fragt: „Ist Jürgen Klopp zu emotional?“ Der Filmfirma C-Films ist es wichtig, "Geschichte emotional aufzuarbeiten“, während "Jesus Christ Superstar" in Hagen "wenig emotional“ rüberkam. „Zumindest emotional als Erfolg“ betrachtet hingegen der Arbeiterunterstützungsverein Gerolzhofen in einer Mitteilung sein Wintergrillen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.01.2014 um 11.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24983

Ja, lieber Herr Virch, erst gestern bekam ich per E-Mail die Programmvorschau des Cinema Quadrat, Mannheim, zum Film "Kid-Thing" (Hervorhebung von mir):

Hinter der realistischen Aufmachung versteckt sich eine explosive Mischung aus Spannung, Brutalität und purer Melancholie. Ein verstörender, sehr besonderer Independent-Film.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2014 um 16.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24986

Sehr beliebt ist auch Geld in die Hand nehmen. Auf dem Wochenmarkt kündige ich meiner Frau an, jetzt ordentlich Geld in die Hand zu nehmen und einen Blumenkohl zu erwerben.

Übrigens:

Außenminister Frank-Walter Steinmeier will, dass sich Deutschland stärker in der Welt engagiert. "Es wird zu Recht von uns erwartet, dass wir uns einmischen", sagte Steinmeier in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung unmittelbar vor Beginn der Münchner Sicherheitskonferenz. Die großen Konflikte der Welt seien näher an Europa herangerückt, "ihre Folgen sind auch in Deutschland unmittelbar zu spüren". (SZ 30.1.14)

Ich finde aber, sich einmischen ist negativ besetzt. Das klingt nicht gerade werbend.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 31.01.2014 um 17.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24988

Steigender Beliebtheit erfreut sich auch ein Stück weit. Oft wird es sogar dort verwendet, wo es überhaupt nicht paßt.
Johann Niggl, der Chef der Bayerischen Eisenbahngesellschaft: "Das ist ein Stück weit die Quadratur des Kreises." (SZ 31.1.14, Bayernteil)
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 31.01.2014 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24989

Noch mehr tut sich seit einiger Zeit jeder einbringen.
Auch Gauck hat es heute in München mit dem Einbringen.

 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 31.01.2014 um 22.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24990

Auch ist heute auffallend viel einem Umstand geschuldet.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 01.02.2014 um 01.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24992

Heutzutage wird alles mögliche irgendwo verortet. Auch in einer Kritik zur letzten Ausgabe der ZDF-Talksendung »Maybrit Illner« auf FAZ.NET (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/faz-net-fruehkritik/tv-kritik-maybrit-illner-die-kraenkung-der-europaeer-12778164.html) darf das Wort nicht fehlen:

Denn daraus lassen sich theoretisch zwei Schlussfolgerungen ziehen. Die eine wäre Resignation. Die andere politische Konsequenzen zu ziehen. Und in der Sendung wurde deutlich, in welchem Kontext diese zu verorten sind.

Interessant auch die recht eigenwillige Orthographie:

Er [Egon Bahr] spricht aus Jahrzehnte langer Erfahrung als deutscher Außenpolitiker.

der ehemalige NSA und CIA Direktor Michael Hayden

Es geht um drei Punkte. Der Erste ist Technologie getrieben.

zum ersten mal

In Wirklichkeit bestimmt diese Kränkung die europäische Debatte: Nämlich der Wahrheit endlich ins Gesicht sehen zu müssen.

Grammatisch beachtenswert:

Fred Kempe, Präsident einer transatlantischen Denkfabrik in Washington, wies auf den zweiten Aspekt hin. Der mit dem Aufstieg Chinas wichtigsten geopolitischen Machtverschiebung „seit dem 19. Jahrhundert“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2014 um 05.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#24994

sich einmischen, Verantwortung übernehmen und sich einbringen gehören zu dem Vokabular, mit dem die Deutschen zur Zeit auf Militäraktionen eingestimmt werden sollen. Mal sehen, ob es von der Leyen, Steinmeier, Gauck gelingt, die Abneigung der Bevölkerung zu überwinden. Wahrscheinlich sind noch andere rhetorische Mittel notwendig, die wir ja mal im Auge behalten können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2014 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25002

Auch Clemens Wergin meint in der "Welt" (1.2.14), daß Deutschland sich militärisch seinen Platz an der Sonne erkämpfen müsse (er drückt es etwas verklausulierter aus). Vor 14 Jahren, damals noch beim "Tagesspiegel", machte er sich über die "Welt" (und mich) und die FAZ lustig, weil sie dem von Politikern verordneten Rechtschreibfrieden nicht folgen wollten. (28.8.2000)

Wergin schreibt nun: Deutschland soll und muss sich auch außerhalb Europas als wichtige Gestaltungsmacht begreifen.

Steinmeier meint, Deutschland solle nicht nur vom Spielfeldrand aus der Weltpolitik zusehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.02.2014 um 07.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25013

Und schließlich - und vor allem - wäre zu zeigen, daß die These, Rhetorik mache Wissen kommunikabel und führe, jenseits der Spezialisierung, zu einer Verständigung unter den Menschen, indem sie Fachfragen in Lebensfragen verwandele ... schließlich wäre zu zeigen, daß diese bereits in der Antike vorgebildete These (Philosophie schließt, dem Wahren verpflichtet, die Faust: sie behält Wissen für sich. Rhetorik, ans Wahrscheinliche denkend, öffnet die Hand: sie verbreitet das Wissen) mit aller gebotenen Exaktheit im achtzehnten Jahrhundert formuliert worden ist - und heute, im Zeichen der Soziolinguistik, lediglich repetiert wird. (Walter Jens FAZ 11.11.75, zitiert nach Wolf Schneider, der sich darüber lustig macht: Wörter machen Leute. München 1978:268)

Jens kreuzt Wahrheit/Wahrscheinlichkeit mit Esoterik/Exoterik und mit der Relevanz fürs Leben. Außerdem geht es nicht um Wahrscheinlichkeit, sondern um Plausibilität. Das griechische „eikos“ wird meist falsch übersetzt, entsprechend der Fehlübersetzung von „mimesis“ als „Nachahmung“ in der Poetik – statt „Darstellung“.

Platon wollte auch politische Fragen wissenschaftlich entscheiden (Philosophenkönige), Aristoteles hielt das für unmöglich und sah hier die Rhetorik zuständig. Heute stehen Wirtschaftswissenschaftler und Versicherungsmathematiker gegen Politiker wie Nahles, die den Menschen versprechen: „Allen soll es besser gehen.“ Die Rhetorik hat zunächst im Wahlkampf und im Bundestag gesiegt, aber dann ging es um Schadensbegrenzung, weil die Tatsachen sich nicht verbiegen lassen. Ähnlich lief es bei der „Energiewende“.
 
 

Kommentar von Peter Küsel, verfaßt am 03.02.2014 um 18.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25024

Sehr beliebt ist auch die Schnittstelle.

»Die 46-Jährige ist Bestsellerautorin und beschäftigt sich mit der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Gesellschaft.«

(Das Handelsblatt über Miriam Meckel, 6. Dezember 2013, S.65)
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 05.02.2014 um 23.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25059

Am Ende des Tages hat man neuerdings genau diese Formulierung mindestens dreimal gehört oder gelesen. Läßt hier womöglich das englische at the end of the day grüßen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2014 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25144

Minister Steinmeier hat zugegeben, daß der Militäreinsatz in Afghanistan "nicht alle hehren Ziele" erreicht habe. Das archaisierende Wort hehr ironisiert die Zielsetzung, als hätte man das Ganze von Anfang an nicht so ernst nehmen sollen. Für Afghanistan sterben? Gern, wir schicken mal jemanden vorbei!
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 15.02.2014 um 12.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25151

Die Äußerung kommt mir überhaupt nicht ironisch vor, und Steinmeier ist auch ein handfester, ja trockener Redner. Er neigt allerdings zu althergebrachten Vokabeln; die mögen zwar in ironischen Wendungen praktisch sein, aber durch sie wird nichts gewiß ironisch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2014 um 07.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25174

Für ihren Anti-Atomprotest muss eine 84 Jahre alte katholischen Nonne jetzt für fast drei Jahre ins Gefängnis. (Tagesspiegel 19.2.14)

Wird man also in den USA ins Gefängnis gesteckt, wenn man gegen Atomwaffen protestiert?

Wenn ich Kaufhausbrandstiftung als Kapitalismuskritik deklariere, werde ich trotzdem wegen Kaufhausbrandstiftung bestraft und nicht wegen Kapitalismuskritik.

(Anti-Atom-Protest wäre auch besser.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2014 um 20.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25200

FOCUS empört sich (oder tut so), weil von der Leyen einen Staatssekretär entlassen hat, von dem es an gleicher Stelle heißt: Er übernahm die Verantwortung dafür, de Maizière zu spät über die technischen Probleme bei der Drohne informiert zu haben.

Man kann auch hier wieder sehen, daß Verantwortung übernehmen ein völlig entleerter Begriff ist.

 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.02.2014 um 22.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25202

Entlassen hat sie ihn natürlich auch nicht, denn das würde ja bedeuten, daß das Dienstverhältnis vollständig beendet wäre.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2014 um 07.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25229

Da die Rhetorik rein erfolgsorientiert ist, kann auch ein sehr böser Mensch ein guter Redner sein. Das hat Platon zuerst ausgesprochen, und niemand konnte es bisher widerlegen. "Vir bonus" ist eine unzulässige Überdetermination.

Aber kann man gutes Deutsch schreiben, wenn man ein böser Mensch ist?

(Damit meine ich nicht, daß ein böser Mensch nicht den Deutschen Sprachpreis bekommen könnte...)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2014 um 08.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25287

Der große Rechtschreibungs-Stratege Clemens Wergin fühlt sich, wie schon bemerkt, zu Höherem berufen. Nun titelt er in der "Welt": Hätte die Ukraine ihre Atomwaffen besser behalten? Ja, das wäre schön gewesen, es gäbe das lästige Abkommen von Budapest nicht, dafür aber vielleicht ein schönes Frühlingsfeuerwerk über Moskau?

Um in Erinnerung zu rufen, wie Wergin denkt, will ich doch noch einmal die Rechtschreibkommentare aus dem Tagesspiegel zitieren:

1.

Der Duden schreibt schon wieder anders
 
Debatte um die Re-Reform - Verlage sehen nur die orthografischen Streitfälle geklärt
 
Clemens Wergin und Uwe Schlicht
 
Wenn Ende August der neue Duden herauskommt, wird er nicht nur 5000 neue Begriffe enthalten, sondern einige bekannte Worte wieder anders schreiben. Hat die Rechtschreibreform also doch nicht die gewünschte Klarheit gebracht, steht gar die Reform der Reform bevor?
Den neuen Duden nahm die Tageszeitung "Die Welt" zum Anlass, gestern die Rechtschreibreform von 1996 als gescheitert zu erklären. Experten machten sich "stillschweigend" daran, die Reform zu überarbeiten, in Teilen solle sie gar zurückgenommen werden, berichtete das Blatt. Sofort kamen am Dienstag die Dementis: "Vollkommen aus der Luft gegriffen", nennt der Vorsitzende der
Rechtschreibkommission, Gerhard Augst, den Bericht im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Von "vollkommenem Blödsinn" spricht Duden-Pressesprecherin Anja zum Hingst. "Was die Welt schreibt, erachten wir als haltlos", pflichtet Heiko Hartmann von Bertelsmann bei. Auch Erich Thies, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz "hat keinen Hinweis darauf, dass die Kultusministerkonferenz das Regelwerk der Rechtschreibreform ändern will".
Seit ihrer Einführung 1996 hatte es Schwierigkeiten bei der Auslegung der neuen Regeln gegeben. Verschiedene Lexika boten teilweise unterschiedliche Interpretationen. Als problematisch erwiesen sich die zusammengesetzten Wörter. Der Duden schrieb "wohl bekannt", das Lexikon von Bertelsmann "wohlbekannt". Was die "Welt" jetzt als Umkehr darstellt, war nach Aussagen aller Beteiligten ein Klärungsprozess. "Wir haben alle Abweichungen besprochen und in allen Fällen eine Einigung erzielt", sagt Augst. Bertelsmann arbeitete die Ergebnisse schon im März 1999 in ein neues Lexikon ein. Nun folgt auch der Duden. Es ändern sich also nicht die Regeln, sondern in einzelnen Fällen die Anwendung.
Ohnehin steht die Rechtschreibkommission, die mit sechs Deutschen, drei Schweizern und drei Österreichern besetzt ist, in ständigem Kontakt mit den Benutzern. Beispielsweise mit "Der Zeit" und der "Neuen Züricher Zeitung", die sich eine eigene "Hausorthografie" gaben, als vor knapp einem Jahr die Presseagenturen auf die neue Rechtschreibung umstellten. "Wir bemühen uns, im Dialog langsam eine Einheitlichkeit herzustellen", sagt Augst. Dazu suche man das Gespräch mit Software-Herstellern und Verlagen. Bis 2005 soll dann eine Studie zeigen, ob die neuen Regeln von der Bevölkerung angenommen werden.
Im Ausland zeigt man sich erstaunt. Der Kulturbeauftragte des Generalsekretariats der Schweiz, Christian Schmid, sagte dem Tagesspiegel, man habe keine Probleme mit der Rechtschreibreform und wolle an ihr festhalten. Auch der der österreichische Reform-Koordinator Fritz Rosenberger sagt, man habe sich auf eine klare, einheitliche Strukturierung der Wörterbücher geeinigt. Von einer neuen Rechtschreibreform könne keine Rede sein. Der Anteil der geänderten Wörter liegt denn auch laut zum Hingst im Promillebereich. Hartmann sieht das Problem allein darin begründet, dass an einem geänderten Wort immer "ein Rattenschwanz von ähnlichen Fällen" hänge.

2.

Tagesspiegel 28.07.2000

Neue Rechtschreibung
 
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kehrt zur bisherigen Rechtschreibung zurück – doch will ihr jemand folgen?

Clemens Wergin und Uwe Schlicht
 
Im Grunde müsste die Debatte um die Rechtschreibreform abgeschlossen sein. Nach mehr als zehnjähriger Diskussion, nach Abkommen und Beschlüssen der Kultusministerkonferenz und der Ministerpräsidenten wurden die neuen Rechtschreibregeln am 1. August 1998 in 15 Bundesländern in Kraft gesetzt.
Schleswig-Holstein zog nach. Ein Jahr später stellten die Nachrichtenagenturen und die große Mehrheit der Zeitungen auf die neuen Regeln um. Auch der Tagesspiegel. Eine Übergangsregelung erlaubt bis 2005 weiter auch die alte Schreibweise. Sie hat noch immer Anhänger – die „FAZ“ zum Beispiel, die zum 1. August zur alten Rechtschreibung zurückkehrt. Das geht einher mit Unruhe, die der Duden verursacht hat, als er vor wenigen Tagen „Präzisierungen“ in der Schreibweise ankündigte. Wir dokumentieren den Diskussionsstand, die ersten Erfahrungen und die Reaktionen.
„Die Rechtschreibreform war das dümmste und überflüssigste Unternehmen in der deutschen Kulturpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg: ein gemeingefährlicher Akt.“
Das schreibt Thomas Steinfeld im Feuilleton der FAZ, einen Tag, bevor das Blatt bekannt gibt, dass es zur alten Rechtschreibung zurückkehren wird. Jahrelang hatte sich die Zeitung gegen die Einführung der neuen Regeln gestemmt. Am 1. August 1999 war sie dann doch den Nachrichtenagenturen gefolgt – „aus pragmatischen Überlegungen“, wie die FAZ schreibt.
Nun also die Wende der Wende. Begründung: Der Versuch, mit den neuen amtlichen Regeln für die Orthografie zu leben, sei gescheitert. Die Deutsche Akademie für Dichtung spricht von einem positiven Signal. Schon hat der Chefredakteur der in Österreich meinungsbildenden „Kronenzeitung“ angekündigt, man werde „ernsthaft überlegen“, der FAZ zu folgen. Beim Springer-Verlag ist für Freitag eine Konferenz aller Chefredakteure zum Thema Rechtschreibung geplant. Droht der „Sturm im Wasserglas“ etwa zum Tornado zu werden, der die Reform hinwegfegen könnte?
Anderthalb Jahre herrschte Ruhe an der Rechtschreibfront. Einige Nachhutgefechte hatten die Reformer in Schleswig-Holstein zu überstehen, wo eine Volksabstimmung die Einführung der neuen Regeln an den Schulen zunächst stoppte. Dann aber setzte sich die Erkenntnis durch, dass Schleswig-Holstein nicht als Sprachinsel im Meer der Neuschreibung existieren könne. Im Kieler Bildungsministerium spürt man immer noch etwas von der damaligen Furcht vor Isolation. Die Diskussion soll am besten gar nicht mehr aufgenommen werden. „Wir sind heilfroh, keine Insel mehr zu sein“, sagt Sprecherin Patricia Zimnik. Monatelang hat man den neu Eingeschulten die alte Rechtschreibung beibringen müssen mit Büchern, die schon die Neuschreibung benutzten. Bricht der
Sprachgraben wieder auf?
Die „Welt“ hatte Anfang dieser Woche berichtet, der am 25. August auf den Markt kommende, revidierte Duden signalisiere ein „klammheimliches“ Abrücken von der Reform. Das brachte erste Unruhe in die Reihen der Befürworter. Die Dementis der Rechtschreibkommission, der Kultusministerkonferenz und der Redaktionen von Duden und Bertelsmann zeigten, dass sich „Die Welt“ dem unerbittlichen Reformgegner Theodor Ickler angeschlossen hatte. Die Korrekturen betrafen nur Fälle, die vorher zwischen Duden und Bertelsmann strittig waren. Bei allen unklaren Auslegungen hat man sich nun mit der Kommission auf eine gemeinsame Version verständigt.
Bertelsmann setzte diese Klärungen schon im März 1999 in einer Neuauflage um. Nun folgt der Duden. Zum ersten Mal seit Einführung der Reform haben sich die beiden maßgeblichen Wörterbuchredaktionen auf eine einzige Auslegung geeinigt.
Aus diesem Grund hält Fritz von Bernuth, Geschäftsführer des Cornelsen Schulbuchverlages, den Zeitpunkt der FAZ-Aktion „für besonders absurd“. Die Cornelsen-Gruppe ist der größte Schulbuchverlag Deutschlands. Fast 100 Millionen Mark hat hier die Umstellung auf die Neuschreibung gekostet. Eine halbe Milliarde Mark hat die Branche insgesamt in die Überarbeitung der Titel gesteckt.
Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Willi Lemke (SPD), denkt gar nicht daran, einzuknicken: „Eine ,Reform der Reform' wird nicht vorbereitet, und schon gar nicht – wie suggeriert wurde – hinter dem Rücken der Kultusminister.“ Lemke zudem: „Die neuen Schreibregeln sollen in erster Linie im Unterricht leichter handhabbar sein und das Schreibenlernen leichter machen.“ Die Länder berichten denn auch vom problemlosen Schulalltag mit der neuen Rechtschreibung. „Wir haben fast durchweg positive Rückmeldungen bekommen“, sagt die Pressesprecherin des bayerischen Kultusministeriums, Brigitte Waltenberger. „Schüler sind gewohnt, dass sie Neues lernen. Erwachsene tun sich damit viel schwerer.“ Württemberg sieht nach den Worten von Martin Böninger vom Kultusministerium keinen Anlass, nur aufgrund der FAZ auf Gegenkurs zu gehen. Im Ministerium betrachte man die Aufgeregtheit „als Sommertheater“.
„Schüler, die von Anfang an mit der Reform aufwachsen, haben überhaupt keine Probleme, sie freuen sich über die Erleichterung. Ältere Schüler, die sich umstellen mussten, beurteilen die Reform durchwachsen“, berichtet der Pressesprecher des sächsischen Kultusministeriums, Steffen Große.
Sein Brandenburger Kollege Gorhold pflichtet bei: „Es gibt eine weitgehende Gewöhnung an die neue Rechtschreibung bei Schülern und Lehrern.“ Angesichts solcher Rückmeldungen aus den Schulen findet es der Vorsitzende der Rechtschreibkommission bedauerlich, dass das konservative Blatt umschwenkt. „Dadurch, dass die FAZ jetzt mutwillig aussteigt, schafft sie erst das Chaos“, sagt Gerhard Augst. „Viele werden jetzt zögern, die neuen Regeln anzuwenden.“ Peinlich findet er, dass von den Beispielen, die die FAZ als besonders abschreckende Fälle zitiert, vier nicht den Regeln der neuen Rechtschreibung entsprechen.
In der Medienwelt zeigt man sich abwartend. „Spiegel“, „Focus“, „Stern“, „Woche“ und „Die Zeit“ ebenso wie die spät bekehrte „Neue Züricher Zeitung“ wollen zunächst bei der jetzigen Schreibweise bleiben. Es könnte sein, dass die FAZ alleine bleibt. Einsam auf einer orthografischen Insel im Main.

-

Wie man sieht, hat sich kaum jemand hemmungsloser in den Dienst der Reformpropaganda gestellt als diese beiden Herren.
 
 

Kommentar von Inge Müncher, verfaßt am 03.03.2014 um 12.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25298

In der 25. und 26. Ausgabe des Dudens und im Schülerduden „Rechtschreibung und Wortkunde“ (2010) gibt es schon keine Wörter in Rotdruck als reformierte Schreibung mehr wie in der 24. Ausgabe des Dudens, sondern in Gelb erscheinen die vom Verlag empfohlenen Schreibungen. So können Schüler beim Nachschlagen nicht mehr feststellen, was die Reformer verordnet haben. Es werden jedoch viele klassischen Wörter vom Duden wieder bevorzugt, gekennzeichnet durch gelbe Farbe, während die reformierten in schwarzer Farbe danebenstehen, sie erscheinen nicht mehr als so wichtig und für Schüler verpflichtend.

Einige Beispiele hier:
Panther (gelb), Pante r(schwarz),
aufwendig (gelb), aufwändig (schwarz),
Thunfisch (gelb), Tunfisch (schwarz),
Schenke (gelb), Schänke (schwarz),
die einen und die anderen (gelb), die Einen und die Anderen (schwarz),
weniges (gelb), Weniges (schwarz)
brustschwimmen (gelb), Brust schwimmen (schwarz),
Spaghetti (gelb), Spagetti (schwarz)

Die Wörter behände, belämmert, Gämse, Gräuel, Quäntchen, rau, schnäuzen, Stängel, Tollpatsch, überschwänglich, Zierrat erscheinen nicht in gelber Farbe, sondern in schwarzer. Der Verlag empfiehlt also nicht mehr die reformierte Schreibung, sondern hält sich neutral durch beide Schreibweisen - reformierte und klassische - in Schwarz. Vielleicht wagt er es bei der nächsten, der 27. Ausgabe des Dudens „Neue deutsche Rechtschreibung“, die klassische Schreibweise zu bevorzugen, sie mit gelber Farbe zu kennzeichnen.

Jedoch die Rückkehr von Wörtern zur klassischen s-Schreibweise wagt der Duden nicht zu empfehlen, auch nicht als Varianten, obwohl das dringend notwendig wäre, aber sie erscheinen nicht mehr in rot. Durch die neue s-Regel entstehen die meisten Rechtschreibfehler.

Welche Schreibung sollen die Lehrer nun als Fehler anstreichen?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 03.03.2014 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25300

Die gelbe Farbe erscheint ja nur dort, wo der Duden Varianten zuläßt. Bei behände usw. gestattet er nur eine, die reformierte Schreibweise, die bewährte wird gar nicht angegeben. Da kann man nicht sagen, weil es schwarz ist, ist es nicht empfohlen. Im Gegenteil, es ist die einzig vom Duden erlaubte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 03.03.2014 um 19.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25302

Unter dem Eintrag in der reformierten Schreibung findet sich kein Hinweis auf die bewährte Schreibweise, von daher ist also, wie ich schon schrieb, dort nichts gelb hervorzuheben.

Die bewährte Schreibweise dieser Wörter ist an anderer Stelle entsprechend der alphabetischen Reihenfolge noch verzeichnet, dort aber ausdrücklich als "alt" gekennzeichnet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2014 um 07.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25304

Bei amazon erhält der neueste Rechtschreibduden 4 von 5 Punkten, aber es gibt dort auch reihenweise Totalverrisse wegen der unzulänglichen Software. Das müßte man wohl getrennt bewerten.
Im übrigen habe ich schon lange den Eindruck, daß Wörterbücher besonders ungeeignet sind, von Käufern mal eben beurteilt zu werden. Was ein Wörterbuch taugt, merkt man bei längerer Benutzung oder beim gründlichen Durcharbeiten - beides liegt außerhalb der üblichen Schnellschüsse von amazon-Kunden. Ähnliches gilt für dickleibige Grammatiken und Sprachlehrwerke. Durchblättern genügt nicht.
Natürlich erwartet man bei amazon auch keine tieferdringenden Rezensionen (weshalb mir ja auch manche Leute übelnehmen, daß ich ihre Werke dort mit ellenlangen Fehlerlisten würdige). Bei technischem Gerät oder Haushaltsgegenständen werden solche Prüfberichte aber durchaus eingestellt und haben auch einen großen Wert, jedenfalls für mich. Wenn dort steht, daß ein Plastikteil alsbald kaputtgeht, kaufe ich den Gegenstand sicher nicht. Andererseits sind 400 positive Berichte über eine kleine Digitalkamera Grund genug, einen Kauf zu erwägen. Nur bei Büchern lasse ich mich aus den genannten Gründen nicht beeinflussen.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 04.03.2014 um 14.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25308

Fachunkundige können Fachbücher nur nach äußerlichen Kriterien beurteilen. Daß das Fachliche in einem Fachbuch aber stimmt, nimmt der Fachunkundige an, sonst bräuchte er sich das Buch ja nicht kaufen, dann wüßte er es ohnehin selbst genau so gut oder sogar besser.

Gedruckte Wörterbücher wird es sicher noch einige Zeit geben, allerdings ist zu vermuten, daß die Auflagen ständig schrumpfen werden und sich die tatsächliche Nutzung immer stärker zu elektronischen Medien verlagern wird. Während man heute noch die „App“ zum Buch erhält, wird es in Zukunft wahrscheinlich umgekehrt sein und an die „App“ wird man auch durch Tausch oder ähnliches kommen können ...
 
 

Kommentar von abc, verfaßt am 04.03.2014 um 17.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25309


http://dieweltpresse.de/nsa-beklagt-deutsche-rechtschreibung/

Bitte an einen geeigneten Platz verschieben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.05.2014 um 06.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25867

Deutsche wollen nicht mehr Verantwortung (Überschrift FAZ 21.5.14) In Wirklichkeit ging es bei der Umfrage um Militäreinsätze im Ausland. Die Zeitung macht sich die Rhetorik der Regierung zu eigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.05.2014 um 06.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25914

Wenn Papst Benedikt den "Relativismus" beklagte, wußte jeder (außer den Grünen im Bundestag), was gemeint war: die ganze Welt sollte dem "Naturrecht", d. h. der Morallehre der katholischen Kirche folgen. Im Fall des Pfarrers Gauck gibt es keinen solchen festen Code, deshalb der allgemeine Unwille nach seiner Klage auf dem Katholikentag über die wachsende "Gleichgültigkeit" der Deutschen. Das ist so allgemein formuliert wie die These:
"Viele Menschen denken, Leben ereignet sich einfach so." Er kann nicht schon wieder mehr Auslandseinsätze der Bundeswehr gemeint haben - aber was dann? Als soziologische Analyse kann die Behauptung mangelnden gesellschaftlichen "Engagements" ja auch nicht durchgehen. Der Bundespräsident hat immer Mühe, den leeren Fleck rhetorisch auszufüllen, den die Abschaffung der Monarchie hinterlassen hat, ähnlich wie die protestantische Kirche immer wieder zum Papsttum samt "Bischöfen" gravitiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.05.2014 um 03.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25923

Jemand erzählt von einer Bekannten, die nach dem Gottesdienst sagte: "Schade, ich würde gern mal wieder eine Predigt hören, die ich nicht gleich verstehe."

Soweit ich es mitbekommen habe, orientieren sich die Gottesdienste immer mehr am sog. "Familiengottesdienst" und damit am Kindergottesdienst. Das erklärt vielleicht die Redeweise Gaucks und seiner Kollegen in der Öffentlichkeit. Die Verleugnung des eigenen akademischen Studiums zugunsten einer volkstümlichen Schlichtheit wird zur zweiten Natur, bei manchem zur ersten und einzigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2014 um 04.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25935

Noch zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23439:

„Manchmal erreicht der Bischof die Erwachsenen leichter, indem er ihre Kinder segnet und ihnen etwas Zeit widmet“ (Johannes Paul II.: Auf, lasst uns gehen! 2004:114).

Cicero, Wojtyla – Zauberer, die ihre Tricks verraten, müssen schon sehr erfolgreich sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2014 um 06.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25955


Der Pädagogikprofessor Volker Ladenthin hat beobachtet, daß G-8-Abiturienten weniger in der Lage sind, komplexe Texte zu verstehen und wiederzugeben (FAZ 5.6.14). Er bezieht sich auf Klausuren und Referate, aber seine Beobachtungen sind anekdotisch und ersetzen keine statistisch abgesicherten Tests, insofern sind sie unbeachtlich. Interessant ist etwas anderes. Er schreibt: „Paradoxa (‚Werde, der du bist!') oder Antinomien (‚Wie kultiviere ich Freiheit durch Zwang?‘) können kaum selbstständig reformuliert werden.“
Solche rhetorischen Höchstleistungen gehören zur herkömmlichen Bildung, aber muß das immer so bleiben? Es könnte sein, daß sich eine Abneigung gegen unlogische Ausdrucksweisen verbreitet, zugunsten eher mathematisch-unrhetorisch formulierbarer, die auf ihre Art durchaus „komplex“ sein können (wie das Zauberwort heißt). Probleme in eine lösbare Form zu bringen, statt sie dem gebildeten Räsonieren zu überlassen – das wäre doch auch etwas. Vielleicht ist die Zeit vorbei, in der sich die Gebildeten an „Werde, der du bist!“ erfreuten. Statt „Wie kultiviere ich Freiheit durch Zwang?“ könnte man fragen, wie die Herrschaftssicherung in politischen Systemen funktioniert und wie die Erziehung Unmündiger so beschrieben werden kann, daß die scheinbare Paradoxie sich rational auflöst (wie z. B. alles Vernünftige auf etwas Unvernünftigem – Gewohnheit, Übung, Konditionierung – beruht usw.). Die mutwillige Verrätselung von Sachverhalten, die schon schwer genug sind, könnte als geschmacklose Verirrung angesehen werden. „Werde, der du bist!“ Muß man wissen, was der Schöpfer dieser Blüte gemeint hat, wenn er sich nicht die Mühe gegeben hat, es klar zu sagen (wobei aber vielleicht der Tiefsinn sich verflüchtigt hätte - es sind ja viele Kaiser nackt). Ich meine natürlich nicht Pindar, bei dem der Satz auch anders lautet und ganz anders gemeint ist. Wir kennen das ja von "Mens sana" usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2014 um 11.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25957

Nachtrag: Ich habe noch einmal nachgesehen und bin erstaunt, wie viele Leute, darunter erlauchte Geister, den Satz Pindars erstens falsch zitieren und zweitens falsch übersetzen. (Im Englischen ist "Become what you are" noch verkehrter.) Auch als Schulmotto (Odenwaldschule u. a.) ist es sehr beliebt. Pindar-Kommentator Erich Thummer hat der zweiten pythischen Ode einen kurzen Aufsatz gewidmet, der die Sache richtigstellt: http://www.rhm.uni-koeln.de/115/Thummer.pdf
Auch andere haben schon daran erinnert, daß man das Wort "mathon" doch nicht einfach weglassen kann. Außerdem ist der Sinn 'Verwirkliche dich selbst" oder so ähnlich bei Pindar nicht wohl möglich und paßt auch gar nicht in den Zusammenhang des Preisliedes. Kurz gesagt, bei Pindar steht nicht "Werde, der du bist!", sondern "Laß dir (von mir in diesem Lied) sagen, was für ein Mensch du bist!"

Wie dem auch sei, mit Sprüchen wie "Werde, der du bist!" kann man auch unabhängig von Pindar die Schüler zwar quälen, aber nicht bilden. Ins Vernüftige übersetzt, wäre vielleicht zu sagen, daß jeder seine Begabungen entwickeln sollte. Das macht in der Tat glücklich, und das wiederum hat tatsächlich Aristoteles gesagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2014 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25959

In einem anderen Zusammenhang hatte ich schon einmal aus einem Mathe-Buch für die 4. Klasse zitiert:

Ein Radfahrer will in 7 Tagen 680 km weit fahren. Während der ersten 5 Tage schafft er täglich 92 km. Wie viele km muss er dann täglich mehr zurücklegen, wenn er jeden Tag die gleiche Strecke fährt?

Das ist kinderleicht, nicht wahr? Aber es ist vielfach nachgewiesen, daß viele Erwachsene nicht imstande sind, das in eine berechenbare mathematische Form zu bringen.

John Alan Paulos, Norman Levitt und viele andere haben den alltäglichen mathematische Analphabetismus immer wieder dargestellt und beklagt. Dabei handelt es sich ja nicht einmal um lebensfremde Theorie. Außer dem Nutzen beim Lösen von Alltagsproblemen und der Vermeidung von Täuschungen gibt es noch einen Bildungsgewinn, den besagter Levitt so ausdrückt:

„The real value of even a modest mathematical education is that it breeds a distaste for intellectual flatulence, for otiose pseudotheorizing, for argument by browbeating.“ (Norman Levitt in Paul R. Gross, Norman Levitt, Martin W. Lewis, hg.: The flight from science and reason. New York 1996:47) (Gutes Buch!)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.06.2014 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25961

Schon die Frage allein ist ein Witz: Wenn er jeden Tag die gleiche Strecke fährt, dann fährt er natürlich jeden Tag 92 km. Die Aufgabe ist also gar nicht lösbar. Man kann sich zwar denken, wie es gemeint ist, aber in einem Mathematiklehrbuch könnte man es auch exakt formulieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2014 um 07.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25962

Es ist fast unmöglich, einen nicht-formalisierten Text so zu formulieren, daß überhaupt keine Mißverständnisse möglich sind. Davon machte die schleswig-holsteinische Regierung Gebrauch, als sie das Rechtschreib-Volksbegehren durch einen listenreich irreführenden Stimmzettel zu unterlaufen versuchte. (Der Versuch scheiterte zwar, aber de Landtag hat ja dann, was mit List nicht gelungen war, mit Gewalt durchgesetzt.)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.06.2014 um 11.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25963

{ [ 680 km - ( 95 km/d x 5 d ) ] : (7 d - 5 d ) } - 92 km/d = 18 km/d
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2014 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25965

Natürlich kann man auch auf einem falschen Weg zum richtigen Ergebnis kommen, wenn man sich gleich mehrmals verrechnet, aber ich glaube, Sie haben bloß beim Tippen was durcheinandergebracht, nicht wahr? Deshalb widerstehe ich auch der Versuchung, ein boshaftes q. e. d. darunterzusetzen.

Es ging mir ja nicht darum, daß wir gestandenen Männer die Grundschulaufgabe lösen können, sondern um die Schwierigkeit, daraus eine rechenbare Formel zu machen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.06.2014 um 16.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25967

Ohne Tippfehler:

{ [ 680 km - ( 92 km/d x 5 d ) ] / (7 d - 5 d ) } - 92 km/d = 18 km/d
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2014 um 16.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25968

?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.06.2014 um 16.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25969

Es geht noch kürzer:
( 680 km - 92 km/d x 7 d ) / (7 d - 5 d ) = 18 km/d
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.06.2014 um 13.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25975

Eigentlich ist das eine Physikaufgabe, denn das Zahlenrechnen ist hier weniger wichtig als das Verständnis der physikalischen Größen Weglänge, Geschwindigkeit und Zeitdauer. Gesucht ist eine Geschwindigkeitsdifferenz. Wichtig bei allen physikalischen oder technischen Berechnungen ist das Miteinbeziehen der physikalischen Einheiten in den Term, hier km, Tage und km / Tag, und die Bruchrechnung mit den Einheiten. Wenn das Ergebnis die gewünschte Einheit hat, ist der Term nicht ganz falsch, das ist die grundsätzliche Kontrolle.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2014 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25976

Ich bin nicht vom Fach, aber ich lege mir die Aufgabe so zurecht, daß die Benennung der Größen als belanglose Einkleidung der Rechenaufgabe herausfällt. Also ich gehe einfach am Wortlaut entlang und mache daraus:
680 - 5 · 92 = 2(92 + x)
Das löst sich dann fast von selbst auf in 2x = 36.
Man hätte auch eine andere Anwendung wählen können, kartoffelerntende Bauern, zu plazierende Gäste usw., wie in solchen Büchern üblich.
Fühle mich 60 Jahre zurückversetzt, richtig melancholisch...


 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.06.2014 um 21.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25977

Das setzt voraus, daß noch zwei Tage bleiben, aber da davon im Text nicht ausdrücklich die Rede ist, muß man schon die Klammer (7 - 5) in die Gleichung einfügen, wie das hier auch geschehen ist.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.06.2014 um 21.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25978

Das Aufstellen einer linearen Gleichung mit einer Unbekannten, z.B. X, ist natürlich immer die einfachste Rechenmethode. Aber in der (bayerischen) Grundschule ist das ausdrücklich verboten, ebenso das Dreisatz-Rechnen. Die (bayerischen) Grundschüler dürfen nur die amtlich zugelassenen Rechenverfahren benutzen, sonst gilt die Aufgabe als nicht gelöst. Ein kleiner Gauß hätte schlechte Karten. Ein Term ist keine Gleichung, sondern eine Rechenmethode ohne Unbekannte. Erst in den Weiterführenden Schulen dürfen die Schüler rechnen, wie sie wollen. Das hat mir das Bayerische Schulministerium ausdrücklich bestätigt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.06.2014 um 22.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25979

Wir haben so etwas in der Grundschule Textaufgabe genannt. Es kam ja dabei weder vorrangig aufs Rechnen noch auf physikalisches Verständnis an, sondern darauf, daß man ein verbal formuliertes Problem richtig verstehen und in eine Rechenaufgabe umwandeln konnte, die natürlich dann auch noch richtig ausgerechnet werden sollte. Wesentlich an einer Textaufgabe war nicht nur die richtige Lösung, sondern vor allem der sogenannte Antwortsatz! Es ging also ums Textverständnis.

Das Wort Dreisatz finde ich verwirrend, ich kann verstehen, wenn Schüler damit Probleme haben. Es geht doch immer um 4 Größen, je 2, die mit 2 anderen im gleichen Verhältnis stehen, a1:b1=a2:b2, die gegebenen Werte setzt man ein, und den übriggebliebenen unbekannten Wert rechnet man aus. Das ganze ist wunderbar symmetrisch und sehr leicht zu merken. Gut, daß ich von diesem ominösen "Dreisprung" erst als Erwachsener überhaupt zum erstenmal gehört habe.

Daß man in Bayern eine richtige Lösung, die auch noch nicht einmal per Zufall richtig ist, sondern mit einem richtigen Lösungsweg ermittelt, also belegt wurde, als nicht gelöst bewertet, kann ich fast nicht glauben. Wenn das wirklich so wäre, dann fände ich das, mit Verlaub, echt schwachsinnig.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2014 um 04.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25980

Herr Markner hat recht, und ich muß meinem Genius Fesseln anlegen.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 09.06.2014 um 08.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25987

Für mich persönlich waren die ersten zwei Jahre in "Mathematik" verlorene Zeit, weil wir zu den Versuchskaninchen gehörten, denen man Mengenlehre beizubringen versuchte (70er Jahre). Erst ein Wechsel des Klassenlehrers, der auch finanziell unabhängig und nicht auf seine Grundschullehrerstelle angewiesen war, führte dazu, daß dieser uns mit Geduld und Spucke das Rechnen beibrachte und sein bestes tat, die zwei verlorenen Jahre aufzuholen. Aus den Erinnerungen meiner Mutter kann ich übrigens eine Parallele zur RSR beisteuern, nämlich Kurse für Eltern, die ihnen ermöglichen sollten, den Schulkindern bei der Erledigung der Hausaufgaben zu helfen. Laut meiner Mutter waren selbst Eltern mit Abitur und Universitätsabschluß vollkommen überfordert, vom großen Rest ganz zu schweigen.

Daß Herr Riemer von dem "ominösen Dreisprung" erst als Erwachsener erfahren hat, finde ich erstaunlich. Wir haben diese Vorgehensweise als Schüler bis zur vollständigen Automatisierung eingeübt, eben weil sie so einfach und effektiv ist (auch in der Prozentrechnung). Inzwischen hat die EU ja vernünftigerweise erzwungen, daß die Preise pro Einheit auf den Preisschildern für Lebensmittel erwähnt werden müssen, aber bis dahin habe ich das alles schnell als "Dreisatz" im Kopf durchgerechnet – wie gesagt, vollkommen selbstverständlich und automatisiert.

Im übrigen scheint der "Dreisatz" heute im Mathematikunterricht keine Rolle mehr zu spielen, denn die zweithäufigste Klage (nach der über mangelhafte Rechtschreibfertigkeiten), die ich von Geschäftsleuten in bezug auf Auszubildende vernehme ist: "Die können nicht mal einen Dreisatz rechnen." Vielleicht beherrschen Schüler heute andere Dinge, die sich allwissende Mathematik-Didaktiker ausgedacht haben; sie dürften in der Praxis aber ähnlich nutzlos sein wie die Mengenlehre.


 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.06.2014 um 11.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25988

Eine Parallele zur Rechtschreibreform besteht darin, daß damals ein Unmenge von Büchern verkauft werden konnte wie: "Eltern lernen die neue Mathematik" u. ä. Warum sollten Eltern die neue Mathematik lernen? Aus dem einzigen Grund, ihren Kindern helfen zu können. Man setzte also stillschweigend voraus, daß die Lehrer ihren Schülern diese Mathematik nicht würden beibringen können.
Ich will zur Sache selbst nichts sagen, das ist ja ziemlich ausdiskutiert, aber nach meiner Erinnerung wurde die mengentheoretische Begrifflichkeit sozusagen folgenlos eingeführt, denn in den höheren Klassen kam sie nicht mehr vor; die Differentialrechnung unterschied sich in nichts mehr von derjenigen, die wir gelernt hatten.

Aristoteles unterschied zwischen "dem ersten an sich" und "dem ersten für uns". Didaktiker sollten das beherzigen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.06.2014 um 11.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25990

Nicht, daß ich jetzt womöglich falsch verstanden werde, wir haben natürlich entsprechende Aufgaben in der Schule auch bis zum Gehtnichtmehr geübt. Nur haben wir sie oder das Lösungsverfahren nicht Dreisatz genannt. Ich weiß nicht mehr, wie das damals in Ostdeutschland hieß, vielleicht irgendetwas mit Proportionalität oder Verhältnisrechnung, jedenfalls nicht Dreisatz.

Das Problem ist m. E. die Symmetrie. An 3 ist nichts symmetrisch, deshalb ist das schwerer zu merken, als wenn man
a1 / a2 = b1 / b2
vor Augen hat. Man kann es auch so schreiben wie in meinem letzten Beitrag, das ist ganz egal. Das Ausrechnen ergibt sich dann von ganz allein. Aber Dreisatz? Wie soll man die drei gegebenen Größen anordnen, malnehmen oder teilen? Oder heißt es Dreisatz, weil er angeblich in drei Schritten zu lösen ist? Diese muß man sich dann merken, hoffentlich verwechselt man dabei nicht die Ausgangszahlen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es etwas Einfacheres als die angegebene doppelt-symmetrische Gleichung gibt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.06.2014 um 13.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25991

Man muß zwei Symmetrie-Gleichungen lernen, denn für das bekannte Beispiel mit den Arbeitern und ihrer Arbeitszeit dreht sich die Symmetrie um. Natürlich wäre es sinnvoll, die gesuchte Größe X zu nennen und die Gleichung nach X aufzulösen, aber das sollen Grundschüler noch nicht, weil es Algebra wäre. Ohne X ist alles schwieriger.
Mathematisches Verständnis soll aber gerade möglichst nicht im Auswendiglernen von Formeln bestehen, sondern im Nachdenken über den Sinn der Aufgabe; dann kann man sich den jeweiligen Rechenweg selbst ableiten, auch wenn das etwas länger dauert.
Beim Dreisatz besteht der Sinn im Zurückgehen von der gegebenen Vielheit auf die Einheit Eins und dann dem Schluß auf die gesuchte neue Vielheit. Viele Schüler lieben geometrische Berechnungen, weil sie sich dabei etwas vorstellen können. (Die alten Griechen lösten alle Probleme geometrisch, die Algebra wurde von den arabischen Wissenschftlern erfunden, aber noch ohne unsere Formelschreibweise, die kommt von den französischen Mathematikern.)
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 10.06.2014 um 07.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#25997

nach meiner Erinnerung wurde die mengentheoretische Begrifflichkeit sozusagen folgenlos eingeführt, denn in den höheren Klassen kam sie nicht mehr vor; die Differentialrechnung unterschied sich in nichts mehr von derjenigen, die wir gelernt hatten.

Das ist richtig, und ich erinnere mich noch, daß unsere Mathematiklehrerin in der 11. Klasse an einer Oberstufenschule, die anfangs versucht hatte, den Lehrplan mengentheoretisch umzusetzen, dabei aber nur auf Unverständnis stieß, ziemlich frustriert war. Sie hatte erwartet, den ersten rein mengentheorisch konditionierten Jahrgang anzutreffen, mußte aber feststellen, daß sie ganz konventionell ausgebildete Schüler vor sich hatte. Ihr Kommentar damals: "Dann habe ich mir die ganze Arbeit ja völlig umsonst gemacht." Selbst schuld, möchte man sagen, denn bessere Kommunikation mit den Kollegen an den Mittelstufenschulen hätte ihr die überflüssige Arbeit erspart.

In der 12. Klasse fand ich mich dann in einem Mathematikkurs einer urprünglich aus der DDR stammenden und dort ausgebildeten Lehrerin wieder. Die war zwar recht autoritär, konnte aber unglaublich gut und verständlich erklären. Selbst das Thema "Komplexe Zahlen" erschien so beinahe als kinderleicht, und der Notenschnitt im Kurs war immmer überdurchschnittlich. Es war an westdeutschen Schulen außerdem stets ein offenes Geheimnis, daß die DDR-Lehrbücher in Mathematik um Längen besser waren als die der alten Bundesrepublik. Fast alle Mathematiklehrer haben Eltern damals unterderhand empfohlen, ostdeutsche Lehrwerke anzuschaffen, weil die westdeutschen Bücher so schlecht waren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2014 um 15.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26011

Laut Bundesverfassungsgericht darf der Bundespräsident die NPD-Anhänger (Mitglieder? Wähler?) "Spinner" nennen. "Focus" berichtet:

Gauck habe mit der Bezeichnung „Spinner“ zwar ein negatives Werturteil abgegeben, das für sich genommen durchaus als diffamierend empfunden werden könne, urteilten die Richter. Im Zusammenhang gesehen sei die Wortwahl aber nicht zu beanstanden. „Spinner“ stehe hier für Menschen „die die Geschichte nicht verstanden haben und, unbeeindruckt von den verheerenden Folgen des Nationalsozialismus, rechtsradikale - nationalistische und antidemokratische, Überzeugungen vertreten“.

Meiner Ansicht nach hätte das Gericht keine solche Begründung einschließlich historischer Belehrung geben dürfen, sondern sich darauf beschränken sollen, daß Spinner eine zulässige Meinungsäußerung sei. Dann könnte man auch die Linke und Nahles und Gauck Spinner nennen und wüßte, woran man ist. Aber als Staatsoberhaupt die Parteien danach einzuteilen, ob sie richtige oder falsche Lehren aus der Geschichte gezogen haben - das geht gar nicht.

(Natürlich sind die NPD-Leute Spinner, aber ich bin ja auch kein Bundespräsident.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 10.06.2014 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26013

Vor allem ist die fehlende Reziprozität anstößig, denn die NPD darf Gauck nicht ihrerseits »Spinner« nennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2014 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26014

Man könnte es mal versuchen - und dann die Urteile vergleichend nebeneinanderhalten.

Als Nichtjurist sage ich mir: Es gibt Wörter wie Schuft, Schurke, Spinner, Schlingel, die ausschließlich der Beschimpfung dienen, also in keinem Fall einen deskriptiven Gehalt haben. (Also anders als Arschloch, das in manchen Kreisen der Normalausdruck für - na, eben ein Arschloch ist.) Solche Ausdrücke können weder wahrheitsgemäß noch wahrheitswidrig zugeschrieben werden, sie drücken nur Mißbilligung aus. Ich könnte mir vorstellen, daß jemand aus Lebenslauf und Lebensweise von Herrn Gauck eine hinreichende Begründung ableitet, ihn mit einem solchen oder ähnlichen Schimpfwort zu belegen. Es gibt ja nicht wenige Menschen, die ihm allerlei vorwerfen. Aber das spielt im Grunde keine Rolle, weil, wie Herr Markner sagt, der Mangel an Reziprozität das Hauptübel ist.

Auffallend viele Journalisten sind begeistert, daß Gauck nun "austeilen" darf. Rechtliches Denken ist nicht sehr verbreitet, vor allem wenn es dem Schutz des Gegners dient. Ich würde mir wünschen, daß auch mal die Linke in gleicher Weise auf die Probe gestellt wird.

Insgesamt glaube ich aber, daß Gauck sich keinen Gefallen getan hat, erst recht nicht nach dem Urteil. Ein Staatsoberhaupt, das "austeilt", hat schon verloren.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.06.2014 um 17.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26016

Eigentlich ist es zuviel der Ehre, die Neonazis als Spinner zu bezeichnen, denn viele Genies und Erfinder wurden zunächst so bezeichnet von Leuten, die deren Gedanken nicht verstanden.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 10.06.2014 um 21.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26017

Anlaß für Gauck, das Wort zu gebrauchen, war der Anliegerprotest gegen ein Asylbewerberheim. Die NPD hat den Protest unterstützt.
Mich stört die Gleichsetzung Kritiker an Asylbewerberheimen = NPD-Anhänger/ -Wähler/ -Mitglied = Rechtsradikaler = Dummkopf in bezug auf die Geschichte = Spinner.

Gauck wird inzwischen eingesehen haben (und sich sagen lassen haben), daß der Ausspruch ein Fehler war; er wird ihn deshalb so oder so nicht an der Linken ausprobieren. Daß die allerdings im Dreieck springen würde, darf als sicher gelten (zumal schon Dobrindts Mautpläne ausländerfeindlich gescholten werden).

Für einfache Parteimitglieder dürfte die Meinungsfreiheit nicht geringer sein als für den Bundespräsidenten. Es kann dann ja ein NPD-Mitglied ausprobieren, den Bundespräsidenten Spinner zu nennen und dem Gericht dann mit exakt denselben Worten kommen, die Voßkuhle beim heutigen Urteil vorgetragen hat.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 11.06.2014 um 09.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26018

Das würde wohl kaum funktionieren – non licet bovi! Einen bayerischen Autofahrer hat es 2009 1600 Taler gekostet, einen Polizisten als »Spinner« zu bezeichnen. Bei Gauck käme vermutlich noch ein Majestätsbeleidigungszuschlag obendrauf. Allenfalls könnte man ihn straflos als »versponnen« bezeichnen und darauf setzen, daß die Anspielung verstanden wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.06.2014 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26020

Ein gerissener Dialektologe könnte die Richter vielleicht davon überzeugen, daß "Spinner" in Bayern ein sehr anerkennendes Wort ist, also etwa wie "Hund".
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 11.06.2014 um 21.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26028

Anmerkungen zum "Hund" im Bairischen. Als Schimpfwort wird "Hund" praktisch nie allein verwendet, sondern immer nur mit Adjektiv (z.B. du gscheada Hund, du bläda Hund).
Steht das Wort allein, so drückt es immer Anerkennung aus, die allerdings auch neidvoll sein kann. Die Wendungen ohne Adjektiv, z.B. a Hund îsa scho, oder mei, dees hàn fei Hundt sind eindeutig Respektsbezeugungen. Was die Herkunft des Wortes "Hund" in diesen Fällen angeht, sind einige Sprachkundige (so z.B. Michael Weithmann, 2011) der Meinung, hier sei gar nicht das Haustier namengebend, vielmehr leite sich das Wort von den Hunnen ab (bair. Sg. Hunn). So nämlich wurden im späten Mittelalter (wohl auch noch in der frühen Neuzeit) ungarische fahrende Händler genannt, die sich häufig durch besondere Schläue oder gar Gerissenheit auszeichneten.
Der häufig gebrauchte Ausdruck varreggda Hund ist ambivalent. Er kann sowohl Anerkennung als auch Schimpfwort sein, je nachdem, in welchem Kontext er steht. Das Wort varreggd hat nämlich im Bairischen eine viel umfassendere Bedeutung als seine Entsprechung im Schriftdeutschen (verreckt). Es bedeutet (auch) schlau, gerissen, fintenreich, listig usw., andererseits aber auch vertrackt, verzwickt, schwierig.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.06.2014 um 21.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26029

Könnte es sein, daß die zwei Wörter verreckt und verrückt im Bairischen sehr ähnlich klingen? Daß manchmal das eine, manchmal das andere gemeint ist?
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 11.06.2014 um 22.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26030

Nein, Herr Riemer. Das Wort verrückt gibt es im Bairischen nicht. Das, was das schriftdeutsche Wort meint, heißt auf bairisch spinnerd oder auch depperd (es gibt noch ein paar andere, vulgärere Ausdrücke, je nach Region).
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 11.06.2014 um 22.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26031

Nachtrag. Ich sehe gerade, bei Zehetner (Bairisches Deutsch, 2014) kommt das Wort verrückt doch vor. In seinem "Umkehrwörterbuch" ist zu lesen:
"verrückt => hirnrissig, übergeschnappt, nicht (mehr) gescheit„ {spinnert, nàrrisch, nàsch, verruckt, geschrollt}"
(Hervorhebung von mir.) Ich selbst kenne das Wort verruckt allerdings aus dem südlichen Oberbayern nicht. Sollte es in mündlicher Rede vorkommen, so würde man es vermutlich für eine bewußte Einfügung eines schriftdeutschen Wortes in einen bairischen Satz halten (was ja immer wieder vorkommt).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.06.2014 um 14.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26041

In der Boarischen Wikipedia wird unter "Hund"; "des is a hund" behauptet, hier käme "hund" von altbairisch / althochdeutsch "hunt", Hundertschaft, hier "Anführer einer Hundertschaft".
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 13.06.2014 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26042

Vorsicht vor der "Boarischen Wikipedia"! Die schadet dem Erhalt der bairischen Sprache mehr als sie ihm nützt. Es gibt dort vor allem einige wenige Meinungsmonopolisten, die teilweise gar nicht richtig bairisch können und die alles niederbügeln und löschen, was ihnen nicht in den Kram paßt.
Unsere ernsthaften Sprachforscher (A. Rowley, L. Zehetner, B. Stöhr) haben mit diesem Machwerk nichts zu tun!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2014 um 11.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26075

Schneller als gedacht haben wir die Probe aufs Exempel: Todenhöfers Gauck-Montage. Mal sehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2014 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26183

Der Okkultismus beruht im wesentlichen auf Sprachzauber, also Rhetorik:

Quantum Matrix® ist eine einfache Methode der Transformation von hinderlichen Mustern und Konditionierungen. Die wissenschaftlichen Grundlagen dafür stammen aus den Bereichen der Energiemedizin und Quantenphysik.

Grundlage ist die Interaktion mit der Matrix - “göttliche Matrix”- als Blaupause unseres Seins. Die Methode ist abgeleitet von Matrix Energetics® von Dr. Richard Bartlett und Dr. Frank Kinslow mit QE und Quantenheilung. Darüber hinaus fließen Elemente aus dem NLP, der Lichtarbeit und dem Systemischen Familienstellen mit ein.

(http://www.quantummatrix.de/?gclid=CPDA883bm78CFdOhtAodAWkAlQ)

Man kann die einzelnen Stichwörter googeln und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Praktisch mit nichts in der Hand könnte man ein Unternehmen gründen und in so vagen Worten Heilung versprechen, daß einem die Behörden nichts anhaben können.

Es ist sicher kein Zufall, dass viele Prominente aus allen Lebensbereichen eine Enagic Maschine ihr Eigen nennen. Insbesondere in den USA, wo Kangen Wasser eine weitaus größere Verbreitung genießt, als im deutschsprachigen Raum, vertrauen viele bekannte Persönlichkeiten der gesundheitsfördernden Wirkung.
Dazu gehören:
Bill Gates, Brad Pitt, Angelina Jolie, Magic Johnson, Jack Nicholson, President Obama, Steven Seagal, Donald Trump, Elton John u.a.

(http://www.quantummatrix.de/6591)

Wir leben hier in Erlangen ja sozusagen in einer Medizin-Hauptstadt, aber dazwischen wuseln esoterische Paramediziner und "Therapeuten" umher und können sich darauf verlassen, eine breite Klientel zu finden. Die als Referenzen angeführte internationale Prominenz sagt dem kritischen Beobachter eigentlich schon alles.

Buchstäblich besonders billig ist es, Luft und Wasser zum Gegenstand höchster Aufmerksamkeit zu machen. Viele Menschen sind bereit, diese beiden Stoffe, um die ja kein Weg herumführt, unter Verdacht zu stellen. Aber die Rettung ist nah.

Auch der Sprache kann man nicht ausweichen, daher gibt es hier eine ähnliche paranoide Mystifizierung durch Feministen, Dekonstruktivisten, Poststrukturalisten (Lacan, Kristeva usw.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2014 um 13.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26208

Die Frankfurter Rundschau führt ein "Gespräch mit John Fire Lame Deer, Häuptling der Mnikowoju-Lakota-Indianer, über ein Leben im Einklang mit der Natur und die Möglichkeiten, die Krisen der Welt zu lindern." (1.7.14)

Der Häuptling abschließend:

Die Erde ist ein lebender Organismus. Sie kann Zerstörung nur bis zu einer gewissen Grenze tolerieren. Dann beginnt sie, sich selbst zu reinigen. Wenn das heißt, der Mensch muss verschwinden, dann wird das passieren.

Die Älteren werden sich noch an weise Worte von Indianerhäuptlingen und Medizinmännern aus den siebziger Jahren erinnern - oder war es noch früher? Die Bereitschaft zur andächtigen Entgegennahme war damals sehr groß.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 02.07.2014 um 14.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26210

»Häuptling der Indianer«, darf man das also noch schreiben?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2014 um 04.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26215

"Häuptling" ist schon recht, es geht ja um uralte Weisheit...
Es ist schon erstaunlich, wieviel Platz die FR diesem Geschwätz einräumt. Die Geschichte von den Indianern, die im Einklang mit Mutter Erde lebten, darf man aus Gründen der politischen Korrektheit nicht anzweifeln. Da nimmt man auch das inhumane Gerede hin, daß die Erde sich von den Menschen "reinigen" werde, als seien sie eine Art Schimmelbildung. Unbedarfter als dieser Häuptling kann man nicht reden, aber das eigentliche Ärgernis sind die Leute, die so etwas ernst nehmen.
Jared Diamond bekam kürzlich Schwierigkeiten, als er auf die Gewalttätigkeiten von Papuavölkern hinwies. Das war ganz und gar nicht korrekt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2014 um 04.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26369

Der Tübinger Rhetoriker Olaf Kramer schreibt:

Aber wenn Protagoras äußert, es gelte, "die schwächere Sache zu stärkeren zu machen", und wenn er im Menschen das "Maß aller Dinge" sieht, dann erscheint uns das heute durchaus überzeugend und nicht länger verwerflich, wie Platon uns glauben machen will, der mit rhetorischen Mitteln die Erzählung von der Existenz einer unveränderlichen Wahrheit in die Welt setzte.
Platons Erzählung ist zerbrochen und andere große Erzählungen wie die Vernunft-Verehrung der Aufklärung oder die Fortschrittsgläubigkeit der Moderne, die lediglich Transformationen des Platonischen Entwurf sind, erscheinen uns inzwischen überkommen.
(http://www.gradnet.de/papers/pomo2.papers/kramer00.htm)

Protagoras hat nicht geäußert, "es gelte", die schwächere Seite zur stärkeren zu machen (so reden nur die Tübinger Rhetoriker mit ihrem ständigen "Gelten"), sondern er hat sich erboten, dies auf Wunsch zu tun.
Platon erzählt zwar gelegentlich auch, aber seine Ideenlehre ist keine Erzählung, sondern mit Argumenten gestützt, z. B. die Anamnesis-Lehre apriorischen Wissens. Diese Lehre mag falsch sein, aber sie ist nicht "zerbrochen" (ein Ausdruck vom selben Schlag wie das "Gelten"); im Gegenteil, die Leute zerbrechen sich bis heute die Köpfe darüber.
Die Aufklärung erschöpft sich nicht in "Verehrung" der Vernunft und ist auch keine "Erzählung", aber das wird ein Tübinger Rhetoriker nie begreifen, der sich stets an die Konsens-Theorie der Wahrheit klammert und daher auch Habermas und die französischen Poststrukturalisten ins Boot holt, die ihm bestätigen, daß es keine Wirklichkeit gibt, nur Texte, Texte, Texte.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 21.07.2014 um 09.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26371

Zu #26215:

Nun ja, bis zur Ankunft des ''weißen Mannes'' lebten sie in höherem Grade '''im Einklang mit der Natur'' als wir das heute tun. Auch heute dürfte ihr Leben, wenn sie denn noch nach traditionellen Regeln legen, weniger umweltschädlich und ressourcenverbrauchend sein als das Leben das wir heute führen, egal was wir aus unserer Sicht ihnen vorwerfen mögen.

Die Aussage des Häuptlings mag für uns inhuman klingen, aber letztlich geht es hier nicht um seine persönliche Ansicht, sondern die der Erde und der regulierenden Prozesse, die auf ihr stattfinden. Diese SIND inhuman in dem Sinne, daß sie nicht vom Menschen gemacht sind und nicht von ihm kontrolliert werden. Sie laufen ab, haben (wahrscheinlich) noch nicht mal etwas, was wir als Bewußtsein bezeichnen würden. Aus der ''Sicht'' dieser Prozesse ist der Mensch nur eine von vielen Lebensformen, die zudem noch recht neu ist, und wenn er Probleme macht, d. h. die natürlichen Prozesse auf der Erde stört oder aus dem Gleichgewicht bringt, dann kann das seine Auslöschung zur Folge haben. Es geht hier nicht darum, was wir als human ansehen und was nicht.

Der Häuptling hat nur etwas sehr prägnant ausgedrückt, was die Menschen westlicher Zivilisationen nicht gerne hören wollen. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, der Mensch sei das Maß aller Dinge!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2014 um 11.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26372

Viele Metaphern! Was bedeutet "Gleichgewicht" hier? Was sind "natürliche Prozesse"?
Das Leben hat die Erde gründlich verändert, man denke an den Sauerstoff, an die Gebirge aus Muschelkalk... Ohne den Menschen wäre ganz Europa lückenlos von Wald bedeckt. Schön? Ja, aber für wen?
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 21.07.2014 um 12.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26373

http://virchblog.wordpress.com/2012/05/20/die-erde-scheist-drauf/
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 21.07.2014 um 12.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26374

Es geht doch nicht um ''das Leben'' im Sinne der Gesamtheit aller Lebewesen, sondern um das, was Menschen mit ihrem Planeten anstellen: Umweltverschmutzung, der u. a. daraus resultierende Treibhauseffekt, der zur globalen Erwärmung und damit zum Abschmelzen der Pole führt. Das führt zu Überschwemmungen und damit zu vielen Toten. Das meinte ich mit ''regulierenden Prozeß''. Menschen stören das natürliche Gleichgewicht, und die Folgen dieser Störung reduzieren die Menschen. Das kann man so darstellen, als ob ''die Erde'' das bewußt veranlassen würde, und diese – vermenschlichte – Darstellung kann vielleicht dabei helfen, daß Leute die Zusammenhänge besser verstehen – und vielleicht Schritte unternehmen, damit es nicht soweit kommt.

Ich denke, das ist es, was der Häuptling sagen will.

Weitere solche regulierenden Prozesse sind denkbar, z. B. die Verwendung von Kunstdünger führt zur massiven Erhöhung der Zahl der Menschen, das führt zu mehr Streß, das führt zu mehr Krankheiten und Gewalt, zu Umweltproblemen, zur Auslaugung von Böden etc. und damit letztlich zur Reduzierung von Menschen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erkennen, daß Gewalt hier eine Folge von Umweltbedingungen ist (natürlich nicht jede Gewalt), nicht von persönlicher Bösartigkeit, und es somit sinnlos ist, moralisch oder juristisch dagegen vorzugehen. Das kann man zwar tun, aber es ändert nichts daran, daß Gewalt weiterhin passieren wird.

''Ohne den Menschen wäre ganz Europa lückenlos von Wald bedeckt. Schön? Ja, aber für wen?''

Es gibt Höhlen, in denen schon seit Jahrtausenden Kristallformationen entstehen – und wieder vergehen. Schön? Ja, aber für wen?

Milliarden von Sonnen, viele davon mit Planeten, unerreichbar weit von der Erde entfernt. Schön?
Ja, aber für wen?

Diese Art von Argumentation könnte beliebig weitergeführt werden. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, der Mensch sei das Maß aller Dinge! Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, das Universum wäre ganz allein für den Menschen gemacht!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2014 um 16.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26375

Solche Ansichten (Mensch als Maß aller Dinge, Universum für den Menschen gemacht) liegen mir natürlich ganz fern. Mit dem Beispiel Wald wollte ich nur andeuten, daß die Entgegensetzung einer sich selbst überlassenen "Natur" oder "Erde" und dem sie verunstaltenden Menschen nicht aufgeht. Aber ich will dazu nichts weiter sagen.

Die Häuptlinge kleiner Völker fahren heute auch große amerikanische Autos und vermarkten die Legende von ihrem ehemals naturschonenden Leben auf der Grundlage einer Subsistenzwirtschaft, zu der sie keinesfalls zurückkehren wollen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2014 um 06.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26394

Der evangelische Kirchenmann der FAZ legt in einem Leitartikel am 25.7.14 dar, daß die "Lerngeschichte" (dieses Wort wiederholt er unermüdlich) die Kirche nach dem Ersten Weltkrieg zunächst vom Staat weg in Richtung Pazifismus geführt habe, daß sie aber nunmehr zur Billigung von Militäreinsätzen, Kampfdrohnen usw. führen müsse, wie es auch die anderen Staaten von uns erwarteten. Der Inhalt dieser Forderung überrascht nicht, er ist ja Tenor des politischen Teils der FAZ. Aber Bingener scheut sich nicht vor der Ableitung normativer Ziele aus dem selbsterfundenen Konstrukt der "Lerngeschichte". Er schreibt sogar: "Von Beginn an war die Europäische Union als Lerngeschichte entworfen worden." Ganz verliebt in diese Wortfindung. Ebenso die mehrnals erwähnten "aktuellen Herausforderungen" – so werden Willenskundgaben als objektive Gegebenheit verkleidet. Viele Leser haben bemerkt, wohin die Reise geht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2014 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26426

Wenn es amazon nicht gäbe, wüßten wir nicht so gut über den Markt für gebrauchte Bücher Bescheid:

Zug um Zug von Helmut Schmidt und Peer Steinbrück
0,01 Euro

Steinbrück - Die Biografie von Daniel Goffart
0.01 Euro

Uwe-Karsten Heye/Hugo Müller-Vogg: Steinbrück oder Merkel? 0.01 Euro

Peer Steinbrück: Biografie von Daniel Friedrich Sturm und Heiko Sakurai
0,02 Euro

Steinbrück: Biographie von Eckart Lohse und Markus Wehner
0,23 Euro

Man kann nicht früh genug an Weihnachten denken, und das wäre doch etwas für den Gabentisch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2014 um 11.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26525

"Globalisierungsgestalter" – das ist nicht, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, ein Beiname Gottes, sondern Berufsbezeichnung von Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Radermacher, der bei Redneragenturen zu besonders vielen verschiedenen Themen geordert werden kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2014 um 04.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26593

Vor einiger Zeit erhielt ich im allerkleinsten Format eine Lektion in praktischer Rhetorik. Unser Landrat, schon seit Menschengedenken im Amt, wurde bei einer öffentlichen Veranstaltung mit der Frage konfrontiert, warum die Gelben Säcke für den Plastikmüll seit kurzem von so schlechter Qualität seien, daß man am besten zwei übereinanderziehe, damit sie nicht zerreißen. Jeder wußte sofort, was gemeint war und daß es sich wirklich so verhielt. Der Landrat antwortete ohne zu zögern, das sei nicht der Fall, die Säcke hätten sich nicht verändert. Ich nehme an, daß er keine Ahnung hatte, aber die Selbstsicherheit war beeindruckend. Natürlich hatte niemand einen Müllsack zur Hand, geschweige denn einen alten und einen neuen zum Vergleich, und so verpuffte die Frage wie so manche andere.
So muß man es machen.
In der Zeitung und in Leserbriefen wurde später der wahre Sachverhalt dargelegt, aber der Politiker vertraut mit Recht darauf, daß sich dann niemand mehr dafür interessiert. Der rhetorische Effekt ist das einzige, was zählt.
(Die Landkreise als Verwaltungsebene mit geringfügiger Zuständigkeit könnten meiner Ansicht nach wegfallen wie seinerzeit der bayerische Senat, den auch niemand vermißt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.08.2014 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26609

Steinmeier sprach das Problem selbst an: Nur 30 Prozent der Deutschen seien dafür, dass ihr Land mehr außenpolitische Verantwortung übernehme, 70 Prozent seien dagegen, viele davon kategorisch. (FAZ 26.8.14)
Die Befragten wissen eben, daß es sich um eine euphemistische Umschreibung für „Militäreinsätze außerhalb von Selbstverteidigung und Bündnispflichten“ handelt. Das Ergebnis gibt der unentwegt zum Krieg treibenden FAZ die Möglichkeit, die Deutschen der „Schrebergarten“-Mentalität zu bezichtigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2014 um 07.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26621

SPD und Grüne wollen gottloses Schleswig-Holstein (Focus 28.8.14)

Wie schrecklich!

(Es geht um den Wortlaut der Präambel zur Verfassung.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.09.2014 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26637

Es ist zu hoffen, daß die Paketzustelldrohnen zu den Schnapsideen wandern, die in der Vergangenheit entworfen, aber nicht verwirklicht worden sind. Schon jetzt kann man an einem Sommertag in Mittelfranken kein Fleckchen finden, wo nicht von nah oder fern ein sogenanntes Sportflugzeug zu hören ist (ähnlich der Lichtverschmutzung in der Nacht).
Aber wer weiß? Die Propaganda setzt ganz geschickt mit der Zustellung von Medikamenten an. Wer könnte dem Nachbarn die lebensrettende Arznei vorenthalten wollen, nur um seine Ruhe zu haben? Die Pizza kommt später.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 03.09.2014 um 16.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26650

Im "Tagesgespräch" heute morgen auf WDR5 ging es u.a. um Gaucks Danziger Rede. Ein Politikwissenschaftler (oder so ähnlich) erklärte, "wie eine Präsidentenrede generiert wird", bis er "am Ende des Tages" seine Rede hält.
Früher wurden Reden noch geschrieben oder verfaßt, und wenn ich mich nicht irre, hat Gauck seine Rede am Vormittag oder gegen Mittag gehalten. Es gibt das berühmte Verfertigen der Gedanken beim Sprechen, aber manche Leute kommen auch ganz ohne so etwas aus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.09.2014 um 06.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26713

Lessing konnte gut formulieren und wußte es. Die Freude an seinen geschliffenen Sätzen wird wie bei Nietzsche manchmal getrübt durch den Überschuß an Rhetorik, an der Pointe, am Knalleffekt:

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!

Es ist mir verdrießlich, daß der große Mann sein Talent an so etwas verschleudert hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.10.2014 um 11.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#27036

Der Polizeibericht ist ja in einer recht gleichförmigen Sprache verfaßt. Jungjournalisten, die mit der undankbaren Aufgabe betraut sind, jeden Morgen etwas Zeitungstaugliches daraus zu machen, schreiben dann schon mal, bei einer Schlägerei mit betrunkenen Jugendlichen hätten Polizeibeamte "ordentlich Prügel bezogen". Auf meine Beschwerde hin hat nordbayern.de sich entschuldigt und den Text geändert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2014 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#27412

Wer nicht weiß, was eine Metapher ist (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#2740), kann wohl auch die alte Sache mit "Rhetorik in den Naturwissenschaften" wiederaufwärmen: http://elinas.fau.de/workshops/rhetorik.html
Alles Reden ist rhetorisch, nicht wahr? Nur geht dann alles Unterscheidende verloren, der Begriff wird sinnlos. Vergessen wird, daß der Kernbegriff der Rhetorik immer jenes "Plausible" oder "Einleuchtende" (griechisch eikós) war. Die spezielle Relativitätstheorie ist aber nicht plausibel. Plausibel ist, daß die Erde eine Scheibe ist und die Sonne sich darum herumdreht und daß Globuli mit null Wirkstoff helfen, weil sie schon mal geholfen haben. Rhetorik ist die Kunst der Überredung; Beweise sind das Gegenteil. Das wußte Aristoteles, aber die Tübinger imperialistische Rhetorik weiß es nicht mehr ("Ubiquität der Rhetorik").
Wegen besonderer Gefälligkeit haben die Tübinger einmal ihren Rhetorik-Preis an Margot Käßmann verliehen, worüber sich der Mathematiker Thomas Rießinger zu Unrecht wunderte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2014 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#27507

Seit mehr als 15 Jahren erforscht SENSAI die holistischen Ansätze und Vorteile heißer Quellen für Haut, Körper und Geist. Zusammenfassend wurde bewiesen, dass heiße Quellen, traditionell bekannt für die Haut weichmachende Eigenschaften, nebenbei nachweislich die Zellteilung anregten. Ebenfalls wurde eine deutlich messbare Verbesserung der Hautdichte und Hautelastizität nachgewiesen. (...) THE CREAM ist die luxuriöseste und reichhaltige Tages- und Nachtpflege von SENSAI. Sie enthält den Sakura Eternal Complex, der den Prozess der Genaktivität zur Reparatur von Hautschäden optimiert - für ein revitalisiertes, makelloses Erscheinungsbild. (...) Schenken Sie Ihrer Haut die ultimative Kombination aus Koishimaru-Seide und der Kraft von Kirschblüten, um die Gen-Aktivität zu unterstützen.

Ein fast selbstparodistisches Stück Werbesprache, was den Fremdwortgebrauch betrifft. Holistisch ist immer gut, und unter einem Sakura Eternal Complex kann man sich auch was Schönes vorstellen. Besonders interessant fand ich die an der Grenze des Erlaubten entlangschrammende Behauptung, die Hautcreme greife in die Gen-Aktivität ein (was ich mir vorsichtshalber verbitten würde, denn wer weiß, welche schlafenden Gene dabei geweckt werden!). Eigentlich geht's ja immer um Wasser, Fett und Emulgator, dazu Konservierungsmittel und Duftstoffe - und dann vor allem Verpackung und eben Werbung.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.12.2014 um 19.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#27508

Es ist aber nicht nur der Fremdwortgebrauch:
Zusammenfassend wurde bewiesen, dass ... nachweislich ...

Zum einen sehr schön doppelt gemoppelt, zum andern, war das wirklich, wie es hier steht, ein zusammenfassender Beweis (der Anregung der Zellteilung), oder ist nicht vielmehr gemeint, daß zusammenfassend darüber berichtet wird, was alles im einzelnen bewiesen wurde?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2014 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#27553

Justizminister Maas hat die Proteste der Bewegung Pegida scharf kritisiert. Er sehe dort „Menschen mit einer klaren Affinität zur Ausländerfeindlichkeit“ und warnte vor einer neuen Eskalationsstufe. (FAZ online 15.12.14)

Millionen Menschen sind zwar nicht arm, aber von Armut bedroht.

Der Mensch ist zwar nicht böse, hat aber eine Affinität zum Bösen.

Alles klar. Die Welt ist viel schlimmer, als sie aussieht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2014 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#27631

Alles stürzt sich auf Frau Fahimis Vorschlag, wochenlang in allen möglichen Etablissements wählen zu lassen, der offensichtlich sinn- und aussichtslos ist, und man übersieht das eigentliche Ziel, das sie nur nebenbei erwähnt hat: die Verlängerung der Wahlperiode auf fünf Jahre. Die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.01.2015 um 11.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#27848

Weil man es später vielleicht nicht mehr ganz verstehen wird, will ich immer wieder mal Beobachtungen zur politischen Rhetorik der Gegenwart einschalten.

In den Zeitungen kommen zur Zeit die Redewendungen Öl ins Feuer gießen und Wasser auf die Mühlen besonders oft vor. Das erste bedeutet „(mutwillig, unnötig) die Erregung verstärken“, das zweite „unfreiwillig dem Gegner zuarbeiten, ihm Argumente liefern“ (vgl. Beifall von der falschen Seite). In beiden Wendungen schwingt mit, daß man so etwas vermeiden sollte. Es sind also Mahnungen, sich mit Meinungsäußerungen zurückzuhalten. (Zurückhaltung ist hier das Wort der Wahl.) Schon jetzt lassen sich viele Beispiele vorauseilender Selbstzensur erkennen. Ein großer Teil der Bevölkerung billigt das. Meinungsfreiheit war immer nur verhältnismäßig wenigen ein hoher Wert oder gar der höchste. Wer ohnehin nicht vorhat, sich öffentlich zu Wort zu melden, sondern nur im Privaten mault oder Witze macht, findet die „Zurückhaltung“ richtiger.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2015 um 06.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#28213

Bundespräsident Joachim Gauck hat die sich abzeichnende Mehrheit im Bundestag für eine Verlängerung des Hilfsprogramms für Griechenland begrüßt. "Das Parlament ist verantwortungsbereit und nimmt sich der Sache mit großer Ernsthaftigkeit an", sagte Gauck in einem Radio-Interview mit MDR Info. Der Bundestag stelle sich der Frage, was Europa gewinne, wenn ein Teil der Gemeinschaft verloren gehe. (Spiegel 27.2.15)

Es gibt einen feinen Unterschied zwischen "sich eine Frage stellen" und "sich einer Frage stellen". Das erste drückt Zweifel aus, das zweite suggeriert, daß die Frage wie eine unpersönliche Tatsache "im Raum stehe" (wie man sagt) und wir kleinen Wichte nur noch vor ihr bestehen können oder nicht. Das klingt irgendwie existenziell, um nicht zu sagen pastoral. Entsprechend die Verteilung auf Textsorten. Wissenschaftler stellen sich eine Frage, Politiker stellen sich einer Frage. Dann gibt es üblicherweise "keine Alternative" mehr.

Auch interessant:

Durch ein Versehen des MDR sind die Äußerungen des Bundespräsidenten zur Verlängerung der Griechenland-Hilfe anders als vereinbart noch vor der Abstimmung im Bundestag gesendet worden. Der MDR bedauert dies. (MDR 27.2.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2015 um 15.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#28401

Vor ein paar Tagen las ich, daß die Parteien auf Anstoß von Frau Fahimi darüber beraten wollen, wie man die Wahlbeteiligung erhöhen könne. Nur die AfD wolle man zu den Beratungen nicht einladen. Dann könnte man es gleich ganz lassen, denn dieser Umgang mit dem Schmuddelkind ist genau das, was die "Politikverdrossenheit" fördert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.05.2015 um 12.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#28850

In Moskau wird der Sieg über Nazi-Deutschland oder Hitler-Deutschland gefeiert. So drücken sich die meisten Zeitungen aus. Sieg über Deutschland bezieht sich fast immer auf Fußball oder Eishockey.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2015 um 04.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#28869

Studenten werden angewiesen, eine Hausarbeit zu verfassen, mit der klaren Ansage, daß es auf formale Korrektheit ankomme und nicht auf den Inhalt. Das erinnert an die alte Schulrhetorik: Musterreden über beliebige, an sich gleichgültige Gegenstände. Wie wirkt das eigentlich auf längere Sicht? Wie viele Texte werden auch künftig im Grunde Blindtexte sein, mit denen man aber durchkommt.

Ich kenne zumindest eine Studentin, die darunter leidet. Sie vernachlässigt die Form keineswegs, aber ihr heftiges Interesse gilt dem Gegenstand. Darin ähnelt sie ihren Eltern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.05.2015 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#28957

Karl-Heinz Göttert: Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik. Frankfurt 2015.

Göttert stellt, in ausdrücklicher Anlehnung an Plutarchs Doppelbiographien, jeweils einen älteren und einen modernen Redner gegenüber, weiß aber, daß das oft ziemlich gewaltsam geschieht. Zahlreiche Reden werden in ihrem Aufbau nachgezeichnet.

Ein Hauptverdienst sehe ich darin, daß Göttert die von Cato, Cicero und Quintilian bis zu Kopperschmidt und der Tübinger Rhetorik verbreitete Definition des guten Redners als vir bonus zurechtrückt. Schon Platon war darin vorangegangen, aber der kommt bei Göttert im allgemeinen nicht gut weg, weil er auf der Wahrheit bestanden und damit den Zweck der Rhetorik verkannt habe. (Das hat er aber keineswegs, im Gegenteil. Er hat ihn nur nicht gebilligt.) Konsequenterweise ist etwa Hitler, den die Tübinger gar nicht als Redner anerkennen wollen, weil er so böse war, bei Göttert ein ausgezeichneter Redner.
Seltsamerweise sagt er an einer Stelle: „Aber Erfolg ist immer das schlechteste Kriterium zur Beurteilung von Reden. Auch Demosthenes und Cicero hatten nicht immer Erfolg, gerade bei ihren wichtigsten Reden nicht.“
Das nimmt er aber an vielen Stellen wieder zurück. Es ist auch weder logisch, noch trifft es historisch zu. Erfolg war immer das einzige Kriterium. Die genaue Erfüllung rhetorischer Regeln ist eher etwas für die rhetorischen Schulübungen.

Eine Rhetorik, die wie bei Aristoteles „beim Hörer ansetzt“, nennt Göttert „das europäische Konzept“, den „europäischen Weg“. Das kommt mir etwas modisch vor, ebenso wie das immer wieder erwähnte "Narrativ".

Sachliche Irrtümer:

Nicht Platon, sondern Sokrates ist der Gesprächspartner des Glaukon.

Isokrates ware kein „Altersgenosse von Aristoteles“ (131), sondern fast 50 Jahre älter. (Isokrates fehlt im Register, ist auch im Haupttext zu nebensächlich behandelt.)

Es gibt, wie in seinen anderen Büchern, viele Fehlschreibungen von Eigennamen: Palamides, Carl Carstens, Josef Goebbels, Jakob Burckhardt.
Der berühmte Rhetoriklehrer hieß Teisias oder Tisias, aber nicht Tesias, wie Göttert zehnmal schreibt.
 
 

Kommentar von Theodor ickler, verfaßt am 25.05.2015 um 08.58 Uhr  
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Es ging und geht europäischer Redekunst um die Gewinnung der Hörer auf der Grundlage von Autorität. Man folgt dem, den man anerkennt, zu dem man (meistens ja nicht nur metaphorisch) aufschaut. Wie gewinnt man solche Autorität? Dadurch, dass der Redner sein Publikum versteht, seine Gedanken aufnimmt und mit argumentativen und sprachlichen Mitteln arbeitet, die Eindruck machen. (Göttert 478)

Was ist daran spezifisch europäisch? Göttert deutet selbst an, daß ein Vergleich mit nichteuropäischer Redekunst ihm nicht möglich ist. Nach kurzen Bemerkungen über die Gespräche des Konfuzius und einige Aphorismen Lao-tse (warum gerade diese?) fragt er: „Ob man all dies ohne Eindringen in die Voraussetzungen richtig begreift?“ (480)

Nach Dutzenden Referaten von Reden aus alter und neuer Zeit, einer Stoffsammlung, die beliebig fortgesetzt werden könnte, wirkt das Fazit zur „europäischen Redekunst“ blaß und geradezu hilflos. Auch scheint das Konstrukt der „europäischen Rhetorik“ durchgehend positiv besetzt zu sein, was nicht unbedingt zu erwarten war, nachdem Göttert völlig zu Recht auch Hitler und andere unangenehme, aber erfolgreiche Redner wieder in den rhetorischen Kanon zurückgeholt hat.

Man hat den Eindruck, daß Göttert am Ende nicht recht weiß, wozu er das dicke Buch überhaupt geschrieben hat, und nachträglich einen schlagkräftigen Begriff suchte, unter den er das Ganze programmatisch stellen könnte, und so verfiel er eben auf „europäische Redekunst“, was ja auch so zeitgemäß klingt wie das „Narrativ“.

Warum nicht Johannes Chrysostomos und Barack Obama vergleichen? Obama erzählt in einer Rede etwas aus seiner Familiengeschichte – das ist „narrative Persuasion“ (nach Till). Auch Johannes Chrysostomos (der hier auch mal Chrysostomus und Chrisostomos geschrieben wird) erzählt, bei einem Prediger keine Überraschung. Man kann den Mund nicht aufmachen, ohne etwas aufzuzählen, Antithesen aufzustellen usw. – die „Ubiquität der Rhetorik“ hat zur Folge, daß es nichts Unterscheidendes mehr gibt, alles Reden ist rhetorisch. Es kann nicht anders sein. „Mit welchem weltlichen Redner in der Neuzeit lässt sich Eckhart vergleichen? Mir fällt Johann Christoph Gottsched ein (...)“ (312) – Die Beliebigkeit liegt auf der Hand.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.06.2015 um 03.18 Uhr  
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Wilfried Stroh gehört zu den wenigen, die sich von den Tübinger Schalmeienklängen nicht einlullen lassen:

„Die Rhetorik hat als Ziel, wie man seit dem 5. Jahrhundert vor Christus weiß, nicht die Wahrheit, sondern das Wahrscheinliche. Das deckt sich zum Glück zu 75 Prozent mit der Wahrheit, aber zu 25 Prozent eben nicht. Die Rhetorik ist also keine Methode, um die Wahrheit zu finden. Manche wollen die Rhetorik so interpretieren, dass sie in Bereichen, in denen man die Wahrheit nicht sicher erkennen kann, helfe, sich der Wahrheit zu nähern. Diese Positionen von Gadamer, Habermas und anderen sind m. E. verkehrt und verharmlosen die Rhetorik. Die Rhetorik forscht nicht nach der Wahrheit, sie will sich auch der Wahrheit nicht annähern, aber sie benutzt die Wahrheit sehr gerne, weil diese die Eigenschaft hat, dass sie meistens auch wahrscheinlich ist. Aber leider nicht immer. Und der Redner muss nach den Regeln der Rhetorik darauf gehen, dass das, was er sagt, auch wahrscheinlich wirkt, sonst kann er nicht überzeugen.“

Nach traditionellen Maßstäben ist Angela Merkel keine gute Rednerin. Stroh bekennt in einem Interview, Merkel habe ihn einmal überzeugt, folglich sei sie eine gute Rednerin. Damit ist wohl der Kern getroffen. Dieselben Worte, die den einen überzeugen, weil er entsprechend eingestellt ist, stoßen den anderen ab. Insofern hat jede Gesellschaft die Redner, die sie verdient.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.06.2015 um 06.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29138

Rhetoriker erbieten sich, "Präsentationskompetenz zu lehren, so auch in Tübingen. Die Universität Erlangen hat, wie auch andere Hochschulen, die Firma Leybold & Akli angeheuert, um Kurse in Präsentationskompetenz anzubieten. Hübsche Geschäftsidee, zumal Erfolgskontrollen weder vorgesehen noch möglich sind.

In der Mail unserer Universitätsleitung finde ich außerdem ständig das Angebot des "Hochschulpfarramtes" (was es alles gibt!): Pilgerwanderungen in den Wäldern um Erlangen.

Und natürlich jede Menge "Gender und Diversity".
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.06.2015 um 09.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29139

Die Rhetorik hat als Ziel die Überredung. Was hat das mit Wahrscheinlichkeit zu tun? Stroh meint wohl den Anschein der Wahrheit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.06.2015 um 12.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29140

Das geht wohl auf Aristoteles zurück, der zwischen exakten Wissenschaften und solchen unterschied, bei denen es so oder auch anders kommen kann. Ich glaube, daß "wahrscheinlich" meistens nicht die richtige Übersetzung von gr. "eikós" ist. Vielmehr geht es um das "Plausible". Die Rhetorik arbeitet mit den umlaufenden Meinungen. Etwas anderes kann auch bei der Habermasschen "Konsens"-Theorie nicht herauskommen. Daher auch das Nichtverhältnis dieser Leute zu den Naturwissenschaften, die als positivistisch, szientistisch usw. verächtlich gemacht werden. Aber wer möchte schon in ein Flugzeug steigen, dessen Konstruktion mit rhetorischen Mitteln als plausibel dargestellt worden ist? Das ist leider nicht zu weit hergeholt.

Die Lehre von der "Ubiquität" der Rhetorik ist in unangenehmer Weise wahrer, als man denkt. Nehmen wir die vielen einstürzenden Neubauten unserer Zeit. Ich habe es vielleicht schon einmal erwähnt. Hier in Erlangen sind alle großen Bauwerke in Sichtbeton-Bauweise (das Rathaus, die Kopfklinik, unser Spardorfer Schulzentrum usw.) nach wenigen Jahren für viele Millionen saniert und dann mit Kunststoff ummantelt worden; die aus derselben Zeit stammende philosophische Fakultät bröckelt irreparabel vor sich hin ("Steinschlaggefahr"). Ich denke oft, daß hier doch wohl irgendwelche Entscheidungsgremien dazu überredet worden sein müssen, die Bauwerke zu billigen.

Daran denke ich auch, wenn wieder mal Entscheidungen zum Beispiel in der Wirtschaft (Griechenland) "zur Chefsache" gemacht werden; dann wird es auf jeden Fall sehr teuer. Wenn die Fachleute nicht mehr randürfen, herrscht die Rhetorik – was sonst?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.06.2015 um 12.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29141

"ton hätto logon kreitto poiein" (der schwächeren Sache zum Sieg verhelfen). Platon über die Sophisten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.06.2015 um 12.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29142

Vielmehr diese über sich selbst, vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#26369

Der schönste Erfolg des Redners besteht darin, den Schuldigen seiner Strafe zu entziehen und den Unschuldigen aufs Schafott zu bringen. (Und damit noch gutes Geld zu verdienen.)
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 13.06.2015 um 16.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29143

Zu #29140, "Wenn die Fachleute nicht mehr randürfen, herrscht die Rhetorik – was sonst?": So auch bei der kultusministerlichen Rechtschreibreform: Vereinfachung, weniger Regeln, günstig auch für die, die nicht soviel ach so ja bürgerliche Vorbildung zum Schreiben mitbringen, usw.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.06.2015 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29144

Weit gefehlt, es herrscht die Rhetorik der Fachleute.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.06.2015 um 22.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29145

Auch Fachleute lügen und täuschen (Wes Brot ich eß, des Lied ich sing), Politiker sowieso.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.06.2015 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29146

So kann man es natürlich auch sehen. Oft stellt man nachträglich fest, daß ein rhetorisch nicht so geschickter und nicht so einflußreicher Fachmann im Hintergrund das Desaster vorausberechnet hat, aber niemand auf ihn hören wollte. Und dann natürlich die Interessen, die hinter jeder Entscheidung stehen. Das übersehen, wie schon bemerkt, die Kommunikationsapostel, die den Weltfrieden für ein Kommunikationsproblem halten.
Die Kurse in Präsentationskompetenz, die nun sogar den Hochschullehrern verabreicht werden, erheben dem Mißstand zum Ziel.

Immerhin, ganz so düster kann die Lage nicht sein, sonst würden die Dinger sich ja nicht in die Luft erheben und darüber hinaus. Die Mondlandung kommt mir auch und erst recht nach so vielen Jahren immer noch wie ein Wunder vor. Nicht daß ich irgendein Interesse daran hätte, astronomisch war das ja ohne Bedeutung. Aber das Zusammenspiel so vieler Menschen und ihrer kümmerlichen Computer ...
Das ist natürlich nur ein Beispiel für unzählige Dinge, die täglich klaglos funktionieren. (Komme mir gerade wie ein naiver Fortschrittsgläubiger vor.) Ich hatte die "Fachleute", kurz gesagt, nicht als Personen im Sinn, die natürlich ihre menschlichen Schwächen haben wie wir alle, sondern als Personifikationen ihrer Disziplinen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2015 um 04.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29167

Noch einmal zu Walter Jens, auch wenn ich ihn schon zu oft erwähnt habe. Ich hatte bei allen seinen Texten das Gefühl, daß der kämpferische Ton ("Radikalrepublikaner") aufgesetzt war, wie sich denn der echte Rhetoriker über alles und jedes nach Wunsch kurz oder lang, pro oder kontra zu sprechen erbot.

Dazu kommt die Vortragsweise, die man sich sogar bei den Zeitungsartikeln unwillkürlich hinzudenken mußte. Nehmen wir einen Vortrag über Kafka (www.youtube.com/watch?v=N2DlUUX95FE). Die Stimme war nicht gerade wohltönend; dafür kann einer nichts, aber immerhin zogen berühmte Redenschreiber wie Isokrates daraus die Folgerung, lieber gar nicht selbst vorzutragen, sondern sich aufs Schreiben für andere zu beschränken. Dann vor allem die maßlose Gestik. Jens fuchtelt herum, als gelte es, Catilinas Putschversuch zu verhindern, und dabei geht es doch nur um den stillen Kafka. Zwischen den ausladenden Gebärden steckt Jens die Hände in die Hosentaschen. Er hat seinen Text nicht auswendig gelernt wie die antiken Redner, sondern liest ihn ab – eigentlich eine Monstrosität, gerade in Verbindung mit der einstudierten Gestik. Man sieht und hört ihm ein paar Minuten zu und fragt sich: Was hat er eigentlich gesagt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2015 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29203

„Trotz großem Erfolg war Walter Jens (...) wohl kein völlig guter Redner. Er hing meist am Manuskript, aus dem er seine fein ziselierten, meist antithetisch strukturierten Perioden wörtlich vorlas. Bezeichnend für seine Grenzen als Kritiker war, dass er die Verführungskunst eines Hitler oder Goebbels nicht erfassen konnte, sondern in den Hetzreden dieser Demagogen nur stilistische 'Fehler' aufspürte.“ (Wilfried Stroh: Die Macht der Rede. Berlin 2009:14)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2015 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29207

Da ich gerade noch einmal rhetorische Literatur vom Ende der Nuller Jahre sichte, fällt mir auf, wie sehr Obama seinerzeit als Superstar der Redekunst (mit Grammy für bestes gesprochenes Album) galt, sondern in Tateinheit gleich als Heilsbringer der Menschheit. Ich mußte gerade noch einmal nachsehen, ob er tatsächlich den Friedensnobelpreis bekommen hat oder nur in meiner fehlbaren Erinnerung. Die Entblätterung wird vielleicht nicht so langwierig sein wie im Fall Kennedy.
(Einer meiner Studenten war seinerzeit nach Amerika gereist, um beim Wahlkampf für Obama mitzuarbeiten. Dies nur zur Erinnerung an die enormen Erwartungen, gerade in Deutschland.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.06.2015 um 08.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29228

Stroh zitiert Wilamowitz-Moellendorff 1919:

„Der innere Gegensatz zwischen Isokrates und Platon, zwischen Rhetorik und Wissenschaft lässt sich nicht überbrücken; er wird in alle Ewigkeit bestehen. Die antike Bildung und die antike Kultur sind daran zugrunde gegangen, dass Isokrates die Oberhand bekam. Vielleicht geht die moderne Kultur ebenso zugrunde; die Schule ist auf dem besten Wege dazu.“
Hier können wir Wilamowitz zum Glück mit Nachdruck widersprechen. Gerade in der römischen Kaiserzeit und Spätantike war ja, wie wir sahen, die Philosophie gegenüber der Rhetorik erstarkt. Und was den griesgrämigen Ausblick in die Gegenwart und Zukunft angeht, war Wilamowitz schon 1920 widerlegt, und er ist es heute mehr als je: Die für ihn in Isokrates verkörperte Rhetorik hat jedenfalls im deutschen Gymnasium der letzten hundert Jahre eine nur noch klägliche Rolle gespielt. Wo wird heute in Schulen deklamiert? Wo wird die Stilistik im Hinblick auf die mündliche Wirkung geübt? Wo lernt man die rhetorische Kunst der Argumentation? Von Stimmschulung und Körpersprache ganz zu schweigen. (Wilfried Stroh: „Philosophen gegen Rhetoriker: der Streit um die Jugendbildung in der Antike“. http://stroh.userweb.mwn.de/schriften/philosophen_gegen_rhetoriker.pdf)

Stroh sucht an der falschen Stelle. Wir erleben ja ein ständig zunehmendes Ausufern der „Schlüsselqualifikationen“ oder „Soft skills“, der „Präsentationskompetenz“ auf Kosten der Inhalte. Auch Gender Mainstreaming und Political correctness gehören dazu. Das Deklamieren im alten Stil ist eine Liebhaberei für gewisse Kränzchen. Wilamowitz hat das durchaus richtig gesehen. Nicht zu vergessen: die moderne Werbung, auch mit nichtsprachlichen Mitteln. Nie zuvor war der Mensch von morgens bis abends einer solchen Überredungskunst ausgesetzt.

Etwas später meint Stroh:
„Dazu kommt die Rhetorik im Alltag, im Wirtschaftsleben, ja sogar im Sport: Man sehe nur etwa die beschwörenden Gesten, mit denen der Bundestrainer Joachim Löw unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber beobachtet vom Teleobjektiv der ARD, seine Männer einschwört: Wie wenn er dafür erst geschult wäre! Oder wird er es gar, in der Trainerausbildung?“

Was die Wirtschaft betrifft, so läuft sie vielleicht gerade wegen der Rhetorik manchmal aus dem Ruder. Haben sich nicht Millionen Menschen die Anschaffung von Immobilien aufschwätzen lassen, die sie dann nicht bezahlen konnten? Der Bundestrainer ist höchstwahrscheinlich nicht rhetorisch geschult worden, sonst hätte er vielleicht die Weltmeisterschaft verfehlt. Was soll es also?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2015 um 13.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29418

Der Gläubiger war noch nie beliebt. Sein Geld nahm man gern, als man es brauchte, aber wenn es ans Zurückzahlen geht – auch noch mit Zinsen, wo gibt's denn so was! –, kommt einem alles wie Wucher und Blutsaugen vor, ja, man kritisiert das ganze "System", in dem so etwas möglich ist. Die Juden haben es zu spüren bekommen, als ihnen außer Geldverleih nicht viel erlaubt war.

In den Romanen des 19. Jahrhunderts dreht sich eigentlich alles um Geld und Schulden (und Erbschaften).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2015 um 18.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29454

Für den "Stern" hat ein "Experte für Körpersprache" analysiert, wie toll die Bundeskanzlerin ein Flüchtlingsmädchen gepatscht hat:

Sie war auf diesen Moment eben wirklich nicht vorbereitet, ihre Reaktion nicht einstudiert. Deswegen wirkt sie etwas tollpatschig, aber menschlich.

Die ganze Flüchtlingspolitik in einer Nußschale, und so schön ausgedrückt!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2015 um 07.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29580

In den Redaktionssesseln ist nicht viel los – was soll man also schreiben? Man erfindet Ereignisse und kommentiert sie dann:

Das Erschrecken über die Rückkehr des "hässlichen Deutschen" ist groß. Dabei kann sie niemanden, der das politische Geschehen nüchtern betrachtet, wirklich überraschen. Schließlich war der Machtzuwachs Deutschlands in den zurückliegenden Jahren offenkundig. Macht und Popularität aber entwickeln sich in aller Regel umgekehrt proportional zueinander. Wieso also das Erstaunen?
Vielleicht, weil wir uns eben noch so toll fanden.
(Usw.) (ZEIT 29.7.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2015 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29805

Keine schlechte Woche für den SPD-Chef: Beim Thema Flüchtlinge punktet er mit Emotion und klaren Worten gegen Merkel. (...)
Gabriel war einer der Ersten, der dafür klare Worte fand: "Keinen Millimeter" dürfe die deutsche Gesellschaft solchen Rassisten Platz geben, der Vizekanzler nannte sie "Pack". Schon am Montag besuchte er die Flüchtlinge in Heidenau in ihrem stickigen, traurigen Baumarkt-Lager, sicherte ihnen Solidarität zu und schien seitdem der zögernden Kanzlerin immer um zwei Schritte voraus.
Der Kampf gegen Rechtsextremismus, das ist etwas, das Gabriel glaubhaft umtreibt. Beim Thema Flüchtlinge kann er zudem seine Emotionalität gewinnbringend einsetzen, sie war ihm oft vorgeworfen worden. Der Kontrast zur technokratischen Kanzlerin wird so noch sichtbarer.

(ZEIT 28.8.15)

Wie auch einige Leser anmerken, wird Pack an Gabriel klebenbleiben. „Emotionalität zeigen“ ist ein rhetorisches Mittel wie andere, ebenso "glaubhaft wirken". Die Naivität mancher Kommentatoren ist erstaunlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2015 um 06.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29806

Nachtrag:

Berlin (dpa) - Bundesinnenminister Thomas de Maizière hält die immer hitziger geführte Debatte über die Aufnahme von Flüchtlingen für höchst bedenklich. Die Verrohung der Sprache und der Umgang miteinander mache ihm Sorgen, sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Gerade im Internet glaubten einige, sie würden die Meinung einer schweigenden Mehrheit zum Ausdruck bringen, wenn sie gegen Ausländer hetzen oder Presse und Politik verteufeln. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht die Entwicklung mit Sorge. Er war nach einem Besuch in Heidenau, wo er die Krawallmacher als "Pack" bezeichnet hatte, in sozialen Medien und per Mails unflätig beschimpft worden.

Für Kriminelle ist die Polizei zuständig. In deren Berichten kommt Pack nicht vor.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 30.08.2015 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29812

Die Heidenauer, die "Wir sind das Pack!" skandiert haben, als Merkel zu Besuch war, sind als Arbeiter, Angestellte usw. genau die "Kleinen Leute", denen anzunehmen sich die SPD seit 175 Jahren anschickt. Sie werden sich auch bei der nächsten Wahl an Gabriels Worte erinnern.

Daß die Menschen den Vorwurf "Pack" ummünzen in einen Schlachtruf, zeigt, wie groß die Distanz zwischen Politik und Menschen ist; klar wird auch, daß Politiker nicht die Instanz sind, die die Bürger Mores lehren kann.
Wenn die Menschen an der Wahlurne diese Distanz deutlich machen, stehen Deutschland interessante Wahlabende in's Haus.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.08.2015 um 22.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29813

Wie ist es eigentlich möglich, daß jeder Protest gegen zuviel Einwanderung von Regierung und Leitmedien sofort als Fremdenhaß bezeichnet wird?

Bürger, die sich offen auf der Straße gegen die Politik der Regierung äußern, leiden ganz bestimmt nicht unter "diffusen Ängsten".

Diese Bürger können nichts dafür, daß bei ihren Protesten leider auch immer Radikale dabei sind, die die Einwanderer als Abschaum usw. bezeichnen. Herr Gabriel und die meisten, die zur Zeit da oben das Sagen haben, wollen einfach nicht begreifen, geschweige denn sich danach richten, daß es noch verantwortungsbewußte Menschen in Deutschland gibt, die sich gegen den drohenden Untergang unserer Nation wehren.

Man kann ja darüber geteilter Meinung sein sein, trotzdem ist eine solche Einstellung noch lange kein Fremdenhaß.

Indem Gabriel hier undifferenziert alle Gegner der Regierung als Pack bezeichnet, trägt er nur seinen Anteil dazu bei, immer mehr Menschen, die keinen anderen Ausweg sehen, geradewegs in die Arme der Nazis zu treiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.08.2015 um 06.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29816

Wenn mein Gefühl mich nicht täuscht, bekommt es Gabriel nicht gut, daß so viele Wohlmeinende sich über ihn beugen und ihm bestätigen, wie toll er das macht.

Diesmal kam der Vizekanzler der Kanzlerin zuvor – und die ganze Republik schaute zu. Erst zwei Tage nach Sigmar Gabriel besuchte Angela Merkel das von Ausländerfeinden belagerte Aufnahmelager in Heidenau. Früher und deutlicher als die Regierungschefin hatte der Wirtschaftsminister in der Flüchtlingsdebatte Präsenz gezeigt und Position bezogen. (...) "Gabriel hat in der Flüchtlingsfrage Führung gezeigt", attestiert ihm sein Stellvertreter Ralf Stegner. (Tagesspiegel 29.8.15)

Andere sagen vorsichtiger, er habe "Präsenz gezeigt", was ja sozusagen das Minimum ist und keine "Führung". Jeder ist irgendwo.

Zurück bleibt von all diesem Schulterklopfen der Eindruck, daß der gute Junge es nötig hat.

Das Gegenteil dieser Demontage konnte man jahrelang an Merkel beobachten, der ja gleich mit Beginn ihrer Regierungszeit und dann immer wieder das unmittelbar bevorstehende Ende vorausgesagt wurde. Das galt sogar für die FAZ, wo die Merkel-Verächter inzwischen still geworden sind, während Merkel immer noch regiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2015 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29821

Angela Merkel hat gesprochen. Besser gesagt: Zunächst hat die Kanzlerin sprechen lassen. Via Steffen Seibert verkündet sie, wie abstoßend es doch sei, "wie Rechtsextreme und Neonazis versuchen, rund um eine Flüchtlingseinrichtung ihre dumpfe Hassbotschaft zu verbreiten". Ihre Ansage nach den Ausschreitungen in Heidenau.

Das Feld vor Ort überlässt sie Vizekanzler Sigmar Gabriel. Ist das Kalkül? Sind der Kanzlerin die Probleme rund um die Asylbewerberheime in Sachsen und sonstwo zu heiß? Es ist allerhöchste Zeit, dass Merkel sich selbst klar und eindeutig äußert und vor Ort Zeichen setzt.
(Oberpfalz 25.8.15)

Der Text ist offensichtlich merkelkritisch. Jeder Satz enthält eine Ironisierung oder eine kleine Spitze, und man könnte die verschiedenen rhetorischen Mittel der Reihe nach identifizieren. Mich interessiert besonders die Abtönungspartikel doch. Die gehört eigentlich in direkte Aufforderungs- und Exklamativsätze, ist aber hier in den Nebensatz übernommen. Imperativ- und Exklamativsätze haben keine einfache Indirektheitsform, man muß sie ganz umformulieren, oft mit Modalverben wie mögen: er möge doch bitte usw.

Unterstellt wird Merkel also eine Äußerung wie Es ist doch abstoßend..., und das wäre in der Tat etwas lächerlich. Aber warum? Anscheinend wird die Wucht einer Feststellung gemindert, wenn man sie bloß in Erinnerung ruft, als sei sie eben mal vergessen worden.

Behaghel III:159 spricht von einem "wundernden doch" (zu Goethes: Hab' ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 01.09.2015 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29824

„… wie abstoßend es doch sei …“ Ich sehe weniger eine Unterstellung als eine Wertung der Äußerung. Nicht gleichbedeutend, aber ähnlich wäre die Formulierung „wie ach so abstoßend es sei …“.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.09.2015 um 23.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29825

Ich sehe das mit dem [i]doch[i/] etwas anders.

Vorausgesetzt die Kanzlerin hat dieses Wort tatsächlich gebraucht, so wollte sie damit nach meinem Empfinden ausdrücken, daß sie eigentlich etwas Selbstverständliches sagt. Denn nimmt man das, was lt. Zeitungsbericht in der Aussage folgte, für bare Münze, dann ist die Aussage ja schon fast tautologisch. Dann wäre eine bloße Aussage „es ist abstoßend, ...“ banal, ja „lächerlich“. Sie würde zugleich damit ausdrücken, daß sicherlich so gut wie alle Zuhörer, ja alle „billig und gerecht denkende Menschen“ der gleichen Meinung sein müssten.

Der rhetorische Trick liegt doch in dem, was nachfolgt. Damit wird unterstellt, daß alle, die vor Flüchtlingseinrichtungen oder anderswo demonstrieren („wir sind das Pack“) dumpfe Neonazis seien. Damit wird versucht, jede möglicherweise berechtigte Kritik an der bisherigen Passivität der Regierung ggü. einer seit langem sich abzeichnenden krisenhaften Entwicklung von vornherein abzublocken.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 02.09.2015 um 00.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29826

In der offiziellen Mitschrift der Regierungspressekonferenz vom 24. August 2015, auf die hier offenbar Bezug genommen wird (http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2015/08/2015-08-24-regpk.html), taucht das Wort »doch« nicht auf. Darin heißt es vielmehr: »Es ist abstoßend, wie Rechtsextremisten und Neonazis versuchen, rund um eine Flüchtlingseinrichtung ihre dumpfe Hassbotschaft zu verbreiten.«
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.09.2015 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29828

Zu dem Zeitungstext wäre noch manches zu sagen. Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Herrn Achenbachs Kommentar und meinem, was das "doch" betrifft. Die "Selbstverständlichkeit" habe ich nur etwas anders ausgedrückt.
Natürlich hat Merkel das nicht so formuliert, es ist die nicht eben wohlwollende Unterstellung der Zeitung; das habe ich aber auch ausdrücklich gesagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.09.2015 um 09.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29832

Neue Begriffe, die nicht dem Bedürfnis der Sprachgemeinschaft entspringen, sondern von oben mit volkserzieherischer Absicht lanciert werden, ziehen unweigerlich Ironie und Spott auf sich. Wie konnte man je glauben, einem Jahrhundertproblem mit der seichten Forderung einer „Willkommenskultur“ beizukommen?
Die Rechten sind zwar fürchterlich, aber dumm sind sie nicht unbedingt. „Wir sind das Pack“ ist teuflisch gut gelungen. Welcher Politiker kann es danach noch wagen, das Gespräch mit dem Pack zu suchen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.09.2015 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29838

Noch einmal zur Inklusion (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22885)

Als das mittlerweile nicht mehr gelittene Wort "behindert" noch üblich war, wehrten sich Eltern vehement, ihr Kind mit diesem Etikett versehen zu lassen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Von "behindert" spricht man heute kaum noch, dagegen ist die Rede von "förderbedürftig", oder es wird einfach angegeben, ein Kind habe einen "Förderschwerpunkt". (...)
Es bleibt die Tatsache, dass das Etikett "förderbedürftig" auch heute nicht vorurteilsfrei gesehen wird. Auf Zeugnissen steht in einer eigenen Bemerkung "zieldifferent gefördert". Für einen kundigen Arbeitgeber heißt das, dass eine Note in einem bestimmten Fach, etwa eine Drei in Mathematik, nicht identisch ist mit einer Drei eines Schülers, der nicht zieldifferent gefördert wurde. Trotz Inklusion bleibt der Förderbedarf ein Stigma.
(welt.de 3.9.15)

Sprachliche Kosmetik ist natürlich die billigste Art der Versorgung (oder Entsorgung). Was heißt hier vorurteilsfrei? Wer einen Behinderten einstellt – wozu er unter gewissen Umständen gesetzlich verpflichtet ist –, bekommt eine Prämie, andernfalls zahlt er eine Strafe. Wozu das Ganze, wenn Behinderung nur ein Vorurteil ist? Diese Regelungen haben immerhin den Erfolg, daß man den Sachverhalt selbst nicht gänzlich verstecken und verleugnen kann, auch nicht vor den bösen Unternehmern.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 03.09.2015 um 09.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29840

Der Schlachtruf "Wir sind das Pack!" ist nicht die Idee der Rechten, sondern die spontane Reaktion der ganz normalen Leute in Heidenau, die friedlich demonstriert haben, von linken Antifa-Schlägern angegriffen wurden und sich dann noch Gabriels Beschimpfung als "Pack" anhören mußten.
Die wollen mit den Rechtsradikalen nichts zu tun haben und drehen den Vorwurf sarkastisch und höhnisch einfach um.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.09.2015 um 12.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29905

Wer in der Öffentlichkeit steht, kriegt anonyme Haß-Mails. Sogar ich unbedeutender Wicht habe schon welche erhalten. So auch Katrin Göring-Eckardt:

"Das ist Dreck, der gehört in die Mülltonne", sagte sie dazu. Dieser Dreck sporne sie aber an, sie werde sich nicht klein kriegen lassen."

Sie hat sich aber nicht daran gehalten, sondern die Texte ans Publikum statt in die Mülltonne befördert. Heldenhaft kämpft sie weiter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2015 um 17.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29925

An den Bahnsteigen sieht man riesige Plakate der kirchlichen Sozialverbände (Caritas usw.): Die größte Katastrophe ist das Vergessen. Es folgen Hinweise auf die Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan,

Meiner Ansicht nach haben die Werbefritzen hier den falschen Slogan ausgeheckt. In bezug auf die Judenvernichtung waren "Vergessen" und "Erinnern" angebracht, aber wie könnte man die Kriegsflüchtlinge vergessen, die jede Zeitung und jede Nachrichtensendung zur Hälfte füllen? Am selben Tag erlebe ich einen überfüllten ICE, weil der vorige konfisziert worden ist allein für den Transport von Flüchtlingen (vom München nach Berlin); so die Durchsage im Zug.

Ein falscher, gedankenlos wirkender Slogan ist schlimmer als gar keiner.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2015 um 17.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29933

Herr Gysi kritisiert die Flüchtlingspolitik, weil er meint, man müsse die Fluchtursachen beseitigen. Das wird er im Handumdrehen erledigen, sobald er Bundeskanzler ist.
Die Grünen sehen in den Grenzkontrollen eine "Harakiri-Politik". Wo ist das Tertium? Ich krame in meinen Japanisch-Kenntnissen, aber vergeblich.

Manchmal frage ich mich, ob die Medien alles bringen müssen, was der eine oder andere den lieben langen Tag von sich gibt, sobald er ein Mikrofon sieht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2015 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#29977

„Hat die Weltgemeinschaft politisch und vor allem militärisch wirklich alle Optionen ernsthaft geprüft, um die antike Oase vor der Vernichtung zu bewahren?“ (Hermann Parzinger zu Palmyra, FAZ 17.9.15)

Für Palmyra sterben? Wer ist den Alliierten in den Arm gefallen, als sie die deutschen Städte zerstörten? Es gibt keine „Weltgemeinschaft“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2015 um 08.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30010

Als gänzlich Unbeteiligter sehe ich die Autoindustrie vor einem rhetorischen Dilemma. Einserseits hat sie von Anfang an das "sportliche" Fahren, den Fahrgenuß usw. als Verkaufsargument hervorgehoben, unterstützt von einer - für mich geradezu absurden - Heldenverehrung für Rennfahrer. Andererseits propagiert sie nun das fahrerlose Fahren, muß also das Steuern eines Autos als geradezu verachtenswerte untergeordnete Tätigkeit darstellen, mit der man einen modernen Menschen nicht behelligen sollte. Bei den fahrerlosen U-Bahnen war das kein Problem, auch nicht bei Verkehrsflugzeugen mit Autopilot. Aber beim Individualverkehr können wir mit Interesse auf die erwartbaren rhetorischen Pirouetten warten: Die "Freude am Fahren" muß in die "Freude am Gefahrenwerden" umgedeutet werden, die Mentalität des Autofahrens in die des Bahnfahrens.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2015 um 12.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30031

Ob das hier bereits besprochene Wort Verantwortung noch etwas bedeutet, wird man auch an Martin Winterkorn sehen. Er bezieht das höchste Gehalt aller Dax-Konzern-Chefs – wegen der großen "Verantwortung". Aber schon wird geforscht, ob und wann der Chef etwas von dem unvergleichlichen Gaunerstückchen gewußt hat. Wozu das? Ist er nicht für das Ganze "verantwortlich"?
Wenn die Amerikaner erst darauf kommen, daß viele Millionen von ihnen wegen der Abgase früher sterben müssen, wird es richtig teuer, und Winterkorn muß vielleicht hinter Gitter.
Kleine Unternehmer, die sich so verhalten wie VW, Siemens, Deutsche Bank usw., werden wegen Unzuverlässigkeit aus dem Verkehr gezogen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.09.2015 um 04.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30086

Studierenswert wäre die einzigartige kommunikative Situation bei Staatsbesuchen des Papstes; wir hatten das schon bei Benedikt im Bundestag und dem Changieren zwischen Politiker und Religionsführer. Schon äußerlich ist der Auftritt des Papstes in den USA mit nichts zu vergleichen. Kein anderer auswärtiger Politiker könnte dem Gastland "die Leviten lesen", wie es heißt.
Der Preis für dieses Auftreten ist aber hoch: Narrenfreiheit. Auch den Kleinwagen und das Tafeln mit Obdachlosen wissen die meisten Leute wohl einzuschätzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2015 um 10.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30104

Um das Thema VW und Winterkorn abzuschließen: Befreundete Ingenieure in gehobener Position versichern mir, daß Tausenden von Mitarbeitern die Abgasmanipulationen bekannt gewesen sein müssen. Das liege in der Natur der Sache und könne gar nicht anders sein. Ihre Prognose: Man zieht einige Personen aus der Schußlinie, und dann wächst Gras über die Sache, wie es auch bei Siemens usw. gewesen ist. Dabei helfe das Stillhalten der anderen, weltweit und aus guten Gründen. Allerdings werden die Kosten sehr hoch sein wegen der Hartnäckigkeit der amerikanischen Anwälte.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 27.09.2015 um 15.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30109

Wenn tatsächlich die gemessenen Abgaswerte das 25- bis 35fache der veröffentlichten betragen, muß VW ganz schlechte Ingenieure haben, schließlich unterscheiden sich die offiziellen Zahlen von VW nicht um diesen Wert von denen der anderen Hersteller. Die andere Erklärung ist, daß die anderen Hersteller genauso betrügen. Dann hätten sie allen Grund, stillzuschweigen und dem Gras beim Wachsen zuzusehen.

Die meisten Kunden wissen, daß die Verbrauchswerte geschönt sind; warum sollen dann die Abgaswerte echt sein? Der eigentliche Skandal ist deshalb eher, daß die Medien behaupten, es gebe ehrliche Angaben und VW habe die Spielregeln verletzt. Da kann man sich als Kunde und Zeitungsleser schon hochgenommen vorkommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2015 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30110

Mein Interesse an Autos liegt unter Null, aber Werbung interessiert mich seit je. Was ist z. B. mit den doppelseitigen Anzeigen, die ein einziges poliertes Auto so groß zeigen, daß man es selbst mit ausgestreckten Armen nicht ganz überblicken kann? Das ist wie bei den Riesenplakaten an Bahnsteigen, die aber immerhin von anderen Gleisen aus betrachtet werden können. Angenommen, diese Bildreklamen fast ohne Text in der Zeitung wären eigentlich kontraproduktiv oder mindestens nutzlos - würden die Unternehmen das je bemerken? Gibt es Leser, die solche optische Überwältigung nicht sofort überblättern, sogar mit einer gewissen Ungeduld?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 27.09.2015 um 19.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30112

Lieber Herr Ickler, einem Spitzenprodukt der Ingenieurskunst muß man sich mit Muße nähern. Gottfried Benn:

Spät erst erfahren Sie es:
bleiben und stille bewundern
vollendet umgrenzte PS.

 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 27.09.2015 um 20.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30113

Aus sprachlicher Sicht ist dieser Fall schon auch interessant.

Unter Manipulation versteht man doch üblicherweise, wenn ein zunächst regulärer Zustand später mit irgendeinem versteckten Ziel verändert, eben manipuliert wird. Das scheint aber bei VW nicht der Fall, die betreffende Steuer-SW wurde von Beginn an so gestaltet, daß die NOx-Grenzwerte eben nur unter den normierten Testbedingungen eingehalten werden. Diese Art des SW-Mappings ist in Europa (in Fachkreisen) allgemein bekannt, sie trifft für (vermutlich) alle modernen PKWs zu und man findet zumindest seit 2002 diesbezüglich einschlägige Berichte im Internet.

Der Unterschied bei VW ist lediglich, daß irgendjemand, offensichtlich ohne sich der weitreichenden Konsequenz im Klaren zu sein, öffentlich erklärte, die SW sei so geschrieben, daß die Werte (nur) beim Test sichergestellt sind und daß das Auto diese Testprozedur sogar erkennt, weil die Vorderräder stehen. Daraus folgt, man kümmert sich ganz offensichtlich nicht um die Grenzwerte des Landes und das wird als bewußter Betrug gesehen.

In Wirklichkeit arbeiten die Steuerungen fast aller PKWs so, nur gibt es bei denen keinen Nachweis, daß die SW mit Schwindelabsicht so ist, wie sie ist, und daher gibt es auch keinen Betrugsvorwurf. Es scheint so zu sein, daß überhaupt nur Dieselmotoren mit „Bluetec“-Zusatzeinspritzung theoretisch in der Lage sind, die aktuellen NOx-Grenzwerte auch im Normbetrieb einzuhalten. Man darf gespannt sein, was sich in dieser Causa noch ergeben wird.

Mir scheint dieser Fall jedenfalls der bisher intensivste „Shitstorm“ der Geschichte gewesen zu sein, garniert mit allerlei irrealen Zugaben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2015 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30135

Wenn die Rechtfertigung so einfach wäre, hätten die "Schuldigen" sie wohl selbst vorgebracht, statt sich zerknirscht an die Brust zu schlagen. Abweichungen zwischen dem wirklichen Straßenverkehr und einer idealisierten Testsituation sind normal und erwartbar, aber hier scheint die Software doch noch etwas anderes vorzuspiegeln, das bestreiten ja nicht einmal die Unternehmen selbst. Man liest ja auch, daß intern und extern (Bosch) vor dem Einsatz der Software gewarnt worden ist. Ingenieure haben mir erklärt, daß die Software nur meldet, ob sie selber richtig funktioniert, nicht aber, ob die Testwerte realistisch sind. (Oder so ähnlich.)
Ich weiß, wie ein Dieselmotor funktioniert (im Gegensatz zu einer befreundeten Dame, die schon jahrelang einen fährt, aber nichts von Selbstzündung wußte), und habe mich aus den vielen neuen Zeitungsartikeln noch einmal über den Stand der Technik informiert. Natürlich ist das bewundernswert, aber um so dringender stellt sich ja nicht nur mir die Frage: Warum dann dieses so leicht zu entlarvende Stückchen mit seinen unabsehbaren oder vielmehr absehbaren Folgen? Und dann wieder die Frage, bei der mir fast der Verstand stillsteht: Wieso ist das nicht früher ans Licht gekommen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2015 um 07.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30146

Nachtrag zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30010

Auch der Autorennsport, der in den Medien so stark berücksichtigt wird, könnte seine Rolle als flankierende Maßnahme der Autowerbung nicht mehr einfach weiterspielen. Wenn das „sportliche“ Fahren aus dem Mode kommt, sehen die Volkshelden der Formel 1 alt aus. Verfolgungsjagden in Filmen wirken erst recht archaisch, wie heute die Telefone samt Fräulein vom Amt.
In einer Übergangszeit könnte es sogar zu Geschwindigkeitsbegrenzungen kommen. Sie verlieren ihren Schrecken, weil dann ohnehin keine reichen Ausländer mehr nach Deutschland fliegen, um hier mal so richtig aufs Gaspedal treten zu können. (Gibt es diesen Hebel noch? Ich habe keine Ahnung.)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 30.09.2015 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30149

Der neue VW-Chef Müller hat den Wirbel um das das fahrerlose Fahren zum bloßen „Hype“ erklärt. Vielleicht hat er recht; es spricht einiges dafür, daß das „sportliche Fahren“ so bald nicht aus der Mode kommen wird.

https://virchblog.wordpress.com/2013/07/26/intelligence-drive/
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2015 um 11.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30150

Nach einer aufreibenden Fahrt durchs verstopfte Erlangen kann ich auch nur wieder sagen, daß ich an den fahrerlosen Autoverkehr vorläufig nicht glaube. Immerhin wird hier kein Steuergeld verpulvert.

Gestern wurde ich Zeuge, wie ein Stadtbus ohne erkennbaren Grund einem mit Blaulicht und Sirene heranbrausenden Löschzug den Weg versperrte. Der Fahrer schien zu schlafen. Um so erregter sprang der Feuerwehrfahrer aus seinem Gehäuse und hämmerte an die Scheibe des anderen. Dadurch kam er mindestens drei Minuten später am Dachstuhlbrand in der nächsten Straße an. Beinahe wäre die ganze Altstadt abgebrannt, meine Tochter hat es von ihrer Dachwohnung ebendort aus beobachtet.

Und nun das Ganze fahrerlos?

Automatische Abstandshaltung scheint mir dagegen sinnvoll, funktioniert aber offenbar nicht - oder? Ich sehe die Raser immer nur bumper-to-bumper.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 30.09.2015 um 17.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30155

Der Programmierer, der die ursächlichen Programmzeilen geschrieben hat, wird leicht zu ermitteln sein. Aber alle Vorgesetzten werden beschwören, daß sie von allem nichts gewußt haben und natürlich nie einen entsprechenden Auftrag erteilt haben. Es war ja genügend Zeit, alles Schriftliche zu vernichten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2015 um 03.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30165

Folgt man den Medien, stehen einander in Syrien, Afghanistan usw. Sicherheitskräfte und Terrormiliz einander gegenüber. Manchmal liest man, daß große Teile der Bevölkerung eher der Terrormiliz vertrauen. Man hat ständig den Eindruck, nicht besonders gut und schon gar nicht objektiv unterrichtet zu werden. Deshalb waren viele ganz baff, daß "unser" Kundus so leicht von den Taliban eingenommen werden konnte (ohne nennenswerten Widerstand).

Die oft genannten Faßbomben scheint man Assad auch deshalb übel zu nehmen, weil sie so primitiv sind und nicht so ausgereift wie die schönen modernen Bomben mit ihrer größeren Durchschlagskraft.

Auch die Erwähnung der zivilen Opfer (darunter Frauen und Kinder) von Luftangriffen ist sehr ungleich verteilt, wie man gerade wieder anläßlich der russischen Aktionen sehen kann.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 02.10.2015 um 09.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30168

In einer Diskussionsrunde auf Servus-TV mit Axel Friedrich als Teilnehmer wurde meine unten aufgestellte Aussage bestätigt. Friedrich war maßgeblich am Auffliegen der VW-Affäre beteiligt.

Seine Messungen an diversesten Fahrzeugen im Realbetrieb belegen, daß der NOx-Ausstoß bei Diesel-PKWs im Mittel ca. 7mal so hoch ist wie gem. Typenprüfung bescheinigt, mit lastbedingten Spitzenmomentanwerten bis zu 80fach. Und das gilt quer über die verschiedensten Hersteller, wobei VW im Mittelfeld liegt. Er stellte auch klar, daß der Verlauf der Affäre erst durch Managementfehler seitens VW richtig ins Rollen kam, die Amerikaner baten nämlich zunächst um Nachbesserung bis März 2015, was von VW aus welchen Gründen auch immer ignoriert/abgelehnt/ungeschickt kommentiert wurde. Erst danach wurde aus dem Fall das, was er jetzt ist.

Und mit ABS, GPS und sonstigen Sensoren ist eine Feststellung, ob das Fahrzeug stationär am Rollenprüfstand steht und nicht real fährt, für keinen Hersteller allzu schwierig.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 02.10.2015 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30173

Ich habe mich von Anfang an gefragt, warum die VW-Autos nicht gleich so eingestellt wurden, daß sie immer wie auf dem Prüfstand fahren. Ich habe etliche Kommentare zu dem Thema gelesen, aber keine Antwort darauf gefunden.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 03.10.2015 um 12.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30178

"Ich habe mich von Anfang an gefragt, warum die VW-Autos nicht gleich so eingestellt wurden, daß sie immer wie auf dem Prüfstand fahren. Ich habe etliche Kommentare zu dem Thema gelesen, aber keine Antwort darauf gefunden."
Zuwenig Leistung.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 03.10.2015 um 12.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30179

Es gibt eine ganze Kultur des Nicht-so-genau-Nehmens, die eben immer mehr auch auf Deutschland übergreift.

Da fallen mir z.B. die Uhren ein, die angeblich bis 50m wasserdicht sind. Das bedeutet dann vielleicht, daß man damit 50m im Regen gehen kann, aber keinesfalls sollte man mit so einer Uhr schwimmen. Dafür sollte sie schon wenigstens 100m wasserdicht sein. Ist das nicht auch schon Betrug?

Wer zu "lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung" verurteilt wird, dessen Sarg mit seinem toten Körper müßte eigentlich für immer in einen Tresorraum eingeschlossen werden.

Statt Kilokalorien wird ständig beschönigend Kalorien gesagt. Warum? Da könnte ich genauso gut behaupten, ich wiege 85 Gramm und von Mannheim bis Paris seien es 500 Meter.

Für die Autoabgastests bräuchte man eigentlich genau genormte Verfahren, und zwar so, daß sie nicht allzuweit vom praktischen Fahren abweichen. Da kann doch nicht jeder Hersteller messen wie er will, das muß doch zumindest Bundes- oder EU-weit einheitlich gemacht werden.

Welcher Hersteller läßt beim Abgastest die Klimaanlage mitlaufen? Ich kenne mich nicht so genau aus, aber ich glaube, keiner. Muß vielleicht auch nicht unbedingt sein. Aber was darf man nun genau dabei alles abschalten? Warum nicht z.B. die Motorleistung beim Test etwas reduzieren? Wo steht, daß der Abgaswert sich nicht auf eine lange Bergabfahrt mit Rückenwind beziehen darf? VW hat es damit ein bißchen übertrieben, dafür stehen sie nun am Pranger. Ist das eigentlich ganz gerecht, wenn es einfach keine einheitlichen Richtlinien für die Tests gibt? Testen denn die anderen Hersteller praxisnah?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2015 um 15.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30180

Könnten die "Kalorien" einfach aus dem Sprachgebrauch der Laien stammen, dem solche Begriffe ohnehin nicht viel sagen? Ich muß gestehen, daß ich mich im Alltag genau so ausdrücke.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 03.10.2015 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30183

Na ja, ich denke, es ist schon ein Unterschied, ob jemand im Alltag sagt, ich muß aufpassen, daß ich nicht zu viele Kalorien zu mir nehme, in diesem Fall muß man natürlich nicht Kilokalorien sagen, oder ob jemand sagt, dieser Becher Joghurt hat 200 Kalorien.

Aber ich will es auch nicht unbedingt an diesem einen Beispiel festmachen, vielleicht steht das Wort Kalorie wirklich umgangssprachlich für Kilokalorie. Ich finde das zwar nicht richtig, aber sei's drum, zählen wir dieses Beispiel hier nicht mit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2015 um 06.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30184

Ja, ich wollte auch nur an etwas Allgemeineres erinnern. Ohne Reue bekenne ich mich auch zu den berüchtigten Stundenkilometern. Und natürlich zum Sonnenaufgang, weil es einfach zu umständlich wäre, die Tatsachen der Himmelsmechanik jedesmal genau zu benennen.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 04.10.2015 um 07.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30186

Die Kunst besteht eben darin, es in der richtigen Situation »nicht so genau« zu nehmen. Man kauft »5 Kilo Kartoffeln«, sagt »England« statt »[Vereinigtes Königreich] Großbritannien [und Nordirland]« und vielleicht eben auch »Dieser Becher Joghurt hat 200 Kalorien«. Ungenauigkeiten dieser Art führen im Alltag fast nie zu Mißverständnissen.

Etwas anderes ist es, wenn ein Hersteller seinem Produkt in der Werbung Eigenschaften zuschreibt, die es nicht hat. Das hat aber weniger mit einer »Kultur des Nicht-so-genau-Nehmens« zu tun, sondern ist schlicht Verbrauchertäuschung, und die hat es überall immer schon gegeben.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.10.2015 um 13.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30188

Ja, eigentlich hatte ich mit der "Kultur des Nicht-so-genau-Nehmens" weniger auf sprachliche Ungenauigkeiten, als mehr auf die umsichgreifenden Verbrauchertäuschungen gezielt. Das Beispiel der Kalorien gehört mehr zur ersten Gruppe und paßt hier nicht, das sehe ich ein.

Es ist immerhin sehr interessant, wie viele dieser sprachlichen Ungenauigkeiten es gibt und wie gut wir doch im Alltag damit zurechtkommen. Zum Sprachgebrauch gehört eben immer der ganze Kontext, der letztlich doch für Klarheit sorgt. Ich möchte also meine Ansicht über die "Kalorien" doch etwas relativieren.

Weil ich sie nun einmal angesprochen habe, finde ich aber doch die folgende kleine Rechnung ganz interessant. Laut Wikipedia fällt die Körpertemperatur einer Leiche ganz grob gerechnet um rund 1 Grad pro Stunde bis auf Umgebungstemperatur. Das gilt im Durchschnitt für jedes einzelne Gramm eines Menschen, der zu rund 3/4 aus Wasser besteht. Da eine Kalorie ein Gramm Wasser um ein Grad erwärmt, braucht jedes Gramm Mensch auch ungefähr eine Kalorie, um eine Stunde lang die Lebenstemperatur zu bewahren. Ein 80 kg schwerer Erwachsener braucht also etwa 80 kcal pro Stunde bzw. fast 2000 kcal am Tag nur allein dazu, seine Körpertemperatur aufrechtzuerhalten, selbst wenn er sich gar nicht bewegt. Darunter geht es an die Substanz.
Und wenn man im täglichen Leben die Kalorie doch mehr mit Gramm und die Kilokalorie eher mit Kilogramm in Verbindung bringt, liegt man daher auch nicht ganz falsch.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.10.2015 um 13.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30189

Andererseits hat ein Gramm Joghurt größenordnungsmäßig eher einen Energiegehalt von einer Kilokalorie. Ich gebe zu, es ist schwierig zu veranschaulichen. Ich sehe es halt immer vom menschlichen Bedarf her, der Mensch wird in kg gemessen und entsprechend die benötigte Nahrung in kcal.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 04.10.2015 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30191

Noch einmal zu der Frage, warum die VW-Autos nicht gleich so eingestellt wurden, daß sie immer wie auf dem Prüfstand fahren. Herr Mahlmann hat "zuwenig Leistung" als Grund angegeben.

Ja, schon klar, daß es ein solches Motiv gegeben haben muß. Vielleicht auch "zu oft Abgasreiniger nachfüllen", das könnten die Kunden lästig finden. Aber die Frage, die sich aufdrängt, ist doch: Ist "zuwenig Leistung" ein hinreichender Grund für die ganze Betrügerei? Von wieviel Leistungseinbuße reden wir? Das weiß man noch nicht. Aber es werden doch nur ein paar Prozent sein, nehme ich an. Dann bietet man das Auto eben mit ein paar PS weniger an und läßt die Kunden entscheiden, ob sie das Auto mit dieser Leistung kaufen wollen. Ein PS-süchtiger Kunde kann ja auch ein Auto mit stärkerem Motor kaufen, auch ein VW-Modell mit stärkerem Motor.

Wenn jetzt Millionen Autos "nachgerüstet" werden und die betrügerische Software ausgeschaltet wird, kommt doch genau das heraus, was VW von Anfang an hätte machen sollen. Da wird sich so ziemlich jeder Betroffene fragen: "Warum haben sie es nicht gleich so gemacht?"
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.10.2015 um 18.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30193

Rolls-Royce hat früher keine Auskunft zu den Pferdestärken seiner Sänften gegeben. Die Leistung sei »hinlänglich«, hieß es.

Ein Volkswagen ist aber kein Rolls.
 
 

Kommentar von tagesschau.de, verfaßt am 05.10.2015 um 08.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30200

"Damals [2008] sei keine Lösung gefunden worden, mit der sowohl die Abgasnormen als auch die Kostenvorgaben für den Motor eingehalten worden wären. Deshalb sei entschieden worden, die Manipulations-Software zu verwenden,[...]"
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 05.10.2015 um 12.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30201

Fragt sich, ob das eine ehrliche bzw. hinreichende Erklärung ist. Es kostet doch nichts, die Leistung eines Fahrzeugs korrekt anzugeben. Gut, dann werden weniger Autos verkauft (wie viel weniger?) und dann sieht die betriebswirtschaftliche Rechnung für das USA-Geschäft insgesamt schlechter aus. Aber wäre dann gleich ein Minusgeschäft zu erwarten? Ist dann gleich das ganze Projekt des USA-Geschäfts wirtschaftlich sinnlos? Das möchte ich bezweifeln.

Ich vermute, daß eine ehrlichere Formulierung wäre: "Damals [2008] wurde keine Lösung gefunden, mit der sowohl die Abgasnormen eingehalten als auch die in den USA erhofften Gewinne erreicht worden wären. Man befürchtete niedrigere Verkaufszahlen aufgrund einer reduzierten Leistung und damit eine geringere Gewinnmarge."

Ich bin gespannt, um wieviel Prozent die Spitzenleistung geringer sein wird, wenn die Software bei den betroffenenen Fahrzeugen ausgeschaltet sein wird.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 05.10.2015 um 22.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30202

Mehr Leistung bei höherem Spritverbrauch und mehr Abgasen gab es immer schon (VW hatte mit dem versoffenen 1600er Käfermotor das beste Beispiel im Stall). Es war ja bislang gerade der Thrill, daß heute höhere Leistung durch besondere Ingenieursleistung nicht mehr mit Mehrverbrauch und mehr Abgasen erkauft werden mußte.
Der Betrug kommt ja auch nicht von heute auf morgen. Über Jahr und Tag wird hier etwas Technik verbessert, da etwas mit der Software nachgeholfen. Dann erweist sich, daß Verbrauch und Abgase vom Fahrstil abhängig sind, also soll sichergestellt werden, daß das Auto unter günstigsten Umständen untersucht wird.
Hinzu kommt, daß die Autohersteller merken, daß die eigenen Fahrzeuge keineswegs besser abschneiden als die der Konkurrenz. Die Ingenieure der anderen kochen aber auch nur mit Wasser, außerdem kann man so ein Verbrauchswunder der Konkurrenz kaufen, und wenn man da all die Tricks wiederfindet, die man selbst aufwendet, sinkt die Hemmschwelle, sie noch weiter zu verfeinern.
Von einigen Idioten abgesehen, weiß der Verbraucher, daß zwei Tonnen Blech mit 200 PS bei allem technischen Fortschritt nicht weniger umweltschädlich sind als ein 750kg schwerer 54-PS-Golf-1-Diesel von anno tuck. Neuerdings werden Autos aber u. a. nach ihrer Schadstoffemission versteuert. Das interessiert den Verbraucher.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.10.2015 um 15.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30223

Friedensnobelpreis für Merkel – das wird erwogen. Sie sollte rechtzeitig vorbeugen, damit sie ihn nicht bekommt, jedenfalls nicht jetzt, wo sie mit der Lösung einer unlösbaren Aufgabe beschäftigt ist. Man darf gar nicht daran denken, wer alles ihn schon bekommen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2015 um 09.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30231

Merkel geht leer aus – In Oslo hat die Jury den diesjährigen Friedensnobelpreisträger verkündet. Bundeskanzlerin Angela Merkel galt als aussichtsreiche Kandidatin. Verliehen wurde die Auszeichnung aber an das "Tunesische Dialogquartett". (Focus 9.10.15)

Wenn jemand sich beworben hat und nicht zum Zuge gekommen ist, sagt man, daß er leer ausging. Der Wettbewerb, bei dem Merkel leer ausging, existierte aber, wie der weitere Text zeigt, nur in den Köpfen der Schlaumeier. Übrigens ging Snowden auch leer aus, ganz zu schweigen von mir selbst.

Man sieht richtig, wie die Journalisten nun alle nachschlagen, was eigentlich das besagte „Quartett“ ist. Anschließend finden sie die Preisverleihung gut.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2015 um 16.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30232

Die WELT bietet übrigens eine "interaktive" Weltkarte der Friedensnobelpreisträger. Deutschland hat deren sechs, darunter Henry A. Kissinger. http://www.welt.de/politik/ausland/article147409447/Hoechste-Ehrung-fuer-die-Reste-des-arabischen-Fruehlings.html?wtmc=google.editorspick?wtmc%3Dgoogle.editorspick&google_editors_picks=true
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.11.2015 um 04.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30455

In einem vielkommentierten Beitrag der "Welt" zitiert Thomas Schmid zuerst die Menschenrechte, geht am Ende aber zu einer anderen Formulierung über:

Hier die Menschenfreiheit, zu wandern, wohin man will – dort Eigentums- und Souveränitätsrechte und im Unübersichtlichen der Hang zum Protektionismus. Ein offenes Europa muss Ersterem den Vorrang geben. Eigentum, Nation und Sozialstaat sind wichtig, kommen aber danach. Noch nie standen Europa und die Europäische Union vor einer derart großen Aufgabe.

Eine solche "Menschenfreiheit" gibt es natürlich gar nicht, und die ganze Konstruktion steht zwar wie in Erz gehauen da, ist aber nur ein rhetorisches Windei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2015 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30493

Ein schönes Fotomotiv sind auch Scharen dunkelhaariger Ausländer, die über einen Feldweg vor der Kulisse eines adretten deutschen Dorfes ziehen. Oft variiert und hundertfach nachgedruckt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2015 um 17.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30566

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21690

Das Angebot an gebrauchsfertigen Reden ist inzwischen größer geworden:

http://www.reden-und-praesentieren.de/volkstrauertag.php

Die Pariser Ereignisse mußten natürlich eingebaut werden, ohne den Redner allzu sehr aus dem Konzept zu bringen.

(Müßte der Volkstrauertag nicht in Bevölkerungstrauertag umbenannt werden?)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2015 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30570

Kann man eine Organisation wie den Islamischen Staat mit Bomben bekämpfen? "Frankreich schlägt zurück", greift eine "Hochburg" des IS an. Ein griffiges Wort. Ich möchte jeden Tag an den Rand der Zeitung schreiben: Caedite eos. Novit enim Dominus qui sunt eius. (Auf deutsch: "Kollateralschaden", in der Wirkung leider weit mehr.)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 16.11.2015 um 09.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30574

Wir Deutschen sind halt eine eigenartige Bevölkerung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2015 um 19.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30661

Man sollte meinen, daß unsere Politiker, deren Meinungen ja gar nicht so weit auseinanderliegen, in einer schwierigen Lage zu einer vernünftigen gemeinsamen Lösung kommen könnten. Aber es geht eben auch um Sprache. So will die CSU unbedingt das Wort "Obergrenze" hören, um ihr Gesicht zu wahren. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden hatte es zunächst ebenfalls benutzt, aber als er merkte, daß er damit von gewissen Politikern vereinnahmt werden konnte, rückte er wieder davon ab:

Schuster selbst reagierte am Mittag auf die Diskussion um seine Forderungen. Der Zentralrat verbreitete eine Erklärung von ihm, in der es heißt: "Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist weiterhin der Überzeugung, dass Deutschland Flüchtlinge aufnehmen muss. Wer asylberechtigt ist, muss auch Asyl erhalten." Von seiner Forderung nach Obergrenzen rückte er aber nicht ab, vermied nun aber das Wort. (Tagesspiegel 23.11.15)

Große Reibungsverluste, die der Bürger mit Verdruß wahrnimmt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2015 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30712

Die europäische Gemeinschaftswährung ist inzwischen nicht nur in den Geldbeuteln, sondern auch in den Köpfen der Deutschen angekommen. Nicht einmal jeder Dritte rechnet Euro-Preise heute noch in D-Mark um. (FAS 29.11.15 laut Allensbach)

Eine Erfolgsgeschichte.

Auch zwölf Jahre nach Einführung des Euro rechnet noch fast jeder dritte die Preise in DM um.(Th. I.)

Eine Mißerfolgsgeschichte.

Wir kennen dieses Spiel vom „Ankommen“ der Rechtschreibreform.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2015 um 14.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30734

Wer den Krieg will, ist um Begründungen nicht verlegen. Laut Ministerin von der Leyen müssen wir „an der Seite Frankreichs“ kämpfen. Mit der Metapher umgeht man die Frage, ob es eine Bündnispflicht gibt oder nicht. Das sei aber nicht der einzige Kriegsgrund. Der IS habe zwar Deutschland nicht angegriffen, aber „ins Visier“ genommen. Da müssen wir natürlich präventiv zurückschlagen. Schon die Wendung „gegen den IS“ ist problematisch, wo es keine Front gibt, die Freund und Feind scheidet.
In der Presse wird allgemein mitgeteilt, der Bundestag werde morgen den Einsatz der Bundeswehr „durchwinken“ oder „abnicken“. Treffend, aber auch nicht gerade beruhigend.
Wenn Truppen erst im Ausland stehen, müssen sie sich „verteidigen“ und „geschützt“ werden, wie seinerzeit die amerikanischen Militärberater in Vietnam. Das leuchtet ein, und dann fragt auch keiner mehr nach Kriegszielen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2015 um 15.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30743

Deutschland schickt demnächst, wie es dem Selbstverständnis der sich gerne auf Kant berufenden Nation entspricht, sechs Aufklärer in den Himmel über der Hölle. (Berthold Kohler, Leitartikel in der FAZ 4.12.15)

Wir verstehen: Kant – Aufklärung – Aufklärer (tatenarm und gedankenvoll).

Noch etwas aus der Kohlerschen Rhetorik: Der Angriff auf Paris ist der Bündnisfall. (...) Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Dschebel Sindschar verteidigt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2015 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30767

Wie sich die Kriegsrhetorik aller Zeiten gleicht! Ich kann gleich an die "Aufklärer" anknüpfen, also die deutschen Tornados. In der FAS ruft Peter Carstens zu den Waffen. Er selbst hat sich zwar nur als Zivi in einem Behindertenheim die Kugeln um die Ohren fliegen lassen, ist also nach seinen eigenen Maßstäben ein Drückeberger, aber nun höhnt er unter der Überschrift „Deutschland kämpft mit Fotoapparaten“ (das sind die Tornados) über die „bundesdeutsche Suche nach den sicheren Plätzchen in der Welt“. Er mahnt zum „Kämpfen" und "Töten“.
Die Möglichkeit, auch ohne Sachverstand jedern Text über jeden Gegenstand täglich hunderttausendfach verbreiten zu können, steigt vielen Journalisten zu Kopf. Sie glauben dann wohl selbst an ihre Fähigkeit, die Weltprobleme mal eben lösen zu können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2015 um 17.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30814

Wie bei der berühmten "Obergrenze" scheint mir auch das "bedingungslose Grundeinkommen", mit dem Finnland jetzt experimentiert, seit je einen Streit um Worte auszulösen, der so heftig nicht sein müßte. Schließlich läßt der Sozialstaat keinen verhungern, der sich nicht selbst ernähren kann. Der Grundsatz der Ameise: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" – ist also längst obsolet. Wie man das nun ausgestaltet und aus wie vielen Töpfen der Bedürftige ernährt wird, ist bekanntlich ganz unterschiedlich geregelt. (Eine meiner Töchter hat vor langer Zeit eine Diplomarbeit darüber geschrieben.)
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 09.12.2015 um 19.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30816

''Schließlich läßt der Sozialstaat keinen verhungern, der sich nicht selbst ernähren kann.''

Darum geht es nicht, sondern um die Art und Weise und um die Randbedingungen, die für diese Art der sozialen Hilfe zu erfüllen sind, siehe z. B. https://www.change.org/p/antrag-auf-aufnahme-strafrechtlicher-ermittlungen, eine der vielen Petitonen zum Thema Hartz IV. Weiterhin gibt es gesetzliche Regelungen, die Menschen in die Katastrophe treiben, siehe https://www.change.org/p/deutschen-bundestag-enterben-amp-zwangsversteigerung-zur-aufhebung-der-erbengemeinschaft-abschaffen, und mit denen sie ihren Besitz und die damit verbundene Sicherheit verlieren. Warum also treibt der deutsche Sozialstaat seine Bürger sehenden Auges in die Katastrophe? Wäre es nicht menschlicher und sozialer, Gesetze so zu machen, daß Menschen erst gar nicht in eine Situation kommen, in der sie zu Hartz IV gezwungen werden? Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens wäre ein Anfang.

''Der Grundsatz der Ameise: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" – ist also längst obsolet.''

Das mag sein, aber wissen das auch alle? Ich will nicht wissen, wieviele Arbeitslose derartiges heute noch zu hören bekommen.

''Wie man das nun ausgestaltet und aus wie vielen Töpfen der Bedürftige ernährt wird, ist bekanntlich ganz unterschiedlich geregelt.''

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, ...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2015 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30828

Weitaus die meisten Flüchtlinge sind Männer im besten Alter, die offensichtlich ihre Frauen und Kinder bedenkenlos in der Barbarei zurückgelassen haben. (Leserbrief FAZ 10.12.15)

„Bedenkenlos“ – woher will der hochbetagte Medizinprofessor das wissen? Ein Tröpfchen Gift, und jede Diskussion wird unmöglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.12.2015 um 07.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30850

Zu den "Bedenkenlosen" paßt auch, was der JU-Chef Ziemiak im Interview der "Welt" sagt:

Die aktuelle Politik, dass der Stärkste überlebt, weil er sich auf der Balkanroute bis nach Deutschland durchkämpfen kann, während Greise und Schwangere zurückbleiben, ist auch nicht human.

Greise und Schwangere in Schlauchbooten wären ihm sicher auch nicht recht, deshalb schlägt er vor, die Flüchtlinge sollten schon im Heimatland ihre Einreise beantragen. Er hat sich eben mit der Situation noch gar nicht richtig beschäftigt, will sich aber auf dem Parteitag mit seinem Antrag zur "Obergrenze" profilieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2015 um 05.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30869

Heftige Ausschreitungen bei Neonazi-Demo in Leipzig (FAZ 12.12.15, ähnlich andere, nach Google News)
Erst im Text erfährt man, was man als geübter Leser schon ahnte: daß es linke Gegendemonstranten waren, die sich kriminell verhalten haben.

Dieses Spiel hat man über die Jahre hin so oft erlebt, daß man das Wort "Lügenpresse" nicht ganz unberechtigt finden könnte.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 13.12.2015 um 12.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30874

Tja, und bei der eher "linksgrünen" Zeit sehen die Überschriften ganz anders aus:
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-12/ausschreitungen-demonstration-leipzig-wasserwerfer-traenengas-linksautonome
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-12/leipzig-demonstration-antifa-linksautonome-neonazis
Gerade die FAZ sollte doch eigentlich unverdächtig sein, hier bewusst ein falsches Bild vermitteln zu wollen – ich gebe zu, hätte man mich gefragt, welche Überschrift wohl in welcher Zeitung stand, hätte ich falsch getippt. Die spannende Frage wäre, wie wohl die dpa-Meldung aussieht, auf der die meisten dieser Artikel basieren.

(Auf der anderen Seite haben wiederum die sächsische Polizei und Justiz nicht den besten Ruf, was den Umgang mit linken Demonstranten angeht. Ich würde daher tendenziell auch die Angaben der Polizei mit leichter(!) Skepsis betrachten.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2015 um 07.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30880

Ich bin nicht einmal sicher, ob die ständig wechselnden Überschriften bei den News überhaupt von den verlinkten Medien geliefert oder vom Google-Dienst ad hoc angefertigt werden, vermute eher letzeres.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 14.12.2015 um 10.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30883

Das ist eine interessante Frage. Ich habe mir das gerade mal angesehen (ich verwende Google News sonst nicht): Es taucht tatsächlich oft etwas als Titel auf, was in den verlinkten Artikeln nicht die Überschrift ist. Soweit ich das nachvollziehen kann, werden diese Titel aber trotzdem nicht von Google generiert, sondern stammen definitiv von den Nachrichtenseiten selbst.

Beispiel:
Titel bei Google News: Le Pen und Front National verlieren Regionalwahlen
Überschrift beim verlinkten Artikel auf tagesschau.de: Schlappe für Le Pens Front National
Meta-Element im Quelltext des Artikels: <meta property="og:title" content="Le Pen und Front National verlieren Regionalwahlen"/>
(Das Element ist nicht für Google News vorgesehen, sondern für Facebook, Google+ und Co. Der Titel kommt noch in weiteren Metadaten vor und war eventuell die ursprüngliche Überschrift des Artikels.)

Zweites Beispiel:
Titel bei Google News: Warum Marine Le Pen für Europa gefährlich bleibt
Überschrift beim verlinkten Artikel auf welt.de: Europa kann kurz aufatmen – mehr nicht
Im Quelltext: <title>Warum Marine Le Pen für Europa gefährlich bleibt - DIE WELT</title>

Google News verwendet einen Crawler, der den Quelltext von Nachrichtenseiten automatisch durchgeht und (u.a.) versucht, den Titel zu extrahieren. Außerdem wird eine u.U. vorhandene "Sitemap" berücksichtigt (https://support.google.com/news/publisher/answer/74288?hl=de), die die Betreiber von Nachrichtenseiten auf ihrem Server plazieren können und worin (u.a.) die Titel der Artikel für Google News vorgegeben werden (wobei sehr lange Titel u.U. gekürzt werden).

Gar nicht so unkompliziert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2015 um 11.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30884

Die ungeheure Menge von Fehlern in diesen Schlagzeilen deutet aber darauf hin, daß völlig unqualifizierte Kräfte sie fabrizieren und für das Netz freigeben. Gerade lese ich vom SPIEGEL online, ein chinesischer Bürgerrechtler stehe vor Gericht, weil er "ethischen Hass" gefördert haben soll. Im Text dann "ethnisch".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2015 um 11.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30885

Ganz ähnlich wie der JU-Chef Ziemiak äußer sich ein Dr. Georg Siebold in einem Leserbrief der FAZ (14.12.15):

In der christlichen Seefahrt gilt bei Katastrophen das Prinzip „Frauen und Kinder zuerst“. Für das „C“ in der CDU gilt unverändert die Definition der Kanzlerin, nach der nicht die Bedürftigsten, nämlich Familien mit Kindern, sondern unbegrenzt bis zu 80 Prozent junge Männer und insgesamt nur die Schnellsten, die Überlebenden der inhumanen Auslese auf dem Mittelmeer und die die höchsten Zahlungen an Schlepperorganisationen leisten konnten, das Privileg des nach wie vor nicht geregelten Grenzübertritts erhalten. Diese Inhumanität wird durch die nach wie vor unwürdig langen Bearbeitungszeiten im Asylverfahren noch verstärkt.

Krokodilstränen wie diese sieht man jetzt öfter fließen. Besonders niedertächtig ist die Unterstellung, dies sei Merkels „Definition“ des Christlichen in der CDU. Ich bin ja weder Parteifreund noch Wähler Merkels, aber daß die FAZ systematisch mit dem Abdruck solcher Texte Politik macht, geht mir aufs Gemüt. War die Leserbriefredaktion wirklich schon immer so?
Wie aus den weiteren Ausführungen hervorgeht, sollen nach der Vorstellung des Verfassers die Familien mit einem Visum der deutschen Botschaften ganz human und ordentlich nach Deutschland einreisen. Er hat sich offensichtlich mit der wirklichen Situation nicht beschäftigt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.12.2015 um 11.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30886

Update zur »wirklichen Situation«: Die deutsche Botschaft in Damaskus ist zwar geschlossen, die in Beirut aber offen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 14.12.2015 um 19.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30891

Die Behauptung des Dr. Siebold, daß es sich bei denen, die derzeit ohne wirkungsvolle Kontrollen nach Deutschland kommen, um „bis zu 80 Prozent junge Männer“ handele, kann ich nicht beurteilen.

Seine Vorstellung, Flüchtlinge sollten bei den deutschen Auslandsvertretungen Anträge stellen, erscheint mir allerdings unrealistisch. Die Aussicht, auf diese Weise etwa Asyl zu erhalten, dürfte nahezu gleich null sein.

Andererseits zeigt er doch gut die Heuchelei der deutschen Asylpolitik auf. Es ist doch wohl kaum zu bestreiten, daß fast nur diejenigen den rettenden deutschen Boden erreichen, die in der Lage sind, Schlepper zu bezahlen.

Die Asylpolitik von Frau Merkel besteht doch u.A. darin, gegen Geld und Zugeständnisse, die Türkei dazu zu veranlassen, die Flüchtlinge von uns fern zu halten. Wie das mit dem hohen moralischen Anspruch, mit dem (nicht nur) sie auftritt, vereinbar sein soll, ist auch mir schleierhaft.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.12.2015 um 20.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30893

Der Vorschlag des Dr. S. ist in der Tat unrealistisch, weil man natürlich nicht möchte, daß noch einmal ein Botschaftsrasen so niedergetrampelt wird wie seinerzeit in Prag.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2015 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30895

Hierher gehört auch Hans-Werner Sinns grandiose Bemerkung:

„Studien zeigen: 65 Prozent der Bevölkerung in Syrien können die Grundrechenarten nicht. Lassen Sie es mich so sagen: Mit den Chefärzten aus Aleppo ist das so eine Sache.“ (Hans-Werner Sinn)

Die vielgenannten Chefärzte sind nur für unfruchtbare Polemik gut, und der Bildungsstand der "Bevölkerung" ist irrelevant, weil ja nicht die Bevölkerung zu uns kommt, sondern eine Auslese. Natürlich nicht die Reichen, die auf andere Weise für sich sorgen können, aber, soweit ich es erkenne, besonders Wagemutige, Unternehmende. Was z. B. die Jugendlichen betrifft (wir hatten gerade einen jungen Pakistani im Haus, um den wir uns ein bißchen kümmern), so stehen sie anscheinend überwiegend durch die sehr wichtigen Smartphones mit ihrer Familie in Verbindung, die auch ein Auge darauf hat, daß sie hier ein ordentliches Leben führen und für ihr Fortkommen sorgen. Es ist bekannt, daß die zum Teil sehr großen Familien Geld zusammengelegt haben, um einen der Ihren vorauszuschicken, sei es, daß einige nachzukommen hoffen oder daß er irgendwann Geld überweist. Der Bildungseifer ist groß, aber es ist, wie gesagt, schwierig, wenn das Aufenthaltsrecht so unsicher ist. Die Jugendlichen zum Beispiel werden grundsätzlich nicht zurückgeschickt, aber sie wissen nicht, was geschehen wird, wenn sie 18 werden. Das ist hier ein ganz großes Problem, zumal die Kommunikation mit Behörden und (überforderten) Vormündern schlecht funktioniert. Manche haben schon den Sprung in die Schule oder Berufsausbildung geschafft. Studierwillige sind selten, das ist wohl auch ein zu hohes Ziel, aber Handwerksberufe sind begehrt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2015 um 06.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30896

Eine Frau, die Außerordentliches in der Flüchtlingshilfe leistet, hat u. a. gesagt: „Ich möchte meinen Kindern später nicht erzählen müssen, dass ich nichts getan habe.“ Diesen Satz nimmt ein Leser in der FAZ feinsinnig auseinander. Obwohl er zugibt, ihn aus dem Zusammenhang gerissen zu haben, weist er darauf hin, daß darin zweimal „ich“, aber nicht das Wort „Flüchtling“ vorkommt. Dieses unsinnige Verfahren führt ihn dann zu weitreichenden nationalpsychologischen Deutungen, die man sich denken kann („Was für ein seltsames, hysterisches Land...“).
Die betroffene Frau, die sich anders als ihr Deuter wirklich abrackert, und zwar mit Erfolg, muß sich durch solches wohlfeile Gewäsch verhöhnt vorkommen. Das hat sie meiner Ansicht nach nicht verdient.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2015 um 12.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30941

Merkel-Fan Torsten Albig (SPD) bringt sich mit der These in Erinnerung, auch Deutschland habe gegen die europäischen Abkommen verstoßen, indem es Flüchtlinge nach Skandinavien durchreisen ließ. Na ja, eigentlich hätten sie gar nicht in Deutschland sein können, hätte nicht ein anderes sicheres Land sie bereits durchreisen lassen. Die Abkommen durchschaut sowieso keiner mehr, ich auch nicht, sie sind auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgt. Man darf das aber wohl nicht so genau nehmen, denn es geht wohl darum, sich als Gabriel-Nachforlger in Stellung zu bringen.

In Schleswig-Holstein gibt es auch noch die FDP:

"Viele europäische Nachbarn können die Impertinenz (die Unverschämtheit), mit der die Deutschen auftreten, nicht ertragen. Wir erklären anderen Ländern, wie sie sich verhalten sollen", warnte der Kieler Fraktionschef. (t-online 19.12.15 über Kubicki)

Die Erklärung des Fremdwortes stammt von t-online, Kubicki hat sie nicht in Parenthese mitgesprochen. Ich sehe darin stets mehr als eine leserfreundliche Erläuterung, nämlich einen leisen Vorwurf: warum nicht gleich deutsch reden?
Aber auch inhaltlich wird er so keinen Blumentopf gewinnen. Wer zahlt, schafft an. Wenn die Deutschen sich immer nur fügen, ist es nicht recht, aber wenn sie auch mal was verlangen, erst recht nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.12.2015 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30963

Kaum ein Aufsatz zur Flüchtlingspolitik, der nicht auf Webers Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik zurückgriffe. Auf seiten der ersteren stehen natürlich Merkel und die Kirchen, auf der Seite der Verantwortung alle Vernünftigen. Gesinnung ist schön und gut, vor allem sonntags, aber wenn es ernst wird, müssen natürlich andere Saiten aufgezogen werden.
Auch beliebt: "Wer tolerant sein will, muß Grenzen setzen." Das braucht man nicht zu begründen, es ist ja evident.
Um nicht als knauserig dazustehen, nennt man nicht die Kosten der Flüchtlingspolitik beim Namen, sondern droht mit Beibehaltung des Soli. Das wirkt noch nachhaltiger.
Gegen die unproduktive Verschleuderung von Steuermilliarden zur Subventionierung von Elektroautos wird es kaum Protest geben (so wenig wie seinerzeit gegen die Abwrackprämie), nur ein paar kritische Kommentare im Wirtschaftsteil, den das Volk nicht liest. Das Thema ist nicht so stimmungsträchtig wie die Phantasie von der homogenen Volksgemeinschaft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2015 um 09.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30976

Der Mindestlohn schadet nicht so sehr (FAZ online 21.12.15)
Die Deutschen verdienen deutlich mehr (FAZ 22.12.15 über demselben Artikel)

Das Münchener Ifo-Institut hatte im März 2014 gewarnt, der Mindestlohn gefährde bis zu 900.000 Arbeitsplätze in Deutschland – darunter viele geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, „in Vollzeit-Stellen entsprechen die gesamten Verluste in etwa 340.000 Arbeitsplätzen“, teilte das Ifo mit. Einen solchern Verlust sehen Fachleute nicht. (ebd.)

Heute muß man mit der Lupe nach Arbeitsplatzverlusten suchen und zieht sich auf die Spekulation zurück: Niemand weiß, ob sich der Arbeitsmarkt in Deutschland ohne die Reform noch besser entwickelt hätte.

Wie ernst kann man ein Institut nehmen, daß solche Prognosen gibt? Inzwischen erfreut es einschlägige Kreise durch horrende Zahlen zu den künftigen Kosten der Zuwanderung. Wir dürfen es auf keinen Fall schaffen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.12.2015 um 13.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30977

Von den Wirtschaftsinstituten werden Prognosen erwartet, obwohl jeder weiß, daß die Prognosen nicht mehr taugen als Bauernregeln für die Wettervorhersage. Daß die Einführung oder Erhöhung gesetzlicher Mindestlöhne dazu führt, daß Arbeitsplätze wegfallen, trifft aber natürlich zu.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.12.2015 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30978

Ich glaube nicht, daß man einem vermutlich nicht unerheblichem Teil der deutschen Bevölkerung eine "Phantasie von der homogenen Volksgemeinschaft" unterstellen sollte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2015 um 14.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30979

Hoffentlich nicht! (Ich hatte mich auf den Gastbeitrag von Rupert Scholz bezogen, für den die Homogenität des Staatsvolks – unter Ausschluß von Fremden – wesentlich war.)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.12.2015 um 15.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30981

Nun ja, der Bezug auf Rupert Scholz befand sich in einem anderen Beitrag unter einem anderen Thema.

Rupert Scholz hat auch nicht von einer "Volksgemeinschaft" gesprochen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.01.2016 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31134

"Tyrannei der Werte" trifft es eigentlich gut, stammt leider aus einer unangenehmen Ecke.

Putin verteidigt traditionelle russische Werte (einschließlich orthodoxer Kirche), die polnische Regierung traditionelle polnische Werte (katholisch), die Muslime verteidigen traditionelle islamische Werte.

Das findet, wie entsprechend auch bei uns, jeweils viele begeisterte Anhänger, auch einige skeptische Stimmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2016 um 17.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31183

Ein Freund weist mich auf einen Text des Kirchenhassers Rolf Bergmeier hin: hpd.de/Artikel/12583

Der war mir aus der früheren Version schon bekannt, ich kann ihm aber nichts abgewinnen. Wenn man alles, was sich gegen Religion und Kirchen einwenden läßt, in einen kurzen Text quetscht, kommt ein rhetorischer Overkill heraus, der nur die ohnehin Bekehrten überzeugt. Die "Pfarrerstochter" ist kein bißchen intelligenter als die "Mutti" anderer Polemiker. Niemand kann sich seine Eltern aussuchen, aber: Einmal Pfarrerstochter – immer Pfarrerstochter! Kann man sich Merkel als Zentrum einer schleichenden Neuevangelisierung Deutschlands vorstellen? Als sie sich eine "missionarische Komponente" der Luther-Dekade wünschte, hat sie doch keine Regierungsmaßnahmen angekündigt, und sie hat auch noch etwas anderes gesagt:

In Bezug auf das Themenjahr 2013 der Lutherdekade unter der Überschrift "Reformation und Toleranz" mahnte Merkel Respekt vor dem Andersdenkenden an. Als Beispiel nannte sie die Tradition der Beschneidung in Judentum und Islam. Der Respekt müsse aber auch jenen gelten, die sich keiner Religion zugehörig fühlen.

Man kann ihr ja viel vorwerfen, aber religiösen Übereifer wohl eher nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.01.2016 um 07.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31199

Merkelhasser Reinhard Müller bringt die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung auf die Formel: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit." (FAZ 8.1.16)
Man könnte im selben Ton antworten: "Jauchzet, frohlocket! Wir haben es doch schon immer gewußt."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.01.2016 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31202

Ein Tagebuch ist der richtige Ort, auch mal in sich zu gehen, es liest ja eh keiner mit.
Der Geist, der stets verneint, und kein besonderer Heroismus führt mich dazu, der Mehrheitsmeinung nach einer gewissen Zeit zu widersprechen (etsi omnes, ego non). So bin ich zur Zeit in die kuriose Rolle eines Merkelverteidigers geraten. Dabei habe ich noch nie Union gewählt, und selbst wenn ich jetzt ein Merkelfan wäre, könnte ich sie nicht wählen, weil das ja nur über die CSU möglich wäre.
Ich halte es für überlegenswert, warum manche Texte überhaupt geschrieben werden. Recht zu behalten, sich mit der Mehrheit in Übereinstimmung zu finden oder eben gerade nicht – das sind durchaus bekannte Motive. Soviel Selbsterkenntnis muß sein.
Es gibt die antike Anekdote, wonach ein politischer Redner nach dem tosenden Beifall der Menge einen Vertrauten fragt: "Habe ich etwas Falsches gesagt?"

Vor Jahren erzählte mir ein Bekannter begeistert von einer "Menschenkette", in die er sich zu einem guten Zweck eingereiht hatte. Da merkte ich erst, wie weit entfernt wir voneinander waren. Schon als Schüler hatte ich eine tiefe Abneigung gegen Animateure, die "alle" zu irgend etwas bewegen wollten.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.01.2016 um 10.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31204

Die Frage des Redners müßte gleich zu Anfang seiner Ansprache gestellt worden sein, denn ein wahrer Rhetoriker reißt sein Publikum ja herum und darf dann den tosenden Applaus am Ende auch genießen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.01.2016 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31206

Die Anekdote über Phokion steht bei Plutarch in seinen Parallelbiographien (Phokion 8.5):

ἐπεὶ δὲ λέγων ποτὲ γνώμην πρὸς τὸν δῆμον εὐδοκίμει, καὶ πάντας ὁμαλῶς ἑώρα τὸν λόγον ἀποδεχομένους, ἐπιστραφεὶς πρὸς τοὺς φίλους εἶπεν· "οὐ δήπου τι κακὸν λέγων ἐμαυτὸν λέληθα;"

(Vielleicht gehört die Persönlichkeit dazu, am ausführlichsten unter "Phokion" in der englischsprachigen Wikipedia.)

In die griechischen Übungsbücher ist sie aufgenommen wegen der typisch griechischen Ausdrucksweise: "Bin ich mir selbst entgangen etwas Falsches sagend?" Der kurze Abschnitt enthält noch drei weitere Partizipialkonstruktionen, so daß er den Beinamen der Griechen als "Partizipienliebhaber" vollauf rechtfertigt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2016 um 10.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31241

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#30895 und ähnlichen Einträgen: In der SZ wird überaus treffend geschildert, wo das Problem liegt (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fachkraeftemangel-viele-fluechtlinge-scheuen-die-lehre-1.2811923): Wer unter dem Druck lebt, möglichst bald Geld in die Heimat zu schicken, und außerdem aus einem Land kommt, wo man unsere Ausbildung nicht kennt und ihren Wert nicht abschätzen kann, ist in Versuchung, sich sofort mit Hilfsarbeiten beschäftigen zu lassen, die augenblicklich mehr bringen als eine Lehre. Es ist sehr schwer, dem zu widerstehen. Auch der Hinweis auf die Notwendigkeit von Vorbildern ist richtig.

Man erlebt es ja im kleinen an den eigenen Studenten: Wer durch Jobben verhältnismäßig gut verdient, zieht oft sein Studium in die Länge, bis es irgendwann gar nicht mehr zu einem Abschluß kommt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2016 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31246

Die New York Times fordert den Rücktritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen ihres Versagens in der Asylkrise. Unter der Überschrift „Germany on the Brink“ (deutsch: Deutschland am Abgrund) fordert die einflußreichste amerikanische Tageszeitung: „Merkel muß gehen, damit Deutschland nicht einen zu hohen Preis für ihre Dummheit bezahlen muß.“

Zitiert nach JF, aber das ist natürlich nicht richtig. Der Verfasser ist ein sehr konservativer katholischer (zweimal konvertierter) Gastautor, der keineswegs die Meinung der NYT wiedergibt (worauf sie auch hinweist). Aber wenn sogar ein Amerikaner fordert, daß "Merkel weg muss" (BILD), dann muß sie natürlich weg.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2016 um 16.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31248

Gerade lese ich noch in der ZEIT:

Die New York Times selbst vertritt in ihrem gestrigen Editorial eine andere Meinung als ihr Kolumnist Ross Douthat. Zwar sei die Flüchtlingspolitik Europas kritisch zu beurteilen, die Linie der Bundeskanzlerin sei aber lobenswert. Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen plädiert die Times für "legale Wege der Einwanderung". Die Neujahrsansprache von Angela Merkel sei eine Rede gewesen, die ganz Europa beherzigen sollte.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 11.01.2016 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31251

Warum sollte nur "ganz Europa" die Rede beherzigen? Die USA hätten dazu erst recht Anlaß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2016 um 17.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31252

Es ist ja nicht meine These, und ich kann dazu nichts sagen. Ich wollte nur noch einmal belegen, daß Douthat nicht die Stimme der NYT ist.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 11.01.2016 um 19.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31256

Andererseits sind Kolumnisten ja auch dazu da, daß sie das schreiben, was man sich selbst nicht zu schreiben trauen würde.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 12.01.2016 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31278

Lieber Prof. Ickler,

mein kurzer Kommentar zielte ja auch nicht auf Sie, sondern auf den Leitartikel der New York Times.

Ich frage mich allerdings, was die Information, daß der Autor des erwähnten Kommentars, Ross Douthat, zweimal konvertiert ist (als Jugendlicher!), zur Sache beiträgt. Douthat vertritt natürlich nicht die redaktionelle Ansicht der NYT, er ist aber dort regelmäßiger Kommentator (jeden Sonntag).

Nach der Lektüre der Artikel in der ZEIT und NYT sehen ich mich in meiner ersten Reaktion bestätigt.

Der Leitartikel der NYT steht unter dem anmaßenden Titel „Europe Must Do Better on Refugees“. Darin fehlt jeder Hinweis darauf, daß die USA im Fiskaljahr 2015 nicht einmal 2000 syrische Flüchtlinge aufgenommen haben (hinzu kommen noch anerkannte syrische Asylbewerber in wohl ähnlicher Größenordnung) und daß das gesamte amerikanische Flüchtlingskontingent 2015 nur 70.000 betrug. Präs. Obama hat vorgeschlagen, dieses Kontingent für 2016 auf sage und schreibe 85.000 zu erhöhen. Davon sollen immerhin 10.000 für Syrer bestimmt sein. Ob das auch so umgesetzt wurde, weiß ich leider nicht. Die NYT scheint der bequemen Ansicht zu sein, daß die Flüchtlingswelle allein Sache der EU sei.

Sehr kritisch äußern sich die Autoren zu dem „fragwürdigen Handel“ mit der Türkei. Ihnen scheint entgangen zu sein, daß dieses Drei-Milliarden-Geschäft ein unverzichtbarer Teil der Merkelschen Flüchtlingspolitik ist und Frau Merkel es maßgeblich betrieben hat.

Interessant auch die Feststellung der ZEIT zu den Reaktionen in den USA: „Viele Kommentatoren bezeichnen die Politik von Kanzlerin Merkel als gescheitert.“

Insofern fällt der Kommentar von Douthat ja nicht völlig aus dem Rahmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2016 um 16.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31280

Warum findet es Wikipedia erwähnenswert, daß der Mann zweimal konvertiert ist? Doch wohl weil es zu seiner politischen Haltung beigetragen haben könnte. Muß nicht, kann aber. Über die Bedeutung der Religion in der amerikanischen Politik ist viel geschrieben worden u. a. vom ebenfalls katholischen, von mir hoch geschätzten Garry Wills. Das ist bestimmt viel wichtiger als unsere ewige "Pfarrerstochter".

Ich gebe nicht viel darauf, wenn Zeitungen, entsprechend ihrer Richtung, irgendwelche Stimmen aus dem Ausland zusammensuchen, Jeden Tag lese ich, Ungarn sei empört, Brasilien jubele, die Amerikaner beurteilten dies so und so usw. (Ich bitte noch einmal http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31246 nachzulesen: dort war der Kommentar als Stimme der NYT wiedergegeben worden, und das war eben eindeutig falsch. Ob es in Wirklichkeit doch die Meinung der NYT war, lieber Herr Markner, während also das, was sie in eigenem Namen sagte, nicht ihre Meinung war, das ist mir nun zu kompliziert.)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 12.01.2016 um 19.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31282

Bei Wikipedia steht diese Information da, wo sie hingehört, unter der Überschrift "Personal Life". Daraus hätte man ja auch entnehmen können, daß Douthat sein Studium an der Harvard University mit magna cum laude absolviert hat, und auch allerlei anderes, das vielleicht zu seiner politischen Haltung beigetragen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2016 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31283

Ja, genau! Das habe ich auch registriert, um mir ein Bild von dem Mann zu machen. Bei Leuten, die über Kinder schreiben, sehe ich auch immer nach, ob sie welche haben usw.
Es gibt z. B. von der katholischen Kirche die Anweisung an Politiker, bei ihren politischen Entscheidungen (insbesondere Abstimmungen im Parlament) stets auf die Übereinstimmung mit der Glaubenslehre zu achten. Daß Religion "keine Privatsache" sei, liest man jeden Tag in der Zeitung. Das kann man unterschiedlich bewerten, aber es ist eine Tatsache, die zu vernächlässigen ziemlich naiv wäre.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2016 um 18.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31300

Das Ausland spottet über uns. (Alexander Kissler, WELT 13.1.16, ähnlich in Cicero)

Das ganze? – Kissler erntet die fast hundertprozentige Zustimmung seiner Leser, natürlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2016 um 06.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31318

Man könnte Monika Marons apokalyptischen Gastbeitrag in der gestrigen FAZ einer rhetorischen Analysye unterziehen, aber es langweilt mich, das Offensichtliche auch noch in einzelnen zu benennen. Nur einen Punkt möchte ich hervorheben: Wenn man gegen die "Masseneinwanderung" und den von Merkel betriebenen "kollektiven Selbstmord" Deutschlands polemisiert, fängt man zweckmäßigerweise so an:

Mein Freund Sami Alkomi, Aramäer aus Syrien...

Wie oft haben wir das schon gelesen! Ich habe nichts gegen Juden, im Gegenteil, mein bester Freund ist selbst einer...

Warum stehen wir nicht an einem Sonnabend vor dem Reichstag und protestieren gegen eine kopflose Flüchtlingspolitik, die zudem rassistischen und rechtsextremen Kräften, die sie bekämpfen will, Vorschub leistet?

Niemand hindert Frau Maron daran, sich morgen vor den Reichstag zu stellen, am besten in Begleitung ihres syrisch-aramäischen Freundes.

Wir sind selbst verantwortlich für unser Land.

Kann man solche Phrasen hinschreiben, ohne rot zu werden?
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 15.01.2016 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31332

"Ich habe nichts gegen …, aber …" ist unter Gutmenschen heute auch verpönt, wenn Muslime, Sinti, Roma, Flüchtlinge, Migranten usw. gemeint sind. Nur uneingeschränkte "Empathie" ist korrekt. Wer darauf besteht, er werde doch noch etwas sagen dürfen, outet sich vor allen Demokraten als Rassist. Gleiches gilt für Bürger, die "besorgt" sind. Und für solche, die das Wort Gutmensch benutzen. Man muß sehr aufpassen, wie man sich ausdrückt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.01.2016 um 22.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31333

Lieber Prof. Ickler,
Sie schreiben "Masseneinwanderung" in Anführungszeichen. Glauben Sie denn tatsächlich nicht, daß es sich gegenwärtig um eine Masseneinwanderung handelt?

Ich wollte schon einmal ähnliches schreiben, über meine Erlebnisse im Ausland und mit Ausländern, ich fühle mich nämlich überhaupt nicht als Hasser von irgendetwas, weder von Ausländern noch irgendeiner Religion oder anderem, ich glaube, ich "hasse" überhaupt nichts, vielleicht muß ich mich glücklich schätzen, richtigen Haß nie gelernt zu haben. Ich dachte, wegen bestimmter aktueller Meinungen wäre es vielleicht besser, mein Verhältnis zu Ausländern an einem oder zwei Beispielen zu veranschaulichen, aber nun bin ich froh, daß ich das nicht geschrieben habe. Denn da lese ich bei Ihnen, wenn ich gleichzeitig gegen eine "Masseneinwanderung" bin, dann sollte ich eigentlich vor Scham rot werden?

Ist es denn Ihrer Meinung nach kein legitimer Standpunkt, oder wenn schon legitim, dann zumindest kein ehrbarer Standpunkt, gegen die aktuelle Politik der Kanzlerin zu sein? Ist es irgendwie verwerflich, gegen eine unbegrenzte, unkontrollierte Einwanderung von Menschen fremder Kulturen zu sein, die eigene Kultur zu schätzen und bewahren zu wollen?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.01.2016 um 22.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31334

Ist das nicht schon wieder ein Wirtschaftsförderungsprogramm, diesmal für Stacheldrahtzaun- und Betonmauernhersteller? Ganz Deutschland einzuzäunen und einzumauern wäre ein Riesengeschäft. Ganz ohne Schießbefehl ginge es wohl auch nicht.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 15.01.2016 um 23.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31335

Ich habe den Artikel von Frau Maron nur deshalb ganz gelesen, weil ich neugierig war, ob die Beispiele von Herrn Ickler repräsentativ sind. Sonst hätte ich die Lektüre wahrscheinlich schon nach dem ersten Satz abgebrochen. Der Text liest sich streckenweise wie eine brave Schülerarbeit, in der fleißig alle Argumente zusammengetragen worden sind, die man in den letzten Monaten gegen die Politik der Kanzlerin gehört und gelesen hat. Dort, wo sie versucht zu polemisieren, sind ihre Formulierungen derart übertrieben, daß man ebenfalls keinen Gewinn von der Lektüre hat (»kollektiver Selbstmord«, »Terror«, »wir beginnen […] einander zu hassen« usw.).

Hinzu kommen die vielen offensichtlichen Widersprüche und Ungereimtheiten. »Wir müssen denen, die wirklich vor Tod und Verderben flüchten, da helfen, wo sie sich nach eigenen Regeln eine sichere Existenz aufbauen können, in den angrenzenden Regionen ihrer Heimatländer.« Sprich: Im kleinen Jordanien dürfen syrische Flüchtlinge (natürlich nur die »echten«, die den Kriterien der Frau Maron genügen) gern zuhauf nach ihren eigenen Vorstellungen leben, denn dort herrschen vermutlich sowieso die gleichen Regeln wie in Syrien (ist ja eh alles eine Wichse da unten), nur uns sollen sie gefälligst nicht behelligen. Auf der einen Seite beklagt sie die »Verachtung von Recht und Gesetz« in der Silvesternacht in Köln und lobt die Polen dafür, daß sie auf die Straße gehen, »um von der Regierung zu fordern, dass sie das Gesetz nicht bricht«. Auf der anderen Seite macht sie sich darüber lustig, daß Deutschland als einziges Land weit und breit so doof ist, Gesetze ernstzunehmen, »an die sich außer Deutschland niemand hält« (ihre angehängte Rechtfertigung für diesen ihr genehmen Rechtsbruch »weil keines der Gesetze, auf die sie [die Regierenden in Deutschland] sich berufen, ein Volk zum kollektiven Selbstmord verpflichtet« entstammt der Notwehrrhetorik und ist so absurd und niveaulos, daß sie als Argument gegen den hier aufgezeigten Widerspruch nicht taugt).

Alles in allem werden auch Zeitgenossen, die Frau Maron in der Tendenz zustimmen, über ihren Beitrag nicht wirklich glücklich sein können. Daß sie das Recht zu einer solchen kritischen Wortmeldung hat und daß es ein »ehrbarer Standpunkt« ist, »gegen die aktuelle Politik der Kanzlerin zu sein«, ist wohl eine Selbstverständlichkeit.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 16.01.2016 um 00.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31337

Ein paar Bemerkungen zum Artikel von Frau Maron:

Ihr Freund ist Aramäer, also Christ, und somit nicht typisch für die Mehrzahl der Zuwanderer aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Insofern hinkt der Vergleich von Prof. Ickler.

Wenn alle EU-Mitgliedstaaten die Dublin-Vereinbarungen einhielten, hätten wir fast gar keine „Flüchtlinge“ an unseren Grenzen. Wir honorieren diesen Vertragsbruch sogar, indem wir alle unbesehen bei uns aufnehmen. Es ist doch so bequem, die Flüchtlinge loszuwerden, indem man sie mit Bussen an die deutsche Grenze befördert.

Die Flüchtlinge in der Region festzuhalten, ist doch gerade das Ziel von Frau Merkel mit ihrem Drei-Milliarden-Handel mit Erdogan.

Natürlich sind wir selbst für unser Land verantwortlich. Rechtlich verpflichtet uns nichts, die Flüchtlinge, die über Österreich in unser Land strömen, aufzunehmen. Wenn wir es doch tun, sind wir selbst in Gestalt unserer Regierung schuld. Das läßt doch gleich mehrere gestandene Verfassungsrichter an der Verfassungsmäßigkeit dieses Handelns zweifeln.

Der Gastbeitrag von Frau Maron ist doch erkennbar mit Leidenschaft geschrieben. Deshalb ist es billig, daran herumzukritteln. Wer stringente rechtliche Argumente sucht, braucht den Artikel nicht zu lesen, sondern sollte sich an Staatsrechtler und erfahrene Verfassungsrichter halten. Inzwischen äußern sich diese ja klar genug.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.01.2016 um 00.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31338

Ja, etwas, das ich gehaßt habe, gibt es doch, Germanist erinnert mich an dieses Regime, es ist schon so lange her, fast meine ganze damalige Lebenszeit noch einmal. Nicht, daß ich es vergessen hätte, aber Schlimmes blendet das Gedächtnis wohl eher aus.

Und gleichzeitig liefert Germanist ein Beispiel für die Art Übertreibungen, die Herr Metz wohl nicht meint, die aber auch zur gängigen Rhetorik gehören.
Auch wer welche Gesetze ernstnimmt und welche übertritt, hört sich immer unterschiedlich an.

Ich habe nicht gelesen, was Frau Maron geschrieben hat, habe mich nur auf die hier in Anführungszeichen gesetzte "Masseneinwanderung" bezogen und wollte fragen, ob sich jemand schämen muß, der ein gutes Verhältnis zu Ausländern hat und pflegt, aber dennoch den ehrbaren Standpunkt (danke, Herr Metz) vertritt, die Masseneinwanderung muß gestoppt werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.01.2016 um 06.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31339

Was habe ich denn verglichen? Ich habe nur darauf hingewiesen, daß eine solche Einleitung geradezu schematisch üblich ist. Von einer namhaften Schriftstellerin erwarte ich ein bißchen mehr als Klischees. Daß wir für unser Land verantwortlich sind, ist ein solch nichtssagender Gemeinplatz, daß ich ihn mir verkniffen hätte. Zu den ehemaligen Verfassungsrichtern gab es gestern einen ganz guten Artikel von Patrick Bahners in der FAZ. Frau Maron schreibt mit Leidenschaft, ja, das hat sie auch in früheren Beiträgen ähnlichen Inhalts schon getan. Ich würde ihre Worte nicht auf die Goldwaage legen, es ist eben eine Meinung wie alle anderen, und keine besonders originelle, auch nicht besonders gedankenreich. Aber sie wird eben gedruckt, wegen ihres großen Namens. Natürlich braucht man es nicht zu lesen. Damit kann man jede Kritik erledigen.

Heute fällt mir besonders stark die Uniformierung des politischen Teils der FAZ und aller Leserbriefe auf. Gestern bezeichnete ein Leser einen Bericht über gelungene Integration ironisch als gelungene Satire. Gelingen darf es hier nicht geben, das steht fest.

Nun, bald wird ja alles gut (wenn Merkel "weg" ist).

Wie ohnmächtig Argumente sind! Jeder hat seine Meinung und ist durch Worte niemals davon abzubringen: zum Impfen, zum Tierschutz, zum Klima, zu Flüchtlingen... Bekehrungserlebnisse sind sehr selten, meistens ändern sich Meinungen, wenn überhaupt, durch allmähliches Herauswachsen.

Ich kann mich nicht erinnern, je so ein vergiftetes Diskussionsklima erlebt zu haben. Man tut gut daran, das Thema Flüchtlinge zu meiden, denn man kann kaum im voraus wissen, wie die lieben Verwandten und Bekannten sich festgelegt haben, oft in ziemlich unerwarteter Weise.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.01.2016 um 06.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31340

Lieber Herr Riemer, "Masseneinwanderung" war ein Zitat, daher die Anführungszeichen. Ja, wir haben eine Masseneinwanderung.
Das Rotwerden bezog sich nicht auf das Reden von einer Masseneinwanderung, sondern auf die platte Phrase am Schluß (und im Titel), das habe ich auch klar gesagt. Politiker reden so, Schriftsteller sollten mit der Sprache etwas bedachtsamer umgehen. Aber das ist Geschmackssache, und man braucht es ja nicht zu lesen, wie auch Herr Achenbach mit Recht sagt.

(Übrigens: Stimmt es eigentlich, daß wir für unser Land selbst verantwortlich sind? Sollte es nicht heißen: Auch wir sind auch für unser Land verantwortlich?)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.01.2016 um 13.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31345

Wegen der Flüchtlinge brauchen wir ganz dringend ein gesellschaftsfähiges, d.h. verharmlosendes Wort für Konzentrationslager. Das ürsprüngliche südafrikanische Wort aus den Burenkriegen concentration camp ist unbrauchbar.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 16.01.2016 um 14.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31347

"eine solche ..." ist doch gerade der Vergleich.

Frau Maron beginnt mit ihrem Freund, um zu zeigen, daß auch ein bestens integrierter Ausländer unter dem u.a. durch die Ereignisse von Köln hervorgerufene Mißtrauen gegen dessen Landsleute leidet. Sie leitet dann über zu dem gewachsenen Mißtrauen gegenüber der Presse, den Politikern usw. Was ist daran auszusetzen?

Das Selbstverständliche auszusprechen ist doch auch ein Mittel der Rhetorik. In diesem Fall auch kein unpassendes Mittel, wo doch viele zu erwarten scheinen, daß unsere EU-Partner und Erdogan unsere Probleme für uns lösen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.01.2016 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31351

Ich habe den Artikel inzwischen online gelesen. Frau Maron schreibt sinngemäß, sie möchte sich nicht gern mit Suppe bekleckern, aber andererseits zum Essen auch keinen Löffel gebrauchen. Was hat sie denn gegen die einzige Partei, die ihre Probleme zu lösen verspricht? Vielleicht sollte sie doch selbst das Programm der AfD lesen, statt den auf reiner Existenzangst beruhenden Beschimpfungen der anderen Parteien zu glauben. (Die führen dann zum "Beweis" immer den Demagogen Höcke an, aber Höcke ist nicht die AfD, im Gegenteil, er bewegt sich nah am Rande des Rauswurfs.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.01.2016 um 18.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31362

Es kommt mir neuartig vor, daß nicht nur Mitglieder der Regierungsparteien, sondern sogar Mitglieder der Bundesregierung einander öffentlich Ultimaten stellen. Wie kann Gabriel "Druck" auf die Flüchtlingspolitik einer Regierung ausüben, deren Vizekanzler er ist? Wäre nicht der Kabinettstisch das eigentlich vorgesehene Forum? Auf der anderen Seite hat Patrick Bahners plausibel dargelegt, daß Seehofer ja wohl, bevor er die Bundesregierung verklagt, erst einmal seine Minister aus dieser Regierung abziehen, also die Regierungsbeteiligung seiner Partei beenden müßte.
Kurzum: Alle reden zum Fenster hinaus, zu uns. Um so weniger erfahren wir, was wirklich läuft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2016 um 08.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31368

Gabriel setzt Merkel unter Druck - Stoiber auch (Tagesspiegel)

Sie auch? Ich auch. Jeder jeden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 06.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31375

Ein syrischer Flüchtling hat zusammen mit anderen in Köln eine amerikanische Studentin vor dem Mob in Sicherheit gebracht. Der Mann (Name und Foto sind abgedruckt) war Lehrer und hat in Syrien Frau und Kinder. So weit, so gut. Auf diesen Bericht stürzt sich ein anderer Mob und fragt immer wieder höhnisch, warum er Frau und Kinder im Krieg zurückließ, um dann hier eine Amerikanerin zu beschützen usw. (http://www.welt.de/politik/deutschland/article151121952/Syrer-retten-Amerikanerin-vor-Mob-in-Koeln.html) - Diese Leute in ihren bequemen Sesseln wissen nichts über die wirklichen Umstände. Warum jemand flüchtet, warum er Frau und Kind lieber nicht genommen hat, sondern nachholen will – das interessiert gar nicht. Man haßt eben, und man drückt diesen Haß in den verschiedensten Formen aus, saugt auch alles auf, was ihn stützt. Es scheint gut zu tun.
Wenn jemand noch Illusionen über seine Mitmenschen hat, braucht er bloß diese anonymen Mails zu lesen. (Was sagen eigentlich unsere Erforscher der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit dazu? Seit nicht mehr der Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft das Thema ist, sind sie ganz still geworden. Dabei sprudeln nun die Quellen überreichlich.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 16.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31383

Zugleich zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1505#22625 Schweinereste im Schokopudding usw., es ist furchtbar. Man braucht aber nicht zu befürchten, daß einem aus dem Pudding ein Ohr oder Rüssel entgegenstarrt. Es geht bloß um Gelatine, und wer koscher essen will, dürfte längst Bescheid wissen. (Eine aufgesprungene Lippe ist eine Kopfverletzung, denn die Lippe sitzt am Kopf, letzten Endes. Sehr dramatisch!) Auch ein paar Nematoden im Fisch sind harmlos und kommen in den besten Kreisen vor. Teile von Aldi werden abgewertet, weil sie keinen Betriebsrat haben; dafür zahlen sie besser als alle anderen. Wenn ich Fernsehen hätte, müßte ich mich ständig aufregen, denn so ist es beabsichtigt.

(Die Nematoden sollen der Grund gewesen sein, warum "Nordsee" frische Makrelen nur noch ausgenommen verkauft. Die geräucherten aber nicht, und in einer solchen fand ich mal ein so großes Nest von toten Würmern, daß es sogar mir zuviel wurde. Obwohl - Fleisch ist es ja auch. Irgendwann werde ich mich überwinden und Heuschrecken knuspern. Alles nur Psychologie.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.01.2016 um 22.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31386

"Warum jemand flüchtet, warum er Frau und Kind lieber nicht genommen hat, sondern nachholen will – das interessiert gar nicht. Man haßt eben, und man drückt diesen Haß in den verschiedensten Formen aus, saugt auch alles auf, was ihn stützt."

Ich bezweifle nicht, daß es Leute gibt, die Ausländer wirklich hassen. Aber selbst unter denen, die so reden (Warum schützen die Flüchtlinge nicht ihre eigene Familie?), sind es meiner Meinung nach sehr wenige, die die Flüchtlinge deswegen hassen. Die meisten davon sind einfach dumm, sie suchen nur nach Argumenten und greifen einfach auf, was ihnen unter die Finger kommt. In Wirklichkeit ist Haß ihnen fremd. Was hätte ein normaler Mensch wohl für einen Grund, z. B. einen Syrer zu hassen? Keinen. Alles, was die, die so reden, wollen, ist, daß nicht Einwanderer massenhaft ihre gewohnte Kultur verändern.

Nicht einmal ein eingefleischter Rassist, der behauptet, Ausländer seien minderwertiger, muß zwangsläufig ein Ausländerhasser sein. Wieso sollte er?

Das viele Gerede von Haß in der Presse und von Politikern ist auch nur ein rhetorischer Trick. Jemand, der ohne ersichtlichen Grund, einfach aus Prinzip, einen anderen haßt, den kann man nicht ernstnehmen, der disqualifiziert sich selbst. Deshalb nennt man den politischen Gegner einen Hasser und braucht damit keine weiteren Argumente. Jemand, der haßt, ist eben böse, das versteht auch der dümmste.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.01.2016 um 22.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31387

Das viele Gerede von Haß in der Presse und von Politikern ist vor allem Haß auf denjenigen Teil der eigenen Kundschaft, der sich abwendet. Die B.Z. machte heute mit der Schlagzeile auf, warum viele Leute »Putins Fernsehen« (RT) mehr Glauben schenkten als der Berliner Polizei. Daraus spricht Verzweiflung.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.01.2016 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31393

Wachttürme an den Grenzen brauchen wir natürlich auch, um Schleichwege zu überwachen. Noch eine Wirtschaftsförderung. Außerdem muß der Grenzschutz wiederbelebt werden. Richtige Nostalgie ist das.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.01.2016 um 14.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31395

Zum Tod das "Spitzen-Spitzels" (Berliner Zeitung) Wolfgang Schnur finden die Zeitungen sehr verschiedene Worte, beinahe zärtliche das Neue Deutschland über die "tragische Figur" (http://www.neues-deutschland.de/artikel/998738.wolfgang-schnur-ist-tot.html) - sehr aufschlußreich. „In einem bemerkenswerten Dokumentarfilm von Thomas Grimm aus dem Jahr 2005 entschuldigte sich Schnur bei denen, die sich von ihm politisch verraten fühlen mussten.“ Also hat er sie vielleicht in Wirklichkeit gar nicht verraten? Gab es nur „Korruptionsvorwürfe“, aber nicht die Korruption selbst? Hat er als Anwalt seine Mandanten nicht an die Stasi verraten? Nach der Wende machten andere Karriere, er wurde krank und hatte „juristische Probleme“. Mit keinem Wort wird irgendeine Schuld erwähnt.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 21.01.2016 um 10.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31400

Warum jemand flüchtet, warum er Frau und Kind lieber nicht genommen hat, sondern nachholen will – das interessiert gar nicht. Man haßt eben, und man drückt diesen Haß in den verschiedensten Formen aus, saugt auch alles auf, was ihn stützt.

Man haßt eben? Das ist zu einfach. Wen haßt der Mob? Warum? Ich glaube nicht, daß der Mob den Mann haßt, der etwas Gutes getan hat. Der Mob haßt in erster Linie Politiker, die Unmengen von Flüchtlingen ins Land lassen mit so komischen Kommentaren wie "Da kann man sowieso nichts dagegen tun, wenn Flüchtlinge kommen wollen, dann kommen sie". Diese Leute hassen Politiker, die größere Teile der eigenen Bevölkerung herablassend, belehrend und geradezu mit Verachtung behandeln und sie als primitiv abstempeln. Sie hassen die Feigheit der politisch korrekten Verlautbarungen. Solche Motive sind es in erster Linie. Die Hasser hassen die Flüchtlinge/Migranten allenfalls wegen ihrer großen Masse, sie hassen nicht den einzelnen unter ihnen. Der verhöhnte Flüchtling ist nur ein Ersatzobjekt, wie mir scheint.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 21.01.2016 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31401

Zu Recht verhaßt ist eben auch die schönfärberische Berichterstattung, die noch dazu in diesem Fall (wie so oft) unkritisch aus einem amerikanischen Blatt abgeschrieben ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.01.2016 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31402

Alexander Demandt veröffentlicht in der FAZ vom 21.1.16 einen Aufsatz zum Untergang des römischen Reiches unter dem Ansturm der Germanen. Er erwähnt die gegenwärtige Flüchtlingskrise nicht, aber die Formulierungen sollen die Parallele nahelegen; zu diesem Zweck hatte die Adenauer-Stiftung den Beitrag anscheinend auch bestellt, dann aber abgelehnt. Es gibt ja keinen objektiven Grund, ausgerechnet jetzt im politischen Teil der FAZ den Untergang des römischen Reichs nachzuerzählen.
„Die Wirtschaft blühte auf, erregte aber nun auch die Begehrlichkeit der Barbaren jenseits der Grenzen, zumal der Germanen. Sie waren arm, kinderreich, kriegerisch und wanderfreudig (...) Überschaubare Zahlen von Zuwanderern ließen sich integrieren. Sobald diese eine kritische Menge überschritten, verschob sich das Machtgefüge, die alte Ordnung löste sich auf“ usw. Es gibt noch viele weitere Formulierungen dieser Art: „Das Bildungswesen blieb ihnen als Fremden fremd.“ Natürlich hat Demandt, desses Haltung ja anderweitig bekannt ist, Satz für Satz an die Gegenwart gedacht (tua res agitur). Er hätte es sagen sollen, dann würde der Text ehrlicher wirken. Auch erwähnt er vieles Bedenkenswerte aus früheren Arbeiten diesmal nicht, z. B. die Rolle des Christentums (daher sonst die Empfehlung der Säkularisierung). Das römische Reich war „fremdenfreundlich“ (Demandt), aber was zuviel ist, ist zuviel, das ist die Moral aus der Geschichte. Stimmt ja vielleicht auch, aber ob solche Lehren aus der Geschichte gezogen werden können?

(Der Untergang des römischen Reiches mußte schon so oft für alle möglichen Untergangsprophezeiungen herhalten, daß man sich eines müden Lächelns nicht erwehren kann.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.01.2016 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31403

Ja, etwas Schlechtes zu hassen, ist natürlich nicht verwerflich. Trotzdem beißt sich etwas in Herrn Wrases Beitrag. Man sollte eine Menschenmenge, der man so viele gute Eigenschaften zuschreibt, nicht Mob nennen. Man muß differenzieren zwischen dem wirklichen Mob, den Ausländerhassern einerseits und denen, denen Frau Merkels Politik und die politische "Korrektheit" der Presse auf ganz demokratischem Wege einfach reichen. Genau dieser Mangel an Unterscheidung macht die Lügenpresse aus.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.01.2016 um 15.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31429

Ich habe mir die Leserkommentare zu dem WELT-Artikel angeschaut. Ich habe nichts gefunden, was ich als "Haß" bezeichnen würde.

Es stimmte natürlich, daß sich manche Menschen Urteile über Dinge erlauben, von denen sie nichts verstehen. Aber "das kommt in den besten Familien vor".

Insgesamt kam mir die Diskussion erstaunlich zivilisiert vor. Ich habe schon schlimmeres erlebt. Vermutlich hat die Zeitungsredaktion etwaige Entgleisungen gelöscht. Erstaunlich, daß sie sich solche Mühe macht. Die FAZ scheint Leserkommentare bei Flüchtlingsthemen grundsätzlich nicht mehr zuzulassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2016 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31469

In einem sicher sehr geistreichen Artikel (FAZ 30.1.16) sucht sich Christian Geyer vieles zusammen, was seine bekannte Ansicht zum Flüchtlingsproblem stützt. Darunter Sloterdijk (den auch Pegida gern zitiert):
„Dem Nationalstaat darf man ein langes Leben prohezeien, weil er das einzige politische Großgebilde ist, das bis zur Stunde halbwegs funktioniert.“
Ich bin kein Historiker, aber ist der Nationalstaat nicht verhältnismäßig jung? Gab es nicht langlebige und auch halbwegs funktionierende Großgebilde, die man beim besten Willen nicht als Nationalstaaten definieren kann? Und was ist mit den Nationalstaaten, die nicht einmal halbwegs funktionieren? Kurz: Wie breit ist die Erfahrungsgrundlage für die These, die man ja nicht selten zu hören bekommt?
Wahr ist allerdings, daß in kritischen Zeiten viele auf das Nationale und den Patriotismus zurückkommen, als letzte Ressource gewissermaßen. (Wenn nur die Wirtschaft nicht wäre!)
Geyer fertigt Einwände vorsorglich als "Reflexe" ab, was ich nicht fair finde.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.01.2016 um 09.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31471

Kommt darauf an, was man als »verhältnismäßig jung« ansieht. Der japanische Nationalstaat z. B. ist etwa 1300 Jahre alt. Oder soll man nach jedem Bürgerkrieg wieder neu zu zählen anfangen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2016 um 10.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31472

Zugegeben (obwohl ich nicht weiß, wie der Inselstaat sich selbst definierte) – aber verbreitert es die Erfahrungsgrundlage wesentlich? Schließlich ist es Sloterdijk, der eine sehr starke allgemeine These aufstellt, für die man gute Argumente braucht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2016 um 10.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31473

Thomas Schmid wärmt in der "Welt" die alte Geschichte auf, zu der ich mich schon mal geäußert habe (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#16902): Deutschland benehme sich jetzt endlich als das Einwanderungsland, das es schon immer gewesen sei usw. Ich sage also noch einmal, daß die Rückkehroption (Rotation) seinerzeit weder den Deutschen noch den Gastarbeitern selbst so absurd vorkam, wie es heute dargestellt wird. Es ist auch falsch, die deutschen Flüchtlinge aus dem Osten in eine Reihe mit den italienischen, spanischen und griechischen Bergleuten und Industriearbeitern zu stellen. Das sieht nur im Rückblick aus einiger Entfernung so ähnlich aus.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.01.2016 um 12.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31474

Die Welt ist groß und die Geschichte lang. Zu jedem Beispiel finden sich Gegenbeispiele: Belgien ist kein Nationalstaat und funktioniert nicht; Griechenland ist ein Nationalstaat und funktioniert auch nicht. Was lehrt uns das?

Und noch ein Rätsel: Was will uns Joachim Whaley damit sagen, daß er sein zweibändiges Werk Germany and [!] the Holy Roman Empire betitelt hat?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 30.01.2016 um 13.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31475

Nur die Japaner auf ihren isolierten Inseln brauchen nicht zwischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit unterscheiden, weil es dort keine Minderheiten gibt. Die Qualität eines Staates richtet sich nach dem Umgang mit seinen Minderheiten.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.01.2016 um 13.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31476

Das stimmt natürlich nicht ganz (Ainu, Koreaner).
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 30.01.2016 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31477

Daß "Deutschland" nur ein Teil des "Heiligen Römischen Reichs" war.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.01.2016 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31478

So wie »Frankreich« nur ein Teil der »République Française« ist? Das mag feinsinnig aussehen und ist doch nur ein essentialistisches Mißverständnis.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 30.01.2016 um 19.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31480

Worin besteht denn das "essentialistische Mißverständnis"?

Im "Heiligen Römischen Reich" gab es zeitweise drei Königreiche: Deutschland, Italien und Burgund/Arelat.

In Frankreich gab es bis zur Revolution immer nur ein Königreich Frankreich, jetzt nur eine "République française".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2016 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31482

Man könnte auch mal das römische Reich (ohne "Heilig") heranziehen, das Perserreich, das chinesische Kaiserreich... Natürlich hatte alle ihre Schwierigkeiten, aber das ist ja bei so langer Dauer nicht anders zu erwarten. Nationalstaaten waren sie nicht, und ich meine auch, daß dieser Begriff nirgendwo angemessen ist, wo die Betroffenen ihn nicht selbst konstruieren und auf sich anwenden. (Ich habe in der Schule gelernt, daß erst mit der Aufhebung des Feudalismus die Nation als politische Einheit hervortrat. Aber ich verstehe davon nicht viel. Zur Zeit sehe ich nur, daß viele Deutsche sich ganz furchtbar freuen, weil eine von ihnen ein lukratives Tennisspiel gewonnen hat.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2016 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31500

„Die Argumentation folgte einem bekannten Muster: man habe die Afrikaner aus ihrem Wohnheim in einem Pariser Vorort vertreiben müssen, um Schlimmeres zu verhüten, nämlich das Anwachsen rassistischer Emotionen in der Bevölkerung. Was man in Frankreich 'politique du pire' nennt, findet jetzt auch in der Bundesrepublik Fürsprecher. Man würde nur den Rechtsradikalen in die Hände arbeiten, heißt es, wenn die Immigration von Ausländern nicht gebremst, ihre Einbürgerung nicht verhindert werde. Bei vier Millionen Ausländern sei die Grenze des Zumutbaren erreicht. Es muß etwas getan werden, bevor die Rechtsradikalen zuschlagen; die logische Folgerung kann nur heißen, daß der Staat selber zuschlagen soll.“

Ein aktueller Kommentar? Wie die Rechtschreibung verrät, schon etwas älter: Lothar Baier 1981. Damals ging es gegen die Türken (wo sind die eigentlich alle geblieben?). Baier zitiert auch den damals aktuellen „Kampf der Wiegen“, den Eibl-Eibesfeldt an die Wand malte. (Dazu http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7852002.html; abseits der Öffentlichkeit hat sich Eibl-Eibesfeldt noch deutlicher geäußert.)
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 01.02.2016 um 20.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31502

Wo sind die Türken geblieben?

Hier:

http://www.wyndham.com/hotels/germany/berlin/wyndham-garden-berlin-mitte/hotel-overview?WID=LC:WY:20150901:Rio:Local
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 01.02.2016 um 23.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31503

Was ist jetzt absürder, Frage oder Antwort?
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 02.02.2016 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31509

Einfach mal hinfahren. S-Bahnhof Bornholmer Straße (gute Architektur!). Stadtauswärts in Fahrtrichtung rechts - keine Türken. In Fahrtrichtung links - viele Türken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.02.2016 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31514

Von Ausländern dominierte Viertel oder Straßenzüge fallen natürlich sofort auf, erzeugen aber ein einseitiges Bild. Zahlenmaterial etwa hier: https://www.bamf.de/.../wp21-wohnen-innerstaedtische-segregation.pdf?

Das wirkliche Ausmaß der Integration erkennt man, wenn man z. B. die Namen auf den Klingelschildchen eines größeren Wohnblocks studiert, auch schon die Namensschildchen in der Garderobe eines Kindergartens.
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 03.02.2016 um 19.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31536

Das Ausmaß der Integration. Die Vorstellung, daß eine eindringende starke und absehbar von einer Mehrheit gepflegte Kultur sich in eine nur noch rudimentär vorhandene einheimische Kultur hineinintegriert, wirkt ein wenig befremdlich. Zumal es der eindringenden Kultur ja kaum entgehen kann, daß wir uns von unserer Kultur abgewandt haben. (Hierzu eine nette Geschichte, die sich vor ungefähr 10 Jahren im Berliner Bezirk Neukölln abgespielt hat: Eine Schulklasse aus der Partnerstadt Los Angeles besuchte eine Schulklasse in Neukölln. Als Gastdarbietung für den Festakt hatte man sich Ännchen von Tharau ausgesucht und, sicherlich eifrig eingeübt, im Chor vorgetragen. Die amerikanischen Schüler waren erstaunt, als sie bemerkten, daß ihre Gastgeber das Lied gar nicht kannten.)

Der amerikanische Rapper Paris erzählt in seinem Lied "Sleeping with the enemy" von einer Begegnung mit einem Journalisten. Dabei führt er das Wort "intergrate" ein: "He understood when I said it was death to intergrate, cause intergrate means assimilate." Die Übersetzung "intergrieren" geht im Deutschen nicht so locker über die Zunge, ist aber eine deutlich bessere Bezeichnung des gegenwärtigen Geschehens als das der prämodernen Idee der Leitkultur verhaftete "integrieren".
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.02.2016 um 21.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31538

Integrieren ist deshalb so schwierig, weil es erst in der gymnasialen Oberstufe gelehrt wird und weil viele Menschen stolz darauf sind, nichts von Mathematik zu verstehen. :-)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2016 um 12.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31551

Nur mal nebenbei: Zu welchen Geistesblitzen eine humorige Unterüberschrift die Leser der WELT inspiriert, sieht man an den ersten drei Zuschriften:

1. Leser: "Die Energiequelle der Himmelskörper soll in Zukunft auch der Menschheit
dienen. Nun wurde das erste Wasserstoff-Plasma erzeugt – mit Hilfe der
Bundeskanzlerin"
Kann sie auch über Wasser gehen?
Peinlich!

2. Leser: Sie kann über Wasser gehen, aber nur weil sie nicht schwimmen kann. Eigentlich schwimmt Fett ja oben. Aber der Betonkopf drückt nach unten.

3. Leser: Nun wurde das erste Wasserstoff-Plasma erzeugt – mit Hilfe der Bundeskanzlerin! Ja, die Hilfe war die Bedienung des Einschaltknopfes! Mehr nicht! Das hat sie gerade noch hinbekommen! Welch eine Leistung, das muss tatsächlich lobend erwähnt werden!
(4.2.16)

Und so was will Ausländern Umgangsformen beibringen!
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.02.2016 um 13.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31556

Leser 1 hat recht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2016 um 07.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31573

Zur Zeit wird so getan, als habe Merkel ein unerhörtes Paradoxon ausgesprochen: Einerseits sollen die Zuwanderer integriert werden, andererseits nach Beseitigung der Fluchtursachen auch wieder zurückgehen. Ich möchte noch einmal daran erinnern, daß das nichts Neues ist. Schon bei den Gastarbeitern war nicht viel auf ihre eigenen Absichtsäußerungen zu geben, da sie oft selbst nicht wußten, was sie dann wirklich tun würden. Die Fluktuation war immer sehr viel größer als in der Öffentlichkeit wahrgenommen.
Bei dieser Gelegenheit weise ich auch auf den wenig beachteten Migrationsbericht des BAMF hin; der letzte betrifft naturgemäß das Jahr 2014, dürfte aber manchen Leser überraschen. Jedenfalls ist es nicht so, daß die gezählten Zuwanderer einfach zur Bevölkerung hinzugezählt werden könnten. Bisher betrug der Zuwanderungssaldo ein Drittel bis ein Viertel; das wird sich natürlich angesichts der gegenwärtigen Notlage etwas verschieben. (Dabei fallen einige tausend Iraker nicht ins Gewicht, die sich, wie berichtet wird, hier nicht wohlfühlen und in ihr besseres Leben in der Heimat zurückkehren wollen.)
Deutschunterricht mit Schülern, deren Aufenthaltsstatus ungewiß ist, war schon immer schwierig.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 06.02.2016 um 14.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31577

Ich komme erst jetzt dazu, mich zu Demandts FAZ-Artikel auszulassen, aber nach anderthalb Jahrtausenden kommt es auf ein paar Wochen ja nicht an.
Es ist schon bedauerlich, wenn ein so fundierter Kenner der Szene wie Demandt offenbar derart faktenfrei tagespolitische Süppchen kocht. Statt die komplexen Vorgänge im spätrömischen Reiche zu benennen, wärmt er das Klischee von den wilden Barbaren auf (das freilich auch schon etliche Zeitgenossen pflegten).
Zu fragen ist
a) Hat es die "Völkerwanderung" überhaupt gegeben?
b) Wie sehr oder wenig waren die "Barbaren" integriert?
c) War es überhaupt ihre Absicht, das Reich zu zerstören oder ihr Werk?
Das Thema sprengt natürlich hier den Rahmen, ich versuche mich knapp zu fassen.
Zu a): Es gibt zwar wenig verläßliche Zahlen, aber die Anzahl der meist (nicht immer: Alanen, Hunnen, Briten,...) germanischen Kriegerverbände war lächerlich gering, meist nicht mehr als jeweils zehntausend oder zwanzigtausend Kämpfer, und sie waren auch keine geschlossenen, sich immer gleichbleibenden Völker. Die Entvölkerung der ostelbischen Gebiete muß als ein eigener Vorgang betrachtet werden. Bis über die Mitte des 6. Jahrhunderts hinaus (also ans Ende der "Völkerwanderungs"-Periode) sind dort die Reiche der Nordschwaben und der Warnen bezeugt. Eine wandalische Gesandtschaft aus Schlesien war auch einmal zu Besuch in Karthago. Dann dürfen wir nicht die zeitliche Dimension vergessen. Die üblichen Eckpunkte für die "Völkerwanderung" sind die Jahre 375 und 568 (welch letzteres auch nur den Beginn der langobardischen Invasion in Italien bezeichnet, nicht ihren Abschluß). Es geht also um einen Zeitraum von zwei Jahrhunderten. Das ist ebenso lang wie vom Dreißigjährigen Kriege bis zu Napoleon. Man zeichne einmal eine Karte der Völkerbewegungen dieser Zeit, wie sie für die "Völkerwanderung" in keinem Geschichtsatlas fehlen darf! Da wandern Schweden aus Skandinavien – vagina gentium – bis München (berühmt der Tod ihres Königs), Leipzig (Altranstädt), Krakau und in die Ukraine. Seevölker aus Britannien reißen sich diverse Mittelmeerinseln unter den Nagel. Österreichisches Wandervolk sucht, vermutlich von den Schweden vorwärtsgetrieben, immer wieder die Balkanländer heim. Mit ihnen ziehen Schwaben, die im Gebiete des Reiches von Konstantinopel eine neue Heimat suchen ("Donauschwaben"). Französisches Wandervolk zieht durch ganz Europa und bis Tunis, Ägypten und Palästina, sogar bis Moskau. Dabei reißen sie andere Wandervölker mit sich, so etwa Bayern, Preußen, Sachsen und Westphalen. (Wobei die Sachsen schon früher ihre alten Wohnsitze verlassen haben und elbaufwärts gewandert sind). Das alles mit dicken Pfeilen kreuz und quer über die Landkarte! Nicht zu vergessen: ein großpolnisches Reich, das von der Ostsee bis fast zum Schwarzen Meer reichte (ähnlich Ermanrichs Gotenreich), und in dem Schweden und Sachsen die Macht an sich zu reißen suchten, ging in den Wirren dieser Völkerwanderung unter.
zu b)und c): Schon Ende des 4. Jahrhunderts (als die "Völkerwanderung" noch gar nicht richtig begonnen hatte) war das weströmische Reich fest in der Hand fränkischer Heermeister, mit dem Gipfelpunkt Arbogast, der nahezu unumschränkt herrschte.
Sein Nachfolger Stilicho, ein Wandale, wird vom Hofdichter Claudius Cladianus in immer neuen Preisgedichten als Schützer und Mehrer des Reiches gefeiert: Hic est felix bellator ubique / defensor Libyae, Rheni pacator et Histri (De consulatu Stilichonis 3,12f).
Ricimer, der von 456 bis 472 herrschte, konnte nach der Plünderung Roms durch Wandalen und Alanen diesen in zwei kleineren Gefechten eine Schlappe beibringen. Sidonius Apollinaris preist ihn überschwenglich dafür. "Der Enkel Wallias" (des Gotenkönigs), vor dem "die Wandalen feige den Rücken kehrten", war der Held des Tages. Militärisch waren diese Erfolge zwar von eher geringer Bedeutung, aber Balsam für die geschundene römische Seele. Ricimers Machtposition, sowohl als Kaisermacher wie auch in der Schwierigkeit, durch Ostrom anerkannt zu werden, unterscheidet sich kaum von der Arbogasts ein Menschenalter zuvor.
Der gleiche Sidonius schreibt in den 470er Jahren einen Brief an einen sonst wenig bekannten Arbogast in Trier, offenbar ein Franke, möglicherweise ein Nachkomme des gleichnamigen Heermeisters, mit einer nicht genau definierten, aber einflußreichen Position an der Mosel. Sidonius schreibt ihm:
... potor Mosellae Tiberim ructas, sic barbarorum familiaris, quod tamen nescius barbarismorum... quocirca sermonis pompa Romani ... in te resedit... (epistolae 4,17,1-2)
Der Angeschriebene ist also in der römisch-lateinischen Redekunst mindestens so bewandert wie der Absender, wird als Leuchtturm in einer immer barbarischer werdenden Umwelt bezeichnet.
Auch der vielgeschmähte Odoaker verstand sich als römischer Heermeister in der Nachfolge Arbogasts und Ricimers. Nichts lag ihm ferner, als das Römische Reich zu zerstören.
Die große Ausnahme ist Geiserich, der als fast einziger konsequent antirömisch handelte. Aber auch hier zeigt sich der Kulturmensch: er spielte die karthagische Karte. Sein Reich war das nach einem halben Jahrtausend wiedererstandene Karthago, das Rom die Stirn bietet. Programmatisch dafür sind etwa die Münzen, die er prägen ließ und die das punische Pferd zeigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2016 um 16.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31579

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31551
Fast täglich eröffnen Politiker irgend etwas, indem sie auf einen Knopf drücken, ein Band durchschneiden usw., manchmal haben sie dabei auch einen frisch polierten Schutzhelm auf dem Kopf – alles sozusagen honoris causa. Man sollte die Kirche im Dorf lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2016 um 16.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31580

In bezug auf Demandts Beitrag war sogar von Zensur die Rede, weil die KAS ihn nicht drucken wollte und dann die FAZ so mutig war, ihn – nur zu gern! – abzudrucken. Das Problem ist nicht so sehr die Unterkomplexität (gegenüber Demandts wirklichem Wissen auf seinem Spezialgebiet; danke, Herr Strowitzki!), sondern der treuherzige Augenaufschlag, mit dem manche fragten: Warum soll Prof. Demandt nicht aus seinem reichen Wissen etwas über den Untergang des Römischen Reiches mitteilen? Erst auf Befragen durch Reinhard Müller ist er mit dem herausgerückt, was ohnehin auf der Hand lag, aber eben von ihm listigerweise nicht ausgesprochen worden war:

Herr Professor Demandt, was sagen Sie dazu, dass Ihr bestellter Text zum Ende des alten Roms im Zuge der Völkerwanderung erst bestellt und dann abgelehnt wurde?

Das ist eine kapitale Dummheit.

Was können wir denn aus dem Untergang Roms lernen?

Dass wir eine weitsichtige Politik mit Augenmaß betreiben und auf die langfristigen Folgen von Einwanderung achten müssen. Die Spannung zwischen armen und reichen Völkern ist uralt. Die Angst der Europäer vor den armen Völkern des Südens ist auch alt. Mit dem Ende einer Kultur dauert es allerdings doch etwas – im Fall Roms etwa 500 Jahre.

Was würden Sie der Bundeskanzlerin als Historiker heute raten?

Wir müssen den Zustrom begrenzen. Das weiß im Grunde auch jeder. Dazu muss man Härten in Kauf nehmen. Denn es muss sich erst herumsprechen, dass es sich nicht lohnt, nach Deutschland zu kommen. Wir dürfen unsere Souveränität nicht aufgeben. Frau Merkel darf nicht zum Wohle fremder Regierungen und auf Kosten des deutschen Volkes handeln. Ihr Amtseid sieht das Gegenteil vor. Hier schwingt ein moralisches Überheblichkeitsgefühl mit. Man muss sich für das eigene Volk einsetzen – und nicht davonlaufen.


Das ist ein klarer politischer Standpunkt, den ich kenne und respektiere. Die ausdrücklichen und die unterstellten Vorwürfe wären zu diskutieren. Aber was hat es mit dem Untergang des Römischen Reiches zu tun? Und mit der Autorität Demandts "als Historiker"? Stimmt sein Bild der Tatsachen? Kann man ein einziges Beispiel zu allgemeinen politischen Thesen und konkreten Ratschlägen nutzen? Kann man Hunderttausende von Unterschieden einfach ausklammern?

(Ich will beileibe keine Sachdiskussion über diese Fragen eröffen, nur auf das Schiefe der Ausgangslage hinweisen.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 06.02.2016 um 17.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31582

Ohne Kenntnis von den Vorgängen im einzelnen: Es ist doch höchst unüblich, wenn ein bestellter Text von einem namhaften Gelehrten nicht abgedruckt werden soll, weil er politisch nicht genehm ist. Da darf man dann schon mal den Begriff Zensur in den Mund nehmen. Unter Frau Merkel bedeutet der eben etwas anderes als unter Erdogan (vor dem sie sich kürzlich in den Staub warf).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2016 um 18.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31585

Die Hintergründe sind uns ja nicht näher bekannt, aber "Zensur"? Vielleicht war der Auftraggeber mit der Qualität nicht zufrieden, das ist gar nicht so selten. Vielleicht wünschte er Änderungen, die der Verfasser aber nicht akzeptierte? Wir wissen es nicht. Es ist ja auch nicht Hauptpunkt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 06.02.2016 um 20.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31586

Als ob es bei der KAS eine Qualitätskontrolle gäbe! Und dann noch bei einem Mann wie Demandt! Das kann man doch nicht im Ernst annehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2016 um 05.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31588

Ich weiß einfach nichts darüber, und es hat mich auch nicht interessiert.
Versteht es sich von selbst, zu einer gegenwärtigen politischen Frage einfach einen Abschnitt aus einem Geschichtsbuch vorzutragen? Früher hat man bei solchen Gelegenheiten eine Tierfabel erzählt.
Darum habe ich es unter "Rhetorik" eingestellt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.02.2016 um 10.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31592

Demandt hat schon vor zwanzig Jahren einen Sammelband mit dem Titel Mit Fremden leben. Eine Kulturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart herausgegeben. Ob man aus solchen Zusammenstellungen etwas lernen kann, ist immer fragwürdig, so wie überhaupt jede Form von »Historia magistra vitae«-Vorstellung. Aber aus Sicht der KAS ist es sehr naheliegend, Demandt zu diesem Thema einzuladen, und wenn sie es tut, muß sie seine Ansichten und Schlußfolgerungen dann auch aushalten; alles andere ist ungehörig. Schließlich spricht er ja nicht im Namen der CDU.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 07.02.2016 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31593

1. Wir wissen nicht einmal, ob es je eine „Völkerwanderung“ gegeben hat.
2. Wir wissen aber, daß die Völkerwanderung erst Ende des vierten Jahrhunderts einsetzte.
3. Wir wissen ferner, daß schon Ende des vierten Jahrhunderts das weströmische Reich fest in der Hand fränkischer Heermeister war.

Also hat die „Völkerwanderung“ gar nichts mit dem Ende des römischen Reiches zu tun.
qed

Alles klar, oder?
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 07.02.2016 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31594

Nach Köln ist alles anders.

Offenbar hat das KAS-Blatt den Artikel vor Köln bestellt, aber nach Köln erhalten. Da war der Redaktion das Thema plötzlich zu heikel.

Jedenfalls hat der Chefredakteur die Ablehnung des Texts laut FAZ wie folgt begründet:

Gerade auch unter dem Eindruck der Ereignisse zu Sylvester in Köln ist mir deutlich geworden, dass Ihr sachlicher geschichtswissenschaftlicher Text, den Sie dankenswerterweise für uns vorbereitet haben, von böswilliger Seite im Kontext unserer politischen Zeitschrift missinterpretiert werden könnte. Aus meiner Perspektive besteht die Gefahr, dass isolierte Textstellen missbräuchlich herangezogen werden könnten, um allzu einfache Parallelitäten zur aktuellen Lage zu konstruieren, die wir uns nicht wünschen können.

Was für Parallelen wohl?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.02.2016 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31595

Friedrich-Naumann-Stiftung: »Für die Freiheit«
Konrad-Adenauer-Stiftung: »Für die Feigheit«
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2016 um 09.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31596

Den Text hatte ich nicht gelesen, einverstanden mit "Feigheit"! Aber warum hat die KAS den Text überhaupt bestellt?

Ich bleibe aber dabei, daß jemand "als Historiker" so viel oder so wenig zur gegenwärtigen Politik beitragen wie ich "als Sprachwissenschaftler" (was viele Kollegen nicht davon abhält, "als Sprachwissenschaftler" politische Meinungen zu verbreiten, z. B. in einer Unwort-Jury).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.02.2016 um 09.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31597

Na ja, die meisten Historiker beschäftigen sich mit der Politik der Vergangenheit. Da besteht schon ein etwas engerer Zusammenhang mit der Politik der Gegenwart als bei anderen Disziplinen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2016 um 11.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31598

Quaeritur.

Immerhin, wenn Geschichte sich nicht nur mit der Politik, sondern mit allem Vergangenen (Wirtschaft, Klima, Religion, Sprache, Technik, Demographie ...) beschäftigt, wird es plausibler, aber auch komplexer.

Das war es ja gerade: Alles zwecks Agitation auf wenige Punkte herunterzukochen geht wohl nicht an.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 08.02.2016 um 15.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31600

„Aus Erfahrung wird man schlau“ sagt der Volksmund. Jede Entscheidung im Leben erfolgt im Lichte vergangener Erfahrungen. Junge Menschen machen häufiger Dummheiten als ältere, weil sie weniger Erfahrungen gesammelt haben.

Lebenserfahrung ist aber keine Garantie für kluge Entscheidungen. Bestenfalls schützt sie vor alten Fehlern; es gibt aber genug neue Fehler, die man machen kann. Dennoch wird doch jedermann lieber lebenskluge Menschen in verantwortungsvoller Stellung sehen als völlig unerfahrene.

Was ist nun Lebenserfahrung anders als selbsterlebte Geschichte? Was liegt also näher als der Versuch, diese Lebenserfahrung durch Historie in die Vergangenheit zu verlängern?

Wenn wir heute vor schweren Entscheidungen stehen, warum sollten wir nicht in der Geschichte nach ähnlichen Verhältnissen zu suchen? Vielleicht hilft das ja doch, wenigstens die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Jedenfalls erweitert es den Horizont, und ein weiter Horizont ist doch immer besser als ein enger.

Mir scheint allerdings, daß in der Frage, um die es hier geht, die Dinge klar zutage liegen und ein Rückgriff auf die Geschichte nicht nötig ist. Das sagt Prof. Demandt ja selbst: „Das weiß im Grunde auch jeder.“

Prof. Demandt hat ja auch nicht der KAS seinen Beitrag aufgedrängt, sondern die KAS hat einen solchen Beitrag erbeten. Warum hätte er auf diese Bitte nicht eingehen sollen? Jedenfalls empfinde ich seinen Beitrag als angenehmer zu lesen, als die schon ewig durchgekauten Argumente und Sprechblasen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 08.02.2016 um 15.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31601

Was dem einen "Argumentation", ist dem anderen "Agitation". Das ist Rhetorik. Dazu gehört auch das Argumentationsmuster, auf die Erwähnung unangenehmer Faktoren mit der Forderung nach Berücksichtigung vieler zusätzlicher Faktoren zu antworten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2016 um 16.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31602

Die Ähnlichkeit ähnlicher Vorgänge in der Vergangenheit steht gerade in Frage. Darum ist der Wunsch, möglichst viele Faktoren zu berücksichtigen, keine billige Ausflucht oder so etwas, sondern der Kern einer alten geschichtsphilosophischen Debatte. Muß man das überhaupt noch aussprechen? Das Problem ergibt sich schon weit diesseits interessengeleiteten Ausblendens usw. durch das Fragmentarische jeder Überlieferung. Daher das Frohlocken der Historiker, wenn sie ein neues Dokument entdecken.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 09.02.2016 um 19.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31612

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie Herrn Achenbachs Beitrag (#31593) zu verstehen ist, aber bei den genannten Punkten handelt es sich natürlich nur um einige Schlaglichter zu einem sehr komplexen Thema. Das "Wissen", daß die "Völkerwanderung" Ende des 4. Jahrhunderts begonnen habe, ist einfach nur die übliche Schulbuchdatierung (Schlacht von Adrianopel 378).
Man kann sogar fragen, ob Rom überhaupt untergegangen ist. Pirenne etwa sieht ja eine Transformation. Erst mit dem Einbruch des Islams sei die Einheit der Mittelmeerwelt zerstört worden. (Das könnte man auch wunderbar tagespolitisch ausschlachten.)
Schon merkwürdig: Der Zug des Kaisers Theodosius ("Des Großen") mit seinem nicht zuletzt aus Goten (Alarich!) bestehenden Heer zur Eroberung Italiens (gegen den Heermeister Arbogast) anno 394 gilt nicht als "Völkerwanderung", der auf dem gleichen Wege und zum gleichen Zwecke unternommene Zug des kaiserlichen Beauftragten Theoderich ("des Großen") mit seinem zum Gutteil aus Goten bestehenden Heer ein knappes Jahrhundert später (gegen den Heermeister Odoaker) dagegen sehr wohl. Wo ist der Unterschied?
Es ist unstrittig, daß die Herrschaft Theoderichs eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit war. Theoderich wurde geradezu als ein neuer Trajan bezeichnet. Längst verfallene Wasserleitungen wurden wiederhergestellt. Bedeutende Schriftsteller und Philosophen wie Cassiodor, Symmachus und Boethius bekleideten hohe Staatsämter. Daß Boethius dann einer Staatsaffäre zum Opfer fiel, ist bedauerlich, aber so etwas kommt vor. Dazu braucht es keine Barbaren, die römische Geschichte ist voll davon, man denke nur an Seneca!
Wie sehr Theoderich in römischem Staatsrecht dachte, zeigt eine Episode: Er ließ sich die Hilfe für die Wisigoten gegen die Franken mit der Abtretung eines kleinen gallischen Küstenstreifens südlich der Durance bezahlen. Für dieses Gebiet wurde die gallische Präfektur in Arles wiedererrichtet, die einige Jahrzehnte zuvor aufgegeben worden war. Theoderichs Machtbereich reichte damit über die italische Präfektur hinaus, er hatte einen Fuß in der gallischen Tür. Zum Präfekten wurde der altbewährte Verwaltungsfachmann Liberius bestellt (der gleiche, de später in hohem Alter – Prokop nennt ihn eschatogerôn – in ähnlicher Funktion für Justinian in Spanien tätig war).
Dieses blühende Reich wurde erst danach zerstört, und zwar durch einen erbarmungslosen zwanzigjährigen Krieg, den das Ostreich unter Justinian bis an den Ran der eigenen Erschöpfung führte.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.02.2016 um 23.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31613

Man kann Theoderich als weströmischen Reichsverweser ansehen. Eine solche Herrschaft wirft immer Legitimitäts- und Kontinuitätsprobleme auf. Letztlich entscheidend ist, was folgt. Auf Theoderich folgte kein weströmischer Kaiser. Auf Horthy folgte kein Habsburger, auf Franco hingegen ein Bourbone, der aber nicht autoritär herrschen mochte. Glück mit den Nachfolgern haben die wenigsten Politiker: 'All political lives, unless they are cut off in midstream at a happy juncture, end in failure' (Enoch Powell).
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 10.02.2016 um 15.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31618

Auf Theoderich folgte kein weströmischer Kaiser. Immerhin folgte seine Tochter Amalaswintha als Regentin für den unmündigen Enkel Athalarich. Sie wird als hochgebildet beschreiben, sprach fließend Gotisch, Griechisch und Latein und führte mit umsichtiger Hand die Regierung. Das ist natürlich ziemlich barbarisch, einen wahren Römer graust es ob solcher Weiberherrschaft.
Theoderich hatte aber auch keinen weströmischen Kaiser neben, über oder vor sich. Dieses Amt war bereits abgeschafft. Odoakers gar nicht so epochaler Schritt bestand gerade darin, den Kaiser für überflüssig zu erklären. Die gesamte weströmische Geschichte ist durchzogen davon, daß der Kaiser immer mehr durch den Heermeister verdrängt wurde. Man kann, wieder etwas klischeehaft vereinfachend, sagen: Immer, wenn der Kaiser selber in die Politik eingriff, gab es eine Katastrophe. Ein wenig vielleicht vergleichbar mit dem "persönlichen Regiment" Kaiser Wilhelms II. Jedesmal nach einem Daily-Telegraph-Interview, einer Hunnenrede und dgl. hatten die Politiker alle Hände voll zu tun, die Scherben zusammenzukehren.

Nachträge zu meinem vorigen Beitrag:
(I) Zum Präfekten – praefectus praetorio Galliarum – wurde der altbewährte Verwaltungsfachmann Liberius bestellt – der schon unter Odoaker Karriere gemacht hatte!
Wobei "Verwaltungsfachmann" schon fast eine Herabwürdigung ist. Die Quellen zeigen verwaltungstechnisches, diplomatisches und militärisches Geschick.
(II) Wir haben eine aktuelle Parallele: Kurz vor der chinesischen Küste liegen die Quemoy-Inseln. Diese gehören zu der Provinz Fukien (Sinologen mögen sich bei den barbarischen Umschriften wieder einmal die Ohren zuhalten), werden aber von der taiwanesischen Seite kontrolliert. In Taipeh beharrt man nun darauf, für diese Inselchen (nicht viel größer als Sylt) eine eigene Provinzverwaltung zu führen. Der Machtbereich der Republik China umfaßt damit eben nicht nur die Provinz Taiwan, sondern auch zumindest rudimentäre Teile der Festlandsprovinz Fukien.
Das gleiche staatsrechtliche Denken finden wir 1500 Jahre zuvor in Ravenna, wenn für einen schmalen Landstrich die gallische Präfektur in Arles eingerichtet wird – mit dem latenten, jederzeit nach Bedarf aktivierbaren Anspruch auf ganz Gallien.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 10.02.2016 um 18.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31619

Zum Thema Nationalstaat und dem Umgang mit ihm aus aktuellem Anlasser einige ethnologische Beobachtungen.
In den USA hängt an allen öffentlichen Gebäuden das Sternenbanner, in Frankreich, wenn ich richtig informiert bin, die Trikolore, und sei es das letzte Provinzrathaus. Auf dem Bonner Rathause weht die Bonner Stadtfahne und sonst nichts – ausgenommen die Karnevalstage, wenn in einer hochoffiziellen und streng ritualisierten Zeremonie das Rathaus trotz aller verzweifelten Gegenwehr von den Narren gestürmt wird. Dann wird die Stadtfahne eingeholt und die Narrenfahne (offiziell: Fahne des Prinzen Karneval) gehißt. Anschließend schreitet der unterlegene und entmachtete Oberbürgermeister die Parade der siegreichen Stadtsoldaten ab (die treu zu Ihren Tollitäten stehen und also zu den Rathausstürmern gehören, auch der Einsatz von Artillerie wird simuliert.) Der Platz vor dem Rathause ist dann geprägt von der rot-weiß-blauen Trikolore – den Farben der Bonner Stadtsoldaten.
Den Rathausstürmern angeschlossen hat sich auch der Leiter der Bundeskunsthalle, den es von Bremen in die Bundesstadt verschlagen hat.
Einschub, da das Zauberwort nun gefallen ist: Bonn legt großen Wert darauf, Bundesstadt zu sein. Dennoch ist nirgends auch nur ein Hauch der Bundesfarben (also schwarz-rot-gold) zu sehen. Es handelt sich um eine rein städtische Veranstaltung, Bundesorgane sind nicht beteiligt (die Bundeskunsthalle zählt nicht als solches). Ebenso abwesend sind die grün-weiß-roten Landesfarben. Solche Fahnen wie auch die Europafahne, die der Vereinten Nationen oder die Fahnen ausländischer Staatsgäste werden bei entsprechenden besonderen Gelegenheiten an den vor dem Rathause stehenden Fahnenmasten aufgezogen. Bei der hier genannten Veranstaltung sind die allerdings komplett vom "Festausschuss Bonner Karneval" belegt.
Der Bremer Import nun trägt seine Drohungen gegen das Rathaus in feinstem Plattdüütsch vor. Als Antwort schallt ihm vom Rathausbalkon entgegen, er müsse sich schon einer Sprache bedienen, "die mer he verstonn. Mer künne kene Fremdsproch" (obwohl es nicht besonders schwer zu verstehen war). Die Wiederholung auf Hochdeutsch war dann akzeptabel.
Einer der großen Karnevalsschlager der Session ist übrigens "Polka, Polka, Polka, vum Rhing bes an de Wolga" (Reim' dich oder ich freß' dich!) "ejal, woher mer kumme, jetzt han mer uns jefunge" usw.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 11.02.2016 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31631

Das i-Tüpfelchen vergißt man natürlich: Zum erstenmal nahm an der Karnevalszeremonie der neue Bonner Oberbürgermeister Ashok Sridharan teil. Sein Name wurde bei Gelegenheit fachkundig erläutert: a-Shok(a) = Ohne-Sorge, mit Verneinungs-a (die Fremdsprache kann man dann doch).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2016 um 06.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31706

Zur Rhetorik der Übertreibung:

Nicht seriös ist es freilich auch, wenn sogenannte Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft und Politik allen Ernstes glauben machen wollen, der durchschnittliche Flüchtling sei ein neuer Steve Jobs – und der Fachkräftemangel durch den Zustrom schon so gut wie gelöst. (Reinhard Müller FAZ 19.2.16)

Aber wer hat denn das „allen Ernstes“ behauptet? Es erinnert an die 500.000 syrischen Zahnärzte, die nun doch nicht eingetroffen sind. Der "Zahnarzt" war bisher der Spitzenverdiener und FDP-Wähler, hat aber nun eine zweite symbolische Bedeutung bekommen. Damit geistert er seit einigen Monaten durch die Medien.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.02.2016 um 22.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31739

Die Sachsen müssen Sprachkurse in Hochdeutsch und im Sich-in-Deutschland-Integrieren verordnet bekommen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.02.2016 um 00.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31740

De Saggsen sinn e sehr gemiedliches Völgchen, ohne Haß. For Haß gibs gar kee säggs'sches Word. De Saggsen ham höch'sdens emol de Schnaudse voll. Un wer e bissel wenicher helle im Nischel is, der läßd de Sau dann leider of de Falschen raus.

Man sollte annehmen, daß die Regierung in Berlin ein bißchen mehr im Kopf hat und weiß, wer eigentlich damit gemeint ist. Aber die tut als wüßte sie nicht, warum plötzlich so viel Wut im Volk ist. Die Anzahl dieser besorgniserregenden Ausfälle steigt in allen Bundesländern an, und zwar genau seitdem da oben jemand sagt: Der Staat bin ich!

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2016 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31743

Saudi-Arabiens steiler Aufstieg als Waffenimporteur
Die neue Studie der Sipri-Forscher listet hohe Zuwachsraten für Rüstungsgeschäfte im Nahen Osten auf. Zwei westeuropäische Länder gehören dabei zu den Hauptexporteuren.
(faz.net 22.2.16)

Da sind wir aber gespannt: Welche beiden mögen das sein? Erst gegen Ende des Artikels wird es enthüllt: Frankreich 5,6 Prozent, Deutschland 4,7 Prozent. Eher Zwerge gegenüber USA und Rußland.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.02.2016 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31749

Old Shatterhand war ein berühmter Sachse, aber dann kam Walter Ulbricht.
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 22.02.2016 um 21.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31753

Vor allem sind die "Saggsen" helle! Sie wissen:

Ein souveräner Staat kennt seine Grenzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2016 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31757

Cameron droht mit dem Austritt, den er eigentlich verhindern will. Bei uns sagen viele, man müsse etwas gegen die Ausländer tun, sonst würden die Gegner der Ausländer immer stärker. Um die Freiheit zu schützen, muß man sie einschränken, z. B. durch Bespitzelung. Es hat sich schon mancher aus Angst vor dem Tod das Leben genommen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.02.2016 um 10.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31760

Wer etwas gegen Ausländer tut, ist ein Gegner der Ausländer.

Außerdem gibt es die sogenannten Gegner der Ausländer, Opfer einer breit angelegten staatlichen und medialen Verleumdungskampagne.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.02.2016 um 19.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31766

Es wäre ein erheblicher Beitrag zur geistigen Hygiene in unserem Lande, wenn man nicht jeden, der Bedenken gegen eine ungeordnete Einwanderung hat, gleich als "Gegner von Ausländern" oder als "ausländerfeindlich" abstempeln würde.

Ich bin im Ausland vielen Menschen begegnet, die längere Zeit in Deutschland waren, etwa zum Studium, und beste Erinnerungen an diese Zeit hatten. Nie hat sich einer von ihnen über "Ausländerfeindlichkeit" beklagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2016 um 12.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31771

So unhygienisch hat sich hier aber noch keiner ausgedrückt, oder?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.02.2016 um 21.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31773

Ich bin mit der Idee eines Vereinten Europas und mit den Wertvorstellungen eines Christlichen Abendlandes aufgewachsen, und es widerstrebt mir, diese jetzt als nicht mehr zeitgemäß ansehen zu sollen, als ob sie nur 70 Jahre lang Gültigkeit gehabt hätten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.02.2016 um 23.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31774

Lieber Germanist,
ich bin trotz der gegenwärtigen Probleme optimistisch. Nur weil ein einzelnes Land sich gegen die übrigen 27 stellt, geht sicher nicht gleich die ganze EU unter, und selbst wenn, dann würden die gemeinsame Idee und unsere fortschrittlichen westlichen Wertevorstellungen überleben. Sie würden eine zweite Chance bekommen, denn sie bleiben natürlich gültig, sie wurden nur bisher mit zu viel Naivität praktisch umgesetzt. Ich glaube daran, daß die EU aus den gegenwärtigen Erfahrungen lernen und dann auch leidende Völker auf der Erde besser als jetzt unterstützen wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.02.2016 um 15.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31780

Bundestag beschließt: Schockfotos auf Zigarettenschachteln sollen Raucher abschrecken

Kann man das beschließen? Dann kann man auch beschließen, daß Zuckerkügelchen gegen Krankheiten helfen sollen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 25.02.2016 um 20.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31784

Auf www.facebook.com/Freiheitfuerdeutschland/, der Seite von "Freies Tal – Freital ist und bleibt frei" (zu finden unter dem Suchwort "Frigida"!! – auch das war mal ein Kabarettistenwitz; die Satire wird wieder einmal von der Wirklichkeit überholt) findet sich u.a. der Spruch: Wir wohnen im "Schandfleck"! – und sind Stolz darauf!
Feine Abendlandsretter, ich bin Ratlosigkeit.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.02.2016 um 23.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31785

Ich habe heute wieder mehrmals im Fernsehen gehört, daß Pegida gegen eine "angebliche Islamisierung des Abendlandes" sei. So und ähnlich findet man es auch vielfach im Internet.

Wenn doch nur ein einziger einmal ganz sachlich begründen würde, warum es sich nur um eine angebliche und eben nicht um eine tatsächliche Islamisierung handelt.

Sogar der vorige Bundespräsident meinte, der Islam gehöre jetzt auch zu Deutschland. Ob das nun für Deutschland ein Grund zu Freude und Triumph ist, will ich mal dahingestellt sein lassen, aber eine Islamisierung Deutschlands bedeutet es selbstverständlich nicht, oder?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2016 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31789

"Islamisierung" ist wie jenes "Dazugehören" viel zu unbestimmt, als daß man darüber pauschal diskutieren könnte. Man muß sich an die konkreten Einzelheiten halten.
Deutschland kennt keine strenge Trennung von Staat und Religion, sondern hat bisher die christlichen Großkirchen privilegiert. Das brauche ich nicht auszuführen.

Da das GG bzw. die inkorporierten Artikel der WRV von Religionsgesellschaften sprechen, ist es nur recht und billig, die Privilegien entweder ganz abzuschaffen oder auf die bedeutende islamische Bevölkerung auszudehnen (bei allen Problemen, die deren Verfaßtheit mit sich bringt).
Hinzu kommt aber noch etwas anderes. Der Mitgliederschwund und andere Faktoren ließen erwarten, daß auch formell die Privilegierung der Kirchen etwa durch staatlich organisierten und finanzierten Religionsunterricht und Theologenausbildung eingeschränkt und abgeschafft werden könnten. Nun hat sich aber die Politik mit guten Gründen vorgenommen, den Islam gewissermaßen zu zivilisieren, d. h. an der Radikalisierung zu hindern bzw. sie wieder zurückzudrängen. Daher nun der konfessionelle Islamunterricht und die zugehörige Religionslehrerausbildung unter staatlicher Aufsicht. Dies hat auch die prekäre Lage des christlichen Religionsunterrichts (und des Abschreckungsfachs Ethik) wieder gestärkt, wurde daher von den Kirchen lebhaft befürwortet.
In Erlangen wurde die einst berühmte, auch umstrittene evangelisch-theologische Fakultät abgeschafft zugunsten jenes merkwürdigen Konglomerats "Philosophische Fakultät und Fachbereich Theologie", das nun neben der evangelischen auch die islamische Theologie umfaßt.

Das wäre also ein Fall von "Islamisierung", und er steht mit einem anderen, von allen Politikern bisher gemiedenen Problem in Verbindung, wie angedeutet.

Ein anderer Fall ist die Streichung von Schweinefleisch aus dem Speiseplan öffentlicher Einrichtungen (und darüber hinaus). Damit hängt die Rücksichtnahme in anderen Bereichen zusammen, die sich durchaus zu einer "Tyrannei des Vermeintlichen" ausweiten könnte (Alkohol, Karikaturen, Freizügigkeit in Kleidung und Sexualverhalten). Also das Problem der PC überhaupt. Das ist eine Gefahr, der man rechtzeitig entgegenwirken sollte (Pressefreiheit usw.). Der Widerstand dürfte aber erfahrungsgemäß gering sein, außer bei den Schmuddelkindern.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.02.2016 um 10.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31790

Aber so unbestimmt ist doch das Wort Islamisierung auch wieder nicht, daß man nicht wüßte, was auf beiden Seiten damit gemeint ist.

Es geht Pegida-Anhängern ganz sicher nicht darum, die Islamisierung dadurch zu verhindern, daß Meinungs- und Religionsfreiheit in Deutschland oder Europa eingeschränkt werden oder daß den Religionsgemeinschaften ungleiche Rechte zugestanden werden.

Meiner Ansicht nach verstehen sowohl Verteidiger als auch Gegner der aktuellen politischen Entwicklung unter Islamisierung (je nach Partei mit dem Zusatz "angeblich") vor allem die millionenfache Migration von Menschen muslimischen Glaubens nach Deutschland in den letzten 20-30 Jahren, ganz besonders deren explosionsartigen Anstieg seit Mitte letzten Jahres.

Im Gegensatz zur Religionsfreiheit und -gleichheit innerhalb eines Staates, über die man nicht zu diskutieren braucht, hat es ein souveräner Staat sehr wohl in der Hand, sein Volk und seine Kultur vor unabsehbaren Veränderungen durch Migration ganzer fremder Völker, zum Beispiel vor einer "angeblichen"(?) Islamisierung zu schützen.

Ich finde, daß der Zusatz "angeblich" nur der Beschwichtigung und Tatsachenverfälschung dient, denn ich wüßte nicht, daß jemand, der ihn benutzt, schon einmal eine gute Begründung mitgeliefert hat.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.02.2016 um 14.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31791

Im Vergleich mit anderen politischen Slogans wie »Fortschritt«, »Wir in Bayern« oder »Change« ist die Bedeutung von »Islamisierung« wohl hinlänglich klar umrissen.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 26.02.2016 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31792

Islamisierung, also der prozentuelle Anstieg gläubiger Muslime verglichen mit Gläubigen anderer Glaubensgemeinschaften, ist ein Anzeichen dafür. Ein Attribut „angeblich“ ist hier also fehl am Platz.

Wenn man, statt eine klare Trennung zwischen Staat und Religionen umzusetzen, mehrere Religionen „unterstützt“, wird man sich stärker noch als bisher gefallen lassen müssen, Aberglaube und alle damit zusammenhängenden Riten und Gebräuche zu fördern. Die riesige Gruppe der Atheisten und Agnostiker (ein großer Teil der Christen sind lediglich Taufscheinchristen, die die Bibelgeschichten für antike Märchen halten und auch sonst Hölle und Teufel gedanklich längst überwunden haben) hat in dieser Diskussion leider keine Stimme, obwohl es vermutlich die Mehrheit ist.

Eine „Tyrannei des Vermeintlichen“ ist in Ansätzen daher jetzt schon spürbar.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 26.02.2016 um 17.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31793

(...) hat es ein souveräner Staat sehr wohl in der Hand, sein Volk und seine Kultur vor unabsehbaren Veränderungen durch Migration ganzer fremder Völker (...) zu schützen.
Oh ja, besonders der Freistaat im Osten wäre da gefragt. Schon seit Jahrzehnten wird dieses Land überschwemmt von Immigranten, die eine fremde Sprache und fremde Kultur mit sich bringen, dort Schwarze Pumpen u.ä. errichten und nicht daran denken, sich irgendwie zu integrieren. In Städten wie Gródk, Wójerecy oder auch Bela Wóda (immer wieder diese Sonderzeichen; wie kriegt man das gestrichene l auf die Tastatur, wieviele Zahlen- und Tastenkombinationen muß man im Kopfe haben?) sind die Einheimischen bereits zur Minderheit im eigenen Lande geworden. Wo sind die um ihre Heimat besorgten und empörten Bürger, die auf die Straße gehen, sich unter Parolen wie "Die Lausitz den Sorben!" (also Lu´zica po Srbi oder so ähnlich, wieder mit gestrichenem l) versammeln und vor die Häuser der Eindringlinge ziehen?
Tatenlos sieht man der fortschreitenden Überfremdung zu...
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.02.2016 um 18.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31794

Das "Christliche Abendland" und das "Vereinte Europa" gibt es zurzeit garnicht. Niemand hört auf die Worte der Kirchen und des Europarates. Dazu bedarf es nicht erst der Muslime, und diese sind selber total zersplittert. Waren denn die Türken in Deutschland bisher eine Gefahr?
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 26.02.2016 um 22.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31795

Gute Frage, Germanist!

Allerdings schwierig zu beantworten. Türken in Deutschland und Deutsche in Deutschland unterscheidet eines: Die Türken in Deutschland wissen, was in deutschen Zeitungen steht, aber die Deutschen in Deutschland wissen nicht, was in den in Deutschland erscheinenden türkischen Zeitungen steht. Asymetrischer interkultureller Alltag.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.02.2016 um 23.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31796

Lieber Herr Strowitzki, Ihr Vergleich mit Sachsen und Sorben erscheint mir wegen der völlig unterschiedlichen Voraussetzungen wenig passend, und dann weiß ich auch nicht so recht, was Sie damit sagen wollen. Ja, wo sind die empörten Sorben, sie waren wohl einfach zu wenige, konnten sich zwar eine Zeitlang auf dem eroberten germanischen Gebiet behaupten, wurden aber später wieder zurückgedrängt. Nun sind sie eine Minderheit. Ihr Beitrag hört sich an, als loben Sie die Sorben dafür, den Deutschen ohne Auflehnung ihr Land zu überlassen, und meinen, Deutschland solle sich heute daran ein Beispiel nehmen und ruhig alle Muslime, denen es gefällt, bei uns einwandern lassen, es sei ja gar nicht schlimm, wenn in Deutschland einmal die Scharia regiert?

Wenn es einmal soweit ist, lieber Germanist, dann darf man wohl den Verlust der gemeinsamen europäischen, christlich-abendländischen Werte beklagen, dann wird es aber zu spät sein, und die dafür Verantwortlichen werden es leider nicht mehr erleben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2016 um 04.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31798

Rhetorik ist eben auch die Kunst, aneinander vorbeizureden. "Werte" eignen sich dazu besonders gut. Ich vermeide das Wort seit Jahrzehnten.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 01.03.2016 um 19.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31828

Wenn die Sorben aussterben, ist das allemal zu bedauern, ein kultureller Verlust. Von Staatsseite erhalten sie jedenfalls wenig Unterstützung. Wenn der Ministerpräsident den Gottesbezug nach seinem Amtseid auf Sorbisch spricht (Obersorbisch wohl, um genau zu sein), ist das ganz nett, aber bei weitem nicht genug, die Umvolkung der Lausitz zu stoppen.
Ach ja, die Scharia. Warum nicht aus historischen Erfahrungen lernen? Wir hatten ja schon die massenhafte Einwanderung der Christen, die dazu geführt hat, daß Hexenhammer, Inquisition und kanonisches Recht bei uns Geltung erlangten. Massenhaft gab es auf einmal Leute, die Michael, Johannes, Christian, Christopher, Simon hießen oder andere fremdvölkische Namen wie Maria oder Elisabeth trugen. Aber wer will denn hier die Scharia einführen? Die gilt ja nicht einmal in der Türkei und ebensowenig in Bosnien, Albanien oder Syrien (zumindest soweit das verhaßte säkulare Regime herrscht und nicht die Lieblinge der Nordatlantikmächte das Sagen haben – und anders auch als in Israel, wo es nicht mal eine Zivilehe gibt und man zum Mufti gehen muß, wenn man sich trauen will). Diejenigen, die hier die Scharia als Gesetzesgrundlage sehen wollen, dürften kaum zahlreicher sein als die Piusbrüder, die das kanonische Recht wieder einsetzen wollen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2016 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31847

Vorhin sah ich vor einem SPD-Bezirksbüro das Plakat:

Die SPD bestimmt den Kurs. Auch in der Flüchtlingspolitik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2016 um 09.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31946

...da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.

Und dann tut es seine Wirkung.

Der Vorsitzende der Nationalen Plattform Elektromobilität, Henning Kagermann, hat erneut eine Kaufprämie für Elektroautos gefordert. "Fakt ist: ohne eine Kaufprämie erreichen wir das Millionen-Ziel nicht", sagte er dem "Tagesspiegel".

Man kann zwar immer noch über Elektroautos diskutieren, aber seit diese Zahl von 1 Million in der Welt ist, wirkt sie wie ein Attraktor auf alle Diskussionen und verschafft den Befürwortern der Prämie einen Vorsprung.
Ebenso wirkt seit Jahren die Vorgabe der Klimabewirtschafter: 2 Grad und nicht mehr! Gerade jetzt wieder (Fukushima) holen die AKW-Befürworter die Zahl wieder hervor. Sie wird im Laufe der Zeit unantastbar.
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 20.03.2016 um 11.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32005

Zur Information:

http://www.neuemedienmacher.de/download/NdM_Glossar_www.pdf
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.04.2016 um 07.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32133

In der FAZ spricht ein Leser endlich einmal seine – von mir geteilte – Verwunderung darüber aus, daß immer öfter Politiker in den Medien etwas "fordern", was sie als Regierungsmitglieder eigentlich selbst auf den Weg bringen oder einfach durchsetzen könnten und auch sollten, denn dafür haben wir sie doch gewählt. Das gilt auch für einen Parteivorsitzenden, der zwar nicht selbst Bundesminister ist, aber drei Minister in der Bundesregierung sitzen hat, die selbst die Initiative für das von ihrer Partei "Geforderte" ergreifen könnten. Stattdessen läßt man vor der Presse Versuchsballons steigen, beobachtet die Reaktion der Bevölkerung und übt dann "Druck" auf die Regierung aus. Das ist aber nicht der politische Prozeß, den die Verfassung vorsieht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.04.2016 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32392

Christian Lindner fordert die "Beta-Republik Deutschland", was selbst seine Parteifreunde nicht verstehen und schon gar nicht ans Volk vermitteln können. Ob das so eine glückliche Wortschöpfung ist? Beim ersten Hören klang es für mich gewollt "modern".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2016 um 06.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32402

In der FAZ bezeichnet Edo Reents das Schlagwort "Beta-Republik" als affig, gibt auch sonst eine ziemlich zutreffende Beschreibung des "unseriösen" Lindner-Geredes. Inbesondere die substanzlosen Vorstellungen von einer überfälligen Digitalisierung des Schulunterrichts kritisiert er. Angenehmes Gegengewicht gegen die Politikredaktion, die natürlich weiterhin ihre Lieblingspartei hätschelt.

Sehen wir mal, wie die FDP von diesem sprachlichen Irrweg wieder runterkommt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2016 um 17.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32426

Zur Kaufprämie für Elektroautos:

„Wir haben gesehen, dass wir mit den bisherigen Instrumenten nur circa 50.000 solcher Fahrzeuge auf die Straße gebracht haben“, sagte Gabriel. (focus.de 26.4.15)

Rätselhafte Formulierung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2016 um 07.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32498

Die ZEIT widmet ihren Titel und ein paar Seiten der Rhetorik und dem Lobpreis der Tübinger Rhetorikschule (Jens und seine unscheinbaren Nachfolger).
Wieder mal wird die gute Überzeugung der bösen Überredung entgegengestellt - reine Rhetorik, wie schon Platon nachwies.
Die Rhetorik muss sich also weiterhin gegen den Verdacht wehren, manipulativ zu sein.
Aber gerade das war immer ihr Stolz und Ruhm.
In unseren Tagen geschieht in der politischen Rhetorik wenig Spontanes.
Aus dem ganzen Beitrag geht hervor, daß die gerühmte antike Rhetorik nichts Spontanes hatte.

Wieder fehlt jeder Beweis, daß die schulgerechte Rede auch die wirksame ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2016 um 15.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32501

Kleine Kinder sagen manchmal, wenn sie einem etwas schenken, danke dazu. Einer ähnlichen Psychologie folgt die Süßwarenindustrie, wenn sie auf ihre Schokoladensachen Namen wie Merci oder Kleines Dankeschön druckt. Das spart dem Käufer gleich noch die eigene Karte, es steht ja alles drauf. Man legt dem Kunden bestimmte Worte in den Mund, die er sich dann gewissermaßen zu eigen macht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.05.2016 um 16.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32588

Körpersprachforschung ist in meinen Augen eine Parawissenschaft. Während eine Pseudowissenschaft wie Astrologie von vornherein keinen Wirklichkeitsbezug hat (haben kann), wäre eine zeichenhafte Deutung von Gesten, Körperhaltung, Gang usw. grundsätzlich möglich, aber die bisherigen Versuche lassen es an Methode fehlen (wie Graphologie und Physiognomik). Sie haben in der Regel kein Bewußtsein von Beweisbedürftigkeit und empirischer Forschung, außerdem ist das System der Persönlichkeitsdiagnose (Charakterkunde) begrifflich unzureichend.
Meistens geht es kaum über die populäre Symboldeutung hinaus: Wer die Arme vor der Brust verschränkt, schließt sich ab usw.
Dies auch zur Deutung der Merkel-Raute.

Wartezimmerbewohner lesen auch gern, welche Fehler ein Mann bzw. eine Frau beim Flirten machen kann. Anschließend das Horoskop für die nächste Woche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.05.2016 um 12.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32616

Die Wirkung einer Äußerung, eines Auftritts ist unberechenbar. Dasselbe Wort kann, zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Situationen gesprochen (also immer), eine ganz verschiedene Wirkung haben. Hat sich einmal die Meinung gebildet, daß ein Politiker auf dem absteigenden Ast sitzt, kann er sagen, was er will, es wird seinen Untergang beschleunigen. Dem Sieger dagegen gereicht alles zum weitere Erfolg, bis die Leute es leid sind. Das sind alles wohlbekannte Dinge, aber man beobachtet die jeweils neueste Illustration doch mit Interesse.

Christian Geyer, dem ich nicht immer zustimme, gibt in der FAZ vom 18.5.16 eine treffende Diagnose Sigmar Gabriels. Der hatte gesagt, er sei mit seinem Privatleben so zufrieden, daß er das politische Amt eigentlich nicht brauche. („Viele Leute in meiner Umgebung wissen, dass ich ein glückliches Familienleben habe und meine persönliche Zufriedenheit nicht an einem Dienstwagen hängt.“ – Spiegel-Interview) Damit wollte er wohl seine Unabhängigkeit bekunden, offenbarte sich aber als unpolitischer Mensch. Allerdings sollte der Politiker nicht um der Macht willen leben, wie Geyer nahelegt, sondern eine Idee haben, für die er ohne Rücksicht auf seine Person arbeitet; die Macht wäre nur das Mittel, sie zu verwirklichen. Das legendäre Urbild ist Cincinnatus, der alles stehen und liegen ließ, um seine Fähigkeiten in den Dienst des bedrängten Staates zu stellen und dann zu seinem Pflug und seiner Familie zurückkehrte. Gabriel erinnert an Scharping. Jeder denkt gleich: Netter Mensch, aber eigentlich eine Flasche.
(Als ich dies schreiben wollte, fiel mir der Name des alten Römers nicht ein, meiner Frau auch nicht. Dank einer Fangschaltung bei Google habe ich ihn aber schnell gefunden – sehr praktisch.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.05.2016 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32629

Wer schon mal im Bundestag war oder auch nur Fernsehübertragungen verfolgt hat, wird bestätigen, was Roger Willemsen in seinem Buch "Das Hohe Haus" täglich und stündlich beobachtet hat: Wenn ein Abgeordneter der Opposition spricht, muß jedes Regierungsmitglied auf alle erdenkliche Weise demonstrieren, daß es nicht zuhört: plaudern, scherzen, Zeitung lesen, SMS verschicken, imaginäre Flecken vom Blazer entfernen usw. Die Opposition ist um jeden Preis wie Luft zu behandeln. Auf der Tribüne sitzen Schulklassen und lernen demokratische Debattenkultur.
Das Ganze ist so ekelhaft, daß man auch nicht versöhnt wird, wenn man später die scheinbar verfeindeten Politiker friedlich beisammenstehen sieht. Natürlich bilden sie alle zusammen "die da oben".
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 20.05.2016 um 19.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32635

Als Stadt von internationalem Rang existiert Berlin nur Dank (!) der Zuwanderung von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, Nationalität und Religion. (ebd., http://www.berlin.de/imperia/md/content/lb-integration-migration/publikationen/minderheiten/stadt_der_vielfalt_bf.pdf?start&ts=1442503243&file=stadt_der_vielfalt_bf.pdf )

Unter Ökonomen bemißt sich der internationale Rang einer Stadt nach Anzahl und Größe international agierender Unternehmen, nach Bedeutung und Nutzen der wissenschaftlichen Leistung. Da ist Berlin von einstiger Größe weit entfernt.

Wenn man die Rangliste allerdings als Kulturfunktionär nach der Anzahl international vagabundierender Subventionskünstler aufstellt, dann dürfte Berlin das traditionell ersehnte Weltniveau erreicht haben. So wie damals, in den Goldenen Zwanzigern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.05.2016 um 07.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32719

Das Wort Elementarschäden hat sich die Versicherungsbranche sehr geschickt ausgedacht. Man denkt unwillkürlich, die Elementarschadensversicherung sei ja wohl das Minimum. Bebilderte Berichte der Medien über (hierzulande sehr seltene) Vorkommnisse tun ein Übriges. Ich mußte mich richtig anstrengen, der sündhaft teuren Versuchung zu widerstehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2016 um 07.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32759

Nachtrag, auch zu Müller-Jung ("Kopfrechnen"):

An der Küste und im Hochgebirge weiß man besser, wo Schäden zu erwarten sind, als im Mittelgebirge. Wir haben das vor ein paar Jahren erlebt, als über einem Höhenzug ein Starkregen niederging, der drüben im Regnitztal zu Überschwemmungen und Todesopfern geführt hat, auf unserer Seite ein Bächlein, das sogar den Enten zu klein ist, auf sieben oder acht Meter Höhe hat anschwellen lassen, mit entsprechenden Schäden. Das kann man nicht verhindern und auch nicht alle Baugebiete vorsorglich meiden, die vom Wasser erreicht werden könnten. Nur rechtzeitige Warnungen können den Schaden mildern.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.06.2016 um 12.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32765

Vor Jahrzehnten wurde bei uns die industriealisierte US-Landwirtschaft mit ihren Monokulturen als abschreckendes Beispiel für Bodenerosion durch Regen und Sandstürme gelehrt, und jetzt wird es in Deutschland genauso gemacht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2016 um 06.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32767

Rhetorisch geschickt und überaus folgenreich war auch das Wort Psychoanalyse, unter den Sektenmitgliedern zu Analyse gekürzt. Analyse klingt wissenschaftlich und verspricht Tiefe ("Tiefenpsychologie"). Freud "analysierte" seine eigene Tochter Anna, an sich schon eine Monstrosität.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2016 um 11.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32787

Na, ich bin ja nicht dogmatisch, habe also gestern abend tatsächlich das Fußballspiel gesehen. Die Franzosen sind ja fast alle schwarz, das war mir gegen mein liebes kleines Island schon aufgefallen. Heute schwirren mir die Kommentare um die Ohren, wie gut die Deutschen eigentlich waren, viel besser als die Franzen. Aber in 95 Minuten nur schön spielen und kein einziges Tor schießen – also nee! Das ist doch der Zweck des Ganzen. Deshalb ist es auch tautologisch, daß immer der Bessere gewinnt.

Den schönsten Satz sprach der Kommentator zum Schluß: "Müller ist eben kein EM-Spieler, er ist ein WM-Spieler." Als Induktionsschluß ziemlich wackelig.

Für die Völkerverständigung konnte es aber nichts Besseres geben als den Sieg der Franzosen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2016 um 04.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33104

Vom selben Schlag wie anderes "Belebtes Wasser" (s. Wikipedia) sind die Produkte der Firma Plocher, über die man u. a. erfährt:

Beispielsweise kann die Information von gasförmigem Sauerstoff auf Quartzmehl übertragen werden.

Wieder fällt die Schreibweise Quartz auf, die schon deshalb nicht aufzuhalten ist, weil sie auf den meisten Armbanduhren zu sehen ist.

Ich hatte mal Gelegenheit, mit Plocher-Kunden zu sprechen. Die subjektive Gewißheit und die ganze Argumentationsweise wie bei Homöopathie-Anhängern. Irritierenderweise keine Frage der Intelligenz, weshalb man auch nicht mit der vermeintlichen "Dummheit" gehen Para- und Pseudowissenschaften argumentieren sollte. Das wäre ja auch nicht weiter interessant.

Der zitierte Satz ist eigentlich sinnlos. Ob jemand dies sofort erkennt oder nicht, macht den ganzen Unterschied.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 16.08.2016 um 09.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33108

Die ursprüngliche Schreibweise Quartzuhr (Google: 67.700 Ergebnisse) ist eher rückläufig. Selbst unter Uhrensammlern ist die Quarzuhr (Google: 1.020.000 Ergebnisse) mittlerweile häufiger.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2016 um 15.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33110

Interessanter Hinweis. Vielleicht spielen auch hier Rechtschreibprogramme eine Rolle. Vielleicht verhält es sich auch mit der isolierten Angabe Quartz auf den Uhren selbst nicht ganz so wie in rechtschreibgeprüften Texten.
 
 

Kommentar von Hugo, verfaßt am 16.08.2016 um 16.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33112

Woher die Gewißheit für Quartz als ursprüngliche Schreibweise?
Goggles Ngram-Viewer verzeichnet im deutschen Corpus sehr wenige Fundstellen zu "Quartz":
https://books.google.com/ngrams/graph?content=Quartz%2CQuarz&year_start=1800&corpus=20
Bei Quartzuhr versus Quarzuhr sieht es ähnlich aus.
In den englischen Corpora ist dagegen Quartz vorherrschend.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 16.08.2016 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33114

Die ersten tragbaren Quarzuhren kamen von Patek Philippe, und auf deren Zifferblättern steht bis heute „Quartz“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.08.2016 um 06.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33203

Tiefschlag für Merkel: Nicht mal jeder zweite Deutsche will vierte Amtszeit (focus.de 29.8.16)

Ist das nun viel oder wenig? Wenn es ein Tiefschlag ist, muß es wohl sehr wenig sein. Andererseits: Welcher Politiker hat schon die absolute Mehrheit hinter sich? Auch tun die Medien so, als müsse jetzt sofort die Kanzlerfrage („K-Frage“ – wie dämlich!) entschieden werden und sei dies das Problem, das die Deutschen am meisten bewegt. Die Selbstbezüglichkeit der Medien fällt in der Sommerpause besonders auf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.09.2016 um 05.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33227

Warum das Elektroauto jetzt in Deutschland ankommt (Focus 14.4.14)

Kaum Interesse: Kaufprämie für E-Autos entwickelt sich zum Flop (Focus 2.9.16)

("entwickelt sich" ist auch hübsch. Ein paar tausend Wohlhabende streichen nebenbei unser Steuergeld ein, sonst nichts.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.10.2016 um 04.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33494

Im Hochglanz-Magazin der FAZ spricht Reinhold Messner zweimal von etwas, was "Teil meines Erfolgs" ist. So auch früher schon:

Ihre Familie, Ihre Ehefrauen haben niemals versucht, Sie zu bremsen?
Nein, das ist ein Teil meines Erfolges, und das bewundere ich bis heute.

(http://www.noz.de/deutschland-welt/medien/artikel/503923/reinhold-messner-die-angst-war-mein-lebensretter#gallery&0&0&503923)

Das ist sehr feinsinnig. Man erkennt an, daß man anderen etwas verdankt, vergißt aber nicht, auf den eigenen Erfolg hinzuweisen, mit dessen Vermarktung man seinen Lebensunterhalt verdient, unter zuverlässiger Mithilfe der Medien, die den stets willigen Weisen aus den Bergen alle paar Wochen interviewen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2016 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33633

Vorgestern wurde im Radio erörtert, welche Folgen die Globalisierung (TTIP, CETA) für die Wasserversorgung der Stadt Erlangen haben könnte. Soweit ich mich erinnere, konnte niemand es sagen. Es war von Paragraphen, Schlupflöchern und weiteren Paragraphen die Rede und daß man genau auf den Wortlaut achten müsse usw.

Das fällt mir wieder ein, wenn ich lese, ganz Europa sei sich einig, nur die Wallonen stellten sich quer und nähmen die anderen 500 Mill. Europäer "in Geiselhaft". Das Gestrüpp von Worten ist undurchdringlich geworden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2016 um 17.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33827

Hier deutet eine „Expertin“, was Trumps Handhaltung während seines Besuchs bei Obama verrät:
http://www.focus.de/politik/videos/gespraech-im-weissen-haus-er-hat-etwas-neues-erfahren-das-sagen-trumps-haende-ueber-sein-obama-treffen-aus_id_6194260.html

Das Lächerliche ist, daß die Körpersprachdeuter noch nie empirisch nachgewiesen haben, ob etwas dran ist – und daß sie ihre vulgärpsychologischen Thesen in horoskoptypischer Weise verschlüsseln und damit ebenso immun wie gehaltlos machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.11.2016 um 07.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33833

Unter dem Phantasieporträt aus der "Schule von Athen" steht Urvater der Rhetorik: Aristoteles (FAZ 12.11.16). Nun, anders als in seiner Logik war sich Aristoteles bewußt, daß er hier nicht der erste war, und er setzt sich ja auch gründlich mit den Vorgängern auseinander.

"Rhetorik ist eine Kunst der Überzeugung und nicht der Überredung. Die sophistische Überredung, so Aristoteles, ist intentional und ethisch inkorrekt und hat nichts mit der Fähigkeit zu tun, mittels seines Könnens und Wissens Überzeugung hervorzubringen." (Wikipedia zu Aristoteles' Rhetorik)

Wo soll denn das stehen? Im Griechischen gab es keine solche Unterscheidung; wahrscheinlich stammt der Eintrag von Tübinger Jens-Schülern, die das Original nicht lesen können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.11.2016 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33869

Man kann die Dynamik von Schlagworten am besten beobachten, wenn man früh genug anfängt. Steinmeier will als Bundespräsident ein "Mutmacher" sein. So frühzeitig in die Welt gesetzt, könnte das Schlagwort noch schneller vernutzt und zum Kabarettstoff werden als seinerzeit der "Ruck" eines immerhin bereits amtierenden Präsidenten.
Auch "unbequem" wolle er "bleiben" (!), worauf der Zeitungsleser begann, in seinem Gedächtnis zu kramen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2016 um 07.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33951

Über den Präsidentschaftskandidaten der Linken, Butterwegge, berichtet die FAS (27.11.16) durchaus anerkennend (Armutsforschung als sein „Herzensthema“), aber die Bildunterschrift schreibt ihm höhnisch das „Geschäftsmodell Armutsforschung“ zu. Da scheint ein anderer Redakteur tätig zu sein, der zum zynischen Kern der Wirtschaftsredaktion gehört. Eine kleine Verschiebung der Wortwahl kehrt alles um.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2016 um 07.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#33953

Merkelhasser Georg Meck legt in der FAS wieder einmal dar, warum es Deutschland und der deutschen Wirtschaft so schlecht geht: weil Merkel heimlich eine Grüne ist. Merkel habe auch die Wehrpflicht „entsorgt“, die einmal ein „fundamentaler Bestandteil christdemokratischer Politik“ gewesen war.

Zur Auffrischung des Gedächtnisses ein Stück Wikipedia:

Anfang 2010 gab der damalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eine Defizitanalyse zur Erkennung von Stärken und Schwächen der aktuellen Bundeswehrsituation in Auftrag. Am 12. April wurde dazu eine Strukturkommission unter der Leitung des Chefs der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, eingesetzt. Deren Empfehlung sollte eine umfassende Umstrukturierung der Bundeswehr vorbereiten, mit dem Ziel, die Verteidigungsressourcen Deutschlands den aktuellen und künftigen sicherheitspolitischen Herausforderungen anzupassen.
Einige Tage vor einer Spar-Klausurtagung am 6. und 7. Juni 2010 hatte zu Guttenberg vorgeschlagen, die Wehrpflicht „auszusetzen“. Auf dieser Tagung stimmte er seine zuvor ministeriums- und bundeswehr-intern diskutierten Pläne mit dem übrigen Kabinett und der Bundeskanzlerin ab. Merkel zeigte sich zunächst zögerlich.
Am 23. August stellte zu Guttenberg der Regierungskoalition fünf verschiedene Modelle zur künftigen Struktur der Streitkräfte vor. In allen Modellen wurde von 150.000 bis 180.000 Zeit- und Berufssoldaten ausgegangen. In einigen Modellen wurde die Aussetzung der Wehrpflicht geplant, während andere von 25.000 Grundwehrdienstleistenden und 25.000 freiwilligen zusätzlichen Wehrdienstleisten ausgingen. Auch Varianten mit 30.000 Grundwehrdienstleistenden oder generell freiwillig Wehrdienenden waren darunter.
Einen auf sein Betreiben gestellter Antrag des CSU-Vorstandes auf Aussetzung der Wehrpflicht nahmen auf dem CSU-Parteitag am 29. Oktober 2010 die Delegierten mit großer Mehrheit an. Auch der CDU-Parteitag stimmte dem am 15. November 2010 mit großer Mehrheit zu, nachdem zu Guttenberg in einer Rede für seine Bundeswehrreform geworben hatte. Im Grundgesetz blieb die Wehrpflicht verankert.
Von der FDP war die Aussetzung bzw. Abschaffung der Wehrpflicht seit vielen Jahren immer wieder verlangt worden. CDU und CSU schlossen sich mit ihrer Entscheidung also einer Forderung ihres Koalitionspartners an.


Die FDP – von der FAZ gehätschelt wie keine zweite Partei! Das ist ja nicht zu fassen. Aber in Mecks Augen hat Merkel ein grünes Projekt durchgesetzt, und so ist die Welt der FAZ wieder in Ordnung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2016 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34009

Norderstedt hat ein "Thor-Steinar"-Geschäft gleich wieder geschlossen, aus "bau- und nutzungsrechtlichen" Gründen. Das ist aber nur ein Vorwand, wie die Stadt bemerkenswert ehrlich zugibt:

Ein Sprecher der Stadt sagte dem "Abendblatt", Norderstedt "als weltoffene Kommune" werde "mit allen rechtstaatlichen und juristischen Mitteln dagegen angehen, dass im Stadtgebiet ein Treffpunkt für Menschen mit rechtsradikalen Ansichten entsteht". Die Stadt werde sicherstellen, dass das Geschäft geschlossen bleibe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2016 um 08.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34025

Matthias Müller von Blumencron gibt in der FAZ (6.12.16, http://www.faz.net/aktuell/politik/wahl-in-amerika/donald-trump-siegt-bei-us-wahl-2016-durch-social-media-14559570.html) eine Art von Verschwörungstheorie wieder, wonach Trump „mit einer Kampagne digitaler Manipulation“ die Wahl gewonnen haben soll.
Solche Enthüllungen laufen immer darauf hinaus, daß die Wähler nicht das gewählt haben, was sie eigentlich wollen, sondern etwas unterschwellig Eingeredetes. Es wird gezeigt, wie wunderbar alles eingefädelt war, aber nicht, daß es auch in dem gewünschten Sinn gewirkt hat. Kann man wirklich das Abstimmungsverhalten von Hunderttausenden durch „Zuspielen“ bestimmter Nachrichten steuern?
Viele FAZ-Leser sind ebenfalls skeptisch. Manche erinnern daran, daß dieselbe Zeitung vor einigen Wochen dargelegt habe, wie schlecht Trump im Vergleich zu Clinton die Medien nutze.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 06.12.2016 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34026

Auch in Deutschland zerbröselt die Macht der alten Medien, bloß langsamer. Es ist ein bißchen wie mit dem Weltuntergang, der in Mecklenburg etliche Jahre später stattfinden wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2016 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34124

Werden die Wahlen künftig in den sozialen Netzwerken entschieden? Der Münchener Politikwissenschaftler Simon Hegelich geht zumindest davon aus, dass gezielte Wählerbeeinflussung über diese Kanäle demokratische Prozesse auch in Deutschland schon bald gravierend verändern wird. (...)
"Das geänderte Informationsverhalten der Nutzer in sozialen Netzwerken ist ein ideales Einfallstor für gezielte Desinformation", sagt Maaßen. Für dubiose Nachrichtenportale, bezahlte Propagandatrolle oder radikale "Wutbürger" ist es leicht, gefälschte Studien oder erfundene Zitate zu verbreiten, wo sie in sozialen Netzwerken einen "Nährboden" finden und ihre Wirkung unter Gleichgesinnten "wie in einer Echokammer" verstärken, erklärt der Hamburger Medienforscher Jan-Hinrik Schmidt.
Dem Experten des Hans-Bredow-Instituts zufolge weicht heute ein "substanzieller Teil der Bevölkerung" aufgrund eines Vertrauensverlusts in etablierte Institutionen auf Informationskanäle aus, in denen es um "Empörungsdiskurse" statt faktenbasierte Diskussionen geht.


Ja, früher war das besser. Da kamen Politiker durch faktenbasierte Diskussionen an die Macht. Es gab dann auch ein Reichsministerium für faktenbasierte Information.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.12.2016 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34132

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#32133

Jetzt "fordert" Minister Gabriel etwas beim Kindergeld. Er hat doch Kollegen und besonders Kolleginnen im Kabinett, die dafür zuständig sind und an die er seine Forderung richten sollte. Alles andere ist zum Fenster hinaus gesprochen und bloß Wahlkampf.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 19.12.2016 um 18.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34142

Natürlich ist das reiner Wahlkampf und wahrscheinlich die Retourkutsche für den CDU-Parteibeschluß zur doppelten Staatsangehörigkeit. Dieser ist natürlich auch reiner Wahlkampf, da die CDU natürlich weiß, das dieser Beschluß weder unter Angela Merkel noch in irgendeiner heute denkbaren Koalition zu verwirklichen ist. Der Beschluß zielt klar gegen rot-rot-grün. Vielleicht fühlte sich Gabriel dadurch herausgefordert. Seine „Forderung“ ist ja ausdrücklich an seinen Ministerkollegen Schäuble gerichtet. Dabei wird Gabriel wohl wissen, daß er sie besser an die EU richten sollte.

Allerdings geht Gabriel im Gegensatz zur CDU ein gewisses Risiko ein. Sollte es wieder zu einer großen Koalition kommen, könnte er ja beim Wort genommen werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2017 um 05.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34283

CDU-General Tauber brüskiert FDP-Chef Lindner mit einem AfD-Vergleich. (Welt 9.1.17)

Wen könnte man mit wem vergleichen und dadurch "brüskieren"? Merkel mit einem SPD-Vergleich? Lindner mit einem PDS-Vergleich? Warum gelten manche als Schmuddelkinder und andere nicht? Das Gedankenexperiment bringt Ordnung ins aktuelle rhetorische Feld.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2017 um 11.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34329

Vor 48 Jahren war US-Außenminister Kerry Soldat im Vietnamkrieg. Damals geriet sein Boot in den Hinterhalt einer Vietcong-Einheit. (welt.de 15.1.17)

So kennt man die Gooks. Aber jetzt hat er einen vietnamesischen Veteranen getroffen und Versöhnung gefeiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2017 um 07.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34455

Die Altphilologin Gyburg Uhlmann unterscheidet die gute philosophische Rhetorik des Aristoteles, Cicero, Quintilian von der schlechten sophistischen des Kallikles und stellt Trump auf dessen Seite (FAZ 6.2.17). Das bekannte Problem der moralischen Überdetermination wird nicht erörtert. Immerhin relativiert die Verfasserin die gorgianischen Figuren, von denen sie einige erwähnt (Asyndese, Variatio, Repetitio, Trikolon...). Ob sie überhaupt eine Wirkung haben, ist nie bewiesen worden.

Trump kann eine Zeitlang sagen, was er will, gestammelt oder geschliffen, ein Teil des Publikums feiert ihn nun mal im Sinne einer Meinung, die ein deutscher Blogger so ausdrückte: „Endlich mal ein Präsident mit Eiern in den Hosen.“ Da mühen sich die Rhetorik-Lehrer wie Pfeifen-Auguste umsonst ab. Ähnlich unser Schulz-Rausch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2017 um 07.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34476

Den Begeisterungstaumel der SPD, der auch viele Medien mitreißt und sich damit selbst verstärkt, wird man wohl nie ganz erklären können, weil die Geschichte nun mal keine experimentelle Wissenschaft ist. Es gibt ja viele schlaue Erklärungen zu Trumps Erfolg, aber so richtig beweisen läßt sich nichts, und die Plausibilität ist ja bekanntlich der Feind der Wahrheit.

Ist die SPD wegen Schulz begeistert? Das hätte sie erstens schon früher haben können, und zweitens kann es nicht an bisherigen Heldentaten des vermeintlichen Wundermannes liegen. Oder ist sie einfach unglaublich erleichtert, Gabriel los zu sein?

Leider (oder gottseidank) ist jede rhetorische Situation einmalig und bisher auch nicht planbar, auch nicht mit noch so viel Geld.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.02.2017 um 12.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34478

Forsa zufolge ist Schulz praktisch schon Bundeskanzler. Frau Präsidentin Clinton freut sich auf seinen Antrittsbesuch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2017 um 08.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34483

Im "Focus" wird der "Experte" Stefan Verra (zwischendurch Martin Verra) zitiert. Er rechnet Martin Schulz drei schwere Fehler in Gestik und Mimik vor, die ihn sogar die Kanzlerschaft kosten könnten.

Da Schulz vermutlich nicht Kanzler wird, dürfte der Experte recht behalten.

Merkel ist wegen ihrer glänzenden Rhetorik und mitreißenden Körpersprache schon dreimal Kanzlerin geworden. Da sieht man, wie wichtig das ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2017 um 18.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34514

Der Deutschlandfunk sieht in Steinmeiers "Wahl" eine "Zeitenwende"...

Geboren in Brakelsiek ist auch eine schöne Überschrift. Der Ortsname klingt ja wie erfunden und wird noch oft verwendet werden. Der Brakelsieker – ist das nicht komisch?
Die "kleinen Verhältnisse" sind mitverstanden, denn was kann es in Brakelsiek schon für große Verhältnisse gegeben haben?

Nachtrag: "Würselen. Das klingt wie ein deutsches Wort, das sich jemand ausgedacht hat, der kein Deutsch spricht." (Stern)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2017 um 08.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34620

Millionen Amerikaner halten "Affordable Care Act" für eine gute Sache, lehnen aber "Obamacare" ab. (Es ist dasselbe. Bernie Sanders hat es in Erinnerung gerufen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2017 um 10.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34660

„In jeder Periode Nietzsches hallt das tausendjährige Erbe der Rhetorenstimmen aus dem römischen Senat.“ Adornos oft zitierte Bemerkung ist schlagend, aber nicht treffend. (Heinz Schlaffer: Das entfesselte Wort. München 2007:78)

Schlaffer zeigt dann, wie unklassisch Nietzsches Satzbau ist.

Schlaffers Satz ist aber zugleich ein schönes Beispiel für einen "unterscheidenden Kontext": schlagend vs. treffend.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2017 um 09.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34725

Wie ich gerade im Radio höre, wird mit Spannung erwartet, ob Martin Schulz heute etwas Inhaltliches sagen werde.

Erstaunlich nach all dem Jubel. Die Rhetorikforscher scheinen hier etwas versäumt zu haben.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.03.2017 um 10.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34726

Vielleicht fällt ihm ja etwas zum Schicksal seiner niederländischen Parteifreunde ein?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2017 um 06.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34753

Die von Lammert angeregte Änderung der Bundestags-Geschäftsordnung soll nicht den Eindruck erwecken, sie sei gegen die AfD gerichtet. Das ist sie aber doch. Nur den Eindruck soll sie nicht erwecken.

Von dieser dummen Geschichte dürfte die AfD profitieren, nicht ganz unverdient diesmal. Die schlimmsten Heuchler jammern schon über das schlechte "Timing".

Nachtrag: „Mit seinem Geschäftsordnungstrick, einen AfD-Alterspräsidenten zu verhindern, begibt sich der Bundestag auf das Niveau der Politiker, die er bekämpfen will.“ (Jasper von Altenbockum FAZ 28.03.17 )
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2017 um 06.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34785

Die große Koalition nutzt die Gunst der Stunde, die Geschäftsordnung des Bundestages zu ihren Gunsten zu verändern. Diese „Lex AfD“ (wie die FAZ mit Recht spottet), schließt nicht nur ad hoc einen nicht genehmen AfD-Alterspräsidenten aus, sondern macht es in Zukunft jeder noch nicht so alten Partei unmöglich, den „dienstältesten“ Abgeordneten zu stellen. Die Etablierten schützen ihre Pfründe. Die Kleingeistigkeit und Niedrigkeit dieses Tricks bestärkt mich in meinem Vorsatz, an keiner Bundestagswahl mehr teilzunehmen (als entschiedener Gegner der AfD). Ich hätte es, ehrlich gesagt, nicht für möglich gehalten, am wenigsten von Norbert Lammert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.04.2017 um 06.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34821

Nach dem Anschlag von St. Petersburg titelt das Handelsblatt:

Putin muss sich neu erfinden

Das abgegriffenstmögliche Klischee.



Nachtrag: US-Militärschlag gegen Syrien – Trump erfindet sich neu (Spiegel online 8.4.17)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2017 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34835

"Die Zeiten einer Kostenloskultur sind (...) wahrscheinlich schon vorbei", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes.

Damit begründen die Banken, daß man Gebühren zahlen muß, wenn man sein eigenes Geld abhebt. Das Stichwort ist gut gewählt, kommt man sich doch recht schäbig vor, wenn man etwas umsonst haben will. Bisher galt dieses Geld freilich als Kredit an die Bank. Zinsen gibt es nun nicht mehr, und auch an das Kapital selbst zu kommen wird gebührenpflichtig. Die alte Weisheit, daß Bankkunden dumm und frech sind, scheint wahr zu sein. Interessante Entwicklung, auch sprachlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2017 um 04.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34900

Täusche ich mich, oder ist es still geworden um Martin Schulz? Es gibt schon mehrere Biografien, weitere erscheinen in den nächsten Tagen (April 2017). Eine heißt „Der Kandidat“, wie seinerzeit bei Steinbrück und ebenso tödlich.
Anders als Trump kann Schulz keine großen Versprechungen machen; er kann auch eine Regierung nicht grundsätzlich kritisieren – schon gar nicht mit dem Gerechtigkeitsargument –, an der seine Partei maßgeblich beteiligt ist und deren Sozialpolitik sie bestimmt. So doof sind die Wähler auch wieder nicht (man sieht es an den Lesermails).
Unter diesen Umständen war schon bald zu vermuten, daß das Strohfeuer nicht lange genug anhalten würde. Es gibt ein selbstverstärkendes Hoch- und Runterreden, dabei kommt es sehr aufs Timing an. Trump wäre vielleicht ein paar Wochen später nicht mehr gewählt worden. Schulz kam sogar Monate zu früh. (Auf einer Glatze kann man keine Locke drehen, das sieht jeder irgendwann ein.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.05.2017 um 10.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34994

Ein Macher im Weißen Haus – so und ähnlich titelten die Medien zunächst. Das war wahrscheinlich ein Versuch, die angekündigten deals auf deutsch auszudrücken. Davon ist nun naturgemäß nicht mehr so viel die Rede.

Unser Martin Schulz hatte dagegen das Pech, daß die Luft rausging, schon bevor er ins Amt kam. Aber eigentlich kein Pech, sondern ein Fehler im Timing, voraussehbar und auch vorausgesehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.05.2017 um 21.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35119

Schulz kündigt "Zukunftsplan für Deutschland" an

Hinreißender Titel. Ich mache auch gern Pläne für die Zukunft.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 16.05.2017 um 21.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35120

Zukunftsglaube ist säkularisierter Messianismus – mit dem Unterschied, daß man sich sicher sein kann, daß die Zukunft auch wirklich kommt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.05.2017 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35163

Trump zu dem Anschlag von Manchester:

So viele junge Menschen sind von bösartigen Verlierern ermordet worden. Ich werde sie nicht „Monster“ nennen, denn das würden sie mögen, diesen Namen würden sie mögen. Ich werde sie von jetzt an „Verlierer“ nennen, denn das ist es, was sie sind.

Für einen Mann, der in "Deals" denkt und auch gerade mit Saudi-Arabien tolle Deals abgeschlossen hat, ist es in der Tat der größtmögliche Makel, ein "Loser" zu sein.

Anfang des Jahres konnte man schmunzeln, als Trump beklagte, daß in New York Mercedesse vor den Häusern (na ja, nicht vor allen) stehen, in Deutschland aber kein Chevrolet. Vielleicht weiß er inzwischen, daß das nicht an Handelshemmnissen oder Dumpingpreisen liegt. Er wußte wohl auch nicht, daß Ford und GM (Opel) in Deutschland 15% Marktanteil haben, deutsche Autos in den USA aber nur 7%. Andere Ausländer kommen in Deutschland gefühlt auf 50%.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.05.2017 um 16.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35179

Auch andere haben schon kommentiert, wie man aus Trumps Wortwahl loser auf sein Denken in Begriffen der Geschäftswelt schließen kann. Übrigens kann ich nicht finden, daß der Attentäter ein Verlierer ist. Immerhin ist er geradewegs ins Paradies gelangt, und seine Hintermänner scheinen auch nicht unzufrieden.

Aber nun wurde kritisiert, daß Trump mit seinem Eintrag ins Gästebuch von Yad Vashem die Gedenkstätte fantastisch gefunden habe. Nur wenige erinnern daran, daß er amazing geschrieben hat und daß das vielleicht nicht genau dasselbe wie fantastisch sei. Womit ich gar nicht bestreiten will, daß er sich etwas Gediegeneres hätte einfallen lassen können.

Wir Philologen sind amazed, daß so viele Leute sich mit dem Räsonieren über ihre eigenen (Fehl-)Übersetzungen zufrieden geben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.05.2017 um 07.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35184

Viele haben schon den neuen Slogan der SPD kommentiert, der auch auf dem Deckblatt und auf einem Transparent bei der Verkündung des (halben) Wahlkampfprogramms zu lesen war: Mehr Zeit für Gerechtigkeit. Manche haben sich redlich bemüht, einen tieferen Sinn zu finden. Inzwischen hat aber die Generalsekretärin erklärt, es sei im Eifer des Gefechts (Zeitmangel!) nur ein Fehler unterlaufen, und demnächst werde das mehr wieder an der richtigen Stelle stehen.

Man sieht daran, wie wenig sich selbst die Urheber bei ihren Schlagworten denken.

Daß Fahnenwörter auch in beliebigen und eigentlich sinnlosen Kombinationen noch eine gewisse Wirkung haben, beschreibt Skinner im 6. Kapitel von "Verbal Behavior" am Beispiel der Dichtung. Die sinnvolle syntaktische Verbindung "schöner Wörter" ist sozusagen ein Zugeständnis an den Leser, damit er weiterliest.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.05.2017 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35189

Sind die Deutschen laut Trump „böse, sehr böse“, oder sind die deutschen Handelsüberschüsse „schlecht, sehr schlecht“? Beides wird berichtet. Da die amerikanischen Medien sich auf den deutschen SPIEGEL berufen, ist nicht sicher, ob er wirklich „bad, very bad“ gesagt und worauf er es bezogen hat. Er kann versuchen, seine Landsleute am Kauf deutscher Autos zu hindern, aber ob sie es ihm danken werden?
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 26.05.2017 um 11.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35190

Wie die SPIEGEL-Redaktion inzwischen klargestellt hat, sagte Trump "bad, very bad", und er bezog sich dabei nicht auf die Handels- oder Zahlungsbilanzüberschüsse (er weiß ohnehin nicht, wovon er redet), sondern auf "the Germans".

Von der Welthandelsorganisation und deren Regeln scheinen weder Trump noch seine unerfahrenen Berater auch noch nie gehört zu haben.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.05.2017 um 17.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35194

Wer bad mit böse übersetzt, wird den Rest der Aussage wohl auch nicht verstanden haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.05.2017 um 17.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35201

Was da bei Schulz über Twitter, Facebook und Instagram ankommt, ist nicht nur schön, wie der 61 Jahre alte Würselner erzählt. „Tolle Ratschläge. Kauf’ Dir endlich mal Maßanzüge und nicht immer die von der Stange. Kauf’ Dir ’ne andere Brille. Der Bart... in Deutschland ist noch nie einer mit Bart Kanzler geworden“, witzelt Schulz über Schulz.
Dann ist Schluss mit lustig. Ihm werde der Charme eines Sparkassen-Angestellten angedichtet. „Neulich hab ich irgendwo gelesen, sieht aus wie ein Eisenbahn-Schaffner.“ Was sei das für eine oberflächliche Haltung, ereifert sich Schulz: „Die überwiegende Mehrheit der Menschen in diesem Lande (...) kauft die Anzüge von der Stange oder hat vielleicht auch nur ein Kassengestell bei der Brille. Aber genau das sind die Leute, die dieses Land am Laufen halten.“
(FAZ 27.5.17)

Das ist eine sehr riskante Rhetorik. Schulz kokettiert damit, daß er wenigstens aussieht wie jene "hart arbeitende" Bevölkerung, wenn er schon nicht selbst zu den Armutsgefährdeten gehört. Den "Eisenbahnschaffner" hat er schon mehrmals verwendet. Es wirkt nicht souverän. Frau Merkel kann sich zurücklehnen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.05.2017 um 08.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35209

Weiteres zum Konjunktiv II (Irrealis):

Steinbrück über die Niederlage seiner Partei im Saarland: „Das hätte ich der SPD vorher sagen können.“

Fahrradkette...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2017 um 13.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35234

Der Grünen-Politiker Volker Beck sagte der dpa: „In ein Land, wo sogar die deutsche Botschaft Anschlagsziel ist und ihre Mitarbeiter dabei verletzt werden, kann man keine Menschen zurückführen.“
(FAZ 1.6.17)

Ich verstehe die Logik nicht. Was bedeutet hier sogar?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.06.2017 um 15.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35236

Man kann aber immer freiweg die Sprengmeister aus diesem Land nach Deutschland einreisen lassen, auf daß zukünftige Anschlagsziele dann in Deutschland liegen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2017 um 16.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35237

Huffington Post 1.6.17:

Wir sind verdammt nochmal für diesen Krieg mitverantwortlich

Manche in Deutschland tun so, als ginge sie der Krieg in Afghanistan nichts an. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich verantwortungslos.
Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Sie wurde nicht von einer Kanzlerin oder von kriegslüsternen Generälen in den Kampf geschickt, sondern vom deutschen Bundestag. Jeder, der seit 1998 die Union, die FDP, die SPD oder die Grünen gewählt hat, war mit seiner Stimme mitverantwortlich für alles, was deutsche Truppen unter dem Isaf-Banner an guten und schlechten Dingen in Afghanistan geleistet haben.
Und das sind fast alle Deutschen, die seitdem wählen gegangen sind.
Tatsächlich haben deutsche Soldaten wichtige Hilfe geleistet: Sie haben Bildungsprojekte ermöglicht, Brücken gebaut und afghanische Sicherheitskräfte ausgebildet.
Aber genauso gut sind wir alle auch für das Schlechte mitverantwortlich, was nach dem womöglich voreiligen Abzug der Truppen entstanden ist. Wir können als Deutsche nicht die Amerikaner für den Aufstieg des IS verantwortlich machen, aber gleichzeitig unsere Verantwortung für das Chaos in Afghanistan klein reden.
Wir haben eine moralische Verpflichtung, den Kriegsopfern aus Afghanistan zu helfen. Das sollte sich vor allem einmal unser Innenminister klar machen.

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„Fast alle Deutschen“ sind also mitschuldig, nur die nicht, die die Linke oder keine der seit 1998 im Bundestag vertretenen Parteien gewählt haben.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.06.2017 um 18.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35238

Die Logik der Huffington Post ist auch nicht besser als die der Grünen.

Wenn ich gegen die Pest kämpfe und schaffe es nicht, sie auszurotten, dann bin ich anschließend für die nachfolgenden Toten mitverantwortlich?
Nur wer gar nichts dagegen getan hat, ist unschuldig?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.06.2017 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35242

Das Vorrecht des Kanzelredners, keinen Widerspruch der Zuhörer fürchten zu müssen, ist eine große Versuchung. Man genießt Narrenfreiheit.
Eine Gemeinde, die vorab durch gewisse Glaubensbekenntnisse geeint ist, wird der kritischen Diskussion nur beschränkt Raum lassen. Man fragt den Prediger nicht einmal, woher er das alles weiß, was er da in getragener Rede vorträgt. Die Ausdrucksweise ist so, daß man nicht recht weiß, wie man einen Einwand formulieren könnte.
Sokrates wollte das Monologisieren nicht hinnehmen. Er nötigte die Leute, „Rechenschaft zu geben“ (logon didonai). Das wurde schon damals als revolutionär erkannt. Die griechische Dialogkultur war die entscheidende Wende von der Weisheit zur Wissenschaft. Seither herrscht Begründungs- und Beweispflicht. Aber die archaische Denkweise ist natürlich immer noch allgegenwärtig, daher auch die verkündende statt begründende Redeweise.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2017 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35320

Der deutsche Autobauer Opel steht vor einem kompletten Neuanfang! (BILD 10.6.17)

Kann man von einem Unternehmen, das seit fast 90 Jahren GM gehört, immer noch sagen, es sei deutsch? Wie wir an Trump sehen, ist das nicht gleichgültig.

Für die Deutschheit spricht, daß Opel im Dritten Reich entjudet wurde.

Nun "krallen" sich die Franzosen unser schönes deutsches Opel (BILD, wie bereits zitiert).
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 12.06.2017 um 11.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35334

... und ein kompletter Neuanfang ist natürlich viel einschneidender als nur ein Neuanfang, genauso wie etwas komplett Neues neuer ist als ein nur Neues und ein komplett leeres Glas leerer als ein nur leeres und ein komplett volles noch voller als ein volles.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.06.2017 um 05.20 Uhr  
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In der Zeit der Therapie danach hat Schulz begonnen, jeden Abend seine Erlebnisse und Gedanken des Tages aufzuschreiben. Der SPD-Kanzlerkandidat hat dieses Ritual bis heute beibehalten - und auch schon eine Idee, was er am Abend des 24. September, dem Tag der Bundestagswahl, in sein Tagebuch schreiben will: "Es ist vollbracht!" (http://www.tagesschau.de/inland/schulz-brigitte-talk-101.html)

Bibelfest scheint er nicht zu sein. Oder etwa doch? Dann wäre ihm die Rolle des Opferlamms schon jetzt klar. Oder wollte er eigentlich sagen Geschafft! und wäre ihm dies zu nahe an Merkel gewesen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2017 um 10.44 Uhr  
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Man versucht ja immer zu verstehen, wie Schlagworte wirken, auch die eigenen Gefühle dabei zu artikulieren. Wenn man "Gerechtigkeit" in den Mittelpunkt stellt, geht es hauptsächlich um das Verteilen und Zuteilen von Gütern, nicht um deren Erwirtschaftung. (Vgl. diese Stichworte unter Wikipedia "Gerechtigkeit"!) Zwar wird versucht, über "Chancengleichheit" auch etwas Zukunft in die Sache zu schleusen, aber der Gedanke an Bescheidung mit dem Vorhandenen, an ein Nullsummenspiel überwiegt. So fühle ich es jedenfalls. Dabei reagiere ich auf Ungerechtigkeit sehr empfindlich. Zum Beispiel daß kleine Vermögensdelikte viel schwerer bestraft werden als Gewaltverbrechen, das macht mich ganz krank. Aber "Gerechtigkeit" als Regierungsprogramm? Wer mich damit nicht hinterm Ofen hervorlocken kann, wird es auch mit anderen Hunden nicht schaffen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2017 um 21.05 Uhr   Mail an
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Vielleicht bin ich voreingenommen, aber ich finde auch den Buchtitel Was mir wichtig ist nicht besonders geschickt. Zu persönlich, in Anbetracht der nicht sehr bedeutenden Person. Eine politische Analyse, darauf beruhend ein Programm – das wäre ein Text, dessentwegen man sich auch nach der zu erwartenden Niederlage nicht zu genieren brauchte, an den sogar andere mit mehr Glück anknüpfen könnten.

Und wer wird ein Buch kaufen, in dem laut Titel genau das steht, was der Verfasser ohnehin jeden Tag mitteilt?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.06.2017 um 22.27 Uhr  
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Es ist Ergebnis sozialdemokratischer Klientelpolitik, daß kleine Vermögensdelikte u. U. schwerer bestraft werden als Gewaltverbrechen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.06.2017 um 11.35 Uhr  
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Ich weiß nicht recht. Ich selbst habe schon früh angefangen, Gerichtsurteile zu vergleichen, leider ohne systematisch Buch zu führen (was könnte man nicht alles dokumentieren!) Der Fall Wiesheu war lange mein Maßstab, auch weil Verkehrsdelikte bekanntermaßen sehr milde gesehen werden; dazu passen einige neue Fälle. Innerstädtische Autorennen mit Todesfolge werden fast gar nicht bestraft.

Kürzlich mußte ein Betrüger für mehrere Jahre hinter Gitter, weil er Sanierungsaufträge abgerechnet, aber nicht ausgeführt hatte. Der Gesamtschaden betrug etwas über 400.000 Euro.

Gewaltverbrecher hatten eine schwere Kindheit, Betrüger eher nicht.

Interessant auch der Unterschied zwischen Riesenbetrügern (Steuern!) und Pornographiebesitzern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.06.2017 um 11.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35423

Nur als Zeitgenosse hat man ein "Gefühl" für die rhetorische Gesamtsituation, Ergebnis Tausender von "Informationen", die nicht nur empfangen, sondern auch gewichtet werden. Historiker werden sich vergeblich bemühen, es aus den Quellen zu rekonstruieren: Warum kam X an die Macht, warum der rasche Aufstieg und Niedergang des Y?
Nicht einmal die Lektüre amerikanischer Zeitungen usw. kann das Leben im Lande selbst ersetzen. Also unter Vorbehalt: Mir scheint, daß die Trump-Gegner vergeblich darauf hoffen, irgendwelche Rußland-Affären in grauer Vorzeit könnten den Mann zu Fall bringen. Das interessiert viel zu wenig. Ähnlich versickern ja bei uns Vorwürfe in sog. Untersuchungsausschüssen, mit oder ohne Abschlußbericht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2017 um 05.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35434

Manchmal werden Politiker gestürzt, weil die Leute sich an ihnen übersatt gesehen haben. Das ist natürlich ungerecht. Schon die Athener haben manchmal per Ostrakismos jemanden weggeschickt, nur weil sie sein Gesicht nicht mehr sehen wollten.
Merkel könnte es auch passieren; zur Zeit sprechen aber noch viel mehr Gründe dafür, es nicht dazu kommen zu lassen. Martin Schulz hat es schwerer. Meinem Eindruck nach haben sich viele schon nach wenigen Wochen Kandidatur sattgesehen, was natürlich alle weiteren Pläne über den Haufen wirft. Dazu trägt – "seien wir ehrlich" (Bolz) – auch ein gewisses physiognomisches Handicap bei. (Das war jetzt paradoxerweise unter der Gürtellinie, aber es mußte mal angesprochen werden; Rhetorik schließt auch das ein.)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.06.2017 um 16.49 Uhr  
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Apropos Handicap bei Martin Schulz. Ich weiß nicht, ob ich da überempfindlich bin, aber ich halte die Aussprache von Martin Schulz für weit nachteiliger als sein Aussehen. Genauer: die Intonation.

Man findet bei Google sehr viele Ergebnisse zu "Martin Schulz Singsang". Speziell bei Martin Schulz: Bei einem großen Teil seiner Aussagesätze klingt die Intonation ziemlich weich und gleichförmig, und besonders fatal: Sie klingt am Ende der Sätze halb nach Aussage, halb nach Frage. Ist das noch der allgemein übliche "rheinische Singsang"? Diese Intonation von Aussagesätzen vermittelt mir regelmäßig das Gefühl, der Mann sei unsicher bei dem, was er sage, denn er versehe die meisten seiner Aussagen selbst mit einem Fragezeichen. Als lasse er absichtlich die Aussage im Ungefähren, zum Beispiel weil er nur etwas zur Diskusion stellen wolle oder weil er abwarten wolle, ob die Hörer zustimmen werden. Unmöglich bei einem Politiker! Ich möchte Martin Schulz einfach nicht reden hören.

Vielleicht finden andere Menschen diese Intonation nicht so abstoßend wie ich; aber ich könnte mir vorstellen, daß auch bei vielen von ihnen ein Gefühl aufkommt, daß der Mann "nicht weiß, was er will". So jemanden wählt man nicht, man wählt ihn jedenfalls nicht zum Bundeskanzler. Die Menschen wollen jemanden an der Spitze der Politik, der einen Eindruck von Sicherheit und Autorität vermittelt. Es würde mich interessieren, ob Sie das auch so wahrnehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.06.2017 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35457

Ich muß gestehen, daß ich ihn noch nie gehört habe, oder vielleicht nur sekundenlang im Hörfunk. Das muß ich nachholen, denn Ihre Analyse kommt mir interessant vor; ich kenne ähnliche Fälle.
Die alten Römer haben viel mehr auf so etwas geachtet, wir unrhetorischen Menschen kommen uns fast ein bißchen gemein vor, wenn wir Persönlichkeitsmerkmale ins Auge fassen.
Unklug kommt es mir grundsätzlich vor, wenn jemand glaubt, durch (wiederholtes) Berichten eigener Sünden und Schwächen als "einer wie wir" oder "einer von uns" dazustehen. Das ist ja nicht das, was die Leute wählen wollen – warum sollten sie?

Solange jemand aufzusteigen scheint, gereicht ihm alles zum weiteren Anschub; da kann er sich leisten, was er will. Denken die Leute, es gehe bergab mit ihm, kann er noch so strampeln, es verstärkt nur den Schaden.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.06.2017 um 22.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35460

"Klingt halb wie eine Frage" war möglicherweise übertrieben, vielleicht auch einiges an der Interpretation. Als treffendere Darstellung ist mir eingefallen: Wenn man die Aussprache von Martin Schulz in dieser Hinsicht verschriftlichen sollte, stünde am Ende vieler Aussagesätze kein Punkt, sondern ein Gedankenstrich. Ich habe mir zum Vergleich eine Rede von Adenauer und ein Interview mit ihm angehört. Bei Adenauer wurde ja auch "rheinischer Singsang" angemerkt, aber er hört sich anders an. Bei ihm haben die Sätze einen ordentlichen Abschluß. Bei Martin Schulz bleiben sie oft in der Schwebe.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.06.2017 um 22.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35461

Siehe auch "Demosthenes" (alter Grieche).
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 23.06.2017 um 22.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35462

Schauspieler sagen: "Auf den Punkt sprechen!"
Das ist es wohl, was Sie, Herr Wrase, meinen, und was Martin Schulz oft nicht beherrscht.
Ich empfinde das übrigens auch so.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.06.2017 um 23.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35463

Ich muß zugeben, ich hatte meine Analyse aus einem Gesamteindruck und aus der Erinnerung abgeleitet. Das war nicht gut, ich hätte stattdessen konkrete Beispiele noch einmal genau anhören müssen. Das habe ich jetzt getan, unter anderem: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-270573.html

Es gelingt mir nicht, genau zu ermitteln, was mich an der Redeweise stört. Insgesamt ergibt sich der Eindruck eines unpräzisen, unverbindlichen Singsangs. Es fehlt an Prägnanz. Einzelne Laute und Silben, auf die es nicht ankommt, werden von Schulz mit artikulatorischer Hingabe ausgekostet, während wichtigere Teile der Sätze verhuscht bleiben, unter anderem die genannten Satzenden. Bei 3:29 und 3:32 im oben verlinkten Video vernachlässigt Schulz den Abschluß des Satzes sogar derart, daß er jeweils die letzte Silbe stimmlos spricht (kann bzw. ...land).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.06.2017 um 06.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35466

Trump sagt sinngemäß, er wolle keine armen Leute in seinem Kabinett, weil man bei Milliardären sicher sein könne, daß sie nicht um des Geldes willen in die Politik gingen.

Mit ähnlichen Argumenten hat man schon immer eine hohe Entlohnung von Politikern gerechtfertigt, damit sie nicht in Versuchung geführt würden.

Das ist aber weltfremd und oft bloß eine Irreführung.

Erstens kann man nie genug Geld haben.

Zweitens muß man dafür sorgen, daß nichts anbrennt. Das kann die Kaste der Reichen am besten, wenn sie selbst die Gesetze macht.

In Athen mit seiner exzessiven Selbstregierung brachten die ständigen ganztägigen Volksversammlungen und Pflichtämter vielen Bürgern tatsächlich Nachteile. Zum Ausgleich erfand man Tagegelder ("Diäten"). Der gute Herrscher muß zum Herrschen gezwungen werden, das war die Meinung. Anschließend zurück auf den Acker. Unsere Politiker stellen ihr Tun zwar auch gern als Opfergang dar ("Verantwortung übernehmen", wie die komische Formel heißt), aber das sind nur Redensarten, die niemand ernst nimmt.

Unsere Bundeskanzler sind, wie mir gerade auffällt, über den Verdacht der Bereicherung im Amt ziemlich erhaben gewesen (falls ich nichts übersehen habe). Sie werden anständig bezahlt, aber nicht üppig; ein besserer Fußballer würde dafür kaum ein Bein rühren. Geradezu altrömisch tugendhaft, dafür ein bißchen glanzlos und hausbacken, aber okay.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2017 um 06.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35476

Arroganz der Macht ist der neueste Slogan aus der Schlagwortfabrik, beinahe tautologisch und daher nicht besonders zielgenau. Eigentlich geht es wohl darum, daß Merkel nicht gegen Schulz gekämpft, sondern die vermeintliche Herausforderung einfach ignoriert hat. Überhaupt nicht beachtet zu werden muß für jemanden, der sowieso außerhalb des Betriebs steht, sehr aufreizend sein.
Dabei meinen Wirtschaftfachleute, das SPD-Programm sei gar nicht schlecht. Wenn es nur nicht unter dem defensiven Titel "Gerechtigkeit" verkauft würde...

Gestern wurde bekannt, daß auch die FDP die "Ehe für alle" zur Koalitionsbedingung macht, genau wie die Grünen – wer hätte gedacht, daß die beiden so schnell miteinander ins Bett gehen? (In Jamaika oder auch anderswo.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2017 um 18.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35479

Früher mußte der Redner Arenen, Hallen mit seiner Stimme füllen. Manchem war das körperlich versagt, er konnte allenfalls noch Reden schreiben, sie aber nicht selbst vortragen (Isokrates ist der berühmteste Fall).

Heute wäre das eigentlich nicht mehr nötig. Man könnte sich vors Mikrofon stellen und sachlich wie ein Rundfunksprecher vortragen, was man zu sagen hat.

Der Gedanke kam mir, als ich heute ein paar Sekunden vom SPD-Parteitag in Dortmund hörte. Eine Frau schrie gerade, ihre Stimme überschlug sich, ich glaube, es war Frau Schwesig.

Ich habe ältere Damen gekannt, die einfach nicht glauben wollten, daß das Telefon keine besondere Lautstärke verlangt; die Entfernung München – Berlin ist für die Technik nicht schwerer als ein Ortsgespräch. Die Westfalenhalle kenne ich zufällig auch.

Aber natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Es gibt Texte, die kann man gar nicht mit ruhiger Sprechstimme vortragen, ohne schamrot zu werden; man muß schreien. Umgekehrt kann man die meisten Gedichte nicht schreien, nicht einmal der bewundernswerte Klaus Kinski hatte viel Glück damit.

Die Sprechstimme ist ein Wunder, größte "Errungenschaft" der Menschheit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.06.2017 um 15.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35499

„Angela Merkel räumt die Unionsposition zur Ehe für alle. Die Kanzlerin spricht plötzlich von einer Gewissensentscheidung - dabei ist ihre Wende kurz vor der Wahl ein rein taktisches Manöver.“ (Spiegel)

Das stimmt, aber die Eile der SPD ist auch ein taktisches Manöver: es muß noch in dieser Woche sein, weil sonst die Gefahr besteht, daß die Union ebenfalls dafür ist – und was dann?
Außerdem ist es ja nicht Merkels „Gewissensentscheidung“, sondern sie hat nur angeregt, in dieser Frage keinen Fraktionszwang gelten, sondern die Abgeordneten nach ihrem Gewissen stimmen zu lassen. Durch Weglassen des Bezugs wird der Satz zur halben Lüge.

(Gestern hat der SPIEGEL Schulz einen Pluspunkt gutgeschrieben, weil er die Kanzlerin mit dem Vorwurf "Anschlag auf die Demokratie" getroffen habe. Wenige Stunden später wußte jeder, daß dies ein schwerer Mißgriff gewesen war.)

Der SPIEGEL ist auch nicht mehr, was er mal war, zu viel Meinung, zu wenig Recherche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2017 um 07.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35502

SPD will Nein-Sager der Union mit namentlicher Abstimmung bloßstellen
SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann fordert bei der Entscheidung über die Öffnung der Ehe für Homosexuelle eine namentliche Abstimmung im Bundestag.
"Ich will das gerne namentlich abstimmen lassen, damit die Wählerinnen und Wähler auch wissen, wer hinter der Ehe für alle steht", sagte Oppermann am Dienstagabend dem ZDF-"heute-journal". "Für die Union ist das ein Riesenproblem." Er rechne mit vielen Gegenstimmen aus der CDU/CSU-Fraktion.
(Focus 28.6.17)

So leicht kann man sich verplaudern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2017 um 12.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35503

Die Sache selbst interessiert mich nicht im geringsten, um so mehr die rhetorische Situation. Sie hat den Reiz einer Schachpartie. Ich versuche eine Analyse.

Oppermann verrät unbedachterweise, daß es der SPD gar nicht um die Ehe für alle geht, sondern darum, der Union im Wahlkampf ein "Riesenproblem" einzubrocken. Bisher war ja die Schwulen-Ehe kein zentrales Anliegen der SPD, und die Koalition hatte sich für diese Legislaturperiode arrangiert. Nur die Panik der letzten Zeit konnte die SPD dazu bringen, ein Lieblingsthema der Grünen aufzugreifen, weil sie da eine Möglichkeit sah, der Union ein Stöckchen hinzuhalten, über das die zu entlarvenden Ewiggestrigen nicht springen würden. Solche Zögerer wird es auch in der SPD geben, aber sie dürften springen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt als Geschlossenheit („100 Prozent“), erst recht unter den strengen Augen des Fraktionsvorsitzenden; die namentliche Abstimmung läßt ihnen kein Schlupfloch. Bei der Union dürften Gegner der Homo-Ehe nicht als gar so schlimme Reaktionäre dastehen – man kennt sie ja ohnehin –, sondern vielleicht sogar als diejenigen, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Hat Oppermann das bedacht?

Die SPD will nach der Haltungsänderung Merkels bei der Ehe für alle Fakten schaffen und die Uneinigkeit in der Union öffentlich werden lassen. (tagesschau.de 28.6.17)

Aber warum sollte das nötig sein – wo doch Merkels Vorschlag schon von der Voraussetzung ausgeht, daß es in ihrer Fraktion (wie in allen anderen) hier verschiedene persönliche, sicher auch religiös begründete Meinungen gibt und gerade deshalb kein Fall der Fraktionsdisziplin gegeben ist.
Von Merkel ist bisher auch nur ihre persönliche Meinung zum Ehebegriff bekannt und kein besonderes Engagement in der konservativ-christlichen Richtung. (War nicht gerade ihre Lauheit ein Kritikpunkt des konservativen Flügels?) Daher kann ich keine Haltungsänderung erkennen.

Papst Benedikt hatte dem Bundestag ins Gesicht gesagt, daß er ihn wegen des liberalen Sexualstrafrechts für eine Räuberbande halte (unter dem Beifall der Grünen!). Ob auch Franziskus mal im Bundestag sprechen darf?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 28.06.2017 um 14.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35504

Mich irritiert an dem Vorgang, daß Verschiedenes in ein Ziel gepackt wird, wobei unklar bleibt, worum es eigentlich geht. Gleichgeschlechtliche feste Paare sind derzeit noch nicht als völlig gleichberechtigt anerkannt: einerseits rechtlich, andererseits in der Psychologie der Bevölkerung. Per Gesetz ändern kann man sowieso nur die juristische Situation. Aber worum geht es da? Ist nicht die Hauptsache bei der jetzigen Auseinandersetzung die Frage der juristischen Gleichstellung, also die formale Anerkennung durch den Gesetzgeber? Das ist doch nicht gleichbedeutend damit, daß man gleichgeschlechtliche Verbindungen ebenfalls als "Ehe" bezeichnet. Aus meiner Sicht ist dies ein zweiter, weitergehender Wunsch vieler gleichgeschlechtlicher Paare.

Eine natürliche Entwicklung wäre: zuerst genau die gleichen Rechte zuerkennen, aber noch mit einer differenzierten Bezeichnung: Ehe bzw. Lebenspartnerschaft. Dann abwarten, ob die allgemeine Auffassung dahin geht: "Dann kann man auch Mann und Mann oder Frau und Frau als ein Ehepaar bezeichnen. Wenn die sich das wünschen, soll es so sein." Sobald sich das abzeichnet, kann der Gesetzgeber in Übereinstimmung mit der Haltung in der Bevölkerung diesen zweiten Schritt ebenfalls gehen.

Wenn es momentan heißt: "Die Mehrheit in der Bevölkerung befürwortet die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare", weiß man nicht, zu welchem Anteil dies der Wunsch nach einer juristischen Gleichstellung ist und zu welchem Anteil die Forderung, dem alten Ehe-Begriff eine neue Bedeutung zuzuordnen. Oder inwieweit diese vermischten Ziele auf einem allgemeinen, eher diffusen Wunsch nach Toleranz und Rücksichtnahme auf Minderheiten beruhen.

Wenn man hingegen erst die juristische Gleichstellung beschlösse und anschließend fragte: "Sind Sie für die offizielle Anwendung der Bezeichnung Ehe auch auf gleichgeschlechtliche Paare?", dann bekäme man ein aussagekräftiges Ergebnis speziell zu dieser Fragestellung. Man könnte auch jeweils fragen, für wie wichtig die einzelnen Ziele gehalten werden. Ich mutmaße, daß der völligen juristischen Gleichstellung eine größere Bedeutung zugemessen wird als der Frage, ob in diesem Zusammenhang ein altes Wort mit einer neuen Bedeutung ausgestattet wird. Viele werden denken: "Auf die Bezeichnung kommt es nicht an – Hauptsache, man achtet auf die Gleichberechtigung und schafft Diskriminierung ab."
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.06.2017 um 17.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35506

Ich sehe das genau wie Herr Wrase. Man sollte gesetzlich für gleichgeschlechtliche Paare die Möglichkeit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft schaffen und festlegen, daß diese der Ehe in allen rechtlichen Belangen gleichgestellt ist. Ob das irgendwann von der Mehrheit auch mit dem Wort Ehe bezeichnet wird oder nicht, wird sich von selbst ergeben. Ich sehe jedenfalls trotz gleicher Rechte einen wesentlichen Unterschied, der in der formalen Möglichkeit der Zeugung biologisch gemeinsamer Kinder besteht. Meiner Ansicht nach sollte man dies sprachlich unterscheiden können und die traditionellen Bezeichnungen beibehalten. Zum Beispiel finde ich, daß die Wörter Braut und Bräutigam auch nur für eine traditionelle Eheschließung anwendbar sind.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 28.06.2017 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35507

Bekommt ein Wort eine neue Bedeutung, wenn sie sich lediglich erweitert? Und liegt hier wirklich eine Erweiterung vor? Ein Emir kann die Ehe mit vielen Frauen schließen, Konzerne können Ehen eingehen, die Schwulen-Ehe ist längst geläufig, und an die Zeugung von Kindern erinnern allenfalls noch „Ehegatten“. Man könnte die Wahl der Bezeichnung im Augenblick getrost der allgemeinen Auffassung überlassen, allerdings ist das gesunde Volksempfinden nicht immer gesund.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2017 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35508

Wenn es also nun doch um die Sache selbst gehen soll: Es kommt wohl nicht darauf an, welcher der vielen Meinungen wir uns anschließen, sondern ob durch staatliches Handeln der Begriff der Ehe so definiert werden kann, daß er auch Lebenspartnerschaften Gleichgeschlechtiger umfaßt. Das ist meiner Ansicht nach ohne weiteres zu erwarten. Begünstigt wird es durch den Umstand, daß Ehe ohnehin ein Rechtswort ist, das im Alltag eine geringe Rolle spielt.
Der Sache nach geht es nur um eine geringfügige Erweiterung der bereits eingeführten eingetragenen Gemeinschaft. Für die meisten Menschen ist auch bei kirchlicher Trauung die "sakramentale" Bedeutung der Ehe nicht mehr gegeben. Im Grunde eine Rückkehr zum alten zivilrechtlichen Verhältnis mit "Kauf" oder "Tausch" der Frauen und vermögensrechtlichen Verträgen. Sehr viele leben vorübergehend oder dauernd unverheiratet zusammen, was der romantischen Idee der Liebe vielleicht näher kommt als die vertragliche Bindung. Man bedenke auch den ungeheuren und selbstverständlich begrüßenswerten Wandel der Anschauungen über Homosexualität - so etwas hat es ja über Jahrtausende nicht gegeben. In dieser bunten Welt mit entsprechender Verunsicherung scheint es mir ganz leicht, die Wörter mit neuem Inhalt zu füllen.

Der nächste Schritt wird wohl sein (das meine ich ernst), auch die Ehe mit Tieren zu verlangen. Wir haben hier schon mit Tierrechtlern diskutiert, denen das vielleicht entgegenkommt. Womöglich werden uns die USA vorangehen. Sind dort Haustiere nicht schon erbberechtigt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2017 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35511

Das Bundesinnenministerium hält eine Grundgesetzänderung für nötig, damit der Begriff der Ehe nach GG Art. 6 neu definiert werden kann. Entscheidendes Argument ist, daß die gesamte Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts usw. bisher vom traditionellen Ehebegriff ausging.

Das ist interessant und wichtig, weil auch sonst die Begriffe jeweils in ein Geflecht von Texten eingebettet sind, das mitzubedenken ist, wenn man punktuell etwas verändern möchte. Bei Rechtsbegriffen eben vornehmlich die bisherige Rechtsprechung mit ihren Auslegungen des dürren Gesetzestextes.

Man kann es natürlich auch rührend oder kindisch finden, daß die Interessenvertreter der Homosexuellen sich nicht mit der rechtlichen Gleichstellung zufrieden geben, sondern ihre Lebenspartnerschaften als "Ehe" bezeichnet wissen wollen. Andernfalls wäre es leichter, den letzten Rest von Nichtgleichstellung auch noch zu beseitigen. "Kampf um Worte" auch hier, Sprachfetischismus.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.06.2017 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35512

Es geht hier nicht um die Sache selbst, also um eine juristische Gleichstellung, sondern auch um eine sprachliche Frage und ihre Konsequenzen. Die Formulierung ob durch staatliches Handeln der Begriff der Ehe so definiert werden kann, daß er auch Lebenspartnerschaften Gleichgeschlechtiger umfaßt suggeriert wiederum, die juristische Gleichstellung könne nur umgesetzt werden, wenn die Bezeichnung Ehe zugleich auch auf gleichgeschlechtliche Paare angewendet wird. Neutraler wäre in dieser Hinsicht zum Beispiel: ob durch staatliches Handeln Lebenspartnerschaften und Ehen (Ehen im traditionellen Sinn) rechtlich gleichgestellt werden können.

Natürlich: Spätestens sobald die völlige Gleichstellung einmal erreicht ist, stellt sich die Frage, ob man die Bezeichnungen heiraten sowie Ehe und Ehepaar auch auf Mann/Mann und Frau/Frau anwenden soll oder sogar muß. Sachlich betrachtet wäre das eine leichte Übung. Aber so tickt der normale Mensch nicht. Viele denken: "Meinetwegen sollen sie gern genau dieselben Rechte haben, aber wieso müssen wir das auch gleich Ehe nennen? Das sehe ich nicht ein." Es gibt nun mal Millionen Menschen, denen ein solcher Sprachwandel widerstrebt, vor allem wenn er wesentlich vom Gesetzgeber vorangetrieben wird.

Ich halte das für keine Kleinigkeit. Das Wort Ehe bezeichnet seit Urzeiten in unserem Kulturkreis eine Verbindung zwischen Mann und Frau. Die Zustimmung konservativer Abgeordneter zur Gleichstellung fiele ihnen wesentlich leichter, wenn er nicht mit der sofortigen Neufassung des Ehe-Begriffs einherginge. Sie würden sich dann weniger in einer Zwickmühle fühlen. Ihre Zustimmung, sofern sie sie geben wollen, wäre damit auch ehrlicher, wertvoller. Es käme insgesamt eine breitere Zustimmung zustande. Und wenn ein konservativer Abgeordneter am Freitag gegen die Gleichstellung stimmen wird, liegt das am Ende vielleicht nur an der damit unnötigerweise verbundenen Neudefinition des Ehe-Begriffs. Ähnlich sieht es in der Bevölkerung aus.

Ich hätte deshalb die Aufteilung der jetzt angestrebten Änderung in zwei Schritte besser gefunden. Man hätte viel Unmut vermeiden können, der wesentlich an dem Aspekt des verordneten Bedeutungswandels liegt. Viele Menschen ordnen dem Begriff der Ehe im traditionellen Verständnis nun mal eine sehr hohe Bedeutung zu, manche auch eine heilige Bedeutung, auch wenn sie wissen, daß die Realität viel dürftiger und auch bunter aussieht.

Ich finde, der Ausblick auf die Ehe mit Tieren verdeutlicht das Problem. Ja, warum eigentlich nicht, wenn jemand seinen Hund, seine Katze oder sein Pferd über alles liebt? Da würden doch auch viele sagen: "Meinetwegen soll er seine Liebe zu einem Tier in einer Zeremonie bekennen und sich zu ihm verhalten wie zu einem Ehepartner. Aber verlangt bitte nicht von mir, daß ich so etwas Ehe nenne. Wenn das am Ende alle so nennen, wird die Institution der Ehe ins Lächerliche gezogen – und damit auch die herkömmlichen Ehen zwischen Menschen. Das kann es nicht sein."

PS: Beim Schreiben dieses Beitrags hatte ich den Beitrag von Herrn Ickler von heute morgen noch nicht gesehen, der vor allem im letzten Absatz auch auf die hier besprochene Frage eingeht ("Kampf um Worte"). Ich hatte auf seinen vorigen Beitrag geantwortet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2017 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35514

Übrigens war ich mir bewußt, daß der Hinweis auf Sex mit Tieren unvermeidlicherweise einen alten Streit wiederbelebt. Empfindliche und nicht sehr logisch denkende Gemüter haben sich empört, weil der Vergleich Homosexuelle und Zoophile "gleichsetze", so wie man sich ja auch gegen die Gleichsetzung mit Päderasten wehrt. Da kann man noch so sehr darauf beharren, daß Vergleichen nicht Gleichsetzen ist.

Bei der Zoophilie hatten wir gesehen, daß der Wunsch, die gesellschaftliche Mißbilligung nicht aufgeben zu müssen, zu der ziemlich sonderbaren Folge führt, nun den Tierschutz zu bemühen, der ja immer mehr zum höchsten Staatsziel aufrückt.

Übrigens sind Tiere manchen Menschen auch ohne Sex so lieb und teuer, daß sie sich im Zweifel für das Tier und gegen den Ehepartner entscheiden (in meinem Umfeld erlebt). Man traut sich kaum noch, Tiere zu quälen, auch wenn es keine Wirbeltiere sind.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.06.2017 um 07.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35515

Übrigens, bevor die Ehe für Tiere geöffnet wird, wären doch erst mal die Polyamoren an der Reihe. Wer sagt eigentlich, daß die Werte einer Ehe nur in einem Zweierbündnis gelebt werden können? Dafür gibt es wenig Anhaltspunkte. Beispielsweise das Heranziehen von Kindern könnte viel besser gelingen, wenn sich noch mehr Eltern im Haus tummeln, die sich bei der Arbeit abwechseln können. Immer wäre einer für die Kinder da. Gut für das Kindeswohl.

Polygamie: Der Islam beweist, daß es geht. Die Beschränkung auf bis zu vier Frauen ist auch willkürlich. Nächster Schritt: beliebig viele Ehefrauen. Beziehungsweise in unserem Kulturkreis natürlich: beliebig viele Ehepartner. Das würde nebenbei die kulturelle Verständigung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Europa erleichtern. Also, warum nicht?

Der Schritt zur Ehe zwischen Mensch und Alligator fällt dann auch leichter, sobald die alten Vorstellungen weiter aufgeweicht worden sind. Wenn zuvor schon die Polygamie eingeführt worden ist, kann ein Mensch auch gleich mehrere Tiere heiraten. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum eine Frau, die ihre vier Katzen gleichermaßen liebt, nur eine der Katzen heiraten darf.

Klingt vielleicht sarkastisch, ist aber nicht so von mir gemeint. Ich habe das Thema einfach nur gedanklich weitergesponnen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2017 um 08.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35516

Ehe unter Geschwistern kommt noch früher, es wird ja schon dran gearbeitet.

Wenn man schon etwas älter, na ja, also wenn man schon ziemlich alt ist, erinnert man sich an den schier unglaublichen Wandel des Zeitgeistes, gerade im Bereich der Sexualmoral.

Der säkulare Staat darf seine Bürger nicht im Namen der Sondermoral einer Religionsgesellschaft bevormunden. Das hängt auch nicht von deren Bevölkerungsanteil ab. Allerdings macht der Schwund der Kirchenmitgliedschaft es leichter, jene Wahrheit einzusehen. Wir werden es nicht mehr erleben, aber irgendwann werden die archaischen Reste dieser Bevormundung beseitigt werden.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 29.06.2017 um 12.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35517

Auch die Ehe mit Plüschtieren sollte endlich gesetzlich geregelt werden.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 29.06.2017 um 12.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35519

"Auch die Ehe mit Plüschtieren sollte endlich gesetzlich geregelt werden." Der Kalauer ist natürlich weit davon entfernt, Homosexuelle mit Plüschtieren gleichzusetzen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 29.06.2017 um 13.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35520

Eigentlich kein Kalauer, es sei denn, der Begriff wäre in jüngster Zeit gesetzlich neu gefaßt worden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.06.2017 um 13.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35521

Noch eine Variante der "Ehe für alle": Warum sollten schon Verheiratete keine Zweitehe eingehen dürfen? Also z. B. eine Ehe {A, B} und eine Ehe {A, C, D}.

"Ehe für alle" ist ja nur ein Schlagwort, das einem in den letzten Tagen um die Ohren fliegt. Ist denn wirklich an eine Neudefinition des Wortes Ehe gedacht, oder geht es vielleicht doch "nur" um gleiche Rechte für Lebenspartnerschaften?

Wahrscheinlich steht irgendwo der Gesetzentwurf, über den jetzt abgestimmt werden soll, aber ich konnte ihn mit der Sucheingabe "Gesetzentwurf SPD Ehe für alle" nicht finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2017 um 14.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35522

Gibt es ein solches SPD-Papier überhaupt? Schließlich ist es eine Idee der Grünen, und die SPD hat sich im letzten Augenblick drangehängt, um die Union reinzulegen. Daher auch die hastig angefertigte neue Eingangsseite:

Ehe für alle - jetzt!
Wir wollen die Ehe für alle – und zwar jetzt, nicht erst „irgendwann“. Wer sich verspricht, „in Guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein“, der soll heiraten dürfen. Das muss endlich auch für gleichgeschlechtliche Paare gelten. 83 Prozent sehen das in Deutschland auch so. Seit Jahren verweigert sich die Union den SPD-Initiativen zur Öffnung der Ehe. Angela Merkel spielt nun plötzlich taktische Spielchen mit den Menschen, die sich lieben. Schluss damit! Wir wollen die Ehe für alle – jetzt!

(https://www.spd.de/)

Den Rechtschreibfehler hätte man bei mehr Gelassenheit wohl bemerkt. Aber so furchtbar eilig war es der SPD bisher gar nicht, und der Bundestag hätte sich normalerweise durchaus auch Zeit genommen.

Ziemlich leicht durchschaubar auch der Gefühlsappell: Merkel spiele taktische Spielchen mit Menschen, die sich lieben...

Als neutraler Beobachter (ich habe sie nicht gewählt und werde sie nicht wählen) stelle ich fest, daß Merkel nichts weiter getan hat, als für eine solche, in der Tat ins Weltanschauliche gehende Entscheidung die Aufhebung des Fraktionszwangs vorzuschlagen. Das muß eigentlich jeder richtig finden, tut es wohl auch.

(Wir sind jetzt wieder bei Verfahrensfragen und Rhetorik, das ist mir nur recht.)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 29.06.2017 um 15.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35524

"Eigentlich kein Kalauer". Na ja, war vielleicht ein bißchen hoch gegriffen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35527

Wenn ich als Nichtjurist ins GG schaue, denke ich in meinem unverbildeten Verstand, daß Art. 6 ganz und gar auf den Nachwuchs zielt. Damals hat man sicher gewußt, daß manche Ehe kinderlos bleibt, aber man hat bestimmt nicht daran gedacht, homosexuelle Lebensgemeinschaften einzubeziehen, zumal diese unter Männern strafbar waren. Wohl aber wurde die Ehe nicht nur als privatrechtlich geregelte Wirtschaftseinheit betrachtet, sonst wäre der Wortlaut und Kontext ein anderer gewesen. Der Ehe-Begriff ist noch von der alten christlichen "sakralen" Auffassung geprägt, das Christentum war ja noch unbestritten Volksreligion, die Position der Kirchen nie stärker als nach 1945.
Wir haben es also typischerweise mit einem Artikel zu tun, der mehr als die meisten anderen mit neuem Geist gefüllt werden muß, weil die Zeiten sich enorm geändert haben.
Die Juristen müssen mit dem Wörtchen "besonders" zurechtkommen. Schließt es Benachteiligung anderer Lebensformen ein? Allgemeinsprachlich kommt man daran kaum vorbei. Aber wozu ist man Jurist? Der Staat könnte eine Schwulenehe ebenfalls anerkennen und "schützen", nur eben nicht besonders, und sich dann wieder den Kindern zuwenden, um die es ja eigentlich geht (s.o.).
Nebenbei möchte ich anführen, daß die oft kritisierte Privilegierung der Ehe (Ehegattensplitting z. B.) auch Vorteile für den Staat bringt, denn die Beistands- und Unterhaltspflichten der Partner entlasten den Steuerzahler.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 07.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35528

Sprache ist im wesentlichen eine Gruppenleistung vom Typ des Bestimmens (im Sinne Hofstätters). (Es gibt auch Anteile von Suchleistung sowie nicht-gruppenhafte Züge, aber davon will ich hier absehen.)

Das gilt auch für die Wortsemantik, im vorliegenden Fall also für die Bedeutung von Ehe. Im GG und BGB ist keine Definition gegeben, weil das seinerzeit nicht notwendig schien. Das Bundesverfassungsgericht hat vor 15 Jahren gemeint, ein "Wesensmerkmal" der Ehe erfassen zu können, nämlich die Verschiedengeschlechtigkeit der Partner. Bei der Berufung auf ein "Wesen" muß man aufmerken. Es handelt sich so gut wie immer um eine Bestätigung der herrschenden Konvention, also der Bestimmungsleistungen der Gruppe (des Volkes oder der Richter bzw. Juristen: h. L./h. M.).
Nichts ändert sich so schnell wie das Wesen.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 30.06.2017 um 08.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35529

Noch zu #35521:

Parteien schreiben ja keine Gesetzentwürfe, das machen, kurz gesagt, Fraktionen oder Ministerien (bzw. Lobbyisten). Der Gesetzentwurf, über den heute im Bundestag abgestimmt werden soll, stammt vom November 2015 und wurde vom Bundesrat beschlossen: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/066/1806665.pdf Einen fast gleichlautenden Gesetzentwurf hatte der Bundesrat offenbar schon 2013 verabschiedet, er wurde aber damals vom Bundestag vor den Wahlen nicht mehr beraten.

Die SPD versucht seit Jahren über die von ihr (mit)gestellten Landesregierungen, die »Ehe für alle« durchzusetzen. In der Koalition auf Bundesebene hatte sie bisher stillgehalten. Dort wartet sie seit langem auf das Einverständnis der Union, die Abstimmung »freizugeben«. (Übrigens sollten sich diejenigen, die das Grundgesetz jetzt so hochhalten, auch mal Gedanken darüber machen, ob nicht auch der Fraktionszwang verfassungswidrig ist. Darüber spricht im Moment aber niemand.) Nun hat die Bundeskanzlerin ein entsprechendes Zeichen gegeben. Sie hat natürlich nicht als Privatperson gesprochen, soviel Naivität sollte man ihr wirklich nicht unterstellen. Ich vermute, daß sie gehofft hatte, damit SPD, Grünen und Linken ein Wahlkampfthema wegzunehmen, ihm jedenfalls die Schlagkraft zu nehmen, nach dem Motto: »Was wollt ihr eigentlich? Ich hab doch jetzt schon gesagt, daß wir das als Gewissensentscheidung behandeln werden.« Allerdings hatte sie wohl nicht mit der Entschlossenheit der SPD gerechnet, die Sache jetzt, noch vor der Bundestagswahl, durchzuziehen. Die ist offenbar zu dem Schluß gekommen, daß sie eh nichts zu verlieren hat und überhaupt nur noch dann eine Chance auf ein respektables Wahlergebnis hat, wenn sie zum Ende der Legislaturperiode mal so richtig auf die Pauke haut. Das hat Merkel sicher unterschätzt.

Darüber, welcher der beiden Seiten das taktische Manöver der SPD bzw. die Aktion der Kanzlerin am Ende mehr nützen wird, streiten nun die Beobachter. Unter rhetorischen Aspekten ist für mich am interessantesten, wie auch in dieser Debatte wieder streng formale Argumente, pragmatische Überlegungen und moralische Kategorien abwechselnd bemüht werden, je nachdem, was dem Redner gerade opportun erscheint.

Wer sich über die Sache selbst näher informieren will, findet auf den Seiten des Bundesrates und des Bundestages umfassendes Material. Einen Einblick in den Stand der Diskussion in den Fraktionen vor anderthalb Jahren bietet beispielsweise dieser Beitrag hier: http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2016/kw07-de-gleichgeschlechtliche-ehe/405868
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 08.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35530

Eine ausgewogene Darstellung der verfassungsrechtlichen Lage (von den Juristen Alexander Haneke und Helene Bubrowski) findet sich auf S. 2 der FAZ (30.6.17).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 09.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35532

Die beiden Verfasser legen dar, wie geringfügig der letzte Schritt ist, nachdem das Bundesverfassungsgericht in den letzten Jahren schrittweise die "Verpartnerung" der Ehe gleichgestellt hat, ohne sich je mit Art. 6 zu befassen, alles mit Berufung auf Art. 3. Die jetzigen Scheingefechte sind absurd.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.06.2017 um 11.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35535

Welcher ist der letzte Schritt? Auch im vorigen Beitrag von Herrn Ickler ist es mir wieder unklar. Der Text liegt mir nicht vor. Ich nehme an, die Verfasser meinten: der letzte Schritt = völlige rechtliche Gleichstellung. Dann gäbe es aber noch einen allerletzten Schritt: die Gleichbenennung.

Die Gleichbenennung als Ehe ("Ehe für alle") ist nach meinem Verständnis das i-Tüpfelchen oder das Sahnehäubchen auf der Hauptsache, der juristischen Gleichbehandlung. Anders gesagt: Gleichbenennung ist Gleichstellung nicht in juristischer Hinsicht, sondern (zusätzlich) in sprachlicher Hinsicht. So verstehe ich es.

Der Widerstand der Konservativen entzündet sich allerdings gerade an diesem allerletzten, zusätzlichen Schritt der Gleichbenennung. Ihr Hauptargument ist ein sprachliches: "Die Ehe ist eine Verbindung zwischen Mann und Frau." Das würde bedeuten: Das Sahnehäubchen, das man aus meiner Sicht auch später, jedenfalls in einem separaten Schritt hätte aufsetzen können, ist aus konservativer Sicht die Hauptsache und nicht nur eine Zierde zur sprachlichen Abrundung des Projekts Gleichstellung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 12.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35536

Ich kann nicht den ganzen Inhalt des genannten Artikels referieren. In der Sache scheint nur noch das gemeinsame Adoptionsrecht zu fehlen, was aber auch schon unterlaufen wird durch konsekutives Adoptieren eines Kindes durch beide Partner beim selben Termin.

Apropos "Sahnehäubchen": Ich sehe gerade Schulz und Oppermann beim Anschneiden einer bunten Torte zur Feier des Tages. Konfetti soll es auch geregnet haben.

Man kann sich auch nach unten vom Volk entfernen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 12.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35537

Der Artikel ist hier zu lesen:
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/was-sagt-das-grundgesetz-ueber-die-ehe-fuer-alle-15083544.html
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 30.06.2017 um 13.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35538

Da unten sind dann wohl die Homosexuellen. Ich habe die ernsthaften Argumente wie stets gern gelesen, die unverhohlene Häme nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 14.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35539

Nein, da haben Sie mich mißverstanden. Ich finde ja den ganzen Vorstoß richtig und überfällig. Unten ist der schlechte Geschmack. Love Parade ist auch okay, aber man sollte das nicht vermischen.
Aus ähnlichen Gründen hatte ich die Armenier-Demo auf der Bundestagstribüne kritisiert.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.06.2017 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35540

Nee, niveaumäßig unten sind die Politiker, wenn sie die Entscheidung im Kindergeburtstagsstil feiern. Das Volk erwartet, daß sie die Sache im Bundestag durchweg ernsthaft behandeln. So verstehe ich die Anmerkung.

Ich selbst sehe es nicht so eng. Die Homosexuellen werden auch viele Partys inklusive Konfettiregen feiern. Und im Bundestag hat ja nicht jeder Ja-Stimmer eine Konfettibombe gezündet. Vielleicht muß man sich übertreibend hunderte von Konfettizündungen im Bundestag vorstellen, um zu der Bewertung zu kommen, daß ein solcher Ausdruck von Feierlaune im Bundestag etwas deplaziert wirkt.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.06.2017 um 14.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35541

PS: Ich hätte den Beitrag nicht geschrieben, wenn ich zuvor gesehen hätte, daß Professor Ickler bereits selber antwortet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35542

Wir hatten den Sekt aus Pappbechern nach dem Rechtschreiburteil des Bundesverfassungsgerichts. Aber das war im kleinen Kreis der vermeintlichen Gewinner. Bald darauf waren sie pleite. Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=24

Was mag Schulz wirklich gedacht und gefühlt haben beim Anschneiden der regenbogenbunten Torte? Ich möchte doch annehmen, daß er aufgrund seiner früheren Tätigkeit ungefähr weiß, was sich gehört. Wie kommen die Bilder beim Volk an? (Die Grünen sind hier weniger interessant, man erwartet nichts anderes.)

Übrigens wollte ich noch etwas sagen, aber mehrere Einträge hat die Technik zurückgewiesen, ich weiß nicht, warum.

„Ich will nicht, dass Herr Erdogan, der in der Türkei Oppositionelle und Journalisten ins Gefängnis steckt, in Deutschland Großveranstaltungen abhält“, sagte Schulz der „Bild“-Zeitung. (welt.de 29.6.17)

Hier geht es mir nicht um Schulz, sondern darum, daß sich meinem Eindruck nach der Stil dieser Aussage erst in den letzten Jahren verbreitet hat: Ich will/Ich will nicht... Man hört es sogar von Leuten, die auf dem betreffenden Gebiet weder zuständig noch mächtig genug sind, etwas zu wollen, höchstens zu wünschen.

Ich mußte an die Psychologen denken, die heute geschult werden, nicht andere zu beurteilen, sondern den Eindruck zu beschreiben, den sie selbst vom anderen haben ("Was macht das mit mir?").

Es hat was, nun ja, "Narzißtisches"...
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 30.06.2017 um 16.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35544

Ich finde auch: nicht so eng sehen! Wenn es um Hochzeiten geht, liegen Torten doch nahe, und sie wurden schließlich nicht im Parlament angeschnitten – da gabs nur ein bißchen Konfetti. Warum so streng? Joschka Fischers Turnschuhe haben die Demokratie auch nicht beschädigt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 17.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35545

Inzwischen sind die Namenslisten veröffentlicht. Ein Viertel der CDU/CSU stimmte mit Ja, von der SPD, den Grünen und der Linken jeweils 100 Prozent. Was lehrt uns das?

Anders gefragt: Ist es wahrscheinlich, daß in der ganzen großen SPD-Fraktion kein einziger sitzt, der die Schwulenehe ablehnt? Daß das "Gewissen" aller Abgeordneten rein zufällig auch in dieser weltanschaulichen Frage mit der Direktive der Führung übereinstimmt? Oder ist es wahrscheinlicher, daß bei namentlicher Abstimmung, wie von Merkel wohl vorausgesehen, die Aufhebung des Fraktionszwangs ohne Bedeutung ist, weil unter den Augen der Fraktionsführung ohnehin kein einziger seine wirkliche Meinung kundzutun wagt?

Ich frage ja nur.

Die "100-Prozent"-Partei des Martin Schulz hätte vielleicht anstandshalber ein paar Nein-Stimmen abgeben sollen. Nun steht die Union als einzige Partei da, in der auch Abweichler geduldet werden. Man bedenke: 75 Abgeordnete, die ganz offen anders votieren als die Vorsitzende!

(Von Grünen und Linken rede ich nicht, da hatte ich ohnehin nichts anderes erwartet.)

Übrigens hatte ich den Ausgang vorausgesagt:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35503
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 30.06.2017 um 18.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35546

Das eigentlich Bemerkenswerte ist doch, daß das Thema Homo-Ehe vorgeschoben wurde, um die Schlagzeilen zu besetzen und um Modernität, Weltoffenheit usw. zu demonstrieren, im Hintergrund jedoch das verfassungs- und menschenrechtswidrige Netzwerkdurchsetzungsgesetz durchgewunken wurde.
Da wir durch das Rechtschreibreformurteil des Verfassungsgerichts gebrannte Kinder sind, bleibt auch kaum Hoffnung, daß der Voßkuhle-Senat dem Spuk ein Ende macht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35547

Das ist bestimmt richtig, jedenfalls war das ein willkommener Nebeneffekt.

Lassen wir ein paar Tage vergehen, dann werden auch die Letzten erkannt haben, wie das Spiel in Wirklichkeit gelaufen ist und wer es gewonnen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2017 um 21.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35549

Die FAZ kritisiert den Bruch der Koalitionsvereinbarung: "Wechselnde Mehrheiten sind ausgeschlossen."

Wir haben die Problematik einer solchen Vereinbarung – damals mit Bezug auf die Union und FDP – hier diskutiert:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1331#16603
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2017 um 04.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35551

Wahrscheinlich geht es vielen so wie mir: Gefühlsmäßig hänge ich an Vater-Mutter-Kind, aber mit dem Verstand, der meine politische Meinung (hoffentlich) bestimmt, sage ich mir, daß die völlige Gleichstellung nicht aufzuhalten und auch nicht zu verurteilen ist. Merkel-Hasser Altenbockum konstruiert daraus in der FAZ einen Widerspruch, gar das "Dilemma des Konservativen". Ich sehe das nicht so. Zum Beispiel lasse ich mit dem Verstand alle Arten von Musik gelten, und wenn ich irgendwo zu bestimmen hätte, würde ich auch die Popmusik fördern, aber freiwillig hören würde ich sie nie.
Gerade nach der Aufhebung des Fraktionszwangs konnte Merkel ihre persönliche Einstellung zur Ehe kundtun, wohl wissend, daß die Mehrheit über sie hinweggehen und letzten Endes die unvermeidliche Säkularisierung vorantreiben würde. Der Hohn, daß die "gesellschaftspolitische Entwicklung" über jemanden hinweggegangen ist, trifft uns alle jeden Tag. Solche Brüche wie gerade erlebt sind notwendige Zwischenstufen. Hat nicht der Papst gerade den Chef der Inquisitionsbehörde entlassen, weil mit ihm eine Modernisierung der Kirche nicht möglich schien?
Deutschland wird also, wie andere Länder, die Ehe für alle haben. Es ist nicht einzusehen, warum Konservativsein sich auf den offiziellen katholischen Standpunkt kaprizieren und damit in ein "Dilemma" geraten sollte. Auch in der Union und unter konservativen Bürgern wird mancher froh sein, daß Merkel (unter Wahrung ihres konservativen Bildes) gewissermaßen die Kastanien aus dem Feuer geholt hat, so daß man sich nun anderen Dingen zuwenden kann, statt immer wieder in die unaufgeräumte Ecke des Eherechts gestellt zu werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2017 um 06.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35552

Haßkommentare gibt es auch in der FAZ, aber der monströse Gastbeitrag am Freitag hat doch viele erstaunt. Der Autorname der "fremden Feder", Johannes Gabriel war nicht als das Pseudonym gekennzeichnet, das er ist, und die biographischen Angaben waren ebenfalls erfunden.
Zur Diskussion vgl. http://www.huffingtonpost.de/2017/06/30/ehe-fur-alle-frankfurter-allgemeine-zeitung-kommentar_n_17339560.html oder auch welt.de.

Die Autorschaft David Bergers kommt mir am wahrscheinlichsten vor. Was sich Redakteur Reinhard Müller dabei gedacht hat, ist schwer zu sagen. Vielleicht kommt noch etwas nach.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2017 um 07.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35553

Nachtrag zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35551

Im SPIEGEL schreibt jemand:

Weil sie die Angelegenheit zuvor zu einer Gewissensentscheidung für die Mitglieder der Unionsbundestagsfraktion erklärt hatte, hätte die Abgeordnete Merkel auch mit Ja votieren können.

Das stellt die Dinge auf den Kopf.

Mit einem etwas abgedroschenen Begriffspaar könnte man sagen: Sie hat gesinnungsethisch gegen die Ehe für alle votiert, während sie gleichzeitig verantwortungsethisch den Weg dorthin freimachte. Das ist der Sinn der Aufhebung des Fraktionszwangs.

Nehmen wir gutmütig an, alle Abgeordneten seien ihrem Gewissen gefolgt. Sicher sein kann man aber nur bei denen, die gegen die Fraktionsführung gestimmt haben.

Mir fällt dazu die Bundestagsdebatte über die Rechtschreibreform ein, die ich auf der Tribüne verfolgte. Der Grünen-Abgeordnete Gerald Häfner durfte nicht sprechen, weil die Fraktionsführung die Rechtschreibreform ungestört befürworten wollte. Auf Antrag der FDP (!) sprach er dennoch und hielt die beste Rede des Tages.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2017 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35559

Die heute möglich gewordene Öffnung der Ehe verdanken wir Martin Schulz. (SPD)

Die SPD hat 30mal gegen den Antrag der Grünen (Künast) verhindert, daß sich Rechtsausschuß und Bundestag in dieser Legislaturperiode mit dem Gegenstand befassen.

Rhetorik hat schon immer darauf vertraut, daß niemand sich an das "Geschwätz von gestern" erinnert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2017 um 10.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35561

In der "Welt" feiert kürzlich ein "Rhetorik-Coach" die "Renaissance der Rhetorik", die lange verpönt gewesen sei usw. – die uralte Apologetik.
Als glänzende Redner wurden Politiker der zweiten und dritten Reihe gefeiert. Wodurch aber kam Trump an die Macht, wodurch hält sich Merkel an der Spitze? Ihre Rhetorik fällt aus verschiedenen Gründen durch, was die ganze Sache schon sehr dubios macht. (Bösartige Leser erinnerten an "erfolgreiche" Demagogen der Vergangenheit.) Dieselben Sophismen wie aus der Tübinger Schule gewohnt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2017 um 04.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35567

Wozu braucht die Union überhaupt ein Programm? Schließlich haben CDU und CSU eine Dauerkanzlerin als Aushängeschild. Schon die Kampagne zur Bundestagswahl 2013 setzte auf Angela-Merkel-Personenkult ("Sie kennen mich"), auch dieses Mal steht sie bislang im Mittelpunkt. (SPIEGEL 3.7.17)

Das ist aber ein sehr bescheidener Begriff von Personenkult. Was soll man erst von der SPD sagen, die zu 100 Prozent einem Kandidaten zujubelte, den sie kaum kannte?

Ich glaube, es war zu Adenauers Zeiten, als man den Begriff "Kanzlerwahlverein" prägte, der die Sache etwas besser trifft, aber auch ziemlich abgegriffen wirkt. Alle Parteien wissen, daß sich die Wähler mehr für Personen interessieren als für Parteiprogramme, die ja auch eine ziemlich unschmackhafte Textsorte zu sein pflegen, selbst in Leichter Sprache. In den Personen verkörpert sich allerdings eine gewisse Tendenz, die man mit den bisherigen Erfahrungen verknüpft.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 03.07.2017 um 13.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35569

Zur Ehe zwischen Mensch und Alligator (#35515) siehe auch http://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/mexikanischer-buergermeister-heiratet–seine-krokodilprinzessin–7520924.html

Ich wußte gar nicht, daß es das schon gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2017 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35571

Vielleicht ein Rest von Totemismus? Viele Völker halten sich ja für Nachkommen bestimmter Tiere, darunter Reptilien und anderer, stammesgeschichtlich weit entfernter.

Ich habe noch einmal nachgelesen, was die Bibel zu Homosexualität sagt. Nicht allzu viel, aber im AT ist der Geschlechtsverkehr zwischen Männern als "Gräuel" (Zusammenfassung bei Wikipedia) mit der Todesstrafe belegt. Heutige Theologen bemühen sich, die Stellen durch Interpretation annehmbar zu machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2017 um 18.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35573

Gibt es eigentlich schon eine Umfrage: "Wie wichtig finden Sie Wahlprogramme?" Das Ergebnis könnte ernüchternd sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.07.2017 um 16.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35595

Polizei setzt Wasserwerfer gegen G20-Kritiker ein

Das ist nicht falsch, aber richtig ist es auch nicht. Die Überschrift suggeriert in nicht justiziabler Form, daß man das G20-Treffen nicht kritisieren kann, ohne mit dem Wasserwerfer rechnen zu müssen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.07.2017 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35598

Es ist radikales Umdenken nötig, um die Probleme der Menschheit zu lösen. (Spiegel 6.7.17)

Wird gemacht. Der Spiegel-Titel („Traut euch!“) ist schon mal ein Anfang.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.07.2017 um 06.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35599

Vielleicht sollten SPIEGEL-Redakteure eine Bewegung gründen: „Alternative für die Welt“. Das Problem ist nur, daß die Redaktion schon das Thema für die nächste Ausgabe plant, und dann muß die Aufmerksamkeit schnellstmöglich vom Aufreger der laufenden Woche weggezogen werden.

Ich hatte ja mal das Vergnügen, einer Montags-Redaktionssitzung beizuwohnen. Aber auch jeder andere Leser weiß, daß sich die Journalisten nicht im mindesten für die "Probleme der Menschheit" interessieren. Sonst hätten sie ihren Beruf verfehlt.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 06.07.2017 um 08.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35601

»Polizei setzt Wasserwerfer gegen G20-Kritiker ein«

Das ist nicht falsch, aber richtig ist es auch nicht. Die Überschrift suggeriert in nicht justiziabler Form, daß man das G20-Treffen nicht kritisieren kann, ohne mit dem Wasserwerfer rechnen zu müssen.


Vor allem suggeriert das, daß diejenigen, gegen die der Wasserwerfer eingesetzt wird, zivilisierte Kritiker sind. Diese Meinung dürfte unter den Journalisten verbreiteter sein als unter den Lesern (und unter den Ladenbesitzern in der Nähe des G20-Treffens).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.07.2017 um 18.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35637

Ein demokratischer Rechtsstaat würde gesetzlose Ausschreitungen wie zur Zeit in Hamburg nicht zulassen und seine Bürger davor schützen.
Das macht mich alles sprachlos und sehr traurig. Dies ist nicht mehr das Land, auf das ich früher so stolz war. Dieses Land ist schon so besoffen von seiner Demokratie, daß es wehrlos ist. Wehrlos nach innen wie nach außen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.07.2017 um 05.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35639

Ja, das ist entsetzlich, und man hat dem Treiben zu lange zugesehen, aktuell in Hamburg und schon vorher ganz allgemein. Trotzdem würde ich nicht ganz so weit gehen. Man muß auch die Schwierigkeiten sehen, zumal angesichts des jahrelangen "Deeskalierens". Die ewigen Fürsprecher der Gewalt (gegen das "System") sind fast noch widerwärtiger als die vermummten Feiglinge selbst. Zu hoffen ist, daß die Wähler richtig entscheiden.

Im Familienkreis sind wir uns nicht einig, ob es falsch war, eine solche Veranstaltung in eine Großstadt zu legen. Andererseits wird auch im Ausland gesagt, es müsse doch möglich sein, sich in einer Stadt zu treffen und nicht nur in Elmau oder sonstwo in der Provinz, wo man eine ganze Landschaft abriegeln kann. Wir wollen in Wohnvierteln keine No-go-Areas zulassen, dann muß der Staat auch bei Veranstaltungen Gesicht zeigen. (Pardon wegen der Phrasen...) In diesem Sinne hat sich, glaube ich, auch der New Yorker Bürgermeister geäußert.

Unbedingt lesen:

https://g20tohell.blackblogs.org/

Der Text ist im geübten Jargon der linken Blättchen abgefaßt, die seit 50 Jahren nahezu unverändert an der Universität ausliegen. Sie pflegen eine ständige Notwehrmentalität: Das "System" tut uns solches Unrecht an, daß jedes Mittel der Gegenwehr erlaubt ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.07.2017 um 07.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35641

Der verlinkte Text zeigt, daß die Berufsrevolutionäre sich immer noch einbilden, viel Zustimmung in der Bevölkerung zu finden, deren wahre Interessen sie zu vertreten behaupten. Diese Lebenslüge erinnert mich ebenfalls an frühere Zeiten. Erstaunlich dauerhafte Mischung aus Lenin und Marcuse.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 09.07.2017 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35645

Jakob Augstein durfte im Chor der Polizeibeschuldiger natürlich nicht fehlen. Im Facebook schreibt er: "Die Hamburger Polizeiführung hat mit voller Absicht wegen ein paar Vermummter den zentralen Zug nach wenigen Minute stoppt und ist mit Gewalt in die Menge gegangen. Das war der Startschuss der Gewalt. Denn wenn die Polizei auf Eskalation setzt, wird sie Eskalation bekommen.“ Gegen den Genitiv sperrt sich „ein paar“.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.07.2017 um 10.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35646

Gaffer bei Unfällen auf der Autobahn und Fahrer, die keine Rettungsgasse bilden, sollen härter bestraft werden.

Wieso redet niemand über höhere Strafen für Vermummte und für angeblich friedliche Demonstranten, die Vermummten hinterherlaufen und ihnen Deckung und "friedliche" Unterstützung geben?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.07.2017 um 11.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35647

Merkwürdig, daß Krawall und Karneval gewöhnlich nicht in einen etymologischen Zusammenhang gebracht werden.
https://books.google.de/books?id=fOUIAAAAIAAJ&pg=PA302
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 09.07.2017 um 20.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35652

In den goldenen Zwanzigern hießen sie Rotfront und wollten eine Räterepublik nach sowjetischem Vorbild. Heute wissen sie wohl selber nicht so recht, was sie wollen. In der Frage der Grenzen sind sie sich mit Soros und Merkel einig. Freies Fluten in die open society und Illegale zu Legalen machen. Nur in der Frage der Geldverteilung gibt es deutliche Unterschiede. Allen Alles wird jedenfalls von der Obrigkeit nicht akzeptiert.

Das kriegerische Rotfront scheint mir ehrlicher gewesen zu sein als das heuchlerische Antifa. (Da denke ich, beeinflußt vom Werbefernsehen, eher an Abneigung gegen Seife.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2017 um 14.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35657

Martin Schulz spricht den Hamburger Gewalttätern ab, links zu sein, während Heiko Maas "Rock gegen links" fordert – aber wozu, wenn die Gefahr doch gar nicht von links kommt? Andere haben geradezu definiert, daß Gewalt eo ipso rechts ist. Aber der programmatische Text, den ich verlinkt habe, ist doch in geradezu klassischer Weise sehr links? Von dort aus gesehen, ist unsere Linke rechts, hat aber auch die "marodierenden Polizisten" für die Eskalation verantwortlich gemacht.
Allerdings ist auch "Eskalation" bzw. das "Aus-dem-Ruder-Laufen" nicht ganz richtig, denn die Aktionen waren ja geplant und sind nach Wunsch verlaufen. Die mitgebrachte Vermummung wäre für einen harmlosen Sommerspaziergang nicht sehr günstig.

(Der Text beginnt so:
Presseerklärung des Bündnisses „Welcome to Hell“, Samstag 8.7.2017

Ziel des Protestes gegen den G20 war es, seine planmäßige Durchführung zu be- oder sogar zu verhindern, ihn empfindlich in seinem Ablauf zu stören oder wenigstens die Glitzershow mit ihren scheinheiligen „Familienfotos“ zu beschmutzen und den Teilnehmer*innen die ideologische Soße eines politisch substanziellen Kaffeeklatschs zu versalzen. Diese Ziel haben wir erreicht.
Der Kapitalismus ist ein gesellschaftliches Herrschafts- und Gewaltverhältnis, das eine Schneise der Verwüstung hinter sich herzieht: ökologisch, ökonomisch, gesellschaftlich. Eine Schneise der Verwüstung, die Menschen, besonders, aber nicht nur jenseits der Metropolen, allerorten die Lebensgrundlage entzieht. Der ausgerufene Siegeszug des Kapitalismus ist für viele Menschen nicht weniger als die Hölle auf Erden. Wenn wir unser Bündnis „Welcome to Hell“ genannt haben, dann meinten wir genau das: Den Herrschenden ihr G20-Treffen in Hamburg ansatzweise zu der Hölle zu machen, die sie zu verantworten haben und für die sie stehen.
)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2017 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35661

„In einer deutschen Großstadt wird nie wieder so ein Gipfel stattfinden“, sagte Maas der „Bild“-Zeitung. (RP 10.7.17)

Ob ihm bewußt ist, was er da sagt?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.07.2017 um 16.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35663

Sicher ist es ihm bewußt, das sagt er doch mit Absicht. Er hat auch schon einer linksextremen Band für ein Konzert gedankt, die wegen ihrer Texte vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Nun freut er sich offenbar mit den Randalierern und erklärt ihr Ziel für erreicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2017 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35664

Vor der Konferenz hieß es: "Schulz und Gabriel unterstützen friedliche Proteste gegen G20" usw., sie sind nämlich gegen den "Wildwest-Kapitalismus". Man könnte meinen, die SPD sei gar nicht an der Bundesregierung beteiligt und damit gewissermaßen Mitveranstalter der G20-Konferenz. Die Regierung kann ihre Argumente doch während der Konferenz artikulieren statt auf der Straße.

Schulz ist einer von uns, darum drückt er sich allgemeinverständlich aus: Joachim Herrmann geht ihm auf den Keks usw. Zu dumm, daß ich jetzt immer an den Keks denken muß, wenn ich Schulz sehe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2017 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35665

De Maizière vergleicht Hamburger Gewalttäter mit Neonazis
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 10.07.2017 um 18.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35666

Sonntag 09. Juli 2017

G20 Hamburg: gezielt vorprogrammiertes Totalchaos?

www.kla.tv/10791

"Vom 7. bis 8. Juli 2017 fand in Hamburg das zwölfte Gipfeltreffen (G20) statt. Für Schlagzeilen sorgten nicht die politischen Inhalte des Gipfels, sondern die gewalttätigen Ausschreitungen sowie das Vorgehen der Polizei. Vieles scheint darauf hinzudeuten, dass das „Totalchaos“ rund um den G20-Gipfel gezielt „heraufbeschworen“ wurde. Doch wozu?"
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2017 um 04.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35668

Jedenfalls muß man das System so provozieren, daß es sein faschistisches Gesicht zeigt. Wenn es stillhält, ist das besonders tückisch ("repressive Toleranz", Marcuse).
Mitläufer und faszinierte Akademiker gibt es immer, aber das Gerede von einer Solidarisierung der Bevölkerung ist dieselbe Illusion wie vor 50 Jahren.

Die Parole "Gewalt ist nicht links" und der naive Vergleich mit den Neonazis sind besonders bezeichnend. Eigentlich liegt es näher, Maßstab und zu Messendes umgekehrt zu verteilen, aber das entspräche nicht dem Geist der Zeit. Links ist ja im Grunde gut, schlägt nur manchmal über die Stränge.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2017 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35670

Wenn die Polizei die Ausschreitungen nicht provoziert hat, obwohl "vieles darauf hinzudeuten scheint", dann ist vielleicht Merkel schuld? Das versucht eine gewisse Anna Reimann vom SPIEGEL zu beweisen, aber die Leser machen nicht mit.
Die Verdachtskultur würde sich erledigen, wenn man die programmatischen Erklärungen der Linksradikalen zur Kenntnis nähme. Schließlich kann man die Randale nicht als Erfolg verbuchen und gleichzeitig anderen die Initiative zuschreiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2017 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35675

Das eine sagt man, das andere impliziert man. Als wir ungefähr folgendes im Radio hörten, sahen wir uns unwillkürlich an und mußten lachen:

Merkel trage die Verantwortung für die Wahl des Gipfelorts. Gabriel warf der Kanzlerin vor, damit das „heimliche Ziel“ der Selbstinszenierung kurz vor der Bundestagswahl verfolgt zu haben.
„Die Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte im Wahljahr 2017 in ihrer Heimatstadt Hamburg den G-20-Gipfel nutzen, um mit attraktiven Bildern ihr Image aufzupolieren.“


Also hat Merkel in Hamburg eine gute Figur gemacht? Und das auch schon vorher gewußt? Und ließ die ganze Welt antanzen, um ein paar Fotos zu bekommen? Soviel unfreiwillige Anerkennung!
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 11.07.2017 um 21.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35676

Heimatstadt Hamburg?
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 11.07.2017 um 21.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35677

Da kann ich jetzt nicht ganz folgen. Natürlich hat die Kanzlerin eine möglichst attraktive Kulisse gewählt, um schöne Bilder für den Wahlkampf zu bekommen. Die Hamburger Elbphilharmonie eignet sich dafür sicher besser als die häßlichste Kirche Deutschlands (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1319#34135). Wenn Gabriel ihr nun vorhält, daß sie den Veranstaltungsort vor allem nach diesem Kriterium ausgewählt hat, dann attestiert er ihr doch nicht, daß sie in Hamburg eine gute Figur gemacht HAT, sondern er unterstellt ihr allenfalls, daß sie sich VORHER von Hamburg bessere Pressefotos versprochen hat als von einem anderen Ort (Merkel selbst sieht ja immer gleich aus). Auch aus der Tatsache, daß »die ganze Welt« nach Hamburg gekommen ist, spricht keine Anerkennung für Merkel. Denn die Damen und Herren sind ja nicht etwa widerstrebend dorthin gereist, nur um ihr einen Gefallen zu tun. Hätte Merkel es geschafft, ihre Gesprächspartner in oder vor jene Kirche in Erlangen zu locken, könnte man vielleicht von unfreiwilliger Anerkennung sprechen, aber so?

Warum Gabriel sich nun so geäußert hat und ob es klug war, dies zu tun, steht auf einem anderen Blatt. Die SPD fühlt sich mal wieder zu Unrecht an den Pranger gestellt. Dort empfindet man die Entlastung von Scholz durch einen der engsten Vertrauten der Kanzlerin womöglich als perfide, wenn gleichzeitig die Hamburger CDU Scholz‘ Rücktritt fordert. Statt sich darauf zu beschränken, diese (vermeintliche) Uneinigkeit innerhalb der CDU aufzuspießen, hat Gabriel der Versuchung nicht widerstehen können, der Kanzlerin einen Vorwurf zu machen, der aus seinem Mund nicht sehr überzeugend wirkt. Nicht nur daß Gabriel und seine Genossen als Politprofis ebenfalls stets auf gute Bilder bedacht sind, man fragt sich auch unwillkürlich, warum es den Sozialdemokraten nicht gelungen ist, Hamburg als Veranstaltungsort zu verhindern, wenn sie denn wirklich so große Bedenken gehabt haben sollten. Es ist immer das gleiche Schema: Wenn der Regierung etwas gelingt, dann ist es der SPD zu verdanken, wenn etwas schiefgeht, dann weil die Union ein besseres Ergebnis verhindert hat. Selbst wenn dies stimmen sollte, müßte den Strategen in der Kampa doch klar sein, daß man damit beim Wahlvolk keinen Blumentopf gewinnen kann.

Heimatstadt Hamburg: Merkel ist in Hamburg geboren, aber das wissen viele nicht, und auf Anhieb würde wohl kaum jemand die beiden Namen miteinander in Verbindung bringen. Auch das zeigt übrigens, wie weit hergeholt Gabriels Vorwurf ist.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 11.07.2017 um 21.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35678

(Daß Geburts- und Heimatort nicht dasselbe bedeuten, kommt noch hinzu.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2017 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35679

Wir haben es spontan so verstanden, daß Gabriel der Kanzlerin den Erfolg neidet (und damit zugesteht). Aber das Ganze ist sowieso nur Wahlkampfgetöse, und jeder ist bereit, den Akteuren Narrenfreiheit zuzuschreiben. Manches ist einfach unklug, auch im wohlverstandenen Eigeninteresse.

Die SPD befindet sich natürlich in einer schwierigen Lage, weil sie gegen eine Regierung polemisieren muß, an der sie selbst durchaus maßgebend beteiligt ist.

Auch politisch nannte er [Gabriel] den Gipfel einen „totalen Fehlschlag“. (RhP 12.7.17)

Wie wirkt es auf die anderen Teilnehmer, wenn der Veranstalter das Ergebnis so zusammenfaßt?

Aber wie finden Sie das: "Links und Gewaltanwendung schließt sich gegenseitig aus." (Schulz) Das verdient doch wohl die Tagesprämie, wie wir als Schüler zu rufen pflegten, wenn jemand einen unfreiwilligen Witz gemacht hatte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.07.2017 um 12.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35687

G20-Krawalle
Verdächtige von "bewaffnetem Hinterhalt" auf Schanzendach wieder frei
Die Szene gilt als Höhepunkt des Gewaltexzesses beim G20-Gipfel: Randalierer sollen die Polizei von einem Dach im Hamburger Schanzenviertel mit Molotowcocktails beworfen haben. Nun sind alle Verdächtigen wieder frei.
(SPIEGEL ONLINE)

Ist das nicht schön? Jetzt können sie ihren Sieg erst richtig feiern. Sie lernen jedesmal neu, daß ihnen in Deutschland nichts passiert. Sie sind im Recht, sie sind frei. Der Staat ist ein zahn- und krallenloser alter Tiger. Da kann man nächstesmal ruhig noch einen drauf setzen. G20-Gipfel nicht mehr in einer deutschen Großstadt? Macht doch nichts, es gibt ja immer neue Gelegenheiten. Jedes Jahr hat schließlich zumindest einen 1. Mai.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2017 um 04.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35697

Auf Fotos mit seinem Freund Trump wirkt Putin immer leicht amüsiert, aber Trump scheint es nicht zu bemerken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2017 um 09.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35726

Zukunftsplan
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 17.07.2017 um 10.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35727

Nationale Bildungsallianz
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2017 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35739

Schulz: Merkel darf zu Türkei nicht länger schweigen
Merkel hatte bestimmt nicht die Absicht zu schweigen und hat das ja auch früher nicht getan, aber für den Wahlkämpfer Schulz kam es darauf an, das, was ohnehin geschehen würde, eine Stunde oder wenigstens einige Minuten vorher mit starken Worten zu fordern. So sollte der Eindruck entstehen, er treibe die Bundeskanzlerin vor sich her. Auch sonst „fordert“ er gern, was ohnehin geschieht.

Mit dem Schlagwort "Gerechtigkeit" war es nichts, nun versucht er es mit "mehr". Das reißt aber auch keinen mit.

Eine Zeitung meint, die Partei ziehe Schulz nach unten, aber ich finde, daß es umgekehrt ist. Die Partei selbst hätte noch lange bei ihren komfortablen 25 Prozent bleiben können, nur die falsche Personalentscheidung wirkt sich mit ablaufender Zeit immer stärker aus.

Auch bei Trump kann man beobachten, was die verfließende Zeit bewirkt.

Dieser Faktor geht nie in die rhetorischen Kalküle ein, was ein großer Fehler ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2017 um 11.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35744

Heute morgen dachte ich: Wie wohl die "Präsidentenbibliothek" Trumps aussehen wird? Dann stellte ich fest, daß sich andere auch schon damit beschäftigt haben: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/donald-trump-us-comedian-trevor-noah-eroeffnet-trump-twitter-library-a-1152417.html

Die heutige FAZ versucht im Anschluß an Dieter Thomä die Einzigartigkeit von Trumps Amtsausübung zu kennzeichnen, besonders die tägliche ungefilterte Aussendung persönlicher Einfälle. Völlig neue Aufgaben für Politologen, Historiker usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2017 um 12.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35746

„Wo will Schulz noch Reserven hernehmen, wenn er alle, die potenziell SPD wählen wollen, schon hinter sich gebracht hat?“, fragt der Meinungsforscher.

Wie gesagt, ich sehe das nicht so. Manche würden vielleicht die Partei wählen, aber nicht den Mann. Umgekehrt eher nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2017 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35767

Die zielstrebige Selbstdemontage des Martin Schulz gibt Rätsel auf; man nutzt dankbar jeden Hinweis, der zur Aufklärung dieses Vorgangs beitragen könnte.

„Deshalb braucht Macron auch nicht warme Worte, sondern konkrete Kooperationen. Und ich glaube, die bekommt er mit mir mehr als mit Angela Merkel.“
Zwischen dem französischen Präsidenten und ihm gebe es eine große Übereinstimmung bei den Vorstellungen von den in Europa nötigen Reformen, betont Schulz. „Die ersten drei Vorschläge, die Herr Macron unterbreitet hat – einen europäischen Finanzminister, ein Euro-Zonen-Budget und ein Investitionspaket für die Euro-Zone – bekam (sic) in Berlin eine dreifache Antwort: ,Nein, nein, nein.‘ Aus dem Finanzministerium“, sagt Schulz.
(welt.de 21.7.17)

Ja, eben. Auch darum wird Schulz nicht Kanzler. Wie kann man mit solchen Äußerungen Wahlkampf machen? Die Leserzuschriften zeigen fast einhellig, wie sehr Schulz den Kontakt zur deutschen Bevölkerung verloren hat. Außerdem war doch schon bekannt, wie Gabriel mit seinem Vorschlag ankam, Deutschland solle noch mehr Geld nach "Europa" überweisen. Und schließlich ist aus früheren Zeiten in Erinnerung, daß es nie gut ankommt, wenn man im Ausland Verbündete gegen die eigene Regierung sucht, zumal wenn man selbst an ihr beteiligt ist. Ich möchte all das festhalten, weil man schon in wenigen Wochen vielleicht nicht mehr versteht, wie es zu dem einzigartigen Absturz kommen konnte.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 22.07.2017 um 01.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35771

Wieso einzigartiger Absturz von Martin Schulz? Da ist doch nur das Strohfeuer abgebrannt, das bei seinem Antritt von den Medien angefacht worden war. Jetzt sind Martin Schulz und die SPD da, wo sie ohne das Strohfeuer gewesen wären.

Was könnte viele Deutsche am ehesten an Merkel und der CDU stören? Zu viel Geld und Macht für Europa, zu wenig Barrieren gegen Migranten. Die SPD will eher noch mehr mehr Geld und Macht für Europa und noch weniger Barrieren gegen Flüchtlinge. Entsprechende Äußerungen von Martin Schulz sind kein Mißgriff, sondern SPD-Politik. Also finden die Leute die SPD noch schlechter als die CDU.

Was sollte man jetzt Martin Schulz vorwerfen? Ob er sich in dem einen oder anderen Interview ungeschickt äußert, halte ich für belanglos. Er ist nicht in der Lage, die Politik der SPD zu verkörpern und gleichzeitig die CDU/CSU zu überflügeln. Wer hat etwas anderes erwartet? Ich sehe nicht, welchem SPD-Politiker es hätte besser gelingen können.

Hinzu kommt die Situation, daß die SPD in der Großen Koalition mitregiert, so daß ein feuriger Wahlkampf der Sorte "Merkel und die Union haben Deutschland vor die Wand gefahren, wir werden alles besser machen!" gar nicht möglich ist. Wenn Schulz jetzt ständig mit verheißungsvollen Zukunftsplänen in den Medien ankäme, würde man fragen, wieso der SPD das alles jetzt erst einfällt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2017 um 04.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35772

Ich meine eigentlich dasselbe, habe es bloß ein bißchen anders ausgedrückt. Zu "Strohfeuer" s.
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34900
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=783#35079

Rhetorisch-massenpsychologisch unglaublich interessant.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2017 um 18.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35786

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will Flüchtlingspolitik zum Wahlkampfthema machen

Bei jedem neuen Thema, also fast täglich, wird Schulz daran erinnert, daß er gegen die Politik der Großen Koalition polemisiert, die auch seine Partei bisher mitgetragen hat. Und:

Es ist ein populäres Thema und SPD-Kanzlerkandidat Schulz will die Flüchtlingspolitik in den Fokus seines Wahlkampfs stellen. Damit ist er auf der Linie des politischen Gegners - von Horst Seehofer aus der CSU.

Das ist natürlich unangenehm.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.07.2017 um 09.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35804

Habe gerade entdeckt, wie Martin Schulz doch noch Kanzler werden kann: einfach Macron zum Vorbild nehmen.

www.welt.de/satire/article165451993/Martin-Schulz-heiratet-25-Jahre-aeltere-Frau.html

Witzig finde ich auch die Feststellung am Ende: "Schulz könnte seine Chancen auf einen Einzug ins Bundeskanzleramt beträchtlich steigern, wenn er die 62-jährige Angela Merkel heiraten würde."
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.07.2017 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35806

Das wäre dann auch ein geeigneter Anlaß zur Gleichstellung der Polygamie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2017 um 05.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35808

Positive Rückkopplung: Wenn ich jemanden so verehre, muß er ganz toll sein, darum verehre ich ihn um so mehr usw. So wird jemand hochgejubelt. Da kann er ruhig einige Fehler machen, die verzeiht man wie bei einer Geliebten; die Arbeit, die man ins Verzeihen steckt, macht das Objekt nur noch liebenswerter. Muß der Verehrte besondere Eigenschaften haben, oder kann es jeden treffen? Hier setzt die Charisma-Diskussion an.

Dasselbe funktioniert bei heiligen (= überschätzten) Texten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2017 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35837

Die ZEIT empfiehlt Martin Schulz ein anderes Wahlkampfthema: Wir müßten mehr für die Afrikaner tun, auch auf Kosten von Wohlstandseinbußen, um dadurch die Armutswanderung zu bewältigen usw.

Zugrunde liegt der linke Populismus: Wirtschaft ist Umverteilung. Den einen geht es gut, weil es den anderen schlecht geht. Folglich muß es uns schlechter gehen, damit es Afrika besser geht. Das paßt allerdings mehr auf Kirchentage als in den Wahlkampf.

(Auch ist die Voraussetzung falsch: Es handelt sich nicht um Armutswanderung.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.08.2017 um 14.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35874

Die SPD will jetzt Schulz ganz oft auftreten lassen und viel Geld dafür ausgeben, plakatiert auch sein Konterfei im Riesenformat. Das sieht wie Trotz aus. Zuerst hatte ja Schulz die Partei in die Höhe getrieben, inzwischen zieht er sie unten. Aus irgendeinem Grund verträgt der Mann es nicht, daß man ihn zu oft zeigt, hört, liest; aber das wollen die Strategen nicht einsehen.

Manche vermuten wohl mit Recht, daß nach dem Debakel im Herbst der inzwischen als Außenminister aufgefrischte Gabriel als Retter erscheinen wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.08.2017 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35881

Bildung darf nichts kosten

Zweischneidig populistisch.

Auf der Zunge liegt einem: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Wo das Trinkwasser nichts kostet, macht sich mancher nicht die Mühe, den Wasserhahn zuzudrehen. (Selbst erlebt!)

Zweitens: Alles kostet – fragt sich nur, wer letzten Endes bezahlt.

Bildung ist ein Menschenrecht wie Wohnen und Essen, und die Urlaubsreise gehört auch zu einem menschenwürdigen Dasein. All dies muß folglich kostenlos sein.

Es ist sinnvoll, eine steuerfinanzierte Pflichtschulzeit anzubieten, aber darüber hinaus sollte jeder imstande sein, die Kosten der Bildung selbst zu tragen – wenn er das will. Das wäre liberal, während "Bildung darf nichts kosten" in versteckter Form doch wieder nur die Umverteilungsideologie ausspricht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2017 um 04.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35891

Martin Schulz, der sich gerade für einen aussichtslosen Wahlkampf verheizen läßt, gebraucht auffällig oft die Konstruktion ich will, daß.
Im Gegensatz zu den anderen Modalverben regiert ja wollen auch daß-Sätze, d. h. subjektverschiedene Vollverben:

Eines Tages wird der Verbrennungsmotor Vergangenheit sein und die E-Mobilität Normalität – das wird aber noch dauern. Ich will, dass Deutschland auch dann noch Autoland Nummer 1 ist. (Schulz im SPIEGEL-Interview)

Ich will, dass den vielen Ehrenamtlichen in unserem Land Würde und Respekt für ihre Leistung entgegengebracht wird. (Focus)

Ich will, dass der Staat online geht – und zwar 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. (Augsburger Allgemeine)

Usw. – Die Willensbekundung signalisiert einerseits Tatkraft, aber die Tat selbst wird durch den Objektsatz vom Sprecher weg auf unbestimmte andere verschoben. Es ist auch schwer einzusehen, durch welches eigene Regierungshandeln Schulz die Würde der Ehrenamtlichen fördern könnte. Oft "will" Schulz auch nur das, was die gegenwärtige Regierung, an der ja die SPD beteiligt ist, ohnehin tut oder wenigstens versucht. Diese unglückliche Konstellation trägt zum ungünstigen Bild des Kandidaten bei.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 04.08.2017 um 09.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35895

"Ich will, daß …" – Leichte Sprache im Wahlkampf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2017 um 11.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35896

Oder übermäßige Liebe zu den Griechen (thelo na...)?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.08.2017 um 11.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35897

Schulz hat sich das in der Brüsseler Kantine angewöhnt, wo er auf die Speisen zu deuten pflegte und I will that! rief. Manchmal schloß sich Oettinger mit den Worten I too! an.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 04.08.2017 um 15.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35898

Höflicher wäre „tha ithela na …“, aber das paßt nicht zur Leichten Wahlkampfsprache.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2017 um 04.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35942

Trump hat spontan alliterierend angekündigt: They will be met with fire, fury and frankly power the likes of which this world has never seen before.
Das kann nur bedeuten, daß Hiroshima und Nagasaki noch überboten werden sollen. Ein Video zeigt ihn, wie er das vorträgt, äußerst merkwürdig mit eng verschränkten Armen, die gar nicht zum Pathos der Worte passen. Was bedeutet das nun wieder? Die Rhetorik ist im übrigen die Kimsche. Im Fernen Osten kennt man den Begriff "Papiertiger", aber es besteht eine gewisse Gefahr, daß der Papiertiger der Welt beweisen muß, daß er kein Papiertiger ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2017 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35953

Komisch zu lesen:

http://www.sueddeutsche.de/politik/wahl-watcher-zur-bundestagswahl-schulz-verspielt-eine-trumpfkarte-der-spd-1.3621217

(Die uns schon bekannte "Neurolinguistin" Wehler über Schulz.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2017 um 03.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35954

Leseprobe zum vorigen:

An der Universität Berkeley erforschen wir, wie unterschiedlich Menschen denken, die konservativ beziehungsweise progressiv eingestellt sind. Es ist empirisch belegt, dass konservative Menschen eher direkt-kausal denken, also eine Ursache mit einer direkten Folge verknüpfen. Menschen mit einer progressiven Ideologie dagegen denken systemisch-kausal, oder wenn Sie so wollen, komplexer. Sie sehen mehrere vernetzte Ursachen für ein Problem. Da progressiv eingestellte Menschen potenzielle SPD-Wähler sind, müsste Schulz diese ansprechen.

Was Sprachwissenschaftler alles wissen! Man könnte neidisch werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2017 um 03.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35966

Amerikanische Freunde haben uns auf einen Beitrag aufmerksam gemacht, der auch nach drei Wochen noch lesenswert erscheint, gerade als Kontrastprogramm zu Trumps Gerede:
http://www.politico.com/magazine/story/2017/07/24/how-to-take-down-kim-jong-un-215411
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2017 um 06.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35968

Martin Schulz forderte vorgestern, die Bundesregierung solle Trump zur Ordnung rufen. Gestern verlangte er eine Quote für E-Autos, nach Ansicht aller Fachleute die schlechteste Lösung, auch wahlstrategisch sehr ungeschickt. Was kommt heute? Hat er keine Berater?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2017 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35977

Die Medien haben es schwer. Um Merkels bevorstehenden Wahlsieg zu kritisieren, müßten sie das Wahlvolk beschimpfen, aber das macht auch keinen guten Eindruck. In der Süddeutschen und ähnlich in der ZEIT habe ich ungefähr folgendes gelesen: Deutschland geht es gut, und Merkel fällt nichts anderes ein als „Weitermachen wie bisher“. - Aber wie kann man das als empörend verkaufen?
In der FAS bespricht Friederike Haupt die Wirkung von Merkels Auftreten, das hartnäckige Beharren auf unmodischer, bewährter Kleidung usw. Fazit: „Wer Merkel verspottet, hebt ihre Stärken hervor.“ Das haben viele nicht begriffen, Jakob Augstein wird genannt.
Schulz meint, man müsse auch mal „Scheiße“ sagen dürfen. Freilich darf man das, aber warum sollten die Deutschen jemanden zum Kanzler wählen, der sich auf diese Weise ans Volk ranschmeißt? Das ist eigentlich klar, aber warum erkennt es eine Journalistin und nicht die Mannschaft hinter den Kandidaten?
Wir Zeitgenossen müssen es festhalten, weil es vielleicht nicht in den Geschichtsbüchern stehen wird, die tiefgründelnd zu verstehen versuchen werden, warum die SPD damals kein Bein auf die Erde kriegte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2017 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35982

Der Rhetoriker Stefan Wachtel analysiert in blumiger Rede den Redestil des Martin Schulz und kommt zwischen den Zeilen zu dem Ergebnis, daß Schulz Rhetoriktraining, genauer gesagt Stefan Wachtel und dessen „Executive modus“ braucht. (http://www.manager-magazin.de/politik/artikel/bundestagswahl-martin-schulz-im-rhetorik-check-a-1162413.html)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.08.2017 um 13.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#35993

Noch ein bißchen Wahlkampf:

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen ihrer zurückhaltenden Reaktion in der Nordkorea-Krise nicht im Wahlkampf angreifen. "Es gibt Situationen, da muss ein Volk zusammenhalten", sagte Schulz im ZDF-Sommerinterview. Er werde niemals eine Krise, die "dieser verantwortungslose Mann im Weißen Haus" auslöse, als Wahlkampfinstrument nutzen, sagte er zur Politik von US-Präsident Donald Trump. Darauf könne sich jeder Deutsche verlassen.

Auf dieses erlösende Wort hat jeder von uns Deutschen gewartet.

Sigmar Gabriel – deutscher Außenminister – wirft Merkel Unterwürfigkeit gegenüber Trump vor.

Das ist alles sehr komisch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.08.2017 um 04.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36000

Deshalb ist der Kurs des „Sie kennen mich“ in diesen Tagen nicht nur falsch, sondern er ist zynisch. Nicht nur kulturell, sondern auch politisch brauchen wir jetzt die Chuck Berrys, die Jimi Hendrixs, die Sex Pistols, Madonnas und andere Innovatoren, und wir sollten uns nicht auf den Brian-Adams- oder den Helene-Fischer-Ansatz verlassen, der zwar nicht wehtut, der auch gefällig klingen mag und uns im Sessel wohlig einschlummern lässt.
Nein, wir müssen den Aufbruch wagen, politisch im 21. Jahrhundert ankommen und unsere Hausaufgaben machen. Das bedeutet, dass wir die Narkotisierung der politischen Debatte endlich beenden müssen. Chuck Schulz und keine Helene Merkel ist das Gebot der Stunde.

Der Autor ist Wahlkampfmanager der SPD


(„Schulz ist der Chuck Berry der deutschen Politik“ - Markus Engels in der WELT im Anschluß an eine taz-Idee)

Frühmorgens kommt mir das alles besonders trostlos vor.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2017 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36026

Die Opposition wirft Horst Seehofer in der Flüchtlingspolitik vor, nicht eindeutig Position zu beziehen. SPD-Kandidat Schulz sagte, er spiele bei der Obergrenze mit den Menschen. Die Grünen-Chefin gab ihm gleich einen neuen Namen. (Welt 21.8.17)

Obwohl es nicht gesagt wird, gewinnt der Leser den Eindruck, daß die SPD Oppositionspartei ist. So entspricht es den Gewohnheiten des Textaufbaus.

Der "neue Name" ist übrigens Drehhofer, ein Geistesblitz, mit dem Katrin Göring-Eckardt wohl kaum viele Wähler hinzugewinnen wird.

In der Sache selbst, also der Flüchtlingspolitik, ist diese "Opposition" auch nicht besonders eindeutig, und daß Seehofer an der Obergrenze festhält, sie aber nicht zur Koalitionsbedingung macht, finde ich ausnahmsweise mal nicht wetterwendisch. Man sucht krampfhaft nach Streitpunkten, die den Wahlkampf beleben könnten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.08.2017 um 05.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36059

Die Wahlkampfparole Deutschland kann mehr ist auch ganz interessant. Die Erwähnung der Nation rückt den eher in Europa als daheim bekannt gewordenen Bewerber ins rechte Licht.
Der vage Komparativ entspringt der Einsicht, daß es taktisch ungeschickt wäre, Zustände schlecht zu reden, für die man nach langer Regierungsbeteiligung – gerade in den sozialen Ressorts – mitverantwortlich ist. Wenn es uns aber gut geht und nur noch besser gehen soll, bleibt nicht viel Spannung für eine "Wende" übrig, das ist nachteilig. Und wie soll dieses "Mehr" zustande kommen? Durch noch mehr Anstrengung?
Die klamme Lage zeigt sich auch in Schulzens Ankündigung, die Maut abschaffen zu wollen, die seine Partei unter seiner Führung gerade erst mitbeschlossen hat.

Der SPIEGEL drückt den allgemeinen Eindruck zutreffend aus: „Schulz sucht in diesen Wochen nach Themen, mit denen er den Abstand seiner Partei zur Union verringern kann.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2017 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36076

Weiter zur rhetorischen Situation:

„Schulz sucht in diesen Wochen nach Themen, mit denen er den Abstand seiner Partei zur Union verringern kann.“ (SPIEGEL 23.8.17)

Das ist treffend formuliert. Eigentlich sollten die Themen sich aus dem Parteiprogramm ergeben und nicht gesucht werden müssen.

"Schulz hat nichts mehr zu verlieren - also setzt er immer mehr auf Attacke (auch wenn einiges dafür spricht, dass dies wegen der sympathischen Beliebigkeit Merkels eher kontraproduktiv ist)." (Spiegel 28.8.17)
Na ja, das ist zumindest sehr verkürzt ausgedrückt, denn warum sollte Beliebigkeit (bisher der Hauptvorwurf, "Teflon" usw.) plötzlich sympathisch sein? Aber sehen wir weiter:

"Es ist zum Verrücktwerden. Jedenfalls aus Sicht von Martin Schulz. Fast jeden Tag setzte der SPD-Kanzlerkandidat vergangene Woche ein neues Thema, seine Wahlkampfveranstaltungen sind bestens besucht, die Stimmung auf den Markplätzen ist gut: Aber in den Umfragen kommt seine SPD trotzdem kaum vom Fleck, der Vorsprung der Unionsparteien bleibt deutlich, auch im direkten Vergleich liegt Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel weit vorn."

Fast jeden Tag ein neues Thema - ist das nicht auch eine Umschreibung von "Beliebigkeit"?

"Doch was sollte Schulz sonst tun? Die Themen-Ballons, die er bisher steigen ließ, verschwanden oft schon nach wenigen Stunden weitgehend unbemerkt am Horizont - von der EU-Quote für Elektroautos bis hin zu seinen Ratschlägen zum richtigen Umgang mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan." (FAZ 28.8.17)

Eben! Die Themen-Ballons haben nichts mit der SPD zu tun und interessieren auch den Kandidaten nicht wirklich, sonst würde er sie ja nicht gleich wieder aufgeben.

Merkel braucht keine Themen zu suchen. Sie regiert ja, da gibt es jeden Tag etwas zu tun. Selbst wenn sie etwas Falsches tut, bleibt dies als eigentlicher Bonus.

Darum ist auch der Vorwurf der "Abgehobenheit" nicht gut plaziert. Man kann nicht im gleichen Atemzug der Regierungschefin vorwerfen, sie habe kein Konzept, sondern lasse sich von den täglichen Wechselfällen treiben – und sie sei "abgehoben".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2017 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36082

Noch am selben Tag ließ Schulz sich zu der Ankündigung hinreißen, als Bundeskanzler werde er die Fußballergehälter und und Ablösesummen begrenzen.
Ist es wirklich ein Zeichen von Tatkraft, zu allem eine Meinung zu äußern – und Absichten, von denen jeder weiß, daß man sie nicht umsetzen kann? Natürlich verführen die Journalisten dazu, aber dem könnte man widerstehen.

Auch Bildungspolitik ist kein gutes Thema für die SPD. Man denkt zuerst an die Länderkonkurrenz: Bremen gegen Bayern zum Beispiel. Außerdem drängt Schulz die mitgewollte Grundgesetzänderung in einen Nebensatz: die Zuständigkeit der Länder müßte weiter aufgeweicht oder aufgegeben werden, aber das ist nicht so einfach. Sachgerecht wäre es, die Grundgesetzänderung zum Ziel zu machen und dann erst die dadurch möglichen Maßnahmen. Dann würde allerdings die Illusion auffliegen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2017 um 06.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36084

In einem so einem reichen Land wie in Deutschland, verdammt noch mal, muss die Würde im Alter finanzierbar sein. (Schulz)

Wahlkampfreden sind ja Routineveranstaltungen, aber man kann auch „spontane“ Ausbrüche hineinschreiben. Cicero bekannte sich hemmungslos zu solchen Tricks. Das ist also, verdammt noch mal, gute Tradition.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.08.2017 um 14.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36085

Die Würde des Menschen ist unantastbar
(GG, Artikel 1, Absatz 1),
also auch nicht finanzierbar.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 29.08.2017 um 16.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36086

Dabei weiß doch jeder, daß sie antastbar ist. Ob man daraus auch auf ihre Finanzierbarkeit schließen, kann, ist eine andere Frage. Wieviel ist Würde wert?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2017 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36087

Ohne Interpretation sind solche erhabenen Begriffe nichts wert. Man kann zum Beispiel nicht einfach behaupten, daß ein Grundeinkommen der Würde des Menschen entspricht, Hartz IV aber nicht. Von der Würde der Steuerzahler gar nicht zu reden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.08.2017 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36094

Nach Jahren wieder mal eine Stunde Fernsehen geguckt (in der Ferienwohnung). Wahlkamof, Armut und Reichtum in Deutschland, ein sogenanntes "Magazin". Ich bin sogar heute morgen noch ganz benommen von der Oberflächlichkeit. Man besucht ein paar arme und reiche Leute und stellt die Verteilung von Einkommen und Vermögen irgendwie anklagend, aber ohne analytische Bemühung, in die Gegend, damit der Zuschauer leicht empört auf die nächste Sendung warten kann.

Zuvor hatte ich einen Beitrag des SPIEGEL über Merkels Pressekonferenz gelesen:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/angela-merkel-im-wahlkampf-das-grosse-ablenkungsmanoever-a-1165113.html
Der Mann ist offensichtlich überhaupt nichts eingefallen, er brabbelt im gewohnten SPIEGEL-Ton vor sich hin, irgendwie auch kritisch-ironisch. Erschreckendes Niveau des deutschen Journalismus. Kann wegfallen.

Über die FAZ ärgern wir uns zwar auch jeden Tag, aber oberflächlich wie die Genannten ist sie nie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.08.2017 um 07.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36104

Kritisch haben Sie sich auch zu den schwindelerregenden Transfersummen im Fußball geäußert. Anlass war der Wechsel von Ousmane Dembélé von Dortmund nach Barcelona. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Schulz: Ich glaube, viele Fans verstehen das nicht mehr, dass für einen 20-jährigen, wenn auch hochtalentierten Spieler solche Summen gezahlt werden. Da droht etwas aus dem Gleichgewicht zu geraten. Ich sehe die Entwicklung mit Sorge.
Was kann Politik da tun?
Schulz: Gesetzgeberisch einzugreifen wäre extrem schwierig. Aber dass sich immer mehr Geld bei wenigen Klubs anhäuft, führt zu schwindendem Interesse in der Breite. Das ist schade. Spannend ist es, wenn möglichst viele Chancen haben.

(Neue Westfälische 29.8.17)

Ist spannender Fußball eine Staatsaufgabe?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2017 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36111

Ist Erdogan ein "Feind der Türkei" (Schulz)? Trump, Putin, Kim, Assad, Orban als Feinde ihrer Länder, und die Volksverräterin Merkel ist eine Feindin Deutschlands, genauer gesagt die Rache der DDR an der BRD (so Frauke Petry). Was tun?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2017 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36112

Angeblich will ein Fünftel der Wähler seine Wahlentscheidung vom Ausgang des Fernsehduells der beiden Spitzenkandidaten am Sonntag abhängig machen. Ich fände das bedenklich, wenn es stimmte, aber es stimmt nicht.

Man macht sich etwas vor, wenn man glaubt, man könne die zirzensisch angekündigte und aufgemachte Veranstaltung völlig neutral beobachten, als handele es sich um eine politische Talkshow irgendwo in Burundi. Vielmehr sieht jeder schon durch die Brille seiner politischen Einstellung und seiner in vielen Jahren gewachsenen Vorlieben und Abneigungen. Was der eine als Vorteil Merkel einschätzt, ist dem anderen eine Schlappe usw.

Bedenklich wäre es, weil das Urteil über die Zukunft des Landes sicher nicht von solchen Augenblickseindrücken bestimmt sein sollte, auch wenn sie ihren Teil dazu beitragen. Man hat ja besonders an den amerikanischen Fernsehauftritten (Kennedy, Nixon...) solche Beobachtungen angestellt, mit ungewissen Schlußfolgerungen. Kurzum, ich halte die Präferenzen für stabiler, als zum Zwecke der Spannungssteigerung behauptet wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2017 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36113

Gerade sehe ich, daß Jan Fleischhauer in einem diesmal ziemlich guten Betrag das Richtige trifft:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/martin-schulz-im-unglueck-vor-dem-tv-duell-kolumne-a-1165445.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.09.2017 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36116

Die Journalisten sind von Berufs wegen daran interessiert, ihre eigenen Inszenierungen, also Interviews, Duelle... für besonders wichtig und folgenreich zu halten. Wie man liest, arbeiten Medienberater daran, die Körpersprache von Martin Schulz zu verbessern, ihm den Pistolenfinger und das Herumfuchteln mit der geballten Faust an unpassenden Stellen abzugewöhnen. Meiner Ansicht nach wird das alles stark überschätzt, nährt aber seinen Mann.

Einen empirischen Beweis für die Wirksamkeit der rhetorischen Mittel (es sind immer noch dieselben wie bei Cicero und Quintilian) wird es nie geben, weil die Simulation im psychologischen Experiment gerade um das Wesentliche verkürzt ist. Hinterher erklären uns die Experten, wieso jemand wegen oder trotz seiner Rhetorik gewonnen oder verloren hat. Das ficht aber die Bekehrten so wenig an wie der beklagenswerte Status von Homöopathie und Astrologie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.09.2017 um 15.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36131

Die traditionelle Rhetorik ist die Kunst der monologischen Rede, nicht unterbrochen von Zwischenfragen und Einwänden. Platon hat den Gegensatz zwischen Rede und Gespräch, also zwischen Rhetorik ud Dialektik, besonders scharf herausgearbeitet. Seiner Ansicht nach will die Rede Eindruck schinden, der Dialog dagegen günstigenfalls die Gesprächspartner verändern, wirkliche Einsicht (wenn auch nur in die eigene Unwissenheit) fördern.

Unsere Politiker lassen sich vor einem öffentlichen Streitgespräch "coachen". Sie üben zu jedem denkbaren Argument die Gegenargumente ein, zu jeder Frage die Antworten. Im Duell Merkel-Schulz hörte man an einigen Stellen die Mechanik des Rhetorik-Lehrbuchs knirschen. Seine Übereinstimmung mit Merkel in der Rentenfrage brachte Schulz so übertrieben strahlend zum Ausdruck (sogar "A la bonne heure!" rief er), daß man merkte, er wird gleich seine Trumpfkarte aus dem Ärmel holen. Das Muster war: Wir sagen zwar dasselbe, aber mir kann man glauben, dir nicht, weil du früher schon einmal gelogen hast! Dann kam die Maut-Geschichte, und alles ging in voraussehbarer Weise weiter (mit viel zu langem Verweilen bei diesem ungeplanten Thema).

Nicht so gekonnt war auch das Zitat eines sonst unbekannten schiitischen Theologen, dessen Namen Schulz einstudiert hatte, weil er ihm, wie man sich denken kann, sicher nicht geläufig gewesen war. Zitate sollten, wenn überhaupt, an geeigneter Stelle aus dem Herzen des Redners selbst zu stammen scheinen und nicht bereits als Zitate angekündigt werden, noch dazu mit der Bemerkung, er habe es sich eigentlich für das Schlußwort aufheben wollen. Das wirkt wenig souverän, schülerhaft in meinen Ohren. Daß Schulz den Rätselspruch nicht näher erläuterte, sondern die anderen Teilnehmer ratlos zurückließ, machte die Sache nicht besser. Wer mag ihm so etwas eingeredet haben?

Schulz versuchte gar nicht erst zu verschleiern, daß er das getragene Schlußwort auswendig gelernt hatte.

Einer der "Moderatoren" fragte die Kandidaten, ob sie am Sonntag in der Kirche gewesen waren. Diese Frage hätte nur Sinn gehabt, wenn es um die Stellung der Politiker zur Religion gegangen wäre. Aber so weit wollten die Journalisten sich gar nicht darauf einlassen, es war kontextfreie Zeitvergeudung und verpuffte einfach.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.09.2017 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36132

Was über Körpersprache gesagt wird, scheint oft nicht gut gesichert. Die Welt" hat auch eine Expertin befragt, und sie sagt etwas vielleicht ganz Interessantes:

DIE WELT: Und war das Lächeln echt?
Heilmann: Bei Merkel lächelten fast immer die Augen mit. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Emotion in dem Moment tatsächlich echt ist. Und sie hat in diesem TV-Duell für ihre Verhältnisse auffällig viel gelächelt. Bei Schulz dagegen fällt auf, dass er meist nur mit dem Mund lächelt, was dann aufgesetzt wirkt.
DIE WELT: Liegt das möglicherweise an seinem Bart?
Heilmann: Durch den Bart geht natürlich Mimik rund um Mund und Wangen verloren. Aber dafür nutzt er um so intensiver seine Augenbrauen, um seinen Worten Ausdruck zu verleihen. Auffällig bei Schulz ist, dass er beim Sprechen seine Oberlippe nicht bewegt und den Mund ziemlich geschlossen hält, wodurch seine Stimme immer so gepresst und angespannt, manchmal fast gequält klingt.


War mir so ähnlich schon früher aufgefallen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.09.2017 um 03.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36133

Die CSU gehört eigentlich nicht zu den "kleineren Parteien", denen die Anstalten besondere Sendungen widmen. Vom Zuschnitt her ist sie seit ewigen Zeiten regierende Partei mit einer satten Mehrheit. Ich kenne Leute, die mir ganz offen erklärt haben, daß sie der CSU nur beigetreten seien, weil sie dann in Bayern leichter Karriere machen könnten. Trotz Absetzgeplänkel ist die CSU Teil einer "großen" Partei und benimmt sich auch so.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.09.2017 um 04.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36134

„Es gibt jemanden, der will die Vergangenheit verwalten, der heißt Angela Merkel. Und es gibt jemanden, der will die Zukunft gestalten, und der heißt Martin Schulz.“ (Schulz über das TV-Duell)

Man muß ja wirklich verrückt sein, wenn man die Vergangenheit verwalten will. Dann doch lieber jemanden, der die Zukunft gestalten will.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 05.09.2017 um 10.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36136

Je nach Interessenlage berufen sich CDU und CSU mal auf ihre Eigenständigkeit und mal auf ihre Fraktionsgemeinschaft im Bundestag. Als Schröder nach der Bundestagswahl 2005 die Kanzlerschaft für sich beanspruchte, weil die SPD stärkste Partei geworden war, wurde das vehement zurückgewiesen. Begründung: Die Leute haben die Union gewählt, die mit einem gemeinsamen Wahlprogramm angetreten ist, da kommt es beim Zusammenzählen der Stimmen nicht darauf an, ob jemand CDU oder CSU gewählt hat. Wenn es nun im Wahlkampf darum geht, zusätzliche Sendeminuten einzuheimsen, wird plötzlich wieder die Eigenständigkeit der beiden »Schwesterparteien« hervorgehoben.

Es hat schon etwas Komisches, wenn beim TV-Duell der Unionskandidatin mit dem SPD-Herausforderer die Sekunden gezählt werden, damit ja niemand bevorteilt wird, einen Tag später dann aber dem bayerischen Ableger der Union viele Werbeminuten frei Haus geliefert werden und die SPD dabei leer ausgeht. Da das Ganze nicht wahlentscheidend sein dürfte, braucht man sich nicht weiter damit zu beschäftigen, aber bemerkenswert finde ich es schon. Doch wer weiß, vielleicht erhält die SPD in vier Jahren ja aus eigenem Recht eine Einladung zur Runde der kleinen Parteien.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.09.2017 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36137

In der gestrigen FAZ wird bemängelt, daß das "Duell" sich zu wenig mit Zukunftsfragen beschäftigt habe. Das lag aber auch an den vorbereiteten Fragen, die oft eine Rechtfertigung für Vergangenes forderten und förderten.

Übrigens ist sich Reinhard Müller in derselben Ausgabe nicht zu schade, von der "Teflon-Kanzlerin" zu sprechen, was ich nun doch ziemlich primitiv finde, nachdem auch der letzte Winkeljournalist den Geistesblitz zu Tode geritten hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.09.2017 um 04.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36159

Parteizeitungen liest man ja nur selten, wenn man selbst kein Mitglied ist. Mal einen Blick in den "Vorwärts" geworfen: TV-Duell: Klarer Sieg für Martin Schulz (3.9.17) usw., auch sonst Schulz auf unaufhaltsamer Siegestour durch Deutschland – was für eine seltsame Welt!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.09.2017 um 18.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36186

Schon wieder rückt Schulz die Bildungspolitik und insbesondere die Abschaffung der Kita-Gebühren ganz nach vorn in seinem (handgeschrieben als Anzeige veröffentlichten) Katalog "unverhandelbarer" Forderungen. Logischerweise müßte er zuerst fordern, das Bildungswesen aus der Zuständigkeit der Länder in die des Bundes zu überführen. Dazu scheint ihm der Mut oder die Einsicht zu fehlen.
Wie verschiedene Medien, auch Eltern meinen, ist die Gebührenfreiheit ihnen nicht so wichtig wie eine gute Betreuung. Besserverdienende können zahlen, den Ärmeren wird die Gebühr schon jetzt ermäßigt oder abgenommen. Kita unterliegt nicht der Schulpflicht, mit der man die Gebührenfreiheit der staatlichen Schulen begründen kann. Dieser Programmpunkt der Umverteilung – im Jargon: "Gerechtigkeit" – ist darum auch taktisch nicht geschickt gewählt.
Was Schulz sonst fordert, wollen die anderen ja auch; die Chancen steigen nicht, wenn man "unverhandelbar" hinzufügt.
Merkel die Vizekanzlerschaft anzubieten könnte frech und munter wirken, aber frech ist Schulz eigentlich auch nicht. Auf den letzten Metern sollte man noch einmal zulegen, aber das Gegenteil ist der Fall.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2017 um 04.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36201

Vor seinem sternschnuppenhaften Auf- und Abstieg war mir Martin Schulz fast nur durch seine Pläne für Eurobonds bzw. den Schuldentilgungsfonds in Erinnerung. Seltsamerweise wird er darauf nie angesprochen. Noch seltsamer: Ständig rühmen die Medien seine "Nähe zu den Menschen". Das wird wohl mit dem Würselen-Komplex zusammenhängen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2017 um 07.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36205

Schulz weiß genau, daß ein zweites Fernsehduell mit Merkel auf die Schnelle nicht möglich ist und außerdem kein anderes Ergebnis zeitigen würde als das erste. Der Zweck dieser Forderung erfüllt sich also in der Mitteilung selbst, daß er die Kanzlerin brieflich dazu aufgefordert habe. Weil sie absagen muß und wird, soll sie als feige dastehen, wie sich auch Oppermann ausrechnet. Aber das ist eine abwegige Spekulation und kann nur aus einer gewissen Verzweiflung erklärt werden. Es ist wirklich eine ziemlich knifflige Situation. Man denkt an Goethes Satz vom falschen Knopf ganz am Anfang; es kann nicht wieder gutgemacht werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2017 um 15.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36208

Die Absage erfolgte wie gewünscht und die gespielte Empörung der SPD wie geplant ("Frau Merkel kneift"). Jetzt wird es wirklich lächerlich, und alle sollten froh sein, daß es bald vorbei ist.

Man kann sich richtig vorstellen, wie das Wahlkampfteam sich den Streich ausgedacht hat, um Merkel "vorzuführen". Nur eins haben sie nicht bedacht: "Nur Verlierer fordern eine Revanche." Dieses Eingeständnis schließt ein, daß Merkel vor einem weiteren Duell natürlich keine Angst zu haben braucht und sicher auch keine hat – warum sollte sie?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2017 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36210

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#27631

Die Fraktionsspitzen aller Bundestagsparteien haben sich für eine Verlängerung der Wahlperiode von vier auf fünf Jahre ausgesprochen. (September 2017)

Natürlich. Wer drin ist, möchte länger drin bleiben. Wer nicht drin ist, hat nicht mitzureden. Die Selbstermächtigung ist nicht aufzuhalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2017 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36214

Politiker stellen bei Gesprächen mit der Bevölkerung immer wieder fest, daß viele Leute glauben, Preise, Mieten, Löhne würden von der Regierung bzw. vom Parlament festgesetzt – wie Renten, Pensionen, Steuern und Gebühren (der Mindestlohn verführt dazu). Auch sind die Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Gemeinden vielen nicht annähernd klar. Es ist nicht möglich, das jedesmal zu erklären; außerdem wird es nicht geglaubt oder nicht für wichtig gehalten. Darum sind solche Diskussionen so unbefriedigend.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2017 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36218

Nicht als der Pensionär, der ich bin, sondern als Zeitungsleser und auch sonst neugieriger Zeitgenosse versuche ich nachzuschmecken, welche Idee heute eine nennenswerte Zahl ebensolcher hinter dem Ofen hervorlocken könnte. Was treibt und beflügelt die Leute? Sicher nicht die Aussicht auf mehr Umverteilung ("soziale Gerechtigkeit"). Riesige Volkswirtschaften legen in aberwitzigem Tempo zu, und wir bauen den Sozialstaat aus? Nichts gegen den Sozialstaat, aber Wachstum ist wichtiger, damit es etwas zu verteilen gibt. So etwa dürfte die Stimmung sein.

Die gute alte ÖDP plakatiert "Mehr Respekt für Tiere", der Würselner will "Mehr Respekt für Ostdeutsche". Dabei wird Deutschland seit 12 Jahren von einer Ossi regiert.

Wunderbar auch: "Umwelt ist nicht alles, aber ohne Umwelt ist alles nichts." Wer möchte ohne Umwelt leben?

Die CSU will "Mehr Sicherheit", die SPD "Mehr Gerechtigkeit", die Linke "Mehr Nähe".

Ausländer entsorgen ist vergleichsweise konkret.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.09.2017 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36221

Auf welchem Plakat steht denn "Ausländer entsorgen"?
Auch Gauland hat das Wort nicht in bezug auf Ausländer benutzt.
Es ist nicht ganz fair, die einen Parteien von ihren offiziellen Wahlplakaten zu zitieren und die andern mit irgendwelchen dummen Stammtischsprüchen einfacher Leute. Da käme keine Partei gut dabei weg.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.09.2017 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36222

Wenn man das unzurechnungsfähige Lächeln von Schulz auf den Plakaten sieht, muß man sich unwillkürlich den Slogen »Legalize it!« dazudenken.
 
 

Kommentar von Mitleser, verfaßt am 16.09.2017 um 01.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36223

"Seehofer behaart auf Obergrenze"

(Überschrift im Teletext eines Regionalsenders)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2017 um 05.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36226

Die „Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ (Alexander Gauland) – das weckt Erinnerungen an meine Jugend; damals waren solche Schlagwörter Alltag: Verbrecherregime und unvergleichliche Tapferkeit der Wehrmacht, mit dieser Gegenüberstellung sind wir aufgewachsen. Spuren davon auf Kriegerdenkmälern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2017 um 18.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36229

Außenminister Sigmar Gabriel gibt Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Mitverantwortung für das Erstarken der AfD. Diese habe es in der Flüchtlingskrise versäumt, sich stärker auch um "die Inländer" zu kümmern, sagte Gabriel dem "Spiegel". Es sei schwierig gewesen, Merkel und der CDU/CSU "klar zu machen, dass wir uns auch um die kümmern müssen, die sonst das Gefühl haben, dass wir sie vergessen". (n-tv 14.9.17)

Also hat die AfD recht? Aber warum hat sich dann die SPD nicht um uns Inländer gekümmert?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.09.2017 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36232

Martin Schulz regt heute im Ersten in der Sendung "Wahlarena" die Phantasie der Gäste an:

"Mir geht das Schicksal dieser Leute nicht irgendwo vorbei."

Wo könnte es ihm wohl rein theoretisch vorbeigehen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.09.2017 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36233

Viele versuchen sich an der Nummer "Bürgernähe", und es menschelt gar sehr. Natürlich stehen alle vor dem Problem, daß die Behauptung, man kümmere sich um jeden einzelnen Menschen, aus mathematischen und physikalischen Gründen nicht wörtlich verstanden werden kann, Bürgersprechstunde hin oder her. Dazu gehört auch die fernsehwirksame Ankündigung, man werde im konkreten Einzelfall unverzüglich bei der Behörde XY anrufen, um die skandalöse Sache zu bereinigen usw. Das erinnert an Anekdötchen vom Alten Fritz und ähnliches Herrscherlob aus feudalen Zeiten.

Die richtige Politik denkt in Strukturen, nicht Interventionen nach Gutsherrenart.

Lese gerade, daß Schulz eine Revolution im Pflegewesen ankündigt, das nun zur Staatsaufgabe Nr. 1 werden soll, außerdem Hunderte von Milliarden in den öffentlichen Verkehr pumpen will. Noch fünf Tage.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2017 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36254

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#34483

Auch im "manager magazin" bescheinigt Experte Verra dem Verlierer Schulz noch einmal seine Verlierer-Körpersprache. Musterbeispiel naiver symbolischer Deutung. Alles sehr einleuchtend und wertlos.
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 21.09.2017 um 20.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36265

Ein Petitesse in der bald überstandenen aggressiven Ortsbildverschandelung: Sowohl die CDU als auch die Linkspartei bedienen sich des Zauberworts der Schwulen und fordern "Respekt".

CDU und Kommunisten – diese für Wessis damals noch undenkbare Koalition hatte ich 1991 in der Gemeindeverwaltung von Neuenhagen bei Berlin kennengelernt. Die SPD hatte gute unbelastete Leute und war stärkste Partei, aber CDU und damals PDS aus dem demokratischen Block stellten den Bürgermeister und bestimmten, was gemacht wird.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 21.09.2017 um 21.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36266

Respekt dem, der sich das ausgedacht hat!

Friedrich der Große hat sich übrigens tagtäglich mit den Anliegen einzelner Bürger beschäftigt, wie aus seinem Briefjournal hervorgeht, den sogenannten »Minüten«.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2017 um 06.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36271

Der kleine Fritz (also ich zum Beispiel) denkt sich, die Parteien wollen die Macht, um ihr Programm zu verwirklichen; aber sie machen es umgekehrt. Sogar die ZEIT schreibt:

Schulz und seine Leute beginnen Ende Januar also Themen zu sondieren: Welche Inhalte treiben potenzielle Wähler um? Der Findungsprozess ist in den kommenden Wochen quasi live zu beobachten – zum Nachteil der SPD. (21.9.17)

Schulz zwei Tage vor der Wahl: „Es geht um die gerechte Verteilung von Wohlstand.“

Auch, aber nicht nur und nicht in erster Linie. (Meinung des kleinen Fritz zum Findungsprozeß)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2017 um 18.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36281

Parteien, die im wesentlichen nur einen einzigen Programmpunkt haben, pflegen sich früher oder später aufzuspalten. Ich habe das aus der Geschichte der Grünen in Erinnerung. Die Umwelt- und Naturschutzbewegung hatte schon immer einen linken und einen rechten Flügel. Grünen-Mitgründer Gruhl spaltete dann die ÖDP ab, weil ihm die Grünen zu rot waren, und zur Zeit gibt es schon wieder ähnlichen Streit.

Bei der AfD hat es ja bereits eine große Spaltung und beinahe Neugründung unter demselben Namen gegeben, mit einer krassen Verschiebung des Programm-Schwerpunktes.

In der Tat, warum sollte man, wenn man eine bestimmte Position in der Migrationsfrage vertritt, auch in der Bildungs- oder Rentenpolitik oder beim Euro übereinstimmen?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.09.2017 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36282

Das erscheint mir nicht logisch. Wenn eine Partei mehrere Programmpunkte für sehr wichtig hält, gibt es doch entsprechend mehr Felder, in denen sich gegensätzlich orientierte Gruppen in dieser Partei bilden könnten. Es sei denn, die Haltung der Partei in allen diesen Programmpunkten ergäbe sich mehr oder weniger schlüssig aus einer gemeinsamen Grundüberzeugung, die das eigentliche Band zwischen den Mitgliedern herstellt.

Die zahlreichen Spaltungen in der Geschichte der SPD ergaben sich nicht aus verschiedenen Programmfeldern, sondern trotz einer gemeinsamen Zielrichtung (soziale Gerechtigkeit) vor allem aus verschiedenen Ansichten über den Weg der Umsetzung: revolutionär/radikal oder Entwicklung durch Reformen usw. Dasselbe von Anfang bis heute bei den Grünen: Fundis gegen Realos.

Bei der AfD liegt die Bedrohung durch Spaltung aber nicht daran, daß sie zusätzlich zu ihrer ursprünglichen Programmatik (Widerstand gegen die Euro-Politik/zuviel EU) nun einen zweiten, aktuelleren Schwerpunkt bekommen hat (Migration, Islamisierung, innere Sicherheit). Die mögliche Spaltung wäre fast genauso wahrscheinlich, wenn die AfD von Anfang an nur dieses zweite Themenfeld im Fokus gehabt hätte, also tatsächlich eine monothematische Partei wäre. Denn dabei geht es um das Hineindrängen von Neonazis und ähnlichen Geistern – schon die thematische Ähnlichkeit zur damaligen Ausländerfeindlichkeit der Nationalsozialisten ist unvermeidlich und hochbrisant. Daraus ergibt sich für die AfD die Notwendigkeit, sich von "Ideologen" und haßerfüllten "Ausländerfeinden" abzugrenzen, auch wegen der politischen Angreifbarkeit; gleichzeitig ist diese Abgrenzung mehr oder weniger unmöglich. Das führt zu andauernden Konflikten innerhalb der Partei. Ich denke, es ist der interne Dauerstreit, der auf eine Lösung durch Abspaltung drängt. Das liegt aber dann nicht an "nur ein Hauptthema", sondern an der Art der Thematik, die besonders in Deutschland vergiftet ist.

Letztlich geht es auch bei der AfD darum: radikal oder bürgerlich? Wie radikal will die AfD selbst sein, wieviel Radikalität will oder kann sie in ihren Reihen dulden? Das ist eigentlich dasselbe wie bei den Flügeln innerhalb der Grünen oder bei der Sozialdemokratie (aktuell gespalten in die Realo-SPD und die fundamentalistischen Linken). Mit der Zahl der Themenfelder, die die jeweilige Partei besetzt, hat das meines Erachtens nicht so viel zu tun.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.09.2017 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36285

Die Medien stehen mehrheitlich halblinks, darum verstehen sie in diesen Tagen die Welt nicht mehr. Rührend und etwas komisch das Handelsblatt:

Selten gab es einen Kanzlerkandidaten, der, trotz wachsender Aussichtslosigkeit, sich so abgerackert hat wie Schulz. Auch deswegen begeistert er die Massen – bis zum bitteren Ende.

Also: Das Volk liebt Schulz und wählt Merkel. Aus den Erklärungsversuchen: Merkel heftet sich die großen Leistungen des Koalitionspartners ans eigene Revers.

Viele Journalisten wollen nicht begreifen, daß ihre eigene Wahrnehmung gestört ist: Sie verwechseln ihr unermüdlich herbeigeschriebenes Bild mit der Wirklichkeit. Am Montag beginnt dann die Wählerbeschimpfung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.09.2017 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36286

In den Jahren, als ich noch Wahlhelfer war, gab es nur wenige Briefwähler, aber es reichte für einen langen Sonntagabend und zuletzt sogar noch den Montag.
Wenn jetzt fast ein Drittel und demnächst wohl die Hälfte briefwählt, bekunden die Leute doch im Grunde, daß ihnen der Wahlkampf ziemlich wurscht ist. Auf den wilden "Endspurt" wollen sie gar nicht erst warten. Das sollten die Parteien und Propheten auch bedenken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.09.2017 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36287

Gerade kommt die FAZ ins Haus. Im Leitartikel kritisiert Reinhard Müller die Briefwähler. Die Wahl müsse ein persönlicher "Urnengang" bleiben (makabres Wort!), mit dem "gemeinsamen Wissen" dieses Sonntags.
Aus dem genannten Grund kann ich nicht zustimmen. Die Briefwähler - sie nehmen ja immerhin teil und bleiben nicht im gleichen Sinn zu Hause wie die Nichtwähler - haben sich offensichtlich ein Urteil gebildet, aber eben über die Jahre hin und nicht unter dem Beschuß der Wahlkämpfer. Was ist dagegen zu sagen?
(Ich selbst habe noch nie an der Briefwahl teilgenommen, außer eben als Wahlhelfer.)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.09.2017 um 06.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36288

Die meisten Medien erscheinen mir gerade in der Vorwahlzeit regelrecht verlogen. Es beginnt damit, daß die Wähler allseits beschworen werden, doch ja zur Wahl zu gehen, bei einer niedrigen Wahlbeteiligung nehme die Demokratie Schaden. So ein Unsinn. Die Wahrscheinlichkeit, daß der einzelne Wähler mit seiner Stimme etwas bewirken kann, beträgt exakt null. Die Wahrheit beginnt damit, diese einfache Tatsache nicht ständig zu verleugnen. Und wenn viele Leute aufgrund dieser Erkenntnis nicht zur Wahl gehen, warum sollte die Demokratie deshalb Schaden nehmen? Ob es demokratisch zugeht, hängt von den Regierenden ab, nicht von den Wählern. Bei der Rechtschreibreform haben wir es gesehen: Das Volk war stabil zu rund 80 Prozent gegen die Reform, die Regierenden haben sie trotzdem umgesetzt. Wozu soll man da noch zur Wahl gehen?

Zweitens wurde und wird ständig gegen die AfD polemisiert. Dabei gäbe es die AfD gar nicht, wenn die regierenden Parteien die gewaltigen Probleme im Zusammenhang mit Europa, dann im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise sachgerecht und ernsthaft zu lösen versucht hätten. Die Entscheidungen Merkels in der Flüchtlingskrise waren undemokratisch, nicht einmal der Bundestag hatte in dieser nationalen Schicksalsfrage etwas zu entscheiden. Der Protest dagegen, das ist die AfD. Im Sinne der Demokratie wäre es entsprechend, wenn jetzt die Medien Merkel in dieser Frage kritisierten und den Protest der AfD unterstützten, oder zumindest das Anliegen ernst nähmen, daß der heftige Protest gegen Merkels Politik mit der AfD im Bundestag repräsentiert sein sollte. Und wenn es so schlimm ist, daß die AfD Zulauf erhält, dann könnten die Medien vorzugsweise Merkel dafür kritisieren, weil vor allem sie für diesen Zulauf verantwortlich ist. Tun sie aber nicht. Stattdessen verteufeln sie die AfD als Inbegriff des Übels und beispielsweise auch Viktor Orbán, obwohl Orbán jedenfalls in der Migrationskrise durchaus im Einklang mit der Meinung seines Volkes, also demokratisch handelt und nebenbei mit der Sperrung der Balkanroute Deutschland vor einer Überlastung durch noch mehr Masseneinwanderung bewahrt hat. Der Großteil der Medien berichtet über all das nicht ausgewogen, sondern ideologisch verzerrt und manipulativ. Hoffentlich ist die Wahl bald vorbei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.09.2017 um 07.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36289

Der Phonetiker Walter Sendlmeier analysiert in einem Extra der FAZ Merkels Sprechweise, auf die er einen Teil ihres Erfolgs zurückführt. Der Aufsatz ist viel besser als manche laienhaften Deutungen von sogenannten Körpersprachforschern und Kommunikationsberatern und recht lesenswert.
Die Beschreibung ist, wie fast immer, besser als die noch wenig fundierte Erklärung, zu der es immer noch an empirisch-vergleichender Forschung fehlt. Interessant wäre ein entsprechender Text über Schulz, den Sendlmeier und seine Mitarbeiter aber sicher nicht 16 Jahre lang beobachtet haben wie Merkel.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.09.2017 um 07.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36290

Lieber Herr Wrase, Ihre Hoffnung, daß die Wahl bald vorbei sein möge, wird sich bestimmt erfüllen; es handelt sich um ein paar Stunden.

In der Sache bin ich ganz anderer Meinung als Sie, aber dazu werde ich hier nichts schreiben. Immerhin frage ich meine Bekannten immer, wie sie sich eine sachgerechte Lösung der Migrationsfrage vorstellen, und das könnte ich hier auch tun.

Wie ich schon mehrmals geschrieben habe, bin ich ein typischer Wechselwähler und nicht leicht zu schockieren.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.09.2017 um 10.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36292

Ich habe hier zugespitzt geschrieben, weil man die Migrationskrise und die damit zusammenhängenden Probleme nicht in drei Sätzen auf den Punkt bringen kann. Entsprechend sind auch meine Bewertungen zugespitzt. Ich bin jedenfalls der Meinung, daß man sich leicht eine bessere Lösung der Flüchtlingskrise vorstellen kann als diejenige, die in Deutschland seit 2015 umgesetzt worden ist. Ich wüßte da schon etwas zu antworten.

Mein eigener Haupteinwand gegen die massenhafte Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten in Deutschland ist übrigens: Mit demselben Geld, das die Versorgung und Integration eines Einwanderers hierzulande kostet, könnte man vielleicht zwanzig Menschen (oder wie viele?) etwa aus Syrien hinreichend unterstützen (Sicherheit, Ernährung und weitere Grundbedürfnisse), wenn sie in ihrem Heimatgebiet oder in Nachbarstaaten blieben, bis sie zurückkehren können. Da es hier um gewaltige Ausgaben geht (langfristig weit im Hundert-Milliarden-Bereich, siehe Wikpedia: Flüchtlingskrise in Deutschland ab 2015, Abschnitt "Langfristige Kosten"), steht das Geld nicht beliebig oft zur Verfügung, sondern man muß sich entscheiden, wofür man es ausgibt. Was ist besser: einen Menschen luxuriös retten und sich um neunzehn Notleidende nicht kümmern – oder alle zwanzig mit dem Nötigsten unterstützen? Das ist doch überhaupt keine Frage.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.09.2017 um 16.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36293

Na ja, "leicht vorstellen" kann man sich vieles. Die einzelnen Schritte sollte man sich aber auch vorstellen, sonst bleibt es Gerede über Wünschbares. Außerdem darf man die Vorgeschichte nicht vergessen: Wie es zur Destabilisierung der Fluchtländer gekommen ist und wer dafür sorgt, daß es nicht besser wird.
Und da es sich um Menschen handelt und nicht um Hochwasser: Wie hindert man sie am Wandern? Da muß man auch schon mal konkret werden.
 
 

Kommentar von SP, verfaßt am 23.09.2017 um 19.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36294

Die Zuwanderer können nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. Herr Ickler nennt die Medien halblinks, der politische Mainstream dürfte ähnlich zu verorten sein.

Es sind Linke und Linke sind wechselhaft, was die Wahl ihrer liebsten Klientel angeht. Wer hätte in den 70ern, als die Arbeiterklasse noch der Linken liebstes Objekt des Klassenkampfes war, gedacht, daß die Lage der Arbeiter denselben Linken, oben angekommen, reichlich egal ist.

Paul Craig Roberts hat in seinem Aufsatz "The Demise of the Left" die Wendigkeit der Linken beschrieben:
The “left” no longer champions the working class, which the “left” dismisses as “Trump deplorables,” consisting of “racist, misogynist, homophobic, gun nuts.”

Wer weiß, wie der Wind sich dreht? Vielleicht kommen auch Zeiten, in denen die muslimischen Zuwanderer die Wetterwendischkeit der Linken schmerzhaft zu spüren bekommen.

Sie werden ja nicht reingeholt, um ewig bevorzugt zu werden, sondern weil man zum gegeneinander Ausspielen mindestens zwei Gruppen braucht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.09.2017 um 02.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36295

zu #36293:
Wie hindert man Menschen am Wandern?

Anzunehmen, ein Land könne sich nicht vor unerwünschten Einwanderern schützen, ist etwa so wie zu meinen, man könne sein Haus und Hof nicht vor Einbrechern und Dieben schützen. Für beides gibt es Gesetze, die hat jeder einzuhalten, andernfalls wird er bestraft. Gewalttätige (gegen Personen oder auch nur gegen Sachen) müssen damit rechnen, mit entschiedener Gewalt an ihrem Tun gehindert zu werden. Das ist im Großen (unerlaubtes Betreten eines Landes) genauso wie im Kleinen (Hauseinbruch). Was sollte daran unklar sein?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2017 um 04.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36296

Auch Peter Carstens meint in der FAS vom 24.9.17, die Briefwahl solle nur zur Not ausgeübt werden: „Demokratie und Wahlkampf gehören seit je zusammen wie Salz und Suppe. Die fulminante Aufholjagd eines Herausforderers, die überzeugende Begegnung mit einer Wahlkreiskandidatin am Wahlstand auf dem Wochenmarkt, all das spielt für viele Briefwähler keine Rolle, dabei gehört es doch zur Wahlentscheidung dazu.“

Das ist Unsinn. Es steht auch nirgendwo geschrieben, daß der Bürger sich diesem Infotainment aussetzen müsse. Man kann im Gegenteil sagen: Das Unterhaltungsmoment, die Rhetorik des Wahlkampfes interessieren den besonnenen Wähler nicht, weil er sich an die wirkliche Politik hält, die hauptsächlich zwischen den Wahlterminen stattfindet. In zweiter Linie auch für das Parteiprogramm. Alles zusammen das Gegenteil von „fulminant“.
Carstens Argumentation liegt ganz nahe bei jenen, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen für einen unentbehrlichen Teil der Demokratie halten und damit den steuerähnlichen Rundfunkbeitrag für jedermann begründen. Der moderne Mensch sieht fern und setzt sich den Schaukämpfen der Parteikandidaten aus – oder?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2017 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36299

In der SPD gibt man zu, Schulz vor seiner hundertprozentigen Ernennung kaum gekannt zu haben, er war „unser Mann mit Bart“ im fernen Straßburg oder Brüssel. Also galt der Jubel einem Phantasma, einer Wunschprojektion. Das war für mich das Interessanteste an diesem Wahlkampf, der ja als langweilig gilt, weil die wählbaren Parteien sich programmatisch kaum unterscheiden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2017 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36301

"Martin Schulz überrascht das Publikum mit einer intimen Geste" (Stern 24.9.17) Er holt seine Ehefrau auf die Bühne.

So muß man es machen, steht so ähnlich schon bei Cicero. Warum kommt Merkel nicht darauf, Herrn Sauer zu nutzen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2017 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36302

Merkel soll sich mal verplaudert haben: Walderdbeere sei ihr Lieblingseis. Der "Stern" dazu: Wo bitte gibt es Walderdbeereis? Das serviert man im Elysee-Palast.
Auch bei Lidl. Der Würselner Mann aus dem Volk hätte es ihm sagen können.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 24.09.2017 um 07.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36304

Zu #36293:
Wie hindert man Menschen am Wandern?

Indem man ihnen beibringt, daß es sich nicht lohnt zu wandern. Dazu gehört, Regeln zur Einwanderung aufzustellen, und wer sich nicht daran hält, wird abgewiesen bzw. abgeschoben. Dafür braucht man nicht einmal Zäune. Wenn zu viele Migranten immer nochmals einreisen, wird die Regel hinzugefügt: Wer illegal einreist, verwirkt dauerhaft sein Recht zum Aufenthalt in Deutschland.

Anders geht es früher oder später sowieso nicht. In Deutschland läuft das so: In den ersten ein, zwei Jahren der Migrationskrise sagen sehr viele Politiker allen Ernstes, es sei sowieso unmöglich, Einwanderer aufzuhalten, Zäune bringen nichts usw. Rationale Politik auf der Grundlage der geltenden Gesetze wird verabscheut, sie könnte ja wie Ausländerfeindlichkeit aussehen. Man läßt erst, inklusive Familiennachzug, einige Millionen Zuwanderer ins Land, bis die Ausgaben ins Astronomische steigen und auch sonstige Probleme sich auftürmen (zum Beispiel immer mehr Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt in den Städten). Dann, wenn fast alle nur noch mit den Händen ringen und die Gesellschaft in haßerfüllten Dauerstreit gestürzt worden ist, kommen die Politiker allmählich auf die Idee, daß es so nun wirklich nicht weitergehen kann. Erst dann werden sie die Zuwanderung wirksam begrenzen. Beziehungsweise die Möglichkeit der Zuwanderung wird hierzulande nur scheibchenweise eingeschränkt statt von vornherein mit Augenmaß begrenzt. Auf diese Weise kostet das Ganze auf Dauer eben ein paar hundert Milliarden Euro mehr. Diese gigantischen Gelder gibt man letztlich nur für politische Korrektheit aus. Dann kann man immerhin die Nachbarn in Europa, die da nicht im selben Maß mitmachen wollen, so schön vom hohen Roß herunter beleidigen, sie verhielten sich "unsolidarisch", sie träten die europäischen "Werte" mit Füßen. Die anderen mit Verachtung und Belehrungen behandeln, das tun deutsche und Brüsseler Politiker mit Vorliebe. Wie die Europäische Union diesen Konflikt überstehen wird, bleibt abzuwarten.

Von all den Armseligen auf der Welt, die gern nach Deutschland einwandern würden, wenn sie könnten, wird man nicht einmal jeden hundertsten aufgenommen haben, bis man sich am Ende doch gezwungen sieht, die Notbremse immer weiter anzuziehen. Man hat dann auch nicht eine Auswahl der Bedürftigsten aufgenommen, sondern gesunde und vergleichsweise wohlhabende Einwanderer, die ihre Schlepper bezahlen konnten. Dennoch werden die meisten von ihnen von den staatlichen Sozialsystemen leben. Eine gute Lösung ist das ganz bestimmt nicht. Vor allem, wie gesagt, weil man sehr viel mehr Menschen in all den Notstandsgebieten hätte helfen können, wenn man dieselben gewaltigen Gelder konsequent in Hilfsprogramme in den betroffenen Regionen investiert hätte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2017 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36306

Lieber Herr Wrase, wenn ich Sie recht verstehe, beklagen Sie, daß wir nicht den Bedürftigsten helfen, sondern denen, die sich die teuren Schlepper leisten können. Lassen wir das Asylrecht beiseite, wo es um Verfolgung und nicht um Bedürftigkeit geht, so bleibt die Einwanderung. Kein Einwanderungsland lädt die Bedürftigen ein; warum sollten wir das tun? Armutsflüchtlinge wollen wir doch gerade nicht haben!
Die vergleichsweise Wohlhabenden und Gesunden (wie Sie sagen) und doch wohl besser Ausgebildeten werden sich anders als die Bedürftigen hier keineswegs mit der Grundsicherung zufrieden geben. Manche überschätzen die Möglichkeiten, sogleich ordentlich Geld zu verdienen, und gehen zurück; das hat es schon oft gegeben.

Übrigens hat die Zuwanderung hier eine große Menge Arbeitsplätze geschaffen - vielleicht unproduktive, aber wer kann das ohne weiteres sagen? Ist Deutschunterricht unproduktiver als das Betreiben einer Schokoladenfabrik?

Es sagt sich auch leicht, was man mit dem vielen Geld in den Herkunftsländern alles machen könnte. Dabei vergißt man, daß es sich um fremde Staaten handelt und daß es gar nicht leicht ist, dort etwas an den Raffhänden korrupter Regierungen vorbei zu bewirken.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.09.2017 um 10.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36307

Ohne dauernde Einwanderung würden in Europa noch die Neandertaler die einzigen Menschen sein.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.09.2017 um 12.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36309

Richtig, aber es fordert auch keine Partei, die Aussicht hat, in den Bundestag zu kommen, daß wir "ohne dauernde Einwanderung" sein müssen. Jedes Land hat das Recht, die konkreten Regeln dafür zu bestimmen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.09.2017 um 19.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36311

Ja, die Neandertaler haben wohl einen sehr schweren Fehler gemacht, als sie die Jagdkonkurrenten nicht am Einwandern gehindert haben. Daß es möglich ist, haben die Leute bewiesen, die den Ötzi am illegalen Grenzübertritt gehindert haben.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.09.2017 um 21.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36312

Roter Hering.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.09.2017 um 00.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36313

Strauß habe gesagt, rechts der Union sei nur die Wand, aber nun gebe es die AfD, und die sei nicht nur rechts der Union, sondern sehr weit rechts. (M. Slomka im ZDF-heute-Journal, 24.9.2017).

Sehen wir uns die Stellung der AfD doch mal an:

"Bevor wir neue Zuwanderung haben, müssen wir erst einmal die Integration der bei uns lebenden ausländischen Kinder verbessern.
Sie haben keine einzige Mark vorgesehen, um das Problem zu beseitigen, daß hier in Berlin-Kreuzberg 40% der ausländischen Kinder und Jugendlichen weder einen Schulabschluß haben noch einen Berufsabschluß, und trotzdem reden Sie über mehr Zuwanderung. Mit uns haben Sie die Alternative, wir werden das ändern, dieses Gesetz wird so nicht in Kraft treten."

Dies war jetzt nicht etwa eine AfD-Rede, das hat Angela Merkel am 13.9.2002 im Bundestag gesagt, kurz vor der damaligen Bundestagswahl am 22.9.2002. Wenn sich das anhört wie die AfD heute, dann ist nicht die AfD extrem rechts, sondern sie nimmt genau den alten Platz der Union ein, während sich die Union immer weiter nach links orientiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2017 um 04.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36316

Die AfD kann nicht den Platz der Union einnehmen, weil sie nur einen einzigen Programmpunkt hat, der gerade mal für die "Denkzettel"-Wahl ausreichte. Das haben auch Gaulands und Meuthens Sprüche am Wahlabend gezeigt.
Hier in Bayern werden sich viele fragen, welche Rolle Seehofer gespielt hat. Nicht meine Sorge, zum Glück.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2017 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36318

Ich will hier nicht inhaltlich politisieren, sondern habe mich immer nur für die politische Rhetorik (in einem weiten Sinne) interessiert. Mir scheint, daß der Beitrag der SPD in der großen Koalition durchaus breite Zustimmung gefunden hat und daher auch zu einem ordentlichen Wahlergebnis hätte führen können. Das Desaster begann meiner Ansicht nach mit der Ernennung von Martin Schulz, dessen Aufstieg und voraussehbarem Sturz ich darum von Anfang an meine Aufmerksamkeit gewidmet habe, auch weil man diese Entwicklung später vielleicht gar nicht mehr rekonstruieren kann. Gesehen habe ich die Politiker fast nie, weil ich grundsätzlich nicht fernsehe. Aber physiognomisch habe ich mir trotzdem ein Urteil gebildet.
Wir hatten unsere eigenen Wahlprognosen notiert, und während ich der Union etwas mehr zugetraut hatte, lag ich bei den anderen fast genau richtig (weniger als einen Punkt Abweichung). Aber es ist ja klar, daß die Union Federn lassen mußte, die teils zur FDP geflogen sind, teils – aber nur vorübergehend – zur AfD.
Am interessantesten aus rhetorischer Sicht ("kommunikationswissenschaftlich" könnte man auch prahlen) ist und bleibt Schulz. Hat er denn selbst nicht gewußt, daß das alles eine Nummer zu groß für ihn sein würde? Man müßte seine Äußerungen noch einmal unter dem Gesichtspunkt durchsehen, daß sie seine Unsicherheit überspielen sollten. Einigermaßen sicher wirkte er nur, wenn er Anekdoten erzählen oder aus seiner EU-Parlamentszeit berichten konnte. Schuld am Debakel sind aber die, die ihn in den Vordergrund geschoben haben, wo er dann nur noch "verheizt" werden konnte und am Ende sogar Mitleid erregte.
(Die verliebenen SPD-Wähler konnten eigentlich mit nichts anderem rechnen als einer Fortsetzung der Koalition. Wenn nun die Führung aus heiterem Himmel verkündet, die SPD gehe in die Opposition, muß das viele frustrieren. Das ist jetzt die neue Ausgangslage, anders gesagt: "Opposition ist Mist" [Müntefering].)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.09.2017 um 01.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36320

FOCUS online, 25.09.2017:

So haben die Bundesländer bei der Bundestagswahl 2017 gewählt

...
Nicht nur, dass zwischen Ostsee und Erzgebirge die AfD zweitstärkste Kraft hinter der CDU wurde und in Sachsen sogar die meisten Zweitstimmen auf sich vereinte. Die Linke, die sich lange als Volkspartei des Ostens präsentierte, hat deutlich verloren und ist auf Platz drei gerutscht.
...

AfD im Westen nur auf Platz drei

Im Westen zeigt sich ein anderes Bild. Dort kommt die AfD nur auf Rang drei, ganz knapp vor der FDP.
...

Der FOCUS bedauert also "nicht nur", daß die AfD so gut abgeschnitten hat, sondern auch, daß die Linke so schrecklich viel verloren hat. Tja, die einstige allgemeine Ablehnung der Kommunisten in der DDR ist lange vergessen. Sie machen der Union ja auch keine Probleme.

Man beachte die dicke Zwischenüberschrift für den "nur" dritten Platz im Westen. Der zweite im Osten hat keine bekommen. Außerdem – einen Tag früher war fast die spannendste Frage der Medien, wer den dritten macht. Da ihn die Falschen gewonnen haben, heißt es nun "nur" dritter.

Es geht also mit der Verdummung der Leser erstmal noch so weiter wie bisher.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.09.2017 um 03.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36321

Was ist eigentlich ein "Ideenstaubsauger"? Saugt er Staub oder Ideen oder den Staub von den Ideen? Jedenfalls etwas Gutes, insofern verstehe ich nicht, warum Schulz sich vorgenommen hatte, Merkel ins Gesicht so zu nennen.

Der letzte Auftritt war wohl nicht so gelungen.

In der Elefantenrunde im öffentlich-rechtlichen TV wurde insbesondere eins deutlich: der Frust des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. (fr.de 25.9.17)

Martin Schulz pöbelt sich durch die Elefantenrunde (RhP 25.9.17)

Sogar die plötzliche Ausfälligkeit wirkte einstudiert, aber nun ist es ja vorbei. Die SPD muß Schulz loswerden und außerdem mit der rüden Absage leben:

Auf die Frage, ob er doch über Koalitionsgespräche mit der SPD nachdenken würde, sollte Angela Merkel ihn heute noch einmal fragen, sagte er, nicht in bester Laune: “Wenn die mich anrufen will, soll sie mich anrufen.” Dann fügte er hinzu: “Aber ich glaube, nach der sogenannten Elefantenrunde gestern weiß sie, dass sie möglicherweise ihre Zeit besser nutzt und andere anruft.“ (welt.de 25.9.17)

Üblicherweise läßt man Koalitionsgespräche scheitern und schiebt dem anderen die Schuld zu. Aber sie gar nicht erst zu beginnen, weil der andere, mit dem man jahrelang zusammengearbeitet hat, gar nicht in Betracht komme, das ist ungewöhnlich und nicht gerade einleuchtend.

Unterdessen fordert die AfD ihre Vorsitzende auf, die Partei zu verlassen... Unterhaltsam ist das alles schon.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.09.2017 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36326

Die SPD muß Schulz loswerden? Vielleicht wäre das besser für die SPD, aber das trauen die sich doch nicht. Schulz absägen würde ja bedeuten, daß die SPD zugibt, die ganze Wahl mit der Nominierung von Schulz selber versemmelt zu haben. Seit wann geben Parteien Fehler zu, solange man sich davor drücken kann?

Interessanter ist aus meiner Sicht die Frage, ob es für die CDU/CSU nötig wäre, Angela Merkel loszuwerden. Vielleicht legt es die CSU schon jetzt bei den Koalitionsgesprächen darauf an, daß sie nicht gelingen können. Und unabhängig von dieser Möglichkeit – kann Jamaika im Blick auf alle vier Parteien (CDU, CSU, FDP, Grüne) und auf etliche kritische Themen (Familiennachzug bei der Zuwanderung, Engagement für die EU, Details der Energiewende usw.) überhaupt gelingen? Ich bin da sehr skeptisch, würde eher auf ein Scheitern der Gespräche tippen. (Außerdem wäre ein Scheitern des Projekts auch aufgrund mehrheitlicher Ablehnung durch Parteimitglieder möglich.) Riskieren Sie da auch eine Prognose, lieber Herr Ickler?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.09.2017 um 06.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36327

PS: Das Thema ist hier ja die Rhetorik. Wir werden nun allein schon aus der Auseinandersetzung zwischen der AfD und dem Rest der Parteien sowie den Medien massenhaft Stoff dazu bekommen. Dafür könnte man vielleicht zwei neue Stränge eröffnen, damit hier nicht alles aus den Nähten platzt, zum Beispiel "Rhetorik bei der AfD" sowie "Rhetorik gegen die AfD".

Mich selbst bringt momentan vor allem die Verlogenheit und die völlige Überzogenheit der Rhetorik gegen die AfD auf die Palme. Damit meine ich unter anderem, daß die meisten Politiker und Medien überschäumend die AfD verteufeln, obwohl diese im wesentlichen ein Produkt des jeweils eigenen Versagens ist. Also eine Jagd auf die AfD als Sündenbock für den Mist, den man selbst angerichtet hat. Immerhin repräsentiert die AfD nun einen Großteil der verbreiteten Enttäuschung über die Regierungspolitik der letzten Jahre, teilweise auch regelrechte Wut und Verzweiflung in der Bevölkerung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.09.2017 um 07.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36328

Ich hätte da verschiedene Einwände, aber das ginge jetzt zu weit. "Wut und Verzweiflung" über die Ausländerpolitik - in Ostsachsen?

Eine Prognose? Nun, im Augenblick plustern sich viele auf, um ihren Preis in die Höhe zu treiben, andere lecken ihre Wunden, da muß man erst mal etwas abwarten. Ich nehme an, daß "Jamaika" zustande kommt; eine kleine Möglichkeit gibt es, daß die SPD ihren in jeder Hinsicht unklugen Schnellschuß überdenkt. Warum sollte sich die ganze Partei wegen Schulz-Frust in die Schmollecke verziehen? An die Regeneration in der Opposition muß man erst mal glauben können. Glaubensstark sind die Genossen allerdings ("100%" - du lieber Himmel!).

Ob die CSU weiter mit Seehofer durch dick und dünn geht oder sich mal über seine Fehlkalkulation Gedanken macht? Er wollte ja die AfD überflüssig machen und hat darum nicht gegen sie, sondern gegen Merkel gekämpft, das kostet natürlich. Er könnte jetzt versuchen, sich in den Jamaika-Verhandlungen zu profilieren und damit Boden gutzumachen. Es sei denn, man verdrängt ihn vorher von seinem Posten. Dieses regionale Problem hat nun bundesweite Bedeutung.

Auf mittlere Sicht kommt die SPD wohl an Nahles nicht vorbei (auf die wir vor langer Zeit wegen ihrer Äußerungen zur Rechtschreibreform einen Blick werfen mußten, s. a. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=272#24041), und das führt dann auf die Option Rot-Rot-Grün unter ihrer Kanzlerschaft.

Ich sehe dem Treiben ziemlich neutral zu, Wechselwähler eben. Nur die AfD werde ich nicht verteidigen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.09.2017 um 10.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36329

Sie bezweifeln, daß es "teilweise auch regelrechte Wut und Verzweiflung in der Bevölkerung" gibt, wie ich schrieb? Man konnte doch viel von dieser Art lesen: "Solches Toben und Wüten, so viel Hass – das habe ich noch nie erlebt"

www.spiegel.de/spiegel/die-stimmung-der-buerger-vor-der-wahl-labil-und-voller-emotionen-a-1165983.html

Ohne Zweifel wurde die Wut deutschlandweit zuletzt vor allem durch Merkels Einwanderungspolitik ausgelöst, der Experte drückt es so aus: "In den Tiefeninterviews kam immer nur: Flüchtlingskrise, Flüchtlingskrise, Flüchtlingskrise." Aber natürlich gibt es eine Vorgeschichte. Die Bürger wurden zum Beispiel bei der Einführung des Euro belogen. Sie wurden nicht gefragt, ob sie mit der Euro-Rettungspolitik einverstanden sind. Sie hatten bei diversen übereilten EU-Erweiterungen nichts zu sagen. Sie erlebten die jeweiligen Äußerungen der meisten Politiker als unehrlich, herablassend und weltfremd. Aus Wut wird irgendwann Verzweiflung, wenn man sich nicht wehren kann und durchweg nicht ernst genommen wird. So war das in den vergangenen Jahren.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.09.2017 um 17.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36334

Protestwähler sind übrigens auch Wechselwähler, bloß nicht »klassische«.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2017 um 07.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36358

Lieber Herr Wrase, zu welchen Entscheidungen der Exekutive die "Bürger befragt" werden müssen, ist im allgemeinen festgelegt, wenn auch in Einzelfällen umstritten. Machen Sie es sich bitte nicht zu leicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2017 um 07.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36359

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#31202

Zu meiner komischen Rolle als Merkel-Verteidiger möchte ich noch nachtragen, daß ich "diese Frau" anfangs unterschätzt habe, daher http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=79
Aber ich bin lernfähig. Die "Narrenkappe der Parteilichkeit" werde ich mir trotzdem nicht überziehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2017 um 11.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36361

Mit nachträglicher Wählerschelte halten sich die Parteien diesmal zurück, das kam nicht gut an, auch nicht in der Verklausulierung, man habe seine Ziele dem Wähler nicht hinreichend deutlich machen können.
Dafür waren die Werbeparolen eine dauernde Beleidigung des Wählers. Ich verstehe, daß die kleine und arme ÖDP auf so revolutionäre Parolen gekommen ist wie Gemeinsam entscheiden wir besser. Aber die Großen, die sich eine Agentur leisten können, waren auch nicht besser. Klar für Gerechtigkeit – das könnte SPD sein, ist aber CSU. Die hat sich nämlich einreden lassen, alle Sprüche mit klar beginnen zu lassen. Das stammt aus den Lehrbüchern der Produktwerbung: Wiedererkennbarkeit. Allerdings braucht man in Bayern nicht zu fürchten, die Existenz der CSU könne vergessen werden. Es hat ja auch nichts genutzt.

Die interessanten Unterschiede zwischen den Parteien glaubte man dem dummen Wahlvolk nicht zumuten zu können. Zum Beispiel hat die Mietbremse versagt, worauf die Erfinder naturgemäß antworten, daß man einfach mehr davon brauche (wie bei der Rechtschreibreform und allen Reformen, die nicht funktionieren). Dabei lernt jeder Schüler, daß verordnete Preisobergrenzen das Angebot nicht erweitern, sondern verknappen, in diesem Fall also die Schlangen demütiger Bewerber bei Besichtigungterminen verlängern. Aber dafür haben die Planwirtschaftler eine Karte im Ärmel: Der Staat soll die Wohnungen bauen und zuteilen. (Preisgünstiger Plattenbau empfiehlt sich, dann hat wenigsten jeder ein Dach überm Kopf.) Usw.

Jetzt verstehen die Bürger kaum, warum sich die Parteien nicht umgehend einigen – sie wollten doch anscheinend ohnehin alle dasselbe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2017 um 12.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36362

Nahles hätte den Satz mit der Fresse vermeiden können, aber schaden wird er ihr auch nicht. Sie hatte die hemdsärmelige Redeweise, die bei einem SPD-Mitglied wohl auch den obligatorischen Stallgeruch erzeugen soll, deutlich als Scherzkommunikation gekennzeichnet. Die Gegner stellen sich selbst bloß, wenn sie so tun, als hätten sie das nicht mitgekriegt.

Natürlich muß man immer überlegen, wem der Grobianismus steht und wem nicht. Münte oder Schröder konnten auch mal in diese Kiste langen, Merkel kann es eher nicht.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 28.09.2017 um 12.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36363

Beleidigung des Wählers, genau. Darum geht es: Viele Wähler bzw. Bürger fühlen sich von den Politikern, von den Parteien in der Regel nicht ernst genommen, sondern regelrecht beleidigt. Nicht nur wegen hohler Sprüche auf Wahlplakaten. Haben sie etwa das Gefühl, dadurch ernst genommen zu werden, daß sie alle paar Jahre ihre Stimme bei einer Wahl abgeben können? Was bewirkt denn diese einzelne Stimme? Und diese minimale Möglichkeit der Mitbestimmung wird gleich nach der Wahl regelmäßig zunichte gemacht, wenn die Parteien auf schamlose Weise das Wahlergebnis für ihren jeweiligen Vorteil zu interpretieren versuchen.

Viel besser wäre mehr direkte Demokratie: Die Bürger können über konkrete Streitfragen abstimmen. Da fiele es den Parteien dann schon wesentlich schwerer, am Willen des Volkes herumzudeuteln.

Noch besser wäre es aber, wenn Regierungsparteien grundsätzlich auf den Willen der Bürger achten würden. Volksbefragungen würden sich dann im Prinzip erübrigen. Es gibt doch genügend Umfragen zu allen möglichen Themen. Ich hatte in meinem letzten Beitrag nicht gemeint, daß die großen Fragen der Europapolitik auf einem offiziellen Weg der Bevölkerung zur Entscheidung hätten vorgelegt werden sollen. Obwohl es ja beispielsweise in einigen Ländern Referenden über den EU-Beitritt gab, so etwas ist also durchaus möglich, warum nicht öfter? Aber egal, entscheidend ist: Wenn die Bevölkerung eine klare Mehrheitsmeinung hat, die man auch auf einfache Weise hinreichend genau ermitteln kann, warum sollte man die Mehrheitsmeinung in einer Demokratie überhaupt mißachten? Gerade in den großen Fragen, die die Identität und die Selbstbestimmung des Volkes betreffen?

Wenn es um Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen geht, trauen die Politiker sich partout nicht, diese durchzusetzen, nur weil sie den Zorn der Raser fürchten. Obwohl sie wichtige Argumente vorbringen könnten (es geht vor allem um die Zahl der Unfälle, besonders um Todesopfer). Wenn es hingegen um massenhafte Immigration geht, spielt die Kritik und die Wut eines erheblichen Teils der Bevölkerung keine Rolle, obwohl die Kritiker auch eine Menge guter Argumente auf ihrer Seite haben. Da heißt es dann (Stichwort Rhetorik): "Wir müssen die Werte Europas verteidigen" oder "Jetzt nachzugeben wäre nur Populismus". Dieses tägliche Pseudoargument "Populismus", das ist nichts anderes als Verachtung der Bürger, wie ich finde.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 28.09.2017 um 14.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36364

Zu #36363

Auf all diese Fragen gibt es eine einfache Antwort: Es geht gar nicht um den Wählerwillen (Bürgerwillen), sondern Wahlen sind nur dazu da, bei den Leuten den Eindruck zu erwecken, sie könnten mitbestimmen, was natürlich nicht der Fall ist. Tatsächlich sollen nur die Entscheidungen der Großkonzerne oder der "Strippenzieher hinter den Kulissen" den Leuten schmackhaft gemacht/nahegebracht werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2017 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36365

Direkte Demokratie kann das Gewicht einer einzelnen Stimme unter 60 Millionen nicht erhöhen, das ist ein arithmetisches Problem, kein politisches.

Ich geniere mich ein bißchen, das Standardargument auszusprechen: Man kann schon etwas tun, aber man muß es auch tun. (Ich meine etwas mehr als Kommentare und Petitionen.)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 28.09.2017 um 17.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36367

Direkte Demokratie kann das minimale Gewicht der einzelnen Stimme zwar nicht erhöhen, aber der große Unterschied bei einem Referendum ist, daß anschließend der mehrheitliche Wille derer umgesetzt wird, die abgestimmt haben. Davon kann bei der in Deutschland üblichen Art der "Demokratie" nicht die Rede sein, wo aus einer Stimmabgabe bei der Wahl zugunsten einer Partei nicht einmal hervorgeht, welche Meinung der Wähler zu bestimmten Sachfragen hat und welche einzelnen Themen ihm wichtig sind. Die Parteien haben so gesehen leichtes Spiel, alles mögliche über den angeblichen Willen der Wähler zu behaupten.

Zur Bestimmung des Wählerwillens müssen die genaueren Absichten der Wähler eruriert werden, durch Wahlanalysen, die auf Umfragen beruhen. Wenn man den Bürger ernst nehmen will, kommt man also um Befragungen sowieso nicht herum, sofern nicht schon alle Spatzen von den Dächern pfeifen, was die Leute mehrheitlich wollen oder ablehnen. Die bloße Wahl kann solche Befragungen nicht ersetzen, die ja auch nicht nur zum Zweck der Analyse von Wahlen durchgeführt werden.

Wenn die Politiker aber auch diese Umfragen und das an anderen Orten abrufbare Meinungsbild (Äußerungen im Internet, Leserbriefe usw.) nicht ernst nehmen, inklusive der Häufigkeit und Heftigkeit, mit der sich die Leute zu bestimmten Themen äußern, bekommt man sehr wenig Demokratie für viel Wahlaufwand – und eine wachsende Zahl enttäuschter oder auch wütender Bürger.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.09.2017 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36368

Nachdem selbst durch das Wegwerfen von 100000 Stimmzetteln (!) das mißliebige Ergebnis des Volksentscheids zugunsten des Flughafens Berlin-Tegel nicht verhindert werden konnte, wird nun nach anderen Wegen gesucht. Guter Rat kann aus Schleswig-Holstein geholt werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2017 um 04.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36370

Man kann allenfalls Schlimmes verhindern. Wir haben das alles ja selbst durchexerziert mit dem Volksbegehren zur Rechtschreibreform.
In den Parlamenten gehen die Lobbyisten ein und aus, das ist die sichtbarste Form der Beeinflussung. Wir wissen nicht, welche Faktoren bei der geschlossenen Abstimmung aller Fraktionen in SH zugunsten der Rechtschreibreform, also der Vergewaltigung des Volkswillens, eine Rolle gespielt haben. Bertelsmann hat sich eingemischt, das ist klar, aber sicher nicht alles.

Andererseits ist die Gefahr der "Stimmungsdemokratie" nicht von der Hand zu weisen. Ich habe schon daran erinnert, wie wetterwendisch Umfrageergebnisse sind. Anfang 2017 hätten die Deutschen vielleicht Schulz zum Kanzler gewählt, den selbst SPD-Veteranen wie Klaus v. Dohnanyi für eine Flasche halten. Ein paar Wochen später nicht mehr.

Wir werden aber das Grundproblem der Demokratietheorie (direkt oder repräsentativ) hier nicht lösen, so viele Gedanken wir uns auch in den letzten Jahrzehnten darüber gemacht haben.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.09.2017 um 13.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36372

Um das Grundproblem "repräsentativ oder direkt" ging es hier weniger. Mir jedenfalls ging es um ein anderes Grundproblem: Demokratische Strukturen und Institutionen gewährleisten leider nicht, daß tatsächlich der Wille des Volkes die Politik bestimmt. (Bei der direkten Demokratie ist dieses Problem immerhin geringer.) Vielmehr kommt es darauf an, ob die Politiker (aber ebenso die Massenmedien und andere Akteure, die wesentlichen Einfluß auf politische Entscheidungen haben) die Meinung und die Bedürfnisse der Bürger als Maßstab achten.

Ausgangspunkt war hierbei die Tatsache, daß viele Bürger schon lange das Gefühl haben, daß sie von den Politikern nicht ernst genommen werden. Wenn sie überhaupt noch wählen gehen, dann zunehmend als Protestwähler. Das wurde bei der jetzigen Bundestagswahl besonders deutlich. Meine These in diesem Zusammenhang ist, daß sie von den meisten Politikern tatsächlich nicht ernst genommen werden und diese ärgerliche Tatsache immer wieder korrekt wahrnehmen. Vielen Bürgern hängen die rhetorische Abgehobenheit der Politiker sowie die ideologische Verhaftung und der Gruppenegoismus der Parteien dermaßen zum Hals heraus, daß sie vom Verrat am eigenen Volk reden, entweder wörtlich oder sinngemäß. Meine Meinung ist: Das kann man nicht als pathologische Redeweise abtun, sondern an diesem Protest ist etwas dran.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2017 um 03.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36380

Natürlich folgt jetzt Schulzens Abrechnung mit Gabriel. Schulz hat sich abgerackert, obwohl er bald erkennen mußte, daß er für eine aussichtslose Sache verheizt wird. Aber daß ein längerer Wahlkampf mehr Stimmen gebracht hätte, halte ich für eine Täuschung, letzten Endes Selbsttäuschung, denn Schulz sieht immer noch nicht ein, daß er der falsche Kandidat war und nicht der richtige zur falschen Zeit.

Für den Gang in die Opposition werden verschiedene Gründe angegeben, die einander widersprechen. Der Schnellschuß führt zur "Frühverrentung" einiger Spitzenleute, die das nicht leicht verwinden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2017 um 04.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36381

Lieber Herr Wrase, ich sehe die Politik ganz anders, weniger rousseauistisch.

Das arithmetische Problem kann man nicht ausklammern, die Teilhabe eines einzelnen unter 80 Mill. kann nicht bedeutend sein, es sei denn, er engagiert sich (darauf hatte ich angespielt). Wenn Sie wirklich etwas erreichen wollen, können sie mit etwas Einsatz in einer Partei aufsteigen und mitregieren sei es auch "nur" im Stadtrat, was durchaus keine Kleinigkeit ist.

Damit bin ich bei den Parteien. Die hat es immer gegeben, auch in der direktesten Demokratie im alten Griechenland; heute sind sie institutionalisiert.

Parteien vertreten Interessengruppen, die als relativ stabil angesehen werden: Unternehmer, Steuerzahler, Sozialversicherte, Rentner, Eltern, Umweltschützer und Lebensreformer ...

Was heißt denn "die Menschen ernst nehmen"? Realistischerweise Interessenvertretung.

Mir kommt die Vorstellung blauäugig vor, daß sich die Menschen von Fall zu Fall versammeln, ihre Meinung zu anstehenden Problemen kundtun und dann mehrheitlich irgendwelche Maßnahmen beschließen. Lieber Herr Wrase, auch Sie würden sich wundern, wie wenig Sie in einer solchen Demokratie zu sagen hätten.

Man muß den Parteien auf die Finger sehen, natürlich. "Der Staat als Beute" (v. Arnim), das muß man verhindern.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.09.2017 um 09.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36387

Lieber Herr Ickler, ich verstehe nicht, wo jetzt da der große Widerspruch zu den von mir vorgebrachten Überlegungen sein soll.

"Die Teilhabe eines einzelnen unter 80 Mill. kann nicht bedeutend sein", schreiben Sie. Das hatte ich auch ja auch gesagt. Es ist ein guter Grund für den einzelnen, sich den Gang zum Wahllokal zu sparen. Und eben deshalb ist es so wichtig, daß die Politiker von sich aus die Bürger ernst nehmen. Darum ging es mir.

"Die Menschen ernst nehmen" bedeute Interessenvertretung, schreiben Sie. Ja genau. Allgemein bekannt ist, daß seit 2015 und bis zur jetzigen Wahl der Themenkomplex Flüchtlinge/Einwanderung, ungeschützte Grenzen, Islamisierung, Terror, Verlust der staatlichen Kontrolle usw. das Thema Nummer 1 war. Mal ganz grob gesagt: Rund die Hälfte der Bevölkerung war der Meinung, daß die von Merkel ausgelöste verantwortungslose Einwanderungspolitik sofort aufhören müsse. Viel weniger Einwanderung von Muslimen oder erst mal gar keine mehr, klare und dauerhafte Begrenzung. Da dieses Problem das Thema Nummer 1 war, hätte ein großer Teil der Bevölkerung gern eine Partei gewählt, die dieses Anliegen offensiv vertritt. Da gab es aber nur noch die AfD zur Auswahl, nachdem die CSU ihren Protest gegen Merkel im Vorfeld der Wahl aufgegeben hatte. Also wurde eben die AfD gewählt, wobei sich viele aufgrund der allgemein üblichen Hetze gegen die AfD wohl nicht getraut haben, so zu wählen, mit anderen Worten: Ohne die andauernde Verteufelung hätten noch viel mehr Leute die AfD gewählt, damit sie ihr Interesse vertritt. Andere, die sich von den herrschenden Parteien nicht ernst genommen fühlten, wählen gar nicht mehr. Insgesamt haben wir hier also ein massenhaftes Problem, das man mit dem Satz "Die Leute fühlen sich von den Politikern nicht ernst genommen" oder "Die Leute vermissen eine Vertretung ihrer Interessen bei nahezu allen Parteien" zusammenfassen kann.

Tatsächlich wird nun der Wahlerfolg der AfD als Warnsignal in dieser Hinsicht verstanden, zumindest von den klügeren der Politiker. Aktuell äußert sich Ministerpräsident Tillich in Sachsen dazu: Das Ergebnis der Abstimmung zeige, dass sich ein Großteil der Bevölkerung nicht verstanden fühle, sagte der CDU-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe: "Wir müssen umschalten."

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sachsens-regierungschef-stanislaw-tillich-fordert-kurswechsel-der-union-a-1170754.html

Da hat Tillich recht. Es kann nicht gut gehen, einen großen Teil der eigenen Bevölkerung nicht zu vertreten und diesen großen Teil der Bevölkerung auch noch per AfD-Verteufelung indirekt mitzuverdammen, als verirrt, naiv und krankhaft hinzustellen. Die Leute haben ein natürliches Gefühl und gute Gründe auf ihrer Seite, ganz anders als die Politiker mit ihren hohlen Sprüchen und ihrem Korrektheitswahn.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.09.2017 um 09.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36388

PS. Von den guten Gründen derer, die über Merkels Einwanderungspolitik empört sind, möchte ich folgenden betonen: Die Nöte von Milliarden Menschen können nicht dadurch gelöst werden, daß sie nach Deutschland einwandern. Das ist ein arithmetisches Problem, kein politisches, könnte man da sagen.

Was bringt die Aufnahme von einer Million aus humanitären Gründen, wenn die Aufnahme mehrerer Milliarden Menschen im selben Maß geboten wäre? Wo ist der Sinn der Aktion, wenn man auf andere Weise mit demselben finanziellen Aufwand viel mehr Menschen helfen könnte? Nicht einmal dienigen, die es hierher geschafft haben, werden wir glücklich machen können, trotz des gigantischen Aufwands. Wir können ihnen nicht wirklich ein Gefühl der Beheimatung bieten, selbst wenn man die Kernfamilien alle nachreisen ließe, denn sie müssen alle ihr Volk, ihre Sippe, ihre Großfamilie, ihre von klein auf gewohnte kulturelle, sprachliche und religiöse Umwelt zu wesentlichen Teilen hinter sich lassen. Bei den Einwanderern aus der Türkei sieht man, daß viele von ihnen noch in der dritten Generation an Identitätsproblemen leiden. Normale Menschen verstehen diese Tatsachen, von den etablierten Parteien, die sich allesamt hinter der vermeintlichen Retterin Merkel versammelt haben, scheint es keine zu verstehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2017 um 09.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36390

Da könnte man jetzt jeden Satz kommentieren, aber ich glaube nicht, daß wir einen Schritt weiterkämen. Es geht immer um die Auswahl der Tatsachen, um Übertreibungen usw. Ich bin auch nicht der richtige Adressat, bin zu wenig "Partei". Ich habe mich hier schon für die Rechte der AfD ausgesprochen, gegen die Verklärung der Zuwanderer usw., ganz ausdrücklich auch hier gegen die "Refugees-welcome"-Aktivitäten und das freche "Wir bleiben alle". Ich bin, falls Sie das beruhigt, schon immer für rigorose Abschiebung gewesen. Trotzdem will ich mit der rechten Szene nichts zu tun haben.
Ich halte meinen Standpunkt nicht für widersprüchlich, aber es würde hier wirklich zu weit führen, wenn ich es begründen wollte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2017 um 10.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36391

Nachtrag:

Das Wahlergebnis zeige, die Menschen wünschten sich einen starken Staat. (Tillich)

Das fürchte ich auch. Durchgreifen!
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.09.2017 um 10.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36392

Ich denke schon, daß Ihr Beitrag zu einem Weiterkommen führt, weil Sie deutlicher als sonst sagen, daß Sie mit der rechten Szene nichts zu tun haben wollen, bzw. zu verstehen geben, daß dies Ihr hauptsächliches Anliegen ist, wenn ich es richtig verstehe. Eigentlich versteht sich das von selbst, warum also ist überhaupt ein solcher Hinweis hilfreich? Weil auch bei denen, die mit der rechten Szene nichts zu tun haben wollen, der Effekt eintritt, den Sie ansprechen: Es geht immer um die Auswahl der Tatsachen, um Übertreibungen (bzw. Untertreibungen) usw. Gerade das kann man doch bei den etablierten Parteien sehen: Durch die Bank setzen sie alles auf das Argument "Rechtsaußen geht gar nicht", bis zur Hysterie – und verdrehen davon ausgehend die Tatsachen in einem Maß, daß man von völliger Entfremdung zwischen der etablierten Politik und den angeblich vertretenen Wählern sprechen kann. Weil auch Neonazis gegen Merkels Einwanderungspolitik protestieren, wird sie von den etablierten Parteien wie ein Heiligtum verteidigt. So werden krasse Fehlentscheidungen perpetuiert. Auch eine fundamentale Opposition gegen Rechtsaußen, so richtig sie normalerweise ist, kann dazu führen, daß große Probleme nicht mehr vernünftig gelöst werden können.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.09.2017 um 10.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36393

PS: Ein Beispiel ist auch Ihr Kommentar zu Tillich, wie ich finde. Sie verspotten ihn, weil er vermutet, daß die Menschen einen starken Staat wünschen. Warum verspotten Sie das? Erstens ist die Übersetzung mit "durchgreifen" im Kontext wahrscheinlich eine Übertreibung, weil Tillich wohl eher den Eindruck der Bürger meinte, der Staat dürfe sich in der Migrationsfrage und bei damit zusammenhängenden Problemen (betreffend etwa Grenzkontrollen, Durchsetzung von Abschiebungen, Härte gegenüber kriminellen Einwanderern) nicht wehrlos präsentieren. Zweitens hat Tillich vermutlich recht: Die Menschen wünschen sich tatsächlich einen starken Staat = einen stärkeren Staat. Drittens: Merkels Einwanderungspolitik ist der hauptsächliche Grund dafür, daß viele Leute sich jetzt einen stärkeren Staat wünschen. Wenn man möchte, daß dieser Wunsch in der Bevölkerung nicht aufkommt, dann muß man Merkels Einwanderungspolitik kritisieren, jedenfalls als Ursache benennen. Tillich ist auch hier realistisch und konsequent.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 30.09.2017 um 15.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36395

Man muß vorsichtig sein, pauschal nach einem starken Staat zu rufen. Es gibt einige Politiker, z.B. den bayerischen Innenminister Herrman, der deutscher Innenminister werden möchte, welche in Wirklichkeit den weiteren Abbau der Bürgerrechte meinen, weil sie in jedem Bürger einen möglichen Staatsfeind sehen. Ich war bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 11 Jahre alt und habe derartige Bestrebungen seitdem genau beobachtet, z.B. bei Franz Joseph Strauß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2017 um 16.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36397

Einverstanden, außer was unseren bayerischen Innenminister betrifft (fast unser Nachbar hier, ich habe es schon mal erwähnt). Den halte ich nicht für so einen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 01.10.2017 um 14.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36408

Es ging doch bei Tillich nicht um einen "pauschalen Ruf" nach einem starken Staat, sondern Tillich sagte mit Bezug auf die gegenwärtige Lage, daß sich die Menschen einen starken Staat wünschten, und dies gehe aus dem Wahlergebnis hervor. Die Aussage darüber, was die Menschen wollen, wird zum Beispiel durch ein Interview mit dem Präsidenten des LKA Sachsen im Juni 2017 bestätigt:

"Alle Umfragen [!] sagen, dass die Bedrohung durch Terrorismus ein großes Thema ist und die Menschen mehr vom Staat erwarten [...] Auch Eigentumsdelikte, zum Beispiel Wohnungseinbrüche, beschäftigen uns in großem Ausmaß. Bei Massendelikten wie Fahrraddiebstahl interessiert den Bürger inzwischen vor allem die Regulierung seines Schadens [...] die Fallzahlen sind erheblich gestiegen [...] Sozialleistungsbetrug durch Asylbewerber wird uns sicher in Zukunft stärker beschäftigen [...] Allerdings erwarten die Bürger in erster Linie eine größere Präsenz ihrer Polizei in ihrer Nähe."

http://www.sz-online.de/sachsen/die-polizei-kann-die-kriminalitaet-nicht-abschaffen-3699449.html

Was die Menschen vom Staat erwarten, hat Tillich also in aller Kürze richtig wiedergegeben. Sicher schlägt sich das auch irgendwie im Wahlergebnis nieder, aber das kann man natürlich nicht so direkt aus den Zahlen ableiten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2017 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36409

Wenn ich recht sehe, kommen immer mehr Kommentatoren zu der Ansicht, die ich teile, daß es ein Fehler der SPD-Führung war, wie ein schmollendes Kind sofort in die Opposition zu gehen, statt einen solchen Schritt auf Sondierungsgespräche folgen zu lassen. Zwei Parteien, die jahrelang zusammen die Regierung gestellt haben, können einander nicht von vornherein als unvereinbar darstellen. Inzwischen melden sich auch viele SPD-Wähler und distanzieren sich von der demonstrativen Verantwortuungslosigkeit eines Teils ihrer Führung. Das wird noch Folgen haben. Die "Jamaika"-Verhandlungen könnten scheitern, und was dann? Die grundlose Verweigerung der SPD würde Neuwahlen erzwingen, von denen sie aber nichts zu erhoffen hat. Es war nach der Aufstellung des falschen Kandidaten der zweite große Fehler.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2017 um 07.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36429

"Es kenne mich die Welt, auf daß sie mir verzeihe." - War dies der Hintergedanke, mit dem Martin Schulz seine Entblößung durch den SPIEGEL-Reporter zugelassen hat? Das hätte eine gewisse Größe. Er wäre zwar politisch erledigt, aber nicht er allein.

Ein Hochstapler stapelt hoch; es gibt aber auch die passive Variante: man wird von anderen hochgestapelt. Vorwerfbar ist dann, wenn man sich nicht wehrt. Freilich muß es erhebend sein, mit 100 Prozent erhoben zu werden, auch wenn man ahnt, daß es nicht gutgehen wird. Da zu widerstehen erfordert fast übermenschliche Charakterstärke, und die EU-Parlamentspräsidentschaft ist wohl nicht gerade eine Schule der Selbsterkenntnis.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 04.10.2017 um 04.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36436

Daß die SPD in dieser Situation nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann, liegt auf der Hand. Auch die CDU-Vorsitzende hätte Grund, sich zu fragen, was sie eventuell falsch gemacht hat. Statt dessen gibt sie genervt zu Protokoll, sie könne nicht erkennen, was sich an ihrer Politik ändern müßte. Das hätte sich Schulz mal erlauben sollen! Man bedenke auch, wie es aufgenommen worden wäre, wenn Schulz am Wahlabend erklärt hätte: »Die Verluste sind nicht schön, aber die große Koalition hat ja noch eine Mehrheit, deshalb stehen wir wieder zur Verfügung.« Zum Schein in Koalitionsverhandlungen einzutreten, um sie scheitern zu lassen und dann dem Verhandlungspartner die Schuld zuzuschieben, ist auch nicht unriskant. Solche Spielchen sind doch genau das, was die Leute so abstößt und die vielbeschworene Politikverdrossenheit mit ausgelöst hat.

Also, die SPD kann nicht einfach so weitermachen wie bisher. Aber was soll sie nun ändern? Der geradezu pöbelhafte Abgang von der Bühne soll davon ablenken, daß sie auf diese Frage keine Antwort hat. Jetzt beschwört Schulz den »dringend notwendigen Neuanfang« der Partei. Wenn damit aber nicht nur der Austausch von ein paar Amtsträgern gemeint sein soll (und Schulz selbst will ja schon mal bleiben), dann muß die SPD endlich über ihr Selbstverständnis nachdenken und eine Diskussion über ihre politische Ausrichtung führen. Der parteiinterne Streit über die Agenda 2010 ist nie ausgefochten worden. Nach der knappen Wahlniederlage 2005 hat man erst mal in der Regierung weitergewurschtelt, und auch danach hatte niemand den Mut oder die Kraft, eine offene Debatte zu erzwingen. Solange sie nicht stattgefunden hat, kann die SPD strampeln, wie sie will, die Wähler werden auf Distanz bleiben.

Wenn die Verhältnisse in Deutschland wirklich so ungerecht sind, dann muß viel mehr geschehen, als die Partei sich bisher vorgenommen hat. Sollten aber die weltanschaulichen Unterschiede zwischen Union und SPD gar nicht so groß sein, wie man sie zuletzt dargestellt hat, dann ist es doch nicht ehrenrührig, sich an der Regierungsarbeit zu beteiligen. Zumal Merkel ihren Koalitionspartnern bekanntlich extrem weit entgegenkommt, um an der Macht bleiben zu können. Das jedenfalls hat Schulz patzig in die Berliner Runde geschleudert, um damit sowohl die Kanzlerin als auch die Grünen und die Liberalen wie prinzipienlose Gesellen aussehen zu lassen. Was er dabei nicht bedacht hat (ein weiterer rhetorischer Schnitzer): Wenn seine Analyse stimmt, dann spricht eigentlich nichts dagegen, sich wieder mit der Union zusammenzutun, denn dann kann die SPD den Großteil ihrer Vorstellungen umsetzen – es sein denn, es ginge gar nicht um das Wohl des Landes, sondern nur darum, daß »der Herr Schulz« nicht Kanzler werden kann.

Nachdem er sich in einem aussichtslosen Kampf für die Partei aufgeopfert hatte, sah Schulz nicht ein, nun auch noch das von allen erwartete Debakel auf seine Kappe zu nehmen und abzutreten. So leicht wollte er es seinen Widersachern nicht machen. Also hat er die SPD-Führung eilig darauf verpflichtet, den Gang der SPD in die Opposition mitzutragen und kompromißlos zu verteidigen. Es war schon auffällig, daß selbst ein so besonnenes Präsidiumsmitglied wie Olaf Scholz in Interviews direkt nach der Wahl eine Beteiligung der SPD an der künftigen Regierung kategorisch ausschloß. Da folgte jemand erkennbar einer präzise abgesprochenen Sprachregelung. Schulz wollte Handlungsfähigkeit demonstrieren, um seinen Führungsanspruch zu untermauern. Hätte er am Wahlabend zögerlich reagiert, wäre die Diskussion um seine Ablösung sofort losgebrochen. So hat er immerhin etwas Zeit gewonnen, was ihm letztlich aber nichts nützen wird. Die SPD wird ihn nicht noch mal ins Rennen schicken. Mit dem Fraktionsvorsitz hat er Nahles‘ gröbsten Appetit fürs erste gestillt, das ist aber noch keine Vorentscheidung für die nächste Kanzlerkandidatur. Vergessen wir auch nicht Sigmar Gabriel, der Schulz in weiser Voraussicht den Vortritt gelassen hat wie einst Merkel Stoiber. Ihn darf man nicht zu früh abschreiben.

Man möchte der SPD wünschen, daß sie es endlich schafft, sich »ehrlich zu machen« und zu klären, welche Rolle im politischen Kräftespiel sie künftig anstrebt. Da hilft am Ende auch nicht die beste Rhetorik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2017 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36437

Ich kenne ja Herrn Schulz nicht und werde mich sowieso nie in psychologischen Ferndiagnosen ergehen. Aber sein letzter Auftritt, mit Hilfe des SPIEGEL inszeniert (nicht als dessen Opfer, wie gelegentlich behauptet), scheint mir eine gewisse literarische Qualität zu haben, so daß vielleicht der Weg vom Buchhändler zum Schriftsteller passender gewesen wäre als der zum Politiker.

Wir haben falsche Ärzte erlebt, die nie eine medizinische Lehrveranstaltung besucht hatten und dennoch jahrelang erfolgreich an Kliniken praktizierten, bevor sie durch einen dummen Zufall aufflogen. Wieviel eher könnte das in der Politik geschehen, wo es gewissermaßen nur Dilettanten gibt!

Kindischerweise habe ich mir manchmal vorzustellen versucht (wie in manchen Albträumen), ich hätte mich erfolgreich auf eine Professur für Posaune beworben: Wie lange könnte ich mich durchmogeln (schlimmer Finger usw.)?

Schulz hat ein Drama von hohem Rang inszeniert, das wirklich nach einer Bühnenbearbeitung schreit. Eine Tragödie wäre es, wenn er sich abschließend umbrächte, was wir ihm natürlich nicht wünschen. Vielleicht wollte er Platons überraschende These ausdeuten, die Politik sei die "eigentlichste Tragödie" (aus den Nomoi frei übersetzt, wie ich zugebe).

Schulz kann kein politisches Amt mehr ausüben, das ist klar. Aber das will er in Wirklichkeit wohl auch gar nicht. Er hat die Maske fallen lassen, die anderen tragen ihre noch und ärgern sich. Gut gemacht!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2017 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36459

Es gibt Tausende von Musterreden für alle Gelegenheiten, auch solche zum Tag der deutschen Einheit, wahrscheinlich auch Ruckreden und Schlafreden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2017 um 06.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36476

Ulrich versucht Lindner klarzumachen, dass auch Wirtschaftsflüchtlinge nicht zum Spaß nach Europa kommen und Flucht aus wirtschaftlichen Gründen sehr wohl einen Fluchtgrund darstellen kann. Diese Feststellung will Lindner nicht hören. Stattdessen fällt er dem Journalisten bei jeder Gelegenheit ins Wort und beharrt auf seiner Meinung; ein Zeichen, dass Koalitionsverhandlungen mit ihm sicherlich kein Zuckerschlecken werden. (welt.de 6.10.17)

Auch dies ist ein Trick aus der altbewährten Kiste der Rhetorik: Man deutet unterderhand ein Wort ("Flucht") um, und dann geht es munter weiter im Niemandsland des Außerrechtlichen. Lindner hat recht, sich dagegen zu wehren, aber der hochmoralische Berichterstatter will es nicht gelten lassen.)

(Wer würde die Deutschen, die im 19. Jahrhundert in Amerika ein besseres Auskommen suchten, als "Flüchtlinge" bezeichnen?)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.10.2017 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36479

auch Wirtschaftsflüchtlinge nicht zum Spaß nach Europa kommen und Flucht aus wirtschaftlichen Gründen sehr wohl einen Fluchtgrund darstellen kann

Damit (bis auf die zirkelhafte Formulierung) hat Ulrich ja völlig recht. Aber, na und? Was will er weiter damit sagen? Weil es kein Spaß ist, ist Europa gezwungen, jeden Wirtschaftsflüchtling aufzunehmen?
Der richtige Weg wäre, den Herkunftsländern echte Wirtschaftshilfe zu leisten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2017 um 13.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36480

Man sollte sich an die Definition der Genfer Konvention halten, sonst gerät man ins Uferlose.

Zur Wirtschaftshilfe ist auch niemand verpflichtet, aber sie kann ein Gebot der Klugheit sein (wohlverstandenes Eigeninteresse).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.10.2017 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36481

Unter den Auswanderern aus Deutschland gab es tatsächlich auch solche, die vor der deutschen Justiz flohen, nicht nur wegen Straftaten, sondern auch wegen politischer Betätigungen. "Demokrat" war in Deutschland ein Schimpfwort.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2017 um 15.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36482

Das ist sicher richtig, aber solche habe ich ja ausdrücklich nicht genannt, sondern nur die "Wirtschaftsflüchtlinge", wie man heute mit einem widersprüchlichen Ausdruck sagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2017 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36483

"Dieser Nobelpreis ist auch eine Ohrfeige für die Bundesregierung", twitterte der Linken-Politiker Jan van Aken. "Die muss das Atomwaffenverbot nun auch unterschreiben!"

Usw., aber das legt sich wieder.

In der "Welt" werden die fünf unwürdigsten Friedensnobelpreisträger aufgezählt, wozu den Lesern und auch mir gleich 15 ebenso unwürdige eingefallen sind.

SPD-Chef Martin Schulz hat die Vergabe des Friedensnobelpreiseses an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) begrüßt. Die Vergabe sei "ein kraftvolles Signal zur richtigen Zeit". Es mache deutlich, wie dringend mutige Initiativen für globale Abrüstung und eine Welt ohne Atomwaffen gebraucht werde. "Wir brauchen keine neue Aufrüstungsspirale in der Welt, sondern eine Renaissance von vertragsgestützter Abrüstung und Rüstungskontrolle weltweit", so der SPD-Chef. Diese Mahnung des Nobelpreiskomitees müsse allen ein Auftrag sein, Abrüstung und eine mutige Friedenspolitik wieder als echte Priorität auf die Tagesordnung der internationalen Politik zu setzen. Deutschland und Europa müssten dabei vorangehen.

Diesmal erwähnt er Merkel nicht namentlich, aber den Vorwurf der "Aufrüstungsspirale" hat er ihr im Wahlkampf immer wieder gemacht, weil sie den von der SPD (Steinmeier) mitgetragenen Zwei-Prozent-Beschluß bekräftigt hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2017 um 21.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36484

Aber vielleicht erinnert dieser Friedensnobelpreis daran, dass eine Welt ohne atomare Bedrohung möglich ist. Sie war es schließlich schon einmal." (Mittelbayerische Zeitung)

Ja, wir erinnern uns.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.10.2017 um 08.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36487

Aber den Krieg abschaffen, indem man Waffen abschafft – das wird nicht funktionieren. Der Mensch selbst ist der Samen aller Kriege. Der Mensch, jeder einzelne, muss sich entscheiden, ob er leben möchte oder nicht. Diesen Entschluss kann ihm kein Nobelpreiskomitee abnehmen. (Torsten Krauel, Welt 7.10.17)

Wieso jeder einzelne? Was soll ich denn tun? Alle wollen leben, das steht doch gar nicht zur Entscheidung. Der salbungsvolle Schluß würde jede Predigt zieren, aber als politischer Kommentar ist er dürftig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2017 um 13.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36520

Daß bei allgemeinem und gleichem Wahlrecht die Stimme des einzelnen nicht viel zählt, ist, wie gesagt, ein triviales arithmetisches Problem, das man für sich selbst lösen mag, indem man sich eben noch anders als durch Wahl beteiligt.

Interessanter ist die Frage, ob es richtig sein kann, daß Kundige wie Unkundige die gleiche Stimme haben. Stichwort: "Wahrheit statt Mehrheit". Wenn ich sehe, was sich in den Leserbriefspalten austobt, möchte ich dauernd rufen: "Und so was lebt!" Sollte man nicht eine Eignungsprüfung vor den Wahlen abhalten, ähnlich dem Einbürgerungstest, aber schwerer? Ich bin nicht dafür, aber ich gebe es zu bedenken.

Eine große Zahl von Menschen weiß fast nichts über den föderalen Aufbau und die Zuständigkeiten. Unter keinem Polizeibericht fehlt das höhnische "Danke, Merkel!" (Schengen hat sie uns auch einbrockt, außerdem zu geringe Löhne für Pfleger festgesetzt usw.)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 12.10.2017 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36538

Und ich möchte bei dem Unsinn, den die meisten Politiker von sich geben, immer wieder rufen: "Und so was regiert!" Ich halte die Inkompetenz der Politiker für viel schlimmer als die Tatsache, daß normale Bürger, die sowieso keine ernstzunehmende Möglichkeit der Mitbestimmung haben, sich nicht in allen politischen Details auskennen, wenn sie bei einer Wahl ihre Stimme abgeben.

Nehmen wir das Thema Nummer 1, das die Menschen in Deutschland umtreibt: Migration inklusive Integrationsprobleme, Islamisierung, drohende Parallelgesellschaften usw. Hundert Politiker habe ich sagen hören: "Die Menschen kommen einfach, das kann man überhaupt nicht verhindern, weder mit Mauern oder sonstwie." Haarsträubender Schwachsinn. Und so was möchte regieren! Diese Äußerungen, im Tonfall der Belehrung vorgetragen, waren genauso intelligent, wie wenn dieselben Politiker sagen würden: "Haustüren bringen überhaupt nichts, weil Diebe sowieso ins Haus eindringen werden, wenn sie es wollen." Komischerweise haben alle Häuser Türen. Die normalen Menschen bauen sie ein. Sie wissen sehr gut, daß Haustüren nützlich sind. Und daß man das Haus noch besser gegen Eindringlinge sichern kann, wenn es nötig sein sollte.

Einwanderung und Integration kann auch nur in dem Maß funktionieren, wie die aufnehmende Gesellschaft dazu bereit ist. Gerade bei so einem Thema wäre es nicht nur möglich, sondern sehr wichtig, sich nach den Vorstellungen der Bevölkerung zu richten. Zur Bevölkerung gehören idealistische Gutmenschen genauso wie solche, die Merkel in den Leserbriefspalten verhöhnen. Also ganz konkret: Wie hoch soll der "Richtwert" für die Netto-Zuwanderung aus humanitären Gründen sein, den Seehofer mit 200.000 pro Jahr veranschlagt hat – paßt das so, oder soll der Richtwert niedriger oder höher sein? Wieso sollte man nicht den Bürgern diese wichtige Frage stellen, und einen gewissen Mittelwert als Richtschnur ansehen, zumindest als Ausgangspunkt für weitere Überlegungen? So sähe gute Demokratie aus: die Meinung der Bürger bei jenen wichtigen Themen ernst nehmen, die sie selbst am besten beurteilen können. Stattdessen bastelt da jede Partei an ihrer eigenen Ideologie herum.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2017 um 06.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36540

Gestern berichtete die FAZ (im Wirtschaftsteil), daß im vergangenen Jahr über 660.000 Ausländer Deutschland verlassen haben. Liest man auch selten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2017 um 05.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36755

Jamaika kostet 100 Milliarden

O Schreck! Bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß der größte Batzen durch den Wegfall des "Soli" entstehen würde, Mindereinnahmen von über 40 Mrd. für den Bund. Das wäre für mich ja eigentlich etwas Gutes, wie die gesamte Entlastung der Bürger um besagte 100 Mrd.

Als Frühaufsteher sehe ich die Schlagzeilen in einer besonders rohen Form, auch mit vielen Rechtschreibfehlern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2017 um 17.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36879

McLuhan meinte, „daß die Gebildeten mit ihrem anmaßenden, ebenmäßigen Tonfall die Gleichförmigkeit des Buchdrucks nachahmen.“
Unsere scheinbar ursprüngliche Sprechstimme wäre demnach eigentlich unsere Vorlesestimme. Andernfalls hätten wir eine viel stärkere Modulation, wie Kinder oder schriftlose Völker mit ihrem Singsang(?).

Auch zu bedenken: Man kann die Sprechstimme leichter einer Person zuordnen – ist das vielleicht der eigentliche Ursprung des Sprechregisters?

"Poetry is not a sort of distorted and decorated prose, but rather prose is poetry which has been stripped down and pinned to a Procrustean bed of logic." (Gregory Bateson)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2017 um 13.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#36925

Zu den Wahlprogrammen stellten die Hohenheimer fest:

Auffällig ist, dass die SPD in ihrer Wortwahl eher dem Muster der Oppositions- als dem der Regierungsparteien folgt: „müssen“ und „mehr“, zwei eher fordernde Begriffe, tauchen bei ihr ebenso häufig auf wie bei den meisten Oppositionsparteien. (https://www.uni-hohenheim.de/uploads/media/Wahlprogramm-Check_BuWa_2017.pdf)

Das war uns ja intuitiv auch schon aufgefallen, auch außerhalb von Programmen in den Wahlkampfreden usw., und im Grunde setzt es sich nach der Wahl fort, zur Verwirrung mancher Beobachter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2017 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#37104

Rainer Hank beklagt (FAS 26.11.17), daß die Parteien sich nach der Wahl nicht mehr um den Wählerwillen scheren. Natürlich nicht! Das ist eben die repräsentative Demokratie. Man kann die Wähler nach der Wahl nicht schon wieder fragen, wie sie es denn eigentlich gemeint haben. Sie haben die Parteien so gewählt, wie die sich selbst dargestellt haben, im Wahlkampf und vorher. Diese langfristige Urteilsbildung wird für nichtig erklärt, wenn man ihr den informell ermittelten Augenblickswillen voranstellt. Wenn die SPD-Wähler meinen, sie hätten die SPD nicht gewählt, damit sie mit der Union koaliert, dann müssen sie warten bis zur nächsten Wahl und können dann die SPD noch weiter reduzieren. Bei einem reinen Mehrheitswahlrecht wäre das noch deutlicher.
Manche Journalisten konstruieren, wenn die Entscheidungen der Politiker ihnen nicht passen, einen Wählerwillen (ihren eigenen) abseits und jenseits der Wahlergebnisse.
Zum falschen Bild der Demokratie trägt auch die tägliche Umfragerei bei, die ja meist von den Medien in Auftrag gegeben wird. Der Wille des Volks scheint den Medienleuten dann eher in Umfragen als in Wahlen zum Ausdruck zu kommen.
Die Verfassung steht vor dem Problem, wie weit sie bei allen Entscheidungen die „volonté générale“ umsetzen oder der Stabilität und Berechenbarkeit der Regierung Vorrang geben soll. Der wirkliche Wille des Volkes ist schwer zu ermitteln. Zu den technischen Schwierigkeiten kommt noch das „sokratische“ Pronlem: Was jemand zu wollen glaubt, ist nicht unbedingt das, was er wirklich will, nämlich bei einigem Nachdenken über das, was ihm wirklich frommt.
Das Mehrheitswahlrecht gibt der Stabilität der Regierung besonderen Rang (ob es diesen Zweck erreicht, steht auf einem anderen Blatt); es ist der Gegenpol zur direkten Demokratie. Eine Regierung der permanenten Abstimmung (täglich Volksversammlung wie im alten Athen) ist in Gefahr, in Stimmungsdemokratie umzuschlagen und leichte Beute von Demagogen zu werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2017 um 18.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#37185

Vor ein paar Tagen habe ich mal Martin Schulz im Radio gehört. Er beklagte Äußerungen ("wohl von Unionsseite"), wonach die SPD bereit sei, mit der Union zu verhandeln. Wer so etwas sage, "zerstöre Vertrauen". Ich glaubte mich verhört zu haben, aber am nächsten Tag kommentierten die Medien genau diese Äußerung als besonders absurd.

Man hätte nach der Bundestagswahl in den Winterschlaf gehen und erst nach der Vereidigung der neuen Regierung wieder aufwachen sollen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2017 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#37210

Schulz kritisierte scharf die FDP, die aus den Verhandlungen mit Union und Grünen zur Bildung einer Jamaika-Koalition ausgestiegen war. "Die Jamaika-Koalition ist gescheitert wegen der kühlen, kalten Machtstrategie von Christian Lindner", sagte er. Die FDP habe nach dem Motto gehandelt, erst die Partei, dann das Land: "So sind wir nicht." (Spiegel 6.12.17)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2017 um 19.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#37218

Schulz will Vereinigte Staaten von Europa bis 2025

Jetzt ist es aus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2017 um 05.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#37333

Zur Gruppendynamik:
Die fast einstimmige Wahl Markus Söders zum Kandidaten ist so wenig auf Leistung gegründet wie damals die 100%-Wahl von Martin Schulz. Es ist auch bekannt, daß Söder viele Gegner hat, das Ergebnis kann also nicht die wirkliche Meinung der Delegierten abbilden. Bei der offenen Abstimmung konnte jeder sehen, von wem die vier Gegenstimmen und zwei Enthaltungen kamen. Diese sechs können ihre Karriere vergessen. Sonderbar, daß solche Personalentscheidungen nicht geheim getroffen werden. Das gehört in vielen Gremien zur Geschäftsordnung.
 
 

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Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

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