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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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21.02.2008
 

Gehorsamste Dienerinnen
Zu einem Übungsbuch aus Leipzig

Barz, Irmhild u. a. (2007): Wortbildung – praktisch und integrativ. 4., überarb. Aufl. Frankfurt u. a. (Leipziger Skripten 2)

In reformierter Rechtschreibung, auch durchgehend selbstständig. Allerdings auch groß zu schreiben (154). Ausdrücke wie Nomen actionis usw. sind regelmäßig falsch geschrieben, nämlich traditionell.

Die Verfasserinnen lassen sich von der amtlichen Rechtschreibung vorgeben, was jeweils ein Wort ist.

„Die Wortbildungslehre wiederum hatte auf die Neuregelung der amtlichen deutschen Rechtschreibung seit 1996 zu reagieren.“ (73)

„Kompositum oder syntaktische Fügung? Begründen Sie Ihre Entscheidung mit der entsprechenden Rechtschreibregel.“ (75)

Die Verfasserinnen bleiben der Rechtschreibreform immer auf den Fersen. Der Gedanke, daß erwachsene Menschen und vor allem Sprachwissenschaftler keineswegs verpflichtet sind, der KMK-Orthographie zu folgen, liegt weit außerhalb ihrer Denkmöglichkeiten.

„Die Neuregelung der Rechtschreibung hat dem morphologischen Prinzip zu konsequenterer Geltung verholfen.“ (74) Es folgen einzelne Beispiele wie aufwendig/aufwändig, platzieren, nummerieren usw. Zu Stängel schreiben die Verfasserinnen: „synchron als Suffixderivation von Stange zu empfinden“. Ist das ein Befehl? Als Tatsachenbehauptung ist es ja offensichtlich falsch, denn das Wort wurde 1000 Jahre lang nicht mit ä geschrieben und wäre als Diminutiv zu Stange heute gar nicht möglich.

„Die Wortbildungsanalyse von Fremdwörtern ist besonders kompliziert, weil dem Einzelwort meist nicht anzusehen ist, ob es als Ganzes entlehnt oder erst im Deutschen gebildet ist.“ (15)

Nun, sprachgeschichtliche Fragen lassen sich ohne Berücksichtigung der Sprachgeschichte nicht beantworten. Die ganze Fragestellung ist verfehlt. Fremdwörter werden nicht „im Deutschen“ gebildet. (Dazu demnächst etwas mehr!)



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Kommentare zu »Gehorsamste Dienerinnen«
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Kommentar von Kohl, verfaßt am 16.01.2014 um 12.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#24855

Nun, wo keine sauberen Definitionen, da herrscht eben Willkür! Es macht im Studium immer wieder Spaß, selbstgebaute Sätzchen zu analysieren, wenn man weder den Begriff 'Satz' noch 'Wort' vernünftig definiert hat. Der Höhepunkt des ganzen (irgendwie fühlt sich diese Wort für mich immer wie ein Pronomen an, ich neige zur Kleinschreibung, kann mich da eventuell jemand aufklären?) war dann die Graphematik, in der uns unser Dozent versuchte, die "Regeln" und "Prinzipien" der Orthographie zu vermitteln. Auf die Nachfrage, welches Prinzip bei Fällen wie "Leid tun" und "leidtun" denn gelte, hieß es mit erschreckender Selbstverständlichkeit, es handele sich um ein Substantiv, das mit dem Verb verschmolzen sei. Mein Einwand, daß sich die Fügung analog zu Adverbien verhalte ("Wie leid es mir tut." usw.) und es andere ähnliche Wendungen gäbe, wurde dadurch weggewischt, daß es doch kaum ähnliche Wendungen gäbe ...
Ich habe auch ehrlich gesagt noch nicht verstanden, was ein Funktionsverbgefüge sein soll. Als Beispiel hatten wir "sich Gedanken machen", das ein Funktionsverbgefüge sein soll, weil "übertragener Gebrauch" vorliege. Nun, man kann sich auch Sorgen machen, meine Eltern sagen immer, ich solle mir keinen Kopf machen. Man kann eine ganze Menge Dinge "machen", warum also keine Gedanken?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2014 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#24853

Ein weiteres Beispiel für die Unterwerfung der Grammatik unter die Orthographie (und damit unter die Kultusminister) habe ich bisher wohl vergessen zu erwähnen:

„Da es schwer fällt, hier ein allgemeingültige Regel zu finden, sollte im Zweifelsfall die jeweils gültige Zuordnung eines Wortes zur Wortklasse der Substantive stets in einschlägigen orthographischen Lexika überprüft werden.“ (Elke Hentschel/Harald Weydt: Handbuch der deutschen Grammatik. Berlin 2003:492)
„So wurde kennen lernen bis zur Rechtschreibreform 1996 als ein Wort aufgefaßt und entsprechend zusammengeschrieben; seither wird es als zwei Wörter betrachtet und getrennt geschrieben.“ (ebd. 14)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.08.2013 um 18.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23830

Nach meinem Verständnis sind "kennenlernen, spazierengehen, sitzenbleiben" abgeschlossene Handlungen, also perfektive Verben.
Bei "kennen lernen, spazieren gehen, sitzen bleiben" liegt die Betonung zugleich auch auf "lernen, gehen, bleiben", und diese verstehe ich als unvollendete Handlungen, also imperfektive Verben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2013 um 15.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23829

Das verstehe ich nicht. Wenn man zwischen spazieren gehen und spazierengehen unterscheiden will, kann es doch nur der Unterschied zwischen "einen Spaziergang machen" und "sich aufmachen, um zu spazieren" sein. Bei kennenlernen sehe ich so eine Unterscheidung gar nicht. sitzen bleiben könnte "weiterhin sitzen" bedeuten, sitzenbleiben dagegen "durch Sitzen zum Stillstand kommen" (wie hängenbleiben). Meinen Sie so etwas?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.08.2013 um 11.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23828

Nach den Begriffen der Slawistik wären "kennenlernen, spazierengehen, sitzenbleiben" Verben mit perfektivem (vollendetem) Aspekt und "kennen lernen, spazieren gehen, sitzen bleiben" Verben mit imperfektivem (unvollendetem) Aspekt. Beim Übersetzen in slawische Sprachen muß man das unbedingt beachten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2013 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23827

Fuhrhop schrieb einmal zu infinitivregierenden Verben:

"Zweitens sind die hier betrachteten Verben die einzigen, die Verbkomposita bilden können, die einen Infinitiv als Erstglied haben: kennenlernen, spazierengehen, sitzenbleiben."

Außer der Zusammenschreibung, über deren wechselvolles Schicksal in den Händen von Rechtschreibreformern hier nichts mehr gesagt zu werden braucht, spricht nichts dafür, hier überhaupt Zusammensetzungen zu sehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2013 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23137

Bei Fleischer/Barz 2012 heißt es nun zu heute unproduktiven Wortbildungsmodellen: „arm – Armut, Heim – Heimat, Zierrat (ahd. -ôti), freien – Freite, blühen – Blüte, jagen – Jagd, mähen – Mahd.“ (255)

Also nur bei Zierrat ist keine Basis angegeben. Barz erspart es sich damit, über das Doppel-r Auskunft geben zu müssen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 03.05.2013 um 11.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23120

Von einer Reparatur ist zur Zeit ja gar nicht mehr die Rede, nur von einer gefälligeren Formulierung. Eisenbergs zaghafter Versuch, en passant im allgemeinen, im übrigen usw. wieder zuzulassen, wurde ja gleich zurückgewiesen. Seitdem ist nichts mehr passiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2013 um 10.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23119

Völlig richtig! Ich hatte es sogar selbst bemerkt, dann aber aus Faulheit stehenlassen. Man könnte noch spitzfindiger sagen: es ist ja nur fast der einzige, also tun andere auch etwas (das stimmt sogar). Oder: Nicht nur der Rat arbeitet an der Reparatur, sondern auch andere ...
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 03.05.2013 um 07.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23118

Bei allem Respekt möchte ich doch auf eine sprachliche Unschärfe hinweisen:

Wie kann Herr Eisenberg "beinahe der einzige (sein), der sich an der Umarbeitung des fehlerhaften Reformwerkes beteiligt"?

Ohne über intime Kenntnisse der Verhältnisse im Rat zu verfügen, scheint mir die angemessene Formulierung doch zu sein:

"... der einzige, der etwas für die Korrektur des fehlerhaften Reformwerkes tut", denn Beteiligung setzt ja einen übergeordneten Prozeß voraus, der gerade nicht gegeben ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2013 um 07.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23116

Für eine synchronische Wortbildungslehre bleiben meiner Ansicht nach zwei Themen: erstens die Ad-hoc-Wortbildungen in Texten, als Teil der Grammatik, zweitens das Verstehen der Wortgebilde durch den Hörer/Leser. Wellmann bekennt sich zwar in der IDS-Wortbildung zur Hörerperspektive, hält sich aber nicht daran, sondern bietet dann doch wieder die beliebten Erzeugungsregeln, als gelte es, die überkommenen Wortgebilde allererst zu erzeugen. Eine irreführende "Analyse durch Synthese". Dadurch kommt eine Richtung (vom Input zum Output, wie Fleischer/Barz sagen) in die Sache, die unangemessen ist. Für das Verstehen gibt es nur Entsprechungen, Analogien usw., keine Ableitungen und sonstigen Entstehungsprozesse.

Was Eisenbergs Rolle im Rat betrifft, so geht sie über die eines einfachen Mitgliedes hinaus, weil er beinahe der einzige ist, der sich an der Umarbeitung des fehlerhaften Reformwerkes beteiligt. Die meisten anderen sitzen nur dabei und sind auch gar nicht fähig, etwas Diskutierbares hervorzubringen. Die Schweizer bremsen alle Reparaturarbeiten, das ist ihr einziger Beitrag.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 03.05.2013 um 06.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23115

Eine rein "synchron-gegenwartsbezogene Wortbildungslehre" kann es gar nicht geben, denn die "Gegenwart" ist ja grundsätzlich Vergangenheit, nicht zuletzt, wenn man den etwas längeren Weg vom Abfassen eines Lehrbuches bis zum Druck berücksichtigt.

Ein "Ende der Geschichte" gibt es nirgends, auch nicht in der Natur, solange es Menschen gibt, die in der Lage sind, Veränderungen zu beobachten und zu beschreiben.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 03.05.2013 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23114

Natürlich hätte es heißen müssen: "..., daß Frau Fuhrhop nicht im RfdR sitzt ..." Herr Eisenberg allein kann ja wohl kaum etwas gegen die Dickfelligkeit der (meisten) übrigen Ratsmitglieder ausrichten, mögen seine Argumente auch noch so gut sein.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 02.05.2013 um 22.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23112

Am Ende des Eintrags von Prof. Ickler ("... und zum Teil seit Jahrzehnten unkorrigiert da stehen.") bin ich etwas über die Getrenntschreibung da stehen gestolpert. Auf Anhieb hätte ich eher die Zusammenschreibung dastehen erwartet.

Natürlich ist je nach dem, was gemeint ist, auch die Getrenntschreibung möglich. Das aber wohl nur dann, wenn mit da gemeint ist: im Fleischer/Barz.

Die leichte Leseschwierigkeit könnte durch die Verwendung von dort an Stelle von da oder durch Umstellung des Satzteiles vermieden werden: und da zum Teil seit Jahrzehnten unkorrigiert stehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.05.2013 um 15.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23109

Bei Fleischer/Barz 1992 hieß es noch:

„In einigen WBK ist die innere Flexion relikthaft bewahrt: ein Hoheslied – das Hohelied, die Langeweile – der Langenweile, aus Langerweile, woneben aber nach DUDEN (1985) auch die Formen ohne Flexion zulässig sind.“ (88)

An der gleichen Stelle steht 2012:

„Von der noch bis 1991 regelgerechten wortinternen Flexion in die Langweile/Langeweile, der Lang(e)weile und Langenweile, ebenso in das Hohelied/des Hohenliedes (Dudenband 1, 1991, 432, 342) sieht man heute ab. Die Verbindungen werden bei flektiertem Erstglied jetzt als Syntagmen aufgefasst (das Ende der langen Weile, aus langer Weile; Hohes Lied, des Hohen Liedes, dem Hohen Lied; Dudenband 1, 2009, 670, 547).“ (128)

Diese Abschnitte beweisen, daß Barz nicht zwischen Rechtschreibung und Wortbildung unterscheiden kann und daß sie die orthographischen Beschlüsse der KMK als sprachlichen Wandel auffaßt. Darum läßt sie sich auch vom Rechtschreibduden über ihren eigenen Gegenstand, die deutsche Wortbildung, belehren.

Der "Lehrbuchwechsel" von der historischen (etwa Henzen) zur synchron-gegenwartsbezogenen Wortbildungslehre war für die Germanistik eine Katastrophe. Zuerst, weil keiner der Autoren auch nur entfernt eine Ahnung davon hatte, was eine synchrone Wortbildungslehre zu leisten hätte (wie man schon seit den siebziger Jahren an dem mehrbändigen IDS-Projekt "Deutsche Wortbildung" erkennen konnte), dann wegen der Anpassung nicht nur der eigenen Schreibweise an die Reform, sondern wegen der Unterwerfung der Wortbildung unter diese Reformschreibung. Und Fleischer/Barz gilt seither als Standardwerk! Es gibt noch andere kapitale Fehler in diesem Buch, die nichts mit der Rechtschreibreform zu tun haben und zum Teil seit Jahrzehnten unkorrigiert da stehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2013 um 15.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23107

Fuhrhop ist doch im Rat vertreten – durch ihren Lehrer Eisenberg.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.05.2013 um 15.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23106

Dann wußten sie wohl schon 1995 nicht, was "zwei Verben" sind: Verlorengehen, danksagen, fertigstellen?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.05.2013 um 15.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23105

Vor Tische las man's anders: In der 2. Auflage des "Fleischer/Barz" von 1995 wird den Komposita aus zwei Verben ein ganzes Kapitel gewidmet mit den Beispielen "liegenlassen, verlorengehen, sitzenbleiben, kennenlernen, schätzenlernen, liebenlernen, danksagen, fertigstellen". Wenn der Verfasser eines wissenschaftlichen Lehrbuches von einer Auflage zur nächsten seine Bewertungen ändert, ohne eine Begründung, z.B. neue Forschungsergebnisse, anzugeben, scheint das ganze Lehrbuch nur eine Meinungsäußerung des Verfassers zu sein.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 01.05.2013 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23104

Es ist eine Schande, daß Frau Fuhrhop nicht im RfdR vertreten ist, aber das gilt ja für viele, die wirklich etwas von der Sache verstehen (Frau Primus, Frau Roeber, Herrn Munske, Herrn Stetter usw., von Herrn Ickler ganz zu schweigen).

Wenn man sich die gegenwärtige Zusammensetzung des Rates anschaut, fragt man sich schon, ob oder wie dieses Gremium jemals etwas Vernünftiges zustandebringen könnte, und sei es nur eine rein handwerklich befriedigende Version des aktuellen Regelwerkes.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.04.2013 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#23096

Wolfgang Fleischer/Irmhild Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 4., völlig neu bearbeitete Auflage. Berlin 2012.

In dieser Neubearbeitung setzt Barz fort, was sie anderswo begonnen hat: Die verordnete Rechtschreibung wird über die Grammatik gestellt. Zu Gebilden wie kennenlernen schreibt sie:

„Diese Verbindungen, meist sowohl als Wort wie auch als Syntagma aufzufassen (kennenlernen – kennen lernen), beschränken sich auf wenige Basisverben. Ihre Bildungsweise, die Univerbierung ‚syntaktischer Nachbarn‘, lässt sich nicht als Modell verallgemeinern (singen lernen > *singenlernen, *schlafenlassen). Wir folgen Fuhrhop (2007b, 51), wonach die Zweitglieder die jeweiligen Erstglieder regieren. Sie sind mit Modalverbgruppen vergleichbar (singen wollen) und nicht als Komposita zu erklären.“ (374)

Univerbierung heißt hier nichts anderes als Zusammenschreibung. Warum man, trotz Vergleichbarkeit mit Modalverbgruppen, überhaupt soll zusammenschreiben können, erörtert sie nicht. (Über die Besonderheit von kennenlernen haben wir ja schon diskutiert; es ist keineswegs "lernen, wie man kennt", daher weder mit singen lernen noch mit den Modalverbgruppen gleichzusetzen.)

An einer anderen Stelle deutet sie den Übergang zur Zusammenschreibung (satt haben Duden 23. A. 2004, satthaben Duden 24. A. 2006) als Zeichen von Sprachwandel (17), dabei ist es nur eine willkürliche Entscheidung des Rechtschreibrates unter Eisenbergs Einfluß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.01.2010 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#15480

Die Unterwerfung der Grammatik unter die amtliche Schulorthographie ist in dem vor der Reform erschienenen Lehrbuch der Wortbildung von Fleischer/Barz bereits vorgezeichnet.
In Sitzenbleiben sehen die Verfasser die Konversion eines Kompositums, in Wirkenwollen die Konversion einer Wortgruppe (211ff.). Der einzige Grund ist die damals geltende Orthographie. Mit deren Änderung mußte sich dann auch die entsprechende Wortbildungsregel ändern.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 14.03.2008 um 13.27 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#11657

Lieber Herr Bärlein,

sollte sich die Linguistik demnächst neu definieren, z.B. als Subdisziplin der Metaphysik (zu deren Unglück), dann hoffentlich mit dem Bewußtsein, daß auch in dieser Spielregeln gelten.

Möglich ist aber auch, die Linguistik überhaupt aus der Wissenschaft hinauszukatapultieren – direkt auf eine bunte Spielwiese.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 14.03.2008 um 13.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#11656

Nach Barz et al. ist das seine Existenz dem Neuschrieb verdankende Wort Stängel „synchron als Suffixderivation von Stange zu empfinden“. Wie das immer noch lebende Wort Stengel synchron(!) zu empfinden ist, bleibt dunkel, denn die Autorinnen sind am Ende ihrer Fahnenstange.

An ihrer Sprache werdet ihr sie erkennen!

Also auch die im Empfindungsreich der deutschen Wortbildung wandelnden Linguisten. Diesen (/ solchen) verdanken Germanistikstudenten in Leipzig und evtl. worldwide die sie restlos infantilisierende Frage und "didaktische" Aufforderung:

"Kompositum oder syntaktische Fügung? Begründen Sie Ihre Entscheidung mit der entsprechenden Rechtschreibregel.“
[wohl mit Ausrufezeichen zu schließen]

Dies führt uns vor Augen, daß von nun an – hoffentlich vorerst nur im Leipziger Probelauf – die Grammatik (Morphologie, Syntax, Semantik) des Deutschen nach der letztens arg hin und her ländenden Orthographie zu schreiben ist. Die Tragweite dieses "Gedankens" sollte man sich auf der linguistischen Zunge zergehen lassen. Dann weiß man, was (aus Leipzig) auf uns zukommt.

Nach jedem weiteren Reförmchen der RSR dürfen wir dann z.B. das Nomen neu definieren. Vor etwa zwei Jahren noch mußte auch Leid aus Leid tun in deren Klasse passen. Seit irgendwann muß es das nicht mehr, denn vorgeschrieben ist jetzt variantenlos revolutionaires(?) leid tun Landauf, landab also Aufatmen: "Endlich Sicherheit!"
 
 

Kommentar von Rob, verfaßt am 23.02.2008 um 10.58 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#11527

Keine Aufregung:
Übungsbuch aus Leipzig
(Barz, Irmhild u. a. (2007): Wortbildung – praktisch und integrativ. 4., überarb. Aufl. Frankfurt u. a. (Leipziger Skripten 2)
auf Nachfrage in der Universitätsbuchhandlung Leipzig: "Führen wir nicht und wurde auch nicht in das Sortiment aufgenommen". Na bitte, geht doch!!
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 22.02.2008 um 12.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#11515

Wenn ich die implizite Metaphysik der Reformlinguistik richtig verstehe, bleibt die Sprache in ihrem währenden Sein von den (vermeintlich) bloßen Zufälligkeiten ihrer konkreten Artikulation unberührt, vor allem von denen der Schrift als ihres "äußeren" bzw. "äußersten" "Kleides" – aus welchem Grunde Eingriffe in die Orthographie als völlig unbedenklich zu gelten haben. Jetzt ist zu erfahren, daß Wortbildung nicht nur doch irgendwie mit Orthographie zusammenhängt, sondern ihr sogar zu folgen hat. Das wirft mehr als nur ein Konsistenzproblem auf. Eigentlich müßte gerade eine reformorientierte Wortbildungslehre ja bemüht sein zu erklären, wie z.B. "behende" sich in "behände" durchhalten kann oder "langgestreckt" in "lang gestreckt".
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 21.02.2008 um 18.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=973#11502

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie sich so was beispielsweise in der Biologie ausnähme: Die KMK beschließt, daß die lieben Kinderchen von nun an lernen sollen, daß der Sauerstoff, der im Zuge der Photosynthese von Pflanzen abgegeben wird, aus der Luft kommt, und nicht durch Wasserspaltung gewonnen wird. Und prompt veröffentlichen besonders Eifrige schöne Traktate und Abhandlungen, um den Unsinn zu verbreiten, denn die Physiologie hat ja auf die "Biologiereform" zu reagieren... Es gäbe einen Eklat!
Und was sagt die Germanistik...?
 
 

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