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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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08.02.2008
Hohe Latte
Wolfgang Steinig erklärt uns die Welt

Steinig, Wolfgang (2006): Als die Wörter tanzen lernten. Ursprung und Gegenwart der Sprache. Heidelberg: Spektrum.

Wovon das Buch handelt, ist schwer zu sagen, denn es gibt fast nichts, wovon es nicht handelt. Es handelt also auch von der Rechtschreibreform, wenn auch nur auf einer einzigen Seite (aber im Klappentext wird es ausdrücklich erwähnt).

„Hier wurde versucht, die Signalkosten behutsam zu senken, indem man rechtschriftliche Handicaps, die besonders für Schreibanfänger, aber auch für weniger versierte Schreiber und Lerner des Deutschen als Fremdsprache eine ständige Fehlerquelle sind, zu entschärfen und durch logische, nachvollziehbare und leichter zu erlernende Regeln zu ersetzen. Ein Beispiel dazu: Beim Plural Flüsse muss man nach der neuen Regel im Singular die beiden beibehalten und Fluss schreiben. Nach der alten Regelung musste man jedoch zu einem <ß> wechseln, also Fluß schreiben, was wenig Sinn machte, da der Schreiber einen unnötigen und fehlerträchtigen Wechsel von zu <ß> vollziehen musste. Auch der Leser hatte mit der alten Schreibung größere Probleme, da er auf den Gedanken kommen konnte, man müsse Fluß mit einem langen u sprechen, ähnlich wie in Fuß. Die wackeren Reformer, die den Umgang mit geschriebenem Deutsch einfacher machen wollten, wurden teilweise wüst beschimpft, da sie einige der handschriftlichen Handicaps beseitigen oder zumindest abmildern wollten. Aber die schriftsprachlichen Kosten dürfen aus der Sicht derer, die mit Schrift professionell umgehen können, unter keinen Umständen gesenkt werden. Auch wenn die gleichen Personen, denen es um den Erhalt der alten, schwierigeren Regeln geht, in informellen Mails alle Wörter klein schreiben (! Th. I.) und sich wenig um Fehler scheren: Es geht ihnen darum, dass die Latte, an der sich Orthographie messen lässt, auf einem möglichst hohen Niveau bleibt, damit sich – wenn es um den Zugang zu privilegierten Positionen in unserer Gesellschaft geht – gute von schlechten Rechtschreibern unterscheiden lassen. Da schlechte Rechtschreiber tendenziell aus unteren sozialen Schichten kommen, haben sie geringere Chancen aufzusteigen. (...) Dieser selektierende Effekt wird von konservativen Eliten gewünscht, was Sie (! Th. I.) aber vehement bestreiten würden.“ (431f.)

Man wundert sich, daß ein nicht unintelligenter Autor heute noch diese Froschperspektive einnimmt und auch so lächerliche Beispiele anführt. Nun, Steinig ist Germanistikprofessor in Siegen und nennt im Vorwort Clemens Knobloch seinen Freund. So einfach ist es manchmal.

(Man beachte – abgesehen von den unbegründeten Vermutungen über Fehlerquellen – die tautologische Argumentation: Der Wechsel vom ss zum ß ist sinnlos, weil man dabei vom ss zum ß wechseln muß!)

Mit dem Begriff des „Handicaps“ bereichert Steinig übrigens auch die Theologie: „Nach den Berichten der Evangelisten ist Gott das denkbar größte Handicap eingegangen, als er seinen eigenen Sohn auf qualvollste Weise sterben ließ. (...) Man nahm es Jesus ab, dass er tatsächlich meinte, was er sagte, und es ihm mit seiner Botschaft wirklich ernst war. Sein Handicap war so überzeugend, dass seine Botschaft nicht vergessen wurde.“ (398f.)

Darum ist wohl auch die christliche Handicap-Malerei vom Mittelalter bis zur Gegenwart so beliebt.



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Kommentare zu »Hohe Latte«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2014 um 04.30 Uhr  
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Heike Wiese erklärt neuerdings ihre Kritiker für Rassisten, während Matthias Heine in der WELT (http://www.welt.de/129622721) meint, gerade die Kiezdeutsch-Propaganda sei rassistisch, wie seinerzeit das Blackfacing.
Das läuft sich gerade tot, und ich habe auch keine Lust, meine Zeit mit etwas zu vergeuden, was ich hier bereits als Unsinn bezeichnet habe. Jeder sucht sich halt eine Nische, in der er sich einen Namen machen kann. Glücklich, wem ein griffiges Schlagwort einfällt, unter dem er sein abgestandenes Zeug verkaufen kann.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 03.02.2014 um 14.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#25018

Es ist wohl die Wortbedeutung ausschlaggebend. Auf NTV liest man heute zum Tode des Schauspielers Philip Seymour Hoffman "Die Leinwand ist etwas leerer". (http://www.n-tv.de/panorama/Die-Leinwand-ist-etwas-leerer-article12196826.html)

Als glücklich empfinde ich die Formulierung trotzdem nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2014 um 17.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24998

Der "Tagesspiegel" berichtet über ein Projekt von Goethe-Institut, Deutscher Akademie für Sprache und Dichtung, Duden:

http://www.tagesspiegel.de/wissen/sprachdebatten-mit-dem-goethe-institut-deutsch-aber-witzig/9410434.html

Zitat:

Das Goethe-Institut findet „Fack ju Göhte“ gut. Dass die Schulkomödie im vergangenen Jahr in Deutschland zum erfolgreichsten Film wurde, „zeigt, dass die Jugendsprache im Zentrum der Gesellschaft angekommen ist“, sagt Goethe-Generalsekretär Johannes Ebert. (Tagesspiegel 30.1.14):

Aber in der Mitte der Gesellschaft sitzt doch schon der Antisemitismus?

Zwei Leser kommentieren:

"Das letzte, was Jugendsprache will, das ist im Zentrum der Gesellschaft anzukommen."

"Warum ist das irgendwie wichtig, daß die Jugendsprache im Zentrum der Gesellschaft ankommt? Ist der Sinn der Jugendsprache nicht gerade der, sich von diesem Zentrum ein wenig abzugrenzen? Die Diagnose scheint zudem nicht wirklich fundiert zu sein, um Jugendsprache geht es in dem Film eigentlich gar nicht. Außerdem gehen sowieso eher Jugedliche ins Kino."


Der "Erste Bericht zur Lage der deutschen Sprache" wird angeführt und scheint eine Rolle spielen zu sollen. Fremde Teilnehmer werden die Rechtschreibreform anführen, die Veranstalter werden sie mit Tabu belegen. Alles vorhersehbar und einfach zum Gähnen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 31.12.2013 um 23.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24719

Die Meidung von magerere aus Gründen des Wohlklangs (Beitrag vom 5. Dezember) brachte mich darauf, daß in der Medikamentenforschung oft die Abkürzung RRR auftaucht. Die relative Risikoreduktion zu ermitteln ist gar nicht so einfach. Man könnte also als Ziel ausgeben:

Sicherere RRR-Ermittlung!

(Einfach mal ausrufen, zwecks Kalauer am Jahresende.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2013 um 19.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24593

Da ich anderswo gerade Gunter Holzweißigs Arbeiten zur Mediengeschichte der DDR erwähnt habe, will ich auch aus einer Rezension zitieren:

Nebenbei, dem Buch fehlte ein Lektor, der stilistische Entgleisungen ausgemerzt hätte: „Glaubwürdig“ erträgt keine Komparation – „glaubwürdiger“ gibt es nicht. Entweder ist etwas glaubwürdig oder nicht. Oder: etwas ist fein gesponnen oder feiner gesponnen, aber „fein gesponnener“ gibt es nicht (schon auf S.1). Und so noch öfter. (.)

Warum sollte glaubwürdig nicht gesteigert werden können? Es wird täglich tausendmal gesteigert, und man weiß jedesmal, was damit gemeint ist. Und das zweite Monitum ist wohl nur eine Folge der Rechtschreibreform, die von Lektoren nicht nur nicht ausgebessert, sondern meistens noch in die Texte hineinoperiert wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2013 um 14.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24589

Ja, das ist auch Politikerjargon, aber beinahe sprichwörtlich war seinerzeit die "doppelte Steigerung" in der Sprache der SED: weitere Erhöhung usw. - davon dröhnten vor allem die Reden zum Ersten Mai, dem "internationalen Kampftag der Arbeiterklasse" (wobei der "Friedenskampf" z. B. darin bestehen konnte, die Produktionsvorgabe von 5000 Paar Damenstrümpfen "zu erfüllen und gezielt zu überbieten").
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 10.12.2013 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24588

"Er wurde schneller gesund als erwartet". Man hat also durchaus erwartet, daß er die Krankheit übesteht und wieder gesundet, nur eben nicht so schnell – ohne jede Wertung. Man könnte auch sagen "früher wieder gesund" oder "eher gesund" oder "Die Genesung vollzog sich schneller als erwartet" – was nicht heißt, daß man eine schnelle Genesung erwartete, sondern eine gewisse Geschwindigket, die dann übertroffen wurde.

"noch"+Komparativ gehört zu den beliebten Journalistenphrasen, die auf die schwarze Liste gehören. Meist ist das ein sicherer Hinweis auf nachgebetete propagandistische Presseerklärungen: "Das Verkehrsangebot der Stadtvwerke soll noch besser werden" – zu deutsch: es bleibt so erbärmlich wie gehabt. "Die Stadt soll noch sauberer werden" – sie bleibt so dreckig wie eh und je. "Anträge werden jetzt noch schneller bearbeitet " – Nehmen Sie sich viel Zeit mit.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.12.2013 um 00.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24585

Mit noch+Komparativ drückt man ggf. eine Art Verstärkung in der gleichen Richtung aus. Von zwei Dingen, die beide besser sind als ein drittes, ist das eine eben noch besser. Ist insgesamt nur von zwei Dingen, einem guten und einem noch besseren die Rede, dann drückt noch aus, daß tatsächlich beide Dinge absolut gut sind, nicht nur das zweite relativ besser als das erste.

Die Erweiterung mit noch bringt also einen neuen Aspekt, die Absolutheit, ins Spiel. Man kann daher leider, wenn der Satz mit noch, d.h. mit dem Absolutheitsanspruch, unsinnig ist, nicht darauf schließen, daß auch der ursprüngliche Satz ohne diesen Anspruch schon unsinnig war. Wenn in bestimmten Fällen mit noch nur die analytische Steigerung möglich ist, muß das nicht ohne weiteres auch für den Satz ohne noch gelten.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 09.12.2013 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24584

Da Johnny Depp als schön bekannt ist, wirkt die Formulierung ironisch. (Ich bin ein Frühaufsteher wie mein Bruder, ich schlaf nur länger.) Wenn aber ein Hund nur etwas bösartiger ist als ein anderer, welchem würden Sie trauen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2013 um 14.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24583

Wer mich kennt, weiß, daß ich aussehe wie Johnny Depp, nur etwas häßlicher. Bedeutet das, daß Depp häßlich ist?

(Den Namen habe ich aufs Geratewohl ausgewählt und weil er mal zum sexiest man alive gewählt wurde. Eigentlich kann ich männliche Schönheit nicht beurteilen, jeder Versuch wird von den Frauen meines Haushalts gleich als lächerlich abgeschmettert.)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 09.12.2013 um 11.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24582

Wie gesagt: "Weniger schön“ beschreibt das Verhältnis zu etwas Schönem, "unschöner" zu etwas Unschönem. Eine Tulpe ist vielleicht weniger schön als eine Rose, aber nicht häßlicher. Es sei denn, es handelt sich um eine häßliche Rose.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.12.2013 um 11.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24581

Synthetische Abschwächungsstufen gibt es nicht. Wer dazu eine analytische Konstruktion verwendet, ist nur zu faul, das gegenteilige Adjektiv zu suchen, außer es gibt keins: Häßlicher statt weniger schön.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2013 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24580

Ja, Herr Virch hat das sehr gut getroffen. Wir machen auch immer unsere Späße damit: "Er ist dümmer, als er aussieht" vs. "Er ist noch dümmer, als er aussieht" usw.
Die Funktion von "noch" ist bisher nicht besonders gut beschrieben. Im dicken Langenscheidt-Wörterbuch für Deutsch als Fremdsprache hat es 20 Bedeutungen, was von vornherein eine Kapitulation der Lexikographen bedeutet. Echte Vieldeutigkeit dieses Ausmaßes findet man bei Inhaltswörtern, die sich geschichtlich ausdifferenziert haben, aber nicht bei Funktionswörtern.
Ein Linguist meint: ‘schon’ heißt: wider Erwarten früh, ‘noch’ heißt: wider Erwarten spät. Aber "noch in diesem Jahr" heißt nicht wider Erwarten spät. Das kann also nicht stimmen.
Man muß wohl unterscheiden zwischen dem "noch" in "weder noch", das die Negationspartikel enthält, und dem sonstigen "noch", in dem ein "nu" steckt und das eine Grundbedeutung wie "und dazu" hat. Für solche Homonyme darf man natürlich keine gemeinsame Bedeutung suchen wollen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.12.2013 um 09.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24579

(Dies bezog sich auf Prof. Icklers Kommentar. Guter Gedanke auch von Herrn Virch.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.12.2013 um 09.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24578

Da bin ich nun sehr überrascht. Ich hatte meine Sichtweise für so selbstverständlich gehalten, daß ich sie zuerst gar nicht kommentieren zu müssen glaubte, und ich dachte, die bisherigen Kommentare gingen alle in diese Richtung. Offenbar kann man es aber auch anders verstehen. Ich fände es interessant, noch mehr Meinungen zu sehen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 09.12.2013 um 09.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24577

Ein „noch“ läßt keinen Zweifel. „Er gesundete (noch) schneller als befürchtet.“ „Die Protestaktion verlief (noch) undramatischer als befürchtet."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2013 um 05.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24574

Also da kann ich nicht folgen. Die verschiedenen Auslegungen scheinen mir nichts mit dem Komparativ zu tun zu haben. Wenn jemand "schneller als erwartet" wieder gesund wird, muß doch niemand erwartet haben, daß er schnell wieder gesund wird. Anders sieht die Sache aus, wenn ich statt des neutralen "erwartet" ein tendenziöses "erhofft" oder "befürchtet" reinbringe:
"Schneller als erhofft" = man hat gehofft, daß er schnell wieder gesund wird, es ging aber noch schneller.
"Schneller als befürchtet" = man hat befürchtet, daß er nicht so schnell wieder gesund wird, es ging dann aber doch schnell.
Was soll daran unlogisch sein? Es ist doch gar nicht gesagt, daß der Vergleich sich auf die Basis des gesteigerten Adjektivs bezieht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.12.2013 um 22.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24573

Ich wollte vor allem sagen, daß die beiden Steigerungsformen analytisch/synthetisch nicht beliebig austauschbar sind. Es gibt zwar eine synthetische Steigerung (ein größerer Baum), aber keine solche Minderung. Die Minderung kann nur als Steigerung des Gegenteils ausgedrückt werden (ein kleinerer Baum). Aber manchmal kann man das Gegenteil kontextbegründet nicht benutzen, dann geht es eben nur analytisch (ein weniger großer Baum).

Wie Herr Achenbach schon schreibt:
»"Undramatischer als befürchtet" würde doch bedeuten, daß befürchtet wurde, der Sturm werde undramatisch ablaufen.«
Dasselbe gilt natürlich für glimpflich:
"Glimpflicher als befürchtet" bedeutet, daß befürchtet wurde, der Sturm werde glimpflich ausgehen. Eine Stilblüte im Radio.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 08.12.2013 um 16.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24572

Der Unterschied ist gvavierender. "Weniger schön“ beschreibt das Verhältnis zu etwas Schönem, "unschöner" zu etwas Unschönem.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 08.12.2013 um 14.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24571

Mir scheint, daß hier Äpfel und Birnen miteinander verglichen werden.

Zu Wendungen wie "weniger schön" oder "weniger deutlich" gibt es doch überhaupt keine analytischen Entsprechungen. "Unschön" und "undeutlich" sind, wie Germanist ja richtig sagt, keine Steigerungen sondern Verneinungen.

Daher gibt es auch einen ganz klaren Bedeutungsunterschied: was weniger schön ist, ist immer noch schön; was unschön ist, ist nicht schön.

Zu "glimpflicher" und "weniger dramatisch" gibt es keine echten Alternativen: "mehr glimpflich", "undramatischer"? "Undramatischer als befürchtet" würde doch bedeuten, daß befürchtet wurde, der Sturm werde undramatisch ablaufen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.12.2013 um 10.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24570

Ich habe den Eindruck, daß bei Verneinungen z.B. mit un- der analytische Komparativ weniger hart erscheint als der synthetische: Weniger schön klingt nicht so hart wie unschöner, es ist eine mildere Steigerung.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.12.2013 um 22.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24567

Für den analytischen Komparativ gibt es vielleicht noch andere Gründe. Gestern war ich mal wieder einige Stunden im Auto unterwegs. Auf mehreren Radiosendern war ganz gut die Enttäuschung darüber herauszuhören, daß der Sturm Xaver so ein Versager war und die ganz große Sensation ausgeblieben ist. Aber so deutlich wie auf "B5 Aktuell" hat es dann doch keiner gesagt. Immer viertel vor und viertel nach der vollen Stunde, ich habe es dreimal gehört, hieß es, der Sturm sei "glimpflicher als befürchtet" gewesen. Jeweils zur vollen und zur halben Stunde aber auf dem gleichen Sender: "deutlich weniger dramatisch als befürchtet".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.12.2013 um 06.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24550

Zum analytischen Komparativ, der laut Hinrichs unter Fremdeinfluß weiter vordringt, möchte ich eine persönliche Beobachtung beisteuern. Ich ertappe mich manchmal dabei, daß ich statt undeutlichere lieber weniger deutliche schreibe, und wenn ich mich nach dem Grund frage, stoße ich auf ein Unbehagen wegen der aufeinander folgenden Schwa-Silben. Wörter wie magerere meide ich überhaupt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2013 um 05.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24542

Auch in Götterts neuem Buch ("Abschied von Mutter Sprache") wird Deutschland als mehrsprachiges Land dargestellt:

In Deutschland werden zurzeit weit über 100 Sprachen gesprochen.

Auf großen Flughäfen werden auch mehr als 100 Sprachen gesprochen, das besagt zunächst nicht viel. Man muß genauer hinsehen, welche Rolle diese Sprachen spielen. Behörden kommen der ausländischen Klientel gelegentlich durch mehrsprachige Inschriften und Broschüren entgegen. Aber in welcher Sprache kauft man zum Beispiel eine Fahrkarte? Außer Deutsch kommt allenfalls ein wenig Englisch in Frage. Mit Türkisch kann man in türkischen Geschäften zum Ziel kommen, sonst nirgends. Deutschland ist im wesentlichen einsprachig, mit Englisch als Zweitsprache von wachsender Bedeutung.

Göttert geht nicht so weit wie Hinrichs mit dessen Grundriß des Albanischen usw. (als ob das Albanische irgendeine Rolle für das Deutsche spielte!), aber er stellt die wirklichen Verhältnisse trotzdem nicht richtig dar. Über seine bekannten Prognosen kann man daher auch streiten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.12.2013 um 16.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24524

Inzwischen habe ich das Buch von Hinrichs durchgeblättert. Ganz lesen werde ich es nicht:

Uwe Hinrichs: Multi Kulti Deutsch. Wie Migration die deutsche Sprache verändert. München 2013

„Das gesprochene Deutsch befindet sich heute, 2013, in dem fortgeschrittenen kritischen Stadium eines beschleunigten, zu großen Teilen durch Sprachkontakt ausgelösten Sprachwandels.“ (19)

Diese starke Behauptung wird ständig wiederholt.

Zusammenfassung:

„Die wichtigsten Veränderungen sind: Abbau der Kasus, Erosion der Endungen, Abbau des grammatischen Zusammenhangs, Schwankungen beim Artikel, neue Rolle der Präpositionen, neue lexikalische Modelle, neue Fremdwörter aus anderen Kulturkreisen.“ (28f.)

Hinrichs gibt aber keine Darstellung des gesprochenen Deutsch und seiner bisherigen Vorgeschichte und des auch ohne die Migrantensprachen gegebenen Standes der Dinge in den genannten Punkten.

Ein Beispiel für seine Argumentationsweise: Nachdem er die „Vereinfachung“ der Grammatik in den Balkansprachen dargestellt hat, sagt er:

„Sind im Sprachwandel des Neuhochdeutschen von solchen Dingen Spuren oder Parallelen zu entdecken? Ich meine ja. nur muss man hier die Kirche im Dorf lassen (und noch abwarten). Zählen wir einige Spielfelder kurz auf:
Die Stärkung analytischer Züge (z. B. von Präpositionen) in der Sprachtechnik (wie derzeit im Deutschen) ist genau das, was sich über Jahrhunderte auf dem Balkan abgespielt hat.
Ohne Zweifel ist das deutsche Kasussystem in ziemlicher Bewgung; abzuwarten bleibt, was in einigen Jahrzehnten von ihm übrigbleibt. Pauschal kann man sagen: Die Schwächung des gesamten Formensystems im Deutschen erinnert in vielem an altbalkanische Vorgänge.
Zumindest in der Sprechsprache kann man lautliche Spuren der Vereinfachung entdecken: Besonders das Migrantendeutsch kürzt die langen Vokale, fährt Umlaute und Diphtonge (!) zurück und vereinfacht Konsonanten-Cluster. Spuren davon gibt es auch im Neudeutschen.
Eine neue Steigerung der Adjektive steht noch ganz am Anfang und ist auch den Linguisten noch kaum bewusst (Typ: mehr eingänglich).
Von solchen Dingen wie dem Ersatz des Infinitivs jedoch ist im Deutschen, soweit zu sehen, nichts zu entdecken. Selbst im Kiezdeutsch ist davon kaum die Rede. Oder sind Äußerungen wie
?Sie will doch dass sie mit Hassan trefft
?Ich muss nachher noch dass ich ein paar Sachen kaufe
belegt oder wenigstes denkbar? Dies können wir nicht entdgültig entscheiden; es wäre aber merkwürdig, wenn multikulturelle Jugendslangs hiervon gar keinen Gebrauch machten. Denn auch andere Migrantensprachen verfahren so.“ (138f.)

Das heißt (und es wären viele ähnliche Stellen anzuführen): Hinrichs kann in keinem einzigen Fall beweisen, daß der behauptete Einfluß der Migrantensprachen auf das Deutsche tatsächlich stattfindet. Was das „Migrantendeutsch“ macht, ist ja hier gleichgültig, denn es geht um das Deutsche. Und Hinrichs beachtet gar nicht, welche Veränderungen das Deutsche bereits seit Jahrhunderten ohne Migranteneinfluß durchmacht, hauptsächlich als weitere Folgen des germanischen Stammsilbenakzents. Dazu gehört auch die „Verwechslung“ von Akkusativ und Dativ, die er besonders oft heranzieht. - Das Literaturverzeichnis enthält keine deutschen Grammatiken. Hinrichs vermutet, denkt sich etwas, fände andere Möglichkeiten merkwürdig usw. - aber belegen kann er nichts.

Ein kurzer Abschnitt gilt dem „Neuanglodeutschen“ und damit dem einzigen wirklich belegbaren Einfluß einer Kontaktsprache (aber keiner Migrantensprache) auf das Deutsche. („Das Englische nimmt also an den aktuellen Sprachwandelprozessen im Deutschen Teil (!).“ (144)

Das Buch ist also wertlos, wenn man es an der Titelthese mißt. Als Einführung in die Sprachkontaktforschung und Balkanologie mögen die umfangreichsten Kapitel brauchbar sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.11.2013 um 12.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24470

Bei meinem türkischen Lebensmittelhändler kann ich wählen zwischen Groser Weisbrot und Kleine Weisbrot, alles in schöner bunter Plakatschrift gedruckt. Das werde ich aber dem Sick nicht verraten. Meine Türken sind sehr fleißige Leute, hoffentlich bleiben sie uns noch lange erhalten, denn besser kann man nicht einkaufen.
Wie sollten diese kleine Eigenwilligkeiten denn die deutsche Sprache verändern? Der wirkliche Sprachwandel ist längst in der Umgangssprache und den Dialekten angelegt, wie die großen Grammatiken zeigen. Sprachkontakt spielt zu gewissen Zeiten eine große Rolle und ist ja durchaus studiert worden (von Schuchardt zum Beispiel), aber man darf ihn auch nicht überschätzen. Wir leben weder unter der Fremdherrschaft von Eroberern (Superstrat), noch werden wir von Fremdsprachigen unterwandert (Substrat).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.11.2013 um 07.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24466

Wieder einmal bespricht Wolfgang Krischke (FAZ 25.11.13) Uwe Hinrichs, der wieder einmal die Kreolisierung des Deutschen durch Zuwanderer heraufbeschwört, nun in einem Buch (bei Beck, in fehlerhafter Reformschreibung). Mit Recht bemängelt Krischke die schmale, eigentlich ganz unbrauchbare Datenbasis. Die Datenerhebung bleibt anekdotisch, eher wie bei Sick und anderen Schmunzelbuch-Autoren. Ich könnte dagegenhalten, daß im ausgedehnten Freundeskreis meiner 20jährigen Tochter keine Spur von solcher "Sprachvereinfachung" zu beobachten ist. Dazu ist alles Notwendige schon mehrmals gesagt worden, die Thesen gehen ja seit vielen Jahren durch die Presse.

Außer dem Englischen kann ich keine Sprache sehen, die das heutige Deutsch in nennenswertem Maße beeinflußt. Englisch ist die eigentliche Zweitsprache der Deutschen (und anderer Völker).

Die Balkanologen wie Hinrichs und Haarmann (auf den er sich oft beruft) möchten gern auch hierzulande eine "Sprachbund"-Entwicklung erkennen, aber vergeblich.

Es ist ist auch wieder mal viel von Vereinfachung die Rede. Gibt es ein Maß der Einfachheit? Vielleicht legt eine Sprache auf der einen Seite zu, was sie auf der anderen fallenläßt. Wir wissen es nicht, weil es noch nie gelungen ist, ein Maß der Gesamtkomplexität von Sprachen zu entwickeln.

Andererseits ist die Behauptung, dieses oder jenes Register oder auch Kreol sei den Hochsprachen vollkommen gleichwertig, so lange leer, wie wir darin nicht Fachliteratur und Belletristik von einigem Anspruch lesen können.

(Bei amazon gibt es eine lobende Rezension des Büchleins von einem Detlef Rüsch, der als "Top-Rezensent" schon über 2200 Bücher gelobt hat. Dazu genügt ihm ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis und den Klappentext. Diese Top-Rezensenten sind ein so eigenartiges Phänomen, daß man vielleicht eine buchwissenschaftliche Dissertation darüber anregen könnte.)
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 19.01.2013 um 09.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#22397

Zum Kommentar von Germanist (#20317 ):

Haben Sie schon mal niederländische Texte aus dem 17. Jahrhundert gelesen? Ich habe Hunderte für meine Dissertation ausgewertet (überwiegend Handschriften) und kann nicht bestätigen, daß dieses Niederländisch dem Afrikaans nähersteht als dem heutigen Niederländisch. Es mag sein, daß Afrikaans der Sprache der einfachen Landbevölkerung des 17. Jahrhunderts nähersteht, aber woher will man das wissen, wenn es kaum schriftliche Zeugnisse gibt?

Wer Niederländisch kann, wird Afrikaans zunächst als fehlerhaftes und primitives Niederländisch wahrnehmen (zumindest in geschriebener Form), jedenfalls ist es mir so gegangen, als ich in den Amsterdamer Universitätsbibliotheken über Bücher in Afrikaans gestolpert bin. Erst nachdem ich den Erscheinungsort verifiziert hatte, wurde mir klar, daß es sich hier um eine andere Sprache handelte.

Im übrigen ist das heutige Niederländisch gegenüber dem des 17. Jahrhunderts, das nicht ganz zu Unrecht "Gouden Eeuw heißt", auch stark vereinfacht.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 10.06.2012 um 14.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20869

Jürgen Trabant nimmt in der F.A.Z. in ganz vernünftiger Weise zum Thema »Kiezdeutsch« Stellung. Er sieht die eigentliche Bedrohung des Deutschen »von oben« her kommen: »Ein einflußreicher Teil der deutschen Sprachgemeinschaft meint ja doch offensichtlich, daß das Deutsche eine Kiezsprache sei, beziehungsweise der Dialekt einer unbedeutenden Weltgegend und der Soziolekt einer niedrigeren Klasse. Die richtige hohe, geschriebene, gebildete Sprache für die höheren Stände und für die höchsten Redeanlässe ist diesen ci-devant allemands schon längst nicht mehr das Deutsche, sondern das globale Englisch.« Folgerichtig wird der Verfasser den Lesern vorgestellt als »Professor of European Plurilingualism an der Jacobs University Bremen«.
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 31.03.2012 um 16.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20322

Interessant ist bei dem erwähnten "Test" bei spiegel.online, daß alle Erklärungen zu den Testfragen äußerst wortreich formuliert sind. Wenn Frau Wiese überzeugen will, hätte sie auch diese Erklärungen in "Kiezdeutsch", das ja ein vollwertiger Dialekt oder gar eine richtige Sprache sein soll, ausdrücken müssen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 30.03.2012 um 22.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20321

Kiez bedeutet in Hamburg natürlich vor allem Reeperbahn, Halbwelt, Porno, knallharte Zuhälter, Nutten; verwegen angelehnt Kleinkunst und schillernder Musicalpalast. Pralles Leben, vorurteilsfrei, entfesselte Kultur. So gesehen, mußte die tollkühne wissenschaftliche Entdeckung des Kiezdeutschen einfach kommen.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 30.03.2012 um 15.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20320

Ja, unter diesem Namen kenne ich die an Zischlauten reiche Sprache seit längerem. Vielleicht ist die Bezeichnung entstanden, weil viele Berliner sie nur in der U-Bahn hören.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.03.2012 um 14.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20319

»Tunneldeutsch«?
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 30.03.2012 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20318

Das Wort Kiez kann verschiedene Bedeutungen annehmen. Ursprünglich war es in den ostelbischen Gebieten, in denen Deutsche mit Slawen lebten, der Teil der Siedlung, der von den slawischen Fischern bewohnt wurde. Häufige Zusammensetzung: Fischerkiez. Weil dieser Stadtteil des alten Berlin unter der Herrschaft von Rotfront stand, nannten die Nazis kommunistische Hochburgen Kiez.

Als ich 1987 nach Berlin kam, war das Wort Kiez in Mode. Kiez war überall da, wo es irgendwie alternativ zuging, häufig kombiniert mit Straßennamen: Crellekiez in Schöneberg, Stephankiez in Moabit. Mir ist damals aufgefallen, daß es ausschließlich von Zugewanderten, häufig Schwaben, gebraucht wurde, aber nie von richtigen Berlinern. (Die haben eher Karree gesagt.)

Der Zauber des Wortes hält sich. Weil es so schön kuschelig klingt, wird jetzt die entstellte Sprache, die ich bisher als Tunneldeutsch kannte, Kiezdeutsch genannt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.03.2012 um 21.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20317

Wenn man das Kiezdeutsch als radikal vereinfachtes Hochdeutsch ansieht, kann man eine Parallele zum Afrikaans als extrem vereinfachten Niederländisch ziehen. Allerdings hat sich das Afrikaans nicht aus dem modernen Niederländisch, sondern aus dem des 17. Jahrhunderts entwickelt (vor 1652), dem es näher steht als dem modernen Niederländisch.
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 29.03.2012 um 18.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20315

Es scheint in Deutschland keinen Unsinn zu geben, der nicht nach allen Regeln der Kunst mit "Sachverstand" breitgetreten, belobigt, beleuchtet und erwogen wird, wenn er sich nur einen wissenschaftlichen Anstrich gibt.
Auf spiegel online gibt es jetzt sogar einen Test, der allen Ernstes fragt: "Wie gut ist Ihr Kiezdeutsch?"
www1.spiegel.de/active/quiztool/fcgi/quiztool.fcgi?id=59607
So schnell gibt sich also Heike Wiese, die Prophetin der neuen Sprache, nicht geschlagen, wie Prof. Ickler vermutet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.03.2012 um 09.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20240

Die entscheidende Frage bleibt aber, ob die Kinder ihre Erstsprache aus diesen Situationen einer behelfsmäßigen Kommunikation zwischen Erwachsenen beziehen oder doch, wie zu vermuten ist, von ihrer Mutter (usw.), in der intimeren Beziehung der ersten Monate und Jahre. Der seit einigen Jahren als kanonisch angenommene Ursprung der Kreolsprachen durch Nativisierung von Pidgins scheint eine reine Kopfgeburt (Bickertons hauptsächlich) zu sein und nicht auf Beobachtung tatsächlicher Ereignisse zu beruhen. Sobald muttersprachliche Kreolsprecher (Mufwene, McWhorter) genauer hinsahen, blieb nicht viel übrig.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.03.2012 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20239

Ernst Leisi erklärt in "Das heutige Englisch" die Entwicklung von Pidgin als Hilfssprache zu Kreolsprachen als Muttersprache damit, daß die Sklaven-Neuzugänge aus Afrika keine gemeinsame Muttersprache hatten und sich auch untereinander nur mit Pidgin verständigen konnten. Sie hatten kaum Gelegenheit, das Englisch der Europäer wirklich zu lernen. Für die Kinder, die auf den Plantagen aufwuchsen, war Pidgin oft die Sprache, die sie am meisten hörten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.03.2012 um 12.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20237

Im Anschluß an Derek Bickerton wird weithin angenommen, aus Pidgins entwickelten sich nach und nach Kreolsprachen, also Muttersprachen.
„Der Ausbau einer Pidgin-Sprache zu einer Kreolsprache erfolgt oft durch die Kinder der Pidgin sprechenden Eltern.“ (Wiki dt.)
„A creole is believed to arise when a pidgin, developed by adults for use as a second language, becomes the native and primary language of their children — a process known as nativization.“ (Wiki engl.)
Das würde bedeuten, daß die Eltern mit ihren Kindern Pidgin sprechen. Dafür habe ich keine Belege gefunden, im Gegenteil heißt es viel einleuchtender:
„Pidgins entwickeln sich aus Jargons und dienen meistens nur sehr wenigen Zwecken, wie etwa der rudimentären Kommunikation für Handel, Arbeiten oder zwangsweise soziale Kontakte (etwa in Arbeitslagern). Sie haben somit einen eingeschränkten Funktionsbereich.“ (Wiki)
Die Eltern dürften ja außer dem Pidgin noch eine Muttersprache haben, und diese werden sie wohl mit ihren Kindern sprechen, nicht das Pidgin, das dem Verkehr auf Märkten usw. dient.

Kreolsprachen sind auch nicht so urtümlich, wie man annimmt, sie sind vielmehr jeweils so „ausgebaut“ wie die Kultur, in der sich ihre Sprecher bewegen. Pidgins hingegen sind immer Behelfssprachen, und sie leben in einer fühlbaren Spannung zu den umgebenden Standardsprachen, deren kommunikative Anforderungen die Pidginsprecher sehr wohl kennen, zumal sie ja außer dem Pidgin eine mehr oder weniger ausgebaute Muttersprache – oft deren mehrere – beherrschen.

Kiezdeutsch wird keine Muttersprache und daher auch kein Dialekt werden.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.03.2012 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20222

Ein Dialekt wird erst ernstgenommen, wenn er die gesprochene Hochsprache beeinflußt. Beipiele: Die niederdeutsche Trennung zusammengesetzter Präpositionen, die westfälische Dauerform ("bin am Arbeiten"), der süddeutsche Nichtgebrauch des Präteritums, die Veränderung des gesprochenen südamerikanischen Spanisch durch das Andalusische (wozu es einige Theorien gibt).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.03.2012 um 18.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20218

Auch Wolfgang Krischke widmet dem Kiezdeutsch-Buch eine wohlwollend-kritische Besprechung in der FAZ. Er hält nichts von der These, Standarddeutsch sei ein elitäres Abgrenzungsmittel der Bildungsbürger. Tatsächlich erinnert dieser Affekt von Frau Wiese an die "emanzipatorische" Pädagogik der siebziger Jahre. Damals wurde "Asumans Grammatik" bestaunt, weil sie zwar viele Fehler enthielt, aber diese Fehler regelhaft auftraten, was im Gefolge der Chomskyschen Regelbesessenheit als Wunder an Intelligenz galt. Und damals wurde auch, zum Beispiel von Bernhard Weisgerber, der Rechtschreibfehler (die Ältern usw.) als mutige, zukunftsweisende Tat gefeiert und dem Irrenden nur erklärt, leider müsse er vorübergehend noch die geltende Rechtschreibung lernen, bis eben die selbsterfundene Neuschreibung sich durchgesetzt haben werde.
Wiese führt nun die "Innovationen" an, was ja positiv klingt, aber es sind doch nur die üblichen Pidginisierungserscheinungen, also Fehler.

Krischke erwähnt nicht den Grundirrtum, der schon im Untertitel des Buches auftritt: "Ein neuer Dialekt entsteht". Aber Kiezdeutsch ist keine Muttersprache und wird auch keine werden, daher auch kein Dialekt, sondern allenfalls eine Zeitlang der Jargon eines bestimmten Milieus bleiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2012 um 18.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20189

Karl-Heinz Göttert bespricht das Kiezdeutsch-Buch von Heike Wiese in der WELT vom 27.2.12. Er weiß natürlich, daß das Ganze Unsinn ist, hält aber am Ende das Buch trotzdem für eine "Wohltat", weil es irgendwie die Integration fördere.
Jürgen Kaube kommentiert Wiese in der FAZ vom 28.2.12 mit dem nötigen Sarkasmus.
Am besten, man übergeht diese Wichtigtuerei mit Stillschweigen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.02.2012 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20075

Am Genitiv auch.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.02.2012 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20073

In der bairischen Sprache ist die Endung "-n" im Genitiv, Dativ und Akkusativ Singular Femininum von Wörtern auf "-e" noch sehr üblich. (Deswegen heißt es ja auch "der Kas" statt "der Käse"; an "Käse" erkennt man die Preißn.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2012 um 08.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20071

Uwe Hinrichs behauptet in einem SPIEGEL.Beitrag (13.2.12), das Deutsche – vor allem das gesprochene Deutsch – verändere sich zur Zeit unter dem Einfluß der Migranten, gibt aber keine Belege, denn der angeführte Abbau der Flexion hat ja schon früher begonnen, die Nichtunterscheidung der Kasus in den Mundarten usw. – also einfach die tausendjährige Entwicklung zum analytischen Sprachbau. Hinrichs schließt sich ausdrücklich Heike Wiese an.

Sowohl Heike Wiese als auch Uwe Hinrichs haben schon vor Jahren dasselbe gesagt, wie etwa die ZEIT vom 29.6.2006 berichtete. Beide warten darauf, daß sich das Sonderregister Kiezsprache zur allgemeinen Verkehrssprache entwickelt. Es dürfte sich um eine Täuschung handeln, in Wirklichkeit kommen in den modernen Medien Sprecher zu Wort, in deren Mundart die Kasusendungen schon längst abgebaut sind.

„Wenn Kanak-Sprak und Co. ihr Image als Jugendslang erst losgeworden seien, könnten sie auf das Alltagsdeutsch der Ballungszentren jenseits von Schulhöfen und Jugendtreffs abfärben, sagt Heike Wiese, Soziolinguistin an der Humboldt-Universität. Sie verweist auf den New Yorker Stadtdialekt, dem deutsche und polnische Einwanderer ihre grammatischen Spuren aufgeprägt haben.“ (ZEIT 29.6.06)

Hier wäre das unterschiedliche Prestige der Einwanderersprache (Türkisch in Deutschland, Deutsch in den USA) zu berücksichtigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2012 um 09.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#20016

Heike Wiese (Potsdam) verteidigt das Kiez-Deutsch („Ich bin Alexanderplatz“) als Bereicherung, als neuen Dialekt. Aber es geht ja nicht um eine neue Muttersprache. Eher ist es ein milieu- und situationsgebundenes Register, ein Jargon. Gegenüber der interviewenden Journalistin wird der strenge Deskriptivismus betont: nur keine Bewertung! Aber bewerten die Sprecher nicht selbst? Sie dürften ausnahmlos wissen, daß es Substandard ist. Wie viele von ihnen können wirklich kein Standarddeutsch? Müßte man diesen nicht nach Kräften helfen? Wie elitär ist die akademische Freude an solchen exotischen Blüten?

Ich habe noch die fehlerkundlichen Hymnen auf die Grammatikfehler der kleinen Asuman im Ohr, die man nicht korrigieren und bewerten solle, weil sie ja auf eine „individuelle Regelbildung“ schließen ließen. Je systematischer und hartnäckiger die Fehler sind, desto besser (mißverstandener Chomsky). Das war in den Kreisen von „Deutsch als Zweitsprache“ die herrschende Lehre. Als Sprachwissenschaftler kann und muß man Deskriptivist sein, als Pädagoge aber nicht.

Wir haben Entsprechendes in der Rechtschreibdiskussion beobachtet und kommentiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2012 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#19895

„Ein Kind kann noch so lange und fantasievolle Texte schreiben. Wimmeln sie von Rechtschreibfehlern, wird der Schüler eher eine Hauptschulempfehlung bekommen“, beschreibt Studienleiter und Sprachdidaktiker Wolfgang Steinig den Widerspruch.

Ja, die Welt ist voller Widersprüche. Zum Beipsiel kann ein Mensch noch so lange und laut Klavier spielen – wenn er die Töne nicht trifft, kann er trotzdem die Aufnahmeprüfung der Musikhochschule nicht bestehen.

Aus dem alten Griechenland wird diese Anekdote überliefert: Den greulichen Vortrag eines Sängers kommentierte ein Zuhörer mit den Worten: "Eines geben die gerechten Götter, das andere verweigern sie. Diesem hier habe sie gegeben, schlecht zu singen, aber gut Gitarre zu spielen haben sie ihm verweigert."
 
 

Kommentar von Gudrun Pampsch, z. Zt. Frauengefängnis Frankf, verfaßt am 21.02.2008 um 14.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11497

In diesem Bremer Sprachblog steht auch:

Dazu müssen wir uns zunächst das Wort Sinn selber ansehen, denn dass ist ein stark polysemes Wort, d.h., es hat viele (poly) Bedeutungen (sem, wie in Semantik). Das Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache nennt insgesamt acht:

Tjaja, wer am lautesten blökt, hat oft den kürzesten Sterz.
 
 

Kommentar von Gudrun Pampsch, z. Zt. Kötschenbroda, verfaßt am 14.02.2008 um 13.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11436

Danke. Jetzt sehe ich klarer.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2008 um 15.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11428

Sehr geehrte Frau Pampsch, unter "transitiven Verben" versteht man solche, die ein passivierbares Akkusativobjekt regieren. Das ist bei "etwas erinnern" der Fall. Der Kürze halber wurde hier nicht eigens erwähnt, daß "jemanden an etwas erinnern" auch einen passivfähigen Akkusativ (der Person) regiert, aber das reflexive "sich erinnern" eben nicht.
 
 

Kommentar von Gudrun Pampsch, Dresden-Pillnitz, verfaßt am 13.02.2008 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11427

Kann mir bitte jemand auf meine Frage (#11413) antworten? Danke.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2008 um 08.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11425

Wie schon oft gesagt: Wörter verlieren ihre Unschuld, sobald sich Sprachkritiker darauf stürzen. Deren Mäkelei mag noch so unbegründet sein – es ist nicht wiedergutzumachen. Ähnlich geht es ja fast schon mit den feministischen Kritikastereien, z. B. am generischen Maskulinum.

Wieviel desgleichen wohl in grauer Vorzeit den Sprachwandel bestimmt hat? Sprachtabu ist ja universal.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.02.2008 um 21.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11423

Zum Zufallsfund "Sinnesfreuden", #11420:

"Und Schuld sind ..."
"..., vor allem, wenn es einem nicht um die Sache geht, sondern nur um ein paar billige Lacher auf Kosten Anderer."

Wie ist es nur möglich, daß jemand, der doch zumindest denken kann, der immerhin den Anspruch hat, etwas Kluges zu schreiben, so schreibt.
Warum schreibt er nicht gleich allem und einem auch noch groß?
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 12.02.2008 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11421

Also gar so neu ist "Sinn machen" ja nun auch wieder nicht!
Es war wohl in den 70ern (des vergangenen Jahrhunderts), als ich die Formulierung "Sinn machen" erstmals bewußt registrierte. Damals empfand ich sie gleichermaßen auffällig wie falsch; falsch, bezogen auf die Art, wie damals die Mehrheit Deutsch sprach. Ich kann mich aber noch gut erinnern, wie diese Wendung dann einen wahren Siegeszug hinlegte, sehr viele fanden sie einfach überragend schick.
Mittlerweile wird "Sinn machen" so häufig verwendet, daß man die ursprüngliche Formulierung "etwas hat Sinn" oder "etwas hat keinen Sinn" kaum noch hört, und es darf angenommen werden, daß manch Junger überhaupt nur noch "Sinn machen" kennt. Auch auf die eigene Ausdrucksweise färbt das natürlich ab, ich selbst verwende die Wendung auch schon seit mehreren Jahren fallweise, und seltsam, seltsam, mir wird dabei jedesmal bewußt, daß ich sie eigentlich nach wie vor nicht als gutes Deutsch empfinde.

Interessant ist auch noch, daß das Gegenteil von Sinn sowohl kein Sinn als auch Unsinn sein kann. Unsinn nämlich, kann sehr wohl "gemacht" werden. Eine Übergangsstufe scheint "etwas ergibt Sinn oder keinen Sinn" zu sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2008 um 17.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11420

Zum "Sinnmachen" hier noch ein Zufallsfund (der auch auf Sick und Stahl Bezug nimmt).
 
 

Kommentar von Wolfram Möhrlein, verfaßt am 12.02.2008 um 17.18 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11419

Fundsache aus der Kurzbeschreibung des Buches bei amazon.de:

... Sprache lässt uns aber gerade wegen ihrer Komplexität immer wieder stolpern. Wer jedoch ihre Handicaps meistert und sich elegant und fehlerfrei auszudrücken weiß, erwirbt im evolutionären Wettbewerb Vorteile.
Lassen Sie sich von diesem spannenden und wohl formulierten Buch entführen ...

Ein wohl formuliertes Buch, dem kann ich nur vorbehaltlos zustimmen, leider aber kein wohlformuliertes. Aber wer für Kostensenkung in der Rechtschreibung (wenn ich den Begriff "schriftsprachliche Kosten" richtig interpretiere) eintritt, muß wohl auch den Lektor einsparen. Dann muß man nur noch die Meßlatte für gutes Deutsch von ihrem hohen Niveau herunterholen und schon ist alles wieder im Lot.

Warum Herr Steinig einerseits im Beherrschen einer komplexen Sprache Vorteile im evolutionären Wettbewerb sieht, andererseits aber genau dieser Komplexität den Kampf ansagt, muß wohl sein Geheimnis bleiben.

Wer die 24 Euro für dieses Buch lieber in ein Abendessen zu zweit beim Italiener investiert, verschafft sich deutlich mehr Vorteile im "evolutionären Wettbewerb".

Als Professor für Germanistik sollte man die Abrißbirne, die in Gestalt der Rechtschreibreform auf die deutsche Sprache losgelassen wird, nicht noch mit einer aufmunternden Widmung handsignieren.
 
 

Kommentar von R. H., verfaßt am 12.02.2008 um 17.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11418

Schon daran erkennt man den Wert der Stahlschen Ausführungen.

Dazu braucht's nicht einmal Latein; schon auf deutsch kommt's ja dick genug: "daß heißt", "aus jemandem Schlau werden", "das nimmt insofern Wunder"; von der Kommasetzung nicht zu reden.

Was Niveau und Gehalt der Ausführungen angeht: Ist "Heiko Stahl" auch gewiß kein Pseudonym von Bastian Sick?
 
 

Kommentar von David Konietzko, verfaßt am 12.02.2008 um 16.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11416

»Außerdem gibt es ja ›etwas erinnern‹ i. S. v. ›etwas aufmerksam machen auf etwas weiteres‹.« (Marco Mahlmann, #11395) – Es besteht keine Verwechslungsgefahr, denn dieses erinnern hat in der Regel ein Präpositionalobjekt mit an.

Zur Beliebtheit von Das erinnere ich nicht statt Daran erinnere ich mich nicht dürfte nicht nur norddeutscher Einfluß beitragen, sondern vor allem das Bedürfnis nach Sprachökonomie.

Heiko Stahl zitiert den römischen Juristen Iavolenus folgendermaßen: »omnes definitio [...] periculoso est.« (Hervorhebungen von mir) Schon daran erkennt man den Wert der Stahlschen Ausführungen.
 
 

Kommentar von Gudrun Pampsch, verfaßt am 12.02.2008 um 13.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11413

Ich habe da mal eine Frage.

Es ist jetzt hier vom falsch transitiven "erinnern" die Rede, aber ich halte den falschen Neugebrauch dieses Worts für intransitiv. Denn wenn ich sage: Ich erinnere mich (reflexiv) oder: Ich erinnere dich, dann ist das beide Male doch transitiv wie nur was. Aber das mit Recht als falsch beklagte "ich erinnere", also ich erinnere den Weltkrieg (gemäß: I remember the world war) oder ich erinnere meine Jugend, das halte ich alles für intransitiv, genau wie wenn ein Krug sagt: Ich zerbreche (selbst).

Vielleicht können Sie mir hierüber etwas mehr Klarheit verschaffen. Danke.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 12.02.2008 um 10.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11409

Ich möchte etwas präzisieren: Mich stört an "Sinn machen" nicht in erster Linie die Wendung als solche, sondern vor allem dieses bedenkenlose Verwenden, die Ausschließlichkeit des Ausdrucks. Statt der drei Möglichkeiten "Sinn haben", "Sinn ergeben" und "sinnvoll sein" wird von vielen nur noch "Sinn machen" gebraucht. Für meine Begriffe ist das eine Verarmung der Sprache. Und daß sich "Sinn machen" so verbreitet hat, liegt, wie ich beobachte, daran, daß es modern ist und viele Leute einfach auf den Zug aufspringen.

Es mag sein, daß das transitive "erinnern" in manchem Landstrich seit jeher gang und gäbe ist. Begegnet ist es mir jedoch erst in letzter Zeit über die Medien. Das waren zuvorderst Leute nichtnorddeutscher Herkunft, nicht selten auch welche, die jahrelang im englischsprachigen Ausland gelebt haben. Deshalb kam mir das bislang als dusseliger Neuimport vor.

An Herrn Lachenmann:
Zum einen: Nein, etwas nicht zu mögen, das man nicht kennt, läuft nicht auf dasselbe hinaus wie etwas nicht zu mögen, das man kennengelernt und für schlecht befunden hat.
Zum anderen: Wenn die norddeutsche Verwandtschaft Ihrer Frau auch transitiv erinnert, dann haben wir ja die Gegend gefunden, in der das normal ist.

Im übrigen behalte ich mir natürlich so wie jeder andere auch vor, etwas nicht zu mögen. Ich mag auch den S-Plural nicht. Bei mir zu Hause ist es aber üblich – wohl aus dem Plattdeutschen stammend –, "Kerls" und "Kumpels" zu sagen. Das lasse ich ohne weiteres gelten; ich mache es nur nicht mit.
 
 

Kommentar von Alfred de Musset, verfaßt am 12.02.2008 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11408

Ja, aber "ficken" klingt doch auch mechanistisch, oder?
 
 

Kommentar von WL, verfaßt am 12.02.2008 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11407

Vielleicht ist Hannover nicht nördlich genug?

»Sinn machen« stört viele vielleicht deswegen, weil es ein Produkt der Nachahmung ist (wie das neuerlich grassierende »gefühlte«) und zugleich eigentlich keinen Sinn macht, denn Sinn kann nicht durch etwas gemacht werden, Sinn ist da oder ergibt sich. Wenn kein Sinn da ist und es soll Sinn gemacht werden, ergibt sich in der Regel Unsinn. Das ist ähnlich wie beim »Liebe machen«. Wobei »Sex haben« auch nicht viel besser ist für das, was damit beschrieben werden soll. Klingt alles irgendwie mechanistisch, ist es vielleicht auch oft, keine Ahnung. Auch »Sinn machen« klingt mechanistisch. Und auch hier ist mit »machen« eigentlich nichts zu machen.
 
 

Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 12.02.2008 um 07.37 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11406

Obwohl im Norden ansässig, habe ich das transitive „erinnern“ erstmalig von meinem Kunstgeschichtsprofessor Hoeltje in Hannover gehört. Aber der hatte auch jahrelang im brasilianischen Exil zugebracht.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 12.02.2008 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11405

Mich stört "Sinn machen" offen gestanden ebenfalls, aber nicht, weil es unsinnig wäre, sondern weil es, wie mittlerweile zuviel anderes, aus dem Englischen kommt. Demgegenüber finde ich das französische "prendre sens" ganz apart. In beiden Fällen (und im zweiten noch mehr) wird deutlich, daß Sinn sich nicht einfach konfektionieren läßt. Vielleicht wirkt "Sinn ergeben" vielen zu abgegriffen, um diese Nuance noch ausreichend zu betonen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2008 um 04.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11404

Mir ist die genaue geographische Verbreitung des transitiven "erinnern" nicht bekannt, aber daß es norddeutsch ganz alltäglich ist, kann man doch jederzeit erfahren.
Die Gründe, die gegen "Sinn machen" vorgetragen werden (auch bei Heiko Stahl), sind allesamt nichts wert. Man macht sich offenbar ganz unzureichende Vorstellungen von der Menge der Phraseologismen, die aus anderen Sprachen stammen und schon längst nicht mehr bemerkt werden. Vor allem das Latein war oft die Vorlage. (H. H. Munske hat darüber geschrieben.)
Ich selbst gebrauche "Sinn machen" nicht, kann aber gut nachfühlen, daß man es gern verwendet.
 
 

Kommentar von K.Bochem, verfaßt am 12.02.2008 um 02.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11403

Interessante Lektüre zu "Sinn machen":

"Macht Sinnmachen Sinn" von Heiko Stahl (siehe hier).
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 11.02.2008 um 21.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11400

Bzgl. erinnern siehe hier.
 
 

Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 11.02.2008 um 20.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11399

"Des ischd an feina Ma, der mueß mer wehla."

Hätte ich jetzt wie folgt hochdeutsch interpretiert: "Das ist ein feiner Mann, der muß man wählen." "Ein" als "an" zu sprechen, und "-er" als "-a", ist im Schwäbischen üblich.
 
 

Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 11.02.2008 um 19.05 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11398

»Ich finde nicht schlecht, was ich nicht kenne. Ich finde schlecht, was ich kennengelernt und für schlecht befunden habe.«

Das kommt doch auf dasselbe hinaus. Meine Frau ist Norddeutsche und "erinnert" so manches, was sie irgendwann mal gesehen oder erlebt und dann wieder vergessen hat. Das ist mir als Württemberger zwar ungewohnt, aber sprachlich falsch kommt es mir nicht vor: etwas erinnern = etwas wieder nach innen, ins Gedächtnis, holen, was nicht mehr da, was vergessen war.

Mir hingegen wird von Norddeutschen immer wieder vorgehalten, ich spreche falsches Deutsch, damit ist mein Schwäbisch gemeint. Der Werbespruch "Wir Schwaben können alles, bloß kein Hochdeutsch" ist zwar ganz witzig, trifft aber auf die wenigsten Schwaben zu, die meisten können beides.

Im alemannischen Tuttlingen ist folgender Satz nicht falsch:
Das ist einen feinen Mann, der muß man wählen. Er wird allerdings in Dialekt ausgesprochen und klingt dann anders, etwa so: Des ischd an feina Ma, der mueß mer wehla.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 11.02.2008 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11395

Nun, ich komme aus Osnabrück, und das liegt durchaus im norddeutschen Sprachraum. Und hier ist es unüblich, "ich erinnere" analog zu "I remember" zu bilden. Über die Medien habe ich das auch vorwiegend Leute aus dem Süden sagen hören.
Im Plattdeutschen finde ich keine Entsprechung, im Niederländischen heißt es "zich iets herinneren", also eher "sich etwas (Genitiv) erinnern".
Außerdem gibt es ja "etwas erinnern" i. S. v. "etwas aufmerksam machen auf etwas weiteres".

Ich finde nicht schlecht, was ich nicht kenne. Ich finde schlecht, was ich kennengelernt und für schlecht befunden habe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2008 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11394

"Sinn machen" ist ein tadelloser Phraseologismus nach englischem Vorbild, ich wüßte nichts daran auszusetzen. "Etwas erinnern" ist in weiten (nördlichen) Teilen Deutschlands üblicher Sprachbrauch. Man muß nicht gleich falsch finden, was man nicht kennt. Manche Landsleute sagen ja auch, das Essen stehe am Tisch statt darauf, sie kennen es eben nicht anders.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 11.02.2008 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11393

"Sinn machen" ist auch für mich stets ein Ausdruck für denkfaules Nachplappern. Die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte ich allerdings, wenn ich höre, daß jemand "erinnern" transitiv gebraucht: "Ich erinnere die Weltmeisterschaft 2006." Ich möchte dann gerne fragen, woran er denn die Weltmeisterschaft erinneren wolle.
Und da muß mir auch keiner mit "Sprachwandel" kommen. Das ist gedankenlos dahergeredeter Unsinn.
 
 

Kommentar von ppc, verfaßt am 11.02.2008 um 10.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11391

"Sinn macht"?!?

Hier wurde offenbar der Bock zum Gärtner gemacht, und das einmal mehr, ischwöre.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2008 um 09.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11389

Also nein, jetzt muß ich den Kollegen Steinig doch einmal in Schutz nehmen. Er ist ein durchaus sympathischer und bescheidener Zeitgenosse, der sich um die Deutschdidaktik, besonders im Bereich DaF, Verdienste erworben hat. Abgesehen vom Thema Rechtschreibreform, wo er fremden Einflüsterungen erlegen ist, muß man höchstens kritisieren, daß er – wie so viele – der Versuchung nicht widerstehen kann, alles mögliche aus anderen Disziplinen irgendwie eingliedern zu wollen, wobei das Ergebnis eine schlechte Interdisziplinarität ist. Dieter E. Zimmer kann sich so etwas erlauben, ein Wissenschaftler eigentlich nicht.
Das Buch verspricht laut Ankündigung, die Rolle von Musik und Tanz bei der Entstehung der Sprache zu verfolgen, aber das geschieht dann nur recht oberflächlich, so daß ich ziemlich enttäuscht war. Es ist eine unkritische Anhäufung von Hunderten von Einzelheiten aus mehr oder weniger spekulativen Arbeiten. Man kann z. B. Julian Jaynes nicht in dieser knappen Art zitieren, als wenn damit etwas Endgültiges über den Unterschied zwischen Ilias und Odyssee gesagt wäre usw. Ich habe die Lektüre bald aufgegeben, weil ich nichts aus dem Buch lernen kann und die meisten exzerpierten Orginalarbeiten selbst kenne.

Ich setze meine vor mehreren Jahren veröffentlichte Rezension hierher:

Wolfgang Steinig/Hans-Werner Huneke: Sprachdidaktik Deutsch. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2002. 264 S. ISBN 3-503-06114-2. (Grundlagen der Germanistik; 38)
Die Verfasser verstehen „Didaktik“ in spezifisch deutscher Tradition als theoretisches Räsonieren über auszuwählende Lerngegenstände und deren Bildungswert (Klafki). Sie verwahren sich gegen die Erwartung, unmittelbar verwertbare methodische Hinweise zu liefern; „schnelle Rezepte“ und „rezeptologischen Aktionismus“ wollen sie nicht bieten.
Zentraler Bestandteil des Werkes ist der Schreibunterricht. Einige Grundsatzüberlegungen, ein Rückblick auf die Geschichte der Fachdidaktik und bemerkenswert knappe Ausführungen zum Sprechen, mit deutlicher Betonung der Gesprächsrhetorik, gehen voraus, das Kapitel „Über Sprache reflektieren“ und die Leseerziehung folgen ihm. Obwohl ein integrativer Grammatikunterricht gefordert wird, stehen die entsprechenden Ausführungen als Teil der Reflexion über Sprache relativ isoliert. Man könnte sich eine andere Gewichtung denken. Betrachtet man Grammatik als das eigentlich durchlaufende Thema, dann läßt sich auch zum Beispiel der Rechtschreibunterricht aus seiner didaktischen Isoliertheit befreien, die den Verfassern (S. 220) eine didaktische Analyse nach dem Klafki-Schema als untunlich erscheinen läßt. Den Autoren liegt besonders daran, daß Deutschdidaktik angesichts von dreizehn Prozent ausländischen Schülern keine rein muttersprachliche Didaktik mehr sein könne. Sie haben diesem Problem ein eigenes Kapitel (und ein eigenes, in derselben Reihe erschienenes Buch) gewidmet. Die Grundkonzeption mit ihrer evasiven Zielsetzung führt wie in anderen Deutschdidaktiken dazu, daß es kaum etwas gibt, wovon das Buch nicht handelt. Von Steven Pinker geht es zu Norbert Elias und weiter zu Willy Brandt. Ungezählte Theorien, vor allem aus der Psychologie, werden angerissen und in äußerster Verknappung einbezogen, etwa so: „Beim Generieren von Sprache im vorderen linken Teil der Großhirnrinde, dem Broca-Zentrum ...“ So kann man das nicht sagen (und außerdem hilft es dem angehenden Deutschlehrer so wenig wie andere neurologische Spekulationen).
Am Schluß findet sich eine nützliche, thematisch gegliederte Übersicht über Arbeitsmittel zur Sprachdidaktik. Das Internet hätte hier wie auch sonst stärker berücksichtigt werden können, und unter die „Wörterbücher“ (mit großenteils überholten Auflagen) hat sich mit Augst 1991 ein gar nicht einschlägiges Werk eingeschlichen. Leider ist das Werk in reformierter Orthographie gehalten, wobei nicht nur sehr viele Fehler unterlaufen, sondern auch zwar „korrekte“, aber irreführende Umsetzungen: „wenn nicht indogermanische Sprachen wie das Türkische mit dem Deutschen verglichen werden“ (S. 155).
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 10.02.2008 um 02.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11388

Lieber Herr Möhrlein, ich bezweifle, daß eine naturwissenschaftliche Begabung bei gleichzeitig unterdurchschnittlicher Abitursnote den anthropologischen Typus hinreichend oder auch nur einigermaßen zutreffend charakterisiert, dessen Repräsentanten sich vor 30, 40 oder noch mehr Jahren opportunitätshalber für die Laufbahn eines germanistischen Linguisten entschieden haben. Es handelt sich vielmehr in der Regel um Leute, denen nicht nur die naturwissenschaftliche Begabung fehlt, sondern die Fähigkeit zu konzeptuellem Denken überhaupt.
 
 

Kommentar von Wolfram Möhrlein, verfaßt am 10.02.2008 um 00.08 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11387

Der Numerus clausus ist schuld.

Der Ausriß aus Wolfgang Steinigs Buch zeigt in schonungsloser Offenheit, was passiert, wenn man Menschen mit naturwissenschaftlicher Begabung aufgrund ihres Abiturnotendurchschnitts dazu zwingt, Germanistik zu studieren. Sie sind ihr ganzes weiteres Leben davon besessen, in einer Sprache, die "von Natur aus" zumindest in Teilen unlogisch sein muß, logische und nachvollziehbare Regeln zu finden, koste es, was es wolle.

Der Auszug aus dem Werk mit dem mysteriösen Titel "Als die Wörter tanzen lernten" erweckt sofort den unangenehmen Eindruck, daß hier "mit heißer Nadel" und ohne wissenschaftliche Sorgfalt eine lustlose Pflichtübung auf den Markt geworfen wurde.

Wer "Fluß/Flüsse" zu einem gravierenden Problem aufbläst, das sofortiger Abhilfe bedürfe, setzt leichtfertig seine Reputation aufs Spiel. Der "Umgang mit geschriebenem Deutsch" sollte durch die Rechtschreibreform nicht vereinfacht werden, sondern das Schreiben, und ein Anglizismus wie "Sinn machte" sollte in einem Buch über die deutsche Sprache auch nicht vorkommen.

Die hier zusammengewürfelten Thesen und Argumente können jeglicher wissenschaftlichen Nagelprobe so wenig standhalten, daß der Autor eine ganze Menge heißer Luft darunterblasen muß, damit das wacklige Konstrukt nicht schon bei der ersten Inaugenscheinnahme zusammenbricht.

Als Sahnehäubchen wird dann die Diskussion um die Rechtschreibreform zum Klassenkampf hochstilisiert, womit Herrn Steinig mühelos das endgültige Abgleiten in die Lächerlichkeit gelingt.

Wer druckt sowas eigentlich?
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 09.02.2008 um 22.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11386

Während der Lektüre von Steinigs Einlassungen wußte ich gleich: Hier hat sich der Zweite Schriftführer eines Kegelclubs einmal als Weltverbesserer am Speaker's Corner fühlen und parteiisch eifernd seine orthographischen Überzeugungen verkünden dürfen. Nicht wenig unsicher machte mich alsdann aber Herrn Icklers Schelmerei, der Herr Wolfgang kobolde nebenberuflich als Germanistikprofessor an einer deutschen Universität herum. Der lose Scherz war freilich doppelt fragwürdig. Zum einen: Warum nur dient immer die Universität Siegen als Zielscheibe des Spottes? Hochschulen gibt es schließlich auch anderswo. Zum anderen gibt der Jux die Zweiten Schriftführer zahlloser Kegelclubs unverdient der Lächerlichkeit preis. Denen ist doch schlechterdings nicht zuzumuten, sich als Professorendarsteller an einer Universität verunglimpft zu sehen. Nun denn, der Scherz ist jetzt ja glücklich dingfest gemacht. Wenn alle übrigen Zweiten Kegelclubschriftführer Humor haben, werden sie ihn milde verzeihen. Und mein Weltbild ist auch wieder im Lot.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 09.02.2008 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11385

Unter Signalkosten stelle ich mir die Kosten für den Signalgasten auf einem Segelschiff vor, zuzüglich der Kosten für die Wimpel, die er aufzieht, und für die Fähnchen, die er schwenkt. Dem entspräche die Vorstellung der Sprach- bzw. Schreibgemeinschaft als einer Horde, deren Angehörige ihren Zusammenhalt dadurch sichern, daß sie einander "Zeichen geben".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2008 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11384

Ja, die Herleitung des Singulars aus dem Plural hat schon etwas Eigenartiges, aber es ist nicht das einzige, was man an dem Text sonderbar finden muß.
Ich erwähne nur die Unterstellung, die reformierte s-Schreibung sei einfacher als die herkömmliche. Mancher Befund spricht für das Gegenteil, aber hier fehlt es noch an neueren Untersuchungen (nach Harald Marx, der immerhin noch in die Übergangszeit fiel).
Unstrittig eine Erschwerung ist es, daß man neuerdings die Wortart in Fremdsprachen kennen muß. Ich habe noch kein neueres Fachbuch gesehen, indem dies (Dativus Judikantis usw.) durchgehend richtig gemacht worden wäre. Die GZS ist im amtlichen Regelwerk jetzt so kompliziert und willkürlich geregelt, daß man gar nicht mehr weiß, was zulässig ist und was nicht.
Dazu noch eine Fundsache:

Hermann Paul, Prinzipien § 235: „Mit einem Objektsakkusativ verwachsene Partizipia gibt es in grosser Anzahl, vgl. feuerspeiend, grundlegend, notleidend, leidtragend, wutschnaubend, segenbringend, nichtssagend. Auch hier kann die Komparation als Kriterium für eingetretene Verschmelzung dienen, vgl. die nichtsbedeutendsten Kleinigkeiten (Sch.), das grundlegendste der Maigesetze (Köln. Zeit.), am gefährlichsten und feuerfangendsten (Deutscher Reichstag).“

Hundert Jahre später wußten die Reformer nichts von diesen einfachen Wahrheiten.

Im Duden 2004 (CD-ROM) steht nur vollgefressen, obwohl sonst die Zusammenschreibung mit Partizip nur fakultativ war, s. voll. Damals mußte voll qualmen getrennt geschrieben werden, aber beim Partizip war die Zusammenschreibung wiederzugelassen. Zwei Jahre später wurden auch die finiten Formen und der Infinitiv wieder (fakultativ) zusammengeschrieben. Der Duden hat jede Wendung mitgemacht. Aber daß hier zur Zeit eine große Verwirrung herrscht, ist nicht verwunderlich.
 
 

Kommentar von David Konietzko, verfaßt am 09.02.2008 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11383

»Hier wurde versucht, die Signalkosten behutsam zu senken, indem man rechtschriftliche Handicaps [...] zu entschärfen und durch logische, nachvollziehbare und leichter zu erlernende Regeln zu ersetzen.«

Hier hat sich Steinig in seinem eigenen Satzbau verirrt.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 09.02.2008 um 09.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11382

Der zitierte Text gibt mir einige Rätsel auf:
- Was sind Signalkosten im Zusammenhang mit Rechtschreibung?
- Bedeutet rechtschriftlich dasselbe wie rechtschreiblich?
- Was hat es mit der Beseitigung handschriftlicher Handicaps auf sich?
 
 

Kommentar von stst, verfaßt am 08.02.2008 um 18.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#11378

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie offenbar auch akademisch gebildete Germanisten meinen, man müsse die Schreibung der deutschen Sprache dem Niveau von Spracheinsteigern und Grundschülern anpassen, selbst unter Inkaufnahme aller daraus entstehender Probleme in der professionellen Schreibanwendung.

Die Tatsache, daß es ein ß gibt, gehört zur deutschen Schreibung eben so dazu, wie ein ł zur polnischen, ein å zur schwedischen und ein ţ zur rumänischen Schreibung gehört. Das ist eben so, ausgenommen nur die Schweiz.

Ich selbst hatte in Schulzeiten mit der deutschen Schreibung auch meine Probleme, allerdings nie mit der s-Schreibung. Auf den Gedanken, man müsse Fluß mit einem langen u sprechen, ähnlich wie in Fuß, bin ich nie gekommen.

Mein Problemfall war ausschließlich die Beistrichsetzung; ich behaupte, das hing speziell damit zusammen, daß unsere Lehrer damals nicht erklären konnten, worauf es dabei ankommt (aber das nur nebenbei).

Jedenfalls mutet die Herleitung des Singulars aus dem Plural eigenartig an (Fluss aus Flüsse). Als Laie ginge ich umgekehrt vor: Flüsse aus Fluß, hier kann man sich fragen, warum es nicht Flüße heißt, und die Antwort wäre dann, würde man Flü-ße trennen, wäre die Schreibweise richtig, weil man aber Flüs-se trennt, muß ein trennbares ss geschrieben werden, anstatt des untrennbaren ß in Fluß. Gesprochen werden beide gleich stimmlos, also "scharf". Das ß hat die Funktion, im Fall des Falles leseunfreundliches sss zu verhindern und durch ßs zu ersetzen, so einfach ist das.
 
 

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