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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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01.11.2007
 

Für Nachwuchsgermanisten
Bemerkungen zu einem neuen Einführungsbuch

Busch, Albert/Stenschke, Oliver (2007): Germanistische Linguistik. Tübingen (bachelor-wissen)

(Stenschke hat den "Diskurs über die Rechtschreibreform" in einer Dissertation behandelt. Er hat auch das Themenheft von German Life and Letters herausgegeben, auf das hier schon einmal hingewiesen wurde.)

Reformierte Rechtschreibung und politisch korrekt (Sprecherinnen und Sprecher usw.). Die Fremdwörter werden auf ihre lateinischen und griechischen Ursprünge zurückgeführt (nicht immer ganz richtig, etwa zu „Symbol“), aber es wird trotzdem getrennt Diph-thong, Kons-tituenten, subs-tantiviert. Es wird regelmäßig geschrieben Genitivus auctoris usw., also mit der nun verbotenen Kleinschreibung. Trennung klein-sten (201). Die überaus häufig vorkommenden Pronomina Ersterer und Letzterer werden reformgetreu stets groß geschrieben, als nächstes (102), der erste (136) und der einzelne (211) fälschlicherweise klein, aufwändig mit ä und Du groß (159). Die Gesellschaft für deutsche Sprache schreibt sich weiterhin mit kleinem d (dreimal falsch S. 4). Der bekannte Valenzgrammatiker heißt Schumacher (ohne h). Periphrastisch wird sehr originell von periphrasso „ringsum einschließen“ abgeleitet (111), weil die Formen Teile eines Satzes einschließen: Ich werde im Krankenhaus behandelt. In Wirklichkeit kommt es von periphrasis, was die Römer ganz richtig mit circumlocutio wiedergaben. Ebenso originell ist die Herleitung von Synkretismus: „griech. syn = zusammen, kretismos = Lug und Trug (nach Art der Kreter)“.
Druckfehler: diesem Beispiels (173)
Zu fast jedem Kapitel werden die sprachwissenschaftlichen Wörterbücher von Bußmann und Glück als Quellen genannt (und auch im Text so genutzt).

Der Abriß über die Geschichte der Sprachwissenschaft ist ziemlich naiv und offensichtlich aus zweiter Hand gearbeitet. Von Hermann Paul wird der Psychologismus vorgestellt, aber nicht seine viel wichtigere Auffassung, daß nur die geschichtliche Sprachforschung wissenschaftlich sei. Bei den „Übungen“ sollen die Junggrammatiker der These zuordnet werden: „Sprache vollzieht sich nach ausnahmslosen Lautgesetzen.“ In Wirklichkeit wird dies vom Sprachwandel gesagt, nicht von der Sprache.
Der griechische Grammatiker hieß Dionysios und nicht Thrax (6).
Chomsky wird unkritisch überschätzt (zumal die TG später im Buch keine Rolle mehr spielt), ebenso Saussure.
Der erste der beiden Verfasser schreibt Karl Bühler die tautologische These zu, Sprache sei ein Werkzeug „zur Bewältigung sprachlicher Aufgaben“. Der zweite Verfasser sagt im folgenden Kapitel zutreffend, nach Bühler sei die Sprache ein Werkzeug, „womit einer dem anderen etwas über die Dinge mitteilt.“
Humboldts Ansicht über die Sprache als „Energeia“, nicht „Ergon“, gehört wohl zu den besonders schwer interpretierbaren Sätzen der Wissenschaftsgeschichte und wird auch nicht weiter erläutert. Trotzdem wird unter den Übungen die Aufgabe gestellt: „Unterscheiden Sie mit Humboldt ERGON und ENERGEIA. Lässt sich die Unterscheidung auf den 'Sprachpanscher-Text' sinnvoll anwenden?“ Was soll der Student mit seinem rudimentären Wissen dazu sagen?

Der Buchstabe o soll ein „kleiner, manchmal ovaler Kreis“ sein. (18)
Im Semiotik-Kapitel findet man den blau unterlegten Lehrsatz:
„Zeichen: Die wesentliche Eigenschaft des Zeichens ist seine Stellvertreter-Funktion. Ein Zeichen wird dadurch zum Zeichen, dass es für etwas anderes steht.“
Man braucht bloß die Wörter dieses Satzes durchzugehen und bei jedem zu fragen, wofür es stellvertretend steht: ist, wird, zum, etwas usw. Andererseits kann ich einen Baumstumpf stellvertretend für einen Tisch nehmen und benutzen, ohne daß er dadurch zum Zeichen würde.
Es ist ungeschickt, die Wörter bicycle und Fahrrad als Beispiele für unmotivierte Zeichen anzuführen, denn beide sind offensichtlich motiviert. (22)

Daß die Sprachwissenschaft vor dem Aufkommen des Strukturalismus „vor allem historisch orientiert“ gewesen sei, kann man so nicht sagen. Die historische Betrachtung war ja gerade das Neue gewesen, nachdem man über 2000 Jahre lang kaum dazu imstande gewesen war, und selbstverständlich gab es auch im ganzen 19. Jahrhundert eine Menge synchronische und ante litteram auch „strukturalistische“ Sprachforschung.

Aus dem Vokaltrapez S. 26 geht wie aus dem Original bei Bußmann hervor, daß das a in Rat gerundet sei, was sicher nicht zutrifft.
Die phonetische Umschrift ist zum Teil uneinheitlich (vgl. etwa Tab. 3.14), zum Teil benutzt sie falsche Transkriptionszeichen (64ff.).

Bei den Graphemen wird von bedeutungsunterscheidender Funktion gesprochen, die Ebene der zunächst zu differenzierenden Morpheme wird außer acht gelassen.
Die chinesische Schrift wird mit Dürscheid (die ebenfalls kein Chinesisch versteht) so gedeutet: Die Zeichen „rufen beim Leser keine lautliche, sondern eher eine gedankliche Gesamtvorstellung des Wortes hervor, auf das sie sich beziehen.“ Was soll das heißen? Jedes Zeichen vertritt ein sprechbares, und zwar in der jeweiligen Variante des Chinesischen mit einem ganz bestimmten Wortlaut sprechbares Morphem, und dies wird hervorgerufen, nicht anders als bei deutsch geschriebenen Wörtern.

Bei halt sagen sei klein zu schreiben, weil halt eine Interjektion ist. Warum sieht die Neuregelung dann fakultativ auch Halt sagen vor? (Dasselbe gilt für das nicht erwähnte ja/Ja sagen.)
Orthographie wird als „explizit geregeltes, konventionalisiertes System von Normen, nach dem für jedes Wort in der Regel nur eine einzige Schreibweise gültig ist“ definiert. Konventionalisiert ist freilich die ganze Sprache, explizit ist aber die Schreibweise in vielen Ländern nicht geregelt, jedenfalls nicht staatlich – haben sie dann keine Orthographie, die man lernen kann und muß?

Das Wort sogenannt wird immer zusammengeschrieben, auch wo es getrennt geschrieben werden müßte: „die im amtlichen Regelwerk sogenannten Laut-Buchstaben-Zuordnungen“. (69)
Da der Verfasser des Orthographie-Kapitels über die Rechtschreibung und ihre Reform gearbeitet hat, sollte er wissen, daß selbstständig keine orthographische Variante von selbständig ist. (70)
Die Logik der bisherigen ß-Schreibung ist dem Verfasser anscheinend nicht klar. (71)
In den Literaturangaben zur Rechtschreibung findet man erwartungsgemäß keine reformkritischen Schriften, und im Text wird suggeriert, der Protest gegen die Reform beruhe vor allem auf der Liebe zu alten Gewohnheiten sowie auf Abneigung gegen die Fremdworteindeutschung.

Bei der Konstituentenanalyse von Wortbildungen gehen die Verfasser so weit, aus Schrift ein Morphem schreib- herauszuanalysieren, wobei sie freilich anmerken, ohne historische Kenntnisse gehe es nicht. Damit ist klar, daß die ganze Wortbildungsanalyse wieder einmal synchrone und diachrone Verfahren durcheinandermischt. Geradezu haarsträubend wird es aber, wenn der Verbstamm schreib- als „freies“ Morphem gewertet wird, weil es „als Imperativ selbständig ist“. Bei nehm- sei das nicht der Fall. Diese zufälligen Beziehungen dürfen aber auf keinen Fall herangezogen werden, weil der Imperativ eine vorkommende Wortform ist, der Verbstamm jedoch eine abstrakte Größe, die allenfalls zitiert werden kann. Der Imperativ schreib! hat mit der Abstraktbildung Schrift gar nichts zu tun, man kann nicht einmal von Homophonie sprechen, weil die fälschlich gleichgesetzten Größen auf verschiedenen Ebenen liegen.

Der ausführlich behandelte Begriff „Konfix“ fehlt im Register. (Viele Wortbildungsforscher, die den Begriff verwenden, würden ihn nicht auf Fremdelemente beschränken, sondern auch einheimische Gebilde wie Schwieger- dazurechnen.)

Daß unterschiedliche viele Wortarten angesetzt werden, weiß man doch auch ohne Dürscheids vage Angabe, die Zahlen reichten von vier bis zu mehreren Dutzend. (120)

Sehr breit (aber ohne Heranziehung der neueren Arbeiten, etwa J. Jacobs) wird die Unterscheidung von Ergänzungen und Angaben abgehandelt, mit Ulrich Engel als Hauptgewährsmann. Zur Wortstellung findet man dann gar nichts, nur den Hinweis, sie würde zuviel Raum einnehmen und werde daher in diesem Buch nicht behandelt. Man vermißt auch Einsichten in die hierarchische Beziehung der angeblich vom Verb abhängigen Ergänzungen.

Daß die „traditionelle Grammatik“ Akkusative der Erstreckung nicht kenne (153), kann man nur sagen, wenn man diese Grammatik nicht kennt.

helfen und unterstützen werden für gleichbedeutend erklärt, und die Verfasser wundern sich dann über die unterschiedliche Rektion – ein fast schon klassischer Irrtum, vgl.: Damals bildete er sich ein, Napoleon zu sein. Sein Psychiater hat ihn unterstützt vs. Sein Psychiater hat ihm geholfen.

Der Attribut-Begriff ist stark an Ulrich Engel angelehnt, und die Tabelle S. 168 dürfte z. B. in Bayern kaum eine geeignete Vorlage für Staatsexamensklausuren bilden. Das gilt auch für die Auffassung des Pertinenzdativs als Attribut (u. a. mit der irrelevanten Begründung, er lasse sich als Genitivattibut umschreiben, und als wenn es keinen Unterschied gäbe zwischen Der Ball klatschte dem Spieler an die Stirn und Der Ball klatschte an die Stirn des Spielers) (178). Die Abbildung 10.13 enthält eine nichtinterpretierbare Konstituente dem Spieler an die Stirn (als NP!).

Auf S. 205 findet man eine Abbildung des Gehirns mit drei riesigen Arealen, in denen jeweils Informationen über Menschen, über Tiere und über Werkzeuge gespeichert sein sollen. Für andere schöne Dinge bleibt da kaum noch Platz. Diese kühne Darstellung geht wahrscheinlich auf PET-Untersuchungen von Hanna Damasio zurück. Die Fragwürdigkeit solcher Lokalisationen ist bekannt, hier werden sie ganz kritiklos weitergetragen.

Die kurzen letzten Kapitel über Pragmatik und Textlinguistik sind anscheinend recht lustlos geschrieben und enthalten die üblichen Trivialitäten (Searle, Grice).



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Kommentare zu »Für Nachwuchsgermanisten«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.04.2019 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#41312

Auch zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#28224

Ein malender Affe müßte doch durch zufällige Annäherung an Figürliches „verstärkt“ (belohnt) werden und dadurch seine Produkte immer stärker an gegenständliche Darstellung annähern. Das geschieht aber nicht. Vielleicht hat die Erkennbarkeit von wirklichen Gegenständen nichts Verstärkendes für ihn. Aber auch die in der Dressur üblichen äußeren Belohnungen, durch die er alles mögliche wie Fahrradfahren lernt, scheinen nicht zu fruchten.
Er lernt, Holzkisten aufeinanderzustapeln, um daran hochzuklettern (oder zu -springen), aber er lernt nicht, sie ordentlich zu zentrieren und dadurch den Nutzen zu erhöhen. Das ist schwer zu verstehen. Fehlt dem Affen die „natürliche Physik“, bei sonst hochgradigem "Sinn" für Gleichgewicht usw.?

Was bedeutet das für die Sprachfähigkeit?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2019 um 04.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#41267

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#27669

Derselbe Irrtum noch einmal:

"Bees communicate visually, using precise waggles to indicate sources of foods to their peers." (http://csbi.mit.edu/news_2013/2013_berwick.html)

(Mit weiteren Spekulationen aus dem Chomsky-Kreis.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.03.2019 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#41124

Dazu noch dies: Die funktionale Nachahmung läßt sich wohl kaum erklären, wenn man seine Hoffnung auf die "Spiegelneuronen" setzt (um die es ja auch sonst wieder stiller geworden ist). Es geht ja gerade nicht um fest verdrahtete, reflexartige Muskelinnervationen. Das Funktionale liegt auf einer ganz anderen Ebene als das Neuronale. Beispiel: etwas bauen oder Schnürsenkel binden. Das letztere lernt man am besten durch Vormachen und Nachmachen, nicht durch sprachliche Belehrung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2018 um 06.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#39893

In der Psychologie der Nachahmung legt man heute großen Wert auf die Unterscheidung zwischen atomarer und molekularer (oder molekularer und molarer) Nachahmung. Die Metapher soll zwischen rein formaler und funktionaler Nachahmung unterscheiden. Schon wenn ein Kind mit der linken Hand tut, was ich mit der rechten vorgemacht habe, überträgt es das Verhalten in den funktionalen Bereich.
Beim Hantieren mit Duplo-Steinen (das ist die doppelte Größe von Lego) geht es dem Kind darum, einen Turm zu bauen, nicht darum, bestimmte Noppen in bestimmte Nuten zu stecken (aber auch das wäre schon funktional, nur in kleinerem Format). Ein anderes Beispiel wäre das Füllen eines Bechers, ganz gleich mit welchen Einzelbewegungen. Verben wie füllen sind intentional; das zeigt sogar die kausativ-faktive Wortbildung. ("Füllest wieder Busch und Tal still mit Mondenglanz" ist anthropomorphisierend.)
"Dasselbe tun" (Imitation) ist also jeweils zu präzisieren. Es ist aber falsch, daraus einen kategorialen Sprung herzuleiten, mit weitreichenden Folgerungen, wie man es in der neueren Literatur findet. Es geht nur um das Format der nachgeahmten Verhaltenseinheiten, Einbeziehung der Vor- und Nachgeschichte usw.
Alles auch für den Spracherwerb relevant, worauf ich hier nicht eingehen will.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.10.2018 um 03.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#39868

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#28224

Ein Kind von eineinhalb Jahren spielt mit LEGO bzw. DUPLO, baut Türme und zerlegt sie wieder. Beim Zusammenfügen werden die Klötze richtig ausgerichtet und zentriert. Soviel ich weiß, tun Affen das nicht (wie bei den erwähnten Kisten im Köhlerschen Versuch). Leider habe ich noch keine Berichte finden können, die das bestätigen oder widerlegen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2018 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#39755

Koko und andere Tiere, denen man Sprachfähigkeit zugeschrieben hat, werden gewissermaßen zu Religionsstiftern:

http://www.koko.org/

https://www.friendsofwashoe.org/meet/washoe_memorial.html

https://alexfoundation.org/
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2018 um 16.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#39751

Auf Youtube kann man natürlich auch letzte Botschaften eines Silberrückens zur Rettung der Umwelt anschauen (in amerikanischer Gebärdensprache). Man könnte das anstelle der abgenutzten Silvester-Sendung "Dinner for one" ausstrahlen. (S. auch https://www.snopes.com/fact-check/what-does-koko-know-about-climate-change-nothing/)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2018 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#39750

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#12500

Hier ist das Original:

Koko seems to think of death as peaceful and secure. Several times she has used the word drapes to modify death. This impression is reinforced by the way she links the feeling of death and sleep. There is also evidence that this is not a case of mere confusion, since Koko gets quite upset when asked what will happen when she or I dies. Once when Maureen asked, “Do you think Penny will die?” Koko fidgeted for about ten seconds and then only signed, Damn! On the other hand, if the talk is about death in general Koko does not find the subject so terrifying:
MAUREEN: Where do gorillas go when they die?
KOKO: Comfortable hole bye.
MAUREEN: When do gorillas die?
KOKO: Trouble old.
We do not know where Koko got the idea that the dead go to a hole, unless it was from leafing through magazines (she is an avid “reader” of National Geographic).

(„The Education of Koko“ by Francine Patterson & Eugene Linden)

http://www.koko.org/sites/default/files/root/pdfs/teok_book.pdf

Das Paradoxe ist ja: Je weniger "Wörter" (es sind keine) ein Tier gelernt hat, desto tiefinniger werden seine Äußerungen. Die Betreuer merken nicht, daß sie es sind, die den Tiefsinn in die Lücken gießen. Je größer die Lücken, desto mehr paßt hinein.

Philosophen, denen man ja jeden Bären aufbinden kann, zitieren dies gern und spinnen es weiter fort.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2016 um 21.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#34113

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#31677

Volker Sommer, der Verhaltensforscher, der sich besonders mit "Lügen" im Tierreich auskennt, referiert in der FAZ das bekannte "Gespräch" mit einer Schimpansin. Ich zitiere eine frühere Fassung:

Fouts hat ein besonders aufschlussreiches Gespräch festgehalten, nachdem Lucy wie üblich den Wohnzimmerteppich vollgekotet hatte:

Fouts: Was das?
Lucy: Was das?
Fouts: Du weißt. Was das?
Lucy: Schmutzig schmutzig.
Fouts: Wessen schmutzig?
Lucy: Sue. (Fouts Assistentin)
Fouts: Es nicht Sue. Wessen das?
Lucy: Roger.
Fouts: Nein! Nicht mein. Wessen?
Lucy: Lucy schmutzig schmutzig. Entschuldigung.

Das ist aus vielen Gründen völlig unglaubwürdig. Ich weise nur darauf hin, daß die Forscher in den kleinen "Wortschatz" (90 Zeichen) so etwas Außerordentliches wie "Entschuldigung" (sorry) eingebaut haben. (Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#12500 zu „Problem“. Wie hat Koko gelernt, was "Problem" bedeutet?) Auch Frage und Negation sollen funktionieren? Merke: Je kleiner der Vorrat von (vermeintlichen) "Zeichen", desto wohlwollender die Deutung durch den Menschen. Es gibt dann kaum noch eine Antwort, die nicht deutbar wäre.

Man sollte nachsehen, in welchen Zusammenhängen der Affe gelernt hat, das Zeichen „Entschuldigung“ zu gebrauchen. Vielleicht hat er dann jedesmal eine Belohnung bekommen? Überhaupt: Wie erwirbt er den Gebrauch dieser Gebärden, was ist Kriterium des Erwerbs? Sind sie einzeln konditioniert worden? S. a. Naturalisierung der Intentionalität. Kann er „wollen“ oder nur „haben wollen“ („betteln“, wie man im Zoo sagt)?

Der Ausdruck des Bedauerns ist in sehr komplexe, historisch entwickelte gesellschaftliche Beziehungen eingebaut. Es gibt Gesellschaften, in denen dieser Sprechakttyp unbekannt ist: Alles geschieht, wie es muß, für Entschuldigungen ist kein Anlaß. Aber dafür haben die Primatenforscher keinen Sinn.

Man könnte dem Affen auch ein Zeichen beibringen, das nach unserer Absicht "Validität von Primatenversuchen" bedeutet. Ab und zu würde er es gebrauchen, und in 70% der Fälle wäre es sinnvoll, das genügt.

Bemerkenswerterweise gelang es nicht, den sprechenden Affen stubenrein zu kriegen...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2016 um 18.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#31677

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10581

Ich weiß nicht, ob ich Zimmers exemplarischen Text hier schon einmal angeführt habe, er steht immer noch im Netz:

http://www.zeit.de/1979/03/du-schmutzig-ungezogen-klo/komplettansicht?print

Inzwischen ist der Rausch möglicherweise verflogen, man hört ja auch gar nichts mehr von Affensprache, um so mehr von bescheidenem Suchverhalten bei Raben usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2015 um 17.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#30411

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#12500

Wikipedia berichtet, daß der philosophische Gorilla noch eine weitere Antwort auf eine Urfrage der Menschheit gegeben hat:

Koko verfügt bereits über bemerkenswerte Sprachfähigkeiten. Auf die Frage: "Was ist der Tod?" antwortete Koko mit drei Zeichen: „Gemütlich – Höhle – Auf Wiedersehen“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2015 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#28224

Die übliche Darstellung von Köhlers Intelligenzprüfungen geht ungefähr so:

"Was ist das Kriterium dafür, dass z. B. ein Schimpanse nachgedacht hat? Der bekannte Beispielfall: ein Schimpanse sieht eine Banane an der Decke hängen und eine Reihe von Kisten im Raum herumliegen. Er betrachtet das Ganze eine Weile, dann stapelt er die Kisten, steigt auf den Stapel und holt sich die Banane. - Was es plausibel macht, dass der Schimpanse tatsächlich nachgedacht hat, ist schlicht der Umstand, dass er - ohne Herumzuprobieren - eine Lösung seines Problems gefunden hat."

Skinner wendet ein, daß die ganze Konditionierungsgeschichte der Tiere übergangen wird. Dennett hat später, ohne Skinner zu erwähnen, folgendes geschrieben:

„Contrary to popular misunderstanding, Köhler's apes did not just sit and think up the solutions. They had to have many hours of exposure to the relevant props–the boxes and sticks, for instance–and they engaged in much manipulation of these items. Those apes that discovered the solutions–some never did–accomplished it with the aid of many hours of trial and error manipulating.“

Ich habe noch hinzugefügt, daß Affen niemals lernen, die Kisten beim Stapeln einigemaßen zu zentrieren. Ihre Türme halten bestenfalls gerade mal so lange, daß das Tier daran hochhangeln und-springen kann, dann kracht alles wieder zusammen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2014 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#27669

Noch einmal zur Bienensprache:

In einem etwas wirren Buch las ich:
Bei Dunkelheit können Bienen nicht kommunizieren.
(Robert Lafont: Sprache als Arbeit. Wien 1992:33)

Lafont beruft sich auf Benveniste, der tatsächlich schreibt:
N’étant pas vocale mais gestuelle, la communication chez les abeilles s’effectue nécessairement dans des conditions qui permettent une perception visuelle, sous l’éclairage de jour ; elle ne peut avoir lieu dans l’obscurité. Le langage humain ne connaît pas cette limitation.
(Emile Benveniste: „Communication animale et langage humain“. In: Problèmes de linguistique générale 1. Paris 1966:56-62. Dt. Ausgabe München 1974:74)

Hier irrt der große Mann. Im Bienenstock ist es meistens stock-dunkel. Karl von Frisch mußte das ein bißchen ausleuchten.

Ein französischer Blogger hat das kürzlich ebenfalls bemerkt (vorher anscheinend keiner):
A ma connaissance les ruches ne sont pas éclairées, donc les abeilles communiquent dans l’obscurité.
(http://utime.unblog.fr/2007/09/27/la-danse-des-abeilles-est-elle-un-langage/)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2013 um 05.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#24568

Welche Blüten der Glaube an sprechende Tiere treiben kann, sieht man an der "Alex Foundation", die zu Ehren von Pepperbergs totem Graupapagei gegründet worden ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.05.2012 um 08.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#20790

Christine Römer/Brigitte Matzke: Der deutsche Wortschatz. Struktur, Regeln und Merkmale. Tübingen (Narr) 2010.

Studienbücher werden nach der Bologna-Reform am Fließband produziert, und die Verlage drucken alles, ohne auch nur einen Blick darauf geworfen zu haben.

Das vorliegende Buch ist eine wirre Zusammenstellung aller möglichen Einfälle, die oft kaum mit dem Thema zu tun haben, aber stets durch Zitatschnipsel ohne Zusammenhang belegt werden. Für Studenten ist es weitgehend unverständlich, und der Fachmann erkennt überall die Banalität oder Verkehrtheit hinter dem Wortschwall. Unkonzentriert wie das ganze Buch wirkt gleich der erste Satz des Vorworts:

„Das Lehrbuch (...) stellt das komplexe Phänomen 'deutscher Wortschatz' vor, indem dieses aus verschiedenen inhaltlichen und methodischen Perspektiven betrachtet wird.“ (V)

Die hilflose Verknüpfung mit „indem“ ist so bezeichnend wie die Aufblähung des nichtigen Inhalts durch pseudowissenschaftliche Ausdrücke. Typisch für den Stil des ganzen Buches ist auch dieser Abschnitt:

„Neben dem kognitiven Wissenssystem sind auch die Prozesse der Sprachverarbeitung (Sprachproduktion und Sprachverstehen) für die Sprachfähigkeit konstitutiv. Außerdem kann eine funktionierende Kommunikation nicht nur auf der Basis des Sprachwissens erfolgen, sie resultiert vielmehr aus dem Zusammenwirken mehrere kognitiver Fähigkeitssysteme, die eigene Regeln haben.“ (76)

Man sollte nicht versuchen, über den Sinn solcher Sätze, insbesondere des „neben“ und „außerdem“ oder auch nur „kognitiv“ genauer nachzudenken.

Wie schon im Morphologie-Buch Römers werden Bruchstücke aus allen möglichen Theorien und Bereichen der Sprachwissenschaft durcheinandergemischt. So ist die Seite über „Das syntaktische Wort“ praktisch unverständlich.

Fast jede Aussage, sei sie noch so banal, wird durch ein Zitat belegt.

„Nach Fritz (1998) hat seit Beginn der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die wissenschaftliche Beschäftigung mit der historischen Semantik international deutlich zugenommen.“ (211)

Aber die Bedeutungsgeschichte ist seit Beginn der historischen Sprachwissenschaft eines ihrer Hauptthemen und hat, wenn man von der generativen Grammatik absieht, nie nachgelassen.

Man findet sehr viele oberflächliche und oft geradezu falsche Aussagen. „Phraseologismen im engeren Sinne sind häufig bildhaft und haben bewertenden Charakter.“ (19)

In "Steckt niemals den Sand in den Kopf" soll ein „Verstoß auf syntaktischer Ebene“ vorliegen, und zwar gegen Reihenfolgeregeln. (4f.) Aber die Syntax ist ganz in Ordnung.

Die Terminologien der Fachsprachen werden überraschenderweise unter „temporäre Lexik“ subsumiert: „Temporäre Soziolekte betreffen nur eine ‚gewisse Zeit im Tages- oder Jahresablauf [...] Freizeitgruppen, Hobbygemeinschaften, andere Tages- oder Nachtvergnügungsgruppen mit eigenem Jargon oder Wortschatz (Löffler, 1994). Hierher gehören auch die Berufs-(Fach-)Sprachen.“ Seltsamer ist Fachsprache wohl noch nie eingeordnet worden. Römer scheint von der Tatsache beeindruckt zu sein, daß der Fachmann nicht Tag und Nacht Fachsprache spricht, sondern nur "temporär".

Unter dem Titel „Politisch ‚korrekte‘ Motivierungen“ streut Römer eigene politische Meinungen aus: „Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rüttgers verunglimpfte 2009 in einer Rede alle rumänischen Arbeiter. Er hatte bei einem Wahlkampfauftritt in Duisburg mit Blick auf die Verlegung des Bochumer Nokia-Werkes gesagt, die Beschäftigten in Rumänien kämen zur Arbeit, ‚wann sie wollen, und sie wissen nicht was sie tun‘. Damit bereitete er den Nährboden für Fremdenfeindlichkeit‘.“ (Letzteres ist ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung, deren Meinung als Tatsachenbehauptung übernommen wird.) Römer fährt fort: „2005 hatte Steuber (!) als Ministerpräsident von Bayern im Wahlkampf geäußert: ‚Ich akzeptiere nicht, dass der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird. (....) Diese pauschalen Beleidigungen aller Ostdeutschen löste (!) damals zu Recht eine große Empörung aus.“ (68) – Was das alles mit dem deutschen Wortschatz zu tun hat, ist nicht erkennbar. In diesem Kapitel schreibt sie „ausserdem“ und „heisst“. Andere Fehler ("alltaggssprachlich") deuten ebenfalls auf mangelhafte Korrektur hin.

Der Plural von „Etymon“ soll „die Etymone“ heißen. (104)

Das Buch ist völlig unbrauchbar und gehört nicht in einen sprachwissenschaftlichen Spezialverlag. Studenten bringt es in Gefahr, ihre knappe Bologna-Workload-Zeit mit Grübeleien über den Sinn des Gelesenen zu vergeuden, weil sie nicht gleich erkennen können, daß es einen solchen Sinn gar nicht gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2011 um 17.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#19724

Bedeutungen sind ja immer Bedeutungen von etwas, der Begriff ist ein relationaler. Darauf weisen auch hin: Gordon P. Baker/Peter M. S. Hacker: Language, Sense and Nonsense. Oxford 1984. Sie wenden sich besonders gegen ein Werk von Renate Bartsch und Theo Vennemann, in dem das schief dargestellt ist, und fragen ironisch:
„Can meanings really be processed like sausages?“ (277) Leider hat das nichts genutzt, der Fehler ist überall zu finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2011 um 12.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#19701

In einem dieser Einführungsbücher wird gelehrt:

„Offensichtlich enthält das mentale Lexikon einen Speicher für Wortbedeutungen und einen Speicher für Wortformen.“

Was sollen denn Bedeutungen sein, daß man sie speichern kann?

„Dass das Lexikon der Wortbedeutungen eine alphabetische Struktur haben könnte, erscheint schon heuristisch unplausibel.“

Das Wort Katze fängt mit K an, aber welchen Anfangsbuchstaben hat die Bedeutung von Katze? Die Idee, Bedeutungen alphabetisch zu sortieren, kann doch gar nicht aufkommen, nicht bloß aus "heuristischen" Gründen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2011 um 16.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#18919

Klaus Welke: Einführung in die Satzanalyse. Die Bestimmung der Satzglieder im Deutschen. Berlin, New York (de Gruyter) 2007.

„Wir folgen in unseren Satzgliedanalysen den orthographischen Regeln und auch der aktuellen Schreibung.“ (233)

An anderer Stelle (231) weist er auf mögliche Widersprüche hin, bleibt aber trotzdem bei der Unterwerfung der Syntax unter die Schulorthographie.

„Deren (d.h. der Zusammenrückung) orthographischer Reflex ist die Zusammenschreibung. Wir nehmen daher Zusammenschreibung als Indiz für das Vorliegen komplexer Prädikate.“ (239)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2010 um 08.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#16320

Zum Lehrbuch von Busch/Stenschke kann man beim Verlag Narr die Lösungen der Übungsaufgaben herunterladen. Sie entsprechen dem Niveau des Buches. Ich gebe ein Beispiel:

"Du hast völlig Recht! – völlig : Adjektivattribut zu Recht (dass völlig ein Attribut und keine Angabe ist, erkennt man daran, dass es nicht spitzenstellungsfähig und nur mit Recht zusammen verschiebbar ist)."

Demnach wäre das Muster dasselbe wie fließend Wasser.

"Was hat er?" – "Völlig Recht." Das geht ja wohl nicht.

Es geht gar nicht um das Recht, sondern um recht haben. Deshalb wird auch mit nicht verneint. Die reformierte Rechtschreibung verführt zusätzlich zu der Fehleinschätzung, sollte aber professionelle Germanisten nicht irreleiten.

völlig ist hier ein adverbial gebrauchtes Adjektiv, das den Ausdruck recht haben graduiert, wie ganz, sehr, vollkommen usw. Deshalb ist es auch nicht dekliniert.

Die Behauptung über die Verschiebbarkeit stimmt auch nicht. Völlig recht hat er mit der Annahme ... wäre ein Fall von doppelter Vorfeldbesetzung.

Die "Lösungen" enthalten noch viel Sonderbares.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.12.2009 um 09.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#15342

An der Bienensprache wird seit Jahrzehnten gezweifelt, und neuere Forschungen haben, wie die SZ heute berichtet, viel Interessantes aufgedeckt. Kurz gesagt: der Schwänzeltanz scheint eine viel geringere Rolle zu spielen, als Karl v. Frisch annahm. Um so wichtiger wird die chemische Orientierung, die Frisch noch nicht untersuchen konnte, ebenso wie manche Bewegungsstudien, die erst heute möglich sind. Ein Irrtum weniger wäre auch ein Gewinn.
Im Bericht der SZ darüber wird abschließend Aristoteles die Ansicht zugeschrieben, Insekten hätten vier Beine – wo doch jeder sehen könne, daß sie sechs haben. (Übrigens habe ich in schlechten Bilderbüchern für Kinder sehr viele vierbeinige Insekten gesehen!)
Nun, ich weiß nicht, wo das bei Aristoteles stehen soll, jedenfalls schreibt er der Eintagsfliege vier Beine zu, weil sich diese (jedenfalls das Männchen) tatsächlich auf vier Beinen fortbewegt, während das vordere Beinpaar zu Kopulationszwecken umgestaltet ist. Aristoteles kam es hier auf die Funktion an, nicht auf die vergleichende Anatomie. Seine Beobachtung war korrekt. Natürlich irrt er auch manchmal. Es wäre aber zu wünschen, daß unsere heutigen Gymnasiasten über eine ebenso genaue Kenntnis der Natur verfügten wie Aristoteles.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.06.2009 um 21.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#14656

Wenn "ehemalige Wörter" jetzt "Wortgruppen" sein sollen, müssen die "ehemaligen Wörterbücher" jetzt "Wortgruppenbücher" heißen, außer diese jetzigen "Wortgruppen" werden nicht mehr lexikalisiert; dann also doch Wörtervernichtung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2009 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#14652

In dem genannten Buch heißt es:

„Durch die neue Rechtschreibung hat sich besonders im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung vieles geändert. Das betrifft vor allem Verben (alt: kennenlernen, neu: kennen lernen) und Adjektive (alt: kochendheiß, neu: kochend heiß). Diese ehemaligen Wörter und heutigen Wortgruppen fallen nun aus der Wortbildung heraus, da sich die deutsche Wortbildung an grafischen Wortgrenzen, d. h. an Leerzeichen vor und nach einem Wort, orientiert.“ (114f.)

Die Rechtschreibreform ihrerseits gründet aber die Getrennt- und Zusammenschreibung auf den Unterschied von Wortgruppe und Wort, setzt also eine schriftunabhängige Wortbildungslehre voraus:
„Die Getrennt- und Zusammenschreibung betrifft Einheiten, die im
Text unmittelbar benachbart und aufeinander bezogen sind. Handelt es sich um die Bestandteile von Wortgruppen, so schreibt man sie getrennt. Handelt es sich um die Bestandteile von Zusammensetzungen, so schreibt man sie zusammen.“

So dreht sich alles im Kreis.


Die Verfasserinnen glauben auch, daß in "selbstständig" die Rechtschreibreform die Einsparung von Buchstaben rückgängig gemacht habe. Und bei "Atlas" habe die Reform den eingedeutschten Plural "Atlasse" ermöglicht ...

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2009 um 15.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#14636

Noch eine Einführung:

Katja Kessel/Sandra Reimann: Basiswissen Deutsche Gegenwartssprache. Tübingen, Basel 2005.

Kostprobe:

S. 13: „Die Rechtschreibreform brachte es mit sich, dass viele bisher einfache zweiteilige Prädikate im Infinitiv nicht mehr zusammengeschrieben werden; damit kommt es zu Änderungen in der Klassifikation.
Du hackst die Kräuter klein. (alt: kleinhacken; neu: klein hacken.)“

S. 14: „Die Beherrschung von Teilen der geltenden Orthografieregeln ist Voraussetzung zur korrekten Klassifikation des Prädikats."

Man läßt sich also die grammatische Analyse von der amtlichen Rechtschreibung vorgeben. Und in diesem Sinn werden junge Germanisten erzogen.

(Übrigens muß es statt „Prädikat“ hier jeweils „Verb“ bzw. „Verbkomplex“ heißen, denn Prädikate treten ja erst in Sätzen auf.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2008 um 17.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#12500

Noch etwas zur Affensprache. Wie ich sehe, haben ja all die berühmten Tiere, der Gorilla Koko, der Papagei Alex usw. ihre eigene Website. Aber wirklich lustig ist, was in einem philosophischen Buch berichtet wird, auf das ich an anderer Stelle schon einmal eingegangen bin (Perler/Wild: Der Geist der Tiere. Suhrkamp):

„Maureen (eine Ausbilderin): Wohin Gorilla gehen, wenn (sie) sterben?
Koko: Angenehm Nest Heia.
Maureen: Wann Gorilla sterben?
Koko: Problem alt.“

Das hielt ich zuerst für einen typischen Wissenschaftlerscherz, denn es ist ja ungefähr der Hamlet-Monolog (To die, to sleep ...). Aber die Verfasser meinen es bitterernst.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 02.03.2008 um 02.20 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#11580

Apropos:

"Silbisches Prinzip: Mit diesem Prinzip lassen sich verschiedene graphematische Phänomene wie Konsonantenverdoppelung und Dehnung erklären."

Wer über "Prinzipien der Graphemik" (oder gar Graphematik) redet und Graphemverdoppelung bzw. Doppelgraphem (das ist nicht dasselbe) als "Konsonantenverdoppelung" versteht bzw. mißversteht, sollte sich schleunigst aus dem Gesprächskreis entfernen und nicht weiter stören.
 
 

Kommentar von David Konietzko, verfaßt am 04.02.2008 um 11.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#11350

„Anders als das phonologische Prinzip ist hier der silbische Kontext relevant.“ – Hier müßte es heißen: „Anders als beim phonologischen Prinzip ...“ Aber sorgfältiges Formulieren haben Meisterlinguisten wie Busch und Stenschke natürlich nicht nötig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2008 um 08.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#11348

Noch zwei Anmerkungen zu Busch/Stenschke:
Die sogenannten „graphematischen Prinzipien“ werden jeweils in blau unterlegten Kästen formuliert – mit Ausnahme des „silbischen Prinzips“, für das sich folgende „Definition“ findet:
„Silbisches Prinzip: Mit diesem Prinzip lassen sich verschiedene graphematische Phänomene wie Konsonantenverdoppelung und Dehnung erklären. Anders als das phonologische Prinzip ist hier der silbische Kontext relevant. So beschränkt sich z. B. die Konsonantenverdoppelung auf Silben, die nicht sowieso schon auf mehr als einen konsonantischen Graphen enden.“
Damit ist der Nutzen des silbischen Prinzips beschrieben, aber wie lautet das Prinzip selbst?



„die (inzwischen wieder geltende) Großschreibung von Anredepronomina (<Du>, <Sie>)“ – Das kann man so nicht sagen, denn du soll ja weiterhin im Regelfall klein geschrieben werden, außerdem wird die Beschränkung auf Briefe nicht erwähnt. Die Großschreibung von Sie wird auf das pragmatische Prinzip der Orthographie zurückgeführt, sie soll Respekt ausdrücken. Das ist nicht richtig. Der Respekt, besser die Distanz, wird schon durch die Wortwahl ausgedrückt, die Großschreibung dient anders als bei du/Du jetzt der dringend notwendigen Homonymendifferenzierung.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.02.2008 um 19.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#11342

Ganz Ahnungslose, z. B. Politiker und Kultusminister, scheinen die jetzt praktizierte "alte" und "neue" Rechtschreibung für Gegenwörter zu halten, die inkompatibel sind und einander ausschließen, sogar für Kontradiktionen, d. h. Wortpaare, die die Rechtschreibung strikt in genau zwei Teile teilen. Dabei sind es Antonyme mit beliebig vielen Zwischenstufen und hat noch niemand die Schwelle für eine digitale "Ja"-"Nein"-Unterscheidung festgelegt.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 02.02.2008 um 18.12 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#11340

Im Zusammenhang mit der arg infantilen Erklärung des Antonymbegriffs in Busch/Stenschke (2007:191) stellt Theodor Ickler fest:

"Logiker mögen die Welt einteilen, wie es ihnen beliebt"

Das von Busch/Stenschke Festgestellte schlägt allerdings auch der Logik ins Gesicht, sogar der des Alltags.
Grob unterscheiden kann man nicht-gradale (also auch nicht-skalare) Dimensionen mit nur zwei (tot – lebendig) bzw. mit drei Werten (sauer – neutral – basisch) und unidirektional gradale (leer – voll), bidirektional gradale (nördlich – südlich) und unidirektional bzw. bidirektional skalare (meist Maßeinheiten mit Numeralia).
Das kann man noch weiter treiben und im Lexikon Belege spezieller Differenzierungen innerhalb dieser Dimensionsklassen finden.

Darauf hebt der linguistische Antonymbegriff allerdings auch nicht ab. Er muß notwendig allgemein gehalten sein, um überhaupt zu funktionieren.

Spachwissenschaftler müßten jedoch wissen, daß Kontradiktionen keine Wörter bzw. Gegenstände sind, sondern Sätze als Relate der Exklusionsrelation.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 02.02.2008 um 18.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#11339

Das bestätigt einen Verdacht, den ich schon seit längerem hege: daß manche Sprachwissenschaftler ihre Disziplin als eine Art Softphilosophie betreiben. Betreiben wohlverstanden, nicht mißverstehen; denn letzteres setzte voraus, daß sie wissen, was sie treiben. Das Ergebnis ist schlechte Metaphysik, die die Leistungsfähigkeit der (theoretischen) Philosophie sowohl unter- als auch überfordert. Ein weiteres Beispiel wäre die Unterscheidung zwischen "wörtlicher" und "übertragener" Bedeutung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2008 um 17.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#11336

"Die GEGENWÖRTER sind miteinander inkompatibel, schließen einander aus. KONTRADIKTIONEN sind Wortpaare, die einen Bereich strikt in genau zwei Teile teilen, wie tot – lebendig, rund – eckig, natürlich – künstlich, Himmel – Erde. Weniger strikt stehen dagegen ANTONYME einander gegenüber. So lassen sich z. B. groß und klein, heiß und kalt oder hell und dunke Zwischenstufen finden.“ (Busch/Stenschke 191)

Logiker mögen die Welt einteilen, wie es ihnen beliebt – mit Sprachwissenschaft hat das nichts zu tun. Der Antonymie-Begriff der beiden Autoren ist mir noch nie begegnet, auch Glück (Metzler Lexikon) und Bußmann kennen ihn nicht.

Manche sind zwar lebendig, aber kaum noch (wie Theaitetos gleich zu Beginn eines berühmten Werkes); was nicht rund ist, muß noch lange nicht eckig sein, und manches ist runder oder eckiger als anderes; erst recht ist vieles halb künstlich und halb natürlich, zum Beispiel die Sprache – der Komparativ fällt hier niemandem auf; und was sich alles zwischen Himmel und Erde befindet, ist sprichwörtlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2007 um 17.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10673

In einem anderen, schon etwas älteren Einführungsbuch wird als Fall von Haplologie gelehrt: "selbstständig > selbständig" (Heidrun Pelz: Linguistik. Eine Einführung. Hamburg 1996, S. 104). So haben sich ja auch Gallmann und Sitta die Sache vorgestellt: als "Ausspracheerleichterung".
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 10.11.2007 um 07.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10667

Der Verfall von Wissen und die Mißachtung des "Elitären", das heißt, der wirklichen "Könner", kommen nicht von ungefähr. Schule ist heute besetzt von mittelmäßig begabten, aber sehr zielgerichtet und eigennützig handelnden Aktivisten und Moralisten, wie Frank Furedi in einem wirklich lesenswerten Aufsatz in NOVO feststellt. Nicht die Pädagogik, sondern die Politik regiert in die Schulen hinein. Deshalb werden auch nicht Fakten, sondern Meinungen und Lebenseinstellungen vermittelt; wir driften unversehens in eine Gesinnungsdiktatur. Wissen kann da nur stören, besonders deshalb, weil die neuen Herren Bildung für überflüssigen Tinnef halten. "Stoffhuberei", wie Lernen von den neuen „Herren der Pädagogik“ bezeichnet wird, ist dem Ziel der schimmerlosen "Meinungsmache" natürlich im Wege. Menschen, die durch eigene Anstrengungen Wissen erwerben oder sich in einem Handwerk üben, sind in der Regel selbstbewußt und lassen sich nicht leicht an der Nase herumführen. Das ist es, was unseren kurzsichtigen Volkserziehern und -beaufsichtigern nun gar nicht gefällt.
Selbstbeschränkung und Ignoranz führen zuerst die Pädagogik, in der Folge die ganze Gesellschaft in eine Krise. Wer einen hochaktuellen, zum Thema passenden Beitrag lesen möchte, hier ist er:

http://www.novo-magazin.de/90/novo9015.htm

Josef Kraus, ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, haut ebenfalls in dieselbe Kerbe. Wen's interessiert, wird seinen Aufsatz mit Genuß lesen:

http://www.novo-magazin.de/90/novo9018.htm

Rechtschreibreform, Bildungskrise, Familienkrise, Inflation, Meinungsterror, Gutmenschentum, Arbeitslosigkeit ... sie alle sind Symptome einer einzigen Krankheit, deren Ursache nicht erkannt und schon gar nicht diskutiert werden darf.
 
 

Kommentar von K.Bochem, verfaßt am 10.11.2007 um 01.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10666

Baumert: Fachdidaktiker in der ganzen Welt sind sich da recht einig.
Schön, daß Sie das Beispiel bringen, Herr Wagner. Es belebt die Diskussion. Aber – und darin sind wir uns möglicherweise einig – wenn jemand gleich im ersten Ansatz von "der ganzen Welt" spricht, und daß man sich da "einig" sei (also ziemlich dick aufträgt, oder anders ausgedrückt: um Legitimation ringt), so ganz nebenbei mit dem willfährigen Wörtchen "recht" allerdings einen Rückzieher macht, kann man davon ausgehen, daß alles, was danach kommt, fragwürdig ist. Und das ist es tatsächlich. Wie kann man nur auf den Gedanken kommen, daß sich Verstehen aus luftleerem Raum entwickeln könnte?!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2007 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10662

Die "Fachdidaktiker" der ganzen Welt mögen sich einig sein – mich beeindrucken sie nicht und haben mich auch früher noch nie beeindruckt. "Wie gebraucht man eine Analogie?" Tja, wie und warum sollte das gelehrt werden? Das ist doch alles leeres Stroh. Wird da etwa immer noch oder schon wieder die "formale Bildung" gepredigt?

Man braucht sich ja nur einmal zu überlegen, wie das zum Beispiel in den Sprach- und Literaturwissenschaften aussehen würde. Nicht so viele Sprachen lernen, nicht wahr, sondern über die Methoden der Sprachwissenschaft nachdenken. Nicht so viele Klassiker lesen, sondern Fachdidaktiken Deutsch – oder wie? Der Glaube an die Methode ist der Grundirrtum unserer durchpädagogisierten Welt.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 09.11.2007 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10660

Th. Ickler (#10580): >>Man sieht schon, daß ich eine gewisse Vorliebe für inhaltlich angereicherte Bücher habe und mich gern der Stoffhuberei bezichtigen lasse. Aus meiner Unterrichtstätigkeit ist mir nur zu vertraut, daß es einfach an Kenntnissen der Materie fehlt. Das gilt auch für die Verfasser neuerer Einführungen, deshalb reden sie ja soviel über "Methoden" und "Modelle". Man kaut heftig, hat aber nichts zu beißen.<<

Dazu eine Stellungnahme aus einem Interview (über PISA), das in der ZEIT Nr. 50/2001 erschienen ist:

Baumert: Fachdidaktiker in der ganzen Welt sind sich da recht einig. Wir brauchen einen Unterricht, der Verständnis vermittelt. Die zentralen Konzepte der Fächer müssen verstanden werden: Wie verwende ich eine Analogie? Was leistet ein physikalisches Konzept? Wie funktioniert Demokratie? Verstehen erreicht man mit keiner Stoffhuberei. Guter Unterricht setzt darauf, dass Schüler selbst geistig tätig werden.

(http://www.schule.suedtirol.it/pi/themen/pisa4a.htm)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2007 um 16.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10658

In dem vorgestellten Buch gibt es auch eine Seite über den Poststrukturalismus, und es werden die Namen der französischen Meisterdenker Lacan, Foucault, Barthes, Derrida erwähnt, die für die Sprachwissenschaft ohne jede Bedeutung sind und dem angehenden Linguisten (hoffentlich) nie wieder begegnen werden. In einem Einführungsbuch sind sie gewiß fehl am Platze.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2007 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10640

Der Gedanke ist: Die Lebensäußerungen der Tiere, auch ihre lautlichen, sind evolutionär so strikt in ihre ökologische Nische eingepaßt (und damit auch gesichert), daß sie nicht unter Konditionierung gebracht werden und zu einem Mittel der Verständigung mit uns genutzt können. Könnten sie es, würden wir wahrscheinlich nicht verstehen, was das Tier "sagen will" (Wittgenstein: Der Löwe spricht ...). Es erinnert an die bis zum Überdruß diskutierte These Thomas Nagels über die Fledermaus. Nichts weiter dazu an dieser Stelle, die Abschweifung geht ohnehin schon zu weit. Die Verbindung zu unserem Thema wird nur noch durch den Zeichenbegriff notdürftig gewahrt.
 
 

Kommentar von Nöckergreis, verfaßt am 05.11.2007 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10624

Die Krähen haben E. A. Poe.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.11.2007 um 22.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10623

Die Gefahr besteht und sollte nicht ohne Not ignoriert werden.
 
 

Kommentar von Philip Köster, verfaßt am 04.11.2007 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10620

Selbst auf die Gefahr hin, hier andere Menschen zu langweilen: Mein Lebenstraum war immer der, mich mit einer anderen Spezies auszutauschen, das war für mich immer sehr viel mehr erstrebenswert, als zum Mond oder zum Mars zu fliegen. Nur ein einziges Mal interspeziär endlich eine Rückmeldung zu bekommen, dafür hätte ich gern mein ganzes Leben hingegeben. Es war immer mein großer Traum, mich einmal mit Aliens zu unterhalten, dabei untersehen wir Menschen, daß Tiere inzwischen sehr wohl in der Lage sind, soziale Beziehungen aufzubauen. Wir Menschen haben unseren Shakespeare, und was haben etwa die Krähen?
 
 

Kommentar von Philip Köster, verfaßt am 04.11.2007 um 08.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10610

Ich bitte Herrn Ickler um Verzeihung, daß wir hier einmal einen Exkurs zur Sprachgenese unternommen haben, aber das müßte ja wohl für Sprachwissenschaftler so etwas wie das Evangelium sein, nur können wir nicht darüber berichten, weil wir nicht dabei waren. Ich wollte nur noch einmal eine vielleicht etwas saloppe Feststellung loswerden, und dann soll es meinethalben auch genug sein, solange keine weiteren Interessen bestehen. Man könnte folgenden Satz formulieren: Die Wale entwickeln sich gerade weiter, wir Deutschen entwickeln uns zurück.
 
 

Kommentar von Philip Köster, verfaßt am 03.11.2007 um 21.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10603

Lieber Germanist,

das wird wohl so ganz nicht stimmen. Das Bestreben der Intelligenz ist es, Worte zu finden. Daß uns diese Sprache der Menschen Pol-Pot, Mao Tse-Tung, Josef Stalin und Adolf Hitler eingetragen hat, macht hilflos und sprachlos. Ich habe auch keine Antwort darauf. Sie vielleicht? Alles, was ich tun kann, ist einfach nur, mit jeder Silbe gegen den Totalitarismus anzuschreiben.
 
 

Kommentar von Philip Köster, verfaßt am 03.11.2007 um 20.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10602

Nochmal zurück zu Walisch: Ich traue diesen Tieren zu, daß sie eine fremde Sprache erkennen und zurückweisen, weil sie eben ihre eigene Grammatik entwickelt haben, daß sie über falsche Grammatik witzeln, aber einen Homo sapiens gerne in ihren Reihen aufnähmen, solange er sich bereit erklärt, sie zu schützen. Alle reden über die Mondlandung, die angeblich die größte intellektuelle Leistung der Moderne darstellt. Meine Meinung war immer, bevor wir die Probleme des Alls lösen, sollten wir lieber mal auf unseren Heimatplaneten achten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.11.2007 um 20.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10599

Die Menschenaffen haben am Beispiel ihrer menschlichen Mit-Ureinwohner Afrikas gesehen, wohin Sprechenkönnen und Befehleverstehen geführt hat: in die Sklaverei. Deshalb lassen sie das wohlweislich bleiben. Untereinander verstehen sie sich ja.
 
 

Kommentar von Philip Köster, verfaßt am 03.11.2007 um 20.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10598

Natürlich. Wer hätte je versucht, sich mit einem Regenwurm, einer Ameise oder einer Weinbergschnecke zu unterhalten? Mit Walen scheint immerhin Austausch möglich, wenn man dafür vielleicht auch ein Unterwassermegaphon benötigte.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 03.11.2007 um 19.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10597

Ein Affe verhält sich intelligent, wenn er im Rahmen seiner körperlichen Fähigkeiten etwas tut, was auf ein geistiges Durchdringen der sich ihm stellenden Aufgabe schließen läßt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 03.11.2007 um 19.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10596

Die Intelligenz eines Affen besteht darin, sich wie ein Affe zu verhalten. Das läßt sich entsprechend auch vom Regenwurm sagen, mit dem die Verständigung aber noch schwerer fällt.
 
 

Kommentar von Philip Köster, verfaßt am 03.11.2007 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10593

Lieber Herr Ickler, Sie beeindrucken mich immer wieder aufs neue, nun lassen Sie sich hier auch noch über die Bienensprache aus. Die haben ein sehr ausgefeiltes Prinzip der Kommunikation, und wer Genaueres erfahren möchte, dem sei das Senckenbergmuseum in Frankfurt am Main empfohlen. Ich habe noch nie mit Walen getaucht, auch wenn das immer ein großer Lebenstraum von mir war, doch auch die Walsprache ist inzwischen sehr komplex geworden, wenn sie auch mit der Sprache der Menschen nicht vergleichbar ist. Auch von Delphinen wird berichtet, jeder einzelne hätte seinen eigenen Identifikationscode, ganz so wie wir Menschen. Schimpansen? Ziemlich menschlich! Gorillas? Angsteinflößend! Orang-Utans? Vielleicht die Spezies, die uns gegenwärtig am nächsten kommt. Sehe ich einem Orang-Utan ins Auge, so fühle ich mich schon ganz gut zuhause, das dumme ist eben nur, daß wir vielleicht noch zweihundert Millionen Jahre werden warten müssen, bis diese Tiere endlich anfangen werden zu sprechen, und dann bin ich leider nicht mehr da.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2007 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10592

Zum Thema Affensprache habe ich unter meinen Elaboraten noch einen kleinen Text gefunden, der vielleicht manchen interessiert:

Eine Beschäftigung mit Tier-„Sprachen“ ist semiotisch interessant und wirft Licht auf die Natur der Menschensprache. Außerdem ist das Thema immer wieder im Zusammenhang mit der Frage nach Artspezifizität und Angeborenheit der menschlichen Sprache diskutiert worden.
Tiere kommunizieren auf vielfältige Weise miteinander, und wenn man den Begriff „Sprache“ in einem weiteren, funktionalen Sinn versteht, dann muß man vielen Tierarten auch Sprachen zuschreiben. Das hebt aber den Unterschied zwischen Tier- und Menschensprache nicht auf. Die Kommunikation zwischen Tieren wird als eigene Wissenschaft, „Zoosemiotik“, betrieben, ihr wohl bekanntester Vertreter war Thomas Sebeok.
In jüngster Zeit hat man einerseits geglaubt, Menschenaffen in beträchtlichem Umfang künstliche Verständigungsmittel, Sprachen, die an menschliche Sprache angelehnt sind, beibringen zu können, andererseits hat man aus bestimmten theoretischen Positionen heraus alle diese Versuche für verfehlt oder gescheitert erklärt.
Sebeok bestreitet die Gleichartigkeit menschlicher Sprache und tierischer Kommunikation. Er weist darauf hin, daß die Menschensprachen Zweiklassensysteme seien, was man im Tierreich nicht finde, sondern merkwürdigerweise erst wieder auf der Stufe der molekularen Kommunikation im genetischen Code. In unserer Sprache werden ja, wie man annimmt, aus an sich bedeutungslosen Phonemen zunächst Wörter zusammengebaut und dann aus diesen Wörtern Sätze. André Martinet hat für dieses Prinzip den Ausdruck „doppelte Gliederung“ (double articulation) geprägt. Die analoge Zweistufigkeit der genetischen Informationsübertragung ist von den eigentlichen Sprachen so weit entfernt, daß sie hier nicht näher betrachtet zu werden braucht.
Was die Bienensprache betrifft, die bekanntlich Karl von Frisch und seine Nachfolger erforscht haben, so ist umstritten, ob man bei ihr von Zweiklassigkeit sprechen kann. Übrigens müßte ich eigentlich von den Bienensprachen im Plural sprechen, denn es gibt mehrere, sozusagen Dialekte, und zwar mehr oder weniger differenzierte.
Zu allen diesen Sprachen verhältnismäßig niederer Tiere braucht hier nicht viel gesagt zu werden, obwohl sie semiotisch und biologisch sicher sehr interessant sind. Aber die Kluft zwischen diesen Lebewesen und dem Menschen ist entwicklungsgeschichtlich so groß, daß überhaupt keine Verbindung besteht, sondern allenfalls eine parallele Entwicklung vorliegen könnte. Die Sprache der Bienen usw. kommt nicht als Vorläufer der menschlichen Sprachen in Betracht.
Anders steht es mit den Sprachfähigkeiten der Menschenaffen. Versuche, Affen eine menschliche Sprache beizubringen, sind jahrelang daran gescheitert, daß man ihnen eine lautliche Artikulation ähnlich wie unsere eigene andressieren wollte. Das scheint aber aus zwei Gründen nicht möglich zu sein. Erstens ist der Kehlkopf der Affen anders gebaut als der menschliche. Aber man muß gleich darauf hinweisen, daß die wesentlichen Züge der menschlichen Sprache, gerade ihre Zweiklassigkeit und damit die enorme kombinatorische Potenz, nicht vom Bau des Kehlkopfes abhängen. Die Sprache verdankt ihre Entwicklung nicht dem Kehlkopf, sondern dem Gehirn, d. h. der Steuerung der Artikulationsorgane durch das Zentralnervensystem (ZNS). (Zur Ungültigkeit des Kehlkopf-Arguments vgl. Wilhelm Lang: Probleme der allgemeinen Sprachtheorie, S. 14; Carsten Niemitz in Zs. f. Sem. 12, 1990, S. 332; William Orr Dingwall in Whitaker/Whitaker 1979:46f. sehr kritisch zu Liebermans Argument über die Neanderthaler.) Bei den Affen scheint der Kehlkopf nicht in derselben Weise unter die Kontrolle des ZNS gekommen zu sein wie beim Menschen. Die verschiedenen Vorgänge im Organismus können ja in unterschiedlichem Ausmaße unter die Kontrolle oder besser Steuerung des Neokortex gebracht werden. Unsere Fingerbewegungen können wir leichter zentral steuern und folglich auch durch Lernen beeinflussen als z. B. unseren Herzschlag. Manche Forscher behaupten, daß den Affen gewisse Nervenverbindungen fehlen, so daß es auch anatomische Grundlagen des entscheidenden Unterschiedes gebe.
Nachdem man diese Probleme erkannt hatte, versuchte man, Affen einerseits die Zeichensprache der Gehörlosen, andererseits künstliche Symbolsprachen, z.B. das Aneinanderlegen von Plastikkärtchen, die für Einzelwörter stehen, beizubringen. Bekannt geworden sind die Gardners für den ersten Weg, David Premack für den zweiten. Auf beiden Wegen hat man eindrucksvolle Ergebnisse erzielt, aber die Deutung dieser Erfolge ist sehr umstritten.
Es gibt bekannte Listen von Merkmalen, die die Menschensprache auszeichnen sollen, z.B. von Hockett (dt. in Schwidetzky, Hg.: Die Evolution des Menschen). (Der verhältnismäßig ausführliche Artikel „Zoosemiotik“ von Helmut Glück im Metzler Lexikon Sprache enthält einen Fehler. Glück spricht von „propriozeptiver Kommunikation“ oder „Autokommunikation“, „wenn ein Organismus zugleich Sender und Empfänger einer Nachricht ist (z.B. im Fall der Echoortung bei Fledermäusen oder Delphinen)“. Aber die Fledermäuse und Delphine senden nicht die Nachricht aus, um sie dann wieder zu empfangen, sondern sie senden einen Ton aus, und erst die Reflektion dieses Tones enthält die Nachricht. Damit ist ein Merkmal aus Hocketts Liste auch für diesen Fall gerettet.) Dazu gehört die Fähigkeit zu „versetzter Rede“, zu „Lüge und Verstellung“ usw. - lauter interessante Punkte, die aber naturgemäß nicht gerade einfach zu operationalisieren sind. Deshalb ist hier immer Streit möglich, zum Beispiel darüber, ob ein Affe tatsächlich über etwas Abwesendes berichtet hat usw.
David Premacks Versuche mit Schimpansen zeigen beispielhaft die Schwierigkeit, solche Befunde zu interpretieren:
„Dann zeigte er ihnen das Plastiksymbol für 'Apfel', das aber nicht etwa wie ein Apfel aussah, sondern aus einem blauen Dreieck bestand, und fragte nach der Form und der Farbe des Apfels. Die Tiere bezeichneten das blaue Dreieck als rot und rund. Sie hatten also tatsächlich den Symbolcharakter der Plastikmarke verstanden und ihr richtig die Bedeutung eines Apfels mit seinen wirklichen Eigenschaften zugewiesen.“ (Bischof-Köhler S. 168)
Es bleibt unklar, was wirklich vor sich ging. Worin besteht z. B. die „Frage", die den Affen gestellt wurde? Die „Fragen“ müßten übrigens von der künstlichen und besonders komplexen Art der Prüfungsfrage gewesen sein. (Zum kulturell geprägten Sprachspiel vom Typ der Prüfung gehört es in der Regel, daß der Fragende kein wirkliches Informationsbedürfnis - außer natürlich über die Leistungsfähigkeit des Befragten! - hat und daß der Befragte das weiß und berücksichtigen muß.) Wirklich gelernt wurde ein Verhalten, bei dem Plastikteile manipuliert und zugeordnet wurden; der „Symbolcharakter“ ist Sache der Interpretation, ebenso die Aussage, daß die Tiere etwas als etwas „bezeichneten“. Da die Tiere keine Sprache beherrschten, in der man sie hätte befragen können, was sie meinten, läßt sich kaum verstehen, was bezeichnen in diesem Zusammenhang überhaupt bedeutet. Wie fragt man ein Tier „nach der Form“ und „nach der Farbe“? Wenn man sich klarmacht, wie diese Abstrakta in denjenigen Menschensprachen funktionieren, in denen sie überhaupt vorkommen, gerät man in zunehmende Zweifel über den Wert solcher Experimente.
Norbert Bischof und Doris Bischof-Köhler schreiben Schimpansen im Anschluß an Premack die Fähigkeit zu, „Eigenschaften von Dingen so zu behandeln, als ob sie selbst Dinge wären und als solche ihrerseits Eigenschaften hätten.“ (Bischof, Norbert (1987): „Zur Stammesgeschichte der menschlichen Kognition“. Schweiz. Zeitschrift für Psychologie 46, S. 84)
Aber das sind nur Deutungen der Wortarten, die Premack in seine Versuche mit den Plastikkärtchen hineingelegt hat. Es gibt keinen unabhängigen Beweis dafür, daß die Tiere „Eigenschaften wie Dinge behandeln“. Stillschweigend wird unterstellt, daß die Menschen „Eigenschaften wie Dinge behandeln“. Aber auch das trifft nicht zu, es ist nur eine philosophische Ausdeutung gewisser substantivischer Redetechniken. Es gibt nicht einmal einen Beweis dafür, daß Affen etwas haben, was man unserem Begriff eines „Gegenstandes“ gleichsetzen dürfte.
Auch die Berichte über Versuche mit der Gehörlosen-Zeichensprache für Affen sind gewöhnlich äußerst ungenau und im einzelnen unglaubwürdig:
„Wenn Washoe z.B. an einer bestimmten Tür das Zeichen für 'öffnen' lernt und dann dieses Zeichen sofort, ohne weiteres Training, auf eine verschlossene Aktenmappe, einen Wasserhahn und eine noch nicht geöffnete Coca-Cola-Flasche anwendet, dann kann dies als Hinweis darauf verstanden werden, daß auch beim Tier ein nichtsprachliches allgemeines Schema schon vorhanden ist, an welches dann eine sprachliche Bezeichnung 'angehängt' wird.“
So referiert Hans Hörmann (Psychologie der Sprache. Berlin 1977, S. 19) Dieselbe Geschichte wird auch bei Herrmann/Grabowski [1994:19] erzählt, dazu noch abenteuerlichere Episoden aus populärwissenschaftlichen Schriften des Journalisten Dieter E. Zimmer. In diesen Dingen herrscht weithin eine atemberaubende Leichtgläubigkeit.
Die offenbar unbemerkt gebliebene Ähnlichkeit mit menschlichen Kategorien spricht geradezu gegen die vorgelegte Deutung des Experiments. Warum sollte der Affe ausgerechnet der semantischen Entwicklung des Englischen (oder Deutschen) folgen? Die verschiedenen Handlungen, die wir im Deutschen als Öffnen bezeichnen, sind motorisch, perzeptuell und funktional sehr verschieden.(Ich konnte beobachten, daß ein zweijähriges Kind für das Öffnen einer Tür und das Öffnen einer Flasche spontan nicht dasselbe Wort verwendete. Das beweist natürlich auch nichts, entspricht aber eher der Erwartung.) Andere Sprachen folgen anderen Linien. Schon die Aktanten der Öffnungshandlung sind falsch analogisiert: Der Flasche entspricht ja nicht die Tür, sondern das Zimmer. - Wahrscheinlich tut der Affe mit den Gegenständen, zu deren Manipulation er aufgefordert wird, das, was vom gelernten Verhaltensduktus her am normalsten ist. Eine geschlossene Tür kann man praktisch nur öffnen, ebenso einen geschlossenen Wasserhahn. Ein Radio würde er – entsprechende Lernvorgänge vorausgesetzt – wahrscheinlich anstellen, obwohl man das im Deutschen nicht öffnen nennt (wohl aber im Türkischen: acmak). Das Zeichen, das der Mensch mit der Bedeutung öffnen versehen hat, kann also für das Tier, kurz gesagt, 'in charakteristischer Weise manipulieren' bedeuten – zumal bei einem „Wortschatz“ (Zeichenrepertoire) von allenfalls wenigen Dutzend Einheiten, die schon deshalb nur sehr globale Signale sein können. Die experimentelle Untersuchung leistet zu wenig, um eine solche Interpretation auszuschließen.
Bekanntlich sind Affen auch schon darin trainiert worden, statt unmittelbarer Bekräftigungsmittel zunächst Spielmarken zu „erwerben“, mit denen sie dann aus einem „Schimpomaten“ Nüsse oder andere Belohnungen ziehen konnten. Die Spielmarken sollen nach Ansicht der Versuchsleiter etwas „repräsentieren“ und damit Symbolcharakter haben. Zeichentheoretisch trifft das nicht zu, es sind weiterhin Instrumente wie Schlüssel u. ä. Eine Semantisierung durch den Empfänger, Grundlage aller echten Zeichen, hat nicht stattgefunden.
Wenn ein Affe Fragen stellen könnte, müßte er beliebig viele Fragen stellen können und nicht nur immer dieselben. Premacks Fragen an den Affen wurden durch das Verschieben bunter Plastikkärtchen gestellt – warum sollte man das als „Fragen“ auffassen? Im Grunde handelt es sich um ein Kartenlegespiel, dem der Versuchsleiter sprachliche Deutungen unterlegt hat. Da notwendigerweise ein gewisser Prozentsatz interpretierbarer Ergebnisse herauskam, konnte dies eine Weile funktionieren. Um Premacks und andere Affenversuche ist es inzwischen recht still geworden, es scheint nicht viel dabei herausgekommen zu sein.

Es wird gewöhnlich übersehen, daß alle Tiere bereits ein Kommunikationssystem haben, das ihren Zwecken vollkommen genügt, d. h. evolutionär in ihre gesamte Lebensweise eingepaßt ist. Der Erwerb einer neuen Kommunikationsweise, die dem Leben einer anderen Art, nämlich des Menschen angepaßt ist, bringt dem Affen zunächst einmal gar nichts und paßt nicht mit dem angestammten Repertoire zusammen.
Derselbe Gesichtspunkt muß auch auf die ersten Sprachversuche des Menschen angewandt werden. Die „Entdeckung“ eines Zweiklassensystems von Zeichen, also der Möglichkeit, immer neue Sätze zu bilden, könnte zu einer Fulguration, könnte aber auch zu hunderttausend Jahren einer ganz langsamen Freisetzung der neuen Möglichkeiten geführt haben. Auch diese Frühmenschen hatten ja längst eine Art, sich zu verständigen, und haben höchstwahrscheinlich keinen Mangel empfunden. Hinzu kommt wahrscheinlich, daß die menschliche Stimme mit allerlei magischen Vorstellungen belegt war, daß die Heraufbeschwörung eines Objekts durch Aussprechen seines Namens ein magischer Akt und mit Tabu belegt war, daß das Rederecht ungleich verteilt war und Abweichler bestraft wurden usw. Die Willkürlichkeit der Namen, ihre rein instrumentelle Nützlichkeit, war bestimmt nicht etablierte Sprachaufassung. Ein solch rationales Verhälntis zur Sprache ist durchaus modern und selbst heute noch nicht allgemein durchgesetzt.
Heinz Werner weist darauf hin, daß Intelligenzprüfungen an Tieren durchweg nach menschlichen Fähigkeiten fragen und daher unangemessen sind. Ebenso Tests mit Kindern und Naturvölkern (S. 17). Die Intelligenz eines Affen besteht darin, sich wie ein Affe zu verhalten.
Skinner erinnert zusätzlich daran, daß schon bei Köhler nicht berichtet wird, was die Affen vorher alles gelernt hatten. Die Konditionierungsgeschichte ist unbekannt, daher sind die Versuche kaum interpretierbar.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 03.11.2007 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10589

Warum sollten Menschenaffen uns etwas Interessantes mitteilen wollen? Die Menschen, mit denen sie zu tun haben, sagen ihnen schließlich auch nur Sachen wie „Stell die Cola in den Kühlschrank, Kanzi“. Ist das etwa interessant?
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 03.11.2007 um 14.34 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10588

Wenn bis heute in linguistischen Wörterbüchern unreflektiert und widerspruchslos Martinets Phonemdefinition als kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit nachgebetet wird, wundert es nicht, daß die Autoren dieser Einführung Graphemen dieselbe Eigenschaft unterstellen. Als Adepten können sie nicht wissen, daß die Zeichenhaftigkeit der Sprache nicht bei den Lauten (als Zeichenelementen) beginnt.
Da die Autoren Bußmann und Glück als Quellen anführen, wird das den Leser vermuten lassen, unsinnige Volksetymologien wie „griech. syn = zusammen, kretismos = Lug und Trug (nach Art der Kreter)“ würden sich in diesen Wörterbüchern finden. Statt "kretismos" anzugeben, hätten die Autoren auch direkt mit frz. cretin einen Kurzschluß erzielen können.
An der Umschreibung der Periphrase mit periphrasso `ringsum einschließen´, an wilden (Silben!-)Trennungen in Gräzismen usw. wird deutlich, daß die Autoren mit Griechisch und Latein bisher keinen Kontakt hatten, mit "traditioneller" Grammatik offenbar auch nicht.
Dafür dünkt sie, daß Gehirn-Areale mit säuberlich getrennten Informationen über Menschen, Tiere und Werkzeuge linguistische Relevanz haben. Abgesehen davon, daß die für die "gefundenen" Areale angenommenen "Kategorien" weder ontologisch noch kognitive halbwegs konsistent sind. Verbildlichungen sind didaktisch immer gut, besonders im Rahmen von "spielend lernen", denn sie erlauben, auch Hinein- oder Herausinterpretiertem den Anschein von empirisch Gegebenem zu verleihen.
 
 

Kommentar von David Konietzko, verfaßt am 03.11.2007 um 14.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10587

Unter http://www.buecherquelle.com/paulh/prinzip/paulinha.htm kann man Hermann Pauls "Prinzipien der Sprachgeschichte" lesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2007 um 07.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10581

Zu Busch/Stenschke: Inzwischen glaube ich, daß der fabelhafte Hirnschnitt mit seinen Zentren für die Speicherung von Werkzeugen, Tieren usw. einfach aus Wikipedia übernommen ist (dort "Mentales Lexikon").

Heute melden die Zeitungen, daß Washoe gestorben ist, und natürlich titeln sie vom "sprechenden Affen" usw. Manche erwähnen immerhin, daß Pinker und andere Beobachter Zweifel hatten. Aber die Menschen sind leichtgläubig. Sogar Pepperbergs Graupapagei wird wieder erwähnt, der auch kürzlich verstorben ist. Die Geschichten über seine Sprachfähigkeit erledigen sich eigentlich von selbst, wenn man sie bloß anhört. Der Gipfel der Leichtgläubigkeit war für mich immer unser alter Freund Dieter E. Zimmer.

Das Problem mit den Versuchen, Tieren eine Sprache beizubringen, scheint darin zu bestehen, daß sie mit solchen Sprachen nichts anfangen können. Ihre Verhaltensweisen sind so perfekt auf ihre natürlich und soziale Umgebung abgestimmt, daß einfach kein Platz für ein zusätzliches Kommunikationsmittel bleibt. (Der Gedanke ist nicht von mir, aber trotzdem gut. Ich glaube, Wittgenstein hat mit seinem "Löwen" etwas ähnliches gemeint.)

Je mehr "Wörter" (wie man es irrigerweise nennt) ein Affe beherrscht, desto mehr Raum bleibt für wohlwollende Interpretation durch den Versuchsleiter. Ein Schimpanse, der nur fünf "Wörter" beherrscht, kann damit sozusagen gar nichts Sinnloses sagen, denn es finden sich immer Möglichkeiten, jeder beliebigen Kombination einen Sinn zu unterlegen. Das geschieht in den bekannten Berichten Premacks usw. Nur wenigen ist aufgefallen, daß Washoe mit angeblich 250 Wörtern uns ganz und gar nichts Interessantes mitgeteilt hat. Nun ist sie tot, aber still geworden war es schon lange um sie. Mit Recht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2007 um 07.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10580

Ja, es ist gar nicht einfach, ein gutes Einführungsbuch zu empfehlen. Es müßte ein Buch sein, das die Sprachwissenschaft nicht in Chomsky gipfeln läßt. Es müßte interessante Tatsachen mitteilen und nicht die Methodenreflexion in den Mittelpunkt stellen. Es müßte daher von gestandenen und erfolgreichen Sprachwissenschaftlern verfaßt sein und nicht von frischgebackenen Linguisten, die das, was sie gerade selbst erst gelernt haben und in Grundkursen weitergeben, praktischerweise zu einem Buch verarbeiten. Mir fallen dazu nur ältere Werke ein, sogar sehr alte. Leicht und angenehm lesbar ist Walter Porzigs "Wunder der Sprache". Ein Klassiker ist Otto Jespersens "Language" (auch auf deutsch, 1925). Unübertrefflich Hermann Pauls "Prinzipien der Sprachgeschichte" (bis auf den überholten Methodenstreit am Anfang), immer wieder nachgedruckt, aber wen kriegt man schon dazu, dies zu lesen? Ich glaube nicht, daß ich in Jahrzehnten auch nur einen einzigen Studenten dazu habe anregen können. Die jungen Leute glauben mir einfach nicht, daß man ein so betagtes Buch heute noch mit Gewinn lesen könnte. Sie glauben ja auch nicht, daß das 19. und nicht das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Sprachwissenschaft gewesen ist.
Schon mindestens fünfmal habe ich Jacob Wackernagels "Vorlesungen über Syntax" gelesen, aber ich kann mir nicht erlauben, sie zu empfehlen, weil diese Vorlesungen "für Hörer aller Fakultäten", ein Wunder an Verständlichkeit und Gelehrsamkeit, Latein und vor allem Griechisch voraussetzen.
Die Klassiker der (strukturalistischen) Moderne wie Bloomfield, Hockett usw. erwähne ich hier nicht, weil sie schon ziemlich anspruchsvoll sind.
Man sieht schon, daß ich eine gewisse Vorliebe für inhaltlich angereicherte Bücher habe und mich gern der Stoffhuberei bezichtigen lasse. Aus meiner Unterrichtstätigkeit ist mir nur zu vertraut, daß es einfach an Kenntnissen der Materie fehlt. Das gilt auch für die Verfasser neuerer Einführungen, deshalb reden sie ja soviel über "Methoden" und "Modelle". Man kaut heftig, hat aber nichts zu beißen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.11.2007 um 10.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10573

Schlimmer als fehlerhafte Fachbücher sind die Folgewirkungen, falls die Fehler in Vorlesungs- und gar Prüfungsstoff einfließen und sie dort als "Wahrheit" verkauft werden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.11.2007 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10572

Mir geht es genauso, habe weder Germanistik studiert noch gehöre ich zu den "Nachwuchsgermanisten", trotzdem interessiert mich alles zu diesem Thema sehr. Wenn ich aber diese und frühere Rezensionen von Prof. Ickler lese, dann weiß ich gar nicht, welche linguistischen Fachbücher bzw. Autoren man überhaupt noch guten Gewissens lesen kann. Gibt es irgendwo eine Liste mit Büchern, die Prof. Ickler seinen Studenten empfiehlt?
 
 

Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 02.11.2007 um 09.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=914#10570

Als Nicht-Germanist fehlt mir natürlich weitestgehend die fachliche Kompetenz, die von Professor Ickler angeführten Monita eigenständig zu bewerten.
Es erscheint mir aber unzweifelhaft (dies auch auf der Basis jahrelanger Kenntnis von Icklers Sorgfalt), daß er in einem neuen Lehrbuch, das Germanistik-Studenten dienen soll, zahlreiche Schnitzer und Unstimmigkeiten nachgewiesen hat (was in anderen Worten heißt, daß die Autoren ihr Sujet nicht beherrschen).
Die besseren unter den Studienanfängern werden das vielleicht bemerken, die meisten werden es wohl so zu lernen versuchen, "wie es geschrieben steht".
Weil die Leser von "Schrift und Rede" vielleicht öfter mit Germanistik-Studenten (oder solchen, die das erst werden wollen) zu tun bekommen als der Bevölkerungsdurchschnitt, wäre es vielleicht hilfreich, an das Ende solcher Rezensionen noch eine Gesamtbewertung zu stellen, etwa in der Art: Zwar hat ist das vorliegende Werk aktualisiert in Blick auf X und Y, aber das ist nur unvollkommen geglückt. Das durch und durch solide Standardwerk von Egidius Niedermeyer zum Thema ist nach wie vor die deutlich bessere Wahl.

Vielleicht könnte man so die Weiterverbreitung von Fehlern etwas besser eindämmen.
 
 

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