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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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11.09.2007
 

Unverstandene Orthographie
K 58 und K 59 im Duden 2004

Bei Blättern im Duden von 2004 fand ich eine aufschlußreiche Stelle.

K 58
Partizipien richten sich nach den zugrunde liegenden Verbindungen mit Verben. Hier ist jedoch neben der Getrenntschreibung auch die Zusammenschreibung zulässig <§36 (3) u. E1, E2>.
teilnehmend (wegen: teilnehmen)
irregeleitet (wegen: irreleiten)
allein stehend (auch: alleinstehend)
verloren gegangen (auch: verlorengegangen)
Eisen verarbeitend (auch: eisenverarbeitend)
Erdöl fördernd (auch: erdölfördernd)

Dasselbe gilt für die entsprechenden Substantivierungen.
die allein Stehenden (auch: die Alleinstehenden)

K 59
Zusammensetzungen mit einem Substantiv als erstem Bestandteil sind oft Verkürzungen von Wortgruppen. Es wird dabei ein Artikel oder eine Präposition (ein Verhältniswort) eingespart <§36 (1)>.
mondbeschienen (= vom Mond beschienen)
sagenumwoben (= von Sagen umwoben)
herzerquickend (= das Herz erquickend)
meterhoch (= einen/mehrere Meter hoch)

Je nach dem Zusammenhang können Wortgruppen oder Zusammensetzungen vorliegen.
eine [großen] Gewinn bringende Investition
eine [äußerst] gewinnbringende Investition


© Duden - Die deutsche Rechtschreibung, 23. Aufl. Mannheim 2004 [CD-ROM]



Wenn man die Sache genauer durchdenkt, wird man zu der Einsicht kommen, daß der letzte Absatz (über die Wortgruppen) unter K 58 gehört und daß die Dudenredaktion die (allerdings ohnehin fragwürdige) Logik der ganzen Regelung offenbar nicht verstanden hat.



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Kommentare zu »Unverstandene Orthographie«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2018 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#39536

Die FAZ vom 12.9.18 gibt eine dpa-Meldung über die wachsende Zahl der „Hunger Leidenden“ wieder und dekliniert diesen Ausdruck durch.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 09.08.2009 um 19.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#14905

Der letzte Zweifelsfälle-Duden, der vor der Reform erschienen ist (Richtiges und gutes Deutsch, 3. Auflage, 1985) schreibt unter dem Stichwort »am/beim/im + Infinitiv + sein«:

In Verbindung mit sein und einem substantivierten Infinitiv bilden am, beim und im die sog. Verlaufsform, die einen Vorgang oder Zustand ohne zeitliche Begrenzung erscheinen läßt („dabeisein, etwas zu tun“). Nur beim und im sind in dieser Verwendung standardsprachlich: beim Arbeiten, Schreiben, Gemüseputzen sein, beim/im Weggehen sein; das Fieber ist im Abklingen. Dagegen gehört die Verlaufsform mit am der landschaftlichen Umgangssprache (v.a. im Rheinland und in Westfalen) an: am Arbeiten, am Weggehen sein; das Feuer ist am Ausgehen.

Die entsprechende Regel im Rechtschreibduden von 1991 war R 68.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 09.08.2009 um 18.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#14904

Lieber Herr Herter,
ich bin mir nicht sicher, ob nur die "Gallmänner" das so formalgrammatisch sehen würden.
Mein alter Duden schreibt vor, daß "es ist zum Schießen (ugs. für: es ist zum Lachen)" zu schreiben sei. Das kommt mir semantisch genauso unsinnig vor wie "er ist auf die Rente am Warten".
Ich weiß nicht, ob der alte Duden sich jemals zur Schreibung der rheinischen Verlaufsform geäußert hat.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.08.2009 um 10.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#14903

Neologismen sind meist älter, als man denkt. Ruhrpott läßt sich schon im Spiegel vom 24. 11. 1949 nachweisen. Am 28. 10. 1974 schaffte es das Ungetüm sogar in einen Artikeltitel (»Hier entsteht ein neuer Ruhrpott«). Aber die Verwendung dürfte tatsächlich in dem Maße zugenommen haben, wie im Ruhrgebiet die Kohleförderung abnahm.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 09.08.2009 um 09.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#14902

Möglicherweise hat die Verdrängung des Wortes Kohlenpott auch etwas mit dem vielbeschworenen »Strukturwandel« zu tun. Und vielleicht haben ja Marketingstrategen, die emsig am neuen Image des Ruhrgebiets feilen, dabei sogar etwas nachgeholfen.

Im Rechtschreibduden ist das Wort Ruhrpott seit der 23. Auflage (2004) verzeichnet.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 09.08.2009 um 08.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#14901

Vielen Dank, Herr Markner, für Ihren Einwurf! Endlich sagt das mal jemand. Seit Jahren suche ich Bundesgenossen für diesen Standpunkt, finde aber keine, weil sich »Ruhrpott« inzwischen doch sehr stark durchgesetzt hat (daher ja auch Ihr »eigentlich«). Da ich selbst teilweise im Kohlenpott aufgewachsen bin, hat mich der »Ruhrpott« immer gestört. Ich meine auch, daß dieses Wort erst relativ spät, in den achtziger und neunziger Jahren, aufkam. Weiß jemand Näheres darüber?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.08.2009 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#14900

Eigentlich muß es Ruhrgebiet, aber Kohlenpott heißen – Ruhrpott ist eine Schöpfung von der Qualität des nichtsdestotrotz.
 
 

Kommentar von Roger Herter, verfaßt am 09.08.2009 um 06.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#14899

Ja, die fraglichen Zitate sind richtig, d.h. sie entsprechen dem Gebrauch bei geübten Schreibern des Ruhrpottdeutschen. Es gibt an der Grammtik dieser Umgangssprache auch nichts zu bemäkeln oder zu korrigieren. Sie weist nur eine Eigenheit auf, eine Ausdrucksmöglichkeit, die der Standardsprache fehlt: die Verlaufsform des Verbs. (Die ebenso eindeutig funktioniert wie die mit der Endung -ing gebildete im Englischen.)

Mensch, mach mich nich dat Hemd am flattern. (Jag mir keine Angst ein.)
Oder: Und bisse jetz immer noch auffe Rente am waaten?

Eine Handlung, die andauert (andauern soll, angedauert hat), wird also mit "am" vor Infinitiv ausgedrückt. Glücklicherweise gibt's das (leider) nicht im Hochdeutschen – die Gallmänner hätten die Kleinschreibung zweifellos stur formalgrammatisch für falsch erklärt und hier die m.E. semantisch ganz unsinnige Substantivierung verordnet –.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.10.2007 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#10440

Ich habe eine Frage: Vorausgesetzt, die Rechtschreibregeln gelten auch für schriftliche Zitate der mündlichen Umgangssprache, sind dann die folgenden Zitate der "Ruhrpottsprache" in der Südd. Zeitg. vom 17.10.07 richtig geschrieben: "am kochen fangen", "am husten anfangen", am klappen kommen"? Falls mit "am" ein substantivierter Infinitiv eingeleitet wird, wäre der Infinitiv groß zu schreiben; falls das "am" für "zu" steht, wäre er kleinzuschreiben. Grammatikfehler darf man wohl der zitierten Umgangssprache nicht anstreichen oder gar korrigieren, weil sie dann nicht mehr original wäre.
 
 

Kommentar von Peter Maler, verfaßt am 13.09.2007 um 22.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#10188

Dazu paßt sehr schön, daß Frau von der Leyen gerade "Gewalt beherrschte Spiele" verbieten will. Abgesehen davon, daß das vermutlich auch nach neuer Rechtschreibung falsch ist, erwarte ich von einer 1er-Abiturientin mit 2 Studienabschlüssen und Doktor doch irgendwie mehr Sprachgefühl.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 12.09.2007 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#10179

Frau Pfeiffer-Stolz: "Sind nicht alles Elend und alle menschliche Not allein durch Dummheit angerichtet worden vom Schlag der Menschen, die bedenkenlos "allein Stehende" mit Alleinstehenden gleichsetzen?"

Oder die die Anbaubedingungen im tibetischen Hochland mit denen im chinesischen Kernland gleichsetzen:

"Bestimmte Anbaumethoden ... wurden den Bauern aufgezwungen und erwiesen sich bei den Bauern als verheerend: Mao hatte verkündet, 'in Gesellschaft wächst das Getreide besser' – eine kreative Übertragung des Grundsatzes der Klassensolidarität auf die Natur –, und so wurde der Samen außerordentlich dicht ausgebracht (fünf- bis sechsmal so dicht wie üblich). Die jungen Pflanzen verdrängten sich gegenseitig, das tiefe Pflügen trocknete die Erde aus oder ließ Salz aufsteigen, Weizen und Mais vertrugen sich überhaupt nicht auf demselben Feld, und daß auf den rauhen Hochebenen Tibets an Stelle der traditionellen Gerste Weizen gesät wurde, endete schlichtweg in einer Katastrophe." (Schwarzbuch des Kommunismus, 4.Auflage, München 1998, S. 541)

Blödsinn begehen ist eine Sache, selbigen mit Zähnen und Klauen verteidigen eine andere. Letzeres zelebrieren vor allem diejenigen, die für ihr Handeln keine Verantwortung tragen müssen. Kommunistische Funktionäre. Demokratische Parlamentarier.
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 11.09.2007 um 16.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#10174

Lieber Germanist, wozu brauchen wir denn Sprachverständnis und Sprachgefühl? Das nimmt uns doch alles das kluge Korrekturprogramm ab!
In dem von Herrn Salzburg zitierten Gerichtsbeschluß ist es doch schon angedeutet, daß nach Meinung der Richter in Zukunft eigenes Denken unnötig ist, denn da steht ja, im Berufsleben, wo mit Computern gearbeitet werde, seien überwiegend Programme mit Reformschreibung installiert. Ein bemerkenswertes Argument.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.09.2007 um 15.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#10173

Von einem einzelnen, allein stehenden Baum wird niemand behaupten, er ist allein stehend. Das hört sich einfach komisch an. Man sagt statt dessen, er steht allein.

Dagegen sagt man über eine unverheiratete Person nicht, sie steht allein, was wiederum komisch klingt, sondern man sagt, sie ist alleinstehend. Das ist hier stilistisch in Ordnung, weil man schon vom Gefühl her, auch beim Sprechen, alleinstehend als ein einziges Wort betrachtet.
 
 

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 11.09.2007 um 13.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#10169

Und auch die armen Lehrer. Denn was soll ein solcher Mensch mit einem (möglicherweise doch noch existenten) intelligenten Schüler tun, der diesen Unsinn durchschaut und mal feststellt, daß es sich doch gar nicht um gleichbedeutende Varianten handeln kann? Welches Argument hat ein solcher Lehrer?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.09.2007 um 12.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#10168

Die armen Kinder: Es ist schlimmer als eine Lachnummer, sondern unverantwortlich gegenüber den Schülern, zu behaupten, "allein stehend" sei nur eine Schreibvariante zu "alleinstehend". Das mag attributiv vielleicht gerade noch gehen, prädikativ ist "sie ist alleinstehend" erlaubt, aber "sie ist allein stehend" ein Grammatikfehler; substantiviert wird der Bedeutungsunterschied voll sichtbar: "die allein Stehenden" # "die Alleinstehenden". Bedeutungsunterschiede als Schreibvarianten zu verschleiern ist unverantwortlich und gehört angeprangert. Sind die Dudenleute dumm oder bösartig? Es ist ein Skandal, daß so etwas von den Schulbehörden ignoriert wird. Anscheinend ist zu genaues Sprachverständnis seit der Reform unerwünscht.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 11.09.2007 um 11.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=890#10165

"die allein Stehenden (auch: die Alleinstehenden)"

Der Duden als Lachnummer. Selten ist gegen die Prinzipien einer gewachsenen Struktur so bedenkenlos vorgegangen worden. Man möchte von Frevel sprechen. Doch ist es nicht vielmehr so, daß nur die schiere Dummheit der Multiplikatoren solches hervorbringen kann? Nun lassen wir Dummheit nicht als Entschuldigung gelten für den, welcher sich anmaßt, die Welt verändern zu wollen! Sind nicht alles Elend und alle menschliche Not allein durch Dummheit angerichtet worden vom Schlag der Menschen, die bedenkenlos "allein Stehende" mit Alleinstehenden gleichsetzen?

Aufklärungsarbeit ist mühsam, von kaum sichtbarem Erfolg begleitet, und doch nötiger denn je. Sachrichtigkeit läßt zwar vorübergehend mit Gewalt beseitigen, doch nicht auf lange Sicht. Man braucht einen langen Atem.
 
 

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