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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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16.05.2005
 

GKS-Revision
Entwurf einer Vorlage für künftige Beratungen

Worauf ist bei der Revision der reformierten Groß- und Kleinschreibung zu achten? (Neufassung 21.5.2005)

Die Großschreibung hat sich von Luther bis Gottsched zunächst zur Substantivgroßschreibung (also zur Auszeichnung einer Wortart) entwickelt und ist im Laufe der letzten Jahrhunderte zu einer textsemantischen Profilgebung weitergebildet worden: Die sinntragenden Einheiten sind durch große Anfangsbuchstaben visuell auffällig gemacht, das bloße adverbiale und pronominale (also vor allem textverweisende) Beiwerk ist durch Kleinschreibung in den Hintergrund gedrängt worden. Die Neuregelung stemmt sich gegen diese Entwicklung, indem sie Kleinschreibung bei Nominationsstereotypen (erste Hilfe) und Großschreibung bei Adverbialien und Pronomina (im Allgemeinen, des Öfteren, bei Weitem; Folgendes, Letzterer, oder Ähnliches [o. Ä.]) durchzusetzen bzw. wiedereinzuführen versucht. Beides war schon im 19. Jahrhundert bereinigt worden, die Reform ist daher in hohem Maße rückwärtsgewandt. (Einzelheiten in Karin Rädle: Groß- und Kleinschreibung des Deutschen im 19. Jahrhundert, Heidelberg 2003)

Im einzelnen ergeben sich folgende Forderungen (Paragraphen nach der Neuregelung von 1996):

§ 55 (3) Die Regel, daß substantivische Bestandteile im Inneren fremdsprachiger Fügungen groß geschrieben werden sollen, stellt viel höhere Anforderungen an den Schreibenden, als sie z. B. bei der Silbentrennung vorausgesetzt werden. Er muß ja die Wortart in der Fremdsprache kennen: Herpes Zoster, Dativus Commodi, Primus inter Pares, L'Art pour l'Art usw. Außerdem ist es widersprüchlich, fremde Substantive groß, fremde Adjektive aber keineswegs klein zu schreiben; konsequent wäre ultima Ratio, dolce Vita usw. (Ein besonderes Problem werfen neuerdings die französischen Entlehnungen wie Chapeau Claque/claque auf, vgl. die Behandlung in den neuesten Wörterbüchern sowie im dritten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission.) Die Neuregelung ist daher zugunsten der sehr einfachen bisherigen Regelung aufzugeben: das erste Wort groß, alles übrige klein: Ultima ratio, Commedia dell'arte, L'art pour l'art usw. (Da bei englischen Entlehnungen, die im Deutschen – wohl wegen der großen Nähe der beiden Sprachen – eine Sonderstellung haben, bisher schon eine große Unsicherheit herrschte, könnte man die Regel hierauf ausdehnen und verallgemeinern: Centre court, Big band, Hot jazz usw.) Bei Zitatwörtern ist selbstverständlich ebenfalls wie bisher zu verfahren; hier hatte sich ja auch nichts geändert. Die forcierte Zusammenschreibung (Nativespeakerin laut ÖWB) ist hingegen abzulehnen. Munske, Stetter u. a. haben auch auf den Widerspruch hingewiesen, daß die Nominationsstereotype, sobald sie aus Fremdsprachen stammen, groß geschrieben werden sollen: Ultima Ratio, Soft Drink, Black Box usw., vgl. § 55 (3). Warum das für deutsche Konstruktionen derselben Art (erste Hilfe, schwarzes Brett) nicht gelten soll, bleibt unbegreiflich.

§ 55 (4) Die Adjektive freund, feind (todfeind, spinnefeind) müssen wiederhergestellt werden. Hierzu einige Details:

„Spinnefeind nur in jemandem Spinnefeind sein; jemanden überhaupt nicht mögen und sehr böse auf ihn sein“ (Langenscheidt DaF 1999)
„spinnefeind (ugs.); nur in jmdm. spinnefeind sein“ (Duden 2004)

Der Fall zeigt Verirrung und Lernfähigkeit nebeneinander. Augst und Schaeder behaupten, daß der normale Schreiber freund und feind in Wendungen wie Er ist ihm freund usw. als Substantive ansehe. Ich weiß nicht, woher sie das wissen. Außer in der praktizierten Schreibweise kommt die Auffassung des Schreibers ja nirgendwo zum Ausdruck. Ich behaupte jedoch, daß die Konstruktion Er war mir Vater (allgemein: Substantive mit dem Dativus commodi/incommodi) außerordentlich gewählt und archaisch klingt, während in Er war mir freund intuitiv der adjektivische Charakter deutlich erhalten bleibt und die Wendung zwar gehoben, aber nicht archaisch klingt.

Augst und Schaeder dehnen ihre Argumentation auf todfeind aus, schrecken allerdings vor der Anwendung auf spinnefeind zurück, weil es den Spinnefeind nicht gibt. („Das ist in der Tat ärgerlich“, schreiben sie dazu!) Richtiger wäre es, feind, todfeind und spinnefeind gleich zu behandeln: als ein syntaktisch defektives Adjektiv (wie quitt usw.) mit zwei Intensivierungsformen (vgl. todunglücklich nach § 36 [5]). – Man muß auch darauf hinweisen, daß zwischen Adjektiv und Substantiv auch ein Bedeutungsunterschied besteht, für den A&S offenbar keinen Sinn haben: Sie waren einander todfeind bedeutet m. E. nicht dasselbe wie Sie waren Todfeinde. Die beiden Autoren geben schließlich zu, daß spinnefeind auch klein geschrieben werden könne, „da wir prinzipiell an der Großzügigkeit der Regelung festhalten möchten“. Wenn man die Wörterbücher des Jahres 2004 ansieht, stellt man fest, daß die Adjektive freund und feind sowie todfeind getilgt sind. Es gibt nur die gleichlautenden Substantive, im Falle von Todfeind nur das auf der ersten Silbe betonte. Ein unhaltbarer Zustand.

Aus der Geschichte dieser Neuerung ist noch folgendes erwähnenswert. Johann Knobloch, der damals mit Wüsters Großschreibung sympathisierte, meinte:
„Die Regel 'In Zweifelsfällen schreibe man groß' könnte auch für die folgenden Beispiele gelten: Er ist ihm Feind; vgl. Sie war ihm Mutter. Daß es in der Sprachgeschichte ein Adjektiv feind mit dativischem Bezug gegeben hat, braucht uns heute nicht zu veranlassen, die Kleinschreibung beizubehalten. Was der Satz früher in seiner Konstruktion besagte, wird heute anders ausgedrückt: Er ist ihm feindlich gesinnt. Sie sind einander spinnefeind.“ (in Digeser [Hg.] 1974, S. 56)

Warum sollte es die volkstümliche Steigerung spinnefeind noch geben, den Positiv feind aber nicht mehr? Und die Vergleichskonstruktion sie war ihm Mutter ist ebenso archaisch wie die angeblich obsolete adjektivische Wendung selbst.

Die Neuregelung löst das Wort insonderheit auf und stellt eigens zu diesem Zwecke ein reichlich veraltetes Substantiv wieder her: in Sonderheit. Auch dies läuft der Sprachentwicklung entgegen.

§ 55 (6) Die Kleinschreibung der Tageszeiten (heute abend usw.) ist wiederherzustellen. An der zweiten Stelle solcher Verbindungen kann kein Substantiv stehen. „Es handelt sich nicht um eine reguläre Flexionsform von Abend, da sie keinen Kasus aufweist; nominale Lexeme haben sonst nur kasusbestimmte Flexionsformen.“ (P. Gallmann 1991) Es kommt nicht darauf an, ob irgendein Grammatikmodell hier ein „Adverb“ nachweisen kann oder nicht; im Zweifel wird ohnehin klein geschrieben; vgl. schon Wilmanns 1880, S. 159; 1887, S. 187. Auch der Reformer Klaus Heller stellt in einer millionenfach verbreiteten Broschüre fest, daß die Bezeichnung der Tageszeiten hier „nichtsubstantivisch“ gebraucht werde und daher bisher klein geschrieben worden sei. Übrigens hätte nach dem Muster von heute Abend auch Freitag Abend anerkannt werden müssen; die allein reformgemäße Form Freitagabend resultiert aus einem ganz anderen „Programm“ und kommt zusätzlich zustande. - Nachdem die Kritik als Reductio ad absurdum auch morgen Früh für geboten erklärt hatte, nahmen die Reformer dies tatsächlich in die Wörterbücher auf; im revidierten amtlichen Wörterverzeichnis vom November 2004 ist es allerdings nicht enthalten.

§ 56 Die falsche Einstufung einiger Wörter wie leid als ehemalige Substantive ist zu korrigieren. Man kann nicht oft genug an Konrad Dudens klassisch-klare Darlegung erinnern: „Bei Ausdrücken wie leid tun, not tun, weh tun, schuld sein, gram sein; mir ist angst, wol, wehe, not ist von selbst klar, daß das zum einfachen Verbum hinzugetretene Element nicht als Substantivum fungiert; (man erkennt) die nicht substantivische Natur jenes Zusatzes am besten durch Hinzufügung einer nähern Bestimmung. Man sagt er (...) hat ganz recht, hat vollständig unrecht u. dgl. Die Anwendung von Adverbien, nicht von Adjektiven, zeigt, daß man einen verbalen Ausdruck, nicht ein Verb mit einem substantivischen Objekt vor sich hat.“ (Die Zukunftsorthographie ... Leipzig 1876, S. 70)

Petra Ewald, eine Schülerin des führenden Reformers Dieter Nerius, gibt zu, daß bei Leid tun, Schuld haben, morgen Abend keine Substantive vorliegen, und findet die Ausdehnung des Majuskelgebrauchs auf Nichtsubstantive „aus linguistischer Sicht problematisch“. (In: Gisela Schmirber, Hg.: Sprache im Gespräch. Hanns-Seidel-Stiftung 1997, S. 193) Die falsche Herleitung wird noch in der Beschlußvorlage für die vierte Sitzung des Rates wiederholt.

Grammatisch falsch sind auch Pleite gehen, Bankrott gehen, Diät leben (im Duden-Fremdwörterbuch 2005 ist erstmals wieder das Adjektiv bzw. Adverb diät aufzufinden). Es schmerzt, selbst in seriösen Büchern heute so etwas lesen zu müssen: Nachdem der Humboldt-Verlag Bankrott gegangen war ... (Hubertus Knabe: Der diskrete Charme der DDR. Berlin, München 2001, S. 296) Bei va banque handelt es sich um ein Adverb und nicht um die Bezeichnung eines Spiels, weshalb Vabanque spielen verfehlt ist.

§ 57 ist im Sinne von H. H. Munskes ausführlich begründeter Darstellung zu korrigieren:
•Kleinschreibung gilt in weitem Umfang für pronominal gebrauchte „Substantivierungen“ wie das gleiche, jeder einzelne, der erste, der letztere usw.
•Ebenso ist die eingebürgerte Kleinschreibung bei phraseologisch gebrauchten „Substantivierungen“ anzuerkennen: im allgemeinen, im voraus, des öfteren usw. Großschreibung ist hier – besonders bei Hervorhebung der lexikalischen Bedeutung – nicht falsch, aber längst unüblich geworden. Die ausschließliche Zulassung der Großschreibung läuft der modernen Sprachentwicklung entgegen. „(Die Neuregelung) schlägt damit orthographiegeschichtlich einen völlig anderen Weg ein als den, der in der Entwicklung der Groß- und Kleinschreibung bis zu diesem Zeitpunkt beschritten wurde.“ (Rädle) Auch Hugo Moser wies gegen Eugen Wüster schon früh darauf hin, „daß die Vorschläge, die auf eine Vermehrung der Majuskel hinausgehen, rückwärts gerichtet sind und einer deutlichen Tendenz der deutschen Rechtschreibung zur Minuskel widersprechen.“ (1963, S. 73) Unter den Reformern, allesamt Vertreter der „gemäßigten Kleinschreibung“, galt dies eigentlich als ausgemachte Sache. Gerhard Augst schrieb schon 1974: „Ein anderer Versuch von Erich (sic) Wüster lief darauf hinaus, durch vermehrte Großschreibung eine weniger problematische und einsichtigere Grenzziehung zwischen Groß- und Kleinschreibung zu erreichen. Eine seiner Regeln lautete: entweder groß und auseinander oder klein und zusammen. Hugo Moser hat jedoch in einer umfangreichen Studie – wiederum mit großen Wortlisten – nachgewiesen, daß auch diese Grenzziehung Ungereimtheiten in Kauf nehmen muß, daß eine Grenzziehung grundsätzlich nicht möglich, da die Wortart ´Hauptwort´ nicht zu fixieren ist.“ (Rechtschreibung mangelhaft? Heidelberg 1974, S. 44) Dennoch ist ausgerechnet dieses Wüstersche Regel zur unausgesprochenen Grundlage der Neuregelung geworden, vgl. meinen Beitrag „Die verborgenen Regeln“ (in Eroms/Munske 1997).

Aufschlußreich ist hier ein Rückblick auf die Anfänge der gegenwärtigen Reform:
Am 18. 6. 1982 verabschiedeten die Rechtschreibkommissionen der vier deutschsprachigen Staaten in Wien einen gemeinsamen Vorschlag zur Neuregelung der Groß- und Kleinschreibung. Er sah die Einführung der „gemäßigen Kleinschreibung“ vor. Hermann Zabel, einer der drei westdeutschen Vertreter (neben Augst und Mentrup), schrieb darüber:

„Das regelwerk stützt sich auf umfangreiche wissenschaftliche begleituntersuchungen und zieht die aus den wissenschaftlichen erkenntnissen ableitbaren konsequenzen. Insofern nahmen die in Wien versammelten experten mit erstaunen den bericht des als beobachter anwesenden dr. h. c. Otto Nüßler (Wiesbaden) zur kenntnis. Nach darstellung des geschäftsführers der Gesellschaft für deutsche Sprache bemüht sich diese um einen regelvorschlag auf der basis einer modifizierten großschreibung, in dessen zentrum die sogenannte artikelprobe und eine eigennamendefinition stehen sollen. Offenbar ist die GfdS nicht bereit, die einschlägigen wissenschaftlichen untersuchungen der letzten jahrzehnte zur kenntnis zu nehmen, die den von der rechtschreibkommission der GfdS eingeschlagenen weg als irrweg erweisen.“ (tribüne 92, H. 3/1982, S. 40)

Wenige Jahre später gingen Zabel und die anderen Rechtschreibreformer selbst genau diesen „Irrweg“ und priesen ihn als bahnbrechende Großtat. Die „wissenschaftlichen Untersuchungen“ spielten keine Rolle mehr.

Im Zuge der Revision 2004 haben die Kultusminister schließlich dem Drängen Peter Gallmanns nachgegeben, der in den zwar flektierten, aber artikellosen Substantivierungen bei weitem usw. Ausnahmen sah, die „ausgesprochen schlecht in die Systematizität der Neuregelung“ passen. Kommissions- und Ratsmitglied Richard Schrodt hat wiederholt behauptet: „Präpositionen stehen eigentlich, wenn man diese Wortart universalgrammatisch fasst, immer nur vor Substantiven. Andere Wortarten werden substantiviert und müssten demgemäß auch groß geschrieben werden (zwischen Heute und Morgen, von Früh bis Spät).“ (informationen zur deutschdidaktik 1997/3) Das zeigt, wohin die Reise gehen könnte: von Hier bis Dort, ab Heute usw.

Auch Gallmann strebt eigentlich, wie aus seiner jüngsten Stellungnahme hervorgeht, weiterhin die „gemäßigte Kleinschreibung“ an, die angesichts der bis ins Absurde übersteigerten Großschreibung tatsächlich als einziger Ausweg aus dem angerichteten Durcheinander erscheinen könnte. Andererseits war eine stärkere Orientierung des Rechtschreibdudens am Schreibbrauch längst fällig; so wurde z. B. um ein Vielfaches fast auschließlich groß geschrieben, der Duden forderte jedoch Kleinschreibung.

§ 62 Die Verknüpfung von Apostroph und Großschreibung (Goethe'sche Gedichte) ist eine unnötige Änderung, die gestrichen werden sollte. Der Apostroph hat andere Aufgaben (wie auch manche unzufriedenen Reformer hervorheben, z.B. Nerius). Die Neuregelung führt dazu, daß z. B. das Ohm'sche Gesetz, aber der Halleysche Komet geschrieben werden soll – eine unerhörte Komplikation.

§ 63 Diese Regel wird der Sprachwirklichkeit noch weniger gerecht als die bisherige Dudenregelung. Es gibt viele „appellativische Nominationsstereotype“, die man gewöhnlich groß schreibt nach dem Muster von Schwarzes Brett. Hier sollte man eine breite Übergangszone anerkennen, die sich nicht abschließend regeln läßt. Unter Sprachkundigen sollte es aber unstrittig sein, daß man nicht schreibt Hier ist erste Hilfe Not – sondern Hier ist Erste Hilfe not.

§ 64: „In manchen Fachsprachen werden Adjektive, die mit dem Substantiv zusammen für eine begriffliche Einheit stehen, großgeschrieben, während andere Fachsprachen die Kleinschreibung bevorzugen, zum Beispiel: Roter Milan, Gelbe Karte, Goldener Schnitt, Kleine Anfrage; eiserne Lunge, grauer Star, seltene Erden

Im nichtfachsprachlichen Zusammenhang ist die Kleinschreibung der Adjektive in solchen Wortgruppen der Normalfall.“

Die 23. Auflage des Duden 2004 führt aus: „In manchen Fachsprachen werden Adjektive üblicherweise großgeschrieben, wenn sie mit dem folgenden Substantiv einen Gesamtbegriff bilden. Außerhalb des fachsprachlichen Gebrauchs ist aber die Kleinschreibung der Adjektive der Regelfall <64 E1>. - das gelbe, auch: Gelbe Trikot - der letzte, auch: Letzte Wille - die neuen, auch: Neuen Medien - die aktuelle, auch: Aktuelle Stunde - die erste, auch: Erste Hilfe

In der Botanik und Zoologie werden die deutschen Bezeichnungen der Arten, Unterarten und Rassen konsequent großgeschrieben.
- Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) - Nordische Wühlmaus (Microtus oeconomus)“

So konsequent nun auch wieder nicht! Laut Duden sollen die Schwarze/Rote Johannisbeere wie bisher groß geschrieben werden, aber im alten Duden waren sie gar nicht erwähnt. Die Weiße J. fehlt weiterhin. Gelbe Rübe wird neuerdings groß geschrieben – das ist aber kein Fachwort der Botanik. Wie bisher wird die bloß beispielhafte Erwähnung von Botanik und Zoologie als exklusiv interpretiert, sicher zu Unrecht.

Insgesamt versuchen die Reformer, wie es sich schon seit Jahren abzeichnete, durch das Hintertürchen der Fachsprachlichkeit die unerwünschten Folgen der forcierten Kleinschreibung von Nominationsstereotypen abzufedern. Jedoch vergeblich, denn das Phänomen wird damit nur unzulänglich erfaßt. Beim Gelben Trikot, den Neuen Medien usw. ist nicht der fachsprachliche Zusammenhang, sondern die Stereotypie des Bezeichneten entscheidend; denn es geht nicht um irgend ein Trikot, das zufällig gelb ist usw.

§ 66 Die neu verordnete Kleinschreibung der Briefanrede (du, ihr) ist ein unzulässiger Eingriff des Staates in private Ausdruckskonventionen und daher zurückzunehmen. (Die Presseagenturen haben im Widerspruch zur Neuregelung die Großschreibung sogar noch ausgedehnt.)

Insgesamt sollte bei der Groß- und Kleinschreibung gar nichts neu geregelt werden, ausgenommen die manchmal zu dogmatische Darstellung im Wörterverzeichnis des Duden (im trüben fischen, sein Schäfchen ins trockene bringen). Wie bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sollten wir anerkennen, daß der Usus einer großen Sprachgemeinschaft möglichweise klüger ist als der jeweils aktuelle Stand wechselnder Theorien. Die bedeutenden Orthographen des 19. Jahrhunderts wußten das noch: „Daß es bei diesen Unterscheidungen nicht ohne Zweifel abgehen kann, liegt in der Natur der Sache; wo fängt das Substantiv an, wo hört es auf?“ (Wilhelm Wilmanns: Die Orthographie in den Schulen Deutschlands. Berlin 1887, S. 198; ähnlich Dieter Nerius: Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Berlin 1996, S. 53) Solche Zweifel behebt man nicht mit dezisionistischer Festlegung, sondern durch liberale Handhabung, die dem Usus und dem Gegenstand gerecht wird.



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Kommentare zu »GKS-Revision«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.05.2019 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=87#41443

Duden sagt nicht, ob man die sieben/Sieben Weisen groß oder klein schreiben soll. Im Zweifel also wohl klein.

Bei Wikipedia sind sie im selben Eintrag teils klein, teils groß geschrieben.

Ich schreibe sie groß (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1590#30032).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2017 um 06.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=87#34903

Ich schreibe zwar bisher (meistens) dudentreu in bezug auf, aber eigentlich widerstrebt mir die Kleinschreibung. In diesem Sinn habe ich schon in meinem Kritischen Kommentar argumentiert.
Wahrscheinlich kommt mein Unbehagen daher, daß der Bezug ein Bezug bleibt, ob er nun groß oder klein geschrieben wird und mit in oder mit/unter verbunden.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 01.02.2015 um 12.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=87#27954

Noch mal zur Groß- oder Kleinschreibung von jmdm. spinnefeind/todfeind sein. Eine Gegenüberstellung der Einträge in den aufeinanderfolgenden Dudenausgaben macht das Chaos anschaulich, das die Reform angerichtet hat:

1991: spinnefeind – todfeind
1996: Spinnefeind – todfeind
2000: spinnefeind – Todfeind
2004 spinnefeind – Todfeind
2006 spinnefeind – todfeind
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2015 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=87#27947

Natürlich muß man die Belege gewichten, nicht nur zählen.
Da wir das Standardadjektiv in allen drei Funktionen gebrauchen (attributiv und damit flektiert, adverbial und prädikativ), haben wir eine unwiderstehliche Neigung, jedes Wort, das in einer dieser Funktionen gebraucht wird, auch in allen anderen zu gebrauchen, und das erfaßt ja auch das prädikative "ab" usw. ("der abbe Knopf").
Während das systemgerecht und fast unvermeidlich ist, würde ich den "Spinnefeind" anders bewerten. Der hat wohl keine Zukunft, es sei denn als unberechenbare Kuriosität, von denen jede Sprache einige mitschleppt.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 01.02.2015 um 02.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=87#27946

Wie betont man eigentlich todfeind? Ich würde beide Silben betonen, jedenfalls nicht nur die erste, ähnlich wie bei spinnefeind.

So sah es früher auch der Duden. Sogar die erste reformierte Ausgabe, die berühmt-berüchtigte 21. Auflage von 1996, kannte noch das Adjektiv todfeind, und zwar mit Betonung sowohl auf dem o als auch auf dem ei.

In der zweiten reformierten Ausgabe (22. Auflage, 2000) hat man dann den vermeintlichen Irrtum der Kleinschreibung korrigiert; analog zu Spinnefeind wurde jetzt nur noch das Substantiv Todfeind aufgeführt, und das wird bekanntlich nur auf der ersten Silbe betont. Die Wendung jmdm. todfeind sein wurde dem Stichwort Todfeind zugeschlagen, und so entfiel auch die Kennzeichnung der Betonung, die in Verwendungsbeispielen unüblich ist.

Die nach der großen Revision erschienene vierte reformierte Ausgabe (24. Auflage, 2006) führt erstmals wieder das Adjektiv todfeind auf, allerdings nur noch mit Betonungsstrich unter dem o (so auch in der 25. und 26. Auflage von 2009 bzw. 2013).

Der Verdacht liegt nahe, daß sich nicht etwa die Aussprache des Wortes in der Zwischenzeit geändert hätte, sondern daß man bei der Rehabilitierung des Adjektivs todfeind schlicht vergessen hat, auch die Betonung in den vorigen Stand wiedereinzusetzen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.01.2015 um 23.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=87#27945

Stimmt, ich hab's ausprobiert. Aber was beweisen ein paar solche Funde? Nebenbei habe ich mit Google nämlich auch eine ganze Menge Spinnefeinde gefunden, da müßte man diese ja auch anerkennen. War der Spinnefeind nicht eine der genialsten Erfindungen der Reformer?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2015 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=87#27943

Die Annahme, "spinnefeind" sei syntaktisch defektiv (wie "quitt"), trifft nicht zu. Dank Google kann man eine ganze Reihe Belege für attributiven Gebrauch finden.
 
 

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