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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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23.12.2006
 

Fehler über Fehler
Wer sich auf Reformschreibung einläßt, kommt darin um

"Dringend Not täte der familiengerechte Umbau der Steuer- und Sozialsysteme" – so die heutige Süddeutsche Zeitung.

Wie sehr auch die ss-Schreibung zu neuen Fehlern führt, kann man feststellen, wenn man bei Google die Kombination "etwas daß" bzw. "etwas dass" eingibt. Das führt ja zu derselben Liste, aber man erkennt gleich, daß es die neue "dass"-Schreibung ist, die den Relativsatz beeinträchtigt.

Bei der Lektüre von Magister- und Doktorarbeiten, die anerkennenswerterweise von Ausländern auf deutsch verfaßt sind, beobachtet man leider auch eine erhebliche Menge reformbedingter Zusatzfehler. Ich möchte keine konkreten Fälle anführen, um die Verfasser nicht bloßzustellen. Sie sind wahrscheinlich den Anweisungen ihrer Betreuer oder eben der Verlage gefolgt.



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Kommentare zu »Fehler über Fehler«
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Kommentar von David Weiers, verfaßt am 27.12.2006 um 13.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7089

Haben die Nordlichter womöglich damit Probleme? Es kann doch eigentlich nicht sein, daß die Journalisten innerhalb des relativ kurzen Zeitraums von einem Jahrzehnt wesentlich dümmer geworden sind. Oder doch? Was meinen die hier versammelten Experten dazu?

Ich bin kein Experte, aber ich bin dann doch der Meinung, daß die Journalisten innerhalb eines Jahrzehnts nicht (immer) unbedingt dümmer, aber bestimmt eine ganze Ecke arroganter geworden sind. Ob es ihnen nur noch um den bloßen Gewinn geht, so eine Frage möchte ich eigentlich nicht beantworten, aber der Verdacht drängt sich mitunter schon auf.
Mit Sicherheit allerdings sind sehr viele Journalisten in der Ausübung ihres "Handwerks" nachlässiger geworden. Und zwar in jeglicher Hinsicht.

Nein, ich bin der Meinung, daß Nordlichter "von Natur aus" keine sonderlichen Probleme mit daß/das bzw. dass/das haben, denn ein gesprochenes "dat" muß man schriftlich schließlich immer schön aufdröseln, sonst versteht keiner mehr was. Ich glaube, da ist einfach der immer nachlässiger werdende Deutschunterricht nebst Reform dran schuld.

Wo man auch hinguckt, überall Fimsch …
 
 

Kommentar von Peter Müller, verfaßt am 25.12.2006 um 14.24 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7084

Es wird sicher Reformbefürworter geben, die argumentieren, die Zunahme der Verwechslung dass/das sei lediglich eine Übergangserscheinung. Aufgrund der Erfahrung in der Schweiz stimmt das höchstens teilweise. Hier ist das ß amtlich seit 1934 abgeschafft, und trotzdem kann man die Verwechslung sehr häufig beobachten (obwohl man auch in der Schweiz die beiden Wörter in der Aussprache leicht unterscheidet!). Die Kombination "etwas dass" ergibt bei "Seiten auf deutsch" rund 11% falsche dass, bei "Seiten aus der Schweiz" rund 5%. Man könnte also annehmen, daß sich die Fehlerquote bei 5% einpendeln wird, was immer noch wesentlich höher sein dürfte als vor der "Reform". daß/das ist eben leichter zu unterscheiden als dass/das.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.12.2006 um 14.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7083

Ich möchte Frau Morin unterstützen: Echte Baiern brauchen für "das" nicht die "welches"-Probe machen, sondern nur fragen: Würde ich das bairisch [des] oder [dös] aussprechen?
 
 

Kommentar von Karl-Heinz Enzenberger, verfaßt am 25.12.2006 um 13.37 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7082

Wie kann der Bergbauer die alles vernichtende Lawine, die oben am Hang über seinem Hof losgetreten wurde, noch aufhalten?
 
 

Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 25.12.2006 um 10.58 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7081

Auf die Gefahr hin, jetzt als "Radikaler" zu erscheinen:

Warum sollte man jemanden, der es zuläßt bzw. sich damit abfindet, daß sein in normaler Orthographie verfaßtes fehlerfreies Dissertationsmanuskript von Verlagen an die deformierte Graphie "angepaßt" wird, oder der seine Magister- oder Doktorarbeit von vornherein in Schulschreibung verfaßt, denn schonen? Wer sich den Anweisungen seines Betreuer oder eines Verlages mehr verpflichtet fühlt als der Wissenschaft, der er vorgibt zu dienen, hat der Rücksicht verdient? Sind Mitläufer als solche schuldfrei?
Wenn Kritik an der "Rechtschreibreform" erlaubt bzw. nötig ist, muß sie dann nicht die Germanisten und Linguisten und die Vertreter anderer wissenschaftlicher Disziplinen zu allererst treffen?

Vielerorts herrscht heute ein seltsames Klima vor:
Nicht wenige Mitläufer treten – selbst wenn sie außer der ss-Schreibung kaum etwas von der zwangsreformierten Schulschreibung verstanden haben und fleißig übergeneralisieren – offensiv als Vertreter des Fortschritts und "politisch korrekten" Handelns auf und fordern sogar Gefolgschaft ein: "Das schreibt man jetzt so!", "Das ist nicht mehr erlaubt!", "Das darfst Du jetzt nicht mehr!" etc.
Die große Mehrheit der Orthographie-Anhänger fühlt sich hingegen in der Defensive und wagt es kaum, offen zu widersprechen; ihr Unmut entlädt sich meist nur in Witzen und Gelächter oder ostentativer (und zugleich lähmender) Gleichgültigkeit. Selbst sie unsinnigsten hyperkorrekten Falschschreibungen werden nicht moniert, was die Mitläufer wiederum in ihrem vermeintlichen Fortschrittsglauben bestätigt.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 25.12.2006 um 10.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7080

Zur Frage von Frau Morin – das / dass:

Mit der Aussprache hat die Verwechslung meiner Meinung nach nichts zu tun. Die Frage „Liegt das nur an der schlechteren Unterscheidbarkeit bei ss-Schreibung?“ würde ich jedoch ohne Zögern bejahen.
Jeder kann es an seinem eigenen Verhalten beim Schreiben beobachten: Ist man nicht sicher, wie ein bestimmtes Wort geschrieben wird, so findet man die richtige, Schreibung heraus, indem man das fragliche Wort einfach niederschreibt. Kommt es einem „komisch“ vor, ist es wahrscheinlich falsch geschrieben.
Ich glaube inzwischen, daß richtige Schreibung maßgeblich von einem fein differenzierten und stimmigen Schriftbild abhängt. Der optische Einfluß von Buchstaben und Buchstabenverbindungen auf Leser und Schreibende ist wahrscheinlich größer, als wir vor 1996 annehmen konnten. Die Buchstabenformen haben sich durch den Gebrauch in Jahrhunderten zu Eindeutigkeit und Verwechslungsarmut geformt. Das ß als Signal für den Silbenschluß ist hier ein typisches Beispiel! Wir lesen und schreiben nicht Buchstaben, wir entscheiden uns auch nicht „grammatisch“, sondern wir reproduzieren Schrift spontan aus dem visuellen Erfahrungsschatz. Die Schreibweise der Konjunktion „daß“ entstammt dem Bedürfnis, eine grammatische Fügung sichtbar zu machen, damit der Leser auf Anhieb in die vorgegebene Richtung denkt. Nun hat man dieses eindeutige Signal abgeschafft. Das ist genauso, als ob man die drei Lichter der Verkehrsampel einander farblich angleichen würde. Müßten die Verkehrsteilnehmer nicht in der Lage sein, allein nach der Position des jeweils leuchtenden Lichtes entscheiden zu können, ob sie anhalten oder fahren sollen? Ich glaube, es würde ziemlich oft krachen.

s gegenüber ss ist aufgrund seiner ähnlichen Optik ein Quell der ständigen Verunsicherung. Es kommt zu Verwechslungen, auch bei gewandteren Schreibern, sobald sie sich hauptsächlich im Umfeld der verschiedenen Reformschreibungen bewegen. Beim Schreiben auf der Tastatur könnte auch ein Fingerschlag zuviel das Relativpronomen zum „dass“ werden lassen. (Das Tippen von Schrift erzeugt eine andere Beziehung zum Geschriebenen als das Schreiben mit der Hand. Es ist eine Art „digitaler“ (punktueller) Qualität, der das tiefe Gefühl abgeht.)

Man kann anderer Meinung sein und/oder weitere Aspekte finden – Tatsache ist, daß Heyse schlecht funktioniert. Und ganz sicher versagt bei der Mehrzahl der Schreibenden die „grammatische“ Analyse als orthographisches Barometer. Schreiben ist wie Sprechen ein intuitiver Akt, der sicher gelingt, wenn optische Verwechslungsmöglichkeiten gering sind.

Wir wissen eben noch lange nicht alles.
 
 

Kommentar von borella, verfaßt am 25.12.2006 um 01.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7078

Baumarkt-Newsletter-Profischreiber, wenn es denn welche sind, schreiben:

"Sehr geehrter Herr xyz...!

Unten finden Sie ein kleines Weihnachtsgeschenk, dass wir für Sie als treuen Newsletter-Leser reserviert haben."

Trotzdem – borella wünscht frohe Weihnachten!
 
 

Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 24.12.2006 um 22.18 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7077

Seit Einführung der unglückseligen "ss-Schreibung" sieht man fast in jedem Zeitungsartikel – und wohl auch bald in denen der FAZ – die Verwechslung der Konjunktion "dass" mit dem Relativpronomen "das".

Liegt das nur an der schlechteren Unterscheidbarkeit bei ss-Schreibung? Wir Schwaben unterscheiden die beiden Wörter auch in der Aussprache ("dass" mit kurzem Vokal, "das" mit etwas längerem). Das ist aber vielleicht eine süddeutsche Eigenart (wie bei der Differenzierung von "greulich/gräulich").

Haben die Nordlichter womöglich damit Probleme? Es kann doch eigentlich nicht sein, daß die Journalisten innerhalb des relativ kurzen Zeitraums von einem Jahrzehnt wesentlich dümmer geworden sind. Oder doch? Was meinen die hier versammelten Experten dazu?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.12.2006 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7075

Wer sich in Rechtschreibung nicht sicher fühlt, kann sich ja beim Klett-Unternehmen "Fernakademie" anmelden. Zur Begrüßung liest er gleich mehrmals "Herzlich Willkommen". Weitere Probe: "Holen Sie beispielweise Ihren Schulabschluss nach oder eigenen (!) Sie sich fundierte Fremdsprachenkenntnisse an."
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.12.2006 um 14.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7074

Manche Deutschlehrer empfehlen zur Vermeidung von "dass"-Fehlern den Gebrauch von bei- oder untergeordneten Hauptsätzen. In der Umgangssprache sind sie ja schon sehr gebräuchlich. Außerdem kann man daran gut den richtigen Einsatz von Indikativ und Konjunktiv einüben.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 23.12.2006 um 20.04 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=753#7073

Vom Manuskript zum Buch

Leider ist es z.Z. so, daß fehlerfreie Dissertationsmanuskripte in normaler Orthographie von Verlagen an die deformierte Graphie "angepaßt" werden, meist ohne Konsultation mit dem Autor. Besonders prekäre Folgen hat diese Unsitte im Ausland, wo dies Deutsch als Fremdsprache "beherrschende" Redakteure tun, weil die Verlage meinen, so müsse man jetzt drucken.
 
 

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