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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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26.05.2006
 

Behutsam (zunächst!)
Fundstück aus meinem Zettelkasten

Österreich soll deutsche Rechtschreibreform koordinieren

(Süddeutsche Zeitung 25.4.1986)

Bonn (dpa)

Österreich will im Zusammenwirken mit den übrigen deutschsprachigen Ländern einen neuen Anlauf für eine zunächst „behutsame“ Rechtschreibreform der deutschen Sprache unternehmen. Sein Land sei seit längerem gebeten worden, die Koordinierung bei diesen Bemühungen zu übernehmen, erklärte der österreichische Unterrichtsminister, Herbert Moritz, nach Gesprächen mit Bundesbildungsministerin Dorothee Wilms in Bonn. Erste Fachgespräche sollen im Herbst in Wien stattfinden. Moritz betonte, es müsse das gemeinsame Bemühen sein, die deutsche Hochsprache zu bewahren und sich über gewisse „Verfremdungstendenzen“ Gedanken zu machen. Moritz bestätigte Überlegungen der Kultusministerkonferenz, in der jahrzehntealten Frage der Vereinfachung der deutschen Sprache zu Fortschritten zu kommen. Dabei soll es nicht um das Streitthema Groß- und Kleinschreibung gehen, sondern vielmehr um praktische Vereinfachungen bei der Silbentrennung, der Schreibweise von Fremdwörtern sowie beim Zusammen- und Getrenntschreiben.



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Kommentare zu »Behutsam (zunächst!)«
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Kommentar von Monte Scherbelino, verfaßt am 30.05.2006 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4225

Die größten Kritiker der Elche
Waren früher selber welche
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.05.2006 um 13.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4222

Die Österreicher nennen ja sogar ihr Wörterbuch "Österreichisches Wörterbuch" - das einzige Wörterbuch, soviel ich weiß, das sich nach einer Sprache nennt, die es gar nicht gibt. Die Deutschen selbst wiederum, mit denen die Österreicher (gleichsam als Mitsieger über die Nazis!) nichts zu tun haben wollten, übersetzen sogar aus dem "Amerikanischen", während die Amerikaner glauben, sie sprächen Englisch.
Nun haben also, wie uns schon Herr Fröhler klar gemacht hat, ausgerechnet die Österreicher etwas zur Rettung der deutschen Spracheinheit getan, indem sie die Rechtschreibreform koordinierten. Das ist doch sehr zu loben.
 
 

Kommentar von Monte Scherbelino, verfaßt am 30.05.2006 um 12.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4221

"Täusche ich mich oder ist das angeblich drohende Auseinanderdriften der deutschen Sprache ein charakteristischer Topos in der "Argumentation" österreichischer Reformbefürworter?"

Das kommt denen doch nur zupaß! Denn nirgendwo sonst postuliert man so laut und dumpf seine sprachliche Eigenständigkeit und Unterscheidbarkeit wie in Österreich. Denn sonst finden sich ja keine Unterscheidungsmerkmale zu den anderen deutschen Stämmen! Und es müsse unbedingt "Schlagobers" heißen, tönt es schaumig aus Wien.

"Gar nicht wahr", ruft es aus dem Salzburgischen, Kärnten und Tirol zurück: Gemeinösterreichisch ist nämlich nur Schlagrahm!

 
 

Kommentar von S.L., verfaßt am 30.05.2006 um 12.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4220

Vor ihrer Karriere in der "großen Politik" war Edelgard Bulmahn übrigens Studienrätin für Anglistik und Sozialkunde.
 
 

Kommentar von Dirk Schmidt, verfaßt am 30.05.2006 um 11.23 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4218

#4180

Ich habe Frau Bulmahn (oder wer immer diese Seite betreut) bereits vor ca. einem halben Jahr per E-Mail auf die orthographischen Mängel hingewiesen. Es gab keinerlei Reaktion, keine Veränderung, nicht einmal eine automatisierte Eingangsbestätigung. Is' ja auch voll egal irgendwie, weil, is' ja jetzt so mit Reform und so. Voll liberalisiert irgendwie. Nä!?

 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 30.05.2006 um 10.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4216

Schlagobers - oder: Wo bleibt das Positive?

Während Gegner und Kritiker mit dem Aufzählen der Reformmängel bald einmal durch sind, entdecken die Befürworter und Betreiber immer neue Schönheiten und Nutzeffekte. So verhilft uns auch der Herr Dr. Moritz zu neuen Erkenntnissen, von denen sich die Reformurheber selbst gewiß nichts haben träumen lassen. Am schönsten ist es dort, wo er poetisch wird: Das Gewicht der deutschen Sprache im globalisierten Konzert der Kulturen. Das wird erhalten, und zwar durch die Reform! Nun kommt´s ja im Konzert eigentlich weniger auf das Gewicht der Musizierenden an oder auf deren Durchsetzungsvermögen , sondern mehr auf Stimmreinheit, Treffsicherheit, Intonation und Taktfestigkeit. - Gern wüßten wir Beispiele für das "Auseinanderdriften" der deutschen Sprache. (Einer allein kann ja eigentlich nicht auseinanderdriften). "Marillen" gegen "Aprikosen" kann doch wohl nicht gemeint sein? - Worauf wir auch nie von allein gekommen wären: Es waren die renommiertesten Fachleute, die den Inhalt der Neuregelung formten. Gut, das einmal aus quasi amtlichem Munde zu hören. - Die Wohltat der Übergangsregelung soll dem Herrn Dr. Moritz von Herzen gewährt sein. Übergangsregelungen haben es allerdings so an sich, daß sie einmal enden - und was dann? Vielleicht setzt der Herr Dr. auf die Gnade der frühen Geburt.
("Herr Kästner, wo bleibt das Positive?" - "Weiß der Teufel, wo das bleibt!")
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 29.05.2006 um 21.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4212

Täusche ich mich oder ist das angeblich drohende Auseinanderdriften der deutschen Sprache ein charakteristischer Topos in der "Argumentation" österreichischer Reformbefürworter?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.05.2006 um 17.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4210

Das Fundstück kann noch ergänzt werden. Der folgende Text zeigt sehr deutlich, wie weit die Täter noch von Einsicht in ihre Schuld entfernt sind: Der erwähnte Miturheber der Rechtschreibreform, der ehemalige österreichische Bildungsminister Dr. Herbert Moritz, ist überzeugt, daß die Rechtschreibreform das Lesen (!) erleichtert hat. Auch habe die Reform die sprachlich auseinanderdriftenden deutschen Regionen wieder zusammengefürht und damit die Bedeutung des Deutschen in der Welt gerettet. Er selbst bleibt allerdings bei der früheren Rechtschreibung.
Hier ein Interview vom 3.01.2005:

Interviewer: Inwiefern sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den schlechten Lesekompetenzen der aktuellen PISA- Studie und der neuen deutschen Rechtschreibung?
Dr. Moritz: Einen Zusammenhang zwischen der in der aktuellen PISA- Studie festgestellten mangelhaften Lesekompetenz der österreichischen Schuljugend und der neuen Rechtschreibung bestreite ich ganz entschieden. Zum Unterschied von der teilweise kritisch auf die Reform reagierende Öffentlichkeit ist die neue Rechtschreibung in den Schulen klaglos angenommen und erfolgreich realisiert worden. Für viele Jahrgänge junger Menschen sind die neuen Regeln zur gängigen und selbstverständlichen Praxis geworden.
Interviewer: Kann man nun ihrer Meinung nach diese Reform dafür mitverantwortlich machen?
Dr. Moritz: Ja, ich behaupte, dass es ohne diese Reform mit den Leseleistungen noch schlechter bestellt wäre, hat die Reform doch mit vielen Ungereimtheiten und Komplikationen der alten Orthographie aufgeräumt und das Regelwerk logischer und damit leichter verständlich gemacht.
Interviewer: Waren/Sind Sie für diese Reform?
Dr. Moritz: Die neue Rechtschreibung ist die erste, auch von politischem Willen getragene, allen deutschsprachigen Staaten gemeinsame Ordnung der Schriftsprache seit 1901. Sie wurde auf ausdrücklichen Wunsch aller zuständigen wissenschaftlichen Instanzen und der Regierung der deutschsprachigen Länder unter österreichischer Leitung erarbeitet. Ihr Ziel ist es unter anderem das seit langem zu beobachtende Auseinanderdriften der deutschen Sprache zu beenden und das drohende Absinken der gemeinsamen Sprache in einen kleinlichen Regionalismus zu verhindern. Damit dient die Reform der Erhaltung des Gewichts der deutschen Sprache im globalisierten Konzert der Kulturen.
Als in den entscheidenden Jahren verantwortlicher Bundesminister war ich einer der Initiatoren der letzten Reformschritte. Auf ihren Inhalt, der ja von den renommiertesten Fachleuten geformt wurde, wollte ich aus Prinzip und konnte ich auch keinen Einfluss nehmen.
Im Grunde hat das Resultat des langen und mit großem Ernst betriebenen Reformprozesses meine volle Zustimmung.
Interviewer: Wie bewerten Sie den Medien-Rummel rund um das Thema der deutschen Rechtschreibreform?
Dr. Moritz: Die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Rechtschreibreform gleicht auf das Haar den stürmischen Diskussionen um die letzte Reform vor mehr als hundert Jahren, nur tönt sie im Medienzeitalter um ein Vielfaches lauter. Sie ist ein Ausdruck der Beharrungskräfte von Menschen, die sich einmal ein Regelwerk, vielleicht mit eigener Mühe, angeeignet haben, sich jetzt nicht mehr von ihm trennen und Neues erlernen wollen. Lange Übergangsfristen tragen dieser Strömung Rechnung und in absehbarer Zeit wird die neue Rechtschreibung zur Selbstverständlichkeit werden.
Interviewer: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle von Frau Bundesminister Gehrer?
Dr. Moritz: Frau Bundesminister Gehrer kann sich von ihrer Mitverantwortung für die bedenklichen Ergebnisse der PISA- Studie nicht freisprechen. Für die Durchführung der Rechtschreibreform in den Schulen hat sie sich jedoch mit Energie und Umsicht eingesetzt. Dafür hat sie sich Dank verdient.
Interviewer: Werden Sie sich die diese neue Rechtschreibung noch aneignen?
Dr. Moritz: Ich bin heute ein betagter Mann. In einem solchen obsiegen die Kräfte der Beharrung allmählich über das Streben nach Erneuerung. Obwohl einer der Initiatoren der Reform, werde ich deshalb die Wohltat der Übergangsregelung für mich in Anspruch nehmen zu müssen.
Interviewer: Was wäre, Ihrer Meinung nach, eine geeignete Methode für eine zielführende Umsetzung/Verwirklichung dieser Rechtschreibreform?
Dr. Moritz: Ich glaube, dass im österreichischen Bildungssystem die richtige Methode zur Verwirklichung der Rechtschreibreform gefunden wurde. Zur Verbreitung in der Öffentlichkeit ist allerdings die aktive Mitwirkung der Medien unerlässlich. Sie sollten sich dabei die Ziele der Reform vor Augen halten und sie nicht einer populistischen Anbiederung an die Beharrungskräfte offenbaren.
Interviewer: Vielen Dank für das Gespräch.
Dr. Moritz: Bitte gerne.

Quelle:

Der Rechtschreibk(r)ampf - Eine Analyse der Rechtschreibreform im deutschsprachigen Raum . Von Sabine Hach und Victoria Moritz. Wintersemester 2004/2005. Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien
(Rechtschreibung leicht bereinigt)
 
 

Kommentar von S.L., verfaßt am 27.05.2006 um 15.30 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4195

Eine vor einigen Wochen vom Innenministerium in Mainz herausgegebene Zeitschrift, die sich vor allem an Schulen sowie Bildungs- und Jugendeinrichtungen in Rheinland-Pfalz richtet, bestätigt Ihre Beobachtungen.

Neben einigen Rechtschreibfehlern (nach alter und neuer Regelung) findet man vor allem im gemeinsamen Geleitwort der Staatsminister Bruch und Ahnen typische Reform-Schreibungen wie "Ess-Störung" und "viele Andere". In der Überschrift heißt es aber: "Gewalt-tut-weh!" Der abschließende Satz lautet: "Wir sind uns sicher, die Informationen dieses Leitfadens sind eine wertvolle Hilfe wenn es darum geht Kindern und Jugendlichen zu helfen, sie zu unterstützen, zu fördern und sie stark zu machen."

Interessant ist die Tatsache, daß ein Aufsatz vollständig in alter Rechtschreibung abgedruckt worden ist. Einige Reformschreibungen werden zudem nicht konsequent durchgehalten. Von Einheitlichkeit also keine Spur!!!

Daß ein Landesministerium anscheinend so wenig um die Form seiner Veröffentlichungen bemüht ist, hat mich sehr erschreckt. Gerade die Tatsache, daß es in den meisten Beiträgen der Ausgabe um Bildungs- und Erziehungsfragen geht, wirft ein bezeichnendes Licht auf die verantwortlichen Politiker, die sich in Zeitungsinterviews großmundig zu orthographischen Detailfragen äußern und immer noch vorgeben, mit der Reform die Bildungsprobleme in Deutschland gelöst zu haben.

Und was gibt's sonst noch? Frau Ahnen grinst auf den Fotos noch etwas breiter und naiver als sonst.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.05.2006 um 17.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=519#4180

Eine andere Bundesbildungsministerin hat auch ziemlich viel Unsinn zur Rechtschreibreform von sich gegeben. Ich bin ihr noch mal nachgegangen und stieß dabei auf ihre Internetseite. Dort begrüßt uns Edelgard Bulmahn mit "herzlich Willkommen" und wünscht "viel Spass beim Surfen". Das zeigt zunächst nur, daß sie die von ihr so leidenschaftlich betriebene Rechtschreibreform nicht beherrscht. Aber sie schreibt auch: "Ich möchte mich zunächst sehr herzlich bei allen Wählerinnen und Wähler (!) für das großartige Wahlkreis-Ergebnis von 54,3 % bedanken." Und: "Außerdem finden Sie hier z.B. Informationen zu meinem Wahlkreis, zu inhatlichen (!) Themen und Terminhinweise." Und die Zeichensetzung ist auch sonst merkwürdig.
 
 

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