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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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16.03.2006
 

Was bleibt?
Versuch eines Überblicks über die ungelösten Probleme

Von der Rechtschreibreform bleiben hauptsächlich folgende Teile erhalten, weil der Rat für deutsche Rechtschreibung sie entweder nicht korrigieren wollte oder wegen der Termin- und Themenvorgaben der Kultusministerkonferenz nicht korrigieren durfte:

1. die „Etymogeleien“, die auf den Reformer Gerhard Augst zurückgehen: behände, Stängel, Gämse, Zierrat, belämmert, gräulich, einbläuen, aufwändig, Tollpatsch u. a. Ferner: rau, platzieren, deplatziert, nummerieren u. a.

2. die Dreibuchstabenregel: helllicht, Brennnessel, Nussschokolade usw.

3. die Heysesche s-Schreibung: Messergebnis usw.; sie ist trotz ihrer Fehlerträchtigkeit so sehr zum Symbol der Reform geworden, daß sie schon aus Prestigegründen nicht angetastet werden soll.

4. die Fremdwortschreibung: Mopp, Stepp, Stopp und Tipp. (Weitere wie Topp, Shopp, Popp, Stripp, Chatt usw. wurden im letzten Bericht der Kommission ausdrücklich als „möglicher Handlungsbedarf für die Zukunft“ bezeichnet.) Ferner: Grislibär, Hämorriden, Schikoree, Kommunikee u. a. (aber weiterhin nur Attaché u. a.). Den Thunfisch kann man auch Tunfisch schreiben (was so wenig angebahnt war wie die Spagetti), die Thuja aber nicht Tuja. Unerhört schwierig ist die neue Regel zur Großschreibung in mehrgliedrigen Fremdwörtern: Herpes Zoster, Ultima Ratio, Commedia dell’Arte, Café au Lait, aber, wenn man den neuesten Wörterbüchern glauben kann, weiterhin Café crème, L’art pour l’art u. v. a. Ungelöst ist die Getrennt-, Zusammen- und Bindestrichschreibung: Big Band, Smalltalk, Sitin usw.

5. Im sogenannten Überlappungsbereich von Groß- und Kleinschreibung sowie Getrennt- und Zusammenschreibung hinterläßt der Rat ein großes Durcheinander. Man schreibt eislaufen klein und zusammen, aber Rad fahren groß und getrennt (aber radfahrend auch zusammen), weiterkommen zusammen, aber näher kommen getrennt /(wenn übertragen gebraucht), eine Handbreit, aber auch zwei Hand voll, zum Teil, aber zurzeit, die beiden, aber die Einzigen. Aus gut tun, leid tun, not tun, leid sein, not sein machte die Reform gut tun, Leid tun, Not tun, leid sein, Not sein. Der Rat ändert in gut tun, nottun, leidtun, leid sein, not sein.

6. Die Großschreibung der Tageszeiten wird nicht korrigiert: gestern Abend. Erhalten bleiben auch das grammatisch ebenso falsche Diät leben sowie als Variante Recht haben. Gewohnte und regelhafte Schreibweisen wie pleite gehen und bankrott gehen bleiben verboten.

7. Die archaisierenden Großschreibungen im Allgemeinen, des Öfteren, im Voraus, Letzerer, jeder Einzelne werden nicht zurückgenommen, sondern noch ausgebaut (seit Langem, bei Weitem usw.). Die Einzelheiten wie in Sonderheit (nur so!), zu Schulden (auch so) oder vonnöten (nur so) lassen sich nicht vorhersagen. Herkömmliches von seiten bleibt verboten (vonseiten/von Seiten).

8. Die Nichttrennung von ck (Da-ckel) bleibt, obwohl sie gegen das Prinzip der Trennung nach Sprechsilben und gegen § 3 verstößt. Die nichtmorphologische Trennung der Fremdwörter bleibt zulässig: Diag-nose, Transk-ription.

9. Die Verwendung des Bindestrichs ist weiterhin unklar und widersprüchlich (das 8-Fache); dasselbe gilt für den Apostroph (Uschi’s Blumenladen).

10. Viele Einzelfragen bleiben im Regelwerk unbeantwortet oder werden erst im – vom Rat nicht mehr beschlossenen – Wörterverzeichnis beantwortet: Handvoll/Hand voll, Handbreit/Hand breit (neu eingefügt!), Zeitlang/Zeit lang, hier zu Lande, Vabanque spielen, jedes Mal, unter der Hand u. a. Letzten Endes muß man auf die Wörterbücher warten, auf die der Rat keinen Einfluß mehr hat.



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Kommentare zu »Was bleibt?«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2018 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#39717

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3482

Großbritannien will es EU-Einwanderern schwer machen (welt.de 3.10.18)

1996 nur getrennt, heute wegen § 34 E 5 angeblich auch zusammen möglich, aber Duden empfiehlt schwer machen.

Die Metaphorik spricht für Zusammenschreibung, aber man kann zweifeln, ob die Metapher noch lebendig ist. Darum muß man nachschlagen, um sich zu vergewissern, daß es ein Zweifelsfall ist. Nach meinem Wörterbuch ist das von vornherein klar (§ 10), weil solche semantischen Erwägungen gar nicht erst in Betracht kommen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.10.2017 um 18.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#36671

Die schwedischen Schreibungen jobb und buss haben Augst sicher ebenso imponiert wie restorang. Wenn er sie denn gekannt hat.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 18.10.2017 um 12.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#36667

Vor dem Amtsgericht steht ein wegen sexuellen Mißbrauchs von Patientinnen angeklagter Physiotherapeut. Sein Verteidiger führt an, daß man bei dem Angeklagten kein "Beuteschema" ausmachen könne. Die Zeuginnen befragt er, ob sie den fraglichen Penis nicht nur auf ihrer Hand gespürt, sondern auch gesehen hätten. Haben sie nicht. Also wird auf Freispruch plädiert.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 18.10.2017 um 09.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#36665

"Die Jungs, die früher die Besten im Versteckspielen waren, arbeiten heute alle im Baumarkt"

"Warum gibt es kein Katzenfutter mit Mäusegeschmack?"
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2017 um 07.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#36663

Wegen Jobber, Minijobber, jobben usw. müßte es eigentlich Jobb heißen.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 21.05.2017 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#35156

Das hessische Verkehrsministerium informiert gerade Anlieger über anstehende Straßenbauarbeiten. Die Anschreiben sind aus orthographischer Sicht neutral gehalten, aber es gibt eine Ausnahme:

"Für Ihr Verständnis bedanken wir uns im voraus."

Es ist beruhigend zu beobachten, daß es auch in der Verwaltung Widerstand gegen den kultusministeriell verordneten Unsinn gibt.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 09.01.2014 um 07.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#24799

Das großgeschriebene Du außerhalb von Briefen fand sich aber schon vor der Reform allenthalben. Ich bezweifle, dass die Reform da viel angerichtet hat – mein Eindruck ist sogar, dass viele, wenn nicht gar die meisten noch davon ausgehen, es sei nicht mehr erlaubt, die Anredepronomina großzuschreiben. (Die Reform von 1996 wurde schließlich auch ausgiebiger in der Presse behandelt.)
In Briefen und in der E-Mail-Kommunikation meiner Generation scheint übrigens das kleine du Standard zu sein (was ich gut finde), aber auch das ist natürlich nur mein subjektiver Eindruck.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.01.2014 um 07.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#24798

Zu den unübersehbaren Hinterlassenschaften der Reform gehört die Großschreibung des Anredepronomens:

Die beiden Finanzminister verfahren nach dem Motto: Kritisierst Du mich, kritisier' ich Dich. (welt.de 9.1.14)

Das liest man praktisch jeden Tag. Es ist eigentlich paradox, denn die ausnahmslose Kleinschreibung war ja ein Vorzeigestück der ursprünglichen Reform gewesen. Bei der alten Dudenregelung konnte man bemängeln, daß die Bedingung der Großschreibung (Briefe u. ä.) nicht besonders präzise definiert war, aber das hätte sich beheben lassen (vgl. mein Wörterbuch). Das Gerede von der "Ehrerbietung", die in Duz-Beziehungen nicht angebracht sei, hat die Neuregelung zusätzlich diskreditiert. Irgendwann nach 2004 gaben die Reformer nach. Daraufhin verbreitete sich die Meinung, daß nun jedes du groß zu schreiben sei.
 
 

Kommentar von Heyse-Skeptiker, verfaßt am 03.11.2009 um 18.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#15214

Nun ja, "Heyse" könnte lernbar sein, jedoch nur unter zwei Bedingungen:
1. Die Verkürzung auf "langer/kurzer Vokal" muß ganz scharf als falsch eingebleut werden.
2. Die Lernenden dürfen nur korrekte (!) Neutexte zu lesen bekommen. (Die Frau Professorin könnte sich über den Kanon Gedanken machen, ob etwa unsere Tageszeitungen dazugehören.)

Wird dies durchgehalten, bis es sitzt, kann danach zur Belohnung die Lektüre älterer Texte genehmigt werden.
Dieses Vorgehen würde anerkennen, daß das Lernen der Orthographie am sichersten durch fleißiges Lesen geschieht, nicht durch das Pauken von Regeln samt Ausnahmen. Nach 10 Jahren Schlendrian muß man deshalb jede Hoffnung auf baldige Besserung fahren lassen. Der Schlamassel wird sich erst einmal weiter verschlimmern, der Leidensdruck ist längst noch nicht groß genug.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2009 um 17.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#15213

Zum Interview der Ostthüringer Zeitung mit Mechthild Habermann: Wie schon oft gesagt, ist "Heyse" sprachwissenschaftlich gesehen harmlos. Der Mann war ja nicht dumm. Die Begründung scheint auch ganz logisch, aber dabei wird meist übersehen, daß die Adelungsche Regel nicht aus jeder Sicht eine "Ausnahme" ist und daß folglich ihre Beseitigung auch keinen Lernvorteil bietet. Wenn es noch eines weiteren Beweises bedarf, liefert das Interview ihn: "Wir stellen oft fest, das (!) junge Leute nach zehn oder elf Schuljahren die Schriftsprache relativ mangelhaft beherrschen." Nun, sie werden Heyse nie beherrschen.
 
 

Kommentar von Leseviel, verfaßt am 12.07.2006 um 09.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#4724

Lieber Borella, es ist ja schön, daß Sie sich meines Beitrages angenommen haben, aber warum haben Sie es nicht im ganzen getan? Sich die Eselsbrücke herauszugreifen und sie lächerlich zu machen, hilft niemandem - schon gar nicht den vielen Lernenden, die froh sind über solche einfach zu merkenden Arbeitsmittel.
Im übrigen habe ich nicht vom substantivierten "Autofahren" geredet, sondern vom Infinitiv "Auto fahren" im Gegensatz zum Infinitiv "radfahren". Ein Beispiel müßte also lauten: "Ich werde nicht Auto fahren, sondern radfahren." Ihres folglich: "Ich werde mit diesem Ski skifahren."
Des weiteren bin ich ja empfänglich für jede Lernhilfe, die besser ist als meine. Aber glauben Sie wirklich, Sie haben bei Grundschulkindern, Einwanderern und Alphabetisierungskursteilnehmern mit abstrakten wissenschaftlichen Lehrsätzen Erfolg?
 
 

Kommentar von Roger Herter, verfaßt am 10.07.2006 um 19.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#4693

GLs Frage verstehe ich so: Ist es sprachlich richtig (üblich, evtl. gar zwingend), drei aufeinanderfolgende Buchstaben "Drillinge" zu nennen? Ist das sozusagen der Fachterminus dafür? - Wenn ja, warum verzeichnet das Herkunftswörterbuch den Ausdruck nicht in dieser Bedeutung? (Was es zum Beispiel bei einer dreiläufigen Flinte ja tut.)
Antwort: Es handelt sich bei dieser Benennung einfach um eine Metapher, so wie man etwa zwei zusammenhängende Kirschen 'Zwillinge' - und drei entsprechend 'Drillinge' nennt.
 
 

Kommentar von borella ;-), verfaßt am 10.07.2006 um 19.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#4692

Auto fahren (nach Zentnern)

Ich dachte immer, die Schreibung richtet sich nach dem Sinn und nicht nach dem Gewicht (#4687):

Beim Autofahren lege ich den Sicherheitsgurt an (Tätigkeit).
Nach Berlin werde ich mit dem Auto fahren (Auto, nicht Bahn).

Schifahren ist Bewegung an der frischen Luft (Tätigkeit).
Das neue Atomic Modell soll so toll sein. Ich würde gern einmal mit diesem Schi fahren (spezielles Modell).
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 10.07.2006 um 18.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#4691

"Drillinge" (#3515, #3522, #3749): Wie bei "Zwillinge" haben wir die Endung "-ling" (Lehrling, Feigling usw.). Die Verdopplung des "l" zeigt die Kürze des vorausgehenden Selbstlautes an (wie bei "die Leserinnen" [zu "die Leserin"]) Eine Verdreifachung des "l" steht also hier nicht mal nach der Schreibverhunzung durch die Reform zur Debatte. Oder fragen Sie, ob "Drilling" etymologisch letztlich etwas mit "Drill/drillen" zu tun hat?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2006 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#4689

Zur Frage von GL: Ich habe nicht verstanden worum es geht: ob um Buchstabendrillinge in Zusammensetzungen oder um die Schreibweise von "Drilling"? Könnten Sie es bitte noch einmal formulieren?
 
 

Kommentar von Leseviel, verfaßt am 10.07.2006 um 15.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#4687

Früher half ein einfacher Satz: Beim adjektivischen Gebrauch wird der Begriff zusammengeschrieben, wenn der erste Teil betont wird, und auseinander, wenn der zweite Teil betont wird. Überdies wird alles auseinandergeschrieben, das mehr als einen Zentner wiegt --> radfahren, Auto fahren, sicherstellen, sicher stellen.
Damit deckt man zwar keine Sachen wie "ernst nehmen" ab, die man einfach auswendig lernen muß, aber das meiste klappt wunderbar.
Ferner kann man natürlich etwas "fertig stellen": man ist fertig (schlapp, müde) und stellt etwas hin. Ebenso sicherstellen/ sicher stellen: Im ersten Fall sorgt man dafür, daß etwas passiert, im zweiten, daß etwas nicht umfällt.
Eine Reform, die sich daran orientierte, würde "ernstnehmen" und dergleichen mit sich bringen; das hätte schon dadurch meine Sympathie, daß dann zwischen "ich beschäftige mich ernsthaft damit" und "ich bin ernsthaft und empfange etwas" unterschieden würde.
 
 

Kommentar von GL, verfaßt am 10.04.2006 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3749

Unbeantwortete Fragen machen immer schlechte Arbeit. Kann die fehlende Antwort wenigstens mit einer entsprechenden Metapher verglichen werden?
 
 

Kommentar von GL, verfaßt am 30.03.2006 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3544

»Ist das Wort Drilling bei der Zusammensetzung drei gleicher Buchstaben korrekt und wenn ja, wird eine Anpassung im Herkunftswörterbuch "Etymologie der deutschen Sprache" erfolgen?«

Kann meine Frage vom 26.03.2006 überhaupt beantwortet werden?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 28.03.2006 um 09.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3524

Vielen Dank den Vorrednern. Jetzt verstehe ich es, mit der Übersetzung: "Da fällt einem doch nichts mehr ein." Wie soll man die Mitmenschen, die etwas zu sagen haben, davon abbringen, sich diesem autoritär daherkommenden Murks zu unterwerfen? Man kann sie kaum erreichen. Auch mir fehlt oft die Vorstellungskraft, die Phantasie, daß Vernunft einmal stärker sein könnte als diese Walze des Unsinns.
 
 

Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 28.03.2006 um 08.47 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3523

Für jedes Gemüt sollte unzumutbar sein, seit 100 Jahren richtige Schreibweisen, die in Millionen Büchern stehen, nun als falsch um die Ohren zu kriegen, um dann aber nach Jahresfrist wieder richtig zu sein - wie "kennenlernen". Da fällt einem doch nichts mehr ein! Oder nur noch Schlimmes, wenn man sieht, wie solcher Unfug in diesem Land durchgeknüppelt werden kann. Und richtig übel wird einem, wenn man die Berichterstattung im Börsenblatt des Buchhandels liest: Die KMK-Präsidentin "empfängt aus der Hand des Ratsvorsitzenden" die neuen Regeln, mit entsprechendem Bild, ohne den Schimmer eines Hinweises auf irgendwelche Probleme. Den lapidaren Hinweis, daß Ickler ausgetreten ist, konnte man nicht unterdrücken, aber warum tat er das? Die Buchbranche ist, geht man nach dem Börsenblatt, so gut wie unbetroffen. Ächz.
 
 

Kommentar von GL, verfaßt am 28.03.2006 um 06.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3522

"Einem unbefangenen Gemüt fällt es schwer hinzunehmen, dass das, was gestern falsch war, heute richtig sein soll." (Kratzbaum / 27.03.2006)

Das Problem ist, dass das, was gestern richtig war, heute falsch sein soll. Inakzeptabel sind jegliche Änderungen, wenn Argumente fehlen und konstruktive Kritik unter den Tisch gewischt wird.

"Wir schreiben für die, die lesen". Was bedeutet das und für wen wird denn heute geschrieben, wenn nicht für das befangene Gemüt? Was dem Grossteil der Leser und Leserinnen bei dieser Diskussion fehlt, ist nicht eine ausufernde Diskussion über befangene oder unbefangene Gemüter, sondern der gesunde Menschenverstand!
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.03.2006 um 22.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3517

Darf ich noch einmal nachfragen, warum Sie sich zurückziehen möchten? Es interessiert mich einfach nur, und das Motiv mit der "Vorstellungskraft" habe ich nicht verstanden.
 
 

Kommentar von GL, verfaßt am 26.03.2006 um 19.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3515

Laut-Buchstaben-Zuordnung zur neuen Rechtschreibung, Regel 2 im Crashkurs von Duden: "Wenn in Zusammensetzungen drei gleiche Buchstaben aufeinandertreffen (!), bleiben alle erhalten. Beim Zusammentreffen dreier gleicher Buchstaben werden also jetzt immer diese Drillinge geschrieben."

Mein Herkunftswörterbuch von Duden aus dem Jahr 1989 lehrte mich unter Drillinge, dass nach dem Muster von Zwilling(e) seit dem 16. Jh. auch drei gleichaltrige Geschwister "Drillinge" genannt werden. Entsprechend heisst seit dem 19. Jh. auch das dreiläufige Jagdgewehr "Drilling".

Eine letzte Frage an die Spezialisten erlaube ich mir, bevor ich mich aus diesem Forum zurückziehe. Ist das Wort Drilling bei der Zusammensetzung drei gleicher Buchstaben korrekt und wenn ja, wird eine Anpassung im Herkunftswörterbuch "Etymologie der deutschen Sprache" erfolgen? Ich hoffe, mich nicht im Ton vergriffen zu haben, jedoch fehlt mir die Vorstellungskraft, mich auf weitere Diskussionen einzulassen.
 
 

Kommentar von borella, verfaßt am 25.03.2006 um 01.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3493

Natürlich ist mir das vollständige Fehlen der Substantivkomposita aufgefallen.
Gerade jetzt aber, wo Regelteil und Wörterliste in getrennten Dokumenten vorligen, sollte zu Beginn der Wörterliste ein allgemeiner Hinweis darauf enthalten sein.
Ansonsten könnte ein ungeübter Nutzer, in der Annahme, die Liste sei repräsentativ, voreilig zur Auffassung geleitet werden, daß es solche Worte garnicht mehr gibt.
Auf der anderen Seite stellt es eine gewisse Unsymmetrie dar, wenn Beispielwörter aus dem Regelteil in der Wörterliste nicht vorkommen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.03.2006 um 18.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3492

Gewöhnliche Substantivkomposita, von Aallaich angefangen, sind in der Wörterliste nicht enthalten. Landrover ist in der Tat ein schönes Beispiel für Überregulierung.
 
 

Kommentar von borella, verfaßt am 24.03.2006 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3491

Die Dokumente des Rechtschreibrates:

Wer in der Wörterliste nach Lastkraftwagen sucht, der wird weder unter Lastkraftwagen, noch unter Kraftwagen, noch unter Wagen fündig.
Also muß man eigentlich schließen, daß die richtige Schreibweise: Last Kraft Wagen ist? Oder bin ich zu blöd für diese Liste?

Nebenbei: Die Automarke Land Rover wird mit Hinweis auf §37 E3 als Landrover ausgewiesen, trotzdem ist ein Trademark Symbol angeführt!?
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 24.03.2006 um 11.53 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3490

Sagt der Meister vor 1996 zum Lehrling: "Du mußt die Schraube fest drehen, um sie festzudrehen."
Nach 1996 sagt er: "Du musst die Schraube fest drehen, um sie fest zu drehen."
Nach 2006 kann er beides sagen (bis auf das ß).
Dafür darf er aber nur sagen (§ 34(2.3)): "Du musst die Schraube ganz fest drehen, um sie ganz fest zu drehen."
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.03.2006 um 10.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3489

Meine persönliche "Haus"-Orthographie ist ganz einfach: Modaladverbien getrennt vom Verb, Final- oder Ergebnisadverbien zusammen mit dem Verb. Beim Verb "machen" stimmt das mit der üblichen Rechtschreibung (noch) nicht immer überein, aber die Sprachentwicklung geht in diese Richtung.
Die armen Schüler.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 24.03.2006 um 08.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3487

Wie steht es mit sich satt essen? Schlägt hier nicht die Stunde des § 34 (2.1)? Das Wörterverzeichnis aber ordnet den Fall eindeutig § 34 (2.3) und somit „den anderen Fällen“ zu. Nur Getrenntschreibung soll also zulässig sein. Das entspricht zwar meinem Sprachempfinden, aber ich wäre ohne das Wörterverzeichnis, nur durch das Studium der Regeln, nicht zu diesem Ergebnis gekommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2006 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3484

Die Schwierigkeiten mit dem "stellen" beruhen darauf, daß hier wie bei den sogenannnten, freilich schlecht definierten "Funktionsverbgefügen" das semantische Gewicht auf dem ersten Teil liegt ("zur Verfügung stellen", "unter Beweis stellen"), während das Verb fast nur die Aktionsart ausdrückt, also hier vor allem das kausative oder faktitive Verhältnis. Andere Sprachen machen eher von Wortbildungsmitteln Gebrauch, bilden also "fertigen" (das es bei uns ja auch gibt, wenn auch in Sonderbedeutung). Die GZS bei Verbzusätzen aller Art ist nicht eindeutig regelbar; man hat es nun versucht und ist wiederum gescheitert, ohne allerdings den Anspruch weise aufzugeben wie 1901. Das Ergebnis sind wirre, widersprüchliche, unlernbare Regeln und Einträge.
 
 

Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 24.03.2006 um 04.37 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3483

„Tripp“: Seit Jahren wirkt die falsche Eintragung in der Liste des AOL-Verlages still ins Volk. Es wird aber an der Seite gearbeitet: Man hat die Regelungen v. 3.3.2006 als Sondereintrag aufgenommen und in den „10 wichtigsten Regeln“ die Trennungen „ü-ber“ und „Treu-e“ durchgestrichen.
http://www.neue-rechtschreibung.de/

Tripp
Deliquent
Vampier
Muffel (Schmelztigel usw.)

Anmerkung: Die Wörter stehen in den „Wörterlisten". Bei Benutzung der Suchfunktion werden sie nicht gefunden.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.03.2006 um 01.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3482

Danke für die Klarstellung. – Getrennt- und Zusammenschreibung wegen E5: bekanntwerden, bereiterklären, bessergehen, bewusstmachen, bewusstwerden, blankliegen/bloßliegen [jeweils Nerven], feinmachen [sich], freihaben, freinehmen, geringachten, geringschätzen, hochachten, klarwerden, kurzmachen, lästigfallen, liebbehalten, liebhaben, schlechtgehen, schlechtstehen, schönmachen [sich], schwermachen [Leben], stillsitzen, übelnehmen, übrigbleiben, verlorengeben, verlorengehen, wehtun, wohlergehen, wohlfühlen [sich], zufriedenstellen
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.03.2006 um 23.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3481

Meine Ausführungen zu "stellen" sollten beweisen, daß es "fertig stellen" gar nicht geben kann, weil "fertig" als Modaladverb bei "stellen" ungebräuchlich ist.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 23.03.2006 um 23.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3480

Als interessierter Laie nähere ich mich § 34 (2.1) wie folgt:

Ich frage mich, was mit „Verbalvorgang“ gemeint sein könnte. Beispiel blank putzen/blankputzen. Hier reime ich mir die Sache so zusammen: Man putzt etwas so lange, bis es blank ist. Der Verbalvorgang ist demnach der durch das Verb putzen ausgedrückte Vorgang, also das Putzen. Jetzt denke ich: Aha, das Adjektiv bezeichnet das Resultat, das Verb den Vorgang. Wie ist es bei kalt stellen/kaltstellen? Das Resultat scheint klar: der Sekt ist kalt. Weil man ihn gestellt hat? Ja und nein. Das Stellen muß hier ein In-den-Kühlschrank-Stellen oder etwas Ähnliches sein. Strenggenommen muß noch etwas hinzukommen, denn der Sekt ist ja noch nicht kalt, wenn ich ihn in den Kühlschrank gestellt habe. Ist das alles mitgemeint, wenn von „Verbalvorgang“ die Rede ist? frage ich mich nun. Nächster Versuch: kaputt machen/kaputtmachen. Im Ergebnis des Verbalvorgangs muß die Sache kaputt sein. Was ist hier der Verbalvorgang? Das Machen? Nein. Ein Irgendetwas-mit-der-Sache-Machen? Schon eher. Oder vielleicht doch das Kaputtmachen, genauer: das Die-Sache-kaputt-Machen? Und wäre dann „blank“ nicht doch das Ergebnis des Blankputzens statt des Putzens? Hoffentlich nicht, denn dann könnte ich alles vergessen, was ich mir gerade so mühsam zusammengereimt habe.

Nun überlege ich mir, daß ein Manuskript, das ich fertig gestellt/fertiggestellt habe, zwar fertig ist, daß ich es aber nicht gestellt, sondern geschrieben habe. Das klingt verdächtig nach Abschnitt 2.2, in dem es heißt: „Es wird zusammengeschrieben, wenn der adjektivische Bestandteil zusammen mit dem verbalen Bestandteil eine neue, idiomatisierte Gesamtbedeutung bildet, die nicht auf der Basis der Bedeutungen der einzelnen Teile bestimmt werden kann ...“ Also Zusammenschreibung. Oder doch nicht? Oder vielleicht fertigstellen nach 2.2, aber fertig schreiben/fertigschreiben nach 2.1?

Zum Schluß lese ich E5 und frage mich, warum ich mir so viele Gedanken gemacht habe.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 23.03.2006 um 22.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3479

Der Wegfall von fertig stellen war mir auch schon aufgefallen. Vermutlich hat man fertigbringen als Beispiel gewählt, weil hier die »idiomatisierte Gesamtbedeutung« eindeutiger vorliegt. Jetzt darf man abwarten, welche Entscheidung die Wörterbuchredaktionen treffen und ob sie sich vielleicht sogar auf E5 herausreden.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.03.2006 um 20.57 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3478

Meine Frage zu "fertigstellen" bezog sich nicht auf allgemeine Erwägungen über die Benutzung des Verbs "stellen", sondern auf die Frage, wie dessen Schreibung nach den Regeln des Rechtschreibrates einzuordnen ist.
Fällt es unter § 34(2.1), also fakultative GZS, oder unter § 34(2.2), also obligatorische Zusammenschreibung?
Darauf gibt das Wörtervezeichnis keine Antwort, obwohl "fertigstellen" ja ein durchaus häufiges Wort ist. Das ist umso erstaunlicher, als die alten Reformregeln auch im Wörterverzeichnis ausdrücklich die Getrenntschreibung "fertig stellen" vorschrieben. Warum hat man es jetzt weggelassen? Konnte man sich nicht entscheiden oder einigen?
Dafür hat man das Wort "fertigbringen" hinzugefügt, und zwar in obligatorischer Zusammenschreibung unter Verweis auf § 34(2.2). Also soll es sich dabei offenbar um eine "idiomatisierte Gesamtbedeutung" handeln. Gilt das auch für das ganz ähnliche Wort "fertigstellen"? Warum hat man es aber dann aus der Wörterliste getilgt?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.03.2006 um 20.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3477

Ich glaube, im Alemannischen werden eu und äu unterschiedlich ausgesprochen. Es scheint aber, daß den Kindern in der Schule die landschaftlich gefärbte Aussprache des Hochdeutschen ausgetrieben wird, sonst hätten mehr Leute protestiert. In Österreich scheint das Gegenteil der Fall zu sein, dort scheint die österreichisch gefärbte Aussprache des Hochdeutschen in Rundfunk und Fernsehen Vorschrift zu sein: In Österreich sprechen nur Ausländer reines Hochdeutsch.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 23.03.2006 um 20.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3476

In der hochdeutschen Standardaussprache (auf die sich die Reformregeln beziehen) sind das Homonyme, so wie sich zum Beispiel auch heulen und Säulen nur im ersten Laut unterscheiden. In den Dialekten können die Verhältnisse natürlich anders sein.
 
 

Kommentar von Ursula Morin, verfaßt am 23.03.2006 um 19.27 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3474

Sind "greulich" und "gräulich" tatsächlich Homophone? In meiner (süddeutsch gefärbten) Aussprache unterscheiden sie sich deutlich (eu bzw. oi). Das hat mich an den geänderten Wörtern immer besonders gestört, da sich die Aussprache ja im frühen Kindesalter schon einprägt, und es für die Kinder in der Schule sicherlich keine Erleichterung darstellt, abweichend von der Aussprache zu schreiben. Vielleicht können die hier anwesenden Experten dies kurz beantworten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.03.2006 um 10.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3473

Beispiele für "stellen" allein: eine Person oder ein Tier stellen (zum Stehen bringen), Soldaten stellen (entsenden), eine Rechnung stellen (erstellen, zuschicken). Stellen kann man eine Person, die "fix und fertig ist"; ein Heer, das fertig ausgerüstet ist; eine fertige Rechnung zuschicken.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.03.2006 um 22.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3471

Bei der Getrenntschreibung "fertig stellen" gibt "fertig" an, wie man etwas "stellt". "Stellen" ist als Basisverb allein fast ungebräuchlich, es wird allein eigentlich nur reflexiv oder aber mit Vorsilben gebraucht, und mit Präfixen ist die Getrenntschreibung von "fertig" sinnvoll.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.03.2006 um 21.36 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3470

Zu den unbeantworteten Fragen gehört auch, wie man "fertigstellen" schreiben soll. Gibt es die Wahl zwischen "fertig stellen" und "fertigstellen"? Oder liegt eine "ideomatisierte Gesambedeutung" vor, so daß man nur "fertigstellen" schreiben darf?
Die Wörterliste gibt darauf keine Antwort.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.03.2006 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3432

Die Parallelität zwischen Englisch und Deutsch: the grisly bear - der gräßliche, schreckliche (greuliche) Bär; the grizzly bear - der graue, grauhaarige (gräuliche) Bär. (The "grizzly" für "grizzly bear" ist Umgangssprache oder Amerikanismus.) Die Deutschen machen mit "greulich" zu "gräulich" etwas, was die Engländer nie wagen würden: Homophone zu Homonymen machen, wodurch die englische Sprache unlesbar würde und zahllose Wörter vernichtet würden. Die konservative englische Schriftsprache ist für den Leser gedacht und vermeidet Mißverständnisse.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.03.2006 um 05.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3431

Zum "Handlungsbedarf" hier noch einmal die vollständige Augstsche Liste einzudeutschender Fremdwörter mit Konsonantenverdoppelung aus dem Jahre 1985: Bopp (statt Bob), fitt, Flopp, Frittfliege, Hitt, Mopp, Pepp, Popp, Sett, Stepp, Stopp, Stripp, Tipp, Topp. Die Zwischenstaatliche Kommission, in der er immer noch den Ton angab, fügte Shopp und Chatt hinzu. Hätte man sie gewähren lassen, dann wäre es sicherlich noch zu diesen Änderungen gekommen. Ich nehme an, daß solche Erscheinungen dazu beigetragen haben, die Kommission aufzulösen; sie standen im Widerspruch zu den Plänen der Kultusministerien, die RSR nach Möglichkeit zu entschärfen.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 18.03.2006 um 02.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3429

Besonders schön ist auch der "Grisli". Nicht nur, daß diese Schreibung den berüchtigten "Regeln" zur Konsonantenverdoppelung widerspricht; spätestens wenn im Englischunterricht der "Grizzly" vom Adjektiv "grisly" unterschieden werden muß, gerät das Ganze zur Farce, weil zur Verwirrung im Englischen auch noch die im Deutschen hinzukommt, nämlich mit dem nicht mehr unterscheidbaren "gräulich". Was wird wohl aus dem "grisly forest"? Ein gräulicher oder greulicher Wald oder einer, in dem große Bären zuhause sind? Welche Verwerfungen im Textverständnis in beiden Sprachen drohen hier?

Eigentlich ein Schenkelklopfer, aber diejenigen, denen die Reform angeblich zugute kommen sollte, sind wahrlich nicht zu beneiden angesichts der Hürden, welche die Reformer hier aufgetürmt haben.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.03.2006 um 01.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3428

Ich habe selber schon einen Haufen Tripps von Berufs wegen korrigiert. Man kann den Befund also großzügig aufrunden.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.03.2006 um 01.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3427

Die Suche nach "Tripp nach" ergibt bereinigt 666 Treffer bei Google. Es ist die Hölle!
 
 

Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 18.03.2006 um 01.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3426

Zu 4 "Fremdwortschreibung"

Man sollte gelegentlich anmerken, daß die "neu geschaffene" Schreibung "Tipp" eine "neu geschaffene" Ausnahme zum §4.1 Amtliche Regelung darstellt, der da lautet:

"In acht Fallgruppen verdoppelt man den Buchstaben für den einzelnen Konsonanten nicht, obwohl dieser einem betonten kurzen Vokal folgt.

Dies betrifft
(1) eine Reihe einsilbiger Wörter (besonders aus dem Englischen), zum Beispiel: ... Bus, Chip, fit, Gag..."

Eigentlich gehört das Wort "Tip" auch in diese Reihe (Gag allerdings nicht, denn der Stammvokal dieses Wortes ist eher lang ...).

In Zeiten, da deutsche Politiker davon schwadronieren, das Deutsche als Amtssprache zugunsten des Englischen abzuschaffen, und in denen schon Kindergartenkinder regelmäßig Englisch lernen, muß die Veränderung der Schreibung eines Wortes verwundern, das nun wirklich niemand je falsch geschrieben hat.

Besonders widersinnig sind Schreibungen der anglomanen Werbewirtschaft wie etwa "Beautytipp" und "Cashtipp".

Immerhin: Die Schreibung "Tipp" wurde breit durchgesetzt, für mich ein Zeichen dafür, wie obrigkeitsstaatlich strukturiert die Untertanen dieses Landes in ihrem Herzen noch sind.
 
 

Kommentar von jms, verfaßt am 17.03.2006 um 01.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3392

Die Liste führt die Mängel und Substanzlosigkeit der "Rechtschreibreform" vor Augen. Wer dennoch meint, sich nun auf einen faulen Kompromiß einlassen zu müssen, offenbart nicht nur intellektuelle Defizite, sondern auch einen Mangel an Charakterfestigkeit. Wer hätte gedacht, daß eine scheinbare Sekundärtugend wie die Orthographie einmal die eklatanten Schwächen der einflußreichen Schichten der deutschen Bevölkerung deutlich macht? Die Zukunft wird immer düsterer. Wo Dummheit regiert, kann es auch keinen Aufschwung geben.
 
 

Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 16.03.2006 um 19.07 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=456#3386

Nicht erwähnt ist hier die Briefanrede. Sie ist im neuen Regelwerk immer noch eine Zumutung: Anstelle der einfachen Regel „In Briefen schreibt man die Anredepronomina groß“ muß man jetzt die vermutliche Schreibung aus folgenden Paragraphen herausdestillieren:

§ 65 Das Anredepronomen Sie und das entsprechende Possessivpronomen Ihr sowie die zugehörigen flektierten Formen schreibt man groß.
§ 66 Die Anredepronomen du und ihr, die entsprechenden Possessivpronomen dein und euer sowie das Reflexivpronomen sich schreibt man klein.
E: In Briefen können die Anredepronomen du und ihr mit ihren Possessivpronomen auch großgeschrieben werden:

Lieber Freund,
ich schreibe dir/Dir diesen Brief und schicke dir/Dir eure/Eure
Bilder…


Das Beispiel zeigt, daß die Reformer ihren Anspruch nicht aufgegeben haben, den persönlichen Umgang der Menschen miteinander (der sie nichts angeht), ihren Vorstellungen zu unterwerfen, indem das Übliche an die zweite Stelle gerückt wird und als vernachlässigenswerte Kann-Vorschrift dargestellt wird.

Ursprünglich sollte ja auch das Klein-Duzen angeblich der „Vereinfachung“ beim Schreibenlernen dienen. Hier war der ganze Erleichterungsschwindel immer besonders absurd, denn es ist ja gerade der Sinn von Höflichkeit, eine geringe Mühe auf sich zu nehmen, um dem anderen seine Aufmerksamkeit zu zeigen.

Zur neuen Variantenschreibung möchte ich wiederholen: Selbst wenn sie nicht in die Rechtschreibung klassisch schreibender Autoren eingreift, ruft über sie das umfunktionierte Textverständnis der indoktrinierten Leser Bedeutungsveränderungen hervor. Mein Beispiel aus Peter Rühmkorfs „Fünffingerverse“:

… die Hand voll Blut
an eine Höhlenwand geklatscht.


Danach wird die Hand an der Wand abgebildet.

Absolventen der Neuschreibschule erkennen in „Hand voll“ aber die kleine Menge, die bisher „Handvoll“ geschrieben wurde. Jetzt ist an der Höhlenwand nur ein großer verspritzter Blutfleck zu sehen. Daß auch „Handvoll“ zulässig ist, nützt hier gar nichts.
 
 

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