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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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17.02.2006
 

Erste Bürgerpflicht
Politiker sollten ja dem Gemeinwohl dienen

Bekommt man mehr oder weniger zufällig Einblick in das, was Kultusminister oder Ministerpräsidenten untereinander wegen der Rechtschreibreform besprechen, so hat man den Eindruck, daß es ihnen nur darum geht, wie sie die Bevölkerung hereinlegen können.
Und das nicht etwa aus Überzeugtheit von der Vortrefflichkeit ihrer Sache, nein, sie sind im Gegenteil eigentlich derselben Meinung wie die Mehrheit, daß die ganze Reform ein elender Mist ist. Vielmehr soll der Bevölkerung beigebracht werde, daß nur Politiker legitimerweise zum Handeln berufen sind und jede Eigenaktivität der Leute unerwünscht ist. Daher die Angst vor Volksentscheiden und das brutale Annullieren eines solchen in Schleswig-Holstein. Bezeichnenderweise waren sich alle sonst zerstrittenen Parteien sofort einig, daß die Volksgesetzgebung so schnell wie möglich vom Tisch mußte.

In diesen Zusammenhang gehört sicher auch die Warnung vor "Panik", sobald irgendeine Gefahr auftaucht und die Bevölkerung ihre Sache selbst in die Hand nimmt. Mir fiel das zum erstenmal auf, als anläßlich von Tschernobyl unsere Bundesregierung es für besonders schlimm zu halten schien, daß manche Leute ihre Salatköpfe wegschmissen und wohl gar die oberste Bodenschicht ihrer Gartenbeete abtrugen. Das wurde aufs schärfste mißbilligt, obwohl es ja niemandem einen Schaden zufügte. Heute ist es die Vogelgrippe, gegen die von der Regierung zwar kaum Vorkehrungen getroffen wurden, aber an Warnungen vor "Panik" läßt sie es nicht fehlen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, und Regierungen irren nie. Was will Zehetmair in Übereinstimmung mit der KMK? Den "Rechtschreibfrieden" – und nicht etwa eine sprachlich richtige Rechtschreibung, wie wir sie mal hatten.



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Kommentare zu »Erste Bürgerpflicht«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2019 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#40706

Noch einmal zum Wildschweinbestand:

In Deutschland wurden allein in der Saison 2017/2018 nach Angaben des Deutschen Jagdverbandes fast 837.000 Wildschweine erlegt.

Den Gesamtbestand kenne ich immer noch nicht. Knapp geschätzt dürfte auf 15 bis 20 Einwohner ein Wildschwein kommen. Unsere Wälder sind ziemlich belebt, vor allem nachts.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.12.2017 um 18.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#37194

Deshalb besuchen wir ja auch Radon-Heilbäder. Davon kann man gar nicht genug abkriegen; die "Grenzwerte" sind wahrscheinlich falsch verstandene Mindestdosen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 05.12.2017 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#37193

Die Radioaktivität scheint den Wildschweinen ja richtig gut zu tun.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2017 um 18.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#37184

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#18519

Einige Jahre später: Auch dieses Jahr wird in Bayern jedes dritte Wildschwein entsorgt, weil die Radioaktivität bis zum Achtfachen über dem Grenzwert liegt (der auch nicht über jeden Zweifel erhaben ist). Die Jäger bekommen vom Staat gut 200 € für jedes ausgewachsene Tier.

Übrigens habe ich nie feststellen können, wie hoch der Wildschweinbestand geschätzt wird. "Invasion" nennt es der Bayernkurier, aber das ist falsch, sie vermehren sich ja hier.

Jährlich werden über 600.000 erlegt, der Gesamtbestand liegt also bei einigen Millionen. Wir halten uns viel im Freien auf, sind fast jeden Tag in den Wäldern. Komischer Gedanke, daß da auf Schritt und Tritt die Sauen liegen müssen, auch wenn man sie nicht sieht, dazu die Rehe.

Tierfreunde schreiben, die Schweine holten sich einfach ihren Lebensraum zurück, aber in Wirklichkeit hat es noch nie annähernd so viele gegeben - wir mästen sie geradezu. Darum nehmen auch die "Angriffe" zu, wie eine Zeitung sehr schlau bemerkt, und natürlich die Wildunfälle (fast 3 Mill. im Jahr).
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 01.03.2016 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#31823

Interessante Artikelserie um den Zustand unserer Demokratien:

Die entwickelten Demokratien der Welt stehen am Abgrund

Wolfgang J. Koschnick 19.12.2013

Eine Demokratie haben wir schon lange nicht mehr - Teil 1

http://www.heise.de/tp/artikel/40/40546/1.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.03.2016 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#31821

Den Einsatz des Bundestrojaners hat das Bundesverfassungsgericht an hohe Auflagen geknüpft, unter anderem an eine richterliche Anordnung. Das sollte genügen. (Jasper von Altenbockum, FAZ 23.2.16)

In sicherer Entferung vom Politikteil rückt Frank Rieger das zurecht, wie zuvor schon Constanze Kurz, beide vom CCC. Dort kennt man sich eben mit der Technik etwas besser aus.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.09.2015 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#29833

Seit 1965 werden in den USA jährlich durchschnittlich acht Pestfälle verzeichnet.
...
Panik halten die Behörden dennoch nicht für angebracht, ...


(MM, 2.9.2015, S. 13)

Was, wenn sich die Behörden irren und in diesem Fall Panik doch angebracht wäre? Nicht etwa, daß sich mangels Panik das Problem noch verschlimmert ...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.04.2015 um 08.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#28603

In Erinnerung ist noch der trickreich formulierte Text beim Volksentscheid in SH. Nachbefragungen haben ergeben, daß viele Bürger glaubten. gegen die Rechtschreibreform gestimmt zu haben, während sie in Wirklichkeit dafür gestimmt hatten. Nur weil sie trotzdem deutlich gesiegt hatten, konnte man auf eine Beschwerde verzichten.

Daran fühle ich mich erinnert, wenn hier im Landkreis nächsten Sonntag zwei Bürgerentscheide zum Bau einer sogenannten "Stadt-Umland-Bahn" stattfinden. Als Stichfrage steht zur Wahl: Welche der beiden anderen Abstimmungen soll gelten, wenn sie einander widersprechende Antworten ergeben? Das kann ja nur eintreten, wenn viele Bürger, ohne es zu merken, zugleich für und gegen die Bahnlinie stimmen. Der Text ist denn auch insgesamt ziemlich unverständlich.

(Übrigens werben fast alle Parteien heftig für diese neue Bahnstrecke, die anstelle der Busse einige wenige Ortschaften verbinden soll, wegen der Pendlerströme zweimal am Tag. Allerdings winkt viel Geld vom Land, und das ist wohl unwiderstehlich, wie einst bei den zahllosen Schwimmbädern und Mehrzweckhallen auf den Dörfern. Die sprachliche Verunklarung könnte auch diesmal Absicht sein.)

Ich bin früher oft Wahlhelfer gewesen, aber diesmal möchte ich nicht an der Auszählung beteiligt sein.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.10.2014 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#27054

Der erste Ebola-Tote in Deutschland ist kein Grund zur Panikmache.
Das schreiben welt.de und ähnlich viele andere, das liest man in den Zeitungen und hört man im Radio.
Ebola also auch nicht. Wir werden es wohl nie erfahren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.06.2014 um 15.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#26187

Warnungen vor Legionellen verunsichern viele Mieter. Doch Experten sehen keinen Grund zur Panik
... Bürger sind verunsichert. Doch Experten sehen keinen Grund zur Panik. "Es gibt keine wirkliche Zunahme an Legionellen-Fällen" ...
(MM, 29.6.14, S. 5)

Hoffentlich wird dann ggf. auch mitgeteilt, wenn die Experten mal einen hinreichenden Grund für Panik ausmachen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.01.2014 um 01.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#24972

Nachrichten von sexueller Gewalt dominieren seit einiger Zeit das Bild des Subkontinents in den Medien. Vorsicht ist angebracht, Panik dagegen nicht.
(MM, 26.1.14, S. 31)

Nein, sicher nicht. Aber wieder frage ich mich, bei welcher Gelegenheit könnte denn mal ein bißchen Panik angebracht sein?

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.01.2013 um 16.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#22291

Jost de Jager zieht sich aus der Politik zurück, weil er in seiner schleswig-holsteinischen CDU zu wenig Rückhalt hat.

de Jager war anfangs mitsamt seiner Partei gegen die Rechtschreibreform. Aus Gründen, die nur er selbst kennt, war er dann plötzlich dafür und trug dazu bei, den Volksentscheid zu annullieren.

(Wenn ich mich recht entsinne, habe ich ihn – zusammen mit Matthias Dräger – sogar einmal besucht. Wir haben ja mit vielen Spitzenpolitikern gesprochen, Wolfgang Gerhardt, Joachim Herrmann usw., natürlich alles vergeblich. Im Gespräch sind sie voller Einsicht, aber ihr tatsächliches Handeln hängt damit überhaupt nicht zusammen. Das ist das ganze Geheimnis dieses Berufsstandes. Ich habe in jenen Jahren viel Arbeit und Geld in solche Dummheiten investiert.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.04.2011 um 09.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#18522

Nachtrag zu Tschernobyl:
„Der ukrainische Staatspräsident Viktor Janukowitsch sagte zu Beginn der Konferenz in Kiew, Tschernobyl sei eine Katastrophe 'für die ganze Welt' gewesen, deshalb solle nun auch 'die ganze Welt' bei der Beseitigung der Folgen helfen.“ (SZ 20.4.2011)
Logisch!
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.04.2011 um 10.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#18520

Es wird meistens nicht einfach vor Panik gewarnt, das könnte ja ggf. sogar noch sinnvoll sein, sondern es heißt bei allen möglichen Gelegenheiten, daß Panik oder Panikmache aus diesen und jenen Gründen nicht angebracht sei. So als ob durchaus andere Umstände denkbar wären, bei denen Panik und Panikmache einmal ganz nützlich und erwünscht sein könnten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2011 um 10.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#18519

Von "Panik" konnte keine Rede sein. In München lagen die Studenten auf der maiwarmen Wiese, obwohl sogar offiziell davon abgeraten war – man wußte im Augenblick einfach zu wenig über die Gefährdung und wollte auf der sicheren Seite bleiben, aber die meisten Leute kümmerten sich nicht darum. Auch heute wird übrigens bei jeder Gelegenheit vor "Panik" gewarnt, auch wenn es bloß eine sensationelle Zeitungsschlagzeile ist, die allgemeine Aufregung signalisiert, und die Leute im übrigen wie jeden Tag ihren Geschäften nachgehen.

Die Vorsichtsmaßnahmen vor 25 Jahren waren vielleicht teilweise übertrieben, aber man wußte einfach zu wenig in dieser vorbildlosen Situation.

Gegen die Objektivität der Strahlenschutzkommission gab es damals wie heute Vorbehalte. Auch auf anderen Gebieten werden offiziell oder offiziös Meinungen verbreitet, denen nicht zu trauen ist, weil sie offensichtlich bestimmten Wirtschaftsinteressen dienen.

Die Atomkraftwerke sind sicher, okay, aber wenn, wie gelegentlich herauskommt, die Sicherheit manchmal nur noch davon abhängt, daß zwei einsame Angestellte im nächtlichen Kontrollraum wach bleiben und nichts Falsches tun, dann wird man doch nachdenklich. Das betrifft nicht nur Tschernobyl, sondern auch Harrisburg, wie man inzwischen aus der genauen Rekonstruktion des Vorfalls weiß.

Es ist schwer, die Situation vor 25 Jahren heute nachzuvollziehen, ich kann nur sagen, daß mir damals die Rede von "unverantwortlichen" Ratschlägen (mehr war es ja nicht, und keine Spur von "Panik", Herr Achenbach!) völlig unangemessen vorkam. Es kam noch anderes hinzu, aber meine Sammlung von Zeitungsausschnitten habe ich inzwischen weggeworfen.

Übrigens wird noch heute ein großer Teil der in Bayern erlegten Wildschweine entsorgt statt verspeist ...

"Panik" und "Hysterie" sind die beiden Ausdrücke, mit denen auch die geringfügigste Aktivität heute geradezu inflationär belegt wird. Das ist der Lauf der Dinge, wogegen man wohl nichts machen kann: Kraftausdrücke werden gebraucht, nutzen sich ab und werden zu Normalausdrücken. Und "unverantwortlich" ändert dann wohl auch seine Bedeutung und heißt nur noch "unerwünscht".
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 19.04.2011 um 00.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#18518

Man setzt diejenigen Vokabeln präemptiv ein, hinter denen die stärksten Argumente des Gegners zu vermuten sind. Das sind jene, die den eigenen wunden Punkt treffen. So forderte Doris Ahnen in der berühmten Fernsehdiskussion vom Sommer 2004 verzweifelt eine "Versachlichung" der Debatte über die Rechtschreibreform. – Wer den Spielzug kontert, gerät in die Rolle des Papageien. Es macht sich nicht gut, als zweiter "Haltet den Dieb!" zu rufen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 18.04.2011 um 23.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#18516

Ein amtlicher oder nichtamtlicher Rat, der ohne ausreichende fachliche Grundlage erteilt wird, ist durchaus "unverantwortlich", wenn dadurch große Teile der Bevölkerung in unnötige Panik versetzt und womöglich zu Verhaltensweisen veranlaßt werden, die mehr schaden als nützen.

Ob das in den zitierten Beispielen zutrifft, ist allerdings ohne weitere fachliche Angaben nicht zu beurteilen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2011 um 16.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#18514

Einen seltsamen Umgang mit deutschen Wörtern habe ich damals anläßlich Tschernobyl beobachtet und mir auch notiert. Bin gerade wieder darauf gestoßen und will es hier nachtragen:

Als „unverantwortlich“ bezeichnete es Zimmermanns Sprecher, daß der Sprecher des hessischen Umweltministeriums schon am 1. Mai den Müttern geraten habe, Kleinkindern keine Frischmilch mehr zu geben. Damit habe Hessen der Strahlenschutzkommission vorgegriffen. (SZ 14.5.86)

Das Bundesinneministerium hat inzwischen den Rat, die obersten fünf Zentimeter Boden abzutragen, als „unverantwortlich“ zurückgewiesen. (FAZ 14.5.86)

Unverantwortlich kann doch nur etwas sein, wodurch man andere oder sich selbst in große Gefahr begibt.
 
 

Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 22.02.2006 um 18.25 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2844

Statt Frieden wird es eher eine Friedhofsruhe geben. Erschreckend ist und bleibt, wieviele Durchsetzer, Durchführer und willige Vollzieher es auf der einen Seite gibt, sowie Mitläufer und Stillhalter auf der anderen, sonst wäre es ja nie so weit gekommen. Dabei kostet hier die Zivilcourage weder Kopf noch Kragen. Was, wenn sie mal in irgendeiner Sache wieder ein wenig riskant würde?
Boycott der neuen Wörterbücher ist jetzt angesagt, aber es wird nur Kaufzurückhaltung geben.

 
 

Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 22.02.2006 um 09.09 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2819

Ist es nicht vornehmste Pflicht der Politik, Nutzen zu mehren und Schaden abzuwenden?
Wäre es nicht eine vornehme Aufgabe der Politik, schädliche Legenden aufzudecken und Legendenbildungen entgegenzuwirken - statt sogar noch neue zu schaffen?
Muß nicht, wer neue Produkte auf den Markt bringt, deren Unschädlichkeit nachweisen bzw. auf Risiken und Nebenwirkungen ausreichend hinweisen oder andernfalls für Schäden geradestehen?

Wurden Risiken und Nebenwirkungen der R-Reform [wie auch vieler anderer politischer Maßnahmen jüngerer Zeit] vor der Einführung untersucht, abgeschätzt und bekanntgemacht? Wird ihr Nutzen überprüft, nachgewiesen und gegen die (materiellen wie ideellen) Kosten abgewogen? Wird Hinweisen auf mögliche Schäden nachgegangen und wer steht dafür gerade?

Ist in diesem Land ein politischer Amtseid etwas wert?

 
 

Kommentar von buchenstab, verfaßt am 22.02.2006 um 08.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2816

"Manche Legenden gehören zu unserer Seelenausstattung, so daß wir beinahe erschrecken, wenn wir sie in Frage stellen."

Danke, sehr geehrte Frau Karin Pfeiffer-Stolz, für diesen gewaltigen Satz.

Wer trommelt denn am meisten für die Reform? Und für was trommeln diese Leute sonst noch so?


 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 18.02.2006 um 10.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2701

Der Prozeß der Legendenbildung, der den Weg über Gerüchte, Klatsch und Propaganda nimmt und schließlich zu einer nichthinterfragten „Wahrheit“ wird, läßt sich auch bei der sogenannten Rechtschreibreform studieren. Die Entstehung von Legenden steht der Wirklichkeitswahrnehmung im Weg, verschleiert Tatsachen und verhindert damit die notwendige und sinnvolle Korrektur des fatalen Kurses.

Die Legende:
Es sei eine Rechtschreibreform durchgeführt worden, weil die veraltende und komplizierte Schriftsprache eines solchen Eingriffs dringend bedurfte. Leider seien die Veränderungen nicht weit genug gegangen. Mit einigem guten Willen und mit Hilfe von Experten werden wir das hinkriegen. Jetzt sei sich im Namen der Schüler zunächst einmal damit abzufinden.

Dieses Märchen wird mit wechselnden Ausschmückungen gebetsmühlenhaft wiederholt. Gleichzeitig wird über das Joch der Reformschreibung gegreint, was das Zeug hält.
Da steht Mensch also mit den Füßen im Schlamm und beklagt sich über seine verdreckten und kalten Zehen, kommt aber, und das ist das Schizophrene daran, nicht auf die Idee, aus der Dreckkuhle herauszusteigen, was ja eine recht einfache Übung wäre, denn niemand zwingt ihn stehenzubleiben. Er verharrt also in selbstverordneter Hilflosigkeit dort, wo er ist. Er glaubt, sein Schicksal sei unausweichlich. Er ist Opfer einer Legende.

Legendenbildungen gibt es zahlreich in der Politik, und in einige ist man selbst verstrickt: Demokratie, Wohlfahrtstaat, Migrantenpolitik, Verkehrspolitik, Gesundheitswesen, Pädagogik usw. - Legenden sorgen dafür, daß untragbare Zustände über Jahrzehnte hinweg nicht abgeschafft werden. Manche Legenden gehören zu unserer Seelenausstattung, so daß wir beinahe erschrecken, wenn wir sie in Frage stellen. Hier hat die sog. Rechtschreibreform manchem die Augen geöffnet, wie Harald Keilhack treffend bemerkt.

Was tun? Möglichst viele Pressehäuser und Verlage sollten bei der bewährten Orthographie bleiben, unaufgeregt, aber hartnäckig. Das ist die stärkste Medizin gegen Legendenbildung.
(Wie verblüffend stark Gerüchte, Klatsch und Legenden wirken können, beweist, daß allein aufgrund einer (nicht befolgten) Ankündigung im Jahr 2004 immer noch zahlreiche Personen der Meinung sind, der Spiegel sei zur bewährten Ortohgraphie zurückgekehrt - sogar Zehetmair ist der Ansicht, wie wir kürzlich dank Herrn Icklers Berichten auf diesen Seiten lesen durften.)

 
 

Kommentar von GL, verfaßt am 18.02.2006 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2699

Die deutsche Sprachkultur wurde und wird durch Politiker und Verlage mutwillig zerstört. Erste Bürgerpflicht muss sein, dieses vermaledeite Unterfangen endlich zu boykottieren!

Die neuen Wörterbücher werden sich sicher schon im Druck befinden. Warum sollen Eltern erneut geradestehen für die morbiden Beschlüsse derer, die sie ausführen mit dem Profit, den sie brauchen?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.02.2006 um 20.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2698

... jeder halbwegs intelligente Bürger (sofern nicht Politiker, Ministerialbeamter oder Journalist oder Bundesverfassungsrichter) ...
 
 

Kommentar von Harald Keilhack, verfaßt am 17.02.2006 um 18.56 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2697

Im Grunde genommen muß man dem „Projekt Rechtschreibreform“ dankbar sein - es hat jedem kritisch denkenden Bürger vor Augen geführt, wie, in welch sinnentleerter Weise, im Dreieck zwischen Klüngel, Korruption und Inkompetenz in diesem Land wichtige Entscheidungen gefällt und anschließend von der Presse verbrämt werden.
Es gibt ja auch andere - manche sagen wichtigere - Dinge, wie die Finanz- und Wirtschaftspolitik, die Umwelt- und Gesundheitspolitik. Gewiß diffizile Themengebiete, in denen man als Durchschnittsbürger ohne spezielle Vorkenntnisse geneigt wäre, Entscheidungsprozesse vertrauensvoll an die zuständigen „Experten“ zu delegieren. Für die Sprache ist, eigentlich dummerweise, jeder halbwegs intelligente Bürger (sofern nicht Politiker, Ministerialbeamter oder Journalist) selbst Experte.
Nach den Erfahrungen mit der Rechtschreibreform ist es natürlich völlig naiv zu glauben, daß es in irgendeinem der genannten Bereiche - wo uns in diesen Tagen per „Vogelgrippe“ wieder eine neue Sau durchs Mediendorf getrieben wird - anders, sprich vernünftiger zuginge. Überall werden Entscheidungen zu Gunsten einer kleinen Lobby und zum Nachteil des gesamten Volkes getroffen.

 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.02.2006 um 13.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2696

und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (laut Googel)
 
 

Kommentar von Alexander Glück, verfaßt am 17.02.2006 um 12.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2695

"Die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht" (Hans Herbert von Arnim)
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 17.02.2006 um 12.27 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2694

„Und was ist er geworden?“
„Zur Idee, mein Herr. Zur geschichtlichen Notwendigkeit und zu unserer Staatsräson. Ein wichtiger Faktor, der unseren vereinten Anstrengungen einen festen Sinn gibt. Betrachten Sie die Sache aus diesem Blickwinkel, und Sie werden schließlich begreifen, welch fundamentale Fragen dieses mehr oder weniger scheußliche Vieh in sich birgt, wenn es planetare Ausmaße annimmt.“


(Aus Stanisław Lem: Vom Nutzen des Drachen.)

Jaja...
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 17.02.2006 um 10.34 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2685

Das Magazin "monumente" der Deutschen Stiftung Denkmalschutz erscheint nach wie vor in bewährter Rechtschreibung. Um so verwirrter war ich, daß eine 2004 veröffentlichte Monographie über ein großes, schützenswertes Objekt in Reformschreibung abgefaßt war. Meine diesbezügliche Nachfrage an die Geschäftsstelle wurde an die Autorin weitergeleitet. Sie antwortete mir umgehend und führte entschuldigend ins Feld, daß ihre Publikationen auch in Schulen benutzt würden, und dort sei nur die Reformschreibung erlaubt. So habe sie sich schließlich "durchgerungen", mit der besagten Publikation erstmals dem Neuschrieb zu folgen.
Daraufhin gab ich unter anderem zu bedenken, daß die Schule kein Maßstab sein könne und die Sache ohnehin zum Himmel stinke. Als Antwort schrieb mir die Dame jetzt einen aufschlußreichen, die ganze künstlich erzeugte Misere kennzeichnenden Brief, aus dem ich diesen Abschnitt zitieren möchte:
"Sie haben einfach so recht! Ich komme soeben von einem zweitägigen Aufenthalt in Bonn wieder ins Büro und lese Ihre Email. Natürlich war das Thema Rechtschreibreform abermals ein Diskussionsgegenstand in der Stiftung. Die Zeitschrift monumente bleibt weiterhin – als Reaktion auf die Briefe ihrer Leser – bei der richtigen Schreibweise, während ich den Jahresbericht der Stiftung in Absprache mit der Geschäftsleitung seit einigen Jahren bitte in 'gemäßigter neuer' Rechtschreibung abfassen möge.
In der Tat fühle ich seit der unseligen 'Reform' schizophrene Tendenzen bei mir aufkeimen, denn so vielfältig wie die Varianten und (faulen) Kompromisse zwischen alter und neuer Rechtschreibung, so differenziert und individuell lauten die Anweisungen meiner Auftraggeber auf meine Fragen, welche Schreibweise sie denn nun wünschen. ... Danke Ihnen sehr für Ihre kritischen Ausführungen! Es ist gut und wichtig, sich selbst als Körnchen Sand im zuweilen unseligen Getriebe der politischen Entscheidungen zu begreifen."

 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 17.02.2006 um 10.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=420#2684

Hier sollte auch noch einmal daran erinnert werden, daß H. Kuhlmann in ihrer bekannten Arbeit die "Entpolitisierung" der Rechtscheibreform bzw. ihrer Durchsetzung zu einem Leitgedanken entwicklet hat. Das wurde manchmal mißverstanden in dem Sinne, als habe "die Politik" sich nicht mit der Reform befaßt. Inzwischen ist klargeworden, daß es eine wirkliche politische Auseinandersetzung eben nicht gegeben hat. Der skandalöse Vorgang in Schleswig-Holstein belegt das aufs deutlichste. Auch sonst gab es immer wieder große Koalitionen.
 
 

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