zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Theodor Icklers Sprachtagebuch

Die neuesten Kommentare


Zum vorherigen / nächsten Tagebucheintrag

Zu den Kommentaren zu diesem Tagebucheintrag | einen Kommentar dazu schreiben


04.07.2012
 

Geschichte und Wahrheit
Unbehagen an Fiktionalisierung

Ein ähnliches Unbehagen wie an der Romangattung, für die wir schon Kehlmanns "Vermessung" diskutiert haben, beschleicht einen ja auch anderswo.
In Bilderbüchern für Kinder wimmelt es von vierbeinigen Insekten und sechsbeinigen Spinnen. Vermenschlichte Schnecken haben irgendwo Augen, die sie physiognomisch faßlicher machen, aber die Fühler stehen auch noch irgendwie herum. Je besser man sich auskennt, desto weniger gelingt es einem, das niedlich zu finden, es sieht bloß noch verkrüppelt aus. Kupierte Hunde (heute verboten) wirken auf den Kenner wie Menschen, denen man die Zunge herausgeschnitten hat; schön ist das nicht.
Nun, das ist mir eingefallen, als ich mir gestern den berühmten Film "Gladiator" von Scott Ridley angesehen habe, den meine Töchter mir verordnet hatten. Als Film sicherlich gut gemacht, spannend, gute Schauspieler, dezente Animation usw. Aber wenn man einen Blck für historische Wahrheit hat, wird man ein Unbehagen nicht los. Es stimmt ja alles nicht, die Kleider, die Waffen, die Worte, die Bauwerke und die Handlung. Kann man darüber hinwegsehen? Wenn es um das Allgemeinmenschliche geht und einfach um eine spannende Handlung, warum müssen es dann die Römer und ganz bestimmte Kaiser usw. sein? Beim Publikum, das nichts Originales kennt, muß der Eindruck zurückbleiben, man habe nun doch etwas über die Römer gelernt. Der durchaus artikulierte Vorbehalt verliert sich, der Eindruck bleibt. Wenn ich an die Massen von Fernseh-Infotainment denke, die der Normalmensch in sich hineinschlingt, habe ich doch schwere Bedenken, ob diese suggerierte Augenzeugenschaft nicht eine falschere "Bildung" hinterläßt als früher die kritiklos tradierten Mythen vom Alten Fritz und Kaiser Friedrich lobesam.



Diesen Beitrag drucken.

Kommentare zu »Geschichte und Wahrheit«
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2019 um 07.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#40547

Nachdem man Menasses EU-Roman als einen Text gelesen und gefeiert hat, der Erkenntnisse über die EU enthalte, muß man auch andere Texte von ihm in pragmatischer Absicht lesen und diskutieren, und so kommt es zu einem "Fall Menasse". Er hat immerhin seine 15 Minuten Ruhm.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2019 um 08.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#40452

Nun beschäftigen sich viele mit dem Schriftsteller Robert Menasse. Der hat Walter Hallstein eine Rede in den Mund gelegt, die nie gehalten wurde usw.

Das Grundproblem ist aber doch, daß man Leute ernst nimmt, die ausdrücklich Narrenfreiheit für sich in Anspruch nehmen, unter welchen schönen Umschreibungen auch immer.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2018 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#40272

Historiker bemühen sich, die Geschichte, wie sie wirklich war, unter der Decke von Legenden hervorzuziehen ("War Karl der Kahle wirklich kahl?"). Zugleich tauchen in unserem postmodernen Zeitalter unzählige Romanschreiber die Geschichte wieder in einen Nebel aus mehr oder weniger übermütigen Fiktionen. Beinahe täglich werden "historische Romane" angekündigt, gerade eben zum Beispiel einer, der Johann Sebastian Bach nach Dresden kommen läßt und eine Episode schildert, die nicht stattgefunden hat, wie in einem Nachwort aus befreundeter Feder auch klargestellt wird. Etwas wird trotzdem hängenbleiben. "Wem schadet es?" könnte man fragen. Ich weiß nicht recht. Aber wer würde eine solche Geschichte lesen, wenn sie nicht schon im Titel an den berühmten Namen angehängt wäre? Früher war die Legendenbildung naiv und unvermeidlich, heute ist sie verspielt und kommerziell.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.11.2018 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#40130

Alle drei Tage wird eine Frau von ihrem Partner oder Expartner getötet. Dazu ein Foto (zusammengekrümmte Frau, zwischen den breiten Beinen eines Mannes hindurch fotografiert):

Gewalt gegen Frauen: Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen. (Symbolbild) (Quelle: Maurizio Gambarini/dpa)

Jetzt wissen wir endlich, wie so etwas aussieht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2018 um 19.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#39215

In einem Rückblick auf 20 Jahre Rechtschreibreform schreibt Anja Kühne:

Und heute? „Vieles ist einfacher geworden, weil viele Ausnahmen abgeschafft wurden“, sagt Andrea Watermeyer, Verlagsleiterin Grundschule des Schulbuchverlags der Westermann Gruppe. Schüler müssten sich nun nicht mehr lauter Sonderregelungen und Ausnahmen merken. „Heute geht es vielmehr darum, Strukturen zu verstehen, Analogien zu erkennen und sich so die korrekte Schreibung selbst herleiten zu können.“ (Potsdamer Neueste Nachrichten 29.7.18)

und läßt es unkommentiert stehen, so daß die Leser es für wahr halten müssen.

Der Rest ist Hofberichterstattung vom Rechtschreibrat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2018 um 20.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#39024

NZZ über Bachmann-Preisträgerin:

"Unspektakulär, aber mit poetischer Genauigkeit zeichnet die Autorin das Porträt eines Flüchtlings, der sich wie die titelgebenden Frösche am falschen Ort befindet."

Wie kann man die "Genauigkeit" erkennen, wo es sich doch um eine erfundene Geschichte handelt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.10.2017 um 07.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#36405

Der etwas matte Film "Elvis & Nixon" beansprucht sicher nicht, historisch genau zu sein, und dennoch wirft er dasselbe Problem auf. Während einige Szenen hinzuerfunden sind, werden sicher überlieferte andere überhaupt nicht gebracht. Zum Beispiel kramte Elvis selbst in der Schublade des Präsidentenschreibtischs, um Souvenirs für die Ehefrauen herauszusuchen; und der lässige Kernsatz fehlt ganz ("Sie haben Ihre Show und ich habe meine.") Daß Elvis in Washington noch jemanden traf (Joyce Bova, mit Folgen), kommt gar nicht vor. Elvis wirkt auch viel abgeschlaffter, als er 1971 war. Daß er über seinen totgeborenen Zwillingsbruder nachsinnt, entspricht der modischen Twinless-twin-Psychoanalyse. Die Rolle Jerry Schillings, der als Berater mitwirkte, wird zu sehr in den Vordergrund gerückt. Usw. – Andererseits bleibt der Film zu nahe am Dokumentarischen, um wirklich lustig zu sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2017 um 14.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#35659

Stets reicherte Härtling das recherchierte Material mit den Erfindungen seiner Phantasie an, um es auf authentische Weise zum Sprechen zu bringen. (NZZ 10.7.17 Nachruf)

Die übliche Geistreichelei, gerade das Erfundene "authentisch" zu nennen. Ich mache mir nichts aus dem Genre der Romanbiographie. Wäre ich Historiker, hätte ich unüberwindliche Hemmungen, den Gestalten, die es wirklich gegeben hat, wörtliche Rede in den Mund zu legen. Daran merke ich, daß ich kein Schriftsteller bin.
Thukydides läßt seine Akteure Reden halten, erklärt aber ausdrücklich, daß dies nur ein Kunstmittel ist, um die Standpunkte besonders klar herauszuarbeiten.
Kehlmanns Buch legt sich wie ein Schleier über unser Bild von Humboldt und Gauß. Ich habe zwar versucht, mich dagegen zu wehren, aber mit dem zeitlichen Abstand merke ich, daß ich mich lange mit den Quellen beschäftigen müßte, um den Schleier völlig loszuwerden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2016 um 16.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#34199

Noch einmal zu Turing: Ganz gut kommt im Film heraus (naheliegenderweise), daß der Geheimdienst, wenn er die gegnerische Kryptographie entschlüsselt hat, zunächst von diesem Wissen keinen Gebrauch machen darf. Deshalb kann es dann zu weiteren Opfern kommen usw., echt tragisch.

Angesichts der gegenwärtigen Meldungen über Hacker denke ich mir, daß die gewaltigen Geheimdienste (z. B. der billionenteure amerikanische) wahrscheinlich längst wissen, wie man in die vernetzte Welt eines anderen Staates eindringt und das ganze Land lahmlegt oder sogar in eine Katastrophe stürzt. Dieses Wissen hebt man sich aber für den Ernstfall auf. Jedenfalls ist es billiger, als Bombenteppiche zu legen, mit eigenen Verlusten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2016 um 12.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#32447

Der Film über Bobby Fischer und die Schach-WM in Reykjavik scheint ja, nach Jürgen Kaubes Besprechung in der FAZ, ziemlich fehlerhaft zu sein, aber selbst wenn es nicht so wäre, bekäme man wieder mal ein Bild eingeprägt, das sich über die Wirklichkeit legt und sie verdrängt.
In seiner (schlechten, angeberischen) Autobiographie berichtet Jerry Weintraub über seinen Besuch bei Fischer in dessen Hotel; das ist immerhin ganz interessant, kommt aber im Film bestimmt nicht vor.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.04.2016 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#32358

Noch einmal zu den "Symbolbildern":

In der FAZ vom 21.4.16 steht ein längerer Bericht von Heike Schmoll über Rechtschreibunterricht mit Ausländerkindern, gegen die Methode Reichen usw. Darüber sieht man ein Foto der Agentur imago: ein Ringbuch und einen Kugelschreiber der folgendes zustande gebracht haben soll: Ich fare mitt Fata im Audo inn die Färrien. Die Fehler wirken künstlich eingebaut, vor allem aber verrät die trotz aller Verstellung ausgeschriebene Erwachsenenschrift, daß es sich wieder mal nur um ein „Symbolbild“ handelt. (Man beachte besonders das kleine „a“ und „r“!)

(Viele Beobachter scheinen froh zu sein, in der Methode "Schreiben nach Gehör" den Schuldigen gefunden zu haben, aber das ist ein anderes Kapitel.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2016 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#32222

Wie ich lese, sind zeitgeschichtliche Vorgänge verfilmt worden, während noch Gerichtsverfahren dazu laufen oder Untersuchungsausschüsse tätig sind. Man kann niemanden daran hindern. Der Kunstvorbehalt deckt alles, und die Behauptung, man erhebe ja keinen Anspruch auf Wahrheit, ist schwer zu widerlegen, auch wenn die "Ähnlichkeit mit lebenden Personen" usw. nicht zufällig, sondern der Kern des Interesses an solchen Produkten ist. Jeder weiß auch, daß die fernsehgerechten Simulationen nie wieder aus der Welt und aus dem Gedächtnis zu schaffen sind.
Das ist wie mit den "Symbolfotos", nur eben ins Überdimensionale gesteigert. Ich hatte schon Sophie Scholl erwähnt – sah sie etwa nicht so aus, wie man sie auf der Leinwand und dem Bildschirm gesehen hat? Und Anne Frank? Und nun die links- und die rechtsradikalen kriminellen Vereinigungen?

Nicht jeder hat das Glück, wie Elvis Presley so bekannt zu sein, daß ein alberner Spielfilm die Erinnerung nicht zudecken kann.

Das Genre bleibt problematisch, und ich halte mich fern davon, soweit möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.03.2016 um 09.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#32111

Gestern abend allein zu Haus, bin ich gleich auf Allotria verfallen und habe mir "The Imitation Game" angesehen, also den Film über Alan Turing. Noch einmal das Problem mit Historienfilmen, Kriegsbilder kurz eingeblendet.
Einiges fiel mir gleich auf, anderes habe ich in Wikipedia nachgelesen, in der englischen Fassung auch die übliche Rechtfertigung der Eingriffe: es gehe um die innere Wahrheit usw.
Wer überhaupt noch nichts von dieser Geschichte weiß, ist hinterher ein bißchen weniger unwissend. Im übrigen ist man besser dran, wenn man das ganze nur als Unterhaltung nimmt. Das Thema Kryptographie ist ja auch wenig geeignet für einen Film, Mathematik schon gar nicht, die spiegelt sich nur in zergrübelten Gesichtern. Die Maschinen sind hübsch anzusehen und werden ausgekostet. Human interest wird hinzuerfunden, weil die Sache selbst eben für Hollywood so wenig hergibt.
Sobald man als Zuschauer anfängt, sich zu identifizieren und mitzufühlen (und wie anders könnte es bei Spielfilmen sein?), ist man verloren. Wenn etwas daran läge, würde es mir schwerfallen, die Bebilderung wieder loszuwerden.
Die Lösung wäre, einen fiktiven Helden in einer erfundenen Umgebung zu zeigen. Dann wäre der Film auch freier, Liebesgeschichten, Homosexualität usw. einzuführen oder wegzulassen und brauchte sich auch nicht mit dem Problem des vorab feststehenden Endes herumzuschlagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2016 um 07.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31977

Und noch etwas: Als ich kürzlich die Verfilmung noch einmal sah, fiel mir wieder mal auf, wie verwöhnt wir heute sind. Ich sehe ja nicht oft Filme, höchstens mal Harry Potter und so, aber ich bewundere immer sehr die Technik, die z. B. computergenerierte Figuren so geschickt in wirklich aufgenommene Szenen einbaut, daß sogar der Schattenwurf stimmt (soweit mein Auge es beurteilen kann, wir sind ja nicht besonders gut darin). Nun, in "To kill a mocking bird" und anderen Filmen jener Zeit werfen die Figuren ihre Schatten nach allen Seiten, auch auf Hauswände und Baumstämme, außer dem richtigen Schatten, den das Sonnenlicht verursacht. Das haben wir damals hingenommen wie in der Stummfilmzeit, als die Cowboys samt Pferden von mehreren Schatten begleitet durch die Prärie zogen. Die Scheinwerfer waren einfach notwendig, darüber sah man dann hinweg.
Die Begrenzung der technischen Mittel (Schwarzweiß, geruhsames Tempo usw.) ist in unseren Augen kein Mangel, aber Jugendliche lassen sich schwer für die Kunst der guten alten Zeit gewinnen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.02.2016 um 21.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31752

Muckefuck ist aber ursprünglich wohl rheinisch und nicht etwa hamburgisch, wo man eher englische Einflüsse annehmen könnte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2016 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31751

Noch zum mockingbird: Vor ungefähr 50 Jahren ist mir eingefallen, daß Muckefuck von mock coffee kommen könnte, aber auf mich hört ja keiner.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2016 um 07.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31747

Eine Bürgerinitiative möchte den Gedenkstein für Atticus Finch vor dem Gerichtsgebäude von Monroeville entfernen lassen, nachdem sich durch jenes andere Buch herausgestellt hat, daß Finch eigentlich ein Rassist war...
Das ist wohl der Preis, den es kostet, wenn ein Roman zum Nationalepos aufrückt.
Ähnlich hat ja Christa Wolf die Wahrheit über Medea enthüllt, nur daß sich niemand dafür interessiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2016 um 07.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31746

Wenn ich es recht verstehe, gehört die Spottdrossel weder zu den Drosseln noch zu den Spöttern. "Spotten" heißt in der Vogelkunde "nachahmen", das muß man hinnehmen wie das "Hassen" in der Verhaltensforschung.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 21.02.2016 um 19.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31738

Zu #31727, "Darüberhinaus hat der Übersetzer töten zu stören verharmlost. Warum?" - Ich vermute, des Klanges wegen. Denn "tötet" klingt am Ende nun einmal härter, kälter, was weiß ich, als "bird". Auch die Klangähnlichkeit von "bird" und "stört" könnte eine Rolle gespielt haben. Dazu kommt aber noch, daß Titel durchaus oft von Verlagen zum Verkauf eines Buches, naja, einbestimmt werden. So war ja z.B. auch *Der Untergang des Abendlandes* vom Autor selbst nicht ganz so dramatisch gemeint.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 21.02.2016 um 18.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31737

Die Bezeichnung Spottdrossel ist eigentlich unzutreffend, denn es handelt sich nach aktueller Taxonomie nicht um eine Drossel. Auch der Wortteil Spott ist zwar vertretbar aber dennoch etwas zweifelhaft, da der Vogel nach seiner Fähigkeit, andere Tierstimmen und auch Geräusche nachzuahmen, benannt ist. Das Verb to mock kann sowohl verspotten als auch nachahmen bedeuten. Als Verbindungsglied zwischen beiden Bedeutungen könnte man das Nachäffen ansehen.

Buch- und Filmtitel werden selten wörtlich übersetzt, da darin enthaltene Begriffe oder Anspielungen in einer Fremdsprache oft nicht ohne weiteres wiedergegeben oder verstanden werden können. So ist eben die Spottdrossel in Deutschland kaum bekannt. Besonders bei Filmen erlauben sich die Verleiher sehr große Freiheiten bei der Betitelung.

In Frankreich ist der Roman unter drei verschiedenen Titeln mit jeweils verschiedenen Vögeln herausgegeben worden: Nachtigall, Lerche, Spottvogel (oiseau moqueur).

Die Verfilmung erhielt einen weiteren Titel, der ganz ohne Vögel auskommt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.02.2016 um 01.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31729

Man findet mehrere Belege im Internet, wo die Spottdrossel auch einfach Spottvogel genannt wird. Sehr bekannt ist die Vogelart in Deutschland wohl unter beiden Namen nicht.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.02.2016 um 23.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31728

Spottdrossel.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.02.2016 um 23.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31727

Es ist ein Lieblingsthema der amerikanischen Schriftsteller, den Gesang des Spottvogels mit dem der Nachtigall, den viele Amerikaner gar nicht kennen, zu vergleichen. Audubon vergleicht die Nachtigall mit einer Soubrette, die, wenn sie sich unter einem Mozart ausbilden könnte, vielleicht mit der Zeit sehr anziehend werden dürfte. Dem Spottvogel hingegen erkennt er vollendete Virtuosität zu.
(wickisource.org)

Den Spottvogel kennen halt wiederum viele Deutsche gar nicht, und sein Name, sowohl auf deutsch wie auf englisch, ist auch nicht gerade sehr romantisch. Aber warum muß eine Übersetzung etwas romantisieren?

Darüberhinaus hat der Übersetzer töten zu stören verharmlost. Warum?

Es ist klar, daß eine Übersetzung nicht immer ganz wörtlich sein kann. Aber sie darf auch nicht zu erfinderisch sein. Besonders bei Lyrikübersetzungen aus dem Chinesischen ist selbst für jemand wie mich, der nur rudimentäre Sprachkenntnisse hat, ganz offensichtlich, wie sehr oft die Phantasie der Übersetzer blüht und dadurch Inhalt und Stimmung des Originals verfälscht werden.

Bei Ihren Übersetzungen aus dem Koreanischen, lieber Prof. Ickler, habe ich glücklicherweise nicht diesen Eindruck. Ich muß das so sagen, weil ich leider kein Wort Koreanisch kann. Aber es würde mich sehr interessieren„ wenn Sie auf Ihre Sicht zu diesem Problem einmal näher eingehen könnten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2016 um 06.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#31719

Mehrere Zeitungen entblöden sich nicht, das Nächstliegende zu tun und Harper Lees Ableben mit dem Satz zu kommentieren, die Nachtigall singe nun nicht mehr. Dabei kommt ja die Nachtigall nur in der deutschen Übersetzung von Buch- und Filmtitel vor.

Da ich die deutsche Fassung des Films nicht gesehen habe, weiß ich nicht, ob der Negro an die PC angepaßt worden ist, aber in den Nachrufen wird er teils als Schwarzer, teils als Afroamerikaner bezeichnet. Kann man sich vorstellen, daß Gregory Peck so redet?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.09.2015 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#29960

Wieder ein Roman "über" Konzentrationslager. Aber ein Roman kann nicht "über" etwas anderes sein als über die Erfindungen seines Verfassers. „Now for the poet, he nothing affirmeth, and therefore never lieth.“ (Philip Sidney) Das ist der kürzeste Ausdruck der Referenzlosigkeit fiktionaler Schriften.

Ich kann so etwas nicht lesen, entsprechende Filme nicht ansehen, dazu habe ich zu viel Dokumentarisches im Kopf.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.08.2015 um 11.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#29706

Ich empfehle "Hans Traxler, Die Wahrheit über Hänsel und Gretel".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2015 um 05.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#29701

Noch einmal zum guten Atticus Finch:

Harper Lees neuer Roman "Gehe hin, stelle einen Wächter" ist eher konventionell erzählt. Trotzdem schafft Lee eine Überraschung: Sie bringt ihren vor Jahrzehnten in "Wer die Nachtigall stört" aufgestellten Helden zu Fall. (Maike Albath im DLF 18.7.15: Amerikanische Ikone entzaubert)

Die Verfasserin ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Lee schafft also nicht nur das Unmögliche, den Helden eines Romans durch den Helden eines anderen Romans "zu Fall zu bringen", sondern dies auch noch ("trotzdem") in einer konventionellen Erzählung!

Es erinnert an "Die Wahrheit über Rotkäppchen". Als ob das kleine Mädchen außerhalb des Märchens existierte, so daß es eine Enthüllungsgeschichte geben könnte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2015 um 08.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#29459

Übrigens: Der Wikipedia-Eintrag über Mary Badham ist in einer grotesken Prosa verfaßt:

Die Neunjährige verfügte über keine professionelle schauspielerische Ausbildung, als sie 1962 unter zweitausend jungen Mädchen ausgewählt wurde, die weibliche Hauptrolle in der gleichnamigen Hollywood-Verfilmung von Harper Lees preisgekröntem Roman "Wer die Nachtigall stört" zu interpretieren. In dem Drama von Robert Mulligan mimte sie an der Seite von Gregory Peck und Robert Duvall die aufgeweckte Jean Louise Scout Finch, die Anfang der 1930er Jahre als Tochter eines weißen Anwalts mit dem Rassismus in den US-amerikanischen Südstaaten konfrontiert wird. Der Filmversion von "Wer die Nachtigall stört" war Erfolg bei Kritikern und Publikum beschieden und errang bei der Oscarverleihung im Jahr 1963 drei Siege. Dagegen nicht triumphieren konnte die zehnjährige Mary Badham, die zum damaligen Zeitpunkt als jüngste je für den Academy Award nominierte Aktrice in der Kategorie Beste Nebendarstellerin der sechs Jahre älteren Jungschauspielerin Patty Duke (Licht im Dunkel) unterlag. Dieser Rekord sollte erst im Jahr 1973 durch ihre Landsfrau Tatum O'Neal (Paper Moon) eingestellt werden, die bei Bekanntgabe ihrer Nominierung in selbiger Kategorie mit zehn Jahren und 106 Tagen genau 37 Tage jünger war als Badham.

Das kleine Mädchen hat die Rolle nicht interpretiert, sondern gespielt, und sie hat Scout auch nicht gemimt, sondern eben gespielt. Daß die Neunjähre keine professionelle Ausbildung hatte, soll wohl heißen, daß es ihr erster Film war. Der Rest mit seinem grammatischen Schnitzer ist auch recht wüst. Aber wirklich verderblich ist der Synonymenwahn.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2015 um 08.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#29458

Man liest jetzt überall, einer der amerikanischen Nationalheiligen, Atticus Finch, sei vom Sockel gestoßen worden – durch die Veröffentlichung von Harper Lees früherer Version ihres Romans. Das ist ungefähr so, als komme heraus, daß Schneewittchen sich später zu einer üblen Giftmischerin entwickelt habe und deshalb besser ein für allemal in ihrem Sarg geblieben wäre.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.03.2015 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#28255

"Symbolbilder" überschwemmen jetzt wieder die Medien, weil man den Mißbrauchsskandal in England bebildern will, ohne ihn zu bebildern. Man sieht also ein kleines Mädchen an der Hand eines Erwachsenen, am besten noch eine Puppe im Arm. Was sagt uns das? Nichts, solange die Phantasie des Betrachters nicht in Gang gesetzt wird und die eigentliche Pornographie erzeugt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.10.2014 um 03.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#26983

Die einen stellen Nacktfotos von Prominenten ins Netz, die anderen veröffentlichen Äußerungen, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren.

Welches übergeordnete Interesse besteht daran zu wissen, daß Kohl eine Parteifreundin "Schreckschraube" genannt hat? Die meisten Politiker können einander nicht ausstehen, dazu kennen sie sich einfach zu gut.

Kein Wunder, daß auch Tilman Jens mit von der Partie ist.

Und wo es einen Markt gibt, wird er auch bedient.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2014 um 17.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#26959

Schon bei einem gewöhnlichen Interview ist es üblich, daß dem Interviewten der Text noch einmal vorgelegt wird, bevor er in Druck geht. Ich weiß nicht, wie weit ein Rechtsanspruch darauf besteht, aber es gibt nützliche Gepflogenheiten. Niemand würde mehr ein Interview geben wollen, wenn alles, was er ins Unreine gesprochen haben mag, nachher an die Öffentlichkeit gelangt – auch wenn es authentisch ist, war es eben doch nicht so gedacht, und darauf kommt es bei diesem Spiel an.
Wenn jemand sich das Vertrauen eines Politkers erschleicht und Hunderte von Stunden aufzeichnet, darf er das nicht ohne weiteres an die Öffentlichkeit bringen, auch und gerade dann nicht, wenn sich seine Einstellung inzwischen geändert hat.
Es gibt kein öffentliches Interesse – darf keins geben –, das gegenüber Altkanzler Kohl, zu dessen Parteigängern ich wahrhaftig nicht gehöre, einen solchen Vertrauensbruch rechtfertigte.

Es kommt vor, daß ein Botschafter zu später Stunde in einem kleinen Kreis seine Einschätzungen zur politischen Führung des Gastlandes zum besten gibt. Die Veröffentlichung würde eine diplomatische Krise auslösen, aber dazu kommt es eben so gut wie nie.

Nebenbei: Aus Vorabveröffentlichungen habe ich entnommen, daß Kohl allein in Moskau den Schlüssel für den Fall der DDR gesehen hat. Bei allem Respekt vor den mutigen Bürgern der DDR – sie hätten nichts erreicht, wenn die sowjetische Regierung die DDR nicht aufgegeben hätte. Das habe ich ebenso gesehen, als ich im kleinen Kreis im Frühjahr 1989 das baldige Ende der DDR voraussagte (woran ich erst wieder erinnert werden mußte, ich hatte es wegen seiner Selbstverständlichkeit schon wieder vergessen). Versteht sich, daß ich als Laie spreche, aber die Intuitionen vieler Menschen von damals lassen sich fast gar nicht rekonstruieren, deshalb wollte ich es noch einmal festhalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2014 um 07.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#26936

Man sagt, Mozart habe eine Oper, die er irgendwo gehört hatte, aus dem Gedächtnis zu Papier bringen können. Das klingt zwar phantastisch, kann aber zutreffen. Da er das Handwerk von Grund auf beherrschte, genügten ihm wenige Anhaltspunkte, um den Rest nach den Regeln der Kunst zu ergänzen. Wie man eine Melodie bildet, wie man variiert, moduliert und harmonisiert, das hatten alle professionellen Zeitgenossen auf die gleiche Weise gelernt. Ob ihn der ganze Betrieb nicht oft unsäglich gelangweilt hat?
Mir kommen manche Dokumentationen im Fernsehen ähnlich stereotyp vor; die Verfasser brauchen sich für den Gegenstand (ob Neutrinos, Comodo-Warane oder Lawinen) nicht zu interessieren, es ist immer dasselbe Verfahren.
Das habe ich deutlich gespürt, als ich für einige Fernsehleute etwas über die Rechtschreibreform sagen sollte. Ich habe dann bald beschlossen, entsprechende Anfragen immer abzulehnen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2014 um 14.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#26894

Morgen soll im Fernsehen ein Film über die Ereignisse an der Odenwaldschule gezeigt werden. Es gibt Proteste und die übliche Diskussion. Aber warum aufregen? Die Filmemacher versichern, es handele sich um "eine rein fiktionale Aufarbeitung des Stoffs". (FAZ 30.9.14)
Anschließend ist noch eine Talkshow mit Anne Will angesetzt.

Wovon handeln eigentlich Fiktionen?

Bücher und Interviews mit den Opfern genügen dem Volk von Gaffern nicht, es will auch etwas sehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2014 um 11.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#26483

Durch die Presse geht zur Zeit die Meldung, daß ein Jugendlicher in Augsburg "durchdrehte", weil seine Mutter den Internetstecker gezogen habe. Dazu bringen manche Zeitungen das Symbolbild eines durchgedrehten Jugendlichen. Das Wort "durchdrehen" könnte in nächster Zeit signifikant häufiger gebraucht werden; solche Fälle haben wir schon oft erlebt.

Vor ein paar Tagen wurde gemeldet, ein Hund habe das Baby der Familie totgebissen. Dazu das Symbolbild eines Hundes (allerdings einer anderen Rasse), weil die Leser sich vielleicht unter einem Hund nichts vorstellen können. Einige Leser wollen allerdings an der Abbildung die besondere Gefährlichkeit gerade dieses Tieres erkannt haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.04.2014 um 07.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25696

Auf einer ganzen Seite setzt die FAZ die Diskussion über Siegfried Lenz und Emil Nolde fort. Es geht darum, ob Lenz in der "Deutschstunde" den Nazi Nolde reingewaschen habe.
Ich verstehe das nicht. Es gibt einen Fall Nolde, und es mag einen Fall Lenz geben, aber ein Roman ist keine Biographie, und im Gegensatz zu Kehlmann läßt Lenz die Figuren nicht einmal unter ihren Klarnamen auftreten. Was Kehlmann recht ist, sollte Lenz billig sein. Haben unsere Literaturkritiker denn alle Selbstverständlichkeiten ihres Faches vergessen?
Es ist schon sehr lange her, daß ich die "Deutschstunde" gelesen habe, aber wenn ich mich recht erinnere, habe ich damals überhaupt nichts von der Vorlage mitgekriegt. Das ganze Genre von Büchern, in denen verschmitzte Leute den Nazis (oder später der Stasi) ein Schnippchen schlagen, läßt mich aber sowieso kalt.

Ich will noch hinzufügen, daß ich mir aus Lenz nicht viel mache. Er hat uns in der Ablehnung der Rechtschreibreform unterstützt, aber ich finde seine Bücher nicht besonders interessant, und die Sprache gefällt mir auch nicht. Ihn als verlogenen Nolde-Biographen zu entlarven geht mir aber zu weit.

 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.04.2014 um 20.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25558

»Respekt« ist zwar die aus dem Ghetto geborene neue Kardinaltugend unserer Zeit, aber Respektlosigkeit ist immerhin noch nicht strafbar, sondern eben nur unmittelbare Beleidigung oder auch die Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Die Mephisto-Entscheidung hat hier aber den Vorrang der Kunstfreiheit klargestellt. – Übrigens ist die Serie Mayday (von National Geographic) ausgezeichnet gemacht, kann aber bei empfindlichen Gemütern flugangstinduzierend wirken.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 07.04.2014 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25557

"Aber wenn man einen Blck für historische Wahrheit hat, wird man ein Unbehagen nicht los", heißt es richtig in der Einleitung zu den Bemerkungen hier. Ich bezweifle jedoch, daß "diese suggerierte Augenzeugenschaft nicht eine falschere "Bildung" hinterläßt". Bei denen, die den Blick für historische Wahrheit nicht haben, bleibt sowieso nicht viel mehr als die etwa zwei Stunden Unterhaltung, nicht mal was für mal so 'nen richtigen Kaffeeklatsch. Da tritt wenig Schaden ein. Natürlich kann man verfehlte Informationsmöglichkeiten beklagen; aber das könnte so mancher wohl auch auch nach den abendlichen Nachrichtensendungen.
Zu solchen "Verfilmungen" als Rechtsfällen: Ich bin auch kein Jurist, aber zum Rathaus laufen und klagen, das darf erst mal jeder, auch wer sich vielleicht nur "irgendwie" betroffen fühlt. Ob man jedoch "*erfolgreich* klagen" kann (#25554), das zeigt sich erst, wenn wer wirklich klagt und wie gut dann sein Advokatenbüro ist. Vom freundlichen Händedruck des Bürgermeisters nach der Ablehnung der Annahme der Klage durch irgendwen in dessen Amtssitz bis hin zum Prozeß, bei dem's um Millionenbeträge geht, ist in einem Kulturstaat erstmal alles möglich. Ich verstehe aber von Herzen Herrn Wrases Frage: "Kann man tatsächlich über jedes scheußliche Ereignis der Zeitgeschichte einen reißerischen Film drehen, bei dem auf Kosten der Würde der realen Personen ein Geschäft an den Kinokassen gemacht wird?" Die Antwort ist: Ja. Aber diese Filmemacher haben auch ein Büro mit Rechtsanwälten, die zu wissen meinen, wo die Grenze zwischen der Redefreiheit des einen und der Würde der anderen realen Personen verläuft. Im Grundgesetz wird die "Würde des Menschen" ausdrücklich erwähnt. In den USA, wurde mir mal von einem halbstarken Studenten hier gut erklärt, der mir seine geballte Faust zweieinhalb Zentimeter vor die Nase hielt und mit seiner Zunge eine Backe ausbeulte (also *tongue in cheek* sprach), verläuft die Grenze seiner Redefreiheit genau auf dieser Zweieinhalb-Zentimeter-Linie; und ich ließ es dann auch nicht auf weiteres ankommen und beruhigte mich damit, daß meine Würde im konkreten Falle wohl immer was sehr Abstraktes ist. Aber wie gesagt, ich verstehe Herrn Wrases Frage sehr gut, und ich verstehe auch sehr gut, warum das mit der "Würde des Menschen" im Grundgesetz steht. Und daß die Kunst vor unlauteren Angriffen geschützt sein muß, da stimme ich auch von Herzen zu. Aber was da wiederum manche den Leuten als Kunst andrehen wollen, kann mich schon auch auf die Palme bringen. Und öffentlich sage ich also, daß Steuergelder nur Museen unterstützen sollten, die nur historisch Erfolgreiches sammeln und zur Schau stellen, damit man weiß, was mal Einfluß hatte und so eben auch in der Gegenwart noch bei uns da ist. Die gegenwärtige Produktion dagegen sollte man Galerien überlassen. Diesem Entsprechendes sollte übrigens auch für Theater und anderes Kunstleben gelten. Ich hab da jedoch gut reden: Ganz durchsetzen zu meinen Lebzeiten wird sich diese Meinung als die eines aufrechten Steuerzahlers in einem Kulturstaat wie unserm sowieso nie. Und keiner sage, ich sei ein Kulturbanause; habe ich doch meine Lebensarbeit dem Kulturgut Bücher gewidmet!
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 07.04.2014 um 14.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25556

Ich bin kein Jurist, aber die Respektlosigkeit eines kommerziellen Thrillers über das Schicksal der Passagiere käme mir enorm vor. Kann man tatsächlich über jedes scheußliche Ereignis der Zeitgeschichte einen reißerischen Film drehen, bei dem auf Kosten der Würde der realen Personen ein Geschäft an den Kinokassen gemacht wird? Mir kommt das schlimmer vor, als eine Grabdekoration zu zerstören, und das ist ja auch strafbar, schätze ich mal.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.04.2014 um 11.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25555

Glücklicherweise ist eine irgendwie gefühlte Betroffenheit kein ausreichender Grund für eine Klage! In den USA schützt das First Amendment, das im Laufe der Zeit immer großzügiger interpretiert worden ist, auch die Kunst.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 07.04.2014 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25554

Am befremdlichsten finde ich die Verfilmung von Ereignissen aus der Fast-Gegenwart, die der Wirklichkeit möglichst nahe kommen sollen, also z. B. "Der Rücktritt" über den früheren Bundespräsidenten Wulff. In diesem Fall hat man Wulff selber so oft im Fernsehen gesehen, daß der Eindruck der Fälschung unvermeidlich ist.

Man kann doch darauf wetten, daß es bald einen Spielfilm über die Trägödie des Fluges MH 370 geben wird, oder? Da "fehlen" zwar tatsächlich Bilder. aber man wird trotzdem in jeder Sekunde wissen, daß die Bilder aus dem Flugzeug falsch sind.

Können eigentlich Hinterbliebene gegen ein solches Vorhaben erfolgreich klagen mit der Begründung, daß es ihre Gefühle verletzt? Würde Hollywood versuchen, solchen Klägern Geld anzubieten für ihr Einverständnis, daß der Film dennoch gedreht wird? Müssen die Produzenten bestimmte Spielregeln beim Drehbuchschreiben beachten, damit Klagen aussichtslos sind, oder wie funktioniert so etwas?
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 04.04.2014 um 13.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25543

Und weil es den modernen Menschen auch schon vor der Erfindung des Fernsehens gab, ist das Problem nicht so neu. Vor der Einführung der Photographie wurden Artikel in Zeitungen mit Zeichnungen illustriert. Und auch der Hang, populäre Werke der Literatur mit Stichen zu versehen, muß etwas damit zu tun haben, daß der Mensch immer "was zum Gucken" haben muß. Ich denke da an den "Vicar of Wakefield", die "Manon Lescaut" oder den "Werther". (Ich habe jetzt die korrekte Reihenfolge der Ersterscheinungen nicht im Kopf und bitte da um Nachsicht.)

Karl Kraus hat sich freilich schon 1912 über die Manie der Zeitungen, zu allem ein Bild liefern zu müssen, lustig gemacht:

In der Werkstatt

den Dichter zu zeigen, ist ein Problem der modernen Photographie. Die meisten widersetzen sich, weil sie sich schämen, in Anwesenheit des Photographen schöpferisch tätig zu sein, oder weil sie es dann einfach nicht könnten. Der Dichter hat am Schreibtisch nichts zu suchen, wenn der Photograph kommt, aber dieser will gerade, daß der Dichter am Schreibtisch sitzt. Über die Schwierigkeit, die sich hierdurch ergibt, ist vorläufig nicht hinwegzukommen, und die illustrierten Zeitschriften, denen es wohl gelingen mag, die Minister beim Regieren zu erwischen, verzweifeln an der Aufgabe, ihrem Publikum zu zeigen, wie sich die Dichter beim Schreiben benehmen. Nur in Ausnahmefällen hat der Photograph Glück und kriegt den Moment zu fassen, wo die Produktion sich ungestört von der Aufnahme vollzieht. Eine Berliner Zeitschrift hat Herrn Hugo v. Hofmannsthal in seinem Heim vorgeführt. Der Dichter sitzt am Schreibtisch und liest ein Buch.

Erstdruck: Die Fackel, XIV. Jahr, Nr. 347/348, 27.4.1912, S. 49. Unter der Rubrik „Glossen“.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2014 um 04.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25541

Der moderne Mensch muß immer was zum Gucken haben. Wie schon gesagt: Ein Zeitungsartikel über Schule oder Bildung wird mit einem Foto geschmückt, auf dem zwei oder besser drei Kinder auf einen Computerbildschirn starren, als seien sie höchst interessiert (was aber nur bei Computerspielen denkbar ist) - das ist dann ein "Symbolbild" von "Lernen". Überhaupt die "Symbolbilder". Sie sollten nach Empfehlung der Presseräte gekennzeichnet sein, sind es aber oft nicht, und das ist im Grunde auch gleichgültig, außer presserechtlich vielleicht. Was bleibt, ist doch immer der Eindruck, Augenzeuge von etwas gewesen zu sein.
Die FAZ treibt es seit einiger Zeit noch weiter, um gewissermaßen zu einer neuen Unschuld der Bilder vorzustoßen. Sie schmückt die erste Seite mit einem Bild, das ganz offensichtlich nur um mehrere Ecken (in der Bildunterschrift genannt) mit dem Gegenstand zu tun hat.
Mir wäre eine Zeitung am liebsten, die überhaupt keine Bilder enthält, außer wissenschaftlicher Fotografie. (Aber selbst Zeitschriften wie "Max Planck Forschung" bieten größtenteils gestellte Aufnahmen von Forschern beim Forschen. Was mich wieder an meine eigenen Auftritte erinnert: wie ich fürs Fernsehen an den Regalen unserer Seminarbibliothek entlanggehe, einen Dudenband herausnehme und so tue, als sähe ich darin etwas nach usw. - als ob die Zuschauer sich nicht vorstellen könnten, wie ein Sprachwissenschaftler arbeitet. Ich würde mich an solchem Theater heute nicht mehr beteiligen.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.02.2014 um 10.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25256

Auch hübsch: »Höhepunkt des Films wie auch des echten Skandals ist die internationale Pressekonferenz, die 1983 tatsächlich unter Beteiligung von über 15 Kamerateams und hunderten Redakteuren anderer Zeitungen im Verlagshaus Gruner und Jahr stattfand. In Schtonk! wird diese Szene zu einer überspitzten Satire, die sich jedoch erstaunlich nah an den Originalaufnahmen bewegt.« (WP s. v. »Schtonk«) Was ist daran erstaunlich? Die Originalaufnahmen waren eben die Vorlage.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2014 um 08.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25254

"Das Dokudrama "Der Rücktritt" erzählt nicht nur die Geschichte eines gefallenen Bundespräsidenten, sondern zeigt auch eindrucksvoll, wie ein Mensch sich durch ein Amt verändern kann, wie sein Umfeld darunter zu leiden hat und wie wenig Macht einem manchmal hilft." (RP 26.2.14)

Das Dokudrama zeigt, wie die Filmemacher sich vorstellen, daß ein Mensch sich durch ein Amt verändern kann usw.
Während die Gerichte noch herauszufinden versuchen, was sich bei einer Affäre wirklich ereignet hat, zeigt das Fernsehen schon, wie es wirklich gewesen ist. Ein Volk von Augenzeugen wird sich die eindeutigen Bilder merken und nicht die abwägenden, notwendigerweise lückenhaften Worte der Richter.
Daß die Schauspieler den Urbildern auch äußerlich weitestmöglich ähneln, macht die Sache noch bedenklicher.

„Aber der Film ist vielmehr als eine bloße Darstellung der Ereignisse. Produzent Nico Hofmann und Regisseur Thomas Schadt schaffen es, hinter die Fassade Wulff zu blicken.“

Die Fernsehleute sind die Superermittler, die einfach mehr wissen als die staatlichen Ermittler mit ihrer „bloßen Darstellung der Ereignisse“.

„Eine überzeugende Anja Kling“ spielt „eine zerrissene, sehr menschliche und auch kluge Bettina Wulff“.“ Jetzt wissen wir also auch mehr über Frau Wulff (mehr als aus ihrem eigenen Buch...).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2014 um 05.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#25143

"Bei dieser Gewalt verschlägt es selbst dem Autor die Sprache" (FAZ über einen Roman von Feridun Zaimoglu 13.2.14)

Kann man eine Romanhandlung erfinden und dann davon so erschüttert sein, daß es einem die Sprache verschlägt? Aber wir sind im Feuilleton (Fortsetzung des Deutschunterrichts), da ist alles möglich.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2014 um 16.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#24987

Die kunstgewerbliche Romanproduktion hat einen neuen Problemfall: Mosebachs „Blutbuchenfest“. Wie Andreas Platthaus in der FAZ (31.1.14) berichtet, spielt darin die ständige Erreichbarkeit durch Mobiltelefon und E-Mail eine zentrale Rolle. Bosnienkrieg und saturierte deutsche Gesellschaft stehen dadurch in Verbindung und Gegensatz; allerdings gab es zur Zeit der Romanhandlung (1990) beide Medien noch nicht. Mosebach hat diesen Irrtum nicht bemerkt und wollte, als er darauf hingewiesen wurde, nichts mehr ändern.
Während man bei Kehlmann darüber diskutieren kann, was das bewußt unrealistische Erzählen über reale (historische) Gegenstände wert ist, geht es bei Mosebach um einen schlichten Fehler und nachträgliches Herumeiern.
Wenn es sich wirklich so verhält (das Buch erscheint ja erst nächste Woche), könnte man verschiedene Punkte einmal gründlicher diskutieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2013 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#22936

In der ARD-Dokumentation über Amazon wurde eine E-Mail gezeigt, in der sich eine polnische Leiharbeiterin über schweinemäßige Behandlung beklagte. Der Hessische Rundfunk mußte zugeben, daß die Mail fingiert war, bleibt aber dabei, daß die angeprangerten Zustände wirklich herrschten. Die Fiktion wird als zulässiges Mittel der Dokumentation angesehen, man hat keinerlei Skrupel deswegen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2012 um 06.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#22084

Man hat herausgefunden, daß prähistorische Höhlenzeichnungen die Bewegung der Tiere sehr viel genauer wiedergeben als die durchschnittliche europäische Bildnerei bis zur Erfindung der Fotografie. (Vgl. Süddeutsche Zeitung 7.12.12)

Es wird darauf hingewiesen, daß unsere Tradition die bildliche Darstellung mit symbolischen Bedeutungen aufgeladen hat (erhobener rechter Vorderfuß des Pferdes bedeutet: Reiter ist gefallen usw.). Man denke auch an den "Physiologus" und ähnliche Produkte einer sehr langen Zeit, die an der Natur selbst nicht interessiert war. Nachfolger im Geiste gibt es auch heute noch, z. B. Papst Benedikt, der auf die Natur nicht neugierig ist, sondern die Naturwissenschaften, sobald ihre Erwähnung sich nicht vermeiden läßt, als "Positivismus" abfertigt. Wer immer schon weiß, was die Natur im Innersten zusammenhält (nämlich die "Liebe"), kann sich nicht für Details interessieren. Die Menschen leben zur selben Zeit und doch in ganz verschiedenen Welten. Das ist wohl der Hauptgrund, warum wir so oft aneinander vorbeireden.

Ich mußte wieder an die kupierten Hunde denken, daher dieser Nachtrag.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 05.07.2012 um 02.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#21007

Zur Vermenschlichung der Tiere gab es mal eine schöne Kolumne von Umberto Eco: "Wie man über die Tiere spricht". "Nicht weil sie gut sind, müssen die Wale gerettet werden, sondern weil sie Teil des natürlichen Lebens sind und zum ökologischen Gleichgewicht beitragen. Aber unsere Kinder erziehen wir mit Geschichten von sprechenden Walen, von Wölfen, die in den Dritten Order der Franziskaner eintreten, und vor allem mit Teddybären ohne Ende." Usw. – hat allerdings nicht direkt etwas mit dem Beitrag zu tun.

"Gladiator" fand ich noch weniger schlimm, da ist zwar vieles falsch, aber der Film nimmt sich zumindest keine größeren geschichtlichen Zusammenhänge vor. Zwar ist die Geschichte des Films irgendwie in die Geschichte Roms eingebettet, aber da die allermeisten Zuschauer z.B. mit dem Namen Commodus ohnehin nichts verbinden, wird in dieser Hinsicht auch kein Schaden angerichtet. Tatsächlich habe ich damals bei Google nach dem Namen gesucht und mich ein wenig über den historischen Commodus informiert – so gesehen, kann ein derartiger Film wohl auch dazu anregen, dass sich Zuschauer selbst weiterbilden.
Recht gelungen fand ich die Serie "Rome", die erfrischend anders als die früheren Sandalenfilme war. Zwar wurde auch da stellenweise bedenklich dramatisiert, einiges fehlt, einiges ist nicht akkurat, aber die Darstellung des Lebens im alten Rom erschien mir wesentlich gelungener als etwa in "Gladiator".

Historische Romane und Filme können durchaus gut sein ("Baudolino", um abermals Eco zu nennen, finde ich beispielhaft, weil sich der Erzähler da gleich von Anfang an als Lügner präsentiert, sodass man als Leser eine kritische Distanz zu den dargestellten Ereignissen wahrt), sie können insbesondere ein echtes historisches Interesse wecken, aber es ist sicher auch richtig, dass sie das Bild und Verständnis der Geschichte beeinflussen und dass schlecht recherchierte Romane und Filme daher einen gewissen Schaden anrichten können.
Wenn es in Geschichten primär um das "Allgemeinmenschliche" geht, sind mir Romanreihen wie "A Song of Ice and Fire", die nicht in der irdischen Vergangenheit spielen, allerdings deutlich lieber als all die historischen Romane, die in den Buchhandlungen ausliegen.

Man könnte natürlich auch fragen, was uns geschichtliche Bildung eigentlich lehren soll. Fakten sind ja kein Selbstzweck – geht es nicht wenigstens zu einem großen Teil letztlich doch ums Allgemeinmenschliche?
 
 

Kommentar von Peter Schmitt, verfaßt am 04.07.2012 um 23.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#21006

Schlimmer noch finde ich historische Dokumentarfilme, die seit einiger Zeit immer mit Spielszenen durchsetzt sind.
Diese sind nämlich als seriöse (wissenschaftlich fundierte) Information gemeint, tun aber so, als wäre überall schon eine Kamera dabeigewesen.
Auch die "handelnden" Wissenschaftler werden oft dazu angehalten, so zu tun, als würden sie alles eben erst entdecken.
Die Methode, mehrere (meist drei) "Handlungsstränge" parallel zu behandeln und von einem zum anderen zu springen, ist eine lästige Zutat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.07.2012 um 12.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#21000

Danke für die Korrektur!

Übrigens ging es mir um die suggestive Wirkung der Bilder (aller Bilder!) und nicht darum, ob eine Darstellung für bare Münze genommen wird.

Wir hatten das schon mal an verschiedenen Stellen. An die Stelle der armen Sophie Scholl schiebt sich das Porträt ihrer (etwas fotogeneren, auch in besserer Qualität fotografierten) Darstellerin im Film, nicht wahr? Jüngere wachsen heran, die das Original nicht mehr so gut kennen wie wir. Mein Mißfallen an SPIEGEL-Dokus, die zum Beispiel den Mauerfall einfach mit Spielszenen ergänzen, hatte ich schon ausgesprochen. Authentische Aufnahmen und Fiktionen ununterscheidbar zu machen ist gerade der Ehrgeiz dieser Leute.

Es gibt viele Menschen, die "das Buch nicht gelesen, aber den Film gesehen" haben. Und dann kommt ja noch das Buch zum Film heraus, für Anspruchsvolle.
 
 

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 04.07.2012 um 12.31 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1526#20999

Nun ja, wer solche Monumentalfilme als bare Münze nimmt, ist doch wohl eher schlichten Gemütes, um es mal vorsichtig zu formulieren.
Obwohl, zugestanden, ich kannte mal jemanden, der bei allem möglichen Unfug, was einem so im Fernsehen zugemutet wird, kommentierte: "Gibt es das wirklich?" Und dieser Mensch meinte es ernst...
Nebenbei heißt der Regisseur wohl Ridley Scott und nicht anders herum. (Habe ich aber auch erst bemerkt, als ich bei Wikipedia etwas über den Inhalt des Films in Erfahrung zu bringen suchte und ist nicht wirklich von Belang.)
 
 

nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail:
(Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz:   Hier bitte die Zahl einhundertvierundfünfzig (in Ziffern) eintragen.
 


Zurück zur vorherigen Seite | zur Tagebuchübersicht


© 2004–2018: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM