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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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23.06.2005
 

Lemminge

Lem|ming, der; -s, -e: (zu den Wühlmäusen gehörendes) Nagetier, das in großen Gruppen wandert (DUW 2001)

Ein kostengünstiger Weg, die Umweltverschmutzung zu mildern oder ganz zu beseitigen, besteht darin, einfach die Grenzwerte heraufzusetzen. Das gefällt aber denen nicht, die das verseuchte Wasser trinken und die verpestete Luft atmen müssen.

Der Wunsch nach einer Rechtschreibreform ging oft von Volksschullehrern aus, der Widerstand dagegen von den Schriftstellern. Die Lehrer wollen den Schülern das Schreiben und sich selbst das Korrigieren erleichtern; den Schriftstellern liegt daran, ein feingeschliffenes Werkzeug vor Abstumpfung zu bewahren.

Dieter Nerius fragt mit gespieltem Unverständnis:

„Mich ärgern Stellungnahmen ohne jede Sachkenntnis, die keine Argumente, sondern nur Emotionen zu bieten haben. Auf eine solche Weise haben sich auch einzelne Schriftsteller hervorgetan. Ist es nicht vielleicht so, dass manche Schriftsteller oder Journalisten es einfach nicht möchten, dass ihr gewohntes Handwerkszeug verändert wird?“ (Ostsee-Zeitung 25.3.2003)

An diesem Frontverlauf hat sich wenig geändert. Die jüngste Rechtschreibreform sollte den „Anfängern und Wenigschreibern“ zugute kommen. Der Widerstand organisierte sich zuerst in der „Frankfurter Erklärung“ zur Buchmesse 1996, als ein von Friedrich Denk formulierter Text spontan von deutschen Schriftstellern und Verlegern unterzeichnet wurde; ein Reihe ähnlicher Protestnoten schloß sich an.

Es mußte folglich das Ziel der Reformer sein, die Schriftsteller verächtlich zu machen. Nur in Deutschland konnte das gewagt werden. In Frankreich sind die Schriftsteller der Nation zugleich die anerkannten Sprachwächter; die Académie française wird bei aller Kritik nicht im entferntesten so verhöhnt, wie es die Reformer gegenüber den deutschsprachigen Literaturschaffenden für angebracht halten.

Das in Reformangelegenheiten federführende „Institut für deutsche Sprache“ (IDS) antwortete am 17.10.1996 auf die Frankfurter Erklärung mit einer Presse-Erklärung von beispielloser Arroganz: „Was manche Schriftsteller alles nicht wissen“. Den Schriftstellern wird vorgeworfen, sie hätten keine Ahnung von den mehr als 1300 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die der Reform angeblich zugrunde liegen. Aus diesen Veröffentlichungen, unter denen sich durchaus wertvolle Arbeiten befinden, läßt sich im übrigen dies und das folgern; keinesfalls führen sie geradlinig zu einem bestimmten Reformvorschlag wie etwa dem seit 1994 vorliegenden. Außerdem sind Schriftsteller nicht verpflichtet, sich mit sprachwissenschaftlicher Literatur zu beschäftigen, bevor sie sich gegen eine Veränderung ihres wichtigsten Arbeitsinstruments zur Wehr setzen. Jedermann hat das Recht, die Rechtschreibreform abzulehnen, ohne sie zu kennen. Wenn mir das Essen nicht schmeckt, brauche ich keine Ausbildung zum Koch, um mich zu beschweren und den Teller zurückgehen zu lassen. Die Presse-Erklärung schließt mit dem Satz:

„Die orthographischen Sorgen der Schriftsteller sind vermutlich nur Symptom für vielerlei Missbefindlichkeiten, die mit Rechtschreibung wenig zu tun haben.“

Das ist die landesübliche Pathologisierung von Kritikern, in deren Seelenleben man per Ferndiagnose herumstochern zu können glaubt. Dazu passen geringschätzige Plurale wie „Aufgeregtheiten“ und „Missbefindlichkeiten“. Wer wird sich ernsthaft mit Spinnern auseinandersetzen?

Eine Woche später, bei ihrem nächsten Quartalstreffen, formulierten die Kultusminister die „Dresdner Erklärung“. Die Schriftsteller werden darin folgendermaßen zurechtgewiesen:

„Schriftsteller und Publizisten müssen also zur Kenntnis nehmen, daß ihre Interessen deshalb bei der Neuregelung der Rechtschreibung nicht im Vordergrund stehen, weil die neue Orthographie sich in erster Linie an den Bedürfnissen derjenigen orientiert, für welche die Regierungen unmittelbar Verantwortung tragen: die Schulen und die Behörden.“ (Pressemitteilung vom 25.10.1996)

(Daß ausgerechnet bei Behörden das Bedürfnis nach einer Rechtschreibreform bestanden hätte, ist natürlich auch eine seltsame Unterstellung. Als wenn den Beamten die deutsche Rechtschreibung allmählich zu schwer geworden wäre!)

Auch der führende Schweizer Reformer Horst Sitta äußert sich recht spöttisch über die „Poeten“:

„Keine Frage: Besonders wenig Freunde hat die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung bei den Poeten: In seltener, geradezu lemminghafter Einmütigkeit haben sie in den zurückliegenden Jahren in den Reihen der Reformgegner gewirkt, und sie tun es schon wieder. Dabei hat man doch immer gelernt anzunehmen, dass solche Menschen in besonderem Masse Individuen und Individualisten seien. Übrigens ist von keinem aus dieser Runde je eine relevante wissenschaftliche Arbeit zu Fragen der Graphematik vorgelegt worden. Oder ist uns da vielleicht etwas entgangen?“ (St.Galler Tagblatt, 5.10.2004: Die Rebellion der Poeten – Was haben eigentlich die Schriftsteller gegen die Rechtschreibreform?)

Wieder dieselbe merkwürdige Zumutung: Warum sollten Schriftsteller „wissenschaftliche Arbeiten zu Fragen der Graphematik“ vorlegen, bevor sie die Veränderung ihres Handwerkszeugs ablehnen dürfen? Sitta läßt übrigens auch eine genauere Kenntnis der Orthographiegeschichte vermissen:

„Thomas Mann schreibt im Zauberberg von 'Denen hier oben' oder 'bei Uns hier oben', obwohl es niemals eine Pronominal-Grossschreibung gegeben hat.“

Er scheint nie einen Text aus dem 19. Jahrhundert gelesen zu haben.

Wie berechtigt die Sorgen der Schriftsteller waren, bestätigten die führenden Reformer Augst und Schaeder ungewollt in einer Replik auf die Frankfurter Erklärung:

„Zu Behauptung 8: Die Folgen für die deutsche Literatur sind katastrophal. - Zunächst einmal zur Richtigstellung unwahrer Behauptungen: Der zitierte Satz aus Kafkas 'Strafkolonie' bleibt wie er war: wohlbekannt wird weiterhin zusammengeschrieben. Auch die inzwischen gern erwähnte Dame aus Martin Walsers Roman 'Ein fliehendes Pferd' bleibt, was sie war: eine Braungebrannte. Dasselbe gilt für die Selbstgedrehten des Günther Graß.“ (SZ 14.12.1996)

Hier irrten die beiden Reformer: wohlbekannt wird bis zum heutigen Tage im reformierten Duden, der mit der Zwischenstaatlichen Kommission abgestimmt ist, ausschließlich getrennt geschrieben. Und die Braungebrannten und Selbstgedrehten gibt es zwar, aber nur um den Preis eines Verstoßes gegen die eigenen Regeln, wie die Schweizer Reformer Sitta und Gallmann gezeigt haben. Die Substantivierung von braun gebrannt führt grammatisch immer nur zu braun Gebrannten und niemals zur Zusammenschreibung. Erst die Revision des Jahres 2004 macht braungebrannt und damit auch die Braungebrannten wieder möglich.

Eckart Kleßmann beschrieb die Schriftstellerbeschimpfung zum fünften Jahrestag des Inkrafttretens der Reform:

„Überhaupt zeitigt die domestikenhafte Erbötigkeit gegenüber „amtlichen Regeln“ beschämende Reaktionen. Man ist selber durch die Verleger und die brav kuschenden Chefredakteure verurteilt worden, etwas zu tun, was man eigentlich nicht wollte. Aber bekanntlich identifiziert sich der Lakai stets bedingungslos mit seinem Herrn und macht wie dieser beflissen Front gegen jene, die den Mut haben, sich unsinnigen „Reformen“ zu verweigern. Im Hamburger Abendblatt vom 2.8.2003, zum fünfjährigen Jubiläum des Inkrafttretens, klang das so: „Es ist verständlich, dass Leute wie Giordiano, Reich-Ranicki, Grass, Kempowski oder Gertrud Höhler nichts Neues mehr lernen wollen, aber die Reform hat sich dennoch weitgehend durchgesetzt – wenn auch nicht in verträumten Dichterstuben, sondern vor allem bei denjenigen, die das Lesen und Schreiben neu lernen.“ Mal davon abgesehen, daß man von Lehrern genau das Gegenteil erzählt bekommt: Man beachte den Ausdruck „verträumte Dichterstuben“ und die Bemerkung, daß die Genannten „nichts mehr lernen wollten“. Statt Argumenten greift man zur Diffamierung und darf sich dabei Autoren wie Grass, Kempowski oder Reich-Ranicki unendlich überlegen fühlen, was sind sie schon gegen den einsichtigen Redakteur.“ (Eckart Kleßmann in Lesart 3/2003 zur Frankfurter Buchmesse)

Noch brutaler als Peter Schmachthagen (Hamburger Abendblatt), den Kleßmann hier zitiert, sagte es Matthias Heine in der „Welt“:

„Die Tatsache, dass so viele noch an der alten Rechtschreibung festhalten, beweist nur den menschlichen Unwillen, einmal Gelerntes infrage zu stellen. Dass Marcel Reich-Ranicki und Walter Kempowski mit 80 nichts Neues mehr lernen wollen, ist sehr verständlich. Viele sehr alte Leute schreiben bis heute noch Sütterlinschrift. So wie diese wird vermutlich auch die alte Orthographie verschwinden, spätestens wenn das FAZ-Herausgebergremium nur noch aus Leuten besteht, die in der Schule die neuen Regeln gelernt haben.“

Was von den berühmten deutschen Schriftstellern zu halten ist, hatte der damalige Direktor des Instituts für deutsche Sprache schon vor sechs Jahren vorgegeben. Ebenso höhnisch äußerte sich Prof. Rudolf Hoberg, der Vorsitzende der „Gesellschaft für deutsche Sprache“. Im gleichen Ton sagte der Geschäftsführer der Rechtschreibkommission, Klaus Heller: „’Was viel gelesen wird, erscheint in neuer Rechtschreibung’. Anders sei es mit der, nun, ‘Höhenliteratur’. Autoren wie Grass, Lenz, Kunze ‘fühlen sich als Wahrer der deutschen Sprache, verstehen auch die Unterscheidung von Sprache und Schreibung nicht’, sagt er kämpferisch.“ (Berliner Zeitung) Daß Reiner Kunze nicht zwischen Schrift und Sprache zu unterscheiden wüßte, ist eine wahrhaft bodenlose Unterstellung, aber es wird kommentarlos weitergereicht. In welchem anderen zivilisierten Land wären solche Äußerungen möglich?

Zur Buchmesse 2003 erschien der folgende Aufruf:

„Internationale Schriftsteller gegen die Rechtschreibreform

Berlin, den 7. Oktober 2003

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

seit einigen Jahren hat die deutsche Sprache zwei Orthographien. Die eine Orthographie ist die, die sich seit der Goethezeit allmählich entwickelt und das ganze 20. Jahrhundert hindurch bewährt hat. Es ist die Orthographie, in der Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Ingeborg Bachmann, Walter Benjamin, Heinrich Böll, Elias Canetti, Paul Celan, Friedrich Dürrenmatt, Albert Einstein, Sigmund Freud, Max Frisch, Hermann Hesse, Franz Kafka, Niklas Luhmann, Thomas Mann, Robert Musil, Rainer Maria Rilke, Nelly Sachs, Arthur Schnitzler, Max Weber und Ludwig Wittgenstein geschrieben und veröffentlicht haben. Es ist die Orthographie der deutschen Sprache in Literatur, Philosophie und Wissenschaft.

Die andere Orthographie ist eine, die im staatlichen Auftrag erfunden wurde. Sie ist minderwertig und erschwert den präzisen Ausdruck sprachlicher Sachverhalte. Gleichwohl soll sie gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung auf dem Verordnungsweg durchgesetzt werden, durch ihre Einführung in Schulbüchern und amtlichen Texten. Die große Mehrheit der deutschsprachigen Intellektuellen lehnt die staatlich verordnete Rechtschreibung ab. Eine der besten Zeitungen Deutschlands (die „Frankfurter Allgemeine“) lehnt sie ab. Die renommiertesten Buchverlage (z. B. Hanser, Suhrkamp, Diogenes, Piper) lehnen sie ab. Gleichzeitig aber wird den Kindern auf deutschen, österreichischen und schweizerischen Schulen beigebracht, daß die bessere Orthographie „veraltet“ sei.

Es gibt leider Verlage, die sich auf die Seite der Bürokratie geschlagen und sich für die „neue“ Orthographie entschieden haben. Doch selbst in diesen Verlagen beharren die deutschsprachigen Schriftsteller darauf, daß wenigstens ihre Bücher in der herkömmlichen Rechtschreibung erscheinen. Worauf sie jedoch in diesen Verlagen leider keinen Einfluß haben, ist die Orthographie der Bücher, die aus anderen Sprachen ins Deutsche übersetzt werden. Während die deutschsprachige Literatur fast ausschließlich in der angeblich „veralteten“ Orthographie erscheint, wird die fremdsprachige etwa von Verlagen wie S. Fischer oder Rowohlt in der behördlich verordneten „neuen“ Rechtschreibung publiziert.

Wir bitten Sie, liebe Kollegen, sich uns anzuschließen und uns zu unterstützen. Wir bitten Sie, dem Verlag gegenüber, in dem Ihr nächstes Buch auf deutsch erscheint, auf der bewährten deutschen Orthographie zu bestehen, so wie wir es tun. Ihre Leser werden es Ihnen danken.

Mit freundlichen Grüßen

Horace Engdahl Hans Magnus Enzensberger Georges-Arthur Goldschmidt Günter Grass Lars Gustafsson György Konrád Reiner Kunze Stanislaw Lem Siegfried Lenz Harry Mulisch Adolf Muschg Sten Nadolny Cees Nooteboom Patrick Süskind Martin Walser Christa Wolf“


Der Aufruf solch prominenter Autoren konnte nicht ignoriert werden, und die Presse berichtete im allgemeinen zuverlässig darüber, meist unter Wiedergabe einer dpa-Meldung. Allerdings kam der Aufruf den Journalisten teilweise ungelegen, da er sie in peinlicher Weise an ihre tägliche Praxis erinnerte, und so fehlte es vor allem in Regionalzeitungen nicht an ironischen oder gar höhnischen Kommentaren; sie zeichnen sich allerdings ausnahmslos durch mangelhafte Kenntnis aus. Darum genügt ein Beispiel:

„Selbst ernannte Sprachhüter
Warum 18 Autoren zu Unrecht protestieren


Stefan Krieg

Die amtliche deutsche Rechtschreibung sei „minderwertig“ gegenüber der alten, und schon gar nicht demokratisch legitimiert, formulierten 18 renommierte Autoren anlässlich der Frankfurter Buchmesse ihren Unmut. Sie protestieren gegen die Praxis einiger deutscher Verlage, übersetzte Bücher grundsätzlich in der neuen Orthographie erscheinen zu lassen. Auch ausländische Autoren, welche unserer Sprache mächtig sind, zum Beispiel Stanislaw Lem und der Schwede Horace Engdahl, zählen neben prominenten Schriftstellern wie Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Christa Wolf und Siegfried Lenz zu den Unterzeichnern.

Die neue Orthographie „erschwert den präzisen sprachlichen Ausdruck“, wird in dem Protestaufruf behauptet, und „die große Mehrheit der deutschsprachigen Intellektuellen lehnt die staatlich verordnete Rechtschreibung ab“. Darüber, ob die neue Rechtschreibung auf demokratischem Wege eingeführt wurde, lässt sich sicher streiten. Aber leidet wirklich der „präzise sprachliche Ausdruck“ unter der Reform? Kaum. Vor allen Dingen hat sich erstmal gar nicht so sehr viel geändert – ein renommierter Romancier darf gern ein „renommierter Romancier“ bleiben.

Eine der wichtigsten Änderungen ist, dass nach einem kurzen Vokal statt „ß“ jetzt grundsätzlich „ss“ gesetzt wird. Hier ist die Umstellung gar nicht so groß, da schon früher das „ß“ in den meisten Fällen dem langen Vokal vorbehalten war. Die Vereinfachung kann hier also als logische Konsequenz angesehen werden – egal wie hoch das Ross (für Enzensberger und Kollegen: Roß) gewachsen ist, auf dem der protestierende Schriftsteller gerade sitzt. Genau so logisch ist es, bei Ableitungen den Wortstamm beizubehalten.

Es lassen sich noch weitere Beispiele finden, warum die Rechtschreibreform im Kern eine vernünftige Maßnahme ist. Die Silbentrennung auch beim „st“ oder die sinnvollere Großschreibung wären da zu nennen. So wiegen die Vorteile die unbestreitbar vorhandenen Schwächen im Großen und Ganzen auf (für die 18 Protestierer schreiben wir hier zwecks „präzisem sprachlichen Ausdruck“ die Substantive klein: „im großen und ganzen“).

Trotzdem hat es unser junger Nachwuchs unterm Strich nun in der Schule leichter, weil die neuen Regeln einfacher zu verstehen sind als die alten. Klar kommt den meisten von uns genau im Gegenteil die neue Orthographie schwerer vor, braucht es doch etwas Mühe, um vom einst Gelernten auf die jetzt gültigen Regeln umzuschwenken. Zusätzlich werden Ressentiments geschürt – eben auch durch Gutmenschen wie die 18 Autoren. (Die Protestaktion erinnert verdächtig an die Kampagne einiger ihrer Kultur-Kollegen aus der Musikbranche, die eine Quote für deutschen Rock und Pop fordern.)

Wer will, darf ja in vielen Fällen sogar noch alte Schreibweisen anwenden. Keiner braucht sich über „schmerzende Hämorriden“ zu beklagen, die guten alten „Hämorrhoiden“ tun es ebenfalls. Passenderweise gibt es auch zwei Orthographien – diese und die neue Variante „Orthografie“.

Ganz gleich, ob die 18 Autoren aus Deutschland und dem befreundeten Ausland sowie „die große Mehrheit der deutschsprachigen Intellektuellen“ die alte Orthographie für die bessere halten: Die Sprache gehört nicht irgendwelchen elitären Kulturzirkeln, sie gehört uns allen. Ganz gleich, wie demokratisch oder undemokratisch die neue Rechtschreibung eingeführt wurde: Zum Zurückrudern ist die Strömung zu stark. Da können die „Guten“ noch x-mal zum Boykott aufrufen, noch dutzende Protestschreiben verfassen und noch ewig schmollen, weil sie nicht erhört werden – manchmal sind die von ihnen geschmähten „Bürokraten“ eben fortschrittsfreundlicher, als es den Damen und Herren hochkulturellen Schriftstellern in den Kram passt.“
(Schweriner Kurier 14.10.2003)

Oft wird auch behauptet, die Schriftsteller hätten überhaupt keinen Anlaß, sich über die Reform zu beklagen, da sie ja ihren persönlichen Sprachgebrauch weiterhin pflegen dürften. Dieses Argument wird auch in der Dresdner Erklärung der Kultusminister wiederholt. Darauf ist mehreres zu antworten. Zunächst einmal wird, wie wir gesehen haben, durchaus in die Sprache selbst eingegriffen, da die Reform ganze Reihen von Wörtern aus dem Verkehr zieht und bisher mögliche Unterscheidungsschreibungen aufhebt. Wenn nun Schriftsteller von anderen Schreibungen Gebrauch machen, als sie in sämtlichen Schulen gelehrt werden, so kann der Leser allenfalls noch den Eindruck gewinnen, er habe es mit schlichten Fehlern zu tun. Der Sinn der jeweils gewählten Schreibweise ist nicht mehr zu erschließen. Ferner wirkt sich die Reform voraussehbarerweise so aus, daß Texte in einer nicht schulgerechten Schreibweise keine Aussicht haben, in die Lesebücher aufgenommen zu werden. Die Schriftsteller müßten sich also entweder dazu bereitfinden, daß ihre Texte umgeschrieben werden, oder auf die Präsenz in Lesebüchern verzichten. Auf diese Vorhaltungen haben die Kultusbürokraten und ihre publizistischen Helfer bisher nur mit ironischen und spöttischen Kommentaren geantwortet, in denen die Schriftsteller als eine Art Außenseiter hingestellt wurden, deren Randexistenz ihnen sowieso Narrenfreiheit sichere. Auf diesen Ton war ja auch die Presse-Erklärung des Instituts für deutsche Sprache gestimmt.

Narrenfreiheit? Schriftsteller sind frei, aber deshalb nicht unbedingt Narren. Als Reiner Kunze, der beste Kenner der Rechtschreibreform unter den Schriftstellern, gefragt wurde, warum er selbst sich nicht an die von ihm verteidigte Einheitsorthographie halte, antwortete er:

„Für meine Gedichte – aber nur für meine Gedichte – hat sich mit der Zeit eine andere Orthographie herausgebildet. Das ist wie eine Formbildung in der Malerei oder in der Plastik. Für Kinder und in der Prosa habe ich immer so geschrieben, wie die Kinder in der Schule schreiben. Aber wenn ich lesen oder schreiben muss 'Du tust mir sehr Leid', dann bedeutet das für mich: das Sprachgefühl wird ausgehebelt, etwas, das ganz tief in uns ist. Es ist eine Verletzung unseres Sprachunbewussten. (...) Meine Gedichte sind sehr kurz, mit ganz wenigen Wörtern. Und deshalb hat sich diese Orthographie für diese winzigen Gebilde als höchst konzentriert wirkend herausgestellt. Es ist in meiner Gedichtorthographie darüberhinaus alles genau geregelt. Ich werde immer dort ein Satzzeichen setzen, wo es für das Verständnis notwendig ist. Der Versuch, ein Maximum an Ausdruck mit einem Minimum an Mitteln zu erreichen, geht über in die Orthographie.“ (Gespräch mit Bettina Kugler, Sankt Galler Tagblatt 27.9.2003)



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Kommentare zu »Lemminge«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2017 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#37012

Albrecht Schönes Vortrag über die "68er", heute in der FAZ, schildert die dunkle Rückseite der Medaille der sogenannten Studentenrevolte. (An eine glänzende Vorderseite kann ich mich nicht erinnern.)

Dazu eine anekdotische Ergänzung: Als der hessische Kultusminister Ludwig von Friedeburg auf die chaotischen Zustände an der Frankfurter Universität angesprochen wurde, rieb er sich die Hände und sagte mit leuchtenden Augen, das sei doch wunderbar, wenn überall Konflikte ausgetragen würden. So erzählte es mir einer seiner früheren Kollegen als Augenzeuge.

Schöpferische Zerstörung... Die Verantwortlichen zerstörte es freilich nicht, im Gegenteil.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 24.09.2013 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#24107

Passend dazu wurde die Tage in einer Radiosendung zum Thema pc-Sprache (ich glaube, Freitag im DLF) berichtet, daß neben "Neger", "Zigeuner", "Fräulein" etc. auch "Mutti" auf dem Index steht. Unter Buchhändlern soll es üblich sein, alte Auflagen von Kinderbüchen als "Mutti-Ausgabe" zu bezeichnen, die neueren Auflagen sind dann die politisch korrekten "Mamma"-Ausgaben.
(Etliche Buchhandlungen sollen sich übrigens geweigert haben, das "Handbuch für Negerfreunde" ins Regal zu stellen, trotz des offensichtlich satirischen Charakters. Oder vielleicht auch gerade deswegen, man fühlt sich ertappt?)
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 24.09.2013 um 16.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#24106

Konsonannten – kein Tippfehler, sondern die nächste Stufe der Rechtschreibreform: jetzt zu nennen (so nannten wir ihn Kon).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.09.2013 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#24094

Tippfehler; für Fremdworte gilt die Regel nicht; Konsonanten kommt von lat. consonare. T.m.l. (Tut mir leid, oder laat wie die Österreicher sagen.)
 
 

Kommentar von Kannitverstan, verfaßt am 22.09.2013 um 01.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#24090

"... Konsonanntenverdoppelung ..."
Lieber Germanist, ist das ein Tippfehler oder Ironie?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.09.2013 um 23.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#24089

Wem es wichtig ist, daß tschüs über das Niederländische aus dem spanischen a diós eingewandert ist, der soll doch tschüs schreiben dürfen. (Im Spanischen sind alle Vokale kurz, sodaß es keine Konsonanntenverdoppelung zum Anzeigen der Vokalkürze braucht. – Ähnlich ist es im Polnischen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2013 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#24082

Matthias Heine glaubt den häufigsten Rechtschreibfehler entdeckt zu haben: nur tschüs sei richtig, auch wenn Google viel mehr Belege für tschüss biete. "Zwar lässt der Duden das Wort seit 1996 mit zwei S zu, aber das ist nur die Deppenschreibweise. Empfohlen wird von der Duden-Redaktion nach wie vor die Schreibung mit einem S. Die Rechtschreibreform war in diesem Falle nur eine Kapitulation. Tschüs wurde schon lange vorher von den größten Besserschreibern und Orthografie-Pharisäern meistens falsch geschrieben." (Welt 21.9.13)

Also glaubt er nicht nur an die Verbindlichkeit der Schulorthographie, sondern noch mehr an die der Duden-Empfehlungen - das amtliche Regelwerk kennt ja keine solchen Empfehlungen.

Einige Leser haben immerhin darauf hingewiesen, daß nicht falsch sein kann, was die meisten Sprachteilhaber tun. Damit beweisen sie mehr Sinn für die Sprache als Heine, den wir ja schon mehrmals als bedenklichen Zeugen kennengelernt haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2013 um 10.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#22955

In Berlin haben Studenten den Verteidigungsminister am Reden gehindert.

Das erinnert mich an meine Studienzeit im roten Marburg. Ich habe mich schon damals fremdgeschämt für den linken Pöbel. Ein paar Jahre zuvor hatte der rechte Studentenpöbel Bücher verbrannt, statt sie zu lesen.

Studenten haben die Rechtschreibreform so eifrig und widerstandslos geschluckt wie keine andere Gruppe. Es gab Schülerinitiativen dagegen, aber keine Studenteninitiativen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.06.2012 um 09.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#20856

Sten Nadolnys neuer Roman "Weitlings Sommerfrische" ist bei Piper in gemischter bzw. fehlerhafter Reformschreibung erschienen: dass, Volllaufen, aber Behendigkeit.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.03.2010 um 22.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#15903

Ein einziges Wort

hat einmal den Ausschlag gegeben und mich zum Kauf eines Buches bewogen. Ich fand es in der deutschen Übersetzung von "Solaris", dessen polnischer Autor Stanislaw Lem, einer der Unterzeichner des o.g. Aufrufs, vor fast genau vier Jahren, am 27.3.2006, gestorben ist.
Irgendetwas an dem Roman hatte den Zensoren in der DDR mißfallen, deshalb wurde es zumindest in den 60iger Jahren dort nicht gedruckt, und auch die sowjetische Verfilmung war meines Wissens in der DDR, wenn, dann höchstens in Filmclubs zu sehen.
Obwohl ich es in meiner Schulzeit mit größtem Vergnügen verschlungen hätte, war meine Science-Fiction-Zeit nun eigentlich lange vorbei. So blätterte ich also etwas unentschlossen in dem Taschenbuch, bis mein Blick zufällig auf dieses Wort fiel: "blaßsilbern". Es faszinierte mich, denn gleichzeitig stellte ich mir vor, wie dieses Wort in dem greulichen Neuschrieb aussehen würde. Und in dem Moment war klar, daß ich das Buch mit zur Kasse nahm.

(Dies auch als mein Kommentar zu dem obigen:
Eine der wichtigsten Änderungen ist, dass nach einem kurzen Vokal statt „ß“ jetzt grundsätzlich „ss“ gesetzt wird.)
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 23.06.2005 um 19.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=152#554

"Ganz unverhohlen lebte in ihm das Ergötzen, daß es den Schreibern, Versemachern und Philosophen der Marina nun ans Leder ging."

Dieser Satz findet sich in Ernst Jüngers "Auf den Marmorklippen". Es tauchen in diesem Büchlein immer wieder ganz interessante und durch ihre Aktualität ganz schön erschreckende Parallelen zu Verhaltensweisen einer (ich will's mal so nennen) "führenden" Obrigkeit auf.
Aber Ernst Jünger will ja niemand lesen. Denn das ist ja ein Tabu -- dank der modernen Pädagogik.
 
 

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