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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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30.04.2012
 

Anthropomorphismus
Mentalistische Schnörkel in der Alltagssprache

Aggressive Bienen attackieren Wandertags-Teilnehmer

Sechs Wanderer sind in Ungarn schwer durch einen Bienenschwarm verletzt worden. Die Insekten hatten sich vermutlich durch die Wanderer bedroht gefühlt und mit einer großen Anzahl zugestochen. (Welt 29.4.12)

Bildunterschrift: Bienen, die um ihren Stock fürchten müssen, reagieren äußerst aggressiv
(Ähnlich in mehreren Zeitungen.)

In Wirklichkeit fühlen sich die Bienen nicht bedroht, fürchten nicht um ihren Stock und reagieren nicht aggressiv. Oder vielmehr: Die Hinzufügung solcher Redeweisen ist völlig unnütz, weil sie nichts erklärt und die Einsicht in die Tatsachen verstellt. Zu bestimmten Zeiten stürzen sich Bienen auf jeden, der eine gewisse Mindestdistanz zum Stock unterschreitet. Ich habe das schon mehrmals erlebt. Einmal ging meine Frau zwei Meter näher am Bienenstock vorbei (ohne daß wir den überhaupt gesehen hatten) und wurde arg zerstochen, während ich selbst verschont blieb. Ein andermal schob ich einen Kinderwagen an einem Bienenstock vorbei; als ich den Angriff bemerkte, raste ich samt Wagen einen Feldweg entlag und konnte beobachten, wie die Bienen abdrehten, sobald ich die kritische Distanz erreicht hatte.



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Kommentare zu »Anthropomorphismus«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 10.09.2019 um 12.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#42061

Gemeint ist hier offenbar nicht das Gefühl oder das Gespür der Tiere, sondern ihre Fähigkeit, Gefühle zu haben. Von Duden-Autoren kann man natürlich nicht erwarten, daß sie in der Lage sind, das eindeutig auszudrücken.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.09.2019 um 11.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#42060

Tiere können denken und fühlen ... Lange galten diese Standpunkte als unwissenschaftlich und romantisch.

Also ich weiß nicht, wenn ich an früher, z. B. an meine Schulzeit, zurückdenke, da hieß es zwar immer, Tiere könnten nicht denken, aber damit meinte man auch etwas völlig anderes als wenn heute jemand behauptet, sie könnten es doch.
Mit dem Fühlen ist es genauso, es war niemals unstrittig, daß Tiere bestimmte Dinge, z. B. Schmerzen, Temperatur, aufziehendes Unwetter, fühlen.
Bei dem, was daneben strittig ist, kam es schon immer auf die genaue Definition von Denken und Fühlen an. Unwissenschaftlich ist nur, einfach so von "Denken und Fühlen" ohne klare Abgrenzung zu sprechen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.09.2019 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#42059

Brehms Tierleben in Auswahl beim Dudenverlag. Man versucht die Anthropomorphisierung zu rechtfertigen, weil Tiere auch Kognition usw. haben, aber das verdreht die gebotene Naturalisierung, nimmt den Menschen in folkpsychologischer Darstellung als Maßstab.

Unsere Vorstellung von der Tierwelt befindet sich momentan im Wandel: Tiere können denken und fühlen, sie sind uns viel ähnlicher als wir angenommen haben. Lange galten diese Standpunkte als unwissenschaftlich und romantisch. Auch Brehm wurde zu seiner Zeit dafür kritisiert, dass er viele Tiere in seinen Beschreibungen zu stark vermenschlichte. Doch heute wissen wir, dass er in diesem Punkt recht hatte. »Brehms Tierleben - Die Gefühle der Tiere« lässt die wortgewaltigen Originaltexte aus der legendären zweiten Ausgabe seines »Thierlebens« neu aufleben. Es zeigt die detaillierten, farbigen Illustrationen, von denen schon Charles Darwin sagte, dass es die beeindruckendsten Tierzeichnungen seien, die er kenne. Der Verhaltensbiologe und Bestsellerautor Karsten Brensing erklärt, welchen Stellenwert Brehm damals hatte und warum er auch heute noch lesenswert ist.

· Ein Biografie-Kapitel über Alfred Brehm vom Bestseller-Autor Karsten Brensing, das den deutschen Pionier bei seiner Forschung begleitet und seinen Stellenwert in den heutigen Kontext einordnet
· Brehms Original-Texte über heimische Wildtiere
· Historische Illustrationen, von denen schon Darwin sagte, dass es die besten seien, die er
· je gesehen hat.


Zu Karsten Brensing, den man als Redner mieten kann:
https://www.5-sterne-redner.de/referenten/karsten-brensing/?gclid=EAIaIQobChMI7NSFy-7C5AIVQuDtCh2l_A8dEAAYAiAAEgJDJPD_BwE

Beruf/Tätigkeit: Kognitions- und Verhaltensforscher, Meeresbiologe, Autor
Fachgebiet(e): Kognitionsforschung, Meeres- und Verhaltensbiologie, Umwelt- und Tierschutz, Nachhaltigkeit
(...)
Sprache(n): Deutsch, Englisch
"Seitdem ich denken kann, frage ich mich warum?"
Vom faszinierten Flipper-Fan zum faszinierenden Verhaltensforscher: Dr. Karsten Brensing präsentiert als 5 Sterne Redner erstaunliche Parallelen zwischen der Natur und Wirtschaftswelt. So erklärt der promovierte Verhaltensforscher und Bestseller-Autor unter anderem, was Unternehmen in Sachen Changemanagement und Nachhaltigkeit von der Umwelt lernen können. Anhand aktueller Studien zur Kognitionsforschung zeigt er bislang unbekannte Perspektiven zu Themen wie Kommunikation, Teambuilding oder Persönlichkeitsentwicklung auf.
In seinen Vorträgen wirft Karsten Brensing einen verblüffenden Blick in das Tierreich und somit auf das menschliche Verhalten und unsere eigenen Denkmuster. Dabei demonstriert er, dass es sich bei den Big Five nicht nur um afrikanische Tiere handelt, sondern auch um Persönlichkeitsfaktoren in der Psychologie und Kognitionsforschung. Diese bestimmen maßgeblich das Verhalten jedes Einzelnen, ob jemand gewissenhaft, nachhaltig und kooperativ arbeitet und wie aufgeschlossen er gegenüber Veränderung ist. Wie entscheidend dieses Wissen für die Zusammenstellung von Teams und Personalplanung sein kann, bringt Verhaltensforscher Dr. Karsten Brensing seinem Publikum auf unterhaltsame Weise näher.
Verhaltensforscher Karsten Brensing studierte zunächst in Göttingen Biologie und spezialisierte sich an der Universität Kiel auf Meeresbiologie. Für seine Doktorarbeit in der Verhaltensbiologie an der FU Berlin erforschte er in Florida und Israel die Interaktion zwischen Menschen und Delfinen, unter anderem in der Delfintherapie. Anschließend arbeitete er von 2004 bis 2014 als wissenschaftlicher Leiter des Deutschlandbüros der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDC.
Gleichzeitig unterstützte Karsten Brensing als Berater unter anderem die Europäische Kommission und die deutschen Bundesministerien für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie Ernährung und Landwirtschaft. So erstellte er zum Beispiel Gutachten für den Meeresschutz und Lärmschutz für Wale und Delfine und tritt seitdem öffentlich für den Umwelt- und Tierschutz sowie mehr Nachhaltigkeit ein.
Seit 2014 arbeitet der Experte für Nachhaltigkeit und Verhaltensforscher auch als Autor. Sein Sachbuch „Das Mysterium der Tiere“ entwickelte sich zum Spiegel-Bestseller. Darin dringt Karsten Brensing bis zu unseren Ursprüngen vor. In seinen Vorträgen spannt er den Bogen der Evolution sogar noch weiter und prognostiziert nur den Unternehmen Erfolg, die sich frühzeitig an Veränderungen anpassen und dabei stets die Nachhaltigkeit im Blick haben: „Die Menschheit hat nur eine Zukunft, wenn wir unsere Wurzeln verstehen. In der Welt von morgen laufen wir Gefahr, mit unseren Verhaltensmustern unterzugehen.“

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2017 um 13.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#36896

"Man braucht nur das Affengesicht zu studieren, um zu wissen, weß Geistes Kind man vor sich hat", schrieb Alfred Brehm noch 1864 in der ersten Auflage seines "Thierlebens“. (Andreas Paul: Von Affen und Menschen.)
In der zweiten Auflage sei Brehm zum Darwinisten mutiert.

„Doch ist ihre Zuneigung oder Liebe im allgemeinen ebenso wetterwendisch, wie sie selbst es sind. Man braucht bloß das Affengesicht zu studieren, um sich hierüber klar zu werden.“ (Brehm bei gutenberg.de)

Mir ist aus meiner kindlichen Brehm-Lektüre vor allem der überaus bösartige Feldhamster in Erinnerung geblieben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.03.2016 um 09.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#32060

Wie's der Zufall will, drischt Ernst Peter Fischer im "Focus" auf Dawkins ein, wegen des "egoistischen Gens" - als wenn Dawkins nicht wüßte, daß es auf der Ebene des Gens keinen Egoismus im moralischen Sinn gibt. Und auch sonst: über den "militanten Atheisten" usw., lauter dummes Zeug.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2016 um 05.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#32021

Richard Dawkins hat viel Prügel einstecken müssen für den Buchtitel "Das egoistische Gen", obwohl er von Anfang an klargestellt hat, wie es gemeint war, nämlich nicht im moralischen Sinn. (Der Erfolg des ersten Bestsellers ging sicher zum Teil auf den griffigen Titel zurück.)

Die vielen Berichte über egoistisches und altruistisches Verhalten bei Tieren sind nicht immer so klar distanziert, sondern treten oft reißerisch als wirkliche Enthüllungen auf.

So interessant Volker Sommers Buch über indische Tempelaffen ist ("Heilige Egoisten"), Egoismus kann es auf dieser Stufe nicht geben, und auch die Ausweitung der These vom edlen Wilden ins Tierreich ist gehaltlos. "Lob der Lüge", Sommers Buch über Verstellung bei Tieren, ist ebenso irreführend. Sogar die Psychologie des Menschen sollte nicht mit solchen moralischen Begriffen arbeiten. Der Psychologe interessiert sich für Moral nur als soziales Konstrukt. In die Medien kommt man freilich nur, wenn man diese Selbstbeschränkung hinter sich läßt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2012 um 07.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#20630

Selbstlose Nager

Ratten stellen Kameradschaft über Schokolade

In den Nagern schlägt ein mitfühlendes Herz, wie eine Studie aus den USA belegt: Selbst wenn Schokolade als Alternative lockt, befreien Ratten lieber ihre eingeschlossenen "Kollegen".
(dpa 9.12. 2011)

Solche Berichte sind sehr beliebt. In Wirklichkeit ist es sinnlos, von Egoismus und Altruismus bei Tieren zu sprechen. Die berichteten Versuche sind jederzeit replizierbar, was ja schon für eine Gesetzmäßigkeit des Verhaltens spricht, die keine mentalistischen Schnörkel braucht und verträgt.

Tiere "wollen" nicht, weil ihnen die Sprache fehlt, in der sie ihre bevorstehenden Verhaltensweisen ankündigen und zur Diskussion stellen können.
 
 

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