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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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30.04.2012
 

Anthropomorphismus
Mentalistische Schnörkel in der Alltagssprache

Aggressive Bienen attackieren Wandertags-Teilnehmer

Sechs Wanderer sind in Ungarn schwer durch einen Bienenschwarm verletzt worden. Die Insekten hatten sich vermutlich durch die Wanderer bedroht gefühlt und mit einer großen Anzahl zugestochen. (Welt 29.4.12)

Bildunterschrift: Bienen, die um ihren Stock fürchten müssen, reagieren äußerst aggressiv
(Ähnlich in mehreren Zeitungen.)

In Wirklichkeit fühlen sich die Bienen nicht bedroht, fürchten nicht um ihren Stock und reagieren nicht aggressiv. Oder vielmehr: Die Hinzufügung solcher Redeweisen ist völlig unnütz, weil sie nichts erklärt und die Einsicht in die Tatsachen verstellt. Zu bestimmten Zeiten stürzen sich Bienen auf jeden, der eine gewisse Mindestdistanz zum Stock unterschreitet. Ich habe das schon mehrmals erlebt. Einmal ging meine Frau zwei Meter näher am Bienenstock vorbei (ohne daß wir den überhaupt gesehen hatten) und wurde arg zerstochen, während ich selbst verschont blieb. Ein andermal schob ich einen Kinderwagen an einem Bienenstock vorbei; als ich den Angriff bemerkte, raste ich samt Wagen einen Feldweg entlag und konnte beobachten, wie die Bienen abdrehten, sobald ich die kritische Distanz erreicht hatte.



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Kommentare zu »Anthropomorphismus«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2017 um 13.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#36896

"Man braucht nur das Affengesicht zu studieren, um zu wissen, weß Geistes Kind man vor sich hat", schrieb Alfred Brehm noch 1864 in der ersten Auflage seines "Thierlebens“. (Andreas Paul: Von Affen und Menschen.)
In der zweiten Auflage sei Brehm zum Darwinisten mutiert.

„Doch ist ihre Zuneigung oder Liebe im allgemeinen ebenso wetterwendisch, wie sie selbst es sind. Man braucht bloß das Affengesicht zu studieren, um sich hierüber klar zu werden.“ (Brehm bei gutenberg.de)

Mir ist aus meiner kindlichen Brehm-Lektüre vor allem der überaus bösartige Feldhamster in Erinnerung geblieben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.03.2016 um 09.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#32060

Wie's der Zufall will, drischt Ernst Peter Fischer im "Focus" auf Dawkins ein, wegen des "egoistischen Gens" - als wenn Dawkins nicht wüßte, daß es auf der Ebene des Gens keinen Egoismus im moralischen Sinn gibt. Und auch sonst: über den "militanten Atheisten" usw., lauter dummes Zeug.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2016 um 05.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#32021

Richard Dawkins hat viel Prügel einstecken müssen für den Buchtitel "Das egoistische Gen", obwohl er von Anfang an klargestellt hat, wie es gemeint war, nämlich nicht im moralischen Sinn. (Der Erfolg des ersten Bestsellers ging sicher zum Teil auf den griffigen Titel zurück.)

Die vielen Berichte über egoistisches und altruistisches Verhalten bei Tieren sind nicht immer so klar distanziert, sondern treten oft reißerisch als wirkliche Enthüllungen auf.

So interessant Volker Sommers Buch über indische Tempelaffen ist ("Heilige Egoisten"), Egoismus kann es auf dieser Stufe nicht geben, und auch die Ausweitung der These vom edlen Wilden ins Tierreich ist gehaltlos. "Lob der Lüge", Sommers Buch über Verstellung bei Tieren, ist ebenso irreführend. Sogar die Psychologie des Menschen sollte nicht mit solchen moralischen Begriffen arbeiten. Der Psychologe interessiert sich für Moral nur als soziales Konstrukt. In die Medien kommt man freilich nur, wenn man diese Selbstbeschränkung hinter sich läßt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2012 um 07.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1515#20630

Selbstlose Nager

Ratten stellen Kameradschaft über Schokolade

In den Nagern schlägt ein mitfühlendes Herz, wie eine Studie aus den USA belegt: Selbst wenn Schokolade als Alternative lockt, befreien Ratten lieber ihre eingeschlossenen "Kollegen".
(dpa 9.12. 2011)

Solche Berichte sind sehr beliebt. In Wirklichkeit ist es sinnlos, von Egoismus und Altruismus bei Tieren zu sprechen. Die berichteten Versuche sind jederzeit replizierbar, was ja schon für eine Gesetzmäßigkeit des Verhaltens spricht, die keine mentalistischen Schnörkel braucht und verträgt.

Tiere "wollen" nicht, weil ihnen die Sprache fehlt, in der sie ihre bevorstehenden Verhaltensweisen ankündigen und zur Diskussion stellen können.
 
 

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